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Full text of "Zeitschrift für Bücherfreunde"

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THE J. PAUL GETTY MUSEUM LIBRARY 

























































ponatlirf) rin Ojrfr. — EDrr gaijrgang non 12 Bjrftrn im pöonnrinrnt 36 01., für rin Ißunrtnl 9 jjfl. 

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Monatlich ein Heft. — Der Jahrgang läuft von April bis März. 

Abonnementspreis für den Jahrgang 36 Mark (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.) 
für das Quartal (drei Hefte) 9 M. — Einzelne Hefte zu erhöhten Preisen. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, sowie durch die deutschen Bostanstalten. 


XI. Jahrgang 1907/1908 

Inhalt des 1. Heftes 

(April 1907) 

Seite 

Dänische Künstlerplakate. Von Walter von Zur Westen. Mit 14 zum Teil far¬ 


bigen Abbildungen. I 

Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. Von 

0 o 

Karl Schottenloher. Mit 4 Abbildungen. 16 

William Morris. Sein Leben und Wirken. I. Von Otto von Schleinitz. Mit 

13 Abbildungen und einem Einschaltblatt. 27 

Chronik. 45 

Kleists Ode „Germania an ihre Kinder“. Mit Faksimile-Beilage (—bl—) .... 45 

Die Übersetzungen von Tausend und Eine Nacht (Felix Paul Greve). 45 

Verschiedenes. Mit 2 Abbildungen. 47 


Beiblatt. 

Gesellschaft der Bibliophilen (S. 1). — Rundschau der Presse. Von A. Hortzschansky 
(S. 1— 5). — Von den Auktionen (S. 5 —7). — Kleine Mitteilungen (S. 7 —11). — Kataloge 

(S. 12). — Inserate (S. 10—20 und Umschlag). 






























































ZEITSCHRIFT FÜR BÜCHERFREUNDE 


Digitized by the Internet Archive 
in 2018 with funding from 
Getty Research Institute 


https://archive.org/details/zeitschriftfurbu1907gese 


ZEITSCHRIFT 


BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen 


Herausgegeben 

von 

FEDOR VON ZOBELTITZ 


Elfter Jahrgang — 1907/1908 

Erster Band 



Bielefeld und Leipzig 

Verlag von Velhagen & Klasing 















Inhaltsverzeichnis. 

XL Jahrgang 1907/1908. — Erster Band. 


Größere Aufsätze. 

Seite 

Askani, Adolf: Die neueste Sammlung von Manuskripten des Mittelalters und späterer 
Zeit. Zugleich als Beitrag zur Frage der amerikanischen Gefahr. Mit 2 Einschalt¬ 
blättern . 91 

Bömer, Aloys: Die königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. Zur Erinnerung an 

die Einweihung ihres Neubaues. Mit 2 Abbildungen.125 

Eckertz, Erich: Bücherfreunde auf Reisen. Einfälle und Betrachtungen.253 

Haebler, Konrad: „Falsche Gulden“-Blätter aus der Frühzeit der Druckerkunst. Mit 

5 Einschaltblättern und einer Textabbildung.219 

Hagelstange, Alfred: Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des 

XVI. Jahrhunderts. Mit 6 Abbildungen. 97 

Heidenheimer, Heinrich: Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr 

verwandter deutscher Anstalten. 139 

Houben, H. H.: Jungdeutsche Lebenswirren. Ein Nachtrag.233 

Kelemina, Jacob: Die ältesten Lieder des steiermärkischen Archivs.170 

Kleemeier, Fr. J.: Baron Hüpsch und sein Kabinett.248 

Kopp, Arthur: Franz Anton Graf Sporck. Ein deutsch-böhmischer Mäcen (1662—1738). 

Mit dem Porträt und Wappen Sporcks.179 

Loubier, Jean: Goethes Faust gedruckt in der Doves Press von T. J. Cobden-Sanderson 

und Emery Walker. Mit 2 Probeseiten.243 

Niemeyer, Wilhelm: Die Jahresernte deutscher Buchkunst. 79 

Perger, Arnulf: Beiträge zur Grabbe-Forschung. I. Aus Grabbes Wanderzeit. Mit einem 

Einschaltblatt..131 

— Arnulf: Beiträge zur Grabbe-Forschung. II. Zu Grabbes „Aschenbrödel“. Ent¬ 
stehung und Quellen.166 


























































VI 


Inhaltsverzeichnis. 


von Schleinitz, Otto: William Morris. Sein Leben und Wirken. I. Mit 13 Abbildungen 


und einem Einschaltblatt . 

— Otto: William Morris. 

— Otto: William Morris. 

— Otto: William Morris. 

— Otto: William Morris, 

bildunsren. 


II. Mit 18 Abbildungen 


Sein Leben und Wirken. 

Sein Leben und Wirken. III. Mit 18 Abbildungen 
Sein Leben und Wirken. IV. Mit 12 Abbildungen 
Sein Leben und Wirken. V. (Schluß). Mit 18 Ab 


Schmidkunz, Hans: Die Symmetrie und ihre Sippe. Ein Beitrag zur modernen Buchkunst 
Schmidt, Otto Eduard: Aus den Jugendjahren eines Romantikers (Karl von Miltitz). Mit 

7 Abbildungen. 

Schottenloher, Karl: Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 

Mit 4 Abbildungen. 

Semerau, Alfred: Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 

von zur Westen, Walter: Dänische Künstlerplakate. Mit 14 zum Teil farbigen Abbildungen 


27 

59 

107 

146 

191 

213 

49 

16 

83 


•w 


Chronik. 


Seite 


Beichtbüchlein des Magisters Johannes Wolff (Lupi). 

Neu herausgegeben von Pfarrer F. W. Batten¬ 
berg. (—bl—). 257 

Berliner Kalender 1907. (—m.). 258 

„Das Lustwäldchen“. Herausgegeben von Franz 

Blei. (G. W.). 257 

Don Quixote-Ausgabe, eine neue englische illustrierte 

(M. Maas). 178 

Dreyer, Aloys: Franz Pocci der Dichter, Künstler 

und Kinderfreund. (E. W. Bredt). 218 

Faksimile-Ausgaben englischer Inkunabeln. (M.) . 137 

Festschrift der K. K. Geographischen Gesellschaft 

in Wien. (A. Schlossar). 173 

Gemälde alter Meister im Besitze Seiner Majestät 
des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen. 

Unter Mitwirkung der Herren Professoren Wil¬ 
helm Bode und Max J. Friedländer von Dr. 

Paul Seidel. (—m.). 48 

Gemäldegalerie des Prado zu Madrid. (—z.) . . . 255 

Goethes Werke. Verlag des Bibliographischen In¬ 
stituts in Leipzig. Band 18. 21. (—m.) . . 258 

Hiidebrandt, Edmund: Friedrich Tieck. Ein Beitrag 


Seite 

zur Deutschen Kunstgeschichte im Zeitalter 


Goethes und der Romantik. (—bl—) .... 48 

Hohenzollern-Jahrbuch 1906. (—bl—). 94 

Macdonald: “In a nook with a book”. (W. Jordan) 94 


Mentzel, Elisabeth :Karoline von Hesscn-Darmstadt, 


die große Landgräfin. Ihr Aufenthalt in Prenz- 
lau 1570—1756. (Dr. Heinrich Ileidenheimer.) 138 

Seesselberg, Friedrich: Volk und Kunst. Biblio- 

philenausgabe. (—m.). 257 

Vasarl, Giorgio: Die Lebensbeschreibungen der be¬ 
rühmtesten Architekten, Bildhauer und Maler. 
Deutsch herausgegeben von A. Gottschewski 
und G. Gronau. (—bl—). 256 

Welnitz, Franz: Das fürstliche Residenzschloß zu 
Arolsen. Geschichtliches, Bau- und Kunst¬ 
geschichtliches. (—bl—). 256 

Zehn lyrische Selbst-Porträts: Ferdinand von Saar, 


Felix Dahn, J. Trojan, Martin Greif, Emst von 
Wildenbruch, Detlev von Liliencron, Gustav 
Falke, Arno Holz, R. Dehmel, Otto Julius Bier¬ 
baum. Mit den Porträts der Dichter von M. 

A. Stramel. (Georg Witkowski). 47 




Das Massacre von Glencoe. (L. T.). 176 

Der Autor der „Nachtwachen von Bonaventura“. 

(— m 0. 96 

Die Übersetzungen von Tausend und Eine Nacht. 

(Felix Paul Greve). 45 

Ein dänisches Prachtwerk über alte Bucheinbände. 

(C. B.). 258 

Gleicher Satz in den gedruckten Ablaßbriefen. 

(Jak. Menth.). 96 


Kleists Ode „Germania an ihre Kinder“. Mit 


einer Beilage. (—bl—). 45 

Schlußschrift in Inkunabeln. (Jakob Menth.) . . . 257 

Über vier wenig bekannte Kupfer der 1808-Ausgabe 
von Goethes Faust. (L. Hirschberg). Mit 

4 Abbildungen. 174 

Zur dänischen und norddeutschen Druckergeschichte. 

(G. Bargum). 177 

Zur Retzsch-Bibliographie. (L. Hirschberg.) . . . 255 


rt 































Schlagwort-Register 

zur 

Zeitschrift für Bücherfreunde 

XI. Jahrgang 1906/1907 

Band I. 



Die kursiv gedruckten Zahlen verweisen auf das Beiblatt. 


A. 


Ablaßbriefe 96, 178. 

Adelmann, Bernhard 17, 18. 
Aldenham, Lord 210. 

Allerton 112/113, 113. 

Allingham, W. 35 - , 
Amerikanische Gefahr 91 ff. 
Ampthill, Lord 115, 116. 

Amsler & Ruthardt V, 6 . 
Andersen, Valdemar 5 ff. 
von Anjou, Marie 83. 
Anonymen-Lexikon V, 1. 
van Antwerp, VY. C. 777 , 6. 

Apel 52. 

Apponiy, Graf A. 174. 
Archenhold, F. S. VI, 7. 
d’Arcy, W. K. 120. 

Arndes, Stephan 177. 

Arnold, R. F. //, 5. 

Ariost, L. V, 7. 

Arolsen 256. 

Arthur, König 43. 

Artus-Sage 119. 

Aschenbrödel 166 ff. 

Askani, Adolf 91 ff. 

Augsburg 221. 

Auktionen 7 , 5; III, 6; IV, 5; V, 6; 
VI, 5 - 

von Aurillac, G. 73. 
Ausstellungen IV, 8. 


B. 


Baader, Klement Alois 20 
Baer & Co., J. III, 10; IV, 7. 
Bahr, Herrn. I, 9. 

Baidung, H. 17. 

Baldwin, Alfred 42. 

Bard, Jul. 82. 

Bargum, G. 178. 

Barlösius, G. 258. 

Bastian, Franz 250. 

Batchelor 192. 

Battenberg, F. W. 257. 

Bauer, Bernardinus 20. 

Bauer, Franz Nicolaus 21. 
Bauernkrieg 22. 

Baumann, Paulus 20. 

von Bayros, Franz 81, 87; III, 8. 

Bazin 118. 

Beaconsfield, Lord 147. 

Bebel, Heinrich 17. 

Beck, C. II, 7. 

Beethoven III, 7. 

Beham, H. S. 105. 

Beheim, Lorenz 18. 

Behmer, M. 82; IV, 8. 

Bell & Daldy 38. 

Bellermann, L. IV, 9. 

Belwe, Georg II, 6. 

Berliner Stadtbibliothek I, n; 
IV, 9. 


Berner, Lord 211. 

Bernhard, L. 47. 
Bibliophilen-Abende II, 6 . 
Bibliothek, Kgl., Berlin 7 , 10. 
Bibliotheken i6ff; II, 5. 
Bibliothekenführer, Berliner V, 6 . 
Bibliothekswesen 125 ff; V, 9. 
Bindesböll, Thorwald 1. 

Blake, William 43. 

Blasius 26. 

Blei, Fr. 80, 257. 

Büß 77. 

Blunt, W. S. 192. 

Boccaccio 80. 

Bodleian Library 32, 34. 
,,Bogvennen“ 777 , 8. 

Böhme, Margarete III, 9. 
von Boehn, Max V, 7. 
Boktryckerikalender III, 7. 
Börner, Aloy s 125 ff. 
von Bork, Sidonia 65. 

Boerner, C. G. /, 5; II, 7. 
Böttiger, Karl August 145. 

Brach, Caspar 24. 

Bramsen, Karen 7, 8. 

Brandis, Lucas 178. 

Brandis, Matth. 178. 

Brantöme 85. 

Bredt, E. W. 218. 

Brown, Madox 34, 37, 77, 115, 118. 
Browning, Robert 43. 

Bruno, G. 81. 


Brupbacher, B. 7 , 5. 
Buchausstellung III, 10. 
Bucheinbände 258. 

Bücherfreunde auf Reisen 253 ff. 
Bücher-Jäger 95. 

Bücherpreise 77 , 6. 

Buchholz, A. IV, 9. 

Buchkunst, deutsche 79ff. 
Buchkunst 2x3 ff. 

Bürden, Jane 44, 60. 

Burger, K. 227. 
von Burgund, Philipp 83, 85. 
Burne-Jones 29 ff, 59 ff, xo7ff, 151 ff, 
192 ff. 

Burne-Jones, Lady 109, 112. 
Burton, R. F. 45. 
von dem Busche, Herrn. 17, 126. 
Byron 78. 


c. 


Campfield, G. 68. 
Carlebach, Ernst 7 , 7. 
Carlyle, Thomas 248. 
Carr, Comyns 73. 
Cavendish, G. 200. 

Caxton, William 73, 194 ff. 
Celtis, Conrad 16, 17, 18. 
Cervantes 178. 



II 


Chantrey 29. 

von Charolais, Graf 83, 84. 
Chartismus 149. 

Chaucer 41, 42, 67, 204, 208. 
Chiswick Press 192, 243. 
Choulant 134. 

Christiansten, R. 13. 

Christine, Tochter des Kurfürsten 
Friedrich August II 52, 53. 
Clanrowe, Th. 210. 

Gemen 62. 

Cobden-Sanderson 160, 243 fr. 
Cockerell. S. C. 203, 211. 

Codex argenteus 125. 

Coleridge 206. 
von Collin, H. J. 45. 

Collijn, J. 213; I, 7. 

Columna, Johannes 86. 

Combe 36. 

Comines 85. 

Conrad, Heinrich III, 8. 
Cornazano, Antonio III, 9. 
Cornelius 37, 38. 

Cortissot, R. I78. 

Cottascher Verlag 175. 

Cranach, Hans 100. 

Cranach, Lukas 98. 

Crane, Lucy 122. 

Crane Walter 35, 36, 109 ff, 147 ff, 
192 ff. 

Cristeller, Paul 215. 
von Crussoles 85. 

Curtze, L. 242. 


D. 


von Dampmartin, Graf 84. 
Dankenfeld 19. 

Dänemark 1 ff, 258. 

Dante 66, 78. 

von Daun, Gräfin 53. 

Day, Lewis F. 160; IV, 9. 
Dearle, H. 124. 

Dearmer, Mabel 6. 

Degen, Aberich 18. 
Desprez, Nicolas 88. 
Diederichs, Eugen 81. 
Ditlevsen 8. 

Dodgson, Campbell 105. 
Don Quixote 178. 

Doepler jun., E. 193. 
Doves Press 79, 243 fr. 
Dreyer, Aloys 218. 

Duller, Ed. 131. 

Dundee 74, 119. 

Dürer 33, 38, 97. 


E. 


Easthampstead 113, 120/121. 
Ebersberger, Thea 234. 

Ebrach 16 ff. 

Eckertz, Erich 253 ff. 

Eckmann 215. 

Eggert-Wind egg, W. IV, 9. 
Ehmke, F. H. 82. 
von Eichendorff, Frhr. Josef 50, 
55; III, 10. 

Eisenstadt, Georg 82. 

Ellis, F. S. 68, 71, 196. 

Ellis & White 107, 108, 109, 148. 
Enders, Carl 181. 
von Erthal, Frhr. 139. 

Estienne, Henri 95. 

Etienne 168. 

Ettlinger, Josef I, 8. 

Etzel, Theodor V, 8. 

Euler, Leonh. VI, 7. 

Exlibris 216. 


F. 


Faksimile-Ausgaben 137. 

,»Falsche Gulden“-Blätter 219 fr. 
Falschmünzer 220. 

Faulkner, Charles 32, 44, 64, 77, 

* 53 - 

von Fechenbach, Fr. K. II, 5. 


Schlagwort-Register. XI. Jahrg. Bd. I. 


Fechner, G. Th. 217. 

Feder, M. 24, 26. 

Fehr, H. C. 38/39, 212. 
le Fevre, Raoul 195. 

Finkenritter V, 1. 

Firdusi 92/93, 93. 

Fischer, Paul 2 ff. 

Fischer, Svend 4, 82. 

Fitzgerald m. 

Flaxman, John 29. 

Flechsig 99, 100. 

Floerke. H. III, 9. 

Ford, Miß 39. 

Forman, H. Buxton 108, 212. 
Förster, Georg 14), 

Foscolo, Ugolo 78. 

Fouque 33. 

Frankfurt 230, 231. 

Frankfurter Rat 230/231. 
Friedrich 1 ., Kaiser 17. 

Friedrich der Große 138. 

Fristrup 3. 

Froissart, John 209, 211. 
von Fürstenberg, Franz 126. 
von Fürstenberg, Franz Egon 129. 


G. 


Galiani, Abbe II, 6; III, 9. 

Garve 145. 

Gaul I, 6. 

Geiger, Albert 82. 

Geographische Gesellschaft in 
Wien 173. 

George, Stefan 79. 

Georges 3. 

Gerber, Ernst Ludwig 185. 
Gerhard, Karl 129. 

Gerken, Philipp Wilhelm 19. 
Gerlier, Durand 88. 

„Germ“ The 78. 

Gesellschaft der Bibliophilen /, 1 j 
V, 1. 

van Ghemen, G. 177. 

Ginevra 43. 

Gilhofer & Ranschburg I, 6; PT, 6. 
Gjersing 11. 

Gladstone 114, 147, 158, 201. 

Gleich, Fr. 132. 

von Gleichen, Graf 216. 

von Gleichen-Rußwurm, A. Frhr. 

II, 6. 

Gleichgewicht 213 ff. 

Gleim 81. 

Glencoe 176. 

von Gienlyon, Robert C. 176. 
Gobelins ii2ff. 

Goldener Schnitt 217. 

Gothan, Bartholomäus 224/225, 
226. 

Goethe 48, 55, 81, 132, 133, 258, 
258; /, 8;//, 6; IV, 7; V, 6, 9. 
Goethes Faust 174, 175, 243 ff 
Gottschewski, 9, 256. 

Grabbe 131fr, 166 ff. 

Graham, Frances 112. 

Gralsritter 117. 

Grals-Sage ii9ff. 

Gregel 24. 

Grenville Library 138. 

Greve, Felix Paul 47; IV, 7. 
Grimm, Herrn. 63. 

Grimm 122. 

Grisebach, Ed. 85; V, 7. 

Gronau, G. 256. 

Grosch, H. 2. 

Grüninger, Johann 229. 
Guillaume, Albert 3, 6. 
Guilleaume, Franz 127, 128. 
Gulden-Blätter 219 ff. 

Günther, Johann Christian 181. 
Gustorf, Ludwig i3iff. 


von Hassenstein, B. 18. 
Hawarden 114. 

Haym, Rud. IV, 7. 

Heffner, Hofrat 22. 

Hegnenberg 57. 

Hetdeloff, A. A. 142. 
Heidenheimer. Heinrich 138 fr. 
Heilman, Gerhard 1. 

Hein, Einar n. 

Heine, H. 82, 134, 135, 254. 
Heine, Th. Th. 9. 

Heinemann, Franz /, 8. 
Heinemann, Karl IV, 9. 

Heinse, Wilh. 80. 

von der Hellen, Eduard IV, 7. 

Hellerich, B. ai. 

Hendricks 132. 

Hennigsen, Erik 6. 
Henrici-Picander 181. 

Herbart, Georg 17. 

Hermann, Georg 47. 

Hermansen 8. 

Herrick, Robert 206. 

Herwegh, Georg 242. 

Herz, P. 56. 

Hexenlieder 185 ff. 

Heyne, Alf. 174. 

Hieronymus. Abt 18. 

Hiersemann, Karl W. 92. 
Hildburghausen 141. 

Hildebrandt, Edmund 48. 

Himer, Kurt IV, 8. 

Hiob 92/93. 

Hippel 234, 235. 

Hirschberg, Leopold 176, 255. 
Hirsching 19. 

Hjemmet 7 

Hoffmann, E. Th. A. V, 7. 
von Hoffmannsthal, Hugo 46, 80. 
Hoffmeister, Fritz 2:7. 
von Hofmann, Ludwig 80. 
Hogarth 59. 

von Hohenlohe-Pfedelbach, Fürst 
J. A. 249. 

Hohenzollcrn-Jahrbuch 96. 
Hölderlin 81. 

Holiday 194/195. 
von Holleben, Marg. II, 5. 
Holme, Charles 42. 
von Hompesch, Frhr. 22. 
Honvlez, J. G. F. 248. 
de Hooge, Romain 88. 

Hooker, Richard 95. 

Hooper, H. 192, 208, 209. 
Horner, E. VI, 6. 

Horsfall 151. 

Horst, A. H. 256. 

Hortzschansky, A. /, 1, 10; II, 1} 
III, I; IV, y, V, 2. 6, VI, 1. 
Hoß, Ambrosius 24. 

Houben, H. H. 233 ff. 

Howell, Ch. A. 63. 

Howell Deverell 63. 

Hueffer, Francis 156. 

Hughes, Arthur 63. 

Hunt, Holman 43, 34, 36, 212. 
Hunter 88, 89. 

Hüpsch, Baron 248 ff 
Hyndman, H. M. 150 ff. 


I. 


Iffland /, 8. 

Illustrationen 97 ff, 174, 175. 
Immermann 135. 

Inkunabeln 137, 257. 

Insel-Verlag 80, 81. 

Iselin, Jakob 140. 

Island 73. 

Isouard 167, 168. 


H. 


Häbler, Konrad 96, 219 ff. 
Hagelstange, A. 97 ff. 
Haneke, Gottfr. Benj. 182. 
Hannover, Emil 258. 

Hansen, Hans Nicoley 7, 9. 
Hardy, Dudley 2. 
Harrassowitz, Otto II, 6. 
von Hase, Oskar /, 8. 


J- 


jdger, 1 r. .n-quii ly. 

Japan II, 6 , VI, 7. 
Jellinek, A. L. 168; I, 7, 
Jena 237. 

Jensen, L. E. 13. 

Jenson, Nicolaus 191. 
Jesuiten 126, 183 ff. 
Jessen, P. 65. 

Johannsen, Theodor 215. 


Jordan, W. 96. 

Jowett, B. 31. 

Judentum 144. 

Juncker, G. F. W. 182. 
Jungdcutschc Lebenswirren 233 ff 
Junker, Axel 82. 


K. 


Kachelofen, Konrad 233. 
Kalender 258, //, 5. 

Kalkan, Eva 6. 

von Kalb, Charlotte 19. 

Kant, J. 254 i I, 8. 

Karl Yl., Kaiser 180. 

Karl VII., von Frankreich 83. 
Karl der Kühne, Herzog 84. 

Karl Theodor von der Pfalz 250. 
Karoline von Hessen-Darmstadt 
138. 

Karlsruhe (Baden) 142. 
Kartenwerke 173. 

Kassner, Rud. 82. 

Kataloge /. 12; II, 7, 8; III, 1x4 
IV, 10; V\ 7, 10, VI, 8. 
Katalogpreise VI, 7. 
Katalogwesen 129. 

Keats, C. E. 203, 209. 211. 
Kclcmina, Jakob 170ff. 
Kcllcrmann 82. 

Kclmscott House 62. 

Kclmscott Press 29, 41, 61, 62, 
163, 164, 191 ff, 243. 

Kcslcr, Anna Maria 248. 

Kessler, Graf Harry 243. 
Kettembeil 133, 167. 

Khayyäm, Omar in. 
Kierkegaard, Soren 81. 

Kippling, Rudyard 61. 
Kirchenfenster 112 ff. 

Kißner, Alphons V, 7. 
Kistemaker, J. H. 127. 

Kleemeier, F. J. 248. 

Klein, Rudolf /, 8. 

Kleinschmidt, Beda 214. 

Kleist, Heinrich 44(44. 44. 
Kleukens, F. W. 82. 

Klinger, Max 246; V, 6 . 
Klosterbibliotheken 16 ff. 


Knaake /, 4. 

Köchy 132 ff. 

Köln 249, 252. 

König, Herbert 132/133. 
Kopp, Arthur 179 fr; II, 5, 
Kosch, Wilhelm III, 10. 
Köster, Ludwig 143, 
Kotzebue 48. 

Kraul, F. 13. 

Krause, Ernst 10. 

Krieger, Leopold II, 5. 
Kruckow, Sophus 15. 
Kukus, Bad 180. 
Kunstgewerbe VI, 6. 
Künstlerplakate 1 ff. 


L. 


Lacroix, Paul 88. 

Landsberg, Martin 228. 229, 229. 
Lane, Joseph 147. 

Lange, H. O. 177. 
von Langen, Rudolf 126. 
Langewiesche-Brandt, W. II, 6 . 
Larsen, Knud 8, 9, 11. 

Larssen, Carl 80. 

Latini, Brunetto 92. 

Laube, Heinrich 235. 

Lauchstädt 55. 

Laudenbach, Schloß II, 5. 
Lautersack 173. 

Lautrec 3. 

Lazarus 174. 

Lazius, Wolfgang 173. 

Lechter, Melchior 79. 

Legros, Alphonse 28. 

Lehnert, Georg IV, 6 . 
Leipheimer, H. D. 215, 216. 
Leiterbach, Johannes 18. 
Leitzmann, A. 166. 

Lenoir, Michel 88. 

Lermontoff, Michael 80, 

Le Roux de Lincy 89. 

Leroux, Buchhändler 145. 






Schlagwort-Register. XI. Jahrg. Bd. I. 


III 


Lesegesellschaft 139 ff. 

Lichtwark, A. 218. 

Liebermann, Max /, 8. 

Lieder 170 ff. 

Ligurinus 17, 18. 

Lipman 130. 

Lippmann 98. 

Livre d’heures 92, 92/93. 
von Löben, Hrch. Graf 32. 
Löffler, K. 257. 

Longfellow 123. 

Lotter, Melchior 232, 233. 
Loubier, Jean 243 ff. 

Ludgerus 125. 

Ludovici, Ludwig 18. 

Ludwig III. von Anjou 85. 
Ludwig X., Landgraf von Hessen 
248. 

Ludwig XI. von Frankreich 83 ff. 
Ludwig, Otto II, 6. 

Lüneburg 141, 142. 

Lupi 257. 

Luther, Johannes 97. 

Luther, M. 97 ff; /, 5, 6. 
Lutherbildnisse 97 ff. 


M. 


Maas, M. 178. 

Mac Donald 176. 

Macdonald, Alexander 70. 
Macdonald, F, W. 94. 
Macdonald, Georgina 61. 
Mackail, J. W. 72, 159, 193, 196. 
Madrid 255. 

Magnüsson 71, 107, 110. 
Mahlmann, Siegfr. Aug. 133. 
Mainz 139 ff. 

Mallarme 79. 

von Malmesburg, W. 73. 

Manning, Kardinal 31. 

Manuscripte 91 ff. 

de la Marche, Olivier 85. 

Mardrus, J. C. 43. 

Maria Antonia von Sachsen 138. 
Mariliier, H. C. 78. 

Marshall, P. 38, 77. 

Marschalk, Charlotte 19. 
Marschalk, M. 17. 

Martin 81. 

Maudeville 73. 

Meinhold, W. 61. 

Meisenbach II, 5. 

Menth, Jakob 96, 257. 

Mentzel, Elisabeth 138. 

Menzel, A. IV, 7! 

Merton Abbey 124. 

Metzler, Buchhändler 142. 
Meunier 3. 

Meyer-Graefe, J. 80. 

Meyers Lexikon I, 9. 

Middleton 77. 

Mildmay, Henry St. John III, 7, 
Militärkostüme 1 , 6. 

Millais 34, 62, 71. 
von Miltitz, Karl 49 ff. 
von Miltitz, Friedrich Sigismund 
53 ff. 

Milton 247, 248. 

Miniaturen 92/93, 214. 

Mogk, E. II, 5. 

Mohrmann, J. V, 6. 

Molitor, Karl 129. 

Montag, Eugen 21, 22. 
de Monvel, Boutet 4. 

Morgan, Pierpont 212. 

Mörike, Ed. 80, IV, 9; V, z. 
Morris, Max V, 9. 

Morris, William 27 ff; 59 ff; 94 ff; 

107 ff; iqöff; igiff; 244. 
von Moser, Friedrich Carl 141. 
de la Motte Fouque. Fr. 52. 
Müller, Georg 82. 

Müller, Johannes 140. 

Müller, Panthaleon 22, 24, 25. 
Müller-Melchior, Max /, 8. 
München 221. 

Mundt, Theodor 233ff. 

Münster i. W. 125 ff. 
Münzordnung 232. 

Münzwarnung 222/223, 224/225, 

226/227, 228/229, 230/231. 
Murger 81. 

Murray, C. F. 109. 

Murray, Fairfax 205. 

Muther 82, 


N. 

Neumann von Puchholz 183. 
Newman, John Henry, Kardinal 
31, 248. 

New-York V, 9. 

Nielsen, Einar 10, 15. 

Niemeyer, Wilhelm 79 ff. 
Nietzsche 254. 

Nollckens 29. 

Nordhoff, Joseph 128. 

Nürnberg 228. 


o. 


Oberhummer, E. 173. 
Oeglin, Erhard 17. 

Olschki, Leo S. III, 7. 

Orlik, Emil IV, 8. 

Osiander, C. 175. 
von Ostein, Retchsgraf 141. 
Otmar, Johann 227. 
Overbeck 37. 38. 

Oxford 31, 32, 33. 


P. 


Panizzi 78. 

Pankok, B. 217. 

Pannenborg 18. 

Panverlag 82. 

Paris, Gaston 18. 

Passavant 105. 

Patmore, Coventry 34. 
Pazaurek, G. E. 215, 216, 217. 
Pennell 35. 

Perger, A. 131 ff; 166ff. 

Perl, Max V, 6, VI, 5. 

Perrault 167/168. 

Petersen, C. O. V, 8. 

Pettit, Charles 46. 

Peutinger, K. 17. 

Pfister, Leopold 21, 23, 25, 26. 
Philomusus, Jacob 17. 

Picander 181. 

Pirckheimer, Willibald 18. 
von Pistoris 54. 

Plakate 1 ff. 

Ploch 134. 

Plotin 81. 

Pocci, Franz 218. 

Poeschel, Karl Ernst 80. 
Poynter, E. 61. 

Präraffaeliten 34, 36, 38, 59 ff 
Prince, E. P. 191. 

Prinsep, Val. 44. 

Prinz, Rudolf 129. 

Prüss, Johann 226/227, 229. 
Puderbach, Joseph 250. 
Pustkuchen, Fr. 133. 
Pustkuchen, Ludw. 132. 

Puttick & Simpson 176. 


Q- 


Quaritch, B. 195 ff; III, 6. 


R. 


Rabelais 82. 

von Raesfeld, G. 126. 

Raspe 81. 

Rassmussen, Kongstad xi. 
Raun, Carsten 13, 

Real, Jean 88. 

Ree, Paul 2x3. 

Reever & Turner 108. 
Rehm, Fritz 5. 

Reichhold, F. VI, 7. 
Reinhart, Christian 242. 
Remiremont 52, 53. 

Retif de la Bretonne V, 7. 
Retzsch, Moritz 52, 55, 255. 


Rickett 191. 

Riegel, Julius 73. 

Rilke, R. M. 80. 

Roberts-Boston 107, 108, 148 ff. 
Rohde, G. xi. 

Romantik, deutsche 49. 

Ronalds, Francis 124. 

Rosenthal, Ludwig 96. 

Rossetti, D.jjG. 29 ff; 60 ff; 107 ff. 
Rossetti, Michael 34. 

Rousseau, J. J. 142. 

Rowley, Charles 132. 

Rundschau der Presse /, I ; II, 
1; III, 1 ; IV, z-, V, 2 -,VI, 1. 
Ruskin 33, 34, 38, 62, 121, 248. 
Russell, Odo 115, 116, 120/21. 
Rynmann, Johann 17. 


s. 


Sacchetti III, 8. 

von Sachsen, Przss. Christine 54. 
de la Sale, Anthoine 81 ff; III, 8. 
Sanct Dunstan 194. 

Sattler, Jos. 79. 

Scharfenberg, Schloß 50, 51, 54, 
Schauer, Hans 222/223. 223. 
von Scheffel, V. /, 8. 

Scheu, H. 150. 

Schiller 55, 142, 145, 254 ; I, 8. 
Schissei von Fleschenberg, Oth- 
mar 171. 

von Schleinitz, O. 27 ff; 59 ff; 

107 ff; 146 ff; I9iff. 

Schlenkert 33. 

Schlossar, A. 174. 

Schmidkunz, Hans 213 ff. 
Schmieden, Alfred /, 8. 

Schmidt, Adolph 248. 

Schmidt, Alfred 12, 13. 

Schmidt, Erich 45. 

Schmidt, Otto Eduard 49 ff. 
Schmising, Rotger 126. 

Schmitz & Olbertz 82. 

Schobser, Johann 22X. 
Schongauer 97. 

Schönsperger, Johann 223. 
Schottenloher, Karl 16 ff. 
Schräder, Wilhelm IV, 7. 
Schröder, Rudolf Alexander 80. 
Schüdekopf, Carl /, 1; II, 6 ; V, 
1, 6. 

Schülerprämien I, 7. 

Schultz, Franz 96. 

Schunk 143. 

Schurig, Arthur V, 8. 

Schwanitz /, 8. 

Schwartz, Frantz 11, 14. 
von Schwarzkopf, Joachim 143. 
Schwenke, P. V, 6. 
v. Schwind, M. I, 9. 

Scott, Walter 83, 94. 

Scott, William Bell 38. 

Scott, Temple 43. 

Secundus, Johannes 80. 
Sesselberg, Fr. 257. 

Seidel, Paul 48. 

von Seidlitz, Woldemar, 215. 

von Seiffertitz 54. 

Selbstmörder V, 7. 

Semerau, Alfred 83 ff; III, 8. 
Senckenberg 18. 

Shakespeare 133, 199. 

Shannon 191. 

Shelley, P. B. 205. 

Shelton, Thomas 178. 

Shields, F. 115. 

Siddal, Miss 39, 40, 61, 62, 115. 
Simmel, Georg I, 8. 

Simons, Anna 80. 
de la Sizeranne, R. 60. 
Skonsgaard, Holtens 6, 7. 
Skovgaard, Joachim 1. 
Skovgaard, Niels x. 

Slott-Möller, Harald 10. 

Snell, Johan 177. 

Sölner, Wilhelm 19. 

Somoff 82. 

Sorel, Agnes 83. 

Sorg, Anton 223. 

Sotheby III, 6; IV, 5. 
Sozialismus 147 ff. 

Sparling, H. 195. 

Spenser, Edmund 210. 
Spielmeyer, W. 68, 204, 209, 211. 
Sponsel 2, 6, 7. 

Sporck, Graf Franz Anton 179 ff. 
von Sporck, Johann 179. 


Ständer, Joseph 128. 

Stanmore Hall 116, 120. 

Starke, Otto 46. 

Steiermark 170 ff. 
von Stein, Marquard 17. 
Steinlen 9. 

Stephens 34. 

Stern, Ludwig 85, 87. 

Stieglitz, Charlotte 233 ff. 
Stieglitz, Heinrich 233 ff. 
Stöckel 181. 

Stramel, M. A. 47. 

Strauß, D. F. V, 1. 

Strauss, Emil /, 8. 

Street 37. 

Stroefer, Th. 246. 

Stuttgart 142. 

Swain 122. 

Sweinheim, & Pannartz 257. 
Swinbume, A. Ch. 34, 42, 203. 
Symmetrie 213 ff., VI, 8. 


T. 


Tadema, Alma 75. 

Tannstetter 174. 

Tapeten 65. 

Tausend und Eine Nacht 45, 
IV, 7. 

Taylor, G. W. 66. 

Tegner, E. 172. 

Teil, Wilhelm /, 8. 

Tennyson 42, 43, 61, 202. 
Thoreau 81. 

Thorpe 72. 

Tieck, L. 45, 73, i3iff; V, 6. 
Tiedge 45. 

Tiemann, W. 80, 82. 

Tille, Alexander 174. 

Tolstoi 161. 

Tralles, Theodora 234. 

Tregaskis 176. 

Twain, Mark 12, 13. 

Tzschappe, Michael 56, 37. 


u. 


Üchtriz 132 ff. 

Ulm 223. 

Unger 170. 

Universitätsbibliothek, Kgl. zu 
Münster i. W. 125 ff. 

Upton 30. 

Ussing, St. 13. 


V. 


Vallance, Aymer 163. 

Varnhagen 45. 

Vasari, Giorgio 256. 

Verard, Antoine 87, 88, 89. 
Victoria, Königin von England 
116, 117, 119. 
von Vieth 54. 

Vierge, Daniel 178. 

Vogeler, Heinrich 80, 81. 

Vogt, Nicolaus 140. 

Volbehr, Theodor IV, 8. 

Voll, Karl 255. 
de Voragine, Jacobus 194. 
Vorsatzpapiere VI, 7. 

Vosey 65. 

Voss, Georg 255. 


w. 


Wagner, Rieh. 66, 119. 

Walter, Emery 162, 243 ff. 
Waentig, Käthe II, 6. 

Wardle, George 109. 

Wardle, Thomas 118. 

Watterich, J. B. 128. 

Watts, G. F. 27 ff; 75. 

Webb 38, 42, 44, 59, 60, 77, 118. 
Weber, Carl Julius 20. 




IV 


Schlagwort-Register. XI. Jahrg. Bd. I. 


von Weber, Hans 258. 
Wedgewood 29. 

Weigand, Wilhelm III, 9 
Weigel, Oswald /, 6; 
IV, 6. 

Weigmann, Otto I, 9. 
Weinitz, Franz 256. 

Weiß, Emil Rudolf 81. 
Weissenborn, Wilhelm V 
Weissstein, Gotthilf III, 
Wesselski, Albert III, 9. 
Wetzel, Friedr. Gottl. 96. 


Wiedertäufer 126. 
von Wieser, F. K. 173. 

. Wilberforce 31. 

III, 6; Wilday 110. 

Wilde, Oskar 80. 81. 82. 
Willumsen, Ferd. 6. 7. 
Winiewski, Franz 127. 
Withrow, E. A. 109. 

, 6. Witkowski, Georg 48. 

7. Wolfe, Catherine 123. 

Wolff, Eugen I, 9. 

Wolff, Johannes 257. 


Wolsey, Thomas aoo. 
de Worde, Wynkin 194. 
Wright, Thomas 8t- 88. 
Wurzburg 22. 23. 24. 25. 


Y. 


von York, Margarethe 195. 
York von Wartenburg 6. 


z. 


Zainer, Günther 222. 
Zainer, Ham 223. 
Zarathustra 254. 

Zeltler, Julius 81. 
Ziegler, Karl 167. 
Ziegler. Walter 215. 
Zinke, Fudolf VI, 5. 
Zumkley. Kasper 127. 
von Zur Westen. W. t tt, 




















Inhaltsverzeichnis. 


VII 


Beilagen. 


Anbetung des Lammes. Gemaltes Glasfenster in der Kirche zu Allerton. (Ausgeführt von Morris & Co. 

in London). 

Die Auferstehung. Glasgemälde in der Kirche von Easthampstead. (Ausgeführt von Morris & Co. in 

London). 

Die Handschrift von William Morris in einem Briefe an Mrs. Hollday. 

Franz Anton Graf von Sporck... 

Gemaltes Glasfenster in der englischen Kirche in Berlin, gewidmet dem Andenken Odo Russells. (Aus¬ 
geführt von Morris & Co. in London)..... 

Karikatur von Herbert König auf Grabbe. 

Kleists Ode „Germania an ihre Kinder“. Faksimile. 

Livre d’heures: Christus am Kreuze. XV. Jahrh. Burgundisch. Hiob. XV. Jahrhundert. Französisch- 

burgundisch. 

Livre d’beures. Miniatur VIH. XV. Jahrh. Französisch-burgundisch. Horae B. Virginis. Die Madonna. 

Zweite Hälfte des XIV. Jahrh. Französisch.. . 

Miniatur aus Firdusis Schah-Namah. Gegen 1495 . 

Miniatur 87 und 88 aus dem „Spegel menschlicher Bebaltnuss“. XV. Jahrhundert. Deutsch .... 

Münzwarnung aus der Druckerei von Hans Schauer in München. (Hof- und Staatsbibliothek, München) 

Münzwarnung aus der Druckerei des Bartholomäus Gothan in Lübeck. (Königliche Bibliothek, Berlin). 

Münzwarnung aus der Druckerei des Johann Prüss in Strassburg. (Königliche Bibliothek, Berlin) . . 

Münzwarnung aus der Druckerei des Martin Landsberg ln Leipzig. (Kirchenbibliothek zu Penig in Sachsen) 

Münzwarnung des Frankfurter Rats. (Hof- und Staatsbibliothek München). 

Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten. Buntes Glasfenster in der Kirche von Allerton. (Aus¬ 
geführt von Morris & Co. in London). 

William Morris. Nach der Büste von H. C. Fehr. 


(S. 112—113) 
(S. 120—I2l) 

(S. 194-195) 
(S. 186—187) 

(S. 120—121) 
(S. 132—133) 
(S. 44 — 45 ) 

(S. 92—93) 

(S. 92—93) 

(S. 92-93) 

(S. 92—93) 

(S. 222—223) 
(S. 224—225) 
(S. 226—227) 
(S. 228—229) 

(S. 230—231) 

(S. 112—113)- 
(S. 38—39) - 




Beiblatt. 


Mitteilungen der Gesellschaft der Bibliophilen I, 1; V, 1. 
Rundschau der Presse I, I; II, I; III, I; IV, 1; V, 2; VI, 1. 
Von den Auktionen I, 5; III, 6; IV, 5; V, 6; VI, 5. 


Kleine Mitteilungen I, 7; II, 5; III, 7; IV, 6; V, 6; VI, 6. 
Kataloge I, 12; II, 8 ; III, II; IV, 10; V, 10; VI, 8 . 
Inserate I, 9; II, 7; III, 9; IV, 8; V, 8; VI, 7. 

















































































ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 


Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

11. Jahrgang 1907/1908. _ Heft 1: April 1907. 


D änische Künstlerplakate. 

Von 

Walter von Zur Westen in Berlin. 


ie Entwicklung, welche die däni¬ 
sche Kunst bis zum Beginn der 
neunziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts genommen hatte, 
war der Entstehung einer Plakat¬ 
malerei im allgemeinen nicht 
günstig. Das Gesamtbild war ein ziemlich einheit¬ 
liches: Wirklichkeitssinn, Schlichtheit, Vorliebe 
für die Darstellung einfachen Daseins oder intimer 
landschaftlicher Szenerien, Vermeidung starker 
Effekte und pathetischer Darstellungen, Bevor¬ 
zugung gedämpfter Töne, endlich die schwer¬ 
mütige Stimmung, die aus den meisten Bildern 
sprach — das waren die Pügenschaften, die die 
Schöpfungen der dänischen Malerei kennzeich¬ 
neten. Ihre Ziele waren also denen der Plakat¬ 
kunst, die starke Wirkungen erstreben, Sensation 
hervorrufen, momentane Aufmerksamkeit erregen 
soll, gerade entgegengesetzt. Indessen war 
seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auch 
eine Schar jüngerer Künstler auf den Plan ge¬ 
treten, die dekorative Absichten verfolgten. 
Freilich waren sie weniger in der Tafelmalerei 
als auf zwei Gebieten der angewandten Kunst 
zur Geltung gekommen — in der Keramik und 
im Buchgewerbe. Auf der nordischen Aus¬ 
stellung des Jahres 1888 trat die Kgl. Porzellan¬ 
manufaktur in Kopenhagen zum erstenmal mit 
ihren entzückenden modern stilisierten Arbeiten 
Z. f. B. 1907/1908. 


hervor, die seitdem aller Welt bekannt sind. 
Hier lernten die für die Manufaktur tätigen 
Künstler nach dem Vorbilde der Japaner Land¬ 
schaftsausschnitte dekorativ wirksam darzustellen, 
Vorwürfe aus dem Tier- und Pflanzenreich un¬ 
gezwungen zu stilisieren. Im großen Publi¬ 
kum weniger bekannt, aber nicht weniger 
rühmenswert sind die buchgewerblichen Arbeiten. 
Was die beiden Skovgaard, Niels und beson¬ 
ders Joachim, an Illustrationen schufen, das 
war freilich zum großen Teile nicht ganz buch¬ 
gerecht, weil es malerisch wirken sollte und die 
reine Strichmanier verschmähte; doch gerade 
darum war es in seinem Ziele den Zwecken 
des Plakates verwandter. Besonders wichtige 
Vorarbeiten für die Affichen waren aber die 
Buchumschläge und Einbände, die den Stolz 
des dänischen Buchgewerbes ausmachen. Hier 
schuf Hans Tegner, der große Illustrator der 
älteren Generation, in Anlehnung an alte Formen 
reizende Blätter, hier entwickelten Gerhard 
Heilman und andere ein naturalistisches Tier- 
und Pflanzenornament, hier konnte Thorvald 
Bindesböll seine reiche ornamentale Phantasie 
betätigen, hier gestalteten sich eigenartige 
Schriftformen voll Charakter und Wirkung. Und 
was für die Affiche besonders wichtig ist — 
hier hatten die Künstler im kleinen Maßstabe 
derselben Aufgabe gerecht zu werden, die das 











von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 



Abb. i. Plakat für das Königlich Dänische Ballett. 
Von Paul Fischer. 


Plakat im großen zu lösen hat — Aufmerksam¬ 
keit zu erregen, Neugier, Interesse, Kauflust zu 
wecken. 

Indessen ist die dänische Plakatmalerei eben¬ 
sowenig rein bodenwüchsig entstanden wie die 
fast aller andern Länder — auch hier gab erst 
das französische Vorbild die Anregung. Paul 
Fischer war der Vermittler, der für Dänemark 
etwa dieselbe Rolle spielt wie für England 
Dudley Hardy. Er ist wohl der einzige däni¬ 
sche Künstler, dem seine Plakate einen gewissen 
Ruf auch außerhalb der Grenzen seines Vater¬ 
landes verschafft haben. Es war sein Glück, 
daß sein Auftreten gerade in die Zeit fällt, wo 
das Interesse für die Plakatmalerei auf dem 
Plöhepunkte stand, nämlich um die Mitte der 
neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Große 
Plakatwerke wurden damals herausgegeben, jede 
Zeitung oder Zeitschrift, die etwas auf sich 


hielt, brachte ihren Plakatartikel und 
ein riesiges I leer von Sammlern 
stellte den Erzeugnissen der Kunst 
der Straße nach. Jeder Plakat¬ 
schriftsteller wollte tunlichst alle 
Länder berücksichtigt, jeder Samm¬ 
ler alle Länder in seinen Mappen 
vertreten haben; — man suchte 
daher auch in den bisher in der 
Bewegung nicht hervorgetretenen 
Ländern nach Plakatkünstlern und 
fand in Dänemark allein Paul 
Fischer. So nennt ihn in der Vor¬ 
rede des Katalogs der Plakatsamm¬ 
lung des Kunstindustriemuseums zu 
Christiania (1897) II. Grosch mit 
Betonung als den einzigen däni¬ 
schen Plakatisten und rühmt ihm 
Geschmack und sicheren Blick nach; 
so erschien er auf der Plakat¬ 
ausstellung zu St. Petersburg (1897) 
mit zwölf Affichen als der einzige 
Vertreter seiner Heimat, so spielt 
er auch in Sponsels Werk, wo außer 
ihm allerdings noch vier andre 
Namen genannt werden, und zwar 
bei weitem die I lauptrolle, obwohl 
Sponsel nur drei Arbeiten von ihm 
kennt. 

Wie gesagt, Paul Fischer hat 
Glück gehabt, denn unter andern 
Umständen würden seine damaligen 
Werke kaum eine gleiche Schätzung erfahren 
haben. Seine Affichen sind allerdings nicht 
datiert, aber die Aufzählung in dem Petersburger 
Ausstellungskatalog zeigt, welche von ihnen 
damals jedenfalls bereits vorhanden waren. Zu 
seinen frühesten Versuchen dürfte wohl das 
Blatt gehören, das eine Vorführung der Lebens¬ 
geschichte Napoleons I. im „Skandinavisk 
Panoptikon“ zu Kopenhagen ankündigt. Man 
sieht die Marmorbüste des Kaisers weiß auf 
goldenem Grunde, zu beiden Seiten reiches 
Lorbeergemüse und unten zwei Kränze, weiß 
aus dem Goldgrund ausgespart, die die Jahres¬ 
zahlen der Geburt und des Todes umschließen. 
Das Blatt ist wenig wirksam, steif und nüchtern 
und in der Farbe geradezu unangenehm. Im 
Gegensatz zu ihm zeigt die Affiche für die 
„Reklameplakater“ der Lithographischen An¬ 
stalt von Vilhelm Spborg Efterfolger zu Kopen- 



















von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


3 


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KUNSTFORLAG 4 




JUL-HYTAAR. 


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Abb. 2. Plakat für Fristrups Kunstverlag. 
Von Paul Fischer. 


hagen Paul Fischer bereits als 
einen routinierten Plakatisten, 
der die Schule der Franzosen 
mit Erfolg absolviert hat. Der 
Vorwurf hat dem Künstler 
wenig Kopfzerbrechen ge¬ 
macht: ein Zettelankleber hat 
die Ankündigung der Firma 
an die Mauer geklebt, ein 
Schuljunge und — fast die 
Hälfte des Blattes einnehmend 
— eine elegante Dame studie¬ 
ren den Inhalt. Geschmack¬ 
voll sind die Farben der 
Damentoilette gewählt; recht 
apart wirkt es, wie sich die 
braune Federboa von dem 
dunkelblauen Kostüm abhebt, 
wie die gleiche Zusammen¬ 
stellung an dem Hute wieder¬ 
kehrt, wie das Blau des Hutes 
mit dem rotblonden Haar 
kontrastiert. Unverkennbar ist 
hier der Einfluß Lautrecscher 
Arbeiten festzustellen. Das 
Blatt ist in Stil und Farbe 
wohlgelungen; Komposition 
und Zeichnung sind dagegen 
nach meiner Meinung recht 
unbeholfen. Sponsel, der diese 
Affiche nicht kennt, beschreibt 
eine andere, mir nicht zu 
Gesicht gekommene Ankün¬ 
digung für die gleiche Firma, 
für die Fischer vorzugsweise 
gearbeitet hat: „In einem 
Kaffeelokale sitzt vorn ein Herr und liest die 
Empfehlung der genannten Druckfirma für 
künstlerische Plakate; im Hintergründe sieht 
man einen Kellner und einige Tische mit Gästen.“ 
Auch hier also wieder ein ziemlich nichtssagen¬ 
der Vorwurf, und ebenso fehlt es auch den Rad¬ 
fahrplakaten Fischers an packenden eigenartigen 
Ideen. Auf „Chainless Cycle Co.“ steht ein 
Velocepedist neben seinem Rade, dessen Kette 
geplatzt ist, und kratzt sich ratlos hinter dem 
Ohr, während ein Herr und eine Dame auf ketten¬ 
losen Rädern vergnügt vorbeifahren — gewiß 
kein besonders origineller Gedanke; auf „Verdens 
Mesterskabslobene“ (Weltmeisterschaftsrennen) 
schwenkt eine Radfahrer im Renndreß einen 


Eichenkranz, auf „Bernstorfsgade Clubber Cycli- 
sten“ sieht elegantes Publikum einem Radrennen 
zu. Keins aller bisher erwähnten Blätter verrät 
eine starke künstlerische Eigenart, keins trägt 
ein eigentümlich dänisches Gepräge; fehlte die 
Schrift, so würde man als ihr Ursprungsland 
vielleicht eher Frankreich als Dänemark ver¬ 
muten, wenn ihnen auch eine gewisse Schwer¬ 
fälligkeit anhaftet, die den französischen Affichen 
meist fremd ist. Guillaume, Georges, Meunier sind 
es in erster Linie, an die man denkt, wenn man 
sich klar zu machen sucht, welche Einflüsse auf 
Paul- bischer gewirkt haben. Nicht das plakat¬ 
mäßig effektvollste, aber künstlerisch wohl das 
reifste und befriedigendste Blatt aus dieser 
































4 


von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


französisch beeinflußten Reihe ist „Kiosken“, 
eine vielleicht etwas zu bildmäßige Straßen¬ 
szene, vorn ein Zeitungskiosk mit der Ankün¬ 
digung der Weihnachtszeitung Julen 1896. Sehr 
hübsch ist das winterliche Stadtbild des Hinter¬ 
grundes; die flotte Mache läßt von ferne an 
Arbeiten Raffaelis denken. 

Neben den bisher besprochenen Blättern steht 
aber eine Reihe anderer, die ein viel eigeneres 
Gesicht zeigen. Ein interessantes Beispiel bieten 
die „Stahlheims Dancers“ aus dem Lande der 
Mitternachtssonne, wie die Aufschrift betont. 
Hier tat schon der Vorwurf das seinige, um 
Fischer vor fremden Einflüssen zu bewahren, 
und in der Tat zeigt die schöne sonnenbeglänzte 
nordische Landschaft mit der wirksamen Um¬ 
rahmung durch zwei dunkle Kiefern, daß er nicht 
nur ein begabter Routinier ist, sondern auch 


eigene Anschauung und eigene Empfindung 
zu geben weiß. Andererseits beweist die Tänzer¬ 
gruppe des Vordergrunds, daß die Darstellung 
lebhafter Bewegung ihm nicht liegt. In der 
Empfehlung der „Norsk Margarine“, eines Pro¬ 
duktes der Firma Peilerin Fils Co. in Christiania, 
hat er sich mit geringerem Glück in ähnlichen 
Bahnen bewegt. Auch „Alfabetet, Billedbog 
for Born“ (Svend Fischer Kunstforlag) zeigt 
höchstens in einigen Äußerlichkeiten seine An¬ 
klänge an Boutet de Monvels Plakate und 
Bilderbücher; im übrigen sieht man der hier 
dargestellten thronenden Märchenkönigin mit 
ihrem Töchterchen ihre skandinavische I Ieimat 
deutlich an. Das Blatt bezeichnet in seiner 
Mache den Übergang zu einer andern stilisti¬ 
schen Behandlung der Affiche, die in „Mohrs 
Margarine“ sich mit noch größerer Deutlichkeit 
ausprägt. An Stelle der freieren 
malerischen Weise, der Fischer sonst 
im Anschluß an die französische 
Plakatkunst gehuldigt hatte, ist hier 
eine mehr zeichnerische Manier ge¬ 
treten. Die Darstellung ist völlig 
flächenhaft, die einzelnen Farben¬ 
massen gehen nicht in einander über, 
sondern sind scharf umrissen; starke 
Konturen grenzen die dargestellten 
Gegenstände ab. Meiner Empfindung 
nach liegt diese Art der stilistischen 
Behandlung dem Künstler besser, als 
die Manier der früher besprochenen 
Arbeiten. Wenn es auch wahrschein¬ 
lich nur ein Zufall ist, daß das Blatt 
in der Aufzählung des Petersburger 
Katalogs an letzter Stelle steht, so 
möchte ich doch glauben, daß es 
auch zeitlich die jüngste Arbeit ist 
und einen Fortschritt auf dem Wege 
zu einer dem Künstler gemäßen 
Ausdrucksweise bedeutet. In dieser 
Annahme bestärkt mich der Um¬ 
stand, daß die sämtlichen mir sonst 
noch vorliegenden Fischerschen Af- 
fichen, die in dem Petersburger 
Kataloge noch nicht aufgeführt sind, 
die gleiche stilistische Behandlungs¬ 
weise zeigen. Der Schluß, daß ihr 
Fehlen in dem Kataloge sich daraus 
erklärt, daß sie im Jahre 1897 noch 
nicht existierten, erscheint unter 


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PiLESTRTOE 9 

Klubben aaben med Servering alle Sognedage fra 10-7. 

2 Kr. halvaarlig. .. 

Abb. 3. Plakat für eine Tulpen-Ausstellung. 

(Anonymer Künstler.) 



von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


5 


diesen Umständen nicht 7.11 kühn, zumal die 
nun zu besprechenden Blätter zum großen 
Teil erheblich reifere Arbeiten sind, die sicher¬ 
lich ausgestellt worden wären, wenn sie bereits 
Vorgelegen hätten. Da ist z. B. „Kgl. Dansk Ballet 
Tournee“ (Abb. i): zwei allerliebste Balletteusen, 
eine schwarze und eine blonde, die in graziöser 
Haltung eine Rosengirlande emporheben und 
den Raum flankieren, der für den Titel des 
natürlich wechselnden Tanzpoems bestimmt ist; 
der untere Raum wird durch ein kleines Arrange¬ 
ment roter Rosen belebt. Die Kopenhagener 
sind zu beglückwünschen, wenn ihr Ballettkorps 
viele so hübsche Mitglieder 
zählt; sie haben dann einen 
Vorzug, dessen sich nicht alle 
Großstädte Europas rühmen 
können. Ein liebenswürdiges 
Blatt ist auch „Jul-Nyttar, 

Nye danske Lykonsknings- 
kort“ (Abb. 2). Eine junge 
Dame in weißem, gelbge¬ 
streiften Kleide mit dunkel¬ 
blauer Schärpe sitzt lesend 
auf einer Gartenbank; neben 
ihr liegt ein großer Rosen¬ 
strauß; über eine grüne 
Rasenfläche fort erblickt 
man einen kleinen Pavillon 
inmitten einer anmutigen 
Baumgruppe, dahinter das 
von Segelschiffen belebte 
Meer im Glanze der unter¬ 
gehenden Sonne. Die Stili¬ 
sierung der Eandschaft ist 
sehr geschickt, in der Dar¬ 
stellung verbindet sich Stim¬ 
mung mit plakatmäßigem 
Effekte, aber leider wird die 
Wirkung durch die höchst 
unglückliche Umrahmung 
beeinträchtigt. Das Radfahr¬ 
plakat „La Danoise“ erzielt 
von allen mir bekannten 
Fischerschen Affichen die 
stärkste Fernwirkung. Das 
Motiv ist höchst einfach: 
eine junge Radlerin, die in 
ihrem gelben Sportkostüm 
mit rotem Gürtel allerliebst 
aussieht, steht vor einem 


hellblauen Hintergrund, von dem das Hellgrün 
des Bodens und der begrenzenden Büsche höchst 
drastisch absticht. Es ist ein ähnlicher Effekt, 
wie wir ihn in Deutschland bei verschiedenen 
Arbeiten Fritz Rehms finden. „Politikens Tik- 
Tak“ endlich, eine zeitunglesende Dame auf der 
Chaiselongue darstellend, ist ein ausgesprochenes 
Innenplakat, mit zarten Farben und hübscher 
Ornamentik. 

Wenn ich hiermit von Paul Fischer Abschied 
nehme, so glaube ich zusammenfassend sagen 
zu können: das Verdienst des Bahnbrechers 
auf dem Gebiete der dänischen Plakatkunst 



Abb. 4 . Plakat für Dansk Ko 1 o n iu d s til lin g. 
VonValdemar Andersen. 













6 


von Zur Westen, Dänische Künstlerplakatc. 


gebührt ihm unzweifelhaft; er hat zuerst seine 
Landsleute mit den Gesetzen des Plakatstils 
bekannt gemacht. Ein Künstler ersten Ranges 
ist er freilich nicht; seine früheren Schöpfungen 
insbesondere lassen manche Ausstellungen zu, 
aber in seinen neueren Affichen zeigt er sich 
nicht nur als ein recht achtbarer Plakatist, 
sondern auch als ein liebenswürdiger Schilderer 
weiblicher Schönheit und als ein geschickter 
Stilist auf landschaftlichem und ornamentalen 
Gebiete. 

Außer Paul Fischer nennt Sponsel nur 
noch vier dänische Plakatzeichner und Zeich¬ 
nerinnen: Plrik Hennigsen, Ferdinand Willumsen, 
Eva Kalkau und Frau Holtens Skonsgaard. 
Leider sind mir die Arbeiten der drei erst¬ 
genannten nicht bekannt; ich muß mich daher 
auf die Wiedergabe der Sponselschen Mit¬ 
teilungen beschränken. Von Erik Hennigsen 
wird ein Blatt „Panorama Kinoptikon“ erwähnt: 
einige Passanten lesen an einer Mauer die 
Schriftanzeige des Panoramas. Das Motiv wird 
von Sponsel mit Recht „nicht neu“ genannt; 
er lobt aber die lebensvolle Auffassung der 
Personen und findet in der sorgsamen Art der 
Behandlung der ganz modernen Kleidung eine 
Ähnlichkeit mit den Plakaten von Albert Guil- 
laume, dem indessen Hennigsen sowohl in der 
Zeichnung wie in der Farbengebung über¬ 
legen sei. 

Ebensowenig tiefsinnig ist das Motiv des 
von Sponsel beschriebenen Plakates der Eva, 
Kalkau für „Politiken“: eine rotgekleidete Dame 
in Rückenansicht vor einem schwarzen Hinter¬ 
gründe, die ein ausgebreitetes Zeitungsblatt mit 
der Aufschrift „Politiken“ in der Hand hält. 
Sponsel wirft der Künstlerin starke Anlehnung 
an ein Plakat der Engländerin Mabel Dearmer 
vor — offenbar denkt er an Ibsens „Brand“ — 
und wird mit diesem Vorwurf nach der Be¬ 
schreibung zu urteilen gewiß recht haben. 
Übrigens ist Eva Kalkau eine sehr geschickte 
Zeichnerin, von der ich vorzügliche Notentitel 
besitze. 

Die Blätter von Hennigsen und Eva Kalkau 
nehmen in der dänischen Plakatmalerei offen¬ 
bar keinen besonders hohen Rang ein und 
bringen auch gewiß keine besonders geartete 
Nuance in das Gesamtbild. Sehr bedaure ich 
dagegen, daß es mir nicht gelungen ist, eine 
Affiche J. F. Willumsens zu erlangen, des seit- 



AMTSUDSTILLINGEN 


Abb. 5. Plakat für Amtsud stillingcn t Haslev. 
Von Valdemar Andersen. 


samen Suchers nach neuen Pfaden, der in der 
ruhigen, im Gesamtcharakter so gleichartigen 
dänischen Malerwelt eine isolierte, aber höchst 
bemerkenswerte Erscheinung darstellt. Sponsel 
beschreibt sein Blatt für „Den frie Udstilling“: 
„Über dem dichten grünen Laub eines Waldes 
ragen vier mächtige uralte Baumstämme empor, 
deren spärliches Laub an den abgestorbenen 
Asten bezeugt, daß noch Leben in ihnen steckt. 
Zwischen diesen Stämmen erhebt sich auf 
einem das junge Laub des Waldes überragenden 
Sockel eine scheinbar ägyptische Statue.“ Über 
die Bedeutung der Darstellung ist Sponsel im 
Zweifel; er vermutet, daß der Künstler unserer 
Zeit die Zeugen der Natur und des Schön¬ 
heitssinnes längst vergangener Kulturperioden 
vor Augen halten wollte, was mir bei einem 
so kühnen Neuerer wie Willumsen wenig wahr¬ 
scheinlich vorkommt. Über den farbigen Ein¬ 
druck des Blattes sagt Sponsel, daß „das grüne 
Laub und die rote Schrift, die grüne Statue 
mit den bläulichen Glanzstellen zwar keine sehr 
reizvolle, aber doch noch eine lebhafte Farben¬ 
wirkung hätten“. Von einem Champagnerplakät 
Willumsens brachte die Zeitschrift „Kunst und 






von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


7 



Abb. 6. Plakat für Hjemmets Novellen. 
Von Th. J. 


Künstler“ (Jahrgang 4, Seite 430) unlängst eine 
schwarzweiße Abbildung. Die Szene spielt auf 
einem Balkon; zwischen den auf dem Tische 
stehenden Sektgläsern, auf den Stuhllehnen, 
zwischen den am Geländer stehenden Blumen¬ 
töpfen treiben die Geister des Champagners ihr 
neckisches Wesen. Eine schöne Parklandschaft 
sieht man im Hintergrund. Das ausgelassene 
Treiben der Putti ist mit viel Erfindung, Humor 
und sogar Liebenswürdigkeit dargestellt. Nur 
eine gewisse Grazie vermißt man; mich erinnern 
die etwas eckigen Bewegungen, die plastisch 
bestimmte Formengebung unwillkürlich daran, 
daß Willumsen sich einige Zeit eifrig mit Holz¬ 
plastik beschäftigt hat. 

Wie schon bemerkt, erwähnt Sponsel außer 
den drei genannten nur noch eine Plakat¬ 
zeichnerin, Frau Holten Skonsgaard. In der 
Folgezeit hat sich mit dänischen Plakaten, ab¬ 
gesehen von dem Abschnitt in meiner erst 
1903 erschienenen Reklamekunst meines Wissens 
nur eine kurze Notiz im 6. Bande der englischen 
Plakatzeitschrift „The Poster“ beschäftigt, die sich 
damals kurz vor ihrem Ende in „The poster 


and art Collector“ umgetauft hatte (1900, 
Seite 125/126). Dort sind drei Affichen abge¬ 
bildet und mit kurzen Bemerkungen begleitet: 
„Kjöberhavns Sygekasse“: (Krankenkasse) eine 
allegorische Dame mit dem Stadtwappen, offen¬ 
bar eine höchst unbedeutende Leistung im 
Grassetstil, signiert A. S., ferner „Societe Noel 
et Co., Cognac“, mit der geschickt stilisierten 
Gestalt eines Mädchens in Idealtracht, die einen 
Korb mit Weintrauben auf dem Kopf trägt: 
die Signatur lautet anscheinend M. F. M. — 
endlich ein schönes landschaftliches Blatt 
„Vort Land“, auf das ich noch zurückkommen 
werde, datiert 1898 und bezeichnet H. N. H. — 
eine Signatur, die ich unbedenklich auf Hans 
Nicoley Hansen, den bekannten Malerradierer 
deute. Für die Folge fehlt es meiner Kennt¬ 
nis nach an jeder Literatur und, da die Affichen 
fast durchweg nicht datiert sind, entfällt dem¬ 
gemäß auch jede Möglichkeit einer chrono¬ 
logischen Ordnung. Das ist bedauerlich; denn 
eine Schilderung der Entwicklung ist damit un¬ 
möglich, es kann nur eine Beschreibung des 
Vorhandenen gegeben werden. 

Frau Holtcns Skonsgaards „Kvindernes 
Bygning“, die bereits erwähnte Inkunabel der 
dänischen Plakatkunst, zeigt deutlich, wie die 
Bestrebungen auf dem Gebiete der Keramik 
und des Buchgewerbes der Affiche vorgearbeitet 
haben. Blüten und Blätter des Löwenzahn sind 
hier mit sicherem Blick für die charakteristische 
Eigenart dieser Pflanze stilisiert, erheblich früher 
als Eckmann und Hirzel in Deutschland ähn¬ 
liche Aufgaben gelangen. Dabei übt das Blatt 
eine gute dekorative Wirkung aus. Derartige rein 
florale Dekorationen finden sich auf dänischen 
Plakaten gar nicht so selten, in erster Linie 
natürlich auf Innenanzeigen. So schmückt eine 
Ankündigung von „Gyldendals Bibliotek“ ein 
hübsches Arrangement von gelbem Goldregen 
und zart lila Flieder, gezeichnet von Valdemar 
Andersen, so umrahmt eine wuchtig und effekt¬ 
voll dargestellte rot und gelbe Spalierblume 
eine riesige Ankündigung von „Vort Hjem“. 
Aber auch Außenplakate derart finden sich 
mehrfach. Wenn in Paris, Wien oder Berlin 
ein Blumenfest in einem Vergnügungslokal an¬ 
gezeigt werden soll, wird der Künstler sicher 
ein paar fesche Damen darstellen, die mit Rosen 
werfen oder sich in ähnlicher Weise nützlich 
beschäftigen. Karen Bramsen dagegen wählt 















8 


von Zur Westen, Dänische Kiinstlerplakate. 


zu ihrer Ankündigung des „Stör Blomsterfest i 
Tivoli“ eine Vase mit blauen Glockenblumen 
und roten Winden, und das, obwohl sie auch 
im figürlichen Plakate recht geschickt ist, wie 
ihr Blatt für Tidens Krav zeigt. Ganz sicher die 
schönste florale Affiche Dänemarks, überhaupt 
vielleicht das beste derartige Blatt, das ich kenne, 
ist das der „Tulipan-Udstilling“ (Abb. 3). Das 
Motiv ist ganz einfach — ein paar orange- und 
lilafarbene Tulpen in einer Henkelvase. Arrange¬ 
ment und Stilisierung sind höchst eigenartig, und 
wahrhaft bewundrungswürdig ist der subtile 
farbige Reiz des Blattes, den keine Abbildung 
wiedergeben kann. Alles in allem: vielleicht 
kein besonders wirksames Plakat, aber ein erst¬ 
klassiges Kunstblatt, übrigens auch rein technisch 
eine Meisterleistung der Lithographie. Das 
Monogramm vermag ich leider weder zu lesen 
noch zu deuten. 


Eine noch größere Rolle als das Blumenplakat 
spielt in Dänemark das Tierplakat Die in 
den Kopenhagener Porzellanen hervortretende 
Meisterschaft in der dekorativen Verwertung 
des Tierreichs bekundet sich auch hier. Das 
schöne Rundbild mit fliegenden Schwänen vor 
einer abendlichen Waldlandschaft, auf einem 
Innenplakat für „Wilhelm Bergsoe, Poetiske 
Skrifter“ hißt die Verwandtschaft der Ziele un¬ 
verkennbar hervortreten. Auch die drollige 
Darstellung einer Pinguinenschar in einer Eis¬ 
landschaft auf „Naermest Sydpolen“ von Dit- 
levsen ruft in mehr als einem Zuge die Erinne¬ 
rung an dänische Keramiker wach. Die von 
den Künstlern der Königl. Porzellanmanufaktur 
so oft dargestellten Kaninchen haben in Her- 
manscns „Kaninudstilling“ ihre würdige Ver¬ 
tretung auch in der Affiche erhalten. Eine 
große Rolle spielt ferner der Adler. Auf „Sam- 
fundet“ (Signatur G. L.) schwebt er an 
dem goldig roten Abendhimmel über dem 
Meere, in dessen Fluten sich eine turm¬ 
reiche Stadt spiegelt, auf „Illustreret Kultur¬ 
historie for Folket“ kreist er anscheinend 
über einem Chaos, aus dem sich die 
Formen der Erdoberfläche erst entwickeln 
sollen (Signatur S. O.), und auf „Björn- 
stierne Björnsons samlede Vaerker, Udgave 
for Folket“ von E. Krause senkt er sich 
zu den einfachen Leuten aus dem Volke 
herab, die den beschwerlichen Weg zu der 
steilen Felsenhöhe des Dichters nicht ge¬ 
scheut haben. Die Perlen unter den däni¬ 
schen Tierplakaten bilden aber zwei ano¬ 
nyme Affichen des Zoologischen Gartens 
in Kopenhagen. Die eine, die die Aus¬ 
stellung von „Giraffen i det Frie“ ankündigt, 
stellt eins dieser merkwürdigen Tiere beim 
Fressen dar (Abb. 12). Die Haltung der 
Giraffe ist außerordentlich charakteristisch 
wiedergegeben, die Stilisierung ist ebenso 
geschickt wie kräftig; mit fabelhafter 
Intensität hebt sich der gelbe, schwarz 
gefleckte Tierkörper von dem ziegelroten 
Grunde ab, aus dem die Schrift weiß 
herausleuchtet. Kürzlich war das Blatt 
bei einem Vortrag über Tierplakate in 
dem Berliner Verein der Plakatfreunde 
ausgestellt. Es hing mit vielleicht 20 
anderen künstlerischen Tierplakaten an 
einer Wand und trotzdem es mit Rand nur 



Abb. 7. Plakat für die Zeitschrift „Frem“ (Fragment). 
Von Knud Larsen. 







von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


9 



etwa 84/60 cm groß ist, schlug es sie in 
der Wirkung alle, lenkte es unwillkürlich die 
Blicke auf sich. Nur Steinlens prachtvoller 
„Cocorico“-Hahn übte auf seiner Wand einen 
ähnlichen Effekt; ihm kam allerdings auch 
seine imponierende Größe zugute. Übrigens 
sind fast alle dänischen Affichen von geringem 
Formate; ich kenne nur drei, die die Giraffe 
hierin wesentlich iibertrefifen. Aber auch nur 
hierin, denn an plakatmäßigem Effekte steht 
ihr keine voran. Sie ist eine geniale Leistung, 
an der unser Thomas Theodor Heine seine 
Freude haben würde. Leider war es mir nicht 
möglich, den Zeichner zu ermitteln. Denselben 
Mißerfolg hatte ich bei der Suche nach dem 
Autor der „Lappe Karavane“ (Abb. 9). Auch dies 
Blatt ist in seiner Art sehr hübsch; mit großer 
Naturtreue und doch dekorativ wirksam sind die 
Renntiere dargestellt, und die endlose Schnee¬ 
wüste, auf der sie sich bewegen, bildet einen 
effektvollen Hintergrund. Leider stört die 
etwas zu aufdringliche Schrift den künst¬ 
lerischen Eindruck des Blattes. 

Diese zuletzt beschriebene Affiche ist 
ein Mittelding zwischen dem eigentlichen 
Tierplakat und dem Landschaftsplakat, 
das in Dänemark gleichfalls ziemlich häufig 
ist. Ich gedachte bereits flüchtig der 
Affiche des berühmten Malerradierers 
Hans Nicoley Hansen für die Zeitschrift 
„Vort Land“: im Vordergrund ein alter¬ 
tümlicher Wetterhahn auf irgend einer 
Kirchturmspitze, der über ein weites Flach¬ 
land bis zum fernen Meere blickt. In¬ 
dessen hat das landschaftliche Plakat 
seinen Hauptmeister nicht in Hansen, son¬ 
dern in Knud Larseji , dem bekannten 
Landschaftsmaler. Seine schönste land¬ 
schaftliche Affiche ist „Vorhistorie den 
Nordiske Folkestamme“. Drei gewaltige 
Eichbäume, die ihre Zweige ineinander 
schlingen, symbolisieren die drei skandina¬ 
vischen Völker; dahinter erblickt man ein 
Hünengrab, der Grund ist golden. Weiß 
hebt sich die markige charakteristische 
Schrift von der Darstellung ab. Steigert 
sich Larsens Stil hier zu pathetischer 
Größe, so gibt er dagegen in seiner 
Anzeige für „Gyldendals Bibliotek“ ein 
schlichtes Motiv seiner jütischen Heimat, 
wie es Jacobsen so oft schildert, ebenso 
Z. f. B. 1907/1908. 


schlicht mit sichtlicher Liebe und echter Stim¬ 
mung wieder. Bedauerlicherweise leidet dies 
Blatt, wie sehr viele dänische Affichen, unter 
der Überfülle der Schrift, die der Besteller an¬ 
bringen ließ. Übrigens ist gerade Larsen außer¬ 
ordentlich geschickt in der Gestaltung ganz 
eigenartiger Schriftformen von trefflicher dekora¬ 
tiver Wirkung, wie seine Schriftplakate für 
„S. H. Kierkegaards Samlede Vaerker“ und 
„Prisnedsaettelse Restoplagene af over 1000 
Boger“ beweisen. Andrerseits ist aber gerade 
hier seine Schrift ganz merkwürdig schwer 
lesbar und würde auf Anzeigen, die sich nicht 
an ein gebildetes Lesepublikum wenden, völlig 
unmöglich sein. Nur ein figürliches Plakat von 
Knud Larsen ist mir bekannnt — es dient der 
Zeitschrift „Prem“, zu deutsch „Vorwärts“, als 
Anzeige (Abb. 7). Es ist eine der wenigen däni¬ 
schen Affichen großen Formats und zeigt die 
Halbfigur eines Mannes, der mit erhobener 


F/&M0RKETILLYS 


Abb. 8. Plakat für De Hjemloses Dag. 
Von Valdemar Andersen. 






IO 


von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 



LÄPPE 

KARAVANEtog 
RENSDYRK0RSEL 

mgmm Restauranten er opvarmel. w 

Zoologie mi 


Abb. 9. Plakat für die Lappländer-Ausstellung im Zoolo¬ 
gischen Garten zu Kopenhagen. Anonymer Künstler. 


Fackel durch einen dichten Wald vorwärts 
stürmt, einem offenen Platze zu, der ihm einen 
Ausblick auf den am Himmel leuchtenden 
Stern gestattet. So möchte ich wenigstens die 
Darstellung deuten; und will hoffen, daß ich 
mit dieser Auslegung das richtige getroffen 
habe. Das Blatt hat einen wahrhaft monu¬ 
mentalen Stil; der Ausdruck nervösen, halb 
hoffenden, halb verzweifelten Vorwärtsstrebens 
aus Nacht zum Licht, aus krauser Dunkelheit 
zu dem von ferne strahlenden Lichte der Er¬ 
kenntnis, ist mit bewundernswerter Kunst wieder¬ 
gegeben. 

Zwischen dieser letzterwähnten Larsenschen 
Affiche und der kleinen Innenanzeige Einar 
Nielsens für „Ungdom“ (Abb. 14), ein Jahrbuch 
der jüngeren dänischen Literatur, auf dem ein 
Elternpaar in der Person seines Kindes der 
Jugend huldigt, besteht eine gewisse Ähnlich¬ 
keit der Empfindungsweise, dafür aber ein 
starker stilistischer Gegensatz. Herrschte dort 


heftige ekstatische Leidenschaft, lebhafte 
Bewegung, so wird hier der Eindruck 
stiller Feierlichkeit durch hieratische Steif¬ 
heit und absolute Bewegungslosigkeit 
hervorgerufen. So sehr der dänische 

Plakatist zur Anbringung derartiger sym¬ 
bolischer Beziehungen neigt, so vermeidet 
er doch andrerseits gern die Wiedergabe 
seiner Ideen durch figürliche Darstellungen; 
er entnimmt seine Symbole lieber der un¬ 
belebten Natur. Ernst Krause z. B., dessen 
eine Affiche für die Volksausgabe von 
„Björnstjerne Bjömsons Samlede Vaerker“ 
ich bereits erwähnte, hat für dasselbe 
Werk noch ein Plakat gezeichnet, in dem 
er die Dichtungen Bjömsons mit einem 
Wasserfalle vergleicht, der von einer 
steilen Felswand herabstürzt und im Auf¬ 
prall die Gewässer der Ebene hoch- 
aufschäumen läßt. Harald Slott-Möller 
ferner hat in seinem Plakat „ 0 sten“ als 
Verkörperung des Orients eine Statue des 
sitzenden Buddha gewählt. In der tech¬ 
nischen Ausführung ist das Blatt vielleicht 
ein Unikum. Das goldne Bild des Gottes 
auf weißem Sockel hebt sich nämlich in 
starkem I lochrelief von hellblauem Grunde 
ab; auch die Strahlengloriole und die 
goldenen Umrahmungen der weißen Wölk¬ 
chen sind teilweise in Reliefdruck ausge¬ 
führt. Die Schrift ist hellblau auf weißem 
Grunde gedruckt. Als Reklamekarten und Aus¬ 
stellungseinladungen sind Glyptographien und 
sonstige Reliefdrucke bekanntlich häufig ver¬ 
wendet worden; Charpentier, Dubois, Martin 
Schauß haben unter andern derartige Arbeiten 
geschaffen; auf dem Gebiete der Affiche weiß 
ich dagegen außer „Osten“ kein in ähnlicher 
Technik ausgeführtes Blatt; die Herstellungs¬ 
kosten dürften auch hindernd entgegenstehen. 
— Von Harald Slott-Möller kenne ich außer 
diesem noch drei Plakate, die den besonders 
als geschmackvollen Koloristen bekannten Maler 
auch als einen eigenartigen Plakatkünstler kenn¬ 
zeichnen. Auf dem einen ist eine rothaarige 
Schönheit in grünem Reformkleid dargestellt, 
die in die Lektüre der Zeitung „Politiken“ ver¬ 
tieft ist. Das mäßige Format des gelesenen 
Exemplars steht in Gegensatz zu dem früheren 
Riesenformat der Zeitung, von der die Vorderseite 
einer Nummer, in Originalgröße faksimiliert, den 









von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


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e r na paabegijndt i FREM. Ntj tiltcccdende-flbonaefttca 
fra Janaac Hutl. faar 8cjui\delsca(32 Sider)icatis. 

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Ä. JlBJkkA. JilüestiUesiaUeßo^ladecoJ Postkonto rer. 
Det aocdishc Forla* Bojforlajet Ernst Boiesen 


Abb. io. Plakat für die Zeitschrift „Frem* 
Von Knud Larsen. 


ganzen Hintergrund einnimmt. Haupt¬ 
zweck der Affiche war natürlich die 
Änderung des Formats zur Kenntnis 
des Publikums zu bringen. Als An¬ 
zeige für „Gyldendals Bibliothek, 
dansk ognorsk“ dient ein Drachen¬ 
schiff, das auf seinen Segeln die 
Wappen Dänemarks und Norwegens 
zeigt und mit mächtigen Holz¬ 
stämmen beladen ist, von denen jeder 
mit dem Namen eines Schriftstellers 
der beiden Reiche bezeichnet ist. 

Eine Darstellung des babylonischen 
Turmes auf einem schwarzweißen 
Innenplakat empfiehlt die Wörter¬ 
bücher des Gyldendalschen Verlages. 

Weniger glücklich als Slott-Möller 
ist Einar Hein mit einer literarischen 
Symbolik gewesen. Er wollte auf 
einer Ankündigung von Gyldendals 
Bibliothek zur Anschauung bringen, 
daß die ganze dänische Literatur, 
von Ludwig Holberg bis Holger 
Drachmann und Sophus Schaudorph 
aus einer Wurzel entsprossen sei, daß 
die einzelnen Dichter gewissermaßen 
Früchte eines gewaltigen Baumes 
seien. Diese Idee hat er aber in 
recht äußerlicher Weise dadurch 
ausgedrückt, daß er die Köpfe der 
einzelnen Dichter in dem Laubwerk 
eines mächtigen Baumes auftauchen 
läßt. Man möchte glauben, ein wilder 
Volksstamm habe Dänemark mit Krieg über¬ 
zogen und die Häupter seiner Feinde nach 
afrikanischer Sitte als Trophäen aufgehängt. 
Auch manche unleugbare Vorzüge des Blattes, 
auch die wirklich sehr schöne Landschaft des 
Hintergrundes vermögen mich nicht mit der 
grausamen Geschmacklosigkeit des Hauptmotivs 
zu versöhnen. 

So beliebt aber auch die allegorische Be¬ 
ziehung im dänischen Plakate ist: eine ihrer 
Formen, die in Deutschland recht verbreitet ist, 
habe ich in Dänemark gar nicht gefunden — 
die klassizistischen Idealgestalten der Musik, 
Kunst, Industrie usw., die auf unsern Aus- 
stellungs- und Festplakaten noch immer eine 
so große Rolle spielen. Eine mir vorliegende 
Ankündigung der „Kunstnernes Efteraars Ud- 
stilling“ in Charlottenborg von G. Rohde enthält 


lediglich Schrift auf teilweise ornamentiertem 
Grunde, und die Anzeige eines Salon des Refuses 
von Gjer sing „Udstilling af Arbeider afviste fra 
Charlottenborg“ zeigt die Gestalt eines Künst¬ 
lers, dessen Kopf man nicht sieht; der Ab¬ 
gewiesene steigt, sein verschmähtes Bild unter 
dem Arm, die Freitreppe des offiziellen Kunst¬ 
tempels herab. Die ernste, sinnlicher Schön¬ 
heit völlig entbehrende Frauengestalt auf Kong¬ 
stad Rassmussens Festplakat „Folketshave“ er¬ 
innert in keinem Zuge an klassische Kunst. 
Frantz Schwartz hat in seiner schönen An¬ 
kündigung von „Det andet Skole-Sangstaevne“ 
(14.—16. Mai 1905) ins Mittelalter zurück¬ 
gegriffen und eine Frau im Kostüm des 
XIII. Jahrhunderts dargestellt, die aus einem 
Käfig zahlreiche gefiederte Sänger in die Frei¬ 
heit entläßt — ein sinnig erdachtes, »farbig 
























12 


von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 



Er ist kein grimmer Satiriker; sein 
Witz tut nicht weh, gehört nicht 
zur Richtung des „Simplizissimus“, 
sondern der „Fliegenden Blätter“. 
Manchem seiner Plakate haftet ein 
bildmäßiger Zug an, der ihren Effekt 
beeinträchtigt. Das gilt besonders 
von der Anzeige des Familienblattes 
„Hver 8 Dag“. Hier ist eine Straßen¬ 
szene bei Ausgabe einer neuen 
Nummer des Blattes dargestellt, die 
das riesige Interesse des Publikums 
für die angepriesene Zeitung an¬ 
schaulich machen soll, ein Motiv, 
das in verschiedenen französischen 
Affichen aufs glücklichste verwertet 
worden ist. Bei Schmidt fehlt eine 
einheitliche Gesamtwirkung völlig, 
die Darstellung fallt in eine Menge 
zusammenhangsloser Gruppen und 
Einzelpersonen auseinander, die ziem¬ 
lich kleinlich aufgefaßt sind, auch 
der farbige Eindruck ist ein recht un¬ 
günstiger. Vielleicht war dies eine 
der frühesten Arbeiten des Künstlers 
auf unserem Gebiete; in andern 
Blättern wird er den Erfordernissen 
des Plakatstils besser gerecht, wenn 
er auch, wie bereits bemerkt, eine 
gewisse Bildmäßigkeit niemals völlig 


Abb. n. Plakat für „Mark Twain i Udvalg“. 

Von Alfred Schmidt. 

geschmackvolles Blatt von guter dekorativer 
Wirkung (Abb. 13). 

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die 
Motive der bisher besprochenen Affichen, so 
muß wohl jedem, der die Plakatkunst der anderen 
Länder kennt, zweierlei auffallen: einerseits der 
Ernst, die bisweilen sogar melancholische Stim¬ 
mung, die die Produktion beherrschen, andrer¬ 
seits das Zurücktreten von Darstellungen aus 
dem modernen Leben hinter ornamentalen, 
landschaftlichen, symbolischen Kompositionen. 
Welche Rolle spielen nicht in der Plakatmalerei 
Frankreichs, Englands, sogar Deutschlands und 
nicht zum wenigsten des nahen Schwedens die 
Karikaturisten, die humorischen Zeichner. In 
Dänemark findet sich meines Wissens nur ein 
Künstler, der sich in seinen Affichen an die Lach¬ 
lust des Beschauers wendet — Alfred Schmidt. 


überwindet. In der kleinen Innen- 
affiche für ein eignes Illustrations¬ 
werk „Jenses Oplevelser“ hat diese 
Manier ihre Berechtigung; das Blatt soll im 
Innenraume betrachtet werden und da wird die 
drastische Szene von einem Tanzboden der 
Soldaten und Dienstboten den Beschauer gewiß 
amüsieren. Recht glücklich erfunden ist die 
Anzeige von S. Schmidts „Elastike Lampen¬ 
glas“. Einer der angepriesenen Lampenzylinder 
von riesiger Größe ist auf einen brennenden 
Holzstoß gestellt; in ihm steigt dichter Rauch 
empor, um ihn herum lecken die Flammen und 
— er platzt dennoch nicht. Zwei wohlbeleibte 
Herren, von deren Stirnen der Schweiß tropft 
und die sich wegen der kolossalen Hitze ihrer 
Röcke, ja sogar ihrer Kragen entledigt haben, 
betrachten erstaunt das Wunder; der eine hat 
einen Thermometer in der Hand, dessen Queck¬ 
silber bereits weit über die Skala hinausge¬ 
stiegen ist. Wenn wir das sehen, können wir 



















von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 


I 


gewiß nicht mehr zweifeln an der Wahrheit 

o 

der Aufschrift, nach der die Zylinder die 
stärkste Hitze aushalten, ohne zu platzen. 
„Politikens Gratis Reise rundt om Jorden“, das 
mehr auf den plakatmäßigen Effekt hin stilisiert 
ist, bietet im übrigen kein besonderes Interesse; 
es zeigt einen Herrn im Reisekostüm, der durch 
ein Fernglas blickt, auf dessen äußeren Flächen 
sich die Kartenbilder der alten und neuen Welt 
spiegeln. Am interessantesten erscheint mir „Mark 
Twain i Udvalg“ (Abb. u). Die dargestellte 
Szene — ein enorm dicker Mann mit höchst 
arroganter Miene bei der Morgentoilette in seinem 
mit den Bildern der alten Königin Viktoria und 
ihren Gatten geschmückten Schlafzimmer — 
wird sich wohl auf eine Episode aus dem Inhalt 
der Mark Twainschen Schriften beziehen. Mit 
Alfred Schmidts Arbeiten ist die Reihe der mir 
bekannten humoristisch gefärbten dänischen 
Affichen im wesentlichen erschöpft. Nur die 
Ankündigung einer von E. E. Jensen verfaßten 
Geschichte der Karikatur könnte hierher ge¬ 
rechnet werden. Die Karikatur ist hier sym¬ 
bolisiert durch ein halbnacktes, rothaariges 
Weib, die eine mit Clownsköpfen dekorierte 
Pauke schlägt, auf der ein bocksfiißiger Faun 
mit einem Skizzenbuch unter dem Arm hockt. 
Hier hat wohl mehr das Sujet die Art der 
Darstellung bestimmt als die Neigung des 
Künstlers. Denn dieser, Carsten Raun, der 
das Blatt 1904 in Paris gezeichnet hat, be¬ 
kundet einer andern, 1906 gleichfalls in Paris 
entworfenen Affiche des Kopenhagener Panop- 
tikon, auf der er den Transport russischer Anar¬ 
chisten nach Sibirien dargestellt hat, eine 
starke Neigung für die Schilderung blutrünstiger, 
sensationell aufgeputzter Greuelszenen. Plier 
regnet es Knutenhiebe und das rote Blut 
stürzt stromweise von den Gesichtern der Ge¬ 
fangenen. 

Wohl noch auffälliger als die geringe Be¬ 
deutung des humoristischen Elements in der 
dänischen Affiche ist die seltene Benutzung 
von Stoffen aus dem modernen Leben. Der 
hübsche Kinderkopf auf der Anzeige von 
Hjemmets Novellen von Th. J. kann kaum hier¬ 
her gerechnet werden (Abb. 6). Sehen wir von 
den Arbeiten Paul Fischers in seiner französisch 
beeinflußten Epoche ab, bleiben eigentlich nur 
einige wenig bedeutende Blätter von Rasmus 
Christiansten, F. Kraul , St. Ussing und einige 



Abb. 12. Plakat für den Zoologischen Garten in Kopen¬ 
hagen. Anonymer Künstler. 


Affichen Valdemar Andersens übrig, zu dessen 
Werk wir uns jetzt wenden. 

Ein Blatt von ihm habe ich bereits erwähnt 
— ein Arrangement von Goldregen und lila 
Flieder auf einer Ankündigung von Gyldendals 
Bibliothek. Derselbe Mann, der hier eine florale 
Dekoration mit der Geschicklichkeit des pro¬ 
fessionellen Blumenmalers entworfen und dabei 
eine farbige Wirkung von ausgesuchter Zart¬ 
heit erzielt hat — hat in anderen Affichen 
düstere Bilder von Not und Elend uns vor¬ 
geführt, hat Gestalten des modernen Lebens 
mit wuchtigem Realismus dargestellt, hat aber 
auch Ankündigungen von Ausstellungen und 
Festen voll heiterer Pracht geschaffen, hat ge¬ 
legentlich frischen Humor und frei gestaltende 
Phantasie gezeigt. Eine starke Eigenart bekun¬ 
det sich in fast allen seinen Blättern — nur ein 
einziges kenne ich, in dem er nicht ganz er selbst 
ist, eine der zahlreichen Anzeigen der Zeitschrift 
„Frem“. Da sieht man einen Mann und eine 
Frau einherschreiten; er in hellgelbem hemd¬ 
artigem Gewände, eine brennende Fackel in der 
Hand, eilt selbstbewußt vorwärts, sie in weißem 








14 


von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate. 



SKOLE- > 
SHNGSTftUNE 


flRBNINGSHelTIDELIGHED S0HORC o.H MRJ KL 5-EM 
RfSLUTTENOE SRNGRfDELINO TlRiDRG 0 I 6 MRJ Kl 8 EM 

IRRRDHUSHRLLEIN 


SfiNGflFDELINCER • MRNDAG d.IS ogT|P$DAGo 16 
KL: 9 • KL. 12 00 KL: 3 . 


I • ODD • FELLOW- PRLFEET. 

KIRKEKONCERTEN*MRNOflGo.l5 Kl:7 EM 

I • VOR- FRUE- KIRKE 
OGlFREDERIKSKIRKEN 


Kleide läßt sich mit geschlossenen Augen willig 
führen und streut aus einem Korbe Blumen auf 
den Weg. Das Blatt hat etwas Unwahres, Ge¬ 
künsteltes, und aus der Formengebung spricht 
der Geist der Grassetschule. Aber in allen 
anderen mir bekannten Blättern findet man 
solche Anklänge nicht, zeigt Andersen einen 
höchsteigenen, ganz persönlichen Stil. Er hat 
es verschmäht, sich, wie so mancher viel¬ 
beschäftigte Plakatist ein bequemes Schema zu¬ 
recht zu machen, er plagiiert sich niemals, mit 
jedem neuen Gegenstände weiß er sich in neu¬ 
artiger Weise abzufinden. Dabei schreckt er, 
obwohl er das Figürliche bevorzugt, nicht davor 
zurück, gelegentlich ein reines Landschaftsbild 


zu geben, wie in „Helge Holst Elektriciteten“. 
13 a zuckt aus finsterem Gewitterhimmel ein ge¬ 
waltiger Blitz herab und fahrt in den Blitz¬ 
ableiter des Kirchturms, die Dächer der Häuser 
mit ihren Schornsteinen und Telegraphendrähten 
grell beleuchtend. Den denkbar stärksten 
Gegensatz zu diesem düstern Nachtstück bilden 
die Blätter „Tivoli“ mit einem maskierten Clown 
in rosa und grün karriertem Kostüm, der auf 
einem Pfau reitet, und „Dansk koloniudstilling“, 
eine reich geschnitzte (Liiere, die durch den 
bewegten Ozean den fernen Ländern zustrebt, um 
die Produkte zu holen, die man in vier kleinen 
Eckschildern abgebildet sieht (Abb. 4). Durch 
helle, lichte Töne hat der Künstler hier einen 
festlich frohen Eindruck erzielt. 
In der Anzeige der „Bade¬ 
anstalten Kjöbenhavn“ stellt 
er einen Mann dar, der mit 
sichtlichem Vergnügen eine 
starke Dusche über sich er¬ 
gehen laßt. Wie einzelne vom 
Sonnenlicht getroffene Partien 
sich hell herausheben, während 
der übrige Teil des Körpers 
im Dunkeln bleibt, wie das 
Wasser ihn vollständig über¬ 
rieselt, wie einzelne Tropfen im 
Aufprall seitlich abspritzen,das 
ist mit außerordentlichem Ge¬ 
schick wiedergegeben und 
mit äußerst geringen Mitteln 
eine vorzügliche Plakatwirkung 
erzielt. Glänzend tritt hier 
die freie malerische Behand¬ 
lungsweise, die großzügige, 
von allem Kleinlichen freie 
Manier des Künstlers in die 
Erscheinung. Sie zeigt sich 
auch in seinen übrigen Ar¬ 
beiten. Wie überzeugend 
lebenswahr und dabei wie 
dekorativ wirksam ist die 
Gruppe der beiden Arbeiter 
auf der Affiche der „Amtsud¬ 
stillingen i Haslev“ (7. bis 
22. Juli 1906) hingestellt! 
(Abb. 5). Welche unbewußte 
Größe liegt in diesen Ge¬ 
stalten, die sich in wuchtigem 
Umriß von dem Blau des 


Abb. 13. Plakat für Skole-Sangstsevne. 
Von Frantz Schwanz. 





















von Zur Westen, Dänische Künstlerplakate, 


15 


Hintergrunds abheben! Welches erschütternde 
Bild menschlichen Elends hat er dagegen in der 
Jammergestalt des Obdachlosen gezeichnet, der 
in der Winternacht frierend an einer Laterne 
steht, auf einer der beiden Ankündigungen für 
„De Hjemloses Dag“ (12. Dezember 1905)! In 
dem andern, demselben Zwecke gewidmeten 
Blatte klingt dagegen ein hoffnungsvollerer Ton. 
Eine unzählige Menge strömt aus der Finster¬ 
nis einem glänzenden Gestirne entgegen, in 
dessen Mitte ihr das Wort „Arbeit“ entgegen¬ 
leuchtet (Abb. 8). Wie hier die Vielheit zu einer 
Einheit zusammengeschlossen ist, wie hier das 
Vorwärtsdrängen der von einem Willen beseelten 
Menge überzeugend geschildert ist, das ist 
meiner Empfindung nach schlechthin bewund- 
rungswürdig. Ich weiß nicht, ob Andersen 
seine, größtenteils bei Sophus Kruckow vor¬ 
trefflich gedruckten Plakate selbst auf den Stein 
gezeichnet hat, aber ich bin davon überzeugt; 
denn daß eine Übertragung durch die Hand 
eines Lithographen den Intentionen des Künst¬ 
lers in solchem Grade gerecht werden könnte, 
vermag ich nicht zu glauben. Im Gegensatz 
zu der ruhigen Geschlossenheit der meisten 
Kompositionen des Künstlers herrscht in seiner 
zweiten Affiche für „Frem“ eine gewaltige, leiden¬ 
schaftliche Erregung. Mit erhobener Fackel 
braust der Sonnengott auf seinem Wagen da¬ 
her; wundervoll ist sein erregtes Vorwärtshasten, 
ist die Bewegung der schnaubenden Rosse 
wiedergegeben. 

Unzweifelhaft ist Andersen die bedeutendste 
Erscheinung, die das dänische Plakat bisher 
besitzt und auch über die Grenzen seines Vater¬ 
landes hinaus verdient er die Beachtung aller 
Freunde der angewandten Graphik. Erfreulicher¬ 
weise hat er auch bei seinen Landsleuten die 
verdiente Anerkennung gefunden; wie mir mit¬ 
geteilt wurde, hat er in einer Plakatkonkurrenz, 
bei der das Publikum Preisrichter war, den 
ersten Preis errungen. Ob unser deutsches 
Publikum ebenso geurteilt haben würde, ob 
nicht seiner großen kraftvollen Kunstweise 
irgend eine süßliche Niedlichkeit vorgezogen 
worden wäre — wer möchte es entscheiden! 
Jedenfalls stellt das Votum dem Geschmack 
des dänischen Volkes ein ehrendes Zeugnis 
aus und läßt erwarten, daß Andersens Auf- 



AARBOG 

FOR DEN•UNGE DANSKE 


LITTERATUR 



Abb. 14. Plakat für das Jahrbuch Ungdom. 

Von E i n a r Nielsen. 

treten der dänischen Plakatkunst einen neuen 
Ansporn geben, daß sein Beispiel ihr auch eine 
nähere Verbindung mit dem Leben der Gegen¬ 
wart vermitteln wird, die ihr noch allzusehr fehlt. 

Wir sind am Ende. Allzugroß ist die Zahl her¬ 
vorragender Arbeiten noch nicht, die die dänische 
Plakatkunst aufzuweisen hat, aber sie kann sich 
bereits einer beträchtlichen Menge höchst re¬ 
spektabler Blätter rühmen, die im Gegensatz 
zu andern Ländern fast gar keine Spuren fremder 
Beeinflussung zeigen. Daß ihr Heiterkeit und 
Grazie fehlen, daß sie in ihrem Grundzuge ernst 
und sogar melancholisch ist, daß ihr in ihrer 
äußeren Haltung eine gewisse Schwerfälligkeit 
anhaftet, sind Eigenschaften, die sie mit der 
dänischen Malerei teilt und die aus dem dänischen 
Volkscharakter fließen. 










Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 

Von 

Dr. Karl Schottenloher in Bamberg. 



ibliotheken sind von jeher der Stolz der 
Klöster und besonders jener Ordens¬ 
häuser gewesen, die neben dem be¬ 
schaulichen Leben besonders die Wissenschaft 
gepflegt haben. Die mittelalterlichen Kloster¬ 
büchereien waren dazu bestimmt, in ihren Be¬ 
ständen die Geisteswerke des Altertums von 
Geschlecht zu Geschlecht fortzuerben, bis die 
Zeiten erfüllt waren und der I Iumanismus die 
still verborgenen Bücher aus ihren Verstecken 
holte und sie mit Hilfe der neuen Erfindung 
der Buchdruckerkunst in den Mittelpunkt der 
gelehrten Bildung rückte. Wer die Schätze 
vieler unserer heutigen Bibliotheken kennt, die 
in ihren wertvollsten Teilen auf ehemalige 
Klosterbibliotheken zurückgehen, weih den hohen 
Kulturwert zu schätzen, der in den Gewölben 
der Klöster in einer langen Reihe von Jahren 
und Jahrhunderten durch die Verfertigung von 
Handschriften und den Kauf von Drucken auf¬ 
gespeichert worden ist. Und der stille Raum 
einer Klosterbibliothek vermag mit seinem eigen¬ 
artigen Reiz auch das empfängliche Auge 
dessen zu fesseln, welcher den Geist nicht ver¬ 
stehen kann, der in den kahlen Zellen eines 
Klosters wohnt. Der Pinsel des Malers hat oft 
genug den wundersamen Zauber einer der¬ 
artigen klösterlichen Stätte in prächtige Farben 
getaucht. In solchen Räumen haben sich zu 
allen Zeiten gern Besuche eingefunden, die in 
den Büchern ihren Wissensdurst stillen wollten 
und in emsiger Arbeit forschten oder sich mit 


einem kurzen Eindruck der Poesie einer Kloster¬ 
bibliothek begnügten. 

Aus stiller Waldeinsamkeit grüßt uns noch 
heute das ehemalige Kloster Ebrach im Steiger¬ 
walde und erzählt uns mit seinen weiten Hallen 
aus den vergangenen Tagen der Größe und 
des Reichtums. Es ist selbstverständlich, daß 
in diesen Räumen die zum eisernen Bestände 


eines Cisterzienser-Klosters gehörende Biblio¬ 
thek nicht gefehlt hat. Freilich waltete über 
den Büchern, die von ihren Schränken aus 
das Grün des prächtigen Klostergartens 1 2 und 
des herrlichen Steigerwaldes schauen konnten, 
kein glücklicher Stern. Mehrere Male lief das 
Feuer durch die kostbaren Bestände und ver¬ 
nichtete einen großen Teil der Schätze.* Aber 
die Sorgfalt der Mönche versuchte immer wie¬ 
der die Lücken zu füllen und brachte es zu¬ 
wege, daß allezeit eine stattliche Bibliothek zu 
Gebote stand, die mit ihren Schätzen zahlreiche 
fremde Besuche anlockte. Es liegt uns kein 
Fremdenbuch vor, das uns die großen und 
kleinen Namen aller derer aufzählen könnte, 
die die stattliche Ebracher Klosterbibliothek 
besucht und benutzt haben. Nur einige wenige 
Namen hat uns ein günstiges Geschick hinter¬ 
lassen. Diese sollen in den folgenden Aus¬ 
führungen genannt und durch die Namen 
einiger ungeladener Gäste ergänzt werden, die 
durch ihren unwillkommenen Besuch entschei¬ 
dend auf das Schicksal der Bibliothek in Ebrach 
eingewirkt haben. 

Die meisten gelehrten Besuche erhielten 
die Klöster in der Zeit des Humanismus, da 
die begeisterten Anhänger des klassischen 
Altertums von Kloster zu Kloster zogen und 
die Bücherbestände durchstöberten, um ihr 
Wissen zu bereichern und nach alten Hand¬ 
schriften zu suchen. In Ebrach fand sich in 
den ersten Jahren des XVI. Jahrhunderts der 
berühmte „Erzhumanist“ Conrad Celtis ein, um 
auch hier wie in vielen anderen Klosterbiblio¬ 
theken die Bücherbestände nach ünbekannten 
handschriftlichen Werken durchzusuchen. Das 
Glück war ihm günstig. Als er später einmal 
nach Augsburg kam und von seinen PYeunden 
gefragt wrnrde, ob er auf seinen Reisen durch 
Deutschland unbekannte Schriften gefunden 


1 A Bibliotheca, ... est amoemissimus prospectus ad Hortum Conventualem amplissimum iucundis ambulacris 
distinctum areolis, fructibus diversisarboribusque fertilibus consitum (Brevis notitia monasterii B. V. M. Ebracensis 
1738 . S. 43 ). 

2 „Ita in apice tecti bibliothecae seriptum olim legebatur: „Ecce Lector! Bibliotheca nostra conflagrat tertia jam 
vice in uno saeculo spatio 73 annorum, scilicet 1518, 1525 et 1585.“ (Jaeger, Joh., Verzeichnis der Äbte und Religiösen 
der eist-Abtei Ebrach . . . Bregenz 1903. S. 55.) 






Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


17 



Kloster Ebrach. 


habe, zeigte der glückliche Finder den Ligu- 
rinus vor, den er in Ebrach entdeckt hatte. 
Die Augsburger Freunde, Namen vom guten 
Klang: Marquard von Stein, Matthäus Marschalk, 
Bernhard und Konrad Adelmann, Konrad Peu- 
tinger und Georg Herbart durften die Dichtung 
lesen und wurden durch diese so befriedigt, 
daß sie Celtis zur Drucklegung des gefun¬ 
denen Werkes aufforderten. Celtis verhandelte 
dann auch mit einem Buchdrucker, konnte 
aber zu keinem Ergebnis gelangen und beschloß, 
Augsburg wieder zu verlassen. Da nahmen 
sich die Freunde der Angelegenheit an, um 
das einzige Exemplar des Heldengedichtes vor 
Schaden und Untergang zu retten und die hier 
besungenen Taten des Kaisers Friedrich I. der 
Nachwelt zu erhalten. Durch ihre Unterstützung 


wurde im April 1507 die Drucklegung ermög¬ 
licht, die der Augsburger Buchdrucker Erhard 
Oeglin besorgte. 1 Der rührige Buchhändler 
Johann Rynmann übernahm den Verlag des 
Druckes und wurde dafür von Celtis in der 
Schrift mit einem Lobgedicht gefeiert, das die 
Verdienste des Augsburger Buchhändlers um 
die Verbreitung der Bücher preist. 2 3 Am Ende 
des Druckes wird das Werk der deutschen 
Jugend zur Lektüre empfohlen und den Pro¬ 
fessoren der deutschen Universitäten, die über 
lateinische Sprache Unterricht geben, zu Vor¬ 
lesungen unterbreitet, so Conrad Celtis in Wien, 
Hieronymus Baidung in Freiburg, Heinrich 
Bebel in Tübingen, Jacob Philomusus in Ingol¬ 
stadt, Hermann von der Busche in Leipzig .-3 
Die Herausgeber waren mit dem schlechten 


1 Ligurini de gestis Imp. Caesaris Friderici primi Augusti libri decem carmine Heroico conscripti nuper apud 
Francones in silva Hercynia et druydarum Eberacensi coenobio A Chunrado celte reperti postliminio restituti. Bl. L s ’ 
Guntheri Ligurini Poetae . . . Decem libri feliciter editi et impressi per industrium et ingeniosum Magistrum Erhardum 
Oeglin civem Augustencem 1507 mense Aprilis. 

2 Sign. S3’ Epigramma ad Johannem Rymannum per universam Germaniam librarium et bibliopolam . . . vgl. 
Kirchhoff (Albr.): Beiträge zur Geschichte des deutschen Buchhandels. I. Bd. Leipzig 1854 S. 28. Celtis rühmt vor 
allem, daß Rynmann griechische Bücher vertreibe. Daß dieser Buchhändler schon frühe, als in Deutschland noch kaum 
griechische Lettern im Gebrauch waren, griechische Werke auf Lager hatte, zeigt ein Brief von Johann Vigilius aus dem 
Jahre 1495, wo der Briefschreiber seinen Freund Celtis bittet, er möge dem Bischof Johann Dalberg bei dem in Aus¬ 
sicht stehenden Besuch in Ingolstadt ein griechisches Buch schenken. Wenn er kein solches aus seiner Bibliothek 
entbehren könne, so möge er ihm irgend ein lesenswertes griechisches. Werk von Johann Rynmann anbieten. (De vita et 
scriptis Conradi Celtis Protucii opus posthumum B. Engelberti Klüpfelii. P. I. Freiburg 1827 S. 166.) 

3 Eine gute Beschreibung des Druckes gibt B. Engelb. Klüpfel: De vita et scriptis C. Celtis . . . opus . . . P. II. 
S. 123—128. Dort werden auch die späteren Ausgaben des Ligurinus angeführt. 

Z. f. B. 1907/1908. 3 


















i8 


Schotlenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


Druck freilich wenig zufrieden. Bernhard Adcl- 
mann schickte das Werk seinem Freund Bo- 
hushas von Hassenstein und beklagte sich über 
die Sorglosigkeit des Druckers und die Fehler¬ 
haftigkeit seiner Arbeit. 1 

Dieses Heldengedicht auf Kaiser Friedrich 
hat ein merkwürdiges Schicksal gehabt. Nach¬ 
dem es in mehreren Ausgaben erschienen war, 
wurde es von Senckenberg im Jahre 1737 als 
eine Fälschung des Celtis für unecht erklärt. 
Erst im Jahre 1870 wurde die Dichtung gleich¬ 
zeitig von den zwei Gelehrten Pannenborg und 
Gaston Paris wieder geprüft und ein für alle 
Male als echt festgestellt. 2 3 4 * Senckenberg hatte 
einst das Gedicht für gefälscht gehalten, weil 
es nichts anderes als den Inhalt der Gesta 
Friederici wiedergäbe und in einer für das 
XII. Jahrhundert zu reinen Sprache geschrieben 
wäre. Da ist es nun von großem Werte, zu 
wissen, daß Celtis in der Tat die Ligurinus- 
Handschrift in Ebrach gefunden hat. Für diese 
Tatsache ist uns außer der Angabe des Finders 
eine Bestätigung durch den Bamberger Kano¬ 
nikus Lorenz Beheim überliefert worden. Sein 
Freund Willibald Pirckheimer teilt ihm in einem 
Briefe mit, daß Celtis vorhabe, den Ligurinus 
herauszugeben. Darauf antwortet Beheim, Celtis 
tue gut daran, wenn er endlich seinen Dieb¬ 
stahl zum Gemeingut machen wolle. Er wisse, 
wer mit ihm gewesen sei, als er jenes Buch 
aus dem Kloster Ebrach erhalten habe. Ob¬ 
gleich es ihm nur geliehen worden sei, habe 
er es bis jetzt noch nicht zurückgegeben. Doch 
das gehöre nicht zur Sache. Der Ligurinus 
solle nur erscheinen. 3 

So erging es dem Kloster Ebrach wie vielen 
anderen Klöstern der damaligen Zeit, die ihre 
Schätze zu sorglos an die wandernden Huma¬ 
nisten hinausgaben und in vielen Fällen auf die 


Rückgabe verzichten mußten. Vielleicht wäre 
aber die wertvolle I landschrift dem Kloster 
auch ohne die Skrupellosigkeit des Celtis bei den 
Bränden der späteren Zeit verloren gegangen. 

Schon im Jahre 1518 vernichtete das Feuer 
einen guten Teil der Bibliothek. 

Einen größeren Verlust erlitt bald darauf 
das Kloster durch den gewaltsamen Einbruch 
der Bauern im Jahre 1525. Die wütenden 
Scharen vernichteten fast sämtliche Bücher der 
stattlichen Bibliothek. Abt Johannes Leiter¬ 
bach schätzte den Schaden auf mindestens 
2000 Gulden. Auch alle Gesangbücher wurden 
geraubt; der Wert derselben betrug 500 Gulden. 
Es bedurfte wohl langer Zeit, bis sich die 
Bibliothek des vollständig geplünderten Klosters 
wieder erholte. 

Imjahre 1585 wurde bereits wieder ein Teil der 
Bibliothek durch Feuer vernichtet, das durch 
die Unvorsichtigkeit eines Mönches im Schlaf¬ 
raum entstanden war.* Der Abt Hieronymus 
(1591 —1615) gab sich alle Mühe, die Bücherei 
wieder herzustellen und wurde in diesem Be¬ 
mühen durch das Kloster Schwarzach kräftig 
unterstützt, das seine Dubletten zur Verfügung 
stellte, s 

Der dreißigjährige Krieg vernichtete abermals 
die meisten der erworbenen Schätze. Abt 
Aberich Degen (1658—1686) widmete seine 
tüchtigen Kräfte mit größter Ausdauer der 
Wiederherstellung des Klosters und sorgte auch 
für die Wiederaufrichtung der Bibliothek, die 
der bücherkundige Mönch Ludwig Ludovici 
verwaltete. Dieser machte sich an die Neu¬ 
ordnung der Bücher und legte einen guten 
Katalog an. Seine Aufstellung der Bibliothek 
blieb bis zur Auflösung des Klosters in Kraft. 
Auch als Abt (1686—1696) widmete Ludovici 
der Bibliothek alle seine Sorgfalt. 6 


1 Bauch (Gust.): Die Reception des Humanismus in Wien . . . Breslau 1903, S. 83. Bl. M3’ u. ff. des Druckes 
bringen die Errata partim incuria impressorum partim vetustate et ferme cariae (sic!) et blaptis absumpti exemplaris. 

2 Wattenbach (W.): Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 2. Bd. Berlin 1894, S. 286 S 5 - Derselbe: Die 
Ehrenrettung des Ligurinus (Historische Zeitschrift. 26. Bd. 1871, S. 390 ff.). 

3 Reicke (Emil): Der Bamberger Kanonikus Lorenz Beheim, Pirckheimers Freund. (Forschungen zur Geschichte 
Bayerns. XIV. Bd. S. 21) nach dem Originalbrief Beheims (Stadtbibliothek Nürnberg). 

4 Jaeger, Verzeichnis . . . S. 55 und 56. — 5 Weigand (Wigand): Geschichte der Fränkischen Cistercicnser Abtei 

Ebrach. Landshut 1834. 8. 59. Bei den drei Bränden war eine Anzahl von Handschriften und Drucken gerettet worden; 
vgl. die Beilagen Rulands zur Schrift Weigands S. 132—137. 

6 Sein Bildnis wurde später links bei dem Eingang der Bibliothek angebracht (Hirsching, Versuch einer Beschreibung 
sehenswürdiger Bibliotheken, I. Bd. S. 91 A.). Der würdige Abt beschenkte auch das Kloster Schwarzach mit Büchern; 
das Necrologium Swarzahense meldet: „Anno 1696, 24. Mai, moritus reverendissimus dominus Ludovicus, abbas Eberacensis, 
Norimbergae, qui anno praecedenti monasterio nostro donaverat libros quatuor, scilicet annales Cistercienses Angeli 
Manriquez“ (Wegele, Franz: Zur Literatur und Kritik der Fränkischen Necrologien. Nördlingen 1864). 





Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


19 


Die Bücherei konnte sich jetzt besser ent¬ 
wickeln als in den früheren unruhigen Zeiten. 
Als im Jahre 1738 die von dem Abt Wilhelm 
Sölner herausgegebene Geschichte des Klosters 
erschien, konnte der Verfasser mit rühmenden 
Worten der Bibliothek gedenken, die sich mit 
ihren schönen Räumen und der stattlichen Zahl 
von ungefähr 8000 Bänden wohl sehen lassen 
konnte. Kaum vermochte der Raum, so be¬ 
richtet der Chronist, alle die Bücher zu fassen, 
die täglich gekauft wurden, so daß die Du¬ 
bletten in einem eigenen Zimmer aufgestellt 
werden mußten, um den neuen Büchern in der 
Hauptbibliothek Platz zu machen. Zahlreiche 
Pergament- und Papierhandschriften, die sich 
durch ihr Alter und die Schönheit ihrer Schrift 
auszeichneten, trugen nicht wenig zum Wert 
und Ruhm der Bibliothek bei. 1 

Ebrach gehörte zu den gastlichsten deutschen 
Klöstern. Besonders in den letzten Jahrzehnten 
war es an der Tagesordnung, daß zahlreiche 
Gäste von nah und fern in den Räumen weil¬ 
ten. Eine sehr freundschaftliche Nachbarschaft 
bestand mit dem Jagdschloß Dankenfeld: die 
Mönche waren gern dort und die Besitzer des 
Schlosses kamen wieder oft mit ihren Gästen 
nach Ebrach. Unter diesen befand sich einst¬ 
mals ein junges Mädchen, Charlotte Marschalk 
von Ostheim, die spätere berühmte Charlotte 
von Kalb. Sie erinnerte sich in ihrem Tage¬ 
buch noch gern dieses Besuches. Sie erzählt, 
wie sie in die Kirche und in die Totengruft 
begleitet wurde und berichtet weiter: „Ein 
Oberer des Ordens sprach: ,Führet sie nun 
auch in die Bibliothek, — sie hat gesehen, wie 
wir den Staub bewahren, laßt sie da sehen, wie 
der Geist erhalten wird/ — So kam ich in den 
langen Saal, wo zwei große Globen standen, 
inmitten eine Tafel, von lesenden Paters um¬ 


ringt. Die Gitter waren weiß und gold, hinter 
welchen die Bücher bewahrt wurden; eine 
Galerie rings um die Mitte der Bücherhöhe, 
Stufen führten hinan. Erschrocken stand ich 
vor schweren Folianten: ,Dies alles muß man 
lesen, um etwas zu wissen?' — Da sprach der 
Pater: Jahrtausende sammelt die Menschheit, 
was hier bewahrt ist — die Vorzeit hat emp¬ 
fangen und gelehrt. Wir sind hier, um zu 
empfangen, und — gebe Gott — beseligend 
zu lehren.' ,Darf ich hier bleiben, um auch 
belehrt zu werden?' — ,Frauen haben auch 
Lehrerinnen.' — Er öffnete einen Schrein und 
reichte ein Bild der St. Theresia mit den 
Worten: ,Wenn ein Herz treulich nach Wahr¬ 
heit forscht, findet heilige Sehnsucht Leben 
in den Worten ihrer Offenbarung.' “ 2 So die 
Aufzeichnung der später viel genannten Freun¬ 
din Schillers. 

Philipp Wilhelm Gerken rühmte ausdrück¬ 
lich die freundliche Aufnahme, die er in Ebrach 
bei seiner Reise durch Franken fand, 3 und das 
liebenswürdige Pmtgegenkommen des Biblio¬ 
thekars P. Aquil Jäger, dem er die Einsicht in 
die wertvollsten alten Handschriften und Drucke 
verdankte. 4 

Eine genaue Beschreibung der stattlichen 
Klosterbibliothek gibt uns nach einer eingehen¬ 
den Besichtung Hirsching in seiner Beschrei¬ 
bung sehenswürdiger Bibliotheken Deutschlands 
(1786). 5 Vor allem erregte die große Zahl der 
Bücher die Aufmerksamkeit des Besuchers. Der 
Raummangel drang auf den Bau eines größeren 
Bibliotheksaales hin, der aber immer wieder zu¬ 
gunsten der neu ausgeschmückten Kirche zu¬ 
rückgestellt werden mußte. „Der bestimmte 
Fond zur Anschaffung neuer Werke ist jähr¬ 
lich 500 fl., er war aber bey dem rühmlichen 
Eifer nicht hinreichend, Herr P. Bibliothekar be- 


1 Brevis notitia monasterii B. V. M. Ebracensis . . . 1738, S. 42: In fine Dormilorii versus meridem constructun 
est Aedificium sub eodem tecto Conventus versus orientem pro Bibliotheca 108pedes longum, latum vero pedes 37 I / 2 - 
Haec instructissima est Librorum tum antiquorum, tum recentiorum millibus circiter octo, adeo, ut locus insufficiens sit 
capere omnes, qui quotannis comparantur, unde ordinatum est, ut illi Libri, qui in duplo vel triplo habentur, ad separatam 
Bibliothecam reportentur, ut hoc modo noviter comparati et comparandi imposterum spatium inveniant in Bibliotheca 
majori. Ad huius Bibliothecae commendationem non parum conferunt plurimi Libri manuscripti, qui ibi inveniuntur. 
Magna corum pars scripta est in membrana seu pergameno, tum antiquitate, tum scriptionis elegantia plurimum commendata. 

2 Charlotte. Für die Freunde der Verewigten. Manuskript. Berlin 1851, S. 92. Der Besuch in Ebrach fand um 
1783 statt. 

3 Gerken: Reisen ... in den Jahren 1779—1782 . . . I. T. S. XXXIV. 

4 2. T. S. 360. Diesem Bibliothekar widmet auch Hirsching (Friedr. Karl Gottlob): Versuch einer Beschreibung 
sehenswürdiger Bibliotheken Deutschlands, I. Bd. Erlangen 1786 (S. 103) anerkennende Worte. Vgl. Jäger: Kloster 
Ebrach . . . S. 21, sowie: Literatur des katholischen Deutschlands, I, 2. Coburg 1776, S. 63. 

5 I. Bd. 3. 90—103. Vgl. auch: Blainville, von, Reisebeschreibung. I. Bd., I. Abt., Lemgo 1764, S. 199. 





20 


Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterhihliothek Ebrach. 



Widmungsbild zu Ehren des Ebracher Abtes Paulus Baumann (1704—14, - 1. April 1725) mit dem 
Abt und seinen Patronen (S. Maria, Petrus, Paulus, Nicolaus, Bernhard, Benedict), enthalten in: 
Weigant, Virtutum Jubilus . . . sive Epitbalamium D. Pauli . . . Bambergae (1713). 


wies mir aus den Rechnungen, daß man seit zwey 
Jahren über 1400 fl. auf neue Werke verwendet 
habe.“ Der 1735 begonnene Katalog gefiel 
dem kritischen Beobachter wohl in seiner An¬ 
lage, aber nicht in seiner Führung, an der er 
die Unordnung und schlechte Schrift tadelt. 

1 Baader (Klement Alois), Reisen durch verschiedene Gegenden Deutschlands in Briefen, 2. Bd. Augsburg 1797 , 
S. 145—161. Auch hier findet sich eine Übersicht über die Einteilung und Bestände der Ebracher Bibliothek. 


Jedes Buch war mit 
drei Signaturenzeichen 
eingetragen, von denen 
der Buchstabe das 
Fach, die Zahlen das 
Format und den Stand¬ 
ort anzeigten. 1 lir- 
sching gibt eine Über¬ 
sicht der Fächer und 
zählt dabei die haupt¬ 
sächlichsten Werke auf. 
Er wunderte sich vor 
allen, sogar protestan¬ 
tische „Predigtsamm- 
lungen von guten 
neueren Theologen .. 
Spalding, Gramer, auch 
Salzmans Schriften“ in 
der reichhaltigen Biblio¬ 
thek zu finden. Dem 
damaligen Bibliothekar 
Bernardinus Bauer wird 
alles Lob gespendet. 

Die Gastfreundschaft 
Ebrachs wurde von 
allen Seiten gerühmt. 
Klement Alois Baader 1 
meint bei seinem Be¬ 
suche (1792), daß sie 
in keinem Kloster 
Deutschlands so hoch 
getrieben werden könne 
als hier. Man treffe 
daselbst stets eine glän¬ 
zende Gesellschaft von 
angesehenen Gästen. 
Die stattliche, über 120 
Bände zählende Kup¬ 
ferstichsammlung und 
die große, in zwei und 
drei Bücherreihen hin¬ 
tereinander aufgestellte 
Bibliothek waren vor 
allem geeignet, die zahlreiche vornehme Be¬ 
sucherschar zu fesseln und anzuregen. 

Carl Julius Weber widmet dem Kloster, 
dessen Gastlichkeit er rühmt, folgendes Lob: 
„Es gab hier sehr gebildete Mönche, die mit 
der Zeit möglichst fortgeschritten waren, wie 









Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


21 



Schreiben des letzten Ebracher Abtes Eugen Montag.] 
(Königl. Kreisarchiv zu Würzburg.) 


auch schon ihre Bibliothek bewies, wo man 
Kant, andere neuere Philosophen und unsere 
besten Schöngeister fand, und nicht zur 
Parade, denn sie sahen ziemlich beschmutzt 
aus.“ 1 

Nicht immer fand das geistige Streben 
Ebrachs die gleiche, wohlwollende Beurteilung. 
Franz Nicolaus Bauer, der streitbare und bissige 
Verfasser der „Blicke in das Innere der Prä¬ 
laturen oder Kloster-Ceremonieen im acht¬ 
zehnten Jahrhundert“, 2 der als Novize kurze Zeit 
in Ebrach gewesen war, erkennt zwar eben¬ 
falls die Reichhaltigkeit der Kupferstichsamm¬ 
lung und der Bibliothek an, läßt sich aber über 
die Benutzung der letzteren sehr ungünstig aus. 
Sie sehe sehr verstaubt aus und werde recht 
schlecht besucht. „Darüber darf man sich aber 
nicht wundern, denn es gehört besondere Er¬ 
laubnis dazu. Will ein Geistlicher ein Buch lesen, 
so muß er es von dem noch sehr jungen, dabey 
äußerst dummen und boshaften Bibliothekar 
Benedikt H*b verlangen, welcher es ihm so¬ 
dann in sein Zelt iibergiebt, wohlgemerkt, wenn 
ihm kein Scrupel an wandelt; denn gesetzt, dieser 


alberne Mensch, der sich gar keinen Begriff 
von Literatur und den Eigenschaften eines 
klugen Bibliothekars machen kann, hält ein 
Buch für heterodox, so schlägt er es dem 
Geistlichen ab, und wenn er der Senior im 
Kloster wäre.“ Der Ton dieses Ausfalles sagt 
uns zur Genüge, daß wir es hier mit einer 
Kampfschrift der schlimmsten Art zu tun haben. 
Der folgende Bibliothekar Leopold Pfister 
kommt nicht besser weg. „Wenn Bibliothekar 
soviel als Bücherbewahrer (einer der die Bücher 
einschließt und in Ordnung stellt) bedeutet, so 
ist das Talent dieses Herrn zu dieser Stelle 
entschieden. So ferne aber ein Bibliothekar 
ein Mann seyn soll, gleich bekannt mit jedem 
Fache der Litteratur, mit ihren Veränderungen, 
guten und schlechten Produkten, fähig zu jeder 
Zeit mit den Fortschritten jeder Wissenschaft 
gleichen Gang zu halten, ohne für Flugschriften 
und andern zu Makulatur bestimmte Broschüren 
Geld und Platz in seinen Schränken zu ver¬ 
wenden, so weiß ich nicht, ob nicht der Thür¬ 
hüter zu Eleusis unfähiger zum Hierophanten 
seyn könnte, als er zum Bibliothekar: es müßte 


T Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen. 3. Autl. 2. Bd. Stuttgart 1843. S. 91. 

2 2. Bdchn. 1799, S. 253 ff. — 3 Hederich aus Gaibach. 





22 


Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


denn eine an Aberwitz grenzende Laune, eine 
Ienoranz, die immer das Beste von sich denket, 
und sich für fähig hält selbst zu schreiben, was 
sie lesen kann, zu dem Titel eines Gelehrten 
berechtigen, oder das Sprüchwort, ,\Vem Gott 
ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand', 
buchstäblich wahr sein, in welchem Falle die 
Motten wohl die meiste Fähigkeit zu Biblio¬ 
thekaren zu besitzen, behaupten könnten.“ 

Der Bauernkrieg hatte im Jahre 1525 gegen 
den Willen des Klosters entscheidend in das 
Schicksal der Bibliothek eingegriffen, und im 
Jahre 1802 kam wieder ein ungebetener Gast, 
der über die Zukunft der an widrigen Schick¬ 
salen so reichen Klosterbibliothek sein Macht¬ 
wort sprach. Am 11. Dezember 1802 erschien 
der Regierungsrat Klinger in Ebrach und lieh 
an den Türen und Toren das kurfürstliche 
Besitzergreifungs-Patent und das bayrische 
Wappen anschlagen. Auch für das Kloster 
Ebrach hatte die letzte Stunde seines langen 
Wirkens geschlagen. Die Geistlichen muhten 
den Treueid leisten und das ganze Kloster 
wechselte mit einem Schlage seinen Herrn. Mit 
allen anderen Besitzungen „wurde die in dem 
oberen Clausurgange vorfindliche Kloster- 
Bibliothek unter herrschaftliche Sperre genom¬ 
men“. 1 Doch gelang es dem Abt Eugen 
Montag von dem Kommissär Freiherrn von 
Hompesch für die Mönche freien Zugang zu 
den Bücherbeständen zu erwirken. Das Proto¬ 
koll hierüber lautet: 

Actum Ebrach am 2Öten Decemb. 1802. 

Nachdem bei der heutigen persönlichen hohen An¬ 
wesenheit Sr. des Herrn General-Landes-Commissarius, 
Freiherrn von Hompesch Exzellenz der Herr Prälat 
von Ebrach das Verlangen geäußert, daß die, von der 
zur Besitzname und Verpflichtung hieher gnädigst ab- 
geordneten kurfürstl. Commission am 11 ten d. ob- 
signirte, Bibliothek reserirt werden möchte, so haben 
hochgedachte Se. Exzellenz in vollem Vertrauen auf die 
rechtschaffene, gewissenhafte Administration des Herrn 
Prälaten, und in der gerechten Erwartung, daß ehestens 
ein vollständiger Catalog an das kurfürstl. General- 
Landes-Commissariat werde eingeschickt werden, — 
sich persönlich zu dem Bibliothek-Saale zu verfügen 
geruht, das Siegel abgenommen, und hierüber gegen¬ 
wärtige Registratur zu führen befolen. 2 3 

Diese Freiheit der Mönche, die Bibliothek 
nach Belieben zu benützen, dauerte nicht lange. 


Als der Katalog abgegeben wurde, glaubte 
der Abt die Verantwortung über die Bücher¬ 
bestände nicht mehr weiter tragen zu können. 
Insbesondere machte ihm der Umstand Be¬ 
denken, daß viele Geistliche zur Bibliothek 
Schlüssel hatten und so zu jeder Zeit unbeauf¬ 
sichtigt zu den Büchern gehen konnten. Er 
schrieb deshalb am 28. Februar 1803 an den 
kurfürstlichen Kommissar: 

„Unterzeichneter ersuchet Euer Wohlgebohm, nach 
dermalen aufgenommenen Klosterbibliothek dieselbe 
mittels anzulegenden Siegels zu beschliessen, um mich 
außer Verantwortung darüber zu setzen, und das auf¬ 
genommene zu gewahren.“ 

Nach der Übergabe des Katalogs wurden 
am 1. März in Anwesenheit des Hofrats 
Heffner an die große und kleine Bibliothek die 
Siegel wieder angelegt.* Der kurfürstliche 
Kommissar sandte sodann folgenden Bericht 
ein, der über das weitere Schicksal der Biblio¬ 
thek entschied: 

„Die Bibliothek der Abtey Ebrach wurde von der 
Churfürstlichen Regierungs Commission bey der Besitz¬ 
nahme obsignirt, von Sr. Excellenz dem Herrn General 
Commissär Freiherr vom Hombesch aber den 29 ten 
Decembers v. J., aus Vertrauen auf des Hr. Abtens 
rechtschaffene und gewissenhafte Administration selbst 
wieder reserirt, mit der Auflage, einen vollständigen 
Catalogen an das hohe General Commissariat ein zu 
schicken. 

Bei der Ankunft des Referenten in Ebrach hat der¬ 
selbe sogleich, der Instruction der Stifter und Klöster 
Administration gemäß, die Verfertigung eines gemeinen 
Cataloges, womach die Auslieferung der Bibliothek ge¬ 
schehen könnte, betrieben, weil behauptet wurde, daß 
die vorhandene schon über 14 Jahr alte Catalogen hier 
zu unbrauchbar wären, theils weil seit dem nicht mehr 
ein getragen, theils, weil die Ordnung der Bücher ver¬ 
ändert worden. 

Den iten dieses Monates nun wurden dem Refe¬ 
renten die anliegende neue und alte Catalogen über¬ 
liefert und von dem Herrn Abten angetragen, die 
Bibliothek, wohin soviele Geistliche Schlüssel hätten, 
oder einst gehabt hätten, und wofür also keiner un¬ 
mittelbar stehen könne, wieder zu obsigniren, welchem 
Anträge auch, nachdem man die Bibliothek überhaupt 
mit den neuen Catalogen verglichen, und überein¬ 
stimmend gefunden hat, willfahret wurde. 

Die gebundene Catalogen, wovon der in gros Folio 
die Manuscripta und älteste Drucke enthält, sind das 
fleißige und mühsame Werk des in der That gelehrten 
und rechtschaffensten P. Pantaleon Müller, der zum 
wahren Schaden der Bibliothek nur 2 Jahr Bibliothekar 


1 Kreisarchiv Würzburg. Säkularisationsakten. — Protokoll. — Dem Kgl. Kreisarchiv Würzburg sage ich auch 

hier meinen besten Dank. — 2 Kreisarchiv Würzburg und Kreisarchiv Bamberg (Rep. 78). 

3 Kreisarchiv Würzburg (Saecul. 904, Fase. XXL Fol. 1—10). 






Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach 


23 


war, und nun Professor des Geistlichen Rechtes ist. 
Bücher-Kunde ist sein Lieblings-Studium; er wünscht 
daher auch künftighin darin seine Pension verdienen 
zu können. Er ist erst 48 Jahr alt, aus Würzburg ge¬ 
bürtig, und kann also bei der Liebe zu diesem Fach 
und seinen darin sich erworbenen Kenntnissen gewies 
mit Vortheile dienen. — Da es Klöster und Stifter in 
Franken geben möchte, welche weder einen Catalogen, 
weder einen Bibliothekar, der solchen verfertigen könnte, 
haben, überhaupt aber die Catalogen, was für eine Be¬ 
stimmung die Kloster-Bibliotheken immerhin erhalten, 
auch unter sich verglichen werden müssen, dieses Ge¬ 
schäft aber als ein außerordentliches und mühsames 
von den ordentlichen Bibliothekaren bey dem Fort¬ 
gang ihrer laufenden Geschäften nicht besorgt werden 
kann, so werden in jedem Falle ohnehin noch neue 
Bibliothekaren angestellt werden müssen, wozu Geist¬ 
liche der aufgelösten Klöster, wenn sie die nötigen 
Kenntnisse und Liebe haben, um so eher anzustellen 
seyn möchten, als ihnen doch eine Pension bestimmt 
werden muß. 

Außer dem Pantaleon Müller ist noch ein Geist¬ 
licher in Ebrach, Leopold Pfister aus Buchen am Oden¬ 
wald, 40 Jahr alt, der gleiche Liebe zur Bücherkunde 
hat, als — aber auch nur ejähriger Kloster-Bibliothekar 
einen mühesamen Real Indexder Bibliothek angefangen, 
solchen aber, weil er von dem Amte abgerufen wurde, 
nicht fortsetzen konnte. Er ist gleichfalls bereit in diesem 
Fache zu dienen. 

Wohin nun immer die Ebracher Bibliothek ver¬ 
wendet werden solle, so ist hier nur noch kurz zu bemer¬ 
ken, daß das Fach der Geschichte überhaupt, besonders 
aber jenes der Scriptores rerum germanicarum, und 
die acta publica das Beste darin seyen. 

Von diesem allen wird nun dem hohen General 
Commissariat die Anzeige zu machen, und weitere Ver¬ 
fügung zu gewärtigen seyn. — Dürfte aber Referent 
seinen Wunsch über die Verwendung der Kloster- und 
Stifts-Bibliotheken vorläufig äußern, so wäre dieser, daß 
selbe zur Vermehrung der Würzburger Universitäts- 
Bibliothek in der Art verwenden würde, daß zuerst alle 
in der Universitäts-Bibliothek nicht befindliche Bücher 
und Manuscripte dorthin abgegeben, so dann aber die 
Dupletten an andere öffentliche Bibliotheken in Bayern 
und Schwaben ausgetauscht, das Übrige öffentlich ver¬ 
steigert, und der Fond der Universitäts-Bibliothek zu¬ 
gewendet werde. Seiner Churfürstlichen Durchlaucht 
entgehethierdurchfreylichdieEinnahme, welche Höchst- 
dieselbe Selbst aus der Versteigerung der Bibliothek 
erheben würden. — Allein der Erlös aus alten Büchern, 
der ohnehin durch den itzigen Zustand der Stifter und 
Klöster, welche für ihre Bibliotheken nichts mehr an¬ 
kauften, vermindert wird, kann den ewigen Ruhm nicht 
wohl überwiegen, welchen Höchst dieselben mit dieser 
gnädigsten Schankung Sich bey allen öffentlichen Biblio¬ 
theken des gemeinsamen Vaterlandes, und durch die 


daraus fliesende Beförderung und Aufklärung der 
Wissenschaften nothwendig begründen muß.“ 

Am 20. April erhielt die Würzburger 
Universitätsbibliothek von höherer Stelle die 
Weisung, aus den Ebracher Katalogen eine 
Auswahl der Bücher zu treffen und zu be¬ 
stimmen, welche Werke der Bibliothek von 
Nutzen seien. Am 22. April trafen die Ebracher 
Kataloge 1 in Wiirzburg ein, und nun ging die 
Verwaltung cier Universitätsbibliothek daran, 
mit Hilfe der Professoren über die stattlichen 
Bücherbestände Musterung zu halten. Am 
11. Mai wurde darüber Bericht erstattet: 

DievormahlsEbrachische Kloster-Bibliothek betref. 

Churfürstliche Spezial-Commission. 

„Unterzeichnete erkennen mit dem lebhaftesten 
Dankgefühle die gnädigwohlthätigen, die Emporhebung 
der Churfürstlichen Julius-Universität bezweckenden 
Gesinnungen, welche aus dem 20ten Aprils an sie er¬ 
lassenen Decrete hervorleuchten. Sie können unter- 
thänig versichern, daß alle Professoren, welche Nach¬ 
richt davon erhalten haben, und welchen die Spezial- 
cataloge in der Absicht sind mitgeteilt worden, damit 
sie dem Universitäts-Bibliothekariate mit ihrem Gut¬ 
achten an Händen gehen möchten, ein nicht minder 
lebhaftes Dankgefühl geäußert haben. Was man längst 
vermuthete, hat sich bestätigt, daß die vormahls Ebra- 
chische Kloster-Bibliothek vorzüglich gut bestellet sey, 
daß die Universitäts-Bibliothek dadurch, daß sie aus 
derselben das Brauchbarste nehmen darf, eine Aqui- 
sition erhält, welche sie mit der bishieher zu ihrer Ver¬ 
größerung bestimmt gewesenen jährlichen Summe von 
600fl.fr. in hundert Jahren nicht würde erhalten haben. 

Die Churfürstliche Specialcommission erhält eins¬ 
weilen die aus eilf Catalogen mit Zuziehung der 
Professoren, welche dieselben vermöge ihres Lehr¬ 
faches besonders interessiren, getroffene Auswahl von 
Büchern aus besagter Bibliothek zurücke. Daß noch 
zwey Catalogen zurückegeblieben sind, daran sind einige 
Professoren Schuld, denen wir sie mitgeteilt haben, 
und von denen wir sie noch nicht zurückerhalten haben. 

Unterzeichnete sind beym Auswählen mit den 
ex officio zu Rathe gezogenen Professoren von folgen¬ 
den Grundsätzen ausgegangen: 1. Eine Universitäts¬ 
bibliothek müsse so 'vollständig als möglich seyn. Die 
Brauchbarkeit eines Werkes, an und für sich allein be¬ 
trachtet, lasse sich öfters nicht wohl bestimmen. Auch 
ein schlechtes Werk könne, wie ein sonst verachtetes 
Insekt, in einer Sammlung, oder in den Augen eines 
Forschers der Litteraturgcschichte einen großen Werth 
haben. 2. Dieselbe müsse von jedem Werke die besten 
Ausgaben, soviel als möglich, besitzen. 3. In Erwägung, 


1 In 12 Bänden; 1. Manuscripta antiquitates typographicae; 2. Commentarii in S. Scripturam; 3. Historia ecclesiastica; 
4. Ius civile; 5. Opera S. S. Patrum et apparatus ad ea; 6. Historia litteraria; 7. Jus ecclesiasticum; 8. Historia profana; 
9. Biblia et Concordantia; 10. Jus fendale . . .; II. Scriptores rerum Germanicarum; 12. Theologia. Die Kataloge waren 
vom Jahre 1789. 







24 


Schotlenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterhibliothek Ebrach. 


daß jetzt schon Dis 40 Professoren als solche die gnädigste 
Erlaubnis haben, aus der Universitäts-Bibliothek Bücher 
in ihr Haus zu verlangen; in Erwägung daß nach dem von 
Seite des akademischen Senates Sr. Churfürstlichen 
Durchlaucht unterthänigst vorgetragenen Wünsche, daß 
auch Lehrer für Höchstdero protestantische studirende 
Unterthanen dahier möchten angestellt werden, das Pro¬ 
fessorpersonale dürfte vermehret werden; in Erwägung 
endlich, daß die Erlaubniß, Bücher aus der U.-Biblio¬ 
thek zuleihen, nach dem Beispiele der Göttinger Uni¬ 
versität auch auf Studenten dürfte ausgedehnet werden, 
sey es rathsam, vorzüglich beliebte und kostspielige 
Werke, deren Anschaffung man einem Professor nicht 
wohl zumuthen kann, z. B. Waltoni Biblia Polyglotta, 
Labaei Collectio Conciliorum etc. etc. doppelt zu besitzen. 

Was nun insbesondere die in Ebrach vorräthigen 
Incunabula typographica anbelangt, so geht unsere un¬ 
maßgebliche, von dem vormahligen Bibliothekar, Geistl. 
Käthe Grcgel, bestätigte 
Meynung dahin, daß die 
selben sämtlich der 
Universitäts-Bibliothek 
möchten einverleibt wer¬ 
den, da nicht sowohl 
einzelne Stücke, als viel¬ 
mehr eine ansehnliche, 
und wie man hoffet, durch 
Zuwüchse aus anderen 
Klosterbibliotheken zu 
'vervollständigende 
Sammlung einer Uni¬ 
versitätsbibliothek Ehre 
mache. 

Was die in mehr 
besagter Bibliothek vor¬ 
rätigen Manuscripte an¬ 
belangt, so scheint es 
nicht thunlich zu seyn, 
ein gründliches Urteil darüber, ohne Ocularinspection 
zu fällen. Auch in Bezug auf die in dem Catalog 
SS. Patrum vorkommenden Werke wäre uns eine 
Ocularinspection sehr willkommen, da mehrere hun¬ 
dert Werke mit dem ganz unbestimmten Titel: Frag- 
menta Vorkommen. Beym Auswählen der Bücher 
kommt auch sehr viel darauf, wie dasselbe nach allen 
seinen Bestandtheilen conditionirt ist. Damit nun die 
gnädigsten Absichten Sr. Churfürstl. Durchlaucht auf 
das Vollkommenste möge erreichet werden, so wagen 
wir an die Churfürstliche Specialcommission folgende 
unterthänige Bitten: 

1. Die sämmtlichen auf dem platten Lande vor- 
findlichen Kloster-Bibliotheken mit samt den Schreiner- 
waaren auf welchen sie bisher standen, möchten auf 
Kosten der Universität hieher geliefert, und in einem 
geräumigen dazu bestimmten Gebäude untergebracht 
werden. 

2. Mit Zuziehung einiger Gehilfen würden wir dann 
sobald als möglich den Universalcatalog, die Special- 


cataloge der ausgewählten Bücher, dann auch den 
Catalog der nicht ausgcwahlten und etwa zu verkaufen¬ 
den Bücher verfertigen, und so die allgemeine und 
öffentliche Brauchbarkeit der gemachten Acquisition so 
geschwinde als möglich herstellcn. 

3. Wir wagen es, zu diesem Geschäfte den P. 
Panthaleon Midier zu Ebrach, und den P. Ambrosius 
Hoß 1 Minoriten Guardian dahier, der Churfurstlichen 
Specialcommission unterthänig vorzuschlagen. P. Pan¬ 
taleon hat mit sichtbarer Sachkenntniß den Catalog der 
Manuscripte und typographischen Seltenheiten gemacht, 
und ist als ein gelehrter, ßeißiger, J eingebildeter Mann 
bekannt. Als Kenner im Bücherfache, im Fache der 
Naturhistorie, als Kenner der hebr. und griechischen 
Sprache, als äußerst fleißiger und im Umgang beliebter 
Mann ist auch, vermöge der dahier öffentlich geleisteten 
Defendonen, vermöge der im ln- und Auslande ver¬ 
sehenen Ämter P. Ambrosius bekannt. Beyde haben 

eine sehr schöne Hand¬ 
schrift; sind des stillen 
zu Bibliothekariatsge- 
schäften so unentbehr¬ 
lichen Lebens gewohnt; 
beyde wurden sich eine 
Ehre daraus machen, 
wenn sie zu besagten 
Geschäften gebraucht 
würden; beyde wurden 
als wirklich angestellte 
Diener der Universität 
wenig kosten, da sie 
als aufgehobene oder 
aufzuhebende Mönche 
von dem Staate eine 
Pension beziehen oder 
beziehen werden. 

Der Churfürstlichen 
Specialcommission 

Würzburg, unterthänige gehorsamste 

d. liten May 1803. M. Feder, Bibliothekar. 

Goldmayer, Bibliothek-Sekretär. 

Die Wünsche der Würzburger Universitäts¬ 
bibliothek wurden im weitgehendsten Maße er¬ 
füllt. An den P. Panthaleon in Ebrach erging 
die Weisung, „mit Zuziehung des Paters P. Leo¬ 
pold die im beigehenden Verzeichniß an¬ 
gemerkten Bücher, ferner überhaupt sämtliche 
Geschichtsbücher, insbesondere aber sämtliche 
Scriptores rerum Germanicarum, sämtliche 
Manuscripte und Incunabeln, sämtliche Werke 
von Kirchenvätern, in Verschläge wohl ein¬ 
zupacken, dann dieß samt den Schränken, worin 
sie gestanden hieher an die Churfürstliche 
Universitätsbibliothekare zu senden“. 1 2 Die 



Wappen das Abtes Caspar Brach (1615—18), des Klosters Ebrach 
(Eber) und des Ordens, enthalten in: D. Casparo . . . accinebat 
Gymnasium Societatis Jesu apud Bambergensis. Bambergae 1616. 


1 Starb 1810 als zweiter Universitäts-Bibliothekar zu Würzburg. 

2 Kreisarchiv Würzburg. (Geistl. Säk. 1989 Fase. 77 [Fol. 1—26, No. 1849].) 











Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbibliothek Ebrach. 


25 


Kupferstiche und Zeichnungen mußten an die 
Landesdirektion geschickt werden. In Ebrach 
war man nun mit der mühevollen Arbeit tätig, 
die ausgesuchten Bücher einzupacken und auf 
Wagen zu laden. Zu dem Büchertransport be¬ 
merkt Johannes Jaeger: „Es wird heute noch 
im Volksmund erzählt, daß die Fuhrleute, welche 
die Ebracher Klosterbibliothek nach Würzburg 
überführten, an Stellen, wo der Weg schlecht 
war, an Gräben usw. sich einfach in der Weise 
halfen, daß sie so viel Bände Bücher in den 
Graben warfen, als nothwendig waren, den Weg 
zu ebnen. Aufgehoben wurden solche Bücher 
natürlich nicht mehr; sie blieben liegen, wenn sich 
nicht der eine oder andere Bewohner benachbarter 
Dörfer veranlaßt sah, diesen und jenen Folian¬ 
ten wegen der schönen Bilder (Kupfer- und 
Stahlstiche) aus dem Graben herauszunehmen 
und heimzutragen.“ 1 Am 13. Juni meldete 
Panthaleon Müller, daß am gleichen Tage drei 
Verschlüge mit Büchern und ihren Verzeich¬ 
nissen an die Universitätsbibliothek in Würz¬ 
burg abgingen. Die beiden Ebracher Biblio¬ 
thekare hatten keine leichte Arbeit. Viele 
angezeigte Bücher fanden sich in der Bibliothek 
nicht vor. Der Bericht meldet: „es scheinet, 
daß in den Verzeichnissen die hiesigen Biblio¬ 
theks-Zeichen nicht allzeit richtig angegeben 
worden seyen. Wir wünschten daher recht 
sehr, daß die Ebrachische Katalogen, besonders 
über die Fächer Historia Ecclesiastica, Jus 
Ecclesiasticum, Jus publicum, Theologia, Histo¬ 
ria litteraria und Commentarien an uns zurück¬ 
geschickt werden möchten. Nur hiedurch 
würden wir im stände seyn, zu beurtheilen, ob 
die noch nicht Vorgefundenen Bücher würklich 
abgehen oder nicht.“ Da sich in allen Fächern 
der Ebracher Bibliothek noch sehr gute Bücher 
vorfanden, so wünschten die beiden Bibliothekare 
zu wissen, was mit diesen und den übrigen 
vorhandenen Büchern vorgenommen werden 
sollte. 2 Auf diesen Bericht hin traf die Ant¬ 
wort ein, die Kataloge sollten bei dem nächsten 
Büchertransporte abgeholt und verglichen wer¬ 
den. Es werde bei der Universität beantragt, 
„den beiden Bibliothecaren eine tägliche Zu¬ 
lage von 1 fl. 15 kr. weiter zu bestimmen, damit 
alsdann dieselbe auch bei den übrigen Closter- 
Bibliothecen ihre ersprießliche Dienste leisten 

1 Kloster Ebrach ... S. 98 er. — 2 Bericht vom 25. 

4 Kreisarchiv Würzburg. Geistl. S. . . . 

Z. f. B. 1907/1908. 


können .“3 Inzwischen waren auch die Kupfer¬ 
stiche und Zeichnungen von Ebrach an ihren 
zukünftigen Bestimmungsort abgegangen. Pan¬ 
thaleon Müller meldete am 16. Juni: 

Churfürstliche Lands-Direction! 

Zu Folge des am toten Juny a. c. an mich erlassenen 
gnädigsten Reskript, verfehle ich nicht sämtliche Samm¬ 
lungen von Kupfern und Handzeichnungen, welche in 
der Kiste No. 13 enthalten sind, unterthänigst ein¬ 
zuschicken. Da über diese Sammlung noch nie ein 
Verzeichnis verhanden gewesen, so wäre die Zeit zu 
kurz ein solches zu verfertigen, auch hielte ich diesen 
Zeit-Aufwand um so mehr für unnöthig als ohnehin zur 
Absonderung der besseren Stücke von den geringeren 
eine jede Riege von einem Kunstverständigen durch¬ 
gesucht werden muß. 

Die ganze Sammlung enthaltet 144 Bände nebst 
einigen einschichtigen Blättern. Es finden sich auch 
noch einige Bände älterer und neuerer Land Charten 
vor, welche diese Kiste nicht gefaßt hat. Sollten diese 
ebenfalls zur Höchsten Stelle eingeschickt werden, so 
erwarte ich die Höchste Weisung: wiedrigenfalls werde 
ich solche zur Universitätsbibliothek ein befördern. 

Mit diesem entledige ich mich des Gnädigsten 
Auftrages und bestehe mit den tiefschuldigsten Respekt. 

Die Churfürstlichen Lands-Direction 

Ebrach d. 16 Juny 1803. 

unterthänigst gehorsamster 
P. Müller. 4 

Am 17. Juni lief in Ebrach der Bescheid 
ein, daß die vorhandenen älteren und neueren 
Landkarten an die Würzburger Universitäts¬ 
bibliothek einzuschicken seien. — Wie die Haupt¬ 
bibliothek so wurden auch die kleinen Filial- 
bibliotheken der Ebracher Höfe und Ämter 
dem Kloster genommen. In der Regel befan¬ 
den sich hier nur juristische und einige theo¬ 
logische Werke. Teilweise wurden sie von Ort 
und Stelle fortgeschafft, so meldete das Amt 
Haßfurtam 30. Juni, daß die zu Oberschwappach 
Vorgefundenen Bücher in einer versiegelten Kiste 
dem Schiffmann Schneider zu Eltmann zum 
Transport übergeben worden seien. 

In Ebrach war immer noch eine stattliche 
Zahl von Büchern übrig geblieben. Über die 
Behandlung derselben gerieten die beiden 
Bibliothekare in Meinungsverschiedenheiten. 
P. Leopold Pfister berichtet hierüber: 

Churfürstliche Landes-Direktion! 

Da ich im letzt vergangenen Monate Februar 
während des Hierseyns einer Churf. Würzb. Commission 
mit Zuziehung einiger jüngerer Geistlichen über die 

Juni 1803. — 3 Vom 30. Juni 1803. 

4 




26 


Schottenloher, Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Klosterbihliothek Ebrach. 


hiesige, sowohl größere als kleinere Bibliothek voll¬ 
ständig richtige ihrem temporellen Zustande ent¬ 
sprechende Catalogen verfertiget, und an höhere Stellen 
befördert habe: so würde ich jetzt, — um bestimmen zu 
können, welche Bücher nach der zeither geschehenen 
Auswahl noch in der Ebrachischen Bibliothek restieren 
— für das kürzeste und leichteste Mittel gehalten haben, 
wenn jene Catalogen — die ich auf alle Fälle zu er¬ 
halten wünschte — wären hieher zurück geschicket, 
und mit den noch restirenden Büchern collationirt 
worden; auf solche Art hätten einige wenige Tage zur 
Realisirung des Zweckes hingereichet; da nun zu der 
vom Pantaleon vorgeschlagenen Fertigung eines neuen 
Catalogen über die noch immer sehr beträchtliche 
Anzahl restirender Bücher mehrere Wochen kaum 
erklecklich seyn werden; vieleicht mag auch der größte 
Teil der übrigen Bücher schwerlich eines solchen weit¬ 
wendigen unnöthig lange aufhaltenden Arbeit würdig 
erachtet werden, zumal bey der jetzt hierzunehmenden 
rauheren Witterung — in einem naßkalten Büchersaale, 
worin ich mir seit ein paar Tagen wirklich keine geringe 
Beschwerden zugezogen habe. Diese meine auf kurzer 
Wege hinzielende, unvorgreifliche Gedanken würde ich 
dem von P. Pantaleon unlängst unterthänigst gemachten 
Vorschlägebeyzugesellen gewagt haben, wenn ich davon 
ein Mitwissen gehabt hätte, und derselbe nicht ein¬ 
seitig — ohne vorher seine Meinung mir mitzutheilen — 
furgefahren wäre. 

Jedoch — da nunmehr mit Verfertigung eines 
neuen Catalogen der Anfang schon gemacht ist, so 
werde ich der höchst Erwartung einer Churfürstl. 
Landes-Direktion und höchstdero in den lezteren Re- 
scribte an P. Pantaleon gnädigst geäussertem Zutrauen 
zu mir aus allen Kräften zu entsprechen suchen, und 
soviel meine dermaligen Gesundheitsumstände zulassen 
werden — zur Vollendung des angefangenen Catalogen 
(: auch im Falle daß P. Pantaleon seinen Entschluß, 
sogleich nach Würzburg zu ziehen, wirklich realisieren 
würde :) mein Schärf lein mit Vergnügen beytragen, 
ohne jedoch dessenwegen irgend eine Zulage oder Be¬ 
lohnung zu erzielen; vielmehr ist mir nicht anders als 
willkommen diese neue Gelegenheit Sr. Churfürstl. 
Durchlaucht und dem Vaterlande meine geringen Dienste 
reichen zu dürfen. 

Pfister bat zuletzt, daß ihm der tägliche 
Wein zugestanden und sein Wohnzimmer ge¬ 
heizt werde. Während ihm das erste Gesuch 
abgeschlagen wurde, erhielt die Verwaltung des 
Klosters den Auftrag, für P. Leopold ein 
Zimmer neben der Bibliothek zu heizen. 

Über das fernere Schicksal der Rest¬ 
bibliothek gibt uns ein Aktenstück des Würz¬ 
burger Bibliothekars Feder Aufschluß, das im 
Kulmbacher „Wöchentlichen Unterhaltungs- 
Blatt“ vom i. Dezember 1821 enthalten ist. 
Daraus erfahren wir, daß die noch vorhandenen 


Bücher versteigert worden sind. Die amtliche 
Nachricht von den Bedingungen dieser Biblio¬ 
thek lautet: 

Übersicht 

der zum Verkauf aufgelegten Bibliothek zu Ebrach. 

a) besteht solche aus 52 grosen, mit Messing be¬ 
schlagenen, und mit besten Papier versehenen Choral¬ 
bücher. 

b) aus 80S, gröstenteils in Schweinsleder ein¬ 
gebundenen, m. besten konditionierten Folio-Bänden. 

c) aus 845 Quart Bänden. 

d) aus 3660 Oktav- u. Duodez-Bänden. 

e) sind unter besagten Bänden in deutscher Sprache 
gefertigt 81 Folio-Bände 147 Quart-Bände 380 Oktav- 
u. Duodez-Bände. 

Die Bedingnisse sind folgende: 

1. zahlt der Käufer auf der Stelle 8 Karolin. 

2. wird die Abgabe der Bücher nicht eher erfolgen, 
als bis der ganze Kauf-Schilling erledigt, und die An¬ 
weisung hiezu von dem Herrn Ober-Bibliothekär wird 
aufgezeigt werden. 

3. Müssen höchstens binnen 14 l ägen, die sämtliche 
Bücher abgeholt werden, weil alsdann sogleich die 
Schränke nach Würzburg abzuliefern. 

4. widrigen Fals wird der Käufer als reufällig und 
seine Daraufgabc als verfallen angesehen; alsdann zu 
weiteren Versteigerung geschritten werden. 

5. Sind die in den vergitterten Schränken unter 
Siegel liegenden Bücher von der Versteigerungs-Masse 
ausgenommen. 

6. Muß Käufer für die Unverlezbarkeit derSchränke 
bei Abholung der Bücher haften. 

7. Wird der Käufer bevollmächtiget sogleich nach 
geschehenen Strich sein Siegel an die Bibliotheksthüre 
anzulegen — was den Schlüssel anbelangt, wird solchen 
der substituirte Hr. P. Paul Basel solange in Händen 
behalten, bis Käufer vom Herrn Oberbibliothekär eine 
Anweisung wird aufzeigen, daß der Kauf-Schilling ge¬ 
zahlt, die Thüre solle geöffnet, und die Bücher ver¬ 
abfolget werden. 

8. geschieht die Versteigerung ohne weitere Rati¬ 
fikation abwarten zu müssen. 

Ebrach, den 5. Juli 1805. 

Oberbibliothekar Feder. 

Wie in allen aufgehobenen Klöstern wurden 
auch in Ebrach die Bücher zu einem guten 
Teile verschleudert. Bei der Versteigerung er¬ 
hielt der Handelsmann Blasius in Volkach den 
größten Teil der zurückgelassenen Bibliothek 
für 406 Gulden. Der schlaue Händler über¬ 
ließ eine größere Anzahl sogleich wieder dem 
Buchbinder zu Prichsenstadt für 400 rheinische 
Gulden, den Band für 12 oder 15 Kreuzer. Das 
war das unrühmliche Ende der viel gerühmten 
Ebracher Bibliothek. 







William Mor ris. 

Sein Leben und Wirken. 


Von 

Professor Otto von Schleinitz in London. 

I. 



illiam Morris vereinigte in sich den 
Künstler mit dem Mäcen; den Poeten, 
den Autor mit dem Verleger und 
Drucker. Er war zugleich Fabrikant, Zeichner 
und Verfertiger der Modelle vieler seiner 
kunstgewerblichen Erzeugnisse und war der 
Begründer der modernen Kunstindustrie Eng¬ 
lands, die sich von hier nach dem Kontinent 
verbreitete. Als Agitator, öffentlicher Volks¬ 
redner, Sozialist und Humanist im universellen 
Sinne blieb er doch immer von glühender Liebe 
für sein engeres Vaterland beseelt. 

Trotzdem er die angebotene Auszeichnung 
als Poeta laureatus zurückwies, ge¬ 
stand er offen seine Freude über 
die ihm zugedachte Ehre und An¬ 
erkennung ein. Ungeachtet seiner 
demagogischen Umtriebe und seiner 
erfolgten Verhaftung wegen Wider¬ 
stands gegen die Staatsgewalt, ver¬ 
bunden mit tätlichem Angriff auf 
einen Polizisten, zogen ihn die Be¬ 
hörden häufig als Sachverständigen 
zu Rate; er blieb auch bis an sein 
Lebensende Examinator an der 
staatlichen Kunstschule in South- 
Kensington. Sein Urteil war in 
einzelnen Zweigen den Museums¬ 
direktoren derart maßgebend, daß 
er oft die Preise bei Ankäufen fest¬ 
setzte. Man kann Morris in vielen 
Dingen als den Modernsten der 
Modernen bezeichnen und dennoch 
wurzelte seine Weltanschauung im 
Mittelalter, ja, in der Klosterzelle. 

Unvermittelt knüpft er an das XIV. 
und XV. Jahrhundert an, und es 
erscheint ihm belanglos, unter Auf¬ 
gabe der sonst von ihm so hoch 
geschätzten Tradition, nötigenfalls 
noch mehr Epochen zu überspringen. 

Dieser seltsame Träumer sagt von 


sich selbst: „Born out of my due time“, und 
doch war er politisch nicht nur ein Revolutionär 
im Sinne des heutigen Zeitgeistes, sondern eben¬ 
so auf kunstgewerblichem Gebiet ein Umstürz¬ 
ler, der sich gelegentlich sogar zum Despoten 
auswuchs, wie dies bei Reformatoren nur zu oft 
geschieht. Als ein einflußreicher Geschäfts¬ 
kunde sich einst beklagte, daß er unter vielen 
ihm vorgelegten Mustern nicht ein einziges 
schönes finden könnte, entgegnete ihm Morris 
zornig: „Wenn Sie Schmutz suchen, müssen 
Sie auf die Straße gehen!“ Von feuriger 
Phantasie beseelt, wurde es ihm spielend leicht, 


William Morris. Nach dem Ölbild von G. F. Watts 
(F. Hollyer in London W. 9 Pembroke Squnre.l 










28 


von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 2. G. F. Watts. 

Nach einer Originalradierung von Professor Alphonse Legros. 


Verse zu dichten, dagegen schwer, gute Prosa 
zu schreiben. Trotz seines Archaismus in der 
Kunst blickt immer der Engländer durch. In 
einer Epoche des Übergangs bewahrt er sich 
eine tiefreligiöse Gesinnung und einen aufrichtig 
empfundenen Glauben. Er erklärt in eigener 
Selbstverteidigung, daß der ihm vorgeworfene 
Widerspruch mit seiner sozialistischen Tendenz 


nur ein scheinbarer sei, denn die erste christliche 
Urgemeinde sei auf kommunistischer Grundlage 
aufgebaut gewesen. Die Resultate der Lehre 
Christi geben sich ihm in hervorragend sozialer 
Beziehung zu erkennen: Aufhebung der Skla¬ 
verei, Gleichstellung der Frau und Ehre der 
Arbeit. Er hat in seiner sozialistischen Laufbahn 
alle Wandlungen und Stadien durchgemacht, 








von Schleinitz, William Morris. 


29 


ist vom Utopisten zum Gewaltmenschen, vom 
Saulus zum Paulus geworden und zuletzt zu der 
Ansicht gelangt, daß seine Partei nur durch 
aulklärende Bildung zum Siege gelangen könne. 
Umgekehrt will er nichts von der historischen 
Entwickelung des Dogmas wissen; er neigt zur 
Hochkirche, und wenn er ein architektonisch 
schönes Gotteshaus sieht, vergißt er die übrige 
Welt um sich her. 

Um das Maß innerer Widersprüche in ihm 
voll zu kennzeichnen, muß der Tatsache Er¬ 
wähnung geschehen, daß Morris für den ein¬ 
zelnen, für das Individuum, selbst der sozia¬ 
listischen Partei, nicht viel übrig hatte; handelte 
es sich dagegen um ein Institut, eine Or¬ 
ganisation, kurzum die Gesamtheit, so gab 
er nicht nur reichlich, sondern mitunter sogar 
weit über seine Kräfte hinaus. Ihm nicht ge¬ 
rade besonders nahe stehenden Personen, und 
selbst solchen, die ihm von Bekannten gut 
empfohlen worden waren, half er fast wider¬ 
willig und eigentlich nur, um sie los zu werden, 
jedenfalls ohne irgend ein näheres Interesse für 
die bedrängte Lage der Bittsteller. Andrer¬ 
seits nahm eine bestimmte Klasse von Ar¬ 
beitern und Angestellten in seinen Fabriken 
Anteil am Gewinn. Im größten Gegensatz zu 
ihm stand in dieser Beziehung sein Lehrer und 
Freund Rossetti, für den die Allgemeinheit so 
gut wie gar nicht vorhanden war, der aber für 
die Person eines Beistandsuchenden der hin¬ 
gehendsten Aufopferung fähig sein konnte. 

Einen hellen Lichtblick in Morris Privat¬ 
beziehungen bildet sein musterhaftes Familien¬ 
leben in Keimscott House in London und in 
Keimscott Manor auf dem Lande. Ebenso 
war Morris ein unverbrüchlich treuer und er¬ 
gebener Freund, wenngleich ihm leider die 
traurige Erfahrung nicht erspart blieb, daß 
einige seiner nächsten Anhänger ihn in großen 
Krisen im Stich ließen und ihre Freundschaft 
da versagte, wo er sie am sichersten nicht nur 
auf das Gefühl gestützt erwarten durfte, sondern 
wo er eventuell sein Recht auch juristisch 
hätte erzwingen können. Aber auch darin 
bewährte sich seine groß angelegte Natur, 
daß er jenen schließlich ohne Rückhalt verzieh. 

Die Kenntnis der intimeren Lebensgeschichte 
eines Mannes wie Morris, der so tief ein¬ 
schneidend schöpferisch und nachhaltig auf 
Kunst, Literatur, Industrie und vor allem auf die 


Gestaltung des Buches einwirkte, darf jedenfalls 
allgemeineres Interesse beanspruchen. An dieser 
Stelle richtet sich das Interesse selbstverständ¬ 
lich mehr auf diejenigen Resultate seines 
Schaffens, die seinen Ruhm am längsten und 
zuverlässigsten erhalten werden: auf die Erzeug¬ 
nisse der Keimscott Press. Um die chrono¬ 
logische Reihenfolge der Begebenheiten nicht 
zu durchbrechen und den Werdegang des 
Meisters sicherer darstellen zu können, müssen 
hier die Produkte jener Druckerei allerdings 
zuletzt in Betracht kommen. 

Endlich wird zum besseren Verständnis der 
Biographie von Morris die Vorbemerkung am 
Platz sein, daß hiermit auch ein gutes Stück der 
Lebensbeschreibung von Burne-Jones entstehen 
muß. Beide Freunde hingen bis an ihr Lebens¬ 
ende so unzertrennlich aneinander und er¬ 
gänzten sich so wunderbar, wie es zu den aller¬ 
größten Seltenheiten gehört. Der eine vermag 
ohne den andern kaum gedacht zu werden. 

Das, was der Bildhauer John Flaxman 
( 1 75 5—1826) in gewissem, ungleich einseitigerem 
und in rein antikklassischem Sinne für Wedge- 
wood (1730—1795) und seine keramischen Er¬ 
findungen gewesen ist, das war mit weit größe¬ 
rem Gesichtskreise und bedeutsamerer Vielseitig¬ 
keit Burne-Jones für Morris. An sich aber 
überragen die beiden letzteren in ihrer Kunst 
jene so bedeutend, daß ein Vergleich der vier 
Personen unter sich nicht in Frage kommt. 
Obgleich Flaxman, der das genaue Studium der 
Antike einführte, erhebliche Verdienste keines¬ 
wegs abzusprechen sind, so nahm doch die 
Bildhauerkunst der damaligen Zeit einen nur 
mäßigen Standpunkt ein. Seinen beiden realisti¬ 
schen Zeitgenossen Nollekens und Chantrey 
fehlte es augenscheinlich an plastischem Stil¬ 
gefühl. Daß es Morris gelang, einen Mann von 
der Bedeutung des Burne-Jones während eines 
Menschenalters für das Kunstgewerbe nach¬ 
haltig zu interessieren, kann ihm nicht hoch 
genug angerechnet werden. 

Das hier wiedergegebene Porträt von Morris 
(Abb. 1) hat Watts im Jahre 1870 angefertigt; 
es befindet sich in der National Portrait Gallery. 
Als bezeichnend für die Unzertrennlichkeit der 
beiden Freunde kann es gelten, daß Watts 
(Abb. 2) in demselben Jahre auch Burne-Jones 
malte (Abb. 8), den er als Künstler und 
Menschen gleichfalls sehr hoch schätzte. Der 




30 


von Schleinitz, "William Morris. 


Altmeister zählte beide Arbeiten zu seinen 
besten. 

William Morris, der älteste Sohn und das 
dritte Kind von William Morris und Emma 
Shelton, ist am 24. März 1834 in Elm-House, 
Clay Hill, Walthamstow, geboren. Die Familie 
Morris stammt ursprünglich, ebenso wie die 
von Burne-Jones, aus Wales, ein Umstand, der 
häufig zur Erklärung des in beiden wohnenden 
mystischen Elements herangezogen wird. Der 
Vater von Morris war zuerst Angestellter, dann 
Mitinhaber eines Bankgeschäftes, das unter dem 
Namen Sanderson & Co. anfänglich in Lom¬ 
bard Street 32 und dann in King William 
Street 85 domizilierte. Der eigentliche Chef 
des Hauses hieß Harris und entstammte einer 
Quäkerfamilie. Das Geschäft blühte derartig, 
daß Morris als ein wohlhabender Mann galt. Da 
geschah aber im Jahre 1844 etwas, das zu jener 
Epoche sich nicht so oft ereignete wie unter 
unsern heutigen Verhältnissen und jedenfalls 
damals dem Handel noch einen gewissen roman- 



Abb. 3. Red House, Upton. 
(Longmans, Green & Co., London.) 


tischen Zug verlieh. In der Nähe der Stadt 
Tavistock entdeckte man zufällig Kupfer und 
es bildete sich zur Ausbeutung und Förderung 
der Minen eine Aktiengesellschaft mit Anteils¬ 
scheinen ä 1 Pfund Sterling, von denen Morris 
Vater 272 erwarb. Binnen kurzem stiegen die 
Aktien von 1 Pfund Sterling auf 800 Pfund, 
so daß der glückliche Besitzer derselben sich 
mit einem Vermögen von über vier Millionen 
Mark zur Ruhe setzen konnte. 

Als der Sohn sieben Jahr alt war, bezog 
die Familie Woodford I lall, ein geräumiges 
I laus inmitten eines Parkes von 50 Ackern, 
das an der großen Straße von London nach 
Epping liegt. Die durch die landschaftliche 
Szenerie hier empfangenen Eindrücke des 
Knaben finden sich später wiedergegeben in 
„News from Nowhere“. „Tausend und eine 
Nacht“ sowie recht derbe Geistergeschichten 
bildeten im achten Jahre seine Lieblingsunter¬ 
haltung. Dann folgten Marryat und Walter 
Scott, außerdem geriet ein Buch in seine Hände, 
das wegen seiner hübschen Illustrationen einen 
nachhaltigen Einfluß auf seine Motive in Tapeten, 
Glasarbeiten und Gewebemustern ausübte: Ger- 
ards „Herbai“. Während Morris mit Leichtigkeit 
lesen gelernt hatte, wollte seine Orthographie 
keine besonderen Fortschritte machen, ja, selbst 
auf der Höhe seines Ruhmes kamen in dieser 
Beziehung manche mißlichen Dinge zutage. So 
mußten z. B. wegen ganz unglaublicher ortho¬ 
graphischer Fehler mehrere Blätter von „Life 
and Death of Jason“, als das gesamte Werk 
zur Ausgabe bereits fertiggestellt war, heraus¬ 
genommen werden, weil der Korrektor geglaubt 
hatte, es läge in diesen Fällen eine absicht¬ 
liche eigentümliche Schreibweise des Autors vor. 

Obgleich Morris keltischer Abstammung war 
und eine romantisch-melancholische Ader be¬ 
saß, so interessierte ihn die irländische Mytho¬ 
logie nur sehr wenig, und selbst die Arthur- 
Legenden flößten ihm geringeres Interesse ein 
als die germanische Sagenwelt. In der Heraldik 
war er gut belesen und bei seinen Spazierritten 
auf einem Pony meistens mit einer Rüstung 
angetan, außerdem führte er häufig Bogen und 
Pfeile mit sich, um Wildtauben zu schießen. 

Im Jahre 1848, nach dem Tode seines 
Vaters, bezog Morris für drei Jahre Marlborough 
College. Dank der dortigen Bibliothek verließ 
er die Anstalt als ein vortrefflicher Archäologe 






















von Schleinitz, William Morris. 


31 


und als ein noch besserer Kenner englischer 
Gotik. Später äußerte einer seiner früheren 
Mitschüler gelegentlich über ihn: „Morris be¬ 
sitzt die Fähigkeit in hohem Grade, über Dinge, 
die er gesehen hat, anders zu schreiben als sie 
wirklich sind; in diesen seinen Träumen liegt 
die Stärke, aber zugleich auch die Schwäche 
seiner Erzählungen.“ 

Anfang Juni im Jahre 1852 begab sich Morris 
nach Oxford, um in Exeter College (Abb. 5 u. 6) 
sein Aufnahme-Examen für die Universität zu 
bestehen; wegen augenblicklicher Überfüllung 
bezog er letztere jedoch erst im Januar 1853. 
Ihm unmittelbar zur Seite im Examinations- 
saal saß ein anderer, aus Birmingham ge¬ 
kommener junger Mann, der sich ebenso wie 
er für den geistlichen Stand vorbereiten wollte. 
Sein Name war Burne-Jones. Er stammte aus 
einer mittellosen Familie und sowohl die Wahl 
des Berufes wie die Entscheidung für Oxford 
wurde wesentlich mit dadurch herbeigeführt, 
daß ihm für die dortige Univer¬ 
sität eine Freistelle bewilligt wor¬ 
den war. Bei Morris dagegen 
läßt sich in dieser Beziehung der 
Einfluß seiner Lieblingsschwester 
Emma nachweisen, die zu jener 
Zeit einen Geistlichen namens Old¬ 
ham heiratete. 

Um den keineswegs direkt zum 
Ziel führenden Weg der beiden 
Freunde und ihren sehr allmäh¬ 
lichen Werdegang auf der Univer¬ 
sität besser übersehen zu können, 
erscheint es nötig, die zu jener Zeit 
in Oxford herrschende geistige 
Atmosphäre zu berühren und auf 
die Neubelebung der englischen 
Kunst durch die sogenannte prä- 
raflaelitische Schule hinzuweisen. 

Die beginnende Studienzeit beider 
fällt in eine Epoche, in der Oxford 
immer mehr der Mittelpunkt einer 
Bewegung wurde, die sich am ein¬ 
fachsten in den Worten: Puseyis- 
mus, Traktarianismus, Ritualismus, 
Anglokatholizismus oder Anglikanis¬ 
mus der Hochkirche zusammen¬ 
fassen läßt. Die Scheidewand 
zwischen dem Puseyismus und der 
katholischen Kirche war aber eine 


so dünne, daß es kaum wundernehmen konnte, 
wenn Männer wie der nachmalige Kardinal 
Manning, Kardinal Newman und Wilberforce, 
der Bruder des Bischofs von Oxford, zum 
Katholizismus übertraten. Selbstverständlich 
erfolgten starke Gegenbewegungen, unter deren 
Leitern sich auch der den beiden Freunden 
näherstehende Benjamin Jowett,Regius-Professor 
des Griechischen, befand. Da er für die Toleranz 
der Kirche eintrat, sah er sich vielfachen Ma߬ 
regelungen ausgesetzt, besonders auch deshalb, 
weil er sich zu sehr an dem Feuertranke Hegels 
gelabt hatte. Jowett stand in persönlichen Be¬ 
ziehungen zu G. Hermann, Ewald, Erdmann 
und Lachmann. Seine Übersetzungen von Plato 
und Thukydides gelten als mustergültig. 

Die Stadt Oxford hatte einen langen, wenn 
auch schließlich vergeblichen Kampf geführt, 
um mit einer Eisenbahn „verschont“ zu werden. 
Zur Zeit des Aufenthaltes von Morris und Burne- 
Jones trug der Ort noch einen vollständig 



Abb. 4. Dante Gabriel Rossetti. Nach dem Ölbild von G. F. Watts. 
(F. Hollyer in London W. 9 Pembroke Square.) 







von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 5. Excter College mit Kirche in Oxford, Morris' Studienaufenthalt. 


mittelalterlichen Charakter: „Eine Vision von 
Häusern mit grauen Dächern, eine einzige, lang 
hingewundene Straße und Geläute unzähliger 
Glocken“, so charakterisiert sie Morris. Excter 
College gewährt den Anblick eines alten nor- 
männischen Schlosses; das Gemäuer auf der 
Innenseite ist von Efeu überwuchert, nach der 
andern Front hin wird der Bau durch die Ka¬ 
pelle beherrscht, ein Umstand, der für ein 
theologisches Vorbereitungsinstitut nicht gar 
zu befremdlich erscheinen darf. Unvermittelt 
endeten die beiden Ausgänge der Hauptstraße 
in Wiesen. Burne-Jones bemerkt in seinem 
Tagebuche: „Wir erlitten fast täglich Einbuße 
an unseren Illusionen, und die Enttäuschungen 
mehrten sich bald . . .“ 

Zu ihrem näheren Umgänge gehörte 
Faulkner, ein späterer Mitbegründer der Firma 
Morris. In launiger Weise erzählt Morris von 
seinem nachmaligen Teilhaber, wie er zwar 
Ausgezeichnetes in der Mathematik und Physik 
leistete, jedoch wegen seiner entsetzlichen Un¬ 
kenntnis in der Gottesgelahrtheit oft Spott und 
Witzeleien aushalten mußte und schließlich gut 
daran tat, der Theologie gänzlich zu entsagen. 
So bekam er einst viel ärgerliches zu hören, 
weil er gelegentlich den Propheten Jesaias unter 
den zwölf Aposteln aufgezählt hatte. Fast 
möchte ich glauben, daß Morris selbst sich 
hier einen Witz auf Kosten Faulkners erlaubt hat. 


Von seiner Stube aus in Exeter College 
übersah Morris die altehrwürdige Bodleian- 
Bibliothek, der er soviel geistige Nahrung 
verdankte (Abb. 7). Man kann wohl sagen, 
beide Freunde verschlangen mit Heißhunger 
den Inhalt vieler ihnen selbst dem Namen nach 
bisher ganz unbekannter Werke. Vorerst han¬ 
delte es sich allerdings meist nur um Theo¬ 
logie, Kirchengeschichte, kirchliche Archäo¬ 
logie und hiermit im Zusammenhänge stehende 
Bücher, an denen, wie bekannt, die Bodleian- 
Bibliothek unschätzbaren Reichtum besitzt. Üb¬ 
schon die Aufgabe veralteter Vorurteile von 
der Universität gerade nicht in einem der An¬ 
schauungsweise unserer Zeit entsprechendem 
Tempo ausgeführt wird, so muß man doch an¬ 
erkennen, daß die Verwaltung der Bibliothek 
in dieser Beziehung eine rühmliche Ausnahme 
macht. Häufig las Morris seinem Freunde laut 
vor, eine Gewohnheit, die er bis spät in seinem 
Alter beibehielt. Ebenso wurde er niemals 
seinen auf der Universität ihm gegebenen Spitz¬ 
namen „Topsy“, abgekürzt „Top“, los. 

Morris galt damals für einen zur englischen 
Hochkirche gehörenden Aristokraten. Bei Ein¬ 
tritt seiner Mündigkeit sah er sich in un¬ 
beschränktem Besitz einer jährlichen Rente 
von etwa 20000 Mark. Mehr als einmal 
schwankte er hinsichtlich des Übertritts zur 
katholischen Kirche, da in Exeter College zwei 







von Schleinitz, William Morris. 


33 



Abb. 6. Exeter College in Oxford, Morris’ Studienaufenthalt. (Innenseite.) 


sich befehdende Parteien bestanden, von denen 
jedoch die dem Puseyismus abgeneigte im 
großen und ganzen das Übergewicht behielt. 

Bis jetzt war Dürer sowohl Morris wie 
Burne-Jones so gut wie unbekannt geblieben. 
Seitdem aber den beiden Freunden eine Über¬ 
setzung von Fouques Werken in die Hände 
gefallen war, die unter andern eine Holzschnitt- 
Reproduktion des Blattes „Der Ritter und der 
Tod“ enthielt, begannen sie den alten deutschen 
Meister, der ihnen gotisch veranlagt erschien, 
eifrig zu studieren. Mehrere Romane Fouques 
inspirierten Morris derart, daß eine ganze Reihe 
seiner Arbeiten sich auf des ersteren roman¬ 
tische Stoffe zurückführen läßt. „Thiodolfs 
Fahrten nach Island“, „Der Zauberring“ und 
das fast in alle Sprachen übersetzte Märchen 
„Undine“ zogen seine Phantasie so mächtig an, 
daß ich als Beweis hierfür z. B. nur die zwei¬ 
malige Reise von Morris nach Island erwähnen 
will. Märe und Aventiure hielten unbewußt 
alle seine Gedanken fest. Wenngleich Fouque 
mit „Sigurd dem Schlangentöter“ sich offen¬ 
bar in Regionen wagte, die für ihn zu hoch lagen, 
so blieb das Thema gleichfalls nicht ohne 
Einfluß auf Morris. Das Urteil über Fouque 
hat mancherlei Änderungen erfahren, allein 
für Morris, der in den Anschauungen des 
XII. und XIII. Jahrhunderts lebte und webte, 
war der deutsche Romanzier schon der rich¬ 
tige Mann. Man mag auch über Fouque denken, 
Z f. B. 1907/1908. 


wie man will: jedenfalls verstand er es, den 
Geist des Rittertums in edleren Gestalten dar- 
zustellen als die ungeschickten Verfasser der 
alten Ritterromane von Schlenkert und Genossen 
Durch Ruskin hören Morris und Burne-Jones 
zum ersten Male von der neu gebildeten prä- 
rafifaelitischen Brüderschaft. Morris liest seinem 
Freunde Tennysons Poem „The Lady of 
Shalott“ vor, für das Holman Hunt in der 
illustrierten und nach dem Herausgeber der 
Gedichte des Poeta laureatus benannten 
Moxon-Ausgabe das Sujet bildlich veranschau¬ 
licht hatte. 

Ruskin stand in den Augen von Burne-Jones 
und Morris wie ein Held und Prophet da. Als 
im Jahre 1853 seine „Stones of Venice“ er¬ 
schienen, war Morris von dem Kapitel „Of 
the Nature of Gothic“ so entzückt, daß er es wie 
ein Evangelium betrachtete und in liebender 
Erinnerung an Ruskin diesen Aufsatz als eins 
der ersten Keimscott-Produkte neu heraus¬ 
gab. Kaum nach Jahresfrist seit ihrem Ein¬ 
treffen in Oxford begann das Interesse der 
beiden jungen Freunde für die Kirche merk¬ 
lich abzunehmen, und an ihre Stelle traten 
überwiegend der genannte Dichter, der sein 
Zeitalter in England beherrschende Kunst¬ 
ästhetiker und für Morris die nordische, für 
Burne-Jones die Sagenwelt der Kelten. 

In den Tagen, da Morris und Burne-Jones 
sich noch auf der Universität aufhielten, jedoch 

5 











34 


von Schleinitz, William Morris. 


im Begriff standen, sie zu verlassen und Kos- 
setti kennen lernten, war bereits die Haupt¬ 
schlacht für die Präraffaeliten siegreich ent¬ 
schieden worden. Ohne Ruskins Hilfe wäre 
dies höchst wahrscheinlich niemals gelungen. 
Schon ehe im Jahre 1849 die ersten Werke von 
Rossetti, Holman Hunt und Millais erschienen, 
hatte Ruskin durch seine Schriften, in denen er 
unablässig mahnte, zur Natur zurückzukehren, 
unbewußt das Terrain für die Präraffaeliten 
geebnet. Außer den drei erwähnten gehörten 
ursprünglich noch zu der Brüderschaft: Michael 
Rossetti, der noch lebende Bruder Dante 
Gabriels, der später der Schwiegersohn Madox 
Browns wurde, dann Woolner, Collinson und 
Stephens. Stephens vertauschte bald den Pinsel 
mit der Feder und führte als Kunstkritiker 
die Sache der Präraffaeliten mit großem Ge¬ 
schick. Madox Brown, ein nachmaliger Teil¬ 
haber der Firma Morris, trat dem Künstler¬ 
bunde formell niemals bei, wenngleich er den¬ 
selben intellektuell unterstützte. Ruskin, Coven¬ 


try Patmore, der Dichter Swinburne, Stephens 
und Morris sind als literarische Streiter für den 
Präraffaelismus seine besten Exponenten. 
Rossetti, gleichfalls später Mitinhaber der Firma 
Morris, hat für die Brüderschaft am meisten 
durch seine Dichtkunst und Beredsamkeit ge¬ 
leistet. Millais war vor allem Maler und talent¬ 
voll; Holman Hunt stellte das positiv christ¬ 
liche Element in der Vereinigung dar. 

Während der Studienzeit in Oxford hat 
Morris nachfolgendes Ave Maria gedichtet, 
das seinen damaligen religiösen Standpunkt 
hinlänglich kennzeichnet. Burne-Jones wollte 
den Inhalt zum Motiv seines letzten Bildes als 
Andenken an Morris benutzen, als ihn selbst 
der Tod ereilte. Das Ave Maria lautet: 

Queen Mary’s crown was gold 
King Joseph’s crown was red 
But Jesus crown was diamond 
Thal lid up all the bed 

Mariae Virginis. 
Ships sail through the heaven, 



Abb. 7. Die Bodleian Library. 






















von Schleinitz, William Morris. 


35 


With red banners dress’d 
Carrying the planets seven 
To see the white brest 

Mariae Virginis. 

Einige Monate lang ging Burne-Jones mit 
dem Gedanken um, Dichter werden zu wollen, 
allein Morris erklärte ihm rund heraus: „Du 
hast nicht das geringste Talent zum Poeten, 
und ehe du ein schlechter wirst, will ich dich 
lieber als einen guten Geistlichen sehen!“ 

Mr. Pennell, eine Fachautorität in allem, was 
mit Federzeichnung, Fithographie und Holz¬ 


schnitt zusammenhängt, bezeichnet William 
Allinghams „Music Master“, 1855 von Moxon 
verlegt, illustriert von Rossetti, Hughes und 
Millais, als das erste Buch, das eine neue 
Epoche in der englischen Buchillustration an¬ 
hebt. Für eins der dort vorhandenen Bilder, 
„Elfen Mere“, von Rossetti entworfen, inter¬ 
essierten sich Morris und Burne-Jones ganz be¬ 
sonders. Der selbständigste Nachfolger der 
beiden Meister, Walter Crane, sagt in seiner 
Autobiographie: „Die Zeichnungen, die mich 
bezauberten, waren ausschließlich die von Ros¬ 
setti, Holm an Hunt und Millais.“ Als junger 



Abb. 8. Sir Edward Burne-Jones. Nach dem Ölgemälde von G. F. Watts. 
(F. Hollyer in London W. 9 Pembroke Square.) 




von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 9. Das Licht der Welt. 

Nach dem Gemälde von Holman Hunt. 

Mensch verwandte Walter Crane sein Taschen¬ 
geld dazu, um sich die von den Präraffae- 
liten illustrierte Moxon-Ausgabe von Tenny- 
sons Gedichten anzuschaffen. In seinem Auf¬ 


satz „The english Revival of decora- 
tivc Art“, urteilt Crane über die 
präraffaelitische Bewegung: „Um 
den Ursprung unserer Renaissance 
zu bezeichnen, müssen wir bis auf 
die Tage der präraffaelitischen Be¬ 
wegung zurückgehen. Obgleich 
keines ihrer Mitglieder ein dekora¬ 
tiver Zeichner im strengen Sinne 
des Wortes war, wenn wir Rossetti 
ausnehmen, so richteten sie doch 
durch ihre entschlossene und be¬ 
geisterte Rückkehr zum unmittel¬ 
baren Symbolismus, zum freien 
Naturalismus, zum poetischen oder 
romantischen Gefühl des Mittel¬ 
alters, denen sic die Macht der 
modernen Analyse hinzugesellte 
und schließlich durch ihre charakte¬ 
ristisch ausgedrückte Liebe zu 
jedem Detail, ihre Aufmerksamkeit 
ebenso sehr auf alle Zweige der 
Zeichnung wie auf die Malerei.“ 
Nicht zum wenigsten sind Morris 
und Burne-Jones durch Holman 
Hunts mystisches Gemälde „Das 
Licht der Welt“ (Abb. 9) ver¬ 
anlaßt worden, sicli dem Künstlcr- 
berufe zu widmen. In dem Ge¬ 
mälde ist Christus dargestellt, wie 
er bei Nacht in den Feldern 
herumwandert und, an die Pforten 
der Geringen, der Mühseligen und 
Beladenen klopfend, Einlaß begehrt 
Der Heiligenschein wird durch den 
Mond gebildet. Holman Hunt, die 
letzte aufrecht stehende Säule des 
Präraffaelismus, ist derselbe in 
seiner Kunst wie vor fünfzig Jahren 
geblieben: er läßt sich weder auf 
Kompromisse mit dem einzelnen 
ein, noch macht er Konzessionen 
an die Menge. Dies Bild des 
Meisters sowie mehrere andere 
Werke der Präraffaeliten, welche 
die beiden Freunde bei Mr. Combe, 
dem Direktor der Clarendon Press 
in Oxford, sahen, gaben endgültig den Aus¬ 
schlag. Kurze Zeit vorher, im Jahre 1855, war 
Morris in Oxford noch unschlüssig, ob es nicht 
das beste sei, sein gesamtes Vermögen dazu zu 



















von Schleinitz, William Morris. 


37 



Abb. io. Die Erzählung der Äbtissin. (Photographie von Caswall Smith in London.) 


verwenden, ein Kloster zu gründen. Anregung 
bekam er zu diesen Plänen durch den mit ihm 
eng verbundenen Architekten Street, der, ähn¬ 
lich wie Cornelius und Overbeck in Rom, ein 


künstlerisches Institut auf religiöser Grundlage 
errichten wollte. 

Madox Brown, der von einem sehr ge¬ 
wichtigen Teil der englischen Kunstkritiker als 






von Schleinitz, William Morris. 


8 


der eigentliche Vater des Präraffaelismus an¬ 
gesehen wird, war in Calais geboren und ver¬ 
dankt alles, was er geworden ist, Antwerpen, 
Paris und Rom. Während seines römischen 
Aufenthaltes im Jahre 1845 erhielt er bleibende 
Eindrücke durch Cornelius und Overbeck. Das, 
was die Präraffaeliten wollten: Wahrheit, das 
war schon weit früher das grundsätzliche Be¬ 
streben der deutschen Schule der „Nazarener“ 
gewesen. Wenn also Madox Brown die Grund¬ 
lage des englischen Präraffaelismus bildet, 
so erblickte dieser nach logischer Konsequenz 
bereits durch Cornelius, Overbeck, Schadow 
Veit, Schnorr von Carolsfeld und Führich 
schon dreißig Jahre früher das Licht der Welt 
als in England. Aus Holman Hunts eigenem 
Munde habe ich die Bestätigung vernommen, 
daß Madox Brown ihm wiederholt erklärte, 
hauptsächlich durch die genannte deutsche 
Schule in Rom beeinflußt worden zu sein. Von 
der späteren Firma Morris haben wir nun fünf 
Partner kennen gelernt, von denen jeder ein 
Original darstellt: Morris, Burne-Jones, Faulkner, 
Madox Brown und Dante Gabriel Rossetti. Pks 
traten dann noch hinzu der Architekt Webb 
und P. Marshall, ein Ingenieur, der mit Madox 
Brown befreundet war. 

Ende 1855 reift in Morris, nachdem er 
Frankreich und Holland bereist, und in Burne- 
Jones seit seiner persönlichen Bekanntschaft mit 
Rossetti, unwiderruflich der Entschluß, der 
Theologie zu entsagen, um sich der Kunst aus¬ 
schließlich zu widmen. Morris bleibt aber 
zunächst noch in Oxford und erhält, nach¬ 
dem er sein Examen bestanden, den ersten 
akademischen Grad. Bezeichnend genug ar¬ 
beitet er dann während neun Monaten bei dem 
Architekten Street, dem Erbauer der Londoner 
Gerichtshöfe, über deren architektonischen 
Wert die Ansichten sehr auseinandergehen. 
Morris sieht in der Architektur die Grundlage 
aller Kunst und wendet sich mit Vorliebe der 
Gotik zu. 

In England geschieht es weit häufiger als 
bei uns, daß der Künstlerstand sich aus Per¬ 
sonen ergänzt, die auf der Universität studiert 
haben. Noch auf der Hochschule hatte Morris 
„The Oxford and Cambridge Magazine“ ge¬ 
gründet, das aber nur während des Jahres 1856 
erschien und für das er acht größere Prosa- 
Aufsätze, einige kleinere Essais und fünf Ge¬ 


dichte als Beiträge geliefert hatte. Der wert¬ 
vollste unter diesen betitelt sicli „The I lollow 
Land“; dazu kommt das ausgezeichnete lyrische 
Gedicht „Summer Dawn“. Als Verleger sind 
genannt: Bell&Daldy, London, Fleet Street; ein 
Exemplar dieser Zeitschrift ist heute sehr schwer 
zu erlangen. 

Ruskin schrieb mehrfach an Morris, um den 
Namen dieses oder jenes anonymen Mitarbeiters 
zu erfahren. Zur gleichen Periode sandte Ros¬ 
setti einen für ihn und sein überschwengliches 
Urteil ungemein charakteristischen Brief an 
William Bell Scott: „Zwei junge Leute, die be¬ 
absichtigen, das »Oxford und Cambridge Maga¬ 
zine 4 herauszugeben, sind kürzlich nach London 
gekommen und sind jetzt meine intimen Freunde. 
Sie heißen Morris und Jones. Sie sind Künstler 
geworden, anstatt eine Laufbahn zu verfolgen, 
zu der die Universität gewöhnlich führt. Beide 
sind Männer von wahrhaftem Genie. Jones* 
Zeichnungen sind wirkliche Wunder von Aus¬ 
führung und phantasiereichen Details und viel¬ 
leicht von niemand außer durch Dürers beste 
Werke übertroffen. Obgleich Morris bis jetzt 
noch keine Übung besitzt, so zeigt er doch 
die gleiche Kraft. Außerdem hat er wundervolle 
Poesien verfaßt“ 

Gegen Ende des Jahres siedelten Morris und 
Burne-Jones endgültig nach London über und 
bezogen hier gemeinschaftlich eine in Red Lion 
Square No. 17 belegene und früher von Ros¬ 
setti und Deverell als Atelier benutzte Woh¬ 
nung. Die Freundschaft des ersteren mit den 
beiden jungen Künstlern war zweifellos eine auf 
idealer Grundlage entstandene; sie lernten viel 
von Rossetti und waren ihm sicherlich zu 
großem Dank verpflichtet; indessen auch Ros¬ 
setti ging keinesfalls weder ideell noch materiell 
leer aus: er war gleichfalls der empfangende 
Teil. Die anregende Originalität von Morris 
und Burne-Jones darf durchaus nicht unter¬ 
schätzt werden, und außerdem trug jener als 
reicher Mann nicht wenig dazu bei, die chro¬ 
nische Finanznot seines Lehrers nach Möglich¬ 
keit dadurch zu mildern, daß er Bilder von ihm 
kaufte. 

Das von Watts ausgeführte Porträt Dante 
Gabriel Rossettis (Abb. 4) zeigt uns den 
Träumer und Malerpoeten mit dem Shake¬ 
speare-Kopf in etwas idealisierter Auffassung. 
Der Meister hat es verstanden, den auf den 





William Morris. 

Nach der Büste von H. C. F e h r. 


Zeitschrift für Bücherfreunde XI 


Zu von Schleinitz. William Morris 


















von Schleinitz, William Morris. 


39 


ersten Blick hin empfangenen Eindruck der 
Persönlichkeit Rossettis, der kein zu bestechender 
war, durch Ausgleichung gewisser Kontraste 
sympathischer zu gestalten. 

Eins der farbenfreudigsten, in demselben 
Jahre (1865) von Watts gemalten Bildern, be¬ 
titelt „Bianca“, erweist die nähere Verbindung 
der beiden Künstler zu dieser Zeit auch durch 
den Umstand, daß die in der „Bianca Capello“ 
dargestellte Person die Züge der Miß Ford trägt, 
die zu jener Epoche das Modell Rossettis war. 

Hier in Red Lion Square gestaltete sich das 
Leben von Morris und Burne-Jones etwas ä la 
Boheme, obschon durch zwei wichtige Punkte 
unterschieden von dieser Lebensweise. Vor 
allem kannte Morris die wirklich drückenden, 
die entmutigenden und niederwerfenden Sorgen 
um das nackte Dasein nicht und zweitens ar¬ 
beitete er mit zähester Energie. Trotz seiner 
Mittel war von einem eigentlichen Müßiggang 
keine Rede, wenngleich sich über sein Ver¬ 
hältnis zu der „Red Lion Mary“ ein ganz 
hübscher Legendenkreis bildete, der sogar nach 
dem Vorbilde des Dekameron ein Buch von 
hundert Geschichten gezeitigt haben soll. Das 
genannte Fräulein besorgte die Wirtschaft für 
Burne-Jones und Morris, kochte, nähte und 
stopfte, vergaß aber auch alles darüber, wenn 
sie beim Malen Zusehen oder die neuesten Ge¬ 
dichte von Morris lesen konnte. Sie war nicht 
ganz ungebildet und stand am liebsten Modell, 
so daß sie infolge ihrer vielseitigen guten Eigen¬ 
schaften schließlich eine gewisse Berühmtheit 
in dem Freundeskreise der beiden Künstler er¬ 
langte. 

Aus dieser Vie Boheme heraus bildete sich 
auf die natürlichste Weise für Morris der Ent¬ 
schluß, seine Kräfte der Kunstindustrie zu 
weihen. Es kamen nach sauber entworfenen 
Zeichnungen Tische und Stühle zustande, die 
für Karl den Großen in bezug auf Maß und 
Festigkeit gedient haben konnten, und die seiner¬ 
zeit auch Verwertung für die Vorlagen zur 
Illustrierung von „König Arthurs Tafelrunde“ 
fanden. In der Wohnung in Red Lion Square 
war nämlich so gut wie kein brauchbares Stück 
Möbel und was überhaupt an Einrichtungs¬ 
gegenständen vorhanden war, widerstrebte dem 
künstlerischen Sinne und Stilgefühl von Morris 
derart, daß er sich kurz entschlossen hinsetzte, 
Modelle zeichnete, zu den besten Handwerkern 


in der Nachbarschaft eilte und mit diesen unter 
Überwachung der betreffenden Aufträge handel- 
eins wurde. Ganz so glatt und rasch ging die 
Sache natürlich nicht immer vor sich, aber 
schließlich übertrug Morris seine Ideen doch 
siegreich auf die Praxis. Unter allen Um¬ 
ständen bildeten sie die Grundlage für die spätere 
berühmte Weltfirma und für die Wiedergeburt 
des Kunsthandwerks in England. 

Red Lion Square wurde bald ein Mittel¬ 
punkt für viele Künstler und solche Personen, 
die sich für Kunst interessierten. Man kam 
und ging zwangslos ein und aus; von irgend 
einem regelmäßigen Leben war keine Rede. 
Rossetti trug in seiner Ruhelosigkeit und durch 
sein Verhältnis zu Miß Siddal dazu gleichfalls 
bei, um die für die Boheme notwendigen Ele¬ 
mente zu liefern. Als Morris zu einer Illustra¬ 
tion der Nibelungen den Hintergrund in Gestalt 
einer mittelalterlichen Stadt gemalt hatte, rief 
Burne-Jones begeistert aus: „Das ist besser als 
Rossetti es vermag!“ Die Antwort von Morris 
aber lautete: „Das ist unmöglich!“ 

Morris stand damals so unbedingt unter dem 
Banne und der Herrschaft Rossettis, daß es nötig 
erscheint, einen kurzen Blick auf den Malerpoeten 
zu werfen, von dem man sagt, er hätte am 
besten getan, seine Gedichte zu malen und seine 
Bilder zu dichten. Das mit achtzehn Jahren 
verfaßte Poem „The blessed Damozel“ ist ein 
so großes Meisterwerk, daß es fast unbegreiflich 
erscheint, warum er nicht bei der Dichtkunst 
allein verblieb. Jedenfalls ist er das haupt¬ 
sächlich treibende Element in der gesamten 
präraffaelitischen Bewegung gewesen. Sein 
Stil ist dekorativ, mystisch, mitunter apathisch, 
schwül und müde, aber niemals gewöhnlich, 
sondern stets von erhabenen Ideen getragen. 
Der Wert seiner eigenen malerischen Leistungen 
wurde nicht nur von Morris, sondern auch von 
den Zeitgenossen zu hoch geschraubt. Das rein 
künstlerische Talent in ihm war nicht stark 
genug, um in der Malerei das höchste zu er¬ 
reichen; indessen seine Anregung, seine uner¬ 
müdliche und begeisterte Hingabe an die ge¬ 
meinschaftliche Sache, seine zündenden Reden, 
und vor allem die freie, offene, hinreißend 
liebenswürdige Persönlichkeit Rossettis, erhöht 
in ihrem Reiz durch eigenartiges Wesen, haben 
am meisten dazu beigetragen, Anhänger zu 
gewinnen. Rossetti hat die präraffaelitische 



40 


von Schleinitz, William Morris. 





leb 

Jt 


z . _ 


Abb. ii. Die Anbetung der drei Weisen des Morgenlandes. 

Im Exeter College, Oxford. Gobelin, ausgefiihrt von Morris & Co. in London. 


Bewegung in Fluß erhalten. Morris und Burne- 
Jones sagen ihm nach, daß er ein schlechter 
Rechner war, aber wenn er Geld besaß, was aller¬ 
dings nicht zu oft der Fall gewesen sein soll, stets 
für seine Umgebung eine offene Hand hatte. 

Zehn Jahre dauerte es, bis er sich zu dem 
Entschluß aufraffen konnte, Miß Siddal, sein 
Modell und seine Liebe, zu heiraten. Als 
diese dann plötzlich starb, überkam ihn eine 
solche Fassungslosigkeit, daß er seine Gedichte 
in ihr goldenes Haar wickelte und mit ihr be¬ 
graben ließ. Wenn man diese Äußerung des 
Schmerzes und sein überwallendes Herzens¬ 
gefühl verstehen kann, so ist es doch gerade¬ 
zu unbegreiflich, wie Rossetti sich zu der 
grauenvollen Handlung hat verleiten lassen, die 
Ruhe seiner heißgeliebten Miß Siddal (unter 
welchem Namen sie allgemeiner bekannt blieb) 
zu stören, um die im Sarge befindlichen Manu¬ 
skripte verwerten zu können. Für das sensa¬ 


tionsbedürftige, lüsterne Publikum war aller¬ 
dings seit langer Zeit kein so pikantes Objekt 
auf den Markt gekommen, wie die unter so 
eigentümlichen Verhältnissen wieder an das 
Tageslicht hervorgezogenen Gedichte. Wenn 
man dann bedenkt, daß Morris mit Rossetti 
später zusammen wohnte, sein Associe wurde, 
letzterer in der großen Krise bei Auflösung 
der zuerst begründeten „Firma Morris“ aber 
seinen Freund im Stich läßt, schließlich jedoch 
von diesem großmütig Verzeihung erhält: so 
wird man den Einfluß ermessen, den Rossetti 
auf Morris ausübte. Obgleich jener während 
seines Lebens für einen Atheisten galt, be¬ 
siegelte er die seltsamen Widersprüche seiner 
problematischen Natur noch dadurch, daß, als 
es zum Sterben ging, er bei einem katholischen 
Priester Generalbeichte ablegte. 

Als in Red Lion Square die nach den 
Zeichnungen von Morris angefertigten Möbel 














von Schleinitz, William Morris. 


41 


HERE BEGINNETH THE DE. 
FENCE OF GUENEVERE. 

UT, KNOW 
INGNOW 
THATTHEY 
WOULD 
HAVE HER 
SPEAK, 
SHETHREW 
HER WET 
HAIRBACK. 
WARD FROM 


HERBROW, 

HER HAND CLOSE TO HER 
MOUTH TOUCHING HER 
CHEEK, 

AS THOUGH SHE HAD HAD 
THERE A SHAMEFUL BLOW, 
AND FEELING IT SHAMEFUL 
TO FEEL OUGHT BUT SHAME 
ALL THROUGH HER HEART, 
YETFELTHERCHEEKBURN. 
ED SO, 

SHE MUST A LITTLE TOUCH 
IT; LIKE ONE LAME 
SHE WALKED AWAY FROM 
GAUWAINE.WITH HER HEAD 

m 


Bspgap n 

Abb. 12. The Defence of Guenevere. (Keimscott Press.' 


einge troffen waren, glaubte 
er und Burne-Jones, daß sie 
eigentlich nur dazu ange¬ 
schafft worden seien, um von 
ihnen durch bildliche Deko¬ 
ration verschönert zu werden. 

Beide trieben diese Malwut 
bis zu den äußersten Konse¬ 
quenzen. Abgesehen davon, 
daß einige wirklich gelungene 
Resultate zu verzeichnen 
sind, bieten uns diese doch 
auch den Vorteil, als Weg¬ 
weiser für die Kenntnis der 
damaligen literarischen Stu¬ 
dien der beiden Freunde zu 
dienen. So wird uns durch 
die Ausschmückung eines 
Kleiderschrankes, der bis 
zu Morris’ Lebensende die 
Hauptzierde seines Wohn¬ 
zimmers bildete, die Kunde, 
daß die Freunde sich der¬ 
zeitig eifrig mit Chaucer be¬ 
schäftigten. 

Das Interesse für Chaucer 
liegt nicht so sehr in seiner 
Darstellung mittelalterlichen 
Lebens als in jener fast pro¬ 
phetischen Vorhersage der 
kommenden Veränderung in 
der mittelalterlichen Lebens¬ 
und Weltanschauung. Wie 
in Italien Petrarca der Bahn¬ 
brecher des Humanismus 
wurde, so ähnlich verhält es 
sich mit Chaucer für Eng¬ 
land. Für das Zitieren von Chaucers Geist 
war es kaum möglich, sowohl in Druck, Illu¬ 
stration und Ornamenten geeignetere Werke zu 
schaffen, als sie von Morris und Burne-Jones ent¬ 
standen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß 
Chaucer es war, der der englischen Sprache 
erst Harmonie und Grammatik gab, sie für die 
feineren Schattierungen der Charakterzeichnung 
befähigte und somit die Form schuf, in der die 
Philosophie und höhere Literatur sich ausdrücken 
konnten, so wird man einerseits die Vorliebe der 
beiden jungen enthusiastischen Freunde ebenso 
gut verstehen, wie umgekehrt die Gleichgültig¬ 
keit Ruskins unbegreiflich erscheint. 

Z. f. B. 1907/1908. 


Das oben erwähnte Gemälde für den Kleider¬ 
schrank, betitelt „The Prioress Tale“, wurde nach 
gemeinschaftlichem Entwürfe von Burne-Jones 
und Morris durch ersteren im Jahre 1859 in 
Farbe fertiggestellt. Das Sujet stellt in Über¬ 
einstimmung mit Chaucers Text die Jungfrau 
Maria dar, wie sie einem erschlagenen Knaben 
ein Korn unter die Zunge legt und dieser in¬ 
folgedessen das Bewußtsein behält, Gott, 
Christum und die Jungfrau unaufhörlich singend 
lobt, aber nicht eher zur Seligkeit eingehen 
kann, bis der Abt ihm das Korn entfernt. Ein 
Doppelwunder ist vollbracht von der Mutter¬ 
gottes und dem Abt, der, wie Chaucer sagt, 

6 





























42 


von Schleinitz, William Morris. 


„ein heiliger Mann war, wie Mönche sind oder 
aber sein sollten“. Durch diesen Satz wird 
Chaucer schon allein hinlänglich gekennzeichnet. 
Er bildet in gewissem Sinne den Übergang vom 
altscholastischen Kirchenglauben zu den freieren, 
in der Epoche der Elisabeth herrschenden An¬ 
sichten. Die Szenerie in dem Bilde „Die Er¬ 
zählung der Äbtissin“ (Abb. io) stellt eine kleine 
Stadt in der Zeit des Mittelalters dar. Die 
Malweise zeigt ein Gemisch italienischer, alt¬ 
deutscher und eigenartiger Manier. Morris be¬ 
nutzte die Arbeit später fiir seinen großen 
„Chaucer“, in dem es in etwas veränderter 
Fassung als Illustration erscheint. 

1857 begab sich Morris mit Burne-Jones und 
einigen andern Jüngern der neopräraffaelitischen 
Kunst nach Oxford, um dort die Union-Biblio¬ 
thek mit Fresken auszuschmücken, deren Sujets 
nach Tennysons „Morte d’Arthur“ bestimmt 
waren. Um es voraus zu sagen: wegen ihrer 
Unkenntnis der Technik mißglückte dieser Ver¬ 
such vollständig, so daß von der betreffenden 
Malerei mit geringen Ausnahmen so gut wie 
nichts übrig geblieben ist. Die Temperamalerei 
in Red-House, das spätere Heim von Morris 
(Abb. 3), dann von Mr. Charles Holme, Redak¬ 
teur und Eigentümer der Kunstzeitschrift „The 
Studio“, bewohnt, gelang jedenfalls bedeutend 
besser als der Versuch in Oxford. Leider sind 
aus verschiedenen Gründen Reproduktionen der 
dargestellten Szenen nach der alten Romanze 
„Sir Degrevant“ nur in sehr unbrauchbarem 
Zustande zu erlangen. Diese Tatsache ist be¬ 
sonders deshalb zu bedauern, weil der König 
und seine Gemahlin die Züge von Mr. und 
Mrs. Morris tragen. Die Wanddekoration bildet 
in ihrem Entwurf ein Gemisch verschiedener 
Stile und zwar insofern, als der Vorgang von 
der einfachen primitiven Szene Cimabues oder 
Giottos sich zum Gemälde gestaltet in der 
Manier Filippino Lippis und Benozzo Gozzolis, 
der ebenso, wie es hier geschah, einen Schritt 
weiter noch dadurch geht, daß er Porträts von 
Zeitgenossen in die Darstellung einführt. 

Mrs. Alfred Baldwin besitzt ein von Morris 
im Jahre 1857 illuminiertes Manuskript in 
gotischen Buchstaben, das uns den Beweis liefert, 
wie tief dieser in den Geist des Mittelalters einge¬ 
drungen war; er lebte eigentlich nur zufällig im 
XIX. Jahrhundert. Der Text, der sich an ein 
Grimmsches Märchen anlehnt, nimmt eine durch 


Randdekorationen illuminierte Seite ein und in 
die farbigen Initialen ist ein Bild eingefügt. Das 
Prosa-Schriftstück läßt deutlich die von Morris 
erfaßten Grundsätze der alten Miniatoren er¬ 
kennen. Aus dem Jahre 1856 ist auch noch 
ein Brief Rossettis erhalten, in dem er über 
Morris schreibt: „In allem, was Illumination an¬ 
betrifft, vermag ihn niemand in unserer heu¬ 
tigen Zeit zu erreichen.“ I herbei sei bemerkt, 
daß Morris das menschliche Gesicht, Tiere und 
namentlich Vögel schlecht zeichnete, so daß 
in Bordüren und Buchdekorationen in der Re¬ 
gel die letzteren Webb und die Figuren Burne- 
Jones entwarf. 

Zu den neu sich einstellenden Besuchern in 
Red Lion Square gehört eine für die Lebens¬ 
beschreibung von Morris weitere, auch für die 
Zeitgeschichte wichtige Person: der Dichter 
Swinburne. An Stelle des alten, in der Auf¬ 
lösung begriffenen präraffaelitischen Bundes 
von Holman Hunt, Rossetti und Millais erhebt 
sich nun ein anderes Dreigestirn am englischen 
Kunsthimmel, in der Literatur und im Kunst¬ 
gewerbe: Morris, Burne-Jones und Swinburne. 
In dem von Burne-Jones angefertigten Gemälde 
„Die Anbetung der drei Weisen des Morgen¬ 
landes“ sind die letztgenannten drei Freunde 
als die Gaben darbringenden drei Könige, Mrs. 
Morris als die Jungfrau Maria dargestellt. Be¬ 
dauerlicherweise eignet sich wegen seiner zu 
dunklen Farben dies Werk nicht besonders 
gut zur Reproduktion. Dasselbe Sujet in anderer 
Auffassung und als Vorlage dienend für einen 
aus der Fabrik von Morris hervorgegangenen 
Gobelin, eine der besten Fachleistungen der 
Kunstindustrie überhaupt, ist dagegen hier 
wiedergegeben (Abb. 11). Diese Arbeit bildet 
jetzt die Zierde von Exeter College. Die Vorlage 
zu dem Gewebe befindet sich in Gestalt eines 
Aquarells im Museum Birminghams und gibt 
ein schönes Beispiel ab für die Eintracht, mit 
der Morris und Burne-Jones gemeinschaftlich 
arbeiteten: der erstere zeichnete den Vorder¬ 
grund, den Hintergrund und die Dekoration; 
außerdem traf er die Auswahl der Farben; 
Burne-Jones entwarf dagegen den figürlichen 
Teil der Komposition, ein Kunstfeld, auf dem, 
entgegengesetzt zu ersterem, hauptsächlich sein 
Schwerpunkt ruht. Um Mißverständnissen vor¬ 
zubeugen, muß ferner bemerkt werden, daß der 
Titel für den Teppich lautet: „Anbetung der 



von Schleinitz, William Morris. 


43 


drei Weisen des Morgenlandes“, dagegen für 
die Aquarellvorlage „Stern von Bethlehem“. 

Als Produkte der dichterischen Tätigkeit 
Morris’ aus dem Jahre 1857 soll sein erstes 
lyrisches Poem von Bedeutung, „ The Willow 
and the Red Cliff genannt werden, das in 
seinem mystisch-phantasievollen Stil an William 
Blake, den Nachfolger Swedenborgs, erinnert. 

Dichterische Tätigkeit nimmt Morris auch 
während des Jahres 1858 in Anspruch. So 
entsteht in diesem Zeitabschnitt das Poem 
„Sir Galahad. A Chistmas Mystery“, Bell & 
Daldy, London, 186 Fleet Street, enthaltend 
18 Seiten Text. Infolge 
der regen Nachfrage wurde 
das Werk in unautorisierter 
Weise unter Verschlechte¬ 
rung durch viele Druck¬ 
fehler in Faksimile wieder¬ 
holt. Mr. Temple Scott, 
der Bibliograph von Morris, 
ist der Ansicht, daß es von 
der ersten Ausgabe nur noch 
ein einziges echtes Exemplar 
gebe. Ferner vollendete 
Morris „ The Eve of Crescy“, 

„ The Prayse of my Lady“ 
und „King Arthurs Tomb 
Die Studien über König 
Arthur führten zur Abfassung 
der Dichtung „The Defence 
of Guenevere and other 
Poems“, deren Inhalt dem 
Autor auch Veranlassung 
bot zur Herstellung eines 
Gemäldes, das vielleicht als das einzigste von 
seiner Hand vollständig durchgeführte zu be¬ 
zeichnen ist. Ganz besonders hoch schätzte 
zu jener Zeit Robert Browning den immer 
seltener werdenden Band, der 1875 von der 
Firma Roberts in Boston in 8°-Format un¬ 
befugt nachgedruckt und im Jahre 1904, von 
Robert Steel mit einer Vorrede versehen, neu 
herausgegeben wurde (London. Moring. 2 Schil¬ 
ling 6 Pence). Guenevere, zu deutsch Ginevra und 
alt-wallisisch Ghwenhwyar, war die schöne Ge¬ 
mahlin König Arthurs, mit der er zu Caerlleon 
am Usk in Wales residierte, umgeben von 
einem glänzenden Hofstaate, vielen hundert 
Rittern und schönen Frauen, die in bezug auf 
Tapferkeit und feine höfische Sitte aller Welt 


zu mustergültigem Vorbilde dienten. Als Heer¬ 
fürst der Briten besiegte Arthur in vielen 
Schlachten die Sachsen, zog nach Schottland 
und Irland, nach Dänemark und Norwegen, 
ja selbst nach Frankreich, wo er bei Paris ein 
großes römisches Heer besiegte. Während 
seiner Abwesenheit empörte sich jedoch sein 
Neffe Modred und verführte des Königs Ge¬ 
mahlin Ginevra. Arthur kehrte nun zwar eiligst 
zurück und lieferte seinem Neffen eine Schlacht, 
allein er fand den Tod auf dem Kampfplatz. 

Soweit der festgelegte und mehr oder min¬ 
der als historisch anerkannte Typus des Königs. 

Hier im Gedicht klagt Gawein 
die hinterbliebene Witwe an, 
während Lebzeiten Arthurs 
mit dem das leichte, hei߬ 
blütige Element der Tafel¬ 
runde vertretenden Lanzelot 
den Ehebruch vollzogen zu 
haben. Guenevere beteuert 
in allen Formen und zuletzt 
durch Schwur ihre Unschuld, 
beschwert sich über Arthurs 
Vernachlässigung und fragt, 
ob sie denWerbungen Lanze¬ 
lots gegenüber denn dauernd 
ein Stein hätte bleiben sol¬ 
len? „Stone cold for ever?“ 

„Careless of most things, let 
the clock tick, tick 
To my unhappy pulse beat 
night through 

But Arthurs great name and 
his little love.“ 

Kurz und gut, Morris läßt die „Defence of 
Guenevere“ als glaubhaft gelten und führt ihre 
Verteidigung zum befriedigenden Schluß. Da¬ 
durch, daß er sich des Uhrtickens zum Ver¬ 
gleich bedient, begeht er einen jedenfalls über¬ 
sehenen Anachronismus. Ein gleicher Verstoß 
bei Schilderung eines Turniers findet sich im 
weiteren Verlauf der Dichtung. 

Morris lebt im übrigen nicht nur in den 
Charakteren seiner poetischen Figuren, sondern 
auch in allen Details ihrer Umgebung. Ihm 
war die Gabe eigen, die handelnden Personen 
und ihre Abenteuer so vorzuführen, als ob 
er sie- wirklich gesehen habe, und entgegen¬ 
gesetzt zu Tennyson legt er keine moderne Sen¬ 
timentalität in früh-mittelalterliche Erzählungen 



Abb. 13. Lord Tennyson. 
Miniaturkopie von Miß Ethel Webling nach dem 
von G. F. Watts angefertigten Bildnis in der 
National Portrait Gallery. 











44 


von Schleinitz, William Morris. 


hinein. Auch besitzt er vor Browning den 
Vorzug, nicht wie dieser, halb historisch, halb 
kritisch sein zu wollen. Morris’ Bericht über 
den großen Kampf in Atlis Halle kann nur von 
einem Manne herrühren, der sich mit ganzer 
Seele in die kleinsten Einzelheiten der Materie 
und in die Sitten der darzustellenden Epoche 
versenkt hat. So z. B. ruht eine überzeugende 
Wahrhaftigkeit in Gueneveres Beschreibung 
eines Turniers. 

Während des Autors Lebzeiten erschien 
das Buch in drei verschiedenen Versionen: 

1) „Defence of Guenevere.“ Bell & Daldy, 
1858. „To my friend Dante Gabriel Rossetti, 
Painter, I dedicate these Poems.“ Trotzdem 
500 Abzüge gedruckt wurden, hält es heute 
ziemlich schwer, noch ein Exemplar aufzutreiben. 

2) 1875 fand ein durch Ellis und White, 
London, New Bond Street veröffentlichter Neu¬ 
druck statt. 

3) 1892 wurde das Werk abermals, jedoch 
in veränderter Gestalt, Klein-Quart, in schwarz 
und roten Buchstaben durch die Keimscott 
Press gedruckt. Von den 169 Seiten des 
Buches besitzt die erste einen ornamentalen 
Rand und setzt folgendermaßen ein: „Here 
beginneth the Defence of Guenevere“ (Abb. 12) 
und schließt mit dem Kolophon: „Here ends 
the Defence of Guenevere and other Poems 
written by William Morris; and printed by 
him at the Keimscott Press, 14 Upper Mall, 
Hammersmith in the County of Middlesex and 
finished the 2nd day of April of the year 
1892, sold by Reeves & Turner, 196 Strand, 
London.“ Obgleich die Auflage auf Papier 
300 Exemplare (zu 2 Guineen) und die auf 
Velin 10 Exemplare (zu 12 Guineen) stark war, 
gehört das in der „goldnen Type“ gedruckte 
Werk heute gleichfalls zu den Seltenheiten. 

Das Wort „Guenevere“ wurde in sämtlichen 
Exemplaren von Ellis Hand in mittelalterlichen 
Buchstaben mit Tinte geschrieben. Außerdem 
ist die Dichtung das erste, in biegsamem, wei߬ 
gelben Pergament gebundene Buch der Kelm- 
scott Press. Zweifellos bildet die Grundlage für 
die ganze Arbeit Malorys „Morte d’Arthur“ sowie 
Froissarts Chronicles, und da ferner Rossetti 
schon im Jahre 1857 eine Porträtfederzeichnung 
von Miß Jane Bürden, nachmaligen Mrs. Morris, 
unter dem Titel „Queen Guenevere“, jetzt 


in der Galerie von Dublin befindlich, angefer¬ 
tigt hatte, so scheint auch Rossetti ihn beein¬ 
flußt zu haben. Durch obige Widmung will der 
Autor wohl Rossettis Einwirkung anerkennen. 

W ährend dieser Zeit blieb die Wohnung in 
Red Lion Square fast vereinsamt, da Burnc- 
Jones ernstlich erkrankte und zur besseren 
Pflege freundliche Aufnahme bei der Familie 
des kürzlich verstorbenen Malers Val Prinsep 
in Little Holland House fand, das außerdem 
noch \\ atts bewohnte und später durch ihn 
zu Berühmtheit gelangte. Morris selbst hielt 
sich viel in Oxford auf, da er von dort durch 
einen Magneten in Gestalt der Miß Bürden 
stark angezogen wurde. In dem erwähnten 
Porträt derselben von Rossettis I fand aus dem 
Jahre 1857 findet sich die Angabe „aet. 18“. 
Nachdem Morris noch im Jahre 1858 mit 
Faulkner und Webb eine gemeinschaftliche 
Reise nach Frankreich angetreten hatte, ver¬ 
heiratet er sich am 26. April 1859 mit Miß 
Jane Bürden in Oxford, bei welcher Gelegen¬ 
heit Burne-Jones und Faulkner als Trauzeugen 
figurierten. P 2 r selbst war damals 25 Jahr alt; 
mit diesem Zeitpunkte schließen seine inneren 
Beziehungen zu Oxford endgültig ab. 

Nach der Rückkehr von einer bis Basel 
ausgedehnten I lochzeitsreise bezog das neu- 
vermählte Paar zunächst eine möblierte Woh¬ 
nung in Great Ormond Street Nr. 41, während 
Burne-Jones sich in Charlotte Street einquartierte. 
Die frei gewordenen Räume in Nr. 17 der 
Red Lion Square wurden noch kurze Zeit zu 
Geschäftszwecken benutzt, dann aber im Jahre 
1861, einige Häuser weiter, in Nr. 8, Werk¬ 
stätten aller Art hergerichtet. Es ereignete sich 
oft genug, wenn Morris bei Burne-Jones zu 
Mittag aß und in seiner Nonchalance in ein¬ 
facher Bluse herüberkam, daß ein ihn nicht 
erkennendes Dienstmädchen den Gast vor der 
Türe stehen ließ, um zu melden, ein Arbeiter 
warte draußen. Und wenn dann in Rück¬ 
erinnerung die Zeit an uns vorüberzieht, in der 
Morris bei fröhlicher Tafelrunde in voller Ritter¬ 
rüstung, wie er vielleicht eben für Burne-Jones 
oder einen andern Malerfreund Modell ge¬ 
standen, neben Rossetti und Miß Siddal sitzt, so 
ist es wirklich nicht zu verwundern, daß heute 
noch eine Art „Morris-Mythologie“ Red Lion 
Square umschwebt. 




9 




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Chronik. 


Kleists Ode „Germania an ihre Kinder“. 

Wir geben unsern Lesern anbei ein Faksimile der 
Handschrift Kleists von „Germania an ihre Kinder“ 
aus dem ehemaligen Besitz des Herrn Alexander 
Meyer Cohn. Das Manuskript umfaßt insgesamt zehn 
Quartseiten, von denen sechs auf die Ode entfallen; 
die übrigen enthalten die kürzeren Dichtungen „An 
Franz den Ersten, Kaiser von Österreich“ (O Herr, du 
trittst, der Welt ein Retter, dem Mordgeist in die Bahn) 
und das „Kriegslied der Deutschen“ (Zottelbär und 
Pantherthier hat der Pfeil bezwungen). Auf der Auktion 
Meyer Cohn bei Stargardt in Berlin im Oktober 1905 
(Katalognummer 1705) erzielte das Manuskript den 
Preis von 610 M., gelangte mit andern Autographen¬ 
schätzen des Erstehers im Februar d. J. bei Boerner 
in Leipzig (Katalognummer 212) abermals zur Ver¬ 
steigerung und wurde einem dortigen Antiquar für 
1260 M. zugeschlagen, also um die Hälfte höher ver¬ 
kauft als bei der erstgenannten Auktion. 

Die Germania-Ode ist im Frühjahr 1809 in Dresden 
entstanden. „Nun brach der Krieg gegen Frankreich 
im Jahre 1805 aus, er schrieb die Ode ,Germania“, und 
alle seine Hoffnungen erwachten wieder“, erzählte 
Tieck (Kleists Hinterlassene Schriften. Berlin 1821. 
Vorrede). Am 20. April 1809 schickt Kleist die drei 
Lieder an Heinrich Josef von Collin nach Wien: 
„Geben Sie die Gedichte, wenn sie Ihnen gefallen, 
Degen [J. V. Degen, dem Hofbuchdrucker] oder wem 
Sie wollen, in öffentliche Blätter zu rücken, oder auch 
einzeln (nur nicht zusammenhängend, weil ich eine 
größere Sammlung herausgeben will) zu drucken; ich 
wollte, ich hätte eine Stimme von Erz, und könnte sie, 
vom Harz herab, den Deutschen absingen.“ Varnhagen 
erzählt in seinen Denkwürdigkeiten (II, 347) er habe 
die Ode zwei Monate vor Kleists Tode von Tiedge in 
Teplitz gehört, erwähnt auch in einem Briefe an 
Uhland (vom 23. Dezember 1811) die Gedichte „poli¬ 
tischen Inhalts“, das „Beste, was er je geschrieben hat“, 
als noch des Druckes harrend. 

Handschriften der Germania-Ode kennt man drei: 
eine vierseitige, die vorliegende, sowie eine in Doppel¬ 
quart mit der Bestätigung Tiecks, daß sie von Kleist 
eigenhändiggeschrieben sei. Nach letzterer hatTieck die 
Ode in den „Hinterlassenen Schriften“ (Seite 288—290) 
wiedergegeben; dieselbe Fassung bringt auch die von 
Erich Schmidt, Minde-Pouet und Steig herausgegebe¬ 
nen Kleist-Ausgabe des Bibliographischen Instituts. 
Daß dies die letzte Fassung ist, erscheint mir zweifel¬ 
los, während ich glaube, daß die Vorlage des Faksi¬ 
miles die erster Hand ist. Tieck datiert „An Franz 
den Ersten“ von „Dresden den B e n März 1809“, im 
Manuskript ist „Dresden d. 9 l - Aprill 1809“ als Datum 
gegeben. In diesen Tagen, in denen Napoleon die 
süddeutschen Kontingente aufbot und die französischen 
Korps sich bereits der Donau näherten, mag auch die 
Germania-Ode entstanden sein. 

Obwohl die drei Lieder für Einzeldrucke bestimmt 
waren, hat man von den beiden ersten bisher keine er¬ 


mittelt. Auch die Ode wurde erst in den Befreiungs¬ 
kriegen gedruckt. Es ist nur ein Druck in Quart be¬ 
kannt geworden, von dem Erich Schmidt vermutet, 
daß er aus der Reimerschen Realschulbuchhandlung 
stamme. Jedenfalls ist aber auch ein Einzeldruck der 
Ode bei Jul. Ed. Hitzig erschienen, dessen Verlag 1816 
in den von Ferd. Dümmler überging. Dieser führte das 
Flugblatt noch 1881 in seinem Verlagskataloge auf 
und zwar zu einem Verkaufspreise von — fünfzehn 
Pfennigen, wie mir Buchhändler Max Jaeckel in Pots¬ 
dam mitteilt. Der Druck weicht erheblich von den 
Handschriften ab und soll nach einem verschollenen 
Manuskript (nach A. Weigel einer Kopie, die Adam 
Müller an Fouque sandte) hergestellt worden sein. 
Abdrücke fanden statt in Brockhaus „Deutschen 
Blättern“ Nr. 10 vom 24. Oktober 1813, in den „Er¬ 
gießungen Deutschen Gefühles“ 1814, Seite 140, und im 
„Erwachten Europa“ 1814, Heft3, Seite 1-—4, zusammen 
mit dem „Kriegslied“, aber doch mit Varianten. 

Die verschiedenen Lesarten findet man im vierten 
Bande der Werke Kleists von Erich Schmidt zusammen¬ 
gestellt. —bl— 


Die Übersetzungen 
von Tausend und Eine Nacht. 

Es fehlte bisher bei uns an einer vollständigen Aus¬ 
gabe der Erzählungen, die unter dem Namen der 
Tausendundein Nächte bekannt sind. Die Lücke wollte 
der Insel-Verlag in Leipzig ausfüllen, als er mir die 
Herausgabe des Werkes übertrug, zu dem ich hier ein 
paar Worte der Aufklärung sagen möchte. Es existier¬ 
ten bisher in Europa zwei „vollständige“ Übersetzungen: 
die des Engländers Richard F. Burto 7 i und die des 
Franzosen /. C. Mardrus. Natürlich lag die Möglich¬ 
keit vor, von neuem aus dem Urtext zu übersetzen. 
Sie wurde geprüft und verworfen. 

Die französische Ausgabe ist in ihrer Art eine er¬ 
staunliche Leistung: sie gibt sich als wörtliche Para¬ 
phrase und ist es auch — sobald man bedenkt, daß 
eben ein Franzose paraphrasiert; sobald man berück¬ 
sichtigt, daß für den Franzosen der Verzicht das Ge¬ 
gebene ist, wenn er aus einer ungeheuer wortreichen 
Sprache in seine sehr wortarme überträgt. Es läßt sich 
kein höheres Lob aussinnen, als daß man sagt: trotz 
ihrer Wortwörtlichkeit ist diese Übersetzung stilistisch 
ein Meisterwerk; aber darin liegt auch schon ihr 
Mangel verborgen: die Farbe fehlt. Ihr fehlt sogar 
zweierlei: 1) ist sie eben doch in dem einem Sinne un¬ 
vollständig, als sie nur einen Zweig der Textüber¬ 
lieferungen berücksichtig, und 2) unterläßt sie (natür¬ 
licherweise) jeden Versuch, die an Floskeln und 
blühendem Rankenwerk so reiche Sprache wiederzu¬ 
spiegeln. Freilich kann dieser Versuch meist nur auf 
Kosten der stilistischen Glätte unternommen werden, 
oft nur unter Vergewaltigung der Sprache, in die 
man übersetzt. Aber . . . doch ich lasse Hugo von 



46 


Chronik. 



Umschlagtitel zu „Li-Ta-Tschu“ von Charles Pcttit. 
Zeichnung von Otto Starke. (Berlin, Egon Fleischel & Co.) 


Hofmannsthal für mich reden. „Es ist die Sache einer 
vortrefflichen Übersetzung,“ sagt er in der Einleitung 
zu meiner Ausgabe, „daß wir durch sie hindurch die 
Nacktheit der Originalsprache müssen spüren können 
wie den Leib einer Tänzerin durch ihr Gewand.“ 

Burtons Ausgabe ist in jeder Hinsicht vollkommen. 
Sie gibt zunächst in zehn Bänden den Kalkuttaer Text, 
und in sechs Supplementbänden folgen die vielen 
Parallelen, Ergänzungen, Zusätze anderer Überliefe¬ 
rungen, Drucke und Manuskripte. Die Treue der Form 
ist bis ins letzte hinein mit einem ungeheuren Reich¬ 
tum der Sprache und mit staunenswerter schöpferischer 
Gewalt gewahrt: die Poesien, um ein paar Äußerlich¬ 
keiten zu erwähnen, als Monorime in altertümelndes 
Englisch übertragen, und die Prosa ist überall, wo das 
Original den Reim hat, spielend in die Reimzeile ge¬ 
brochen. Freilich kam hier dem Übersetzer die eng¬ 
lische Sprache genau so sehr entgegen, wie sich dem 
Franzosen das Französische widersetzte. Burtons Ar¬ 
beit ist die eines Menschenlebens und die eines Genies. 
Burton hat dem Abendland das gesamte Material rest¬ 
los erobert. 

Wollte man nicht Burtons ganze Arbeit wieder¬ 
holen — was eben nur in jahrzehntelanger Aufopferung 
möglich ist —, wollte man andererseits doch nicht auf 
viele Erzählungen verzichten, so mußte man notge¬ 
drungen wenigstens zeitweise auf ihr fußen. Daher 
haben wir es vollständig getan. 


Wenn man nun die Texte Burtons und Mardrus’ 
unbefangen vergleicht, soweit sie sich inhaltlich decken, 
so ergibt sich etwa das Folgende. Der Burtonsche Text 
wirkt, auch abgesehen von seiner genaueren Form, 
ungleich farbiger; nur in obscoenis ist der Mardrus- 
sche — nicht lebendiger — aber ausführlicher. Zuweilen 
findet man bei Mardrus Wiederholungen von Un¬ 
anständigkeiten, Wiederholungen der naiv offenen, 
kindlich derben Schilderungen von Liebesszenen, die 
den Eindruck absichtlichen Yerweilens machen. War 
es angebracht, in dieser Hinsicht Mardrus mit Burton 
zu verschmelzen? Uns schien es wesentlich, den ganzen 
Stoff in der buntesten Fülle auszuschöpfen, nicht aber 
solcher Szenen möglichst viele zu bringen, die man 
bislang aus falscher Prüderie selbst dem reifen 
Deutschen vorenthalten hatte. Natürlich durfte keine 
Erzählung fehlen, mochte sie noch so unanständig sein, 
denn wir sind in diesen Dingen prinzipiell anderer 
Meinung als die Herren Denunzianten in Köln und 
anderswo, und innerhalb einer unanständigen Erzählung 
durfte kein einziges Detail fallen: wir wollten dem sitt¬ 
lich reifen Deutschen ein großes Kulturdokument in 
seiner Gesamtheit vermitteln . Aber wir suchten nicht 
unseren Ruhm darin, auch da obszöne Einschiebungen 
zu erhalten, wo die Berufung auf irgendeine Quelle sie 
nur irgend rechtfertigen mochte. Wir glaubten, auch 
wo wir nur schon Bekanntes noch einmal bringen, im 
Einzelnen des Neuen genug bieten zu können, um 
















Chronik. 


47 


jenen billigen Stolz der größten Anstößigkeit zu ent¬ 
behren, der sich nur auf Dinge stützen kann, die mit 
der Kunst nichts gemein haben. Uns schien es wichtig, 
daß wir den Geruch der Sprache bewahrten: wenn es 
z. B. heißt: „Ich habe nach der Milch meiner Mutter 
gehandelt“, wo alle früheren Übertraguugen das blasse 
„nach meiner Natur“ hatten; oder wenn es heißt: „Sie 
war meine Tante von des Schwertes Seite her“ u. a. 
Wichtig schien es uns auch, daß wenigstens der Ver¬ 
such gemacht wurde, soweit es in der reimarmen 
deutschen Sprache irgend möglich war, die Poesien 
als Monorime nachzubilden und die gereimte Prosa 
herüberzuretten. Namentlich in dieser zweiten Be¬ 
ziehung bleibt vieles ungetan; ich glaube aber im all¬ 
gemeinen getan zu haben, was geschehen konnte. So 
kann ich zum Schluß dieser wenigen Bemerkungen, 
die eher eine Huldigung für Burton bedeuten als eine 
Rechtfertigung für mich, nur sagen : mögen viele Leser 
die gleiche Fülle des Genusses aus meiner Arbeit 
ziehen, die ich in eben dieser Arbeit fand. 

Berlin. Felix Paul Greve. 


Verschiedenes. 

Zehn lyrische Selbst-Porträts: Ferdinand von Saar, 
Felix Dahn, J. Trojan, Martin Greif, Ernst von Wilden¬ 
bruch, Detlev von Liliencron, Gustav Falke, Arno 
Holz, R. Dehmel, Otto Julius Bierbaum. Mit den 
Porträts der Dichter nach der Natur auf den Stein ge¬ 
zeichnet von M. A. Stramel und den selbstgeschriebenen 
Lebensskizzen in Faksimile. 4 0 . Dieterichsche Verlags¬ 
buchhandlung, Theodor Weicher, Leipzig. IV, 128 S. 
In modernem Einband Preis M. 5. 30 Exemplare auf 
Maschinenbüttenpapier zum Preise von 20 M. 25 Exem¬ 
plare Text auf echtem Büttenpapier, die Lithographien 
auf kaiserlich japanischem Büttenpapier, zu 30 M. 15 
Exemplare Text und Lithographien auf kaiserlichem 
Japanpapier zu 50 M. 

Die lange Überschrift gibt das wesentliche des 
Buches doch nur unvollkommen. Der Grundgedanke, 
das Eigentum des Verlegers und Herausgebers Theodor 
Weicher, ist neu und für Genießende und Forschende 
gleich wertvoll. Es soll nicht eine Zusammenhäufung 
von Gold, Silber und abgegriffener Kupfermünze ge¬ 
geben werden, wie sie die landesüblichen Anthologien 
ihren Lesern für die Haustruhe anzubieten pflegen. 
Hier herrscht die reine Goldwährung. Jedes Stück ist 
von seinem Meister eigenhändig als vollwertig ge¬ 
stempelt worden; denn die Auswahl von je zehn 
Gedichten haben die Poeten selbst getroffen. Zwei 
Reihen von je fünf Meistern stehen einander gegen¬ 
über, friedlich — schiedlich. Ungesucht ergibt sich die 
gleiche Zahl der alten und der neuen und es ist auch 
äußerlich das Gewicht der Parteien aufs gerechteste 
verteilt. Auf beiden Seiten vermissen wir aber je einen 
Namen; auf der linken Karl Spitteier, auf der rechten 
Stephan George. Wenn dem schönen Buche die ver¬ 
diente zweite Auflage beschieden sein wird, kann hier 
die Hand des Herausgebers noch ein wertvolles Mehr 



Umschlagtitel zu „Jettchen Gebert“ von Georg Hermann. 
Zeichnung von L. Bernhard. (Berlin, Egon Fleischel & Co.) 


spenden, ohne die Eigenart der Sammlung zu ent¬ 
stellen. Die Selbstcharakteristik, die jeder der Dichter 
durch die Wahl von je zehn seiner Geisteskinder liefert, 
ergänzen die Autobiographien, in der eignen Hand¬ 
schrift der Verfasser trefflich nachgebildet. Lind end¬ 
lich kommt noch die Reihe der Porträts hinzu, deren 
sprechende Lebenswahrheit ich zum Teil aus eigener 
Kenntnis der Dargestellten bestätigen kann. 

So ist mit Aufbietung aller dienlichen Mittel ein 
Gipfelbild der Lyrik der Gegenwart entstanden, das, 
eine in seiner Art einzige Erscheinung, später einmal 
dem Geschichtschreiber unsrer Dichtung als bedeu¬ 
tendes Denkmal diese Zeit repräsentieren wird, uns 
Menschen der Gegenwart aber die Gesamtphysiognomie 
und die einzelnen Züge im Antlitz unsrer Lyrik so scharf 
und übersichtlich zeigt wie keines zuvor. 

Die äußere Erscheinung des Buches ist des Inhalts 
würdig. Schon die billige Ausgabe erfreut durch die 
schöne, trotz der Mannigfaltigkeit der Verszeilen eben¬ 
mäßige Anordnung des Satzes, den ausgezeichneten 
Druck auf gutem Papier und die trefflichen Litho¬ 
graphien, vom Künstler selbst auf den Stein gezeichnet. 
Die Luxusausgaben aber gesellen sich den edelsten 
Erzeugnissen unsrer neuen Buchkunst zu. Die mittlere, 
auf schweres Büttenpapier gedruckte, die mir vorliegt, 
bringt die Bilder auf kaiserlichem Japan zur feinsten 
künstlerischen Wirkung und ist in einem Einband 





















48 


Chronik. 


(Pergamentrücken und herrliches blaues Japan mit 
weihen Tränen) gehüllt, der die Freude jedes Biblio¬ 
philen erregen muß. 

Leipzig. Georg Witkoivski. 

Unter den Ehrengaben anläßlich der Silberhochzeit 
unseres Kaiserpaares befand sich auch ein Monumental- 
werk aus dem Verlage von Richard Bong in Berlin, 
das Reproduktionen der Gemälde Alter Meister im 
Besitze Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und 
Königs von Preußen enthielt und unter Mitwirkung der 
Herren Professoren Wilhelm Bode und Max J. Fried¬ 
länder von Dr. Paul Seidel herausgegeben worden ist. 

Das Werk erschien in zwei Ausgaben. Die erste, 
die sogenannte Fürstenausgabe, besteht aus zwei großen 
Folianten; es sind 25 Exemplare zu je 600 M. davon ge¬ 
druckt worden. Ein Exemplar dieser erlesenen Pracht¬ 
ausgabe liegt uns vor. Die in dunkelblaues Maroquin 
ecrase gebundenen Bände sind mit Goldornamenten um¬ 
randet, die sich auch auf der Kante des Innendeckels 
wiederholen, und ruhen in einer mit Englischleinen über 
zogenen Atrappe. Der Vorsatz ist in rosinfarbenem und 
goldenem Brokatstofif ausgeführt; die Photogravüren 
auf unbeschnittnem Japan sind durch besondere Passe¬ 
partouts geschützt. 

Schon Friedrich Wilhelm III. gab einer besonderen 
Kommission die Vollmacht, aus seinen Schlössern an 
Gemälden den öffentlichen Sammlungen einzuverleiben, 
was dazu wertvoll genug schien. Aber der Geschmack 
der Zeit ließ noch eine reiche Ausbeute an guten Bildern 
zurück, besonders eine wahre Fundgrube an Lancrets 
und Paters, Watteaus und Pesnes, die bei ihrer Kol¬ 
lektivausstellung in Paris während der letzten Weltaus¬ 
stellung das Entzücken aller Kenner entfesselte. Neben 
den Franzosen des XVIII. Jahrhunderts — einen Beweis 
für des großen Friedrichs feinen Kunstgeschmack — 
haben sich eine Anzahl von Rubensoriginalen vorge¬ 
funden , die nur wenig bekannt und zum Teil über¬ 
haupt noch nicht veröffentlicht worden sind. 

92 Photogravüren von tadelloser Durcharbeitung und 
gleichmäßig schönem Ton in der stattlichen Größe von 
38:51 cm und 128 Textillustrationen bilden den illustra¬ 
tiven Teil des Werkes. Der textliche, der historische und 
kritische Streiflichter auf das Material wirft, umfaßt sechs 
einzelne Artikel. Zunächst einen Beitrag „zur Geschichte 
der Gemäldesammlungen der Königlichen Schlösser“ 
von Dr. Paul Seidel und dann fünf Abhandlungen über 
die altdeutsche und altniederländische, die italienische, 
die vlämische, die holländische Schule — es befindet 
sich sonderbarerweise kein einziges englisches oder 
spanisches Bild in der Sammlung — aus den Federn 
der Herren Friedländer, Bode und Seidel. 

Die Kunstforschung und Kunstschriftstellerei unserer 
Zeit hat sich fast ausschließlich der Monographie zu¬ 
gewendet. So geschieht es leicht, daß man das Lebens¬ 


werk eines einzelnen aus dem historischen Zusammen¬ 
hang herausgerissen betrachtet und den Maßstab des 
Vergleiches verliert. Darum ist die Herausgabe einer 
historischen Sammlung wie die obige an sich schon 
verdienstvoll und doppelt verdienstvoll, wenn sie die 
Bekanntschaft mit solchen Schätzen vermittelt, wie 
es die schöne Publikation des Bongschen Kunst¬ 
verlages tut. —m. 

Friedrich Pieck, Ludwigs Bruder, war zu seinen 
Lebzeiten eine jedem Gebildeten bekannte Größe. 
Seine Lebensbeziehungen brachten ihn mit Goethe, 
Schiller, Wieland, den Kreis der Romantiker, mit den 
Humboldts und fast allen großen Künstlern jener Tage 
in Verbindung. Als Zeitgenosse Schadows und Freund 
von Rauch und Schinkel erlebte er die ganze Ent¬ 
wickelung des Klassizismus von ihren Anfängen bis zu 
ihren letzten Ausläufen. „Ein Schatz von Erinnerungen 
aus vielen Epochen unserer sozialen und Kunstgeschichte 
geht in Friedrich Tieck unter“, schrieb Cottas „Morgen¬ 
blatt“ v om 10. Juni 1851 — und dieses Zitat hat Ed¬ 
mund Hildebrandt an die Spitze seines Prachtbuches 
gestellt: „Friedrich Pieck. Ein Beitrag zur deutschen 
Kunstgeschichte im Zeitalter Goethes und der Roman¬ 
tik“ (Leipzig, Karl W. Hiersemann; M. 8). Zu den für 
uns interessantesten Abschnitten gehört das Kapitel 
„Weimar (1801—05)". Anfang September 1801 traf 
'Pieck in Weimar ein und war schon am 6. Goethes 
Tischgast; er gefiel dem Olympier nicht sonderlich, der 
den ihm warm empfohlenen Künstler jedoch nicht ohne 
weiteres fallen lassen wollte. Die sich wiederholenden 
Besuche Tiecks galten seiner ersten, heute fast ver¬ 
gessenen Goethebüste, nach deren Vollendung er einige 
Wochen im Kreise der Jenaer Romantiker verbrachte. 
Der Auftrag, die plastische Ausschmückung des Wei¬ 
marer Schlosses zu übernehmen, rief ihn wieder nach 
Weimar zurück, w-o er Mitte Juni 1802 eintraf. Äußere 
Verhältnisse hatten Tieck damals sehr verstimmt; dazu 
kam die peinliche Situation, in die ihn eine der Intrigen 
Kotzebues gegen Goethe verwickelt hatte. Trotzdem 
fand er neben den Schloßarbeiten noch Zeit für die 
Büsten von Clemens Brentano, des alten Voß, der Maria 
Paulowna, des Großherzogs und Erbprinzen, der Gräfin 
Rheden, der Fürstin Reuß u. a. Voß modellierte er 
1804 während eines Besuchs bei Goethe, dem er erst 
nach seiner italienischen Studienreise wieder näher trat. 
In seinen Aufsätzen „Über Kunst und Alterthum“ 
(Bd. VI, Heft 2) hat Goethe selbst dem Künstler ein 
literarisches Denkmal gesetzt („Heroische Statuen von 
Tieck“); daß auch im Laufe der Zeiten Tieck als Mensch 
ihm sympathischer geworden ist, beweist sein letzter 
Brief an ihn (vom 4. Juni 1828). 

Der Verlag hat das Buch geschmackvoll und vor¬ 
nehm ausgestattet; Papier, Druck und die Wiedergabe 
der Lichtbilder verdienen volle Anerkennung. —bl— 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte vorbehalteci. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15* 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier - Manufaktur 

in Straßburg i. E. 

















G5Ö©6!5S£)62S&£) &> 

eftfcbrift für Bücherfreunde fff 

% Organ der ßefcUfcfoaft der BibUophUcrs. 

BEIBLATT 

XI. Jahrgang. Erstes Heft. 

April 1907. 

Abonnementspreis für den Jahrgang 36 M. (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.), für das Quartal (drei Hefte) 9 M. 


Anzeigen 

I /s Seite. 8 Mark. 1 / 2 Seite.30 Mark. 

J / 4 Seite.15 Mark. | I / 1 Seite.. 60 Mark. 

Kleine Anzeigen (Desiderata und Angebote)- die gespaltene Petitzeile 50 Pf. — B e il age - G eb ühr 40 Mark. 


Inserationsschluß am 25. des vorhergehenden Monats. 

Redaktionelle Sendungen, Manuskripte, Bücher, Kataloge etc. gefl. zu richten an den Herausgeber: Fedor von Zobeltitz, Berlin IV. 15, 

Uhlandstr. 33 (Sommer: Spiegelberg bei Topper, Rgbz Frankfurt a. O.). 

Anzeigen an die Verlagshandlung Velhagen & Klasing, Abteilung für Inserate, Leipzig, Hospitalstr. 27. 



Gesellschaft der Bibliophilen. 

Seit Ausgabe unseres VII. Jahrbuches sind der Gesellschaft, folgende neue Mitglieder beigetreten: 


47 Dr. Heinrich Mack, Stadtarchivar, Braunschweig, 
Pawelstr. 2. 

184 Professor Dr. Fr. Klincksieck, Halle a. S., Cecilienstr. 7. 

290 Dr. Calvör, Verlagsbuchhändler, Göttingen. 

352 Dr. Hans Schulz, Bibliothekar beim Reichsgericht, Leip¬ 
zig, Christianstr. 3. 

372 Georg Ernst, Verlagsbuchhändler (i. F. Wilhelm Ernst 
& Sohn), Berlin W. 66, Wilhelmstr. 90. 

476 Erich Simon (Konzert-Direktion Hermann Wolff), 
Berlin W., Flottwellstr. I. 

611 Dr. R. Tischner, München, Sonnenstr. 2. 

836 Sigmund Simon, Frankfurt a. M., Liebigstr. 9. 

837 Fritz Weddigen, Kaufmann, Barmen, Augustastr. 28. 

838 Dr.jur. Rudolf Rosenthal, Rechtsanwalt, Frankfurt a. M., 
Liebigstr. 26. 

839 Dr. med. Benno Baswitz, Arzt, Frankfurt a. d. Oder. 


840 Dr. Carl Martin Collin, Lund (Schweden). 

841 Oberlehrer Dr. Brass, Cottbus, Weststr. 25. 

842 Baron A. von Loewenberg, Rotterdam, Westplein 9. 

843 Dr.jur. Artur Landsberger, Geschäftsführer der Verlags¬ 
anstalt Bard, Marquardt & Co., Berlin W. 9, Lennestr. 3. 

844 Dr. Hermann Behn, Hamburg 37, Oberstr. 131. 

845 Adolf Hammelmann, Freiberg i. B., Talstr. 54. 

846 William Claass, Buchhändler, Dessau, Kavalierstr. 26. 

847 August Marx, Rechtsanwalt, Mannheim, Werderstr. 55. 

848 Dr. Rudolf Neumann, Reichenberg, Böhmen. 

849 Dr. W. Zieseiner, Berlin NW. 23, Lessingstr. 31. 

850 Fräulein Bennata Otten, Lübeck, Cronsforder Allee 21. 

851 The Library of Brown University, Providence, R. I., 
U. S. A. 

852 Dr. jur. Arthur Michel, Charlottenburg, Niebuhrstr. 71. 


Die Mitgliederzahl betrug demnach am 15. März 1907: 852. 


Zugleich ersucht der Vorstand diejenigen Mitglieder, die mit dem Jahresbeitrag für 1907 (M. 8,05) 
im Rückstände sind, nach § 13 der Satzungen um gefällige portofreie Einsendung desselben an die 
persönliche Adresse des Unterzeichneten Sekretärs. j A . 

Weimar, Grunstedterstr. 16. Dr. Carl Schüddekopf. 

Rundschau der Presse. 

Von Dr. Adalbert H ortzschansky in Groß-Lichterfelde. 

Die nachfolgende Übersicht versucht, die wichtigeren in Zeitschriften und Zeitungen enthaltenen Aufsätze und Abhandlungen zu 
verzeichnen, soweit sie für die Leser unserer Zeitschrift in Betracht kommen. Zusendung von Sonderdrucken und Ausschnitten an die Adresse 
des Bearbeiters in Groß-Lichterfelde bei Berlin, Moltkestr. 40, erbeten. 


Schrift-, Buch- und Bibliothekswesen. 
Allgemeines. 

D’ Ancona, P., Di alcuni codici miniati conservati 
nelle biblioteche tedesche e austriache (die von ita¬ 
lienischen Künstlern herrühren). 

LArte. 10. 1907. S. 25—32. 

Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt I. — 


Boinet, A., L’evangeliaire de Morienval ä la cathe- 
drale de Noyon. 

Congres archeologique de France. Session 72. 
1905. .Paris 1906. S. 637—650, 1 Taf. 

Bourdeaux, P., Notes sur quelques manuscrits grecs 
des bibliotheques de Rome 1. 

Melanges d‘archeol. et d‘hist. 26. 1906. S. 351—364. 


1 


1 



















Beiblatt. 


(Rundschau der Presse.) 

Gheyn, I., van den, Notes sur quelques manuscrits ä 
miniatures de l’ecole flamande conserves dans les 
biblioth^ques d’Espagne. 

Annales de VAcademie Royale d' Arclu'ologie de 
Beigigue. 58. 1906/07. S. 305—330. 

Grienberger, v., Neue Beiträge zur Runenlehre. 
(Zweite Folge.) 

Zeitschrift f deutsche Philologie. 39. 1907. 

S. 50—100. 

Lab an de, L. H., Les miniaturistes avignonais et leurs 
oeuvres. (Premier article.) 

Gazette des beaux-arts. Ann. 49., 3'' Per. T. 37. 
1907. S. 213—240. 

Strzygo vvski, I., Kleinarmenische Miniaturmalerei. 
Die Miniaturen des Tübinger Evangeliars Ma XI 11 , 1 
vom J. 1113, bzw. 893 n. Chr. 

Veröffentlichungen. K. Universitätsbibliothek zu 
Tübingen. 1. 1907. S. 17—43, Taf. VII— X. 

Bibliophilie. Exlibris. 

Bostwick, A. E., The love of books as a basis for 
librarianship. 

Library fournal. 32. 1907. S. 51—55. 
Gattle, F., A list of Chippendale book-plates not in- 
cluded in the Catalogue of the Franks Collection. 
fournal of the Ex-Libris Society. 16. 1906. 

s. 147—149. 

Fertiault, F., La poesie du livre. 

Revue biblio-iconographique. 3. Ser. 14. 1907 

S- 53 — 57 . 

Guggenberger, K., Ein unbekanntes Exlibris des 
Klosters St. Veit an der Rott (v. 1677). 

Ex-Libris. 16. 1906. S. 191—193, 1 Taf. 

Jehan, Baron. A. F. Sergent-Marceau, graveui 
(d’Ex-Libris). 

Revue biblio-iconographique. f. Ser. 14. 1907 

S. 25—30. 87—91. 

Langenscheid t, C. G. F., Verzeichnis der Exlibris 
des Herrn Karl Emich Graf zu Leiningen und 
Westerburg und seiner Frau Gemahlin Magda, geb. 
Rogalla von Bieberstein. 

Ex-Libris. 16. 1906. S. 166—180. 
Nathanson, J., Ein Supralibros des Breslauer Rats 
v. J. 1585. Ex-Libris. 16. 1906. S. 188—191. 

Quignon, H., Une plaque de reliure en os de la 
collection Troussures. (12. Siede.) 

Congres archeologique de France. Session 72. 
(1905.) Paris 1906. S. 651—660, 1 Taf. 

Sorbelli, A., Di Giacomo Biancani-Tazzi e dei suoi 
manoscritti. LArchiginnasio. 1. 1906. Nr. 5. 6. 

Stoehr, A., Superexlibris der Bischöfe von Würzburg. 

Ex-Libris. 16. 1906. S. 180—188, 2 Taf. 
Weidemann,M., Exlibris-Kunst in Schleswig- H oistein. 
Schleswig-holst. Zeitschrift f. Kunst u. Literatur. 
1. 1906/7. S. 584—586. 

Wiggishoff, J. C., Les Ex-libris modernes. Causerie 
faite ü la 32 e reunion de la Societe Le Vieux Papier 
(23. octobre 1906). 

Bulletin de la Societe Le Vieux Papier. 1907, Jan vier. 


Bibliothekswesen. 

Alt mann, W., „Deutsche Musiksammlung bei der 
Königl. Bibliothek (zu Berlin, weitere Ausgestaltung). 
Zentralblattf.Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 125—126. 
Anderson, P. J., The University librarv, Aberdeen. 

Library Association Record. 9. 1907. S. 81—83. 

A(vetta), A., Cenni di storia topografica della R. Bib- 
lioteca Universitaria (di Padova). 

IlVeneto. (Padua). 20. 1907, Nr. 37 u. 39 (Febr. 6. 8). 
Det Kongelige Bibliotheks gamle og ny hjem. Ud- 
givet ved bibliotheks Flytning MCMVI af forening 
for boghandvaerk. 

Bogvennen for 1904—1906. 54 S., 8 Taf. 
Caloen, V. M. van, Une page de l’histoire de Tour- 
nai. Commcnt fut fondee la bibliotheque de la ville. 

Revue toumaisienne. 1906. S. 194—195. 
Zur Eröffnung der Volksbücherei und Lesehalle in 
Görlitz. Beschreibung und Geschichte der Volks¬ 
bücherei und Lesehalle. 

Neuer Gorlitzer Anzeiger. 1907. Nr. 50. 
Fortschritte des volkstümlichen Bibliothekswesens 
i. J. 1906. 

Allgemeine Zeitung. 1907, Beil. Nr. 42. S. 331—332. 
Hayes, J. R., Sixteenth Century rules. (Betr. Sir Hunt- 
phrey Gilberts Entwurf für die Bücherei der ge¬ 
planten Elisabethanischen Akademie.) 

Library fournal. 32. 1907. S. 74—75. 
II eck mann, F. B., Libraries in the United States 
army and navy. 

Library fournal. 32. 1907. S. 68—69. 
H ortzschansky, A., Die Cimelien der königlichen 
Bibliothek in Berlin I. II. 

Berliner akademische Wochenschrift. 1. 1906/7. 

S. 132—134. 137—138. 

Huffel, A. J. van, Die Bücherhallenfrage in den 
Niederlanden und Einiges über Fabrikbibliotheken. 

Blätter f. Volksbibliotheken u. Lesehallen. 8. 1907. 
S. 37 — 40 - 

J acobs, E., Neue Forschungen über antike Bibliotheks¬ 
gebäude (Ephesos und Timgad). 

Zentralblattf. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 118—123. 
Kaestner, P., Eine Sammlung niederdeutscher Litera¬ 
tur (errichtet an der Universitätsbibliothek zu Greifs¬ 
wald). 

Schleswig-holstem. Zeitschrift f. Kunst und Litera¬ 
tur. 1. 1906/7. S. 327—329. 

Kentenich, G. und E. Jacobs. Zum Schicksal der 
Bibliothek der Benediktinerabtei St. Maximin bei Trier. 
Zenty-alblattf. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 108—112. 
Kumsch, E., Die Königliche Kunstgewerbebibliothek 
zu Dresden. 

Zentralblattf. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 97—108. 
Lausberg, C., Die Vereinigung von Sparkasse und 
Volksbibliothek. 

Blätterf. Volksbibliotheken u. Lesehallen. 8. 1907. 
Nr. 1—4. 

Mitjana, R., En bibliografisk visit i Uppsala universi- 
tetsbiblioteks musikavdelning. (Fran det spanska 
manuskriptet översatt av Isak Collijn) II. 

Allmänna svenska boktryckarefören. meddelanden. 
12. 1907. S. 7 — 12. 


2 





Beiblatt. 


Sorbelli, A., Catalogo dei mss. di provenienza 
Biancani-Tazzi posseduti dalla Biblioteca Comunale 
(di Bologna). 

LArchiginnasio. i. 1906. S. 273—280. 
Warschauer, A., Die Handschriftensammlung auf 
Schloß Rogalin. 

Historische Monatsblätter f d. Provinz Posen. 7. 
1906. S. 126—130. 

Weis, A., Die Bibliothek des Zisterzienser-Stiftes Reun 
in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts. 

Beiträge zur Erforschung steirischer Geschichte. 
35 = N. F. 3. 1906. S. 247—287. 

Buchdruck und -Gewerbe. 

Bammes, R., Die Logotypen, ihre Entstehung, Ent¬ 
wicklung und gegenwärtiger Stand. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 46—51. 
Biermann, G., Alois Kolb. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 1—5, 1 Taf. 
Collijn, I., En autograf av Paul Grijs (Erster Drucker 
zu Uppsala, von 1510— 1519). 

Allmänna svenska boktryckarefören. meddelanden. 
12. 1907. S. 15. 

Eiser, I., Ein merkwürdiges Denkmal der Typogra¬ 
phie. Fachhistorische Skizze. (Silbentypen, erfunden 
von Franz Ignatz Joseph Hoffmann 1785.) 

Archiv f Buchgewerbe. 44. 1907. S. 62—63. 
Hasselquist, A., Johann Sensenschmidt. 

Allmänna svenska boktryckareföre?i. meddelanden. 
12. 1907. S. 13—15, 1 Taf. 

Hermelinck, H., Das Buchgewerbe und die Religion 
(Kirche). Vortrag, gehalten am 8. Februar 1907 im 
Deutschen Buchgewerbehaus zu Leipzig. (Auszug 
von Ernst Kiesling.) 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 

s. 1777-78. 

Klemm, P., Druckpapier-Beurteilung. 

Archiv f Buchgewerbe. 44. 1907. S. 53—56. 
Loubier, J., Graphische Kunst und Reproduktion. 
Nach Vorträgen von Prof. Dr. Jean Loubier im Kgl. 
Kunstgewerbemuseum zu Berlin berichtet von Georg 
Lehnert. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 57—62. 
Neumann-Strela, K., Balhorn. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 9, 
v. 3. März. S. 71—72. 

Schwenke, P., Donatstudien III. (1. Karlsruher Bruch¬ 
stücke eines 27 zeiligen Donats in der Kalendertype. 
2. Zum Pfisterschen (?) 28 zeiligen Donat. 3. Ein 
Donat in der Salicetotype in Lund.) 

Zentralblatt/.Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 112—116. 
Verheyden, P., Een Band van Adrianus van Hool- 
wick (Buchbinder des XVI. Jahrhunderts). 

Tijdschrift v. boek- bibliotheekwezen. 5. 1907. 
S. 39—41. 

Buchhandel. 

Düsel, Fr., Friedrich Westermann. 

National-Zeitung. 1907. Nr. 83 v. 19. Februar. 


(Rundschau der Presse.) 

Elster, A., Die Bücher-Überproduktion und ihre Be¬ 
kämpfung. 

Börsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2507—2508, aus: Frankfurter Zeitung. 1907. Nr. 55 
v. 24. Febr. 

Zur Geschichte der Bücherpreise in England. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 
S. 2452—55, aus: The Cornhill Magazine. 

Hood, F., „Mit allen Rechten' 1 . (Formel in Verlags¬ 
verträgen.) 

Börsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2544—46. 

Die Novelle zum österreichischen Urheberrechts¬ 
gesetz. Beratung im Abgeordnetenhause. Auszug 
a. d. stenographischen Protokoll des Abgeordneten¬ 
hauses. 

Börsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 1925—29. 

Pech, T., Entwurf eines Gesetzes über das Autorrecht 
in Rußland. 

Börsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2641-42. 

Röthlisberger, E., Gesamtüberblick über die Vor¬ 
gänge auf urheberrechtlichem Gebiete in d. J. 1904, 
1905 und 1906. 

Börsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
Nr. 33, 34, 37, 38. 

Vom „Times Book Club“ in London. 

Börsenblatt f d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 1884—87, aus Truth Nr. 1569 v. 23. Jan. 

Zeitungswesen. Pressrecht. Zensur. 

Guyon, L., Un journaliste de 1848. Philippe Faure. 

La Revolution de 184.8. T. 3. 1906. Nr. 17, 18. 

Jacob, A., Zur Geschichte der Zensur im alten Zürich. 

Zürcher Taschenbuch. 1907. S. 229—242. 

Kähler, O., Zeitschriftenliteratur aus Schleswig-Hol¬ 
steins Vergangenheit. 

Schleswig-holstein. Zeitschrift f. Kirnst u. Litera¬ 
tur. 1. 1906/7. S. 114—120. 

Novati, F., Un almanaco milanese del Seicento 
ignoto ai bibliografi „II Pescatore Fedele“. 

LI Libro e la Stampa. N. S. 1. 1907. S. 8—11. 

La Presse en Maine-et-Loire il y a Cent ans. 

LAnjou historique. 7. 1906/7. S. 548—552. 

Bibliographie. 

Bertarelli, A., I gridi di piazza ed i mestieri ambu- 
lanti italiani dal secolo XVI al XX. Appunti di biblio- 
grafia iconografica. (Con sei riprod.) 

II Libro e la Stampa. N. S. 1. 1907. S. 12—26. 

Espinas, G., Une bibliographie de l’Histoire econo- 
mique de la France au moyen-äge. 

Le Moyen-Age. 19 = 2. Ser. 10. 1906. S. 304—339. 

Dela Montagne, V. A., Schoolboeken te Antwerpen 
in de I7 e eeuw. 

Tijdschrift v. boek- cN bibliotheekwezen. 5. 1907. 
S. 1—35. 




Beiblatt. 


(Rundschau der Presse.) 

Kamp ff me y er, G., Eine alte Liste arabischer Werke 
zur Geschichte Spaniens und Nordwestafrikas. 

Mitteilungen d. Seminars f. orientalische Sprachen. 
9. 1906. Abt. 2. S. 74—110. 

Kleerkooper, M. M., Nederlandsche geschriften te 
Kopenhagen gedruckt. 

Tijdschrift v. boek- 6° bibliotheekwezen. 5. 1907. 
S. 36-38. 

Löffler, KL, Zur Bibliographie der münsterischen 
Wiedertäufer. 

Zentralblattf. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 116— 11S. 

Literaturgeschichte, Allgemeines. 

Abeling, Th., Das Nibelungenlied undseine Literatur. 
Eine Bibliographie und vier Abhandlungen. (Die 
Handschriften des Nibelungenliedes und ihre Ge¬ 
schichte. Die historischen Grundlagen desNibelungen- 
liedes. Gestalt und Umfang des Liedes. Zur Ästhe¬ 
tik des Liedes.) 

Teutonia. Arbeiten zur germanischen Philologie. 
H. 7. 1907. VI, 257 S. 

Bethe, E., Die griechische Tragödie und die Musik. 
Neue Jahrbücher f. d. Klass. Altertum. Jahrg. 10. 
1907. Bd. 19. S. 81—95. 

Boer, R. C., Heldensage en mythologie. 

De Gids. 71. 1907. S. 64—103. 
The Genealogy of the Scots novel. 

Library World. 9. 1906/7. S. 237—241. 
Graf, M., Probleme des dramatischen Schaffens. 

Österreichische Rundschau. 10. 1907. S. 326—337. 
Hauser, O., Die moderne deutsche Ballade. 

Die Nation. 24. 1906/7. S. 345—346. 
Jentsch, C., Katholische Belletristik und Publizistik. 
Die Grefizboten. 66. 1907. Bd. 1. S. 403—414. 

514—524. 630—637. 

Köhler, J., Recht und Dichtung. 

Deutsche Literaturzeitutig. 28. 1907. S. 453—458. 
Kupffer, E. v., Klima und Dichtung. Ein Beitrag 
zur Psychophysik. 

Grenzfragen d. Literatur u. Medizin. Heft 4. 
1907. 68 S. 

Schmersahl, E., Der Roman in der Türkei. 

Börse?iblatt f. d. Deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2058—59. 

Schütze, M., Repetition of a word as a means of 
suspense in the German drama under the influence 
of romanticism. 

Moder?i Philology. 4. 1906/7. S. 507—558. 
v. Strauß und Torney, L., Nordische Literatur und 
deutsches Geistesleben. 

Schleswig-holstein. Zeitschrift f. Kunst u. Litera- 
ticr. 1. 1906/7. S. 371—380. 408—414. 

Van Vorst, I., Un siede de poesie americaine.. 

Revue des deux Mondes. 5. Per. T. 38. 1907. 

S. 176—200. 

Einzelne Schriftsteller. 

Boccaccio: Toynbee, P., Boccaccios commentary on 
the ,Divina Commedia’. 

Modern language review. 2. 1907. S. 97 — 120. 


Dante: Luiso, F. I\, Le ,,Chiose di Dante“ e Ben- 
venuto da Imola. 

Giornale dantesco. 14. 1906. S. 252—261. 
Dickens: Wyzewa, T. de, Un nouveau livre anglais 
sur Charles Dickens. (G. K. Chesterton, Charles 
Dickens.) 

Revue des Dcux Mondes. 5. Per. T. 38. 1907. S.937-946. 
Goethe: Küchler, K., Goethe und Rembrandt. 

Schleswigholstein. Zeitschriftf. Kunst u.Literatur. 
1. 1906/7. S. 210—213. 

—: Petsch, R., Die Walpurgisnacht in Goethes Faust. 
Neue Jahrbücher f. d. Klass. Altertum. Jahrg. 10. 
1907. Bd. 19. S. 143—179. 

Gogol: Melnik, J., Gogol. 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 121 v. 13. März, 
Hauptblatt. 

Goldoni: Landau, M., Carlo Goldoni. /u seinem 
200. Geburtstage. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. 8, v. 
24. Febr. S. 59—62. 

—: Lazzari, A., 11 padre di Goldoni. 

Rivista <f Italia. 10. 1907. S. 257 — 272. 
—: Levi, C., II Goldoni personaggio di teatro. 

Rivista d' Italia. 10. 1907. S. 200—221. 
—: Marasse, M., Carlo Goldoni. Ein Gedenkblatt 
zum 200. Geburtstage des Dichters. 

Tägliche Rundschau. 1907. Nr. 46 v. 23. Februar. 
S. 183. 

—: Rivalta, E., Carlo Coldoni. 

Nuova Antologia. Anno 42. 1907. Febb. 16. 

S. 619—630. 

—: Susan, C. V., Carlo Goldoni. (Zur Zweihundert¬ 
feier seiner Geburt.) 

Österreichische Rundschau. 10. 1907. S. 288—294. 
Grabbe: Ebstein, E., Chr. D. Grabbes Krankheit. 
Eine medizinisch-literarische Studie. 

Grenzfragen d. Literatur u. Medizin. Heft 3. 
1906. 50 S. 

Groth: Wolff, E., Allerlei von Klaus Groth. 

Schleswig-holstein. Zeitschriftf.Kunstu.Literatur. 
1. 1906/7. S. 465—471. 

Hebbel: Stodte, H., Hebbel und Bulthaupt. 

Schleswig-holstein. Zeitschriftf.Kunst u. Literatur. 
1. 1906/7. S. 593 — 599 - 

Heinrich von Freiberg: Schiffmann, K., Heinrich 

von Freiberg. 

Deutsche Arbeit. 6. 1906/7. S. 313—319. 
Ibsen: Gran, G., Henrik Ibsen. 

Die Zukunft. Jg. 15. 1906/7. Nr. 20. S. 253—258. 
—: Mayrhofer, J., Ibsen als Romantiker. 

Historisch-politische Blätter f. d. kathol. Deutsch¬ 
land. 139. 1907. S. 161 — 179. 241—264. 

Jordan: Wolkan, R., Aus Wilhelm Jordans Jugend¬ 
tagen. Deutsche Arbeit. 6. 1906/7. S. 280 — 284. 
Karschin: Pick, A., Ein Brief der „Deutschen Sapho“. 
Historische Monatsblätter f. d. Provinz Posen. 
7. 1906. S. 17—25. 

Keller: Hesse, H., Gedanken bei der Lektüre des 
grünen Heinrich. März. 1. 1907. S. 455 — 459. 


4 




Beiblatt. 


Longfellow: Benzmann, H., Henry Wadworth Long- 
fellow und seine Stellung in der amerikanischen 
Literatur. (Zum ioo. Geburtstag des Dichters am 
27. Februar 1907.) 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 49. S. 385—389. 
Nietzsche: Förster-Nietzsche, E., Verlorene Hand¬ 
schriften. 

Die Zukunft. Jg. 15. 1906/7. Nr. 23. S. 354—364. 
Petrarca: Livi, G., Piero di Dante et il Petrarca allo 
Studio di Bologna. 

Divista d. biblioteche. 18. 1907. S. 6—12. 
—: Proto, E., Del Petrarca e di alcuni suoi amici. 

Giornale dantesco. 14. 1906. S. 243—252. 
Pocd: Holland, H., Franz Graf v. Pocci als Dichter 
und Künstler. Geboren 7. März 1807, gestorben 
7. Mai 1876. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beilage. S. 433—436. 
—: Schloß, K., Franz Pocci, mit zum Teil unver¬ 
öffentlichten Zeichnungen Poccis. 

März. 1. 1907. S. 398-406. 
Reillick: Freybe, Robert Reinick. Ein deutsches 
Dichterleben. 

Ko?iservative Monatsschrift. 64. 1906/7. S. 579—589. 
Reuter: Fritz Reuter und Klaus Groth im Goethe- 
und Schiller-Archiv zu Weimar, v. K. K. 

Schleswig-holstein. Zeitschriftf. Kunst u. Literatur. 
1. 1906/7. S. 168—172, 

Ronsard: (Van Bever, Ad.), La jeunesse de Ronsard. 

Revue biblio-iconographique. f Ser. 14. 1907. S. 1—9. 
Schiller: Koegler, H., Wie Schiller geadelt wurde. 

Hamburger Nachrichten. 1907. Lit. Beil. Nr. 3. 
Schmidt: Petzet, E., Maximilian Schmidt. 

Blätterf. Volksbiblioth. u. Lesehallen. 8.1907. S. 44—47. 
Shakespeare: Bellermann, L., Gedanken über Her¬ 
mann Conrads Revision der Schlegelschen Shake¬ 
speare-Übersetzung. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. S. 74—76. 
82—85. 93—95- 


(Rundschau der Presse — Von den Auktionen.) 

Shakespeare: Castelain, M., Shakespeare et Ben 
Jonson. Revue Germanique. 3. 1907. S. 21—65. 

—: Corbin, J., Shakespeare against his editors. 
North American Review. Vol. 184. 1907. S. 396-406. 

—: Hodell, Ch. W., Shakespeare's Clownery. 

Poet Lore. Vol. 17. Nr. 4. 1906. S. 113—118. 

—: Miller, A., The sixth Quarto of Hamlet in a new 
light. Modemi Philology. 4. 1906/7. S. 501—505. 

—: Munger, Th. J., Shakespeare of Warwickshire. 
Atlantic Monthly. 1907, Februar. S. 172—183. 

Shaw: Groth, E., Bernard Shaw als Dramatiker. 

Grenzboten. 1907. I. S. 556—565. 

Stahr: Kohut, A., Briefe Adolf Stahrs an Varnhagen 
von Ense und Bettine von Arnim. 

Nord und Süd. Bd. 120. 1907. S. 406—416. 

Stifter: Pollak, V., Adalbert Stifter und Goethe. Eine 
Studie zu Stifters Entwicklungsgang. 

Deutsche Arbeit. 6. 1906/7. S. 220—-235. 

Storni: Rohweder, J., Aus der Jugendzeit Theodor 
Storms. 

Schleswig-holstein. Zeitschriftf.Kunst u. Literatur. 

1. 1906/7. s. 530-538- 

—: Vulliod, A., Les sources de l’emotion dans 
l’oeuvre de Theodor Storni. 

Revue Germanique. 3. 1907. S. 66—85. 

TasSOI Maggioni, E., Torquato Tasso e i suoi poemi 
minori. 

Commentari dell' Ateneo di Brescia. 1906. S. 77—83. 

Voltaire: Fournier, A., Voltaire und sein Arzt. 

Österreichische Rundschau. 10. 1907. S. 247—260. 

Wimpheling: Voss, E., Nachricht von J. Wimphelings 
Deutschland. 

Modern Philology. 4. 1906/7. S. 569—576. 


Von den Auktionen. 


Eine kostbare Kupferstichsammlung versteigert die 
Firma C. G. Boerner in Leipzig am 7. und 8. Mai. Der 
soeben erschienene Katalog enthält die Sammlung 
B. Brupbacher aus Zürich und wertvollen anderen Besitz 
und ist mit mehreren Illustrationstafeln ausgestattet. 
Es sind ganz hervorragende Blätter der größten Meister 
des XV., XVI. und XVII. Jahrhunderts, die in diesen 
Sammlungen enthalten sind. Die berühmten Stecher 
der Zeit, Martin Schongauer, Dürer, die Kleinmeister, 
Cranach, Rembrandt und die anderen großen Nieder¬ 
länder sind gut vertreten; Albrecht Dürer durch eine 
Kollektion von Kupferstichen, wie sie so schön und 
vollständig heute kaum noch ausgeboten werden dürfte. 
Alle großen Hauptblätter und Holzschnittfolgen sind 
vorhanden und dazu eine ganze Reihe von Seltenheiten 
und erlesen schönen Drucken anderer Blätter des 
Meisters. 

Ein weiteres Hauptgewicht der Sammlung liegt in 
den Porträts des XVI. Jahrhunderts und in einer Anzahl 


kostbarer Inkunabeln des Kupferstichs, dabei früh¬ 
italienische Nielien, wie sie seit Jahren nicht auf den 
Markt gekommen sind. Eine besondere Abteilung bildet 
eine Sammlung Holzschnittbordüren, die alle die schönen 
Blätter eines Holbein, Urs Graf usw. enthält. 

Der Katalog wird gegen Berechnung von 50 Pfennig 
von der Firma C. G. Boerner versandt. 


„Bibliothek Knaake, Abteihmg III“ Förderer und 
Gegner der Reformation. In der am 21.—23. Februar 
dieses Jahres stattgehabten Versteigerung, die sehr 
gut besucht war, trat als hauptsächlichstes Moment 
zutage, daß der Höhepunkt für Lutherdrucke über¬ 
wunden zu sein scheint, sodaß der Privatsammler mit 
kleinen Mitteln wieder in der Lage sein dürfte, sich 
erfolgreich an diesen öffentlichen Verkäufen zu betei¬ 
ligen. Ein Vergleich der dankenswerterweise von der 
Firma Oswald Weigel in Leipzig herausgegebenen 


5 







Beiblatt. 


(Von den Auktionen.) 

Preislisten ist gerade bei Lutherdrucken von grobem 
Interesse. Ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, muß 
im allgemeinen gesagt werden, daß der Preisrückschlag 
sich auf mehr als 50—60 Prozent beziffert. Gerade die 
letzten Antiquariatskataloge haben gezeigt, wie hoch 
die führenden Antiquare „Luther“ einschätzen. Um so 
bedeutsamer erscheint es, wenn in der dritten Knaake- 
versteigerung sich die Preise kaum über das Drittel 
der Erlöse der ersten Versteigerung erhoben, und diese 
wieder weit unter der Hälfte der Ansatzpreise in Anti¬ 
quariatskatalogen sind. Indessen ist nichts irriger, als 
vorübergehende Erscheinungen wie Bücherauktionen 
als Maßstab für die Konjunktur (um sich kaufmännisch 
auszudrücken) aufzufassen, vielmehr muß immer wieder 
darauf hingewiesen werden, wie unendlich vorteilhaft 
es für den Bücherliebhaber ist, sich an den Versteige¬ 
rungen zu beteiligen, oder, wenn Zeit und Umstände 
ihm dies nicht erlauben, befreundete Buchhändler mit 
den Aufträgen zu versehen. 

Schon bei früherer Gelegenheit ist betont worden, 
daß die wissenschaftliche Literatur Überraschungen 
nicht in dem Maße bietet, als es Seltenheiten-Verstei- 
gerungen tun. Überaus gut waren die Preise für Huß, 
Schwenckfeld, Servet und Zwingli. Daß sich die deut¬ 
schen Antiquare die seltene Servet-Ausgabe „De trini- 
tatis erroribvs libri septem“ (Hagenoae 1531', Nr. 969, 
entgehen ließen, darf billig wundemehmen; der Er¬ 
werb erfolgte anscheinend in amerikanischem Aufträge. 
Dagegen fiel der Nachdruck der Originalausgabe 
(Nr. 970) ab, der sich sonst mit M. 150.— und höher 
verkauft. Allgemein überrascht haben die hohen Preise 
für „Schwenckfeldiana“. Daß amerikanische Aufträge 
das Anschwellen dieser Preise auch hier hervorgerufen 
haben, unterliegt keinem Zweifel. 

Die „Orationes legatorum“, deren sorgfältige Kata- 
logisation besonders auffiel, wurden bei M. 205.— zu¬ 
geschlagen und sind, soviel wir hören, in Privathand 
übergegangen. Man darf den Käufer zu dem billigen 
Preise beglückwünschen, da sich in dem wertvollen 
Sammelbande ungewöhnlich seltene Stücke befanden. 

Die vierte K?iaake-Auktion wird, wie aus den An¬ 
zeigen der Firma Oswald Weigel hervorgeht, „Histo¬ 
rische Theologie, besonders Geschichte der Refor¬ 
mation“ enthalten. Es wird uns mitgeteilt, daß beab¬ 
sichtigt ist, in diesem Kataloge die Manuskripte des 
Knaake-Nachlasses auf den Markt zu bringen. Manu¬ 
skripte aus der Reformationszeit stehen im allgemeinen 
hoch im Preise, wie die letzte Boerner-Auktion bereits 
bei den Autographen aus dieser Zeit gezeigt hat. In 
der Knaakesammlung sind einige Stücke von hervor¬ 
ragendem Werte, auf die wir hinweisen werden, sobald 
uns der Katalog vorliegen wird. 

Bei der Drucklegung dieses Berichtes gehen uns die 
Aushängebogen des Auktionskataloges N. F. VIII der 
Firma Oswald Weigel zu. In dieser, Ende April statt¬ 
findenden Versteigerung wird eine umfangreiche Samm¬ 
lung wissenschaftlicher Werke unter den Hammer ge¬ 
bracht, welche die romanischen Völker in Geschichte, 
Kultur, Sitte, Sprachen und Literaturen betreffen. 
Namentlich in der Abteilung „Bibliographie“ finden 
sich zahlreiche Nachschlagewerke, die dem Sammler 


als notwendiges Informationsmaterial willkommen sein 
werden. Eine Sammlung rätoromanischer Werke ist 
seit langem nicht versteigert worden, so daß Liebhaber 
dieser Literatur manches wertvolle Buch finden werden, 
dessen sie seit Jahren in den Antiquariatskatalogen 
nicht ansichtig geworden sind. 

Eine besonders wertvolle Nummer befindet sich 
in der Abteilung „Italien und die Italiener“, und zwar 
eine Sammlung von Aktenstücken des XVI. bis XVIII. 
Jahrhunderts, die auf die Stadt Bologna speziell Be¬ 
zug haben. Die in vier Foliobänden enthaltenen Ein¬ 
blattdrucke bergen nahezu alles, was von offiziellem 
Interesse ist, als Polizei- und Steuerverordnungen, Ver¬ 
waltungsvorschriften, Münzwesen usw. Die Fülle des 
kulturhistorischen Materials läßt sich auch nicht an¬ 
deutungsweise geben, vielmehr mögen Interessenten 
die überaus klare, eingehende Beschreibung in dem 
Auktionskataloge selbst nachlcsen. Der Katalog sagt 
in der Rekapitulation: Die Bedeutung dieser Samm¬ 
lung für die Wissenschaft ist so vielseitig wie die 
Sammlung selbst. In erster Linie bieten die vier Bände 
eine schier unerschöpfliche Quelle für die Verfassungs-, 
Verwaltungs- und Justizgeschichte Bolognas vom XVI. 
bis XVIII. Jahrhundert, eine Quelle, aus der von 
deutschen Gelehrten noch kaum ernstlich geschöpft 
ist. In zweiter Linie bietet die Sammlung sehr wert¬ 
vollen Stoff für die Diplomatik der gedachten Jahr 
hunderte, die ebenfalls zusammenhängend noch nicht 
dargestellt ist, im besonderen sind die vier Bände eine 
Fundgrube für eine Darstellung der Geschichte des 
italienischen Notariates und der päpstlichen Kanzlei¬ 
praxis, die wohl ohne w esentliche Änderung auf Bo¬ 
logna übertragen ist. 

Wir werden über die Versteigerung seinerzeit 
berichten. —g. 

Die Auktion Gaul bei Gilhofer & Ranschburg in 
Wien Ende März hat glänzende Resultate erzielt. Bei 
der Bedeutung der Versteigerung w ird die Firma Preis¬ 
listen erscheinen lassen; wir können uns also mit aus¬ 
zugsweisen Angaben begnügen. Die Blätter mit Militär¬ 
kostümen wurden recht hoch bezahlt: die seltene „Ab¬ 
bildung des Kgl. Wirtembergschen Militärs“ (Stutt¬ 
gart 1812) mit 640 Kr., ,,L’Armee fran^aise en i8feuilles“ 
(Prag, ca. 1809) mit 1000 Kr., „Das österreichische Heer“ 
mit den Lithographien vor Gerasch mit 150 Kr.; 
Engelbrechts „Panduren und Kroaten“ 580 Kr., ein 
vollständiges Exemplar von Schmutzers Österreichischer 
Kavallerie (1766) 800 Kr., desselben Infanterie 420 Kr., 
Hauslabs Österreichische Armee 800 Kr., die 1837 er¬ 
schienene „Rüstung der K. K. österreichischen Armee“ 
1110 Kr. Aus der Abteilung „ Kriegsbücher“ brachte 
der Fronsperg von 1564 50 Kr., Kilians „Jacta sit alea“ 
(Augsburg 1609) 210 Kr., das „Speculum militare“ 
(Haag 1680) 132 Kr.; Faber du Faur „Feuilles extraits“ 
(Stuttgart 1831) 430 Kr., Happelius „Fortuna Britan- 
nica“ (Hamburg 1689) 122 Kr., die Wiener Prokla¬ 
mationen von 1809 420 Kr., eine Sammlung von 1500 
Schriftstücken der österreichischen Heeresleitung aus 
der Zeit von 1805—14 1020 Kr. — Zivilkostüme: „ Danske 
Klaederdragter“ (Kopenhagen 1805) 1250 Kr., „Le Mode 


6 







Beiblatt. 


d’Augsbourg“ 1739 126 Kr., „The Costume of the Clans“ 
(Edinburgh 1892) 104 Kr., „Les Peuples de la Russie“ 
(Paris 1812/13) 218 Kr., „Jahrmarkt in Siebenbürgen“, 
6 Lithographien nach Neuhauser von Lanzedelli (Wien 
1819) 800 Kr. — Modewerke: „Gallery of Fashion“ 
(London 1794—1800) 1410 Kr., „Journal des dames et 
de modes“ 1817, 23—26 270 Kr., „Journal des Luxus 
und der Moden“, 2.—4., 6.—8. Jahrgang, 300 Kr., 
„Moden-Gallerie“ (Berlin 1795) 240 Kr., „Taschenbuch 
für Grabennymphen auf 1787“ 820 Kr., das seltene Blatt 
„Le Friseur sur la Graben“ 920 Kr.— Theaterkostüme: 
„Wiener Ballett“, 56 Aquarelle 1781, 2010 Kr., „Galerie 
dramatique“, 5 vol., 330 Kr., Theaterfigurinen 581 Bl. 
Aquarelle 400 Kr. — Theaterstücke : J. Friedei, Der 
Fremde (1786) 37 Kr., J. K. Huber, Missara und Sir- 
sampson (1763; Bearbeitung von Lessings Miß Sara 
Sampson mit dem Hanswurst) 106 Kr.; Kollektion von 
20 „Dancing-books“ (London 1706— 16) 550 Kr., Lam- 
branzi, „Theatralische Tantz-Schul“ (Nürnberg 1716) 
710 Kr. — Kostümkunde: „Caricatures, portraits et 
estampes revolutionnaires“ 1790—93 1440 Kr., Duflos, 
„Receuil d’estampes“ 1779—80 990Kr., Schwind, „Bilder 
für Raucher und Trinker“ 1833ff. 252K1-. — Historisches: 
Hauer, „Breslische Schützen Kleinoth“ 1613 522 Kr., 
„Coronation ofKing George IV. (London 1839) 220 Kr., 
Wirrich, „Beschreibung der Fürstl. Hochzeyt von Wil¬ 
helm Pfaltzgraf beim Rheyn . . .“ 1568 530 Kr., Le Sacre 
deNapoleon2.decembre 1804,15 pl.32oKr., „Illumination 
le 28. Octobre 1770 ä St. Petersbourg, lors du passage 
de S. A. R. le Prince Henri de Prusse“, 12 pl. 410 Kr.; 
„Erinnerungsblätter an die Krönung des Erzherzogs 
Ferdinand zum König von Ungarn 1830“, 48 Bl. 1200 Kr. 
— Turnierbücher, Ritterkostüme, Orden: Amman, 


(Von den Auktionen — Kleine Mitteilungen.) 

„Stand und Orden“ 1585 78 Kr.; Koebel, „Wapen dess 
Heil. Reichs“ 1579 210 Kr.; Rüxner, „Vrsprung vnd 
herkommen des Thurniers“ 1532 160 Kr.; Meyer, „Be¬ 
schreibung der Adelichen Kunst des Fechtens“ 1570 
342 Kr. — Topographische Werke: „Ansichten des Kgl. 
Lustschlosses Aranjuez“ 1773 720 Kr.; Prinzessin 

Schwarzenberg, „16 Vues des terres en Boheme“ 1804 
230 Kr.; „Mahlerische Ansichten aus Carlsbad“ 1825 
260 Kr.; „Souvenirs de St. Petersbourg“ 1825, 280 Kr.; 
„Ansichten des Gräfl. Schlosses Schönborn“ 1720 
810 Kr.; Kleiner-Pfeffel, „Abbildung aller Kirchen, 
Klöster . . . und andern schönen Gebäuden in Wien“ 
1737 360 Kr. — Einblattdrucke: Löschenkohl, „Wer- 
thers Freunde“ ca. 1780 134 Kr.; „Die neue Prater-Lust“ 
42oKr.; Pils, „Einnahme der Taborbrücke 1805“ 220 Kr.; 
„Das oesterreichische Lager vor Leipzig“ 590 Kr.; 
Kriehuber, „Krönungszug der Königin Karolina Augusta 
in Preßburg 1825“ 200 Kr. Viel begehrt waren auch 
die 1848 er Bilder, die Wiener Volkstypen und Straßen¬ 
szenen und die Gaulschen Originalaquarelle. —m. 


Bei Ernst Carlebach in Heidelberg findet am 13 Mai 
eine Versteigerung statt, bei der u. a. der handschrift¬ 
liche und bibliothekarische Nachlaß der pfälzischen 
Dichter Robert Keuchenius und Karl Gottfr. Nadler, 
ferner Aquarelle badischer Fürsten aus dem XVI. Jahr¬ 
hundert, Autographen (Opitz), seltene Bücher (die 
„Räuber“ in erster Ausgabe), Bilder und Werke zur 
Geschichte der Pfalz, Einblattdrucke, Kupferstiche 
Mannheimer Meister des XVIII. Jahrhunderts, Münzen, 
Originalverordnungen und Porträts, meist Bestände 
eines alten Schloßarchivs, unter den Hammer kommen 
werden. —m. 


Kleine Mitteilungen. 


In Wien ist am 9. März unser langjähriger Mit¬ 
arbeiter Herr Arthur L. Jellinek nach kurzem Leiden 
sanft verschieden. Er ist nur 31 Jahre alt geworden; 
dennoch kam ihm der Tod als Erlöser, da seine Er¬ 
krankung als unheilbar erkannt worden war. Auf dem 
Gebiete der Bibliographie hat Jellinek bedeutsames 
geleistet; als Mensch war er ein durch und durch lau¬ 
terer Charakter und eine Natur von gewinnender Herz¬ 
lichkeit. —tz. 


Ein paar als Prämien für fleißige Schüler zur Ver¬ 
wendung gelangte holländische Bücher aus dem XVII. 
und XVIII. Jahrhundert hat Dr. J. Collijn in der König¬ 
lichen Bibliothek zu Stockholm aufgefunden. Beides 
sind lateinische Schriften, nämlich Nicolaus Cragius’ 
„De republica Lacedaemoniorum libri IV“, Leiden 1670, 
und Henricus Kippingius’ „Antiquitates Romanae“, Lei¬ 
den 1713, in Pergament gebunden; ein Exlibris ist in 
Gold auf die Deckel gedruckt und beiden Werken vor 
dem Titelblatt ein lateinisches Prämiendiplom ein¬ 
geheftet, ausgestellt von dem Schuldirektor. Ersteres 
wurde danach dem „unschuldvollen und zur größten 
Hoffnung berechtigenden Theodorus Christoffers“ ver¬ 
liehen, als er Herbst 1697 aus der Quarta in die Tertia 
versetzt wurde; darunter stehen die Namen von 3 


„Scholarchen“ (auch ein Joh. Gerhard ab Egmond a 
Nyenburch, also wohl ein Nachkomme jenes Freiheits¬ 
helden, des Grafen Egmont, dessen Stammschloß in der 
Nähe von Alkmaar lag), ferner das Wappen der Stadt 
Alkmaar mit Inschrift, dann „C. v. Trier“ (Name des 
Stadtbuchdruckers) und handschriftlich der Name des 
Rektors oder „Gymnasiarchen“. 

Das Diplom des andern Buches zeigt, daß es bei 
der Versetzung „a. d. XVII. Kal. Maji 1740“ einem 
Knaben Joh. Carolus van Ketel als „industriae prae- 
mium“ von den Lehrern des Gymnasiums zu Amster¬ 
dam, dessen Wappen es trägt, zuerkannt ist beim Ver¬ 
lassen der Quinta. Auch hier ist der Text, bis auf 
Namen, Klasse und Datum, gedruckt. Die Super¬ 
exlibris bestehen in denselben Städtewappen mit einigen 
Abänderungen, das eine mit der Bandinschrift „Prae- 
mium diligentiae“, das andere noch mit allegorischen 
Figuren nebst Wappenstempeln in den Ecken und auf 
dem Rücken des Einbands. Später hat Collijn in der 
Universitätsbibliothek von Upsala noch zwei ähnliche 
Werke entdeckt: eine Propetzausgabe (Utrecht 1780) 
mit demselben Amsterdamer Wappen auf dem Deckel, 
aber ohne Diplom; und einen schönen Terenz (Amster¬ 
dam und Leiden 1686), der wieder vom Gymnasium 
zu Alkmaar verliehen ist, eigentümlich genug gerade 


7 








Beiblatt. 


(Kleine Mitteilungen.) 

demselben Christoffers, diesmal bei seinem Aufrücken 
in die Sekunda 1699. 

Die interessanten Diplome sind von ihrem Ent¬ 
decker in ,,Allm. Svenska Boktryckareföreningens 
Meddelanden“ 1906, Heft 11, beschrieben und ab¬ 
gebildet und auf einer Tafel auch die Wappen der 
Buchdecken sauber in Golddruck reproduziert. 

G. B. 

Seiner glänzendenTell-Ikonographie hat Dr .Frans 
Heinemann in Luzern nunmehr auch eine Teil-Biblio¬ 
graphie folgen lassen (Bern, K. J. Wyß; M. 4). Sie 
behandelt zunächst die Teilsage vor und außer 
Schiller: die mythologischen Deutungen der Sage, 
den internationalen Teil, den kantonalen Teil, den 
Urner Teil. Der zweite Teil ist Schillers Drama ge¬ 
widmet: Inspiration, Quellen, Entstehungsgeschichte, 
Ausführung, Druckausgaben. An Vorarbeiten hat es 
nicht gefehlt, aber sie sind fragmentarisch geblieben. 
Heinemanns Zusammenstellung dürfte ziemlich lücken¬ 
los sein; sie ist für den Bibliographen gar nicht zu 
entbehren. Einen Aufsatz Heinemanns über Schillers 
Teil in der Musikgeschichte des XIX. Jahrhunderts 
bringen wir im neuen Jahrgang dieser Blätter. 

Recht interessant ist auch das kleine Buch, das 
Dr. Alfred Schmieden über die Buhneneinrichtung des 
Teil im Königlichen National-Theater zu Berlin ver¬ 
öffentlicht hat (Berlin, E. Fleischel & Co.; M. 2). 
Schmieden ist es geglückt, Schillers kleinen Brief vom 
12. März 1804 an Iffland im Archiv des Berliner Hof¬ 
theaters aufzufinden, nach dem viele andere vorher ver- 
vergeblich gestöbert haben. Wichtiger noch ist die Tat¬ 
sache, daß Schmieden in dem Dirigierbuch No. 221 das 
Schillersche Originalmanuskript desTell gefunden haben 
will, das die ursprünglichsten Lesarten aufweist und viel¬ 
fach von dem Aschaffenburger und Hamburger Manu¬ 
skript abweicht. Nicht minder wertvoll sind die Ent¬ 
gegnungen Schillers auf Ifflands Vorschläge, die der 
Theatersekretär Pauly ihm nach Weimar brachte; ob 
sie in der Tat von Schillers Hand stammen oder nur 
diktiert sind, bedarf wohl noch der Nachprüfung. 

—bl— 

Alax Liebermann hat in Rudolf Klein einen neuen 
ausgezeichneten Biographen und verständnisvollen 
Würdiger seiner Kunst gefunden (Band 55 und 56 der 
Sammlung illustrierter Monographien „Die Kunst“. 
Bard, Marquardt & Co., Berlin; M. 3). Interessant ist, 
daß Klein auch die literarische Produktion des großen 
Malers streift, vor allem seine programmatischen Kampf¬ 
reden, die die Form über den Inhalt stellen — und er¬ 
freulich, daß Klein bei aller, auch das Einzelne berück¬ 
sichtigenden Anerkennung des Meisters nicht in kritik¬ 
lose Verzückung gerät. Wie allen Bändchen der 
„Kunst“-Serie, so ist auch dem vorliegenden Doppel¬ 
bande ein reicher Bilderschmuck (5 Heliogravüren und 
30 Vollbilder in Ton- und Strichätzung) beigefügt. — 
Aus der im gleichen Verlage erscheinenden Serie „Die 
Kultur“ ging uns der 10. Band zu: Kant und Goethe 
von Georg Simmel, eine geistreiche Glossierung der 
beiden Weltanschauungen, die dem gleichen Problem 


des Dualismus gegenuberstehen (mit 13 Abbildungen; 
M. 1,50). —m. 

Eine allerliebste Sammlung verschollener und wenig 
bekannter deutscher Liebes- und Scherzgedichte ver¬ 
öffentlicht der Teutonia-Verlag in Leipzig unter dem 
Titel „Galante Musen-Kinder“, herausgegeben und mit 
Anmerkungen versehen von Max Müller-Melchior. Der 
Ausdruck „galant“ darf nicht mißverstanden werden; 
er ist nicht im kraß erotischen Sinne gemeint, sondern 
bezeichnet vielmehr den weltmännischen Zug in der 
Dichtung des XVII. Jahrhunderts, die sich um diese 
Zeit, gefördert durch die zahlreichen sogenannten Sprach¬ 
gesellschaften, von der pedantischen Gelehrsamkeit zu 
befreien suchte. Zu den Autoren gehören Fleming, 
Opitz, Schwieger, Anna Ovena Hoyers, Gryphius, Hof- 
inannswaldau, Hagedorn, Geliert, Uz, Kästner, Weiße, 
Ewald, Götz, Eulogius Schneider, Haug, Duttenhofer, 
auch Bürger und Goethe; die Sammlung geht also über 
das XVII. Jahrhundert hinaus. Die Ausstattung ist 
hübsch, der Einband Halbpergament. —m. 

Die Biographie eines modernen Buchhändlers bietet 
uns Oskar von Hase in seinem „Gedenkbuche eines 
Freundes“ : Emil Strauß, ein deutscher Buchhändler am 
Rhein (Leipzig, Breitkopf & Härtel). Strauß ist als Ver¬ 
leger der Werke seines Oheims David Friedrich Strauß, 
die 1875 bO Hirzel frei wurden, sowie der Haeckelschen 
„Welträtsel“ am bekanntesten geworden. Doch auch 
als Mensch verdiente der früh Heimgegangene die 
Würdigung, die Hase ihm zuteil werden laßt; er war 
ein ganzer Mann, ein lauterer Charakter und auch in 
seinem Berufe ein „moderner Mensch“ im besten Sinne. 
Die Buchhändlerwelt wird an der flott und mit warmem 
Empfinden geschriebenen Biographie ein besonderes 
Interesse nehmen. -m. 

Wer in den achtziger Jahren einmal in Ilmenau 
war, wird auch den Oberamtsrichter Schwanitz kennen 
gelernt haben, den prächtigen Menschen mit dem 
goldenen Gemüt und dem köstlichen Humor, der zu 
Scheffels ältesten Freunden gehörte. Scheffels Briefe 
ait Schwanitz (nebst Briefen der Mutter Scheffels) sind 
nun gesammelt worden und liegen, mit Fußnoten und 
kleinen Erläuterungen von Dr. Josef Ettlinger versehen, 
in einem hübschen Bande vor uns (Leipzig, Georg 
Merseburger; brosch. M. 4, geb. M. 5). Der briefliche 
Verkehr zwischen den beiden, die sich auf Heidelbergs 
Universität kennen lernten, umfaßt eine lange Spanne 
Zeit, über vierzig Jahre. In diesen Briefen gibt Scheffel 
das scheu Zurückhaltende, das sonst charakteristisch 
für ihn war, völlig auf; wir erfahren aus ihnen über sein 
Leben und Schaffen, Sinnen und Denken, Lieben und 
Leiden soviel des Neuen wie noch aus keiner der bis¬ 
her erschienenen Scheffel-Publikationen. Nur das am 
schwersten Lastende in seinem Leben: die Tragik seiner 
Ehe, wird lediglich leicht gestreift. Ettlingers diskrete 
Glossen sind meist bibliographischer oder biographi¬ 
scher Natur. Allen Freunden der Muse Scheffels sei 
das Buch bestens empfohlen. 


—m. 




Beiblatt. 


Als Band IX ihrer „Klassiker der Kunst in Gesamt¬ 
ausgaben“ bietet die Deutsche Verlags-Anstalt in Stutt¬ 
gart „Schwind. Des Meisters Werke in 1265 Ab¬ 
bildungen“, herausgegeben von Otto Weigjnann (M. 15; 
Luxusausgabe in 100 numerierten Exemplaren M. 60). 
Die Gedächtnisausstellungen zur Feierder hundertsten 
Wiederkehr des Geburtstages Schwinds haben eine 
reiche Fülle von weniger bekannten Werken des 
Meisters zutage gefördert. Es ist das große Verdienst 
Dr. Weigmanns, das Material — solange sich der Be¬ 
sitzstand überhaupt noch überblicken ließ — in dieser 
umfangreichen Publikation gesammelt zu haben und 
der Öffentlichkeit zu übergeben. Im allgemeinen ist 
die chronologische Folge beibehalten worden, die nur 
zuweilen durch Rücksichten auf die Drucktechnik durch¬ 
brochen worden ist. Der vortrefflichen biographisch¬ 
kritischen Einleitung folgen auf fast 600 Seiten Repro¬ 
duktionen der Schwindschen Werke, darunter viel hier 
zum ersten Male Veröffentlichtes aus der Jugendzeit 
und lange verloren Geglaubtes. Das Ganze gibt einen 
Überblick über Schwinds Entwicklung, in der nun keine 
Phase mehr fehlt, und ist in der Tat ein „Orbis pictus 
der deutschen Märchenwelt“, ein Haus- und Volksbuch, 
dem wir weiteste Verbreitung wünschen, zumal die 
Wiedergabe der Bilder glänzend ist. —m. 


Von Meyers Großem Kojiversationslexikon (Biblio¬ 
graphisches Institut, Leipzig) liegen uns drei weitere 
Bände der neuesten (sechsten) Auflage vor. Band 13 
enthält den Schluß von L und den größeren Teil von 
M. Über die ausgezeichnete Redaktion des Lexikons 
ist kaum noch etwas zu sagen; die Ergänzungen sind 
bis auf das Vorjahr zurückgeführt worden. Glänzend 
ist wieder die bildliche Ausstattung; die Dreifarben- 
drucke(namentlich dieTafeln der Medusen, der Meeres¬ 
fauna und Mineralien) sind graphische Musterleistungen. 
Der Buchstabe M bringt es mit sich, daß der Verlag 
auch einmal pro domo sprechen muß: unter „Meyer“ 
werden Gründer und Besitzer des Bibliographischen 
Instituts (Joseph, Hermann Julius, Hans und Hermann 
Meyer) behandelt. Band 14 umfaßt die Worte „Mitte¬ 
wald“ bis „Ohnegeld“. Zu der Bezeichnung „Modern“ 
sei eine kleine Richtigstellung erlaubt. Der Artikel 
sagt, Hermann Bahr habe zuerst das Wort „Die Mo¬ 
derne“ geprägt (in seiner „Kritik der Moderne“ 1880); 
der glückliche Erfinder ist aber tatsächlich der Literar¬ 
historiker Professor Eugen Wolfif. Von besonderem 
Interesse in diesem Bande sind die Mondbilder, die 
Tafeln zuden Aufsätzen Motorwagen, Münzen, Museums¬ 
bauten, Muskeln des Menschen, Naturforscher und 
Nebel und die Farbendrucke zu den Artikeln Moose, 
Nearktische und Neotropische Fauna. Bibliographisch 
interessieren hier am meisten die knappen und doch 
erschöpfenden Angaben über die Handschriften, Aus¬ 
gaben und Übersetzungen des Nibelungenlieds, ferner 
die Aufsätze über Noten und Notenschrift. Band 15 
reicht von „Öhmichen“ bis „Plakatschriften“. Das Pla¬ 
katwesen behandelt ein ganz kurzer Artikel, der indes 
die gesamte Literatur über Plakate aufzählt. Es muß 
dankend anerkannt werden, daß sich das Konversations- 

Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 12. — 


(Kleine Mitteilungen — Inserate. 


Exlibris-Tausch 

Die Aufnahme einer Adresse kostet in dieser 
Rubrik für ein Heft i Mk., Jahres-Abonnement 
10 Mk., Halbjahres-Abonnement 6 Mk. 


Buchhändler Franz Bieringer, 
Frau Sigrid Brithelli, 


Passau 


Stockholm 
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erbeten an: Dr. K. Schottenloher, 
Bamberg, Steinertstr. 16 

Dr. Paul Ebers, Baden-Baden 

Sanatorium Dr. Ebers 

tauscht folgende Exlibris (No. i nur gegen Allerbestes) 

1. Radierung von Hans am Ende, Worpswede b. Bremen 

2. Zeichnung von H. Ebers, München 

3. Kinder-Exlibris von demselben 

4. Exlibris des Sanatorium Dr. Ebers von E. Zimmermann, Rom. 

Georg Max Goeschen, Frankfurt a. M. 

Barckhausstr. 6 

(Original-Lithographie von Max Bucherer-Basel.) 

Carl Grönblad, Stockholm 

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Frau Kommerzienrat Klasing, geb. Quenteil, 

Bielefeld 

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Leuschner, Oskar, Buchhändler, Wien IV 

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7 Kolb (Radierung), i Cossmann (Radierung), 2 Heroux (Radie¬ 
rung), 4 Crampe (Heliogravüre), 1 Stassen (Kupfer), 11 Stein¬ 
radierungen, Autotypien usw., 4000 Dubletten. Tausch u. Kauf. 

Leipzig-Gohlis 
Wilhelmstraße 


Frau Pastor Schreiber, 


Frieda Wolffram 


Königsberg i. Pr. 
Mitteltragheim 33 


Ausgebild. Bibliothekarin, 

geprüfte Sprachlehrerin, französ. Schweiz, England 
gewesen, Stenographin, vorzügl. Zeugnisse, sucht 
Beschäftigung. OfT. sub. „Am 25 “, Postamt 21 , Berlin. 


Desiderata. 


Zu kaufen gesucht: 

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Dr. Rudolph Neumann, Reichenberg i. B. 


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von Halle: Grundriß zu Vorlesungen über die Volkswirt¬ 
schaft!. Bedeutung d. Maschine. Berlin 1897. 

Carl Ergang, Freiburg i.Br., Erwinstr.37. 


9 
















Beiblatt. 


(Kleine Mitteilungen — Inserate.) 

lexikon gerade in bezug auf die Literaturhinweise emi¬ 
nent verbessert und vervollständigt hat und daß es 
dadurch die bibliographische Arbeit wesentlich er¬ 
leichtert. — 

Zu gleicher Zeit ging uns der erste Band von 
Meyers Kleinem Konversationslexikon zu. Auch von 
diesem erscheint nunmehr bereits die siebente Auflage: 
6 Halblederbände zu je M. 12 mit zusammen mehr als 
130000 Artikeln auf über 6000 Seiten Text mit gegen 
520 Illustrationen und 100 Beilagen. Dieser „Kleine 
Meyer“ entspricht den Anforderungen jener weiten 
Kreise, die nicht immer Zeit und Lust haben, einer 
flüchtigen Auskunft oder kurzen Belehrung willen einen 
längern Artikel durchzulesen und zudem nicht in der 
Lage sind , die immerhin bedeutenden Mittel für das 
bändereiche grobe Werk aufzuwenden. Ein Blick in 
die siebente Auflage zeigt, daß die bisherigen Erfolge 
nur den Ansporn zu weiterm Ausbau bildeten. Die Ver¬ 
mehrung der Kleinen Ausgabe von 3 auf 6 Bände wird 
mit Freuden begrüßt werden. Druck, Papier und Ein 
band sind auch hier vortrefflich. —m. 


In der „Beil. Akad. Wochenschr.“ ergänzt Biblio¬ 
thekar Dr. A. Hortzschanski seinen Bericht über die 
handschriftliche71 Schätze der königlichen Bibliothek 
in Berlin durch einige dankenswerte Mitteilungen über 
die wertvollsten Drucke der preußischen Landesbiblio¬ 
thek (vergl. „Zeitschrift für Bücherfreunde“ Jahrgang X, 
Heft 12 Beiblatt). Noch aus dem alten Besitz der 
Hohenzollernschen Kurfürstenhäuser stammt ein Pracht¬ 
exemplar der 42zeiligen Gutenbergbibel in zwei Bänden. 
Ein Exemplar des 1457 von Fust und Schöfter in Mainz 
gedruckten Psalteriums schenkte Friedrich Wilhelm IV. 
am Tage der vierhundertjährigen Vollendung des 
Druckes, 11. August 1857, der Bibliothek. Von dem 
Zweitdruck des Psalteriums aus dem Jahre 1459 kam 
1906 ein Exemplar auf den Markt. Da keine deutsche 
Bibliothek beide Drucke dieses ebenso schönen wie 
für die Geschichte des Buchdrucks wichtigen Erzeug¬ 
nisses deutschen Kunstgewerbes besaß, so w r ar es von 
größtem Werte, wenn irgend möglich, den Schatz für 
Deutschland zu erhalten. Den geforderten Betrag aus 
eigenen Mitteln aufzubringen, war die königliche Biblio¬ 
thek nicht imstande. Der erste Direktor der Biblio¬ 
thek, Geh. Reg.-Rat Schwenke, richtete deshalb einen 
öffentlichen Aufruf an alle opferwilligen und opfer¬ 
fähigen Kreise, zu dem genannten Zweck nach Kräften 
beizusteuern. Es kamen auf diese Weise 46000 Mark 
zusammen, und da die Regierung daraufhin ihrerseits 
40000 Mark zur Verfügung stellte, war es möglich, auch 
das Psalterium von 1459 für die Bibliothek zu erwerben. 
Von weiteren Seltenheiten besitzt die Bibliothek u. a. 
noch Fust und Schöffers Bibel von 1462, eine Reihe 
von Blockbüchern, z. B. eine Biblia pauperum, die 
Historia S. Joannis Evangelistae, das prachtvolle 
Exemplar des Teuerdanks, Nürnberg 1517, endlich ein 
Exemplar der ersten Shakespeare-Folioausgabe von 
von 1623 (ebenfalls ein Geschenk Friedrich Wilhelms IV.). 
Etwas früher (1620) wurde ein im Besitz der Bibliothek 
befindliches Common Prayer Book gedruckt, das König 


Inhalt des I Iauptblattcs. 

(lieft 1 — April 1907.) 

Dänische Künstlerplakate. Von Walter von Zur 
Westen. Mit 14 zum Teil farbigen Abbildungen. — 
Denkwürdige Besuche in der ehemaligen Kloster¬ 
bibliothek Ebrach. Von Karl Schottenloher. Mit 4 
Abbildungen. — William Morris. Sein Leben und 
Wirken. I. Von Otto von Schleinitz. Mit 13 Abbil¬ 
dungen und einem Einschallblatt. — Chronik: Kleists 
Ode „Germania an ihre Kinder“. Mil Faksimile- 
Beilage. — Die Ü bersetzungen von Lausend und Eine 
Nacht von Felix Paul Greve. — Verschiedenes. Mit 
2 Abbildungen. 

= Gesucht! —= 

Arnim, Sämtliche Werke, Band 11 und 12 (Winter¬ 
garten) und 21 (Wunderhorn IV.) Offerten unter „X Y Z 
300 " an die Exped. der Zeitschrift für Bücherfreunde, 
Leipzig, Hospitalstraße 27. 

Angebote. 

Erstausgabe 

von Lessings Nathan der Weise zu verkaufen. Ange¬ 
bote erbittet Hofrat Renner, Roßla (Harz). 

Erstausgaben 

d. Klass. Faust, Teil, Braut von Messina etc. verk. 
Usedom p. r. III. Rückporto. 


K upferstichauktion 

am 7. und 8. Mai 

zu Leipzig 

Kupferstiche 
alter Meister 

Reiches Dürerwerk 

Kostbare Blätter von den Klein¬ 
meistern,Rembrandt, Meckenem, 
Lautensack u. a., ferner Niellen, 
Holzschnitt-Bordüren, seltene 
Porträts des XVI. Jahrhunderts 


C.G.Boerner, Leipzig, Nümbergerstr.44 


10 






















Beiblatt. 


Karl I. von England vor der Hinrichtung seinem Geist¬ 
lichen, Bischof Juxon, schenkte, aus dessen Besitz es 
an die Bibliothek kam. Aus späterer Zeit stammen 
zwei Bibelausgaben, die ebenfalls große Seltenheiten 
geworden sind; die eine ist die von 1661—63 von John 
Eliot in Cambridge gedruckte Übersetzung der Bibel 
in den Natik-Dialekt, die zweite eine von der Filiale 
Christoph Sauers in Frankfurt a. M. 1743 i n German- 
town gedruckte deutsche Bibel: die erste in Amerika 
gedruckte. An dem auf der königlichen Bibliothek 
befindlichen Exemplar hat sich das alte habent sua fata 
libelli in seltener Weise bewährt. Die Filiale der Firma 
Sauer in Germantown sandte die ersten zwölf Abzüge 
dieses Bibeldruckes an das Mutterhaus in Frankfurt 
a. M.; das englische Schiff, das sie trug, wurde aber 
im Kanal von einem französischen Kaper genommen, 
die Bibel nebst der gesamten sonstigen Fracht nach 
Prisenrecht versteigert. Bei der Versteigerung erwarb 
sie das Stammhaus und ließ in jedes der 12 Exemplare 
ein Spruchband einkleben, das von diesem Geschicke 
der Bücher Kunde gibt. Zu den wertvollsten Besitz¬ 
tümern der Kgl. Bibliothek zählt endlich noch die 
Sammlung der Aldinen, die zum größten Teil aus der 
1847 erworbenen Sammlung des Grafen Mejan stammt; 
sie sind besonders aufgestellt und bilden mehr als neun 
Zehntel aller überhaupt bekannten Aldinendrucke. 
Auch an sonstigen bedeutenden und zum Teil in ihrer 
Art einzigen Spezialsammlungen ist kein Mangel. So 
besitzt die königliche Bibliothek z. B. eine Kollektion 
von älteren italienischen Stadtrechten, die größer ist 
als die des Britischen Museums und erheblich größer 
als die der Nationalbibliothek Vittorio Emanuele in 
Rom; auch die Berliner Sammlung von Drucken der 
Reformationszeit ist nirgends erreicht, geschweige über¬ 
troffen. Den Schätzen der königlichen Bibliothek auf 
dem Gebiete des älteren Schrifttums fehlen zurzeit die 
Räume, um solchen Besitz würdig aufzustellen und 
weiteren Kreisen zugänglich zu machen; diesem Mangel 
wird der im Entstehen begriffene schöne Neubau ab¬ 
helfen. 


Von dem Katalog der Berliner Stadtbibliothek ging 
uns der dritte Band zu: Erdkunde; 6000 Bände, zum 
Teil Schenkungen (Künne, Schweinfurth, Virchow, 
Jagow). Die von Dr. Arend Buchholtz geführte Redak¬ 
tion des Katalogs ist wieder mustergültig. In der Syste¬ 
matik folgt er im allgemeinen dem Katalog der Ber¬ 
liner Gesellschaft für Erdkunde und der von Dr. Otto 
Baschin herausgegebenen Bibliotheca Geographica. 
Besonders sorgfältig wurden Titel- und Sachregister 
bearbeitet. —m. 


Aus den bibliophilen Gesellschaften. Der Leipziger 
Bibliophilen-Abend veranstaltete am 12. März im Par¬ 
terresaal des Sachsenhofs eine Versammlung, bei der 
Herr Direktor Dr. E. Willrich über die erste graphische 
Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes im Buch¬ 
gewerbehaus sprach. Ein Vortrag des Herrn G. Merse¬ 
burger über Leipziger Ausrufer-Bilder und Verwandtes 
schloß sich an. Das Jahresessen findet am 13. April 
statt. Auf dem Berliner Bibliophilen-Abend am 


(Kleine Mitteilungen — Inserate.) 


r 




Soeben erschien: 


Auktionskatalog N. F. 8: 

Romanica 

Sammlung von Werken und Schriften zu 
Geschichte, Kultur, Sitte, Sprachen 
und Literaturen 

der romanischen Völker. 

Aus dem Besitze von Georg Joachim Göschen, 
Professor Dr. Ralph Copeland u. a. m. 

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deutschen, italienischen und 
niederländischen Schule des XV. 
bis XVIII. Jahrhunderts, moderne 
Radierungen, Bücher, 

sowie eine große Sammlung 

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bilder und histor. Darstellungen. 

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Kunsthandlung. 


11 






































Beiblatt. 


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ii. März im Restaurant Haußmann hielt Herr Martin 
Breslauer einen Vortrag über das deutsche Lied im 
XVI. und XVII. Jahrhundert unter Vorlage von über 
140 zum Teil höchst kostbarer und seltener Lieder¬ 
drucke in Originalausgaben. Ferner sprach Herr Otto 
Haas über Faksimiles von Autographen und deren 
mißbräuchliche Benutzung. —m. 


Kataloge. 

Zur Vermeidung von Verspätungen werden alle Kataloge an die Adresse 

des Herausgebers erbeten. Nur die bis zum 25. jeden Monats ein¬ 
gehenden Kataloge können für das nächste Heft berücksichtigt werden. 

Deutschland und Österreich-U ngarn. 

Jos. Baer Co. in Frankfurt a. M. No. 541. Neue 
deutsche Literatur von Goethes Tode bis zur Gegen¬ 
wart und Übersetzungen. 

Jos.Jolowicz in Posen. No. 163. Iconographiepolonaisc. 

Th. Ackermann in München. No. 55g. Goethe, Lcssing, 
Schiller, Shakespeare, Faust. 

C. G. Bocrner in Leipzig. Katalog einer Sammlung 
Goethescher Erstdrucke. 

Moritz Edehnann in Nürnberg. No. 39. Philosophie, 
Pädagogik, Varia. 

v. Zahn &= Jaensch in Dresden. No. 192. Theater. — 
No. 19 r. Musik. 

K. Th. Völcker in Frankfurt a. M. No. 266. Historische 
Theologie. 

A. H. Huber in Salzburg. No. 35. Aus verschiedenen 
Wissens ch aften. 

W. Junk in Berlin W. 15. Bull. No. 3 Naturwissen- 
schaften, Zoologie, Botanik, Palaeontologie, Geologie. 

Auf. Creutzer in Aachen. No. 97. Almanache, Wid¬ 
mungsexemplare, Goethe, Heine, Lessing , Schiller. 

Adolf Weigel in Leipzig. No. 87. Neuere deutsche 
Literatur von Gottsched bis auf die Gegenwart. III. 
S. — Z. (No. 3776—4000 Schiller.) 

Koebncrsche Buchhandlung in Breslau I. No. 265. 
Philosophie, Pädagogik, klassische Philologie. 

J. Halle in München. Originalausgaben der deutschen 
Literatur. 

Ausland. 

f. Gamber in Paris. No. 38. Histoire litteraire de la 
France. 

Maggs Bros, in London W. C. No. 226. Rare editiofis, 
early Printing , Standart Works, Fine Bindmgs etc. 

Martinas Nijhojfva Haag. Verlagskatalog 1853—1906. 
(1466 Nummern mit Register.) 

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Geering in Basel. Anz. No. 194. Belletristik, Hel¬ 
vetica, Kunst, Varia. 


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auktion mit zirka 2500 Nummern. F.r enthalt die nachgelassenen 
aus Geschichte, Deutscher Literatur, Philologie. Meteo¬ 
rologie, Naturwissenschaften etc. bestehenden Bibliothek-n 
der Herren: Sanitatsrat Dr. Broicher, Cöln, des Meteorologen Fritz 
Fay, Cöln, Bürgermeisters Byns, Andernach, Franz Merkens, Cöln, 
Pfarrer Haas. Tellig, u. a., sowie eine komplette Wetterwan en- 
einrichtung. Katalog auf Verlangen gratis und franko. Alle meine 
Lager- und Auktionskataloge stehen Interessenten zur Verfügung. 

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Bonn a. Rhein. 


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Antiquariats-Anzeiger Air. 14 

enthaltend Neue Erwerbungen. Verzeichnis 

seltener und wertvoller Werke 

(429 Nrn.) aus allen Wissenschaften. 

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Wien IV, Wiedner Hauptstraße 13. 


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geltlich. — Mäßige Preise. 

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Gegründet 1831. Stuttgart. 


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Lagerkatalog Nr. 80. g 

| Literarische Seltenheiten | 
I aus früheren Jahrhunderten. § 

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Antiquariat, ^ 

% Osnabrück. ^ 

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12 


















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Im Laufe des Sommers erscheint: 

Katalog 34 

Deutsche Literatur 

ca. 2000 Nummern 
mit Erstausgaben u. Seltenheiten. 

Sammler wollen uns ihre Adresse gefl. 
mitteilen, worauf portofreie Zusendung des 
Katalogs nach Erscheinen erfolgen wird. 

Antiquariat der Anstalt Bethel, Bielefeld. 


Edmund Meyer, Berlin W., 

Buchhändler und Antiquar, Potsdamerstr. 27B. 

In Kürze erscheint: 

Antiquariatskatalog No. 5 , enthaltend: Geschichte, 
Kultur- und Sittengeschichte, Verbrecherwesen, 
Sozialwissenschaft, Publikationen f.Bibliophilen etc. 

Bitte zu verlangen ! 

Ankauf einzelner Werke sowie ganzer Bibliotheken 
von Wert. — Desideratenliste bitte zu verlangen! 


Richard Härtel, Antiquariat, Dresden-A., 

Mathildenstraße 46. 


In Kürze erscheint mein reichhaltiger Katalog: 

Porträts, Autographen, Stammbücher, 

Bitte zu verlangen, ebenso meine Kataloge über 

Deutsche Literatur, Geschichte, Städte- 
Ansichten, Kunstblätter, Seltenheiten etc. 

Stets Ankauf guter Bücher, alter Kupferstiche, 
Handschriften etc., sowie ganzer Sammlungen. 


Julius Neumann, Magdeburg 

Hofbuchhandlung und Antiquariat. 

Lager von 80000 Bänden aus allen Wissenschaften, 
zum größten Teil das frühere Lager der Firma Franz 
Teubner in Düsseldorf umfassend. 

Katalog 1: Deutsche Literatur (4500 Nrn.) 
Katalog 2: Theologie (2500 Nrn.) 

sind erschienen und stehen auf Verlangen zu Diensten. 
In Vorbereitung befinden sich 
Katalog 3: Philosophie. Katalog 4 : Pädagogik. 
Katalog 5: Geheime Wissenschaften. Katalog 6 : 
Klassische Philologie. 

Interessenten werden um Angabe ihrer Adressen ersucht 


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Ankauf von wertvollen Büchern 
und Bibliotheken. 


Buchhandlung und Antiquariat 
Auktionsinstitut 

BERLIN SW., Leipzigerstraße 89. 


Gewähltes Lager 

von 

Seltenheiten aus Literatur 
und Kunst. 


1 

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Übernahme ganzer Sammlungen und ^ 
einzelner Beiträge zur Versteigerung 
unter kulantesten Bedingungen. 5 


Soeben erschien: 

Katalog 197 

Japanische Farbenholzschnitte 

(Katalogwerte ca. 12000 M.) 

Ferner zuvor: Katalog 190 

Kupferstiche alter und neuer Meister, 
Lithographien etc. 

Katalog 188 a 

Porträts von Fürsten, Feldherren, Staatsmännern. 

Sämtlich gratis und franko. 

Dresden v. Zahn & Jaensch 

Waisenhausstr. 10. Kunstantiquariat. 


Japan-China. 

R. WAGNER * BERLIN 

Potsdamerstraße 20 a. 

Seltenejapan. Holzschnitte u. Bücher 


Für Bibliophilen: 

Originelle japan. Vorsatz- u. Lederpapiere. 


13 






































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N. Kymmel, Riga (Rußland) 

Buchhandlung u. Antiquariat 

— - Gegründet im Jahre 1763. - 


Katalog 65. 

Deutsche Literatur u. Übersetzungen 

von der Reformationszeit bis zur Gegenwart. 

Dieser Katalog verzeichnet 1767 Nummern, darunter 
etwa 500 seltene, teilweise kaum jemals wieder vor¬ 
kommende erste Drucke der klassischen Periode, 
der Romantiker und des jungen Deutschland. 

Katalog 66. 

PHILOSOPHIE. 

1124 Nummern, worunter viele vergriffene und 
teilweise sehr seltene Werke. 

Katalog 67. 

THEOLOGIE. 

3260 Nummern. Dieser Katalog verzeichnet eine 
sehr große Anzahl theologischer Schriften, die nie 
in den Katalogen der deutschen Antiquare gefunden 
werden. Die Literatur der baltischen Provinzen ist 
sehr reichhaltig vertreten und eine besondere Ab¬ 
teilung der Russisch-orthodoxen Kirche eingeräumt. 

Obige Kataloge stehen unberechnet zu Diensten. 


CARL BECK, Buchhandlung, LEIPZIG, 

Antiquariat — Sortiment — Verlag :: Inselstr. 18 

Spezialität: HELVETICA 

(Alle Erscheinungen, welche in irgend einer Beziehung 
zur Schweiz oder den Alpen stehen) 

Kataloge gratis und franko — - Größere Aufträge portofrei 

Bisher erschienen folgende Bulletins meiner Neuerwerbungen: 

Nr. 3. Theologie (Nr. 754—2375). 

Nr. 4. Militaria — Geschichte (Nr. 2376—3795). 

In Vorbereitung: 

Nr. 5 . Der Kanton Basel, nebst alten Basler Drucken. 

(Über 2000 Nummern.) 

Nr. 6. Helvetica mit Ausschluß des Kantons Basel. 
Nr. 7. Kulturgeschichte. 

Sammelmappe zu meinen Bulletins gratis. 


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Antiquitäten 

aller Art 

in reicher Auswahl, beste Referenzen. 

J. STRDLER 

Jestetten (Baden) 





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Amtliche Nachrichten 

für das General-Gouvernement Elsaß 

Nouvelles officielles 1 

pour 1 c Gouvernemcnt-Göncral de l’Alsace 
erschienen 1870 gleich nach der Okkupation, und 
zwar: Nr. i, datiert 1.9. 1870, sowie 2 u. 3, sämtl. 
Text links deutsch | rechts französ.; Nr. 4 bis 

6 nur der amtliche Teil deutsch und franz.; von 

Nr. 7 ah alles deutsch, bis auf einige Annoncen; 

Nr. 1 bis II in Groß-Quart, von Nr. 12 ab Format 
ähnlich wie Cöln-Zeitung, mit dem Titel: 

Straßburger Zeitung 

Amtliche Nachrichten. 

Die Nachfrage nach diesem Blatt, von dem heute 
wohl kaum noch ein Exemplar vorhanden sein dürfte, 
war bereits damals sehr rege, vor allem nach Nr. I; 
der Verlag schrieb daraufhin in Nr. 5, 24.9. 1870: 

Es laufen täglich BeUellungen, besonder* seitens Biblio¬ 
theken auf hauptsächlich Nr. 1 unseres Blattes ein, die wir 
leider nicht in der Lage sind, autznführen. Wir haben schon 
daran gedacht, die Nummer noch einmal herauszugehen; 
allein, da sich unsere Kopie notwendigerweise vom Original 
in etwas unterscheiden wurde, sei es auch nur durch die dem 
Bibliophilen wichtigen Druckfehler, so wurde durch eine zweite 
Auflage dem Sammler von Originalen kein eigentlicher Er¬ 
satz geboten. 

Wir lassen also den Gegenstand auf sich beruhen, usw. 

Sämtliche Nummern sind von mir persönlich 
gesammelt, gelegentlich einer Abkommandierung 
als Rekonvaleszent, also Originale; ebenso gesam¬ 
melt sämtl. Verordnungen, Bekanntmachungen usw., 
teils deutsch, teils französisch. Ferner eine Prokla¬ 
mation Napoleons, deutsch für die deutschreden- 
*den Grenzbewohner (Groß-Affichenformat), sowie 
eine Anzahl konfiszierter belg. Zeitungen, teils 
deutsch, teils französisch. — 

In alten Papieren vorgefunden, noch 2 Pen¬ 
dants-Fourier- resp. Requisit-Zettel, auf Bütten¬ 
papier gedruckt, kl. Quartformat, 27.2. 1808 und 

31. 8. 1808, wegen Stellung von Wagen von Merse- 
bourg nach Halle und Naumbourg. 

Interessenten resp. Sammler bitte direkt sich 
mit mir in Verbindung zu setzen. 

Dresden Plauen, Fritz FiSChei*. 

Hohestr. 90 1 . 

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Antiquitäten. 

Wilhelm Greift 

Oldenburg i. Gr. 

Photographien franko gegen franko! 

Lager von gut renovierten antiken eichenen Möbeln. 

Schränke, Anrichten, Truhen usw. 

Ferner alte Vasen, Teller, Zinn- und Messingsachen. 


14 — 




































Beiblatt. 


KARL W. HIERSEMANN, Buchhändler u. Antiquar, LEIPZIG, Königsstr. 3. 

Neuerscheinungen des Verlags: 


Das Breviarium Grimani in der Bibliothek San 
Marco in Venedig. Vollständige Reproduktion, heraus¬ 
gegeben durch Scato de Fries, Direktor der Uni¬ 
versitäts-Bibliothek in Leiden und S. Morpurgo, Direk¬ 
tor der Bibliothek San Marco. 300 Faksimile- 
Tafeln in Dreifarben-Lichtdruck und 1268 Tafeln in 
Heliogravüre. In 12 Bänden zu je 200 Mark. Bis 
jetzt erschien Band I—VII. 

Wickhoff, Hofrat Dr. Franz, Beschreib endes 
Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Öster¬ 
reich. (Publikation des Instituts für österreichische 
Geschichtsforschung.) Band 1. Die illuminierten 
Handschriften in Tirol, beschrieben von Dr. H. J. 
Herrmann. Groß-Folio. XVI. 307 Seiten Text mit 
124 teils ganzseitigen Abbildungen in Autotypie und 
23 Tafeln in Lichtdruck und Pleliogravüre. In Original- 
Leinwandband Preis 120 Mark. 

Band II. Die illuminierten Handschrift en in 
Salzbur g, beschrieben von Dr. Hans Tietze. Gr.-Folio. 
113 Seiten Text. Mit 40 teils ganzseitigen Ab¬ 
bildungen in Autotypie und 9 Tafeln in Lichtdruck. 
In Original-Leinwandband Preis 40 Mark. 

In Vorbereitung befindet sich: 

Band Hl. Die illuminierten Handschrifte n in 
Kärnten. 

Band IV. Die illuminierten Handschriften in 
Krain, Istrien, Dalmatien usw. 


| S warzenski, Denkmäler der süddeutschen 
Mal erei des frühen Mittelalters. I. Teil: D ie Regens- 
burger Buchmalerei des X. und XI. Jahrhunderts. 

Studien zur Geschichte der deutschen Malerei des 
frühen Mittelalters. Mit toi Lichtdrucken auf 35 Tafeln. 
Gr.-Quart. In eleg. Leinwandband Preis 75 Mark. 

In Vorbereitung: 

2. Teil: Di e Salzburger Buchmalerei. 1 Text¬ 
band, 120—130 Lichtdrucktafeln mit ca. 400 Seiten 
in Pappe geb. 

Hildebrandt, Friedrich Tie ck. Ein Beitrag zur 
deutschen Kunstgeschichte im Zeitalter Goethes und 
der Romantik. Gr.-Oktav. XX und 183 Seiten mit 
17 Abbildungen auf 10 Tafeln. Preis 8 Mark. 

Budan, Comte Emil de, Bibliographie des 
Ex-libr is. Sec. edition revue et augmentee. Avec 
34 reproductions d’ex-libris. Oktav. 68 Seiten mit 
ca. 300 bibl. Titeln. In Liebh.-Ausstattung auf echtem 
Bütten, Text in Blau, Zierleisten in Orange gedruckt. 
Einband mit Pergamentrücken, Golddruck und Gold¬ 
schnitt. Nur 200 num. Exemplare im Handel. Preis 
15 Mark. 

Steinmann, Ernst, Das Geheimnis der Medici- 
gräber Michelangelos. Gr.-Oktav. 128 Seiten mit 
33 in Doppeltonfarbe gedruckten Abbildungen im 
Text und 15 Tafeln, davon io in Duplex-Autotypie. 
In hellblau Ganzleinen geb. Preis 12 Mark. 


Ausführliche Prospekte stehen Interessenten auf Wunsch gratis und franko zur Verfügung. 


Neue Kataloge des Antiquariats: 


No. 324: Keramik. 579 Nummern. 

„ 325: Biblioteca Mejicana. 1098 Nummern. 

„ 326: Americana. 58 Nummern. 

„ 327: Amerika: Nord-, Mittel-und Süd-Amerika. 

Anhang: Spanien und Portugal. 1576 Nrn. 
„ 328: Architektur. 2406 Nummern. 

„ 329: Numismatik. 977 Nummern. 


No. 331: Ungarn, Balkanstaaten, Türkei. 583 Nrn. 
„ 332: Napoleon I. u. seine Zeit. 551 Nummern, 

„ 333 : Genealogie, Heraldik. 736 Nummern. 

„ 334 : Reformationsliteratur. 806 Nummern. 

„ 335 : Amerikanische Linguistik. 378 Nummern. 

„ 336: Mittel- und Südamerika, Spanien und 

Portugal. 2349 Nummern. 


No. 330: Manuskripte des Mittelalters und späterer Zeit. Einzel-Miniaturen. Reproduktionen. 

Groß-Oktav. 222 Seiten mit 23 Tafeln. Preis 10 Mark. 

Der außerordentlich wichtige Katalog umfaßt: 23 deutsche Manuskripte des 10.-—19. Jahrhunderts. — 
20 französ. Manuskripte des 13. —18. Jahrhunderts. — 3 niederländ. Manuskripte des 14.—18. Jahrhdrts. — 
12 spanische [Manuskripte des 14.—18. Jahrhunderts. — 48 orientalische Manuskripte des 13.—19. Jahr¬ 
hunderts. — 25 Musik-Manuskripte des 14.—19. Jahrhunderts. — 103 Einzel-Miniaturen des 11.—17. Jahr¬ 
hunderts. — 98 Werke über Handschriftenkunde. — 3 engl. Manuskripte des 14.—18. Jahrhunderts. — 
40 italienische Manuskripte des 12.—18. Jahrhunderts. — 11 slavische Manuskripte des 12.—19. Jahr¬ 
hunderts. — I byzantinisch-griechisches Manuskript des 13. Jahrhunderts. — 21 persische und indische 
Original-Malerein des 13.—19. Jahrhunderts. — 14 Manuskripte militärischen oder nautischen Inhalts des 
16. —18. Jahrhunderts. — 48 Faksimile-Reproduktionen. — Einige seltene Pergamentdrucke usw. 


Ich suche stets zu kaufen: 

Americana, Vetustissima, alte Globen, Portulane, Atlanten, Manuskripte mit und ohne Miniaturen, 
ältere historische Literatur Spaniens usw. usw. und bitte um gefl. Angebote. 

LEIPZIG, Königsstr. 3 . KARL W. HIERSEMANN. 


15 











































































Beiblatt. 


Kunstvoll ausgestattete Bücher 

aus dem Gutenberg-Verlag, Hamburg. 


GOETHES FAUST 
ERSTER TEIL 

Mit Bildern und Buchschmuck von 

Ernst Liebermann. 

Gebunden in Original-Einband 6 M. 
Vorzugs-Ausgabe auf Büttenpapier 12 M. Luxus-Ausgabe 20 M. 

„Sinnvoll und von einfacher Klarheit in den symbolischen Dar¬ 
stellungen und den altdeutschen Charakter in den realistischen 
Szenen mit kräftigem Griffel kennzeichnend, sind diese Bildwerke 
ein glänzender Beweis für den außerordentlichen Fortschritt der 
modernen graphischen Kunst.“ Kölnische Zeitung. 

WAL THARILIED 
DER ARME HEINRICH 
LIEDER DER ALTEN EDDA 

Übersetzt von den Brüdern Grimm. 

Mit Buchschmuck von Ernst Liebermann. 

Gebunden 5 M. 

„Ausstattung und Buchschmuck sind vortrefflich. 

So haben wir hier ein echt deutsches Buch in vor¬ 
nehmem Gewände, eine köstliche Gabe für die, die 
an den edlen Erzeugnissen altdeutscher Sage und 
Dichtung sich erfreuen.“ Das literarische Echo. 

Ausführliche illustrierte Prospekte kostenlos und 
portofrei durch den Verlag. 



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1 

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§ 

25 

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1 


Martini & Chemnitz 

€cuicbilien=€abinet 

Neue Ausgabe von Dr. Küster 
in Verbindung mit den Herren Dr. Philipp!, Pfeiffer, 
Dunker, Römer, Löbbecke, Kobelt, Weinkauff, 
Clessin, Brot und v. Martens. 

Bis jetzt erschienen 516 Lieferungen oder 172 Sektionen. 
Subskriptions-Preis der Lieferungen 1 bis 219 ä 6 M., der 
Lieferungen 220 u. flg. ä 9 M., der Sekt. 1—66 ä 18 M., 
Sekt. 67 u. flg. ä 27 M. 


Siebmacher 

Grosses und flllg. UlappenbucD 

Neu herausgegeben unter Mitwirkung der Herren 

Archivrat von Mülverstedt, 

Hauptmann Heyer von Rosenfeld, Premier-Leut. 

Qritzner, L. Clericus, Prof. A. M. Hildebrandt, 
Min.-Bibliothekar Seyler und Anderen. 

Ist nun bis Lieferung 520 gediehen, weitere 50—60 werden 
es abschließen. 

Subskriptions-Preis für Lieferung 1—in ä M. 4,80, 
für Lieferung 112 und flg. ä 6 M. 

Von dem Conchilien- Cabinet geben wir jede fertige 
Monographie einzeln ab, ebenso von dem Wappenbuch jede 
Lieferung und Abteilung, und empfehlen wir, sei es zum 
Behufe der Auswahl oder Kenntnisnahme der Einteilung etc. 
der Werke, ausführliche Prospekte, die wir auf Verlangen 
gratis und franko per Post versenden. 

Anschaffung der kompletten Werke oder Ergänzung 
und Weiterführung aufgegebener Fortsetzungen werden 
wir in jeder Art erleichtern. 

Bauer & Raspe in Nürnberg. 


a H. W. Schmidt’s Verlagsbuchhandlung cn 
* Gustav Tauscher, Jena * 

Handbuch für Bücher- 
sammler und Bücherliebhaber 

Von J. Herbert Slater 

Mit 27 ganzseitigen Illustrationen und 31 Illustrationen 
im Text. Geheftet 6 M., in Origin&lband 7 M. 

Vier neue Kuriositäten-Bibliographien 

Von Hugo Hayn 

Bayerischer Iliesel — Amazonen-I.iteratur— Halsband¬ 
prozeß. Cagliostro Bibliotheca sei. erot. curiosa Dres- 
densis. Geheftet 3 M. 

Die Königin Luise in der Geschichte 
und Literatur 

Eine systematische Zusammenstellung der über sie er¬ 
schienenen Einzelschriften und Zeitschriftenbeiträge 

Von Friedrich M. Kirchelsen 
Geheftet 2 M. 50 Pf. 

Übersicht 

der (meist in Deutschland erschienenen) LITERATUR 
über die angeblich von Juden verübten 

Ritualmorde und Hostienfrevel 

Zum ersten Male zusammengestellt von Hugo Hayn 
Geheftet I M. 20 Pf. 


Soeben gelangt zur Ausgabe: 

Jahrbuch der 
Bücherpreise 

Alphabetische Zusammenstellung der wichtigsten 
auf den europ. Auktionen (mit Ausschluß der 
engl.) verkauften Bücher mit den erzielten Preisen 
bearbeitet von C. Beck. 

I. Jahrgang 1906. 16 Bogen. Preis geb. 8 Mk. 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war 
das Bücher-Auktionswesen in Deutschland von ge¬ 
ringer Bedeutung; erst um die Jahrhundertwende 
trat eine bemerkenswerte Änderung ein, welche 
unterstützt wurde durch ein erfreuliches Anwachsen 
der Zahl deutscher Bibliophilen. Sind auch die 
auf Auktionen gezahlten Bücherpreise oft irreführend, 
so geben sie doch einen Anhalt für Wertbestim¬ 
mungen, und der Bearbeiter wie der Verleger 
glaubt den Wünschen weiter Kreise mit der Ver¬ 
öffentlichung dieses neuen „Jahrbuches“ entgegen¬ 
zukommen. Seit Jahren besteht ein solches für 
England und Amerika, während es sich für Frank¬ 
reich nicht dauernd halten konnte. Das jetzt zur 
Ausgabe gelangende berücksichtigt auch die wich¬ 
tigsten Bücher-Auktionen des Auslandes (natürlich 
mit Ausschluß von England und Amerika) und 
hofft, sich nutzbringend und lebensfähig zu er¬ 
weisen. Findet es eine freundliche Aufnahme, so 
wird es alljährlich erscheinen. 

Leipzig. Otto Harrassowitz. 


16 
































Beiblatt. 


Werke der Holzplastik 
in Schleswig-Holstein 

bis zum Jahre 1530 

Ein Beitrag zur Ent¬ 
wicklungsgeschichte 
der deutschen Plastik von 

Prof. Dr. Adalb. Matthaei 

46 Foliotafeln in Licht¬ 
druck mit Text 

Preis 60 Mark 

Infolge seines hohen kulturhistorischen 
Wertes wird das Werk weite Kreise 
der Gebildeten lebhaft interessieren. 

Für Museen, Bibliotheken, und Histo¬ 
riker ist die grundlegende, umfassende 
Sammlung unentbehrlich. 

—- Prospekt kostenlos. - 

Seemann & Co. in Leipzig 


B. Behr’s Verlag 


Wir bitten ausführliche Prospekte zu ver¬ 
langen über die jedem Bücherliebhaber 
unentbehrlichen Publikationen: 

Hebbel, Sämtliche Werke, ed. Werner. 
24 Bände. 

Grabbe, ed. Grisebach. 4 Bände. 

W. V. Humboldt, ed. Kgl. Preuß. Akademie 
der Wissenschaften. 18 Bände. 

Deutsche Literatur - Denkmale des 18 . und 
19 . Jahrhunderts. 138 Nummern. 

Internationale Bibliographie der Kunstwissen¬ 
schaft, begr. Jellinek, ed. Fröhlich. 

Bibliographisches Repertorium. 

etc. etc. 


BERLIN W. 35 





1(1 




II 


Alle Gebiete 
des Wissens 

zu pflegen ist dem Einzelnen heute nicht mehr 
möglich, aber an einem Punkte sich über den 
engen Kreis, in den ihn heute meist der Beruf ein¬ 
schließt, zu erheben, an einem Punkte die Freiheit 
und Selbständigkeit des geistigen Lebens zu ge¬ 
winnen, sollte jederversuchen. Wege dazu zeigt: 

= B. G. Teubners = 
Allgemeiner Katalog 

eine reich illustrierte, durch ausführliche 
Inhaltsangaben, Proben, Besprechungen ein¬ 
gehend über jedes einzelne Werk unterrich¬ 
tende Übersicht aller derjenigen Veröffent¬ 
lichungen des Verlages, die von allgemeinem 
Interesse für die weiteren Kreise der Gebildeten 
sind. Der Katalog liegt in folgenden Abtei¬ 
lungen vor, die jedem Interessenten auf Wunsch 
umsonst und postfrei übersandt werden: 

1. Allgemeines (Sammel- 6. Neuere fremde Lite- 


werhe, Zeitschriften, Bil¬ 
dungswesen). 

2. Klassisches Altertum 
(Literatur, Sprache, My¬ 
thologie, Religion, Kunst, 
Geschichte, Recht und 
Wirtschaft). 

3. Religion. Philosophie. 

4. Geschichte. Kultur¬ 
geschichte. Kunst. 

5. Deutsche Sprache und 
Literatur. 


raturen und Sprachen. 

7. Länder- und Völker¬ 
kunde. 

8. Volkswirtschaft. Han¬ 
del tt. Gewerbe. Fort¬ 
bildungsschulwesen. 

9. Pädagogik. 

10. Mathematik. Technik. 

Naturwissenschaften. 

Vollständige Ausgabe. 


Leipzig 1. 


B. G. Teubner. 


Wer sich für alle Vorgänge auf dem Gebiete 

des Buch-, Kunst- und Antiquariatshandels 

interessiert, abonniere auf die 

Allgemeine Buchhändlerzeitung 

die neben belehrenden und unterhaltenden 
Artikeln in jeder Wochennummer ein vollständiges 
Verzeichnis derNeuerscheinungen des Buch-,Kunst- 
und Lehrmittelhandels, der verbotenen und be¬ 
schlagnahmten Bücher, der Antiquariats- und 
Auktionskataloge etc. bringt. Preis pro Quartal 
direkt per Kreuzb. M. 2.05, Ausland M. 2.40 no. 

Emil Thomas in Leipzig, Querstraße 4 6 
Verlag der Allgemeinen Buchhändlerzeitung. 


Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 1. 


17 








































Beiblatt. 


Lebensfreude, 

Sprüche und Gedichte 

gesammelt und herausgegeben von 

P. J. Tonger. 

160 Seiten kl. Oktav. Hübscher Leinwandbd. M. i.—; 
in Kaliko mit Goldschnitt M. 2.—; in Saffian M. 4.—. 
Vielfach. Wünschen entsprechend, wurde das zu¬ 
erst nur für Freunde undBekannte gedruckte Bänd¬ 
chen in neuer Auflage d. Öffentlichkeit übergeben. 

Verlag von P. J. Tonger, Köln a. Rh. 



Der Roman des modernen theo¬ 
logischen Konfliktes! 

Soeben erschien in meinem Verlage: 

Der Mittler 

von 

Walther Nithack-Stahn, 

Pfarrer an der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. 

Mit Buchschmuck von Kunstmaler 0. Popp. 

Fein geb. 4,50 M.; eleg. brosch. 3,50 M. 
Direkt von J. Frickes Verlag (J. Nithack-Stahn) in 
Halle a. S. oder durch jede Buchhandlung. 

Verlag von E. F. Thienemann in Gotha. 

Critik der reinen Vernunft. 

Von Immanuel Kant. Erste Aufl. Riga 1781. 
Anastatischer Faksimile-Druck. Preis ge¬ 
heftet 12 M., in Halbfranz gebunden 14 M. 

Der Einband ist im Geschmack der 8oer Jahre 
des 18. Jahrhunderts mit braunem Rindlederrücken 
und solidester Fadenheftung hergestellt, das Papier 
aus reinen Hadern in der Art der damaligen Zeit 
besonders angefertigt. 

Ausführlicher Prospekt mit Druck und Papierprobe 
kann durch jede bessere Buchhandlung oder direkt 
vom Verleger umsonst und portofrei bezogen werden. 



Soeben erschien in meinem Verlage: 

Stammbuch der Frankfurter Juden 

von 1349 — 1849 . 

Von Dr. A. Dietz 

493 Seiten. Vornehm ausgestattet. 4® 

Das Werk ist einzig in seiner Art und bringt in alphabetischer 
Folge die Geschichte und Genealogie von 625 bekannten Familien 
mit vielen hier zum ersten Male veröffentlichten Nachrichten. 
Preis: 18 Mark eleg. kartoniert Außerdem erschienen 50 nume¬ 
rierte Exemplare auf Büttenpapier zu 40 Mark (in Leinenband), 

25 numerierte Exemplare auf Japanpapier zu 80 Mark erscheinen 
später. — Ausführliche Prospekte mit Namensliste folgen auf 
Wunsch. 

Frankfurt a. M., Junghofstr. 5. J. St. Goar. 

Ebenso stehen Kataloge über mein Antiquariat zu Diensten 
und erbitte Angabe ihrer Sammelrichtung. 

Soeben erschien: 

Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in 

Rußland 

Von Bernhard Stern. 

Erster (*) abgeschlossener Teil: Kultur und Aberglaube, 
die russ. Kirche, der Klerus, die Sekten (mit und ohne 
erotische Ziele), russische Laster, Vergnügungen, Leiden. 

502 Seiten. Lex. 8°. Mit 29 teils farbig. Illustrat. auf 
22 Tafeln. Eleg. brosch. M. 7.—, Orig. Leinwdbd M. 9.—. 
Dasselbe. Luxus-Ausgabe in Quart nur in 25 numer. 
Exempl. gedruckt. Brosch. M. 12.—, in Perg. geb. M. 18.—. 

Ausführliche Prospekte über meinen kultur- und sitten¬ 
geschichtl. Verlag, sowie Antiq.-Verz. gratis und franko. 

H. Barsdorf, Berlin W. 30 ., Landshuterstr. 2. 



Eine 

Reformation des Geisteslebens 

der Menschheit 

zur Einführung: 

Mein Wirken als Reformator 
des Innenlebens der Menschheit 

von Dr. Norbert Grabowsky. — Preis 5oPfg. 

Achtseitigen Prospekt über Schriften Dr. Norb. 
Grabowskys gratis durch die 

Verlagsbuchhandlung Max Spohr, Leipzig 68. 





W. JUNK, BERUM W. 15. 

Vor kurzem erschien mein: 

Internationales Adreßbuch 

der 

Antiquar- Buchhändler 

Mit Porträt u. 2 Indices. Originalband. M. 4.50 franko. 

Herr Fedor v. Zobe ltitz schreibt in der „Zeit¬ 
schrift für Bücherfreunde“: . . Ausgezeichnetes Com- 
pendium . . Wird in der Handbücherei des Biblio¬ 
philen nicht fehlen dürfen. 

Viele andere durchwegs sehr anerkennende Kritiken. 



Historisch wertvoller Beitrag zur 
Goethe- und Freiligrath-Literatur! 

Der „Goethe-Gesellschaft“ gewidmet. 

C. A. Kellermann, 

Braut- und Ehejahre einer Weimaranerin 
aus der klassischen Zeit Ilmathens. 

(Ida Freiligrath geb. Melos) 

Mit einer Reihe bisher unveröffentl. Briefe Freiligraths 

brosch. M. 1.20; eleg. geb. M. 2. — 

Zu beziehen durch alle Buchhandl. oder direkt v. Verlag: 

A. Huschke Nachf. (R. Buchmann), Weimar. 


— 18 — 












































Beiblatt. 


Librairie Nationale cf Art et d’Histoire 

G. VAN OEST ET C!L : , Editeurs * 16 rue du Musee, BRUXELLES. 

Soeben erschien: 

ALFRED STEVENS 

SON CEUVRE 

par 

CAMILLE LEMONNIER. 


Ein Prachtwerk in Folio mit 42 herrlichen Tafeln in Heliotypie aus der Hand¬ 
presse nach den Meisterwerken des kürzlich verstorbenen großen Malers; ein Werk 
neuerer Kunst wie es seit langem nicht erschien; Text von Camille Lemonnier, dem 
bekannten Schriftsteller und belgischen Kunstkritiker, ferner die „Impressions Sur 
la Peinture“ von Alfred Stevens selbst. 

In Anbetracht der geringen Auflage — 350 numerierte Exemplare auf Antik 
Luxusvelin (Antique wove de luxe) — wird das Werk bald sehr selten werden und 
den Stolz aller Liebhaber, Sammler und Bibliophilen bilden, die sich ein Exemplar 
sicherten. 0 • oa c 1 

— = - Preis 80 Franks. -= 


TORTURES ET TOURMENTS 

des martyrs chretiens 

Tratte des Instruments de martyre et des divers modes de supplice employis par les paiens 

contre les chretiens 

Par Antonio GALLONIO, Pretre de l’Oratoire 

Un volume grand in-8°, sur papier verge, oine de 46 planches hors texte, d’apres les 
gravures sur cuivre d’ANT. Tempesia. — Prix. 20 fr. 


LES SUPPLICES MILITAIRES 

Etüde sur les punitions corporelles infligees 

AUX SOLDATS DES ARM£ES DE TERRE ET DE MER 
A TRAVERS LES SIECLES ET PRINCIPALEMENT EN 
FRANCE ET EN ANGLETERRE 

Superbe ouvrage in-8° carre, tire ä 750 exemplaires sur beau verge d’Arches, orne de Dix 
Grandes Illustrations en couleurs, hors texte et en double page, d’apres les tableaux du 
peintre militaire “Raymond DES V ARREUX” et de Seizeen-tetes symboliques de Georges ROUX 

Prix de l’ouvrage: 30 fr. net. 


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getrübten dauerndenGeschäftsverbindung. 


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3 
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Die ßek-ßmn, nach £ntroücfßn i)ßs täßccn f cofßffoc fißcmann ßßksßcan, 
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oon gtof3ßm malßrifchßn IRßia uni) bßkoratioßr lfDirkung, babßi von Ißichtßt 
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XI. Jahrgang 1907/1908 

Inhalt des 2. Heftes 

(Mai 1907) 

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Aus den Jugendjahren eines Romantikers (Karl von Miltitz) Von Otto P^duard 

Schmidt. Mit 7 Abbildungen. 49 

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18 Abbildungen. 59 

Die Jahresernte deutscher Buchkunst. Von Wilhelm Niemeyer. 79 

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Die neueste Sammlung von Manuskripten des Mittelalters und späterer Zeit. 
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Der Autor der „Nachtwachen von Bonaventura“. 


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Rundschau der Presse. Von A. Hortzschansky (S. 1—5). — Kleine Mitteilungen (S. 5—7). — 

Kataloge (S. 8). — Inserate (S. 7—12). 


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ZEITSCHRIFT 


FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 


11 . Jahrgang 1907/1908. 


Heft 2: Mai 1907. 


Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 

(Karl von Miltitz.) 

Von 

Professor Dr. Otto Eduard Schmidt in Wurzen. 


or hundert Jahren, als Preußens 
Ruhm und Sachsens Ehre auf 
den blutigen Schlachtfeldern 
von Jena und Auerstädt und 
noch mehr in den darauf folgen¬ 
den Kapitulationen und Ver¬ 
handlungen zertreten wurden, war in einer langen 
abwärts führenden Bewegung der Tiefstand 
unserer nationalen Hoffnungen erreicht worden. 
Aber wo ein Tiefstand ist, da bahnt sich auch 
schon wieder ein Steigen an. Auffallend schnell 
sehen wir in den auf 1806 folgenden Jahren 
die edelsten Kräfte der Nation fast überall 
bemüht, das Vaterland zu erneuern. Diese 
Kräfte waren nicht so schnell erzeugt, wie sie 
damals in Erscheinung traten. Sie waren in 
stiller, langdauernder Entwicklung entstanden. 
Sie waren schon da, als die Katastrophe von 
Jena eintrat und der alte absolute Staat mitsamt 
der kosmopolitischen Gesellschaft die ihn trug, 
zusammenbrach. Nun erst, als die führenden 
Stellen neu besetzt wurden, traten diese in der 
Stille erwachsenen Kräfte in den Vordergrund. 
Ich verstehe darunter vor allem das unter dem 
absoluten Regiment zwar politisch zurück¬ 
gehaltene, aber wirtschaftlich erstarkte Bürger¬ 
tum, das unter dem Einfluß der Ideen Kants, 
z. f. B. 1907/1908. 


Herders und Schillers die ersten dämmernden 
Begriffe einer Freiheit in höherem Sinne und 
eines nationalen Bewußtseins besaß. Ferner 
gehört hierher die tiefgehende Bewegung der 
deutschen Romantik, die, schon um 1790 ge¬ 
boren, zunächst in kindlichem Unverstand nach 
allerhand phantastischen und weit abliegenden 
Zielen gegriffen hatte, nunmehr aber aus ihrer 
philosophisch-lyrisch-tändelnden Epoche in ihr 
„heroisches Zeitalter“ eintrat, Gott und das 
Vaterland mit ganzer Seele suchend und fin¬ 
dend (Vergl. meine „Kursächsischen Streifzüge“ 
III, Seite 351 f.). Die ganze Poesie der Freiheits¬ 
kriege und die religiöse Erleuchtung jener 
idealen Zeit ist aus diesem Jungbrunnen des 
Deutschtums hervorgewachsen. 

Die romantische Bewegung findet ihre zahl¬ 
reichsten und hervorragendsten Träger unter 
dem deutschen Adel, der durch sie wieder die 
Führung der Nation in dem großen Helden¬ 
kampfe gegen Napoleon übernimmt. Er war 
dazu fähig trotz der höfischen Erniedrigung, der 
er zu gewissen Zeiten verfallen zu sein schien. 
Eine Periode der Regeneration läßt sich im 
mitteldeutschen Adel schon unter den Schrecken 
und Nöten des siebenjährigen Krieges und 
bald darnach beobachten. Auch während der 

7 











50 


Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 



Schloß Scharfenberg. 

Liederlichkeit und der Uberfeinerung des Ro¬ 
kokozeitalters hatte das alte Kraftgefühl im 
deutschen Adel vielfach mehr geschlummert, 
als daß es wirklich verschwunden gewesen 
wäre. Um 1770 und 1780 war in vielen dieser 
ritterlichen Heeren noch etwas von der Derb¬ 
heit eines Götz von Berlichingen oder Selbitz. 
Unter dem Einflüße der Verschuldung und 
Verarmung, die der siebenjährige Krieg hinter¬ 
lassen, und der Mannestaten andrerseits, die er 
hervorgerufen hatte, begann man auf den 
Schlössern wieder für die alte Ritterlichkeit, 
zugleich aber auch für die humanen Ideen des 
aufkommenden Klassizismus und für Rous- 
seausche Weltbeglückung durch Natur und 
Tugend zu schwärmen. So fand die fran¬ 
zösische Revolution gerade unter dem deutschen 
Adel viele, die für die Ideen der Freiheit und 
des Rechts sehr empfänglich und sich bewußt 
waren, daß sie ihre alten Vorrechte nur durch 
hohe sittliche und geistige Vorzüge behaupten 
könnten. Später, als der französische Jakobinis¬ 
mus seinen entsetzlich rohen Kern offenbart 
und statt der Freiheit den Völkern die Knecht¬ 
schaft gebracht hatte, sammelten sie sich mit 


denen, die nicht erst einen solchen Um¬ 
weg gemacht hatten, unter der Fahne der 
deutschen Romantik. 

Die Belege für diese regenerierenden 
Strömungen im Leben des deutschen 
Adels schlummern zumeist noch in den 
Archiven, besonders in den Briefen der 
alten Familien, die zu dem, der zu hören 
versteht, eine gar beredte Sprache reden. 
Andere Beweise dafür sind in den Selbst¬ 
zeugnissen enthalten, die einzelne deutsche 
Romantiker von ihrem Werdegange ge¬ 
geben haben. Allen voran steht die frisch 
und mit fast plastischer Kraft geschriebene 
Schilderung des Freiherrn Josef von Fichen¬ 
dorff: „Deutsches Adelsleben am Schlüße 
des XVIII. Jahrhunderts“, die, 1857 als 
erstes Kapitel seines Büchleins „Erlebtes“ 
aufgezeichnet, es wohl verdient, aus dem 
Staube der Vergessenheit wieder hervor¬ 
gezogen zu werden. Eichendorff unter¬ 
scheidet im Adel seiner Jugendjahre — 
er war 1781 geboren — drei sehr ver¬ 
schiedene I Iauptrichtungen. „Die zahl¬ 
reichste, gesündeste und bei weitem er¬ 
götzlichste Gruppe bildeten die von den 
großen Städten abgelegenen kleineren Guts¬ 
besitzer in ihrer fast insularischen Abgeschieden¬ 
heit, von der man sich heutzutage, wo Chaus¬ 
seen und Eisenbahnen Menschen und Länder 
zusammengerückt haben und zahllose Journale, 
wie Schmetterlinge, den Blütenstaub der Zivili¬ 
sation in alle Welt vertragen, kaum mehr eine 
deutliche Vorstellung machen kann“; die zweite 
waren die in französischer Gartenkunst und 
Gartenluft atmenden Prätentiösen; die dritte 
die „im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden 
Kavaliere“ extremster Lebensführung, die „zu¬ 
erst die schöne Pietät des von Generation zu 
Generation fortgeerbten Grundbesitzes unter¬ 
gruben, indem sie denselben in ihrer be¬ 
ständigen Geldnot durch verzweifelte Güter¬ 
spekulation zur gemeinen Ware machten. Und 
so legten sie unwillkürlich mit ihrem eigenen 
Erbe den Goldgrund zu der von ihnen höchst 
verachteten Geldaristokratie, die sie verschlang 
und ihre Trianons in Fabriken verwandelte.“ 
Uns interessiert hier, wo wir von den leben¬ 
digen Kräften der Nation reden, vor allem die 
erste, die zahlreichste Klasse, deren Leben 
und Treiben Eichendorff folgendermaßen 








Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers, 


51 


schildert: „Die Glücklichen hausten mit genüg¬ 
samem Behagen großenteils in ganz unansehn¬ 
lichen Häusern (unvermeidlich „Schlösser“ 
geheißen), die selbst in der reizendsten Gegend 
nicht etwa nach ästhetischem Bedürfnis schöner 
Fernsicht angelegt waren, sondern um aus allen 
Fenstern Ställe und Scheunen bequem über¬ 
schauen zu können. Denn ein guter Ökonom 
war das Ideal der Herren, der Ruf einer ,Kern¬ 
wirtin' der Stolz der Dame. Sie hatten weder 
Zeit noch Sinn für die Schönheit der Natur, 
sie waren selbst noch Naturprodukte. Das 
bißchen Poesie des Lebens war als nutzloser 
Luxus lediglich den jungen Töchtern überlassen, 
die denn auch nicht verfehlten, in den wenigen 
müßigen Stunden längst veraltete Arien und 
Sonaten auf einem schlechten Klaviere zu 
klimpern und den hinter dem Hause gelegenen 
Obst- und Gemüsegarten mit auserlesenen 
Blumenbeeten zu schmücken. Gleich mit Tages¬ 
anbruch entstand ein gewaltiges Rumoren in 
Haus und Hof, vor dem der erschrockene 
Fremde, um nicht etwa umgerannt zu 
werden, eilig in den Garten zu flüchten 
suchte. Da flogen überall die Türen 
lärmend auf und zu, da wurde unter 
Gezänk und vergeblichen Rufen gefegt, 
gemolken, gebuttert, die Schwalben, als 
ob sie bei der Wirtschaft mit beteiligt 
wären, kreuzten jubelnd über dem Gewirr, 
und durch die offenen Fenster schien die 
Morgensonne heiter durchs ganze Haus 
über die vergilbten Familienbilder und die 
Messingbeschläge der alten Möbel, die 
jetzt als Rokoko wieder für jung gelten 
würden. An schönen Sommernachmit¬ 
tagen aber kam häufig Besuch aus der 
Nachbarschaft. Nach geräuschvollen Emp¬ 
fangskomplimenten und höflichen Fragen 
nach dem ,werten Befinden' ließ man 
sich dann gewöhnlich in der desolaten 
Gartenlaube wieder, auf deren Schindel¬ 
dache der buntübermalte hölzerne Kupido 
bereits Pfeil und Bogen eingebüßt hatte. 

Hier wurde mit hergebrachten Späßen 
und Neckereien gegen die Damen zu Felde 
gezogen, wurde viel Kaffee getrunken, 
sehr viel Tabak verraucht und dabei von 
den Getreidepreisen, von dem zu er¬ 
hoffenden Erntewetter, von Prozessen und 
schweren Abgaben verhandelt, während 


die ungezogenen kleinen Schloßjunker auf den 
Kirschbäumen saßen und mit Kernen nach 
ihren gelangweilten Schwestern feuerten, die 
über den Gartenzaun ins Land schauten, ob 
nicht der Federbusch eines ins geheim er¬ 
warteten Reiteroffiziers der nahen Garnison 
aus dem fernen Grün emportauche. Dann 
und wann wurde diese idyllische Ländlichkeit 
durch halb eigensinnige, halb humoristische 
Originale in Aufregung versetzt, „die den stag¬ 
nierenden Strom des alltäglichen Philiste- 
riums mit großem Geräusch in Bewegung setz¬ 
ten, indem sie gleich wilden Hummeln, das 
konventionelle Spinnengewebe beständig durch¬ 
brachen. Unter ihnen sah man noch häufig 
bramabasierende Haudegen des siebenjährigen 
Krieges . .. Die furchtbarsten in diesem Genre 
aber waren die sogenannten ,Krippenreiter', 
ganz verarmte und verkommene Edelleute, die, 
wie die alten Schalksnarren, von Schloß zu 
Schloß ritten und, als Erholung von dem 



Schloß Scharfenberg. 







52 


Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 



Christine, Tochter des Kurfürsten Friedrich August II. 
(Königs August III.), Aebtissin von Remircmont 
(J. W. Hauwiller pinx. GroD-Sedlitz.) 


ewigen Einerlei, überall willkommen waren. 

Sie waren zugleich Urheber und Ziel¬ 
scheiben der tollsten Schwänke, Maske¬ 
raden und Mystifikationen, denn sie hatten, 
wie Fallstaff, die Gaben, nicht nur selbst 
witzig zu sein, sondern auch bei andern 
Witz zu erzeugen.“ Während die Präten¬ 
tiösen wegen ihrer außerordentlichen Lang¬ 
weiligkeit ziemlich isoliert standen, findet 
Eichendorff, daß die erste und die dritte 
Gruppe des Adels vielfach miteinander 
sympathisierten: „denn die unbefangenen 
Landjunker besaßen eben noch hinreichen¬ 
den Humor, um sich an dem Mutwillen 
und den tollen Luftsprüngen ihrer ex¬ 
tremen Standesgenossen zu ergötzen, 
während die letzteren beständig das Be¬ 
dürfnis immer neuer und frappanterer 
Amüsements verspürten und sich von dem 
ewigen Nektar nach derberer I lausmanns- 
kost sehnten, es bestand zwischen beiden 
ein stillschweigender Pakt wechselseitiger 
Erfrischung. In allen Klassen aber gab 
es noch Familien genug, die, gleichsam 
mit einem nationalen Instinkt, den alten 
Stammbaum frommer Zucht und Ehren¬ 
haftigkeit in den Stürmen und Staubwirbeln 
der neuen Überbildung, wenn auch nicht 
zu regenerieren, doch wacker aufrecht zu halten 
wußten, sowie einzelne merkwürdige und alle 
Standesschranken hoch überragende Charak¬ 
tere.“ Ein solches Paar habe ich vor kurzem 
(Kursächsische Streifzüge III, Seite 334L) in 
Ernst Haubold von Miltitz (7 1774) und seiner 
Gemahlin Henriette Luise, einer geborenen 
von Schönberg, einen jüngeren Edelmann dieser 
Art in dem Sohne des Paares, Dietrich von 
Miltitz (1769—1853), nach den Papieren des 
Miltitzschen Archivs in Siebeneichen geschildert. 
Das Gesamtbild des deutschen Adels aber, 
das Eichendorff entwirft, hat er selbst ohne 
Zweifel in seinen Jugendjahren mit seinen 
Augen gesehen; es ist die Sphäre, aus der 
er selbst (geb. 1781) hervorgewachsen ist. 
Aber auch Novalis (Friedrich von Hardenberg 
1782 —1801), Friedrich de la Motte Fouque 
U777—1842), Heinrich Graf von Löben (1786 
—1825) und der weniger bekannte Karl Borro- 
mäus von Miltitz , dem die folgenden Blätter 
gewidmet sind, sind aus solchen Verhältnissen 
hervorgegangen. Man versteht ohne weiteres, 


wie die blaue Blume der Romantik gerade 
in dieser halb derbrealistischen, halb sehnsuchts¬ 
voll idealistischen Welt erwachsen konnte, be¬ 
sonders als unter den Stürmen der französi¬ 
schen Revolution „die lang abgesperrte Wildnis 
hurtig von allen Seiten über die Buchswände 
und Scherbenbeete der alten Gärten hinein¬ 
kletterte.“ Unser Held hat später als wackerer 
Freiheitskämpfer (1813/14), als Komponist 
Fouquescher Lieder, als einer, der der deutschen 
romantischen Oper in Dresden die Bahn 
brechen half, als Dichter, Erzähler und Kritiker 
eine nicht unwichtige Rolle gespielt; er hat 
das halbverfallene Schloß Scharfenberg bei 
Meißen eine Zeitlang zur Herberge der Ro¬ 
mantik gemacht: Fouque, Apel, der Vater 
des Textes zu Webers „Freischütz“, der Maler 
Moritz Retzsch waren dort seine Gäste und 
waren mit ihm an der Arbeit, die Ideale der 
Romantik auf dem Gebiete der Dichtkunst, der 
Musik und der Malerei auszugestalten. Deshalb 
interessieren uns die von ihm im Alter (1842 in 
Pillnitz) aufgezeichneten Kindheitserinnerungen 










Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 


53 



als ein schlichteres Seitenstück zai Eichen¬ 
dorffs „Erlebtem“. Ich verdanke diese Auf¬ 
zeichnungen Karls von Miltitz wie so vielen 
anderen wichtigen Stoff zur Geschichte der 
Romantik der Güte seiner Tochter, des Frei¬ 
fräuleins Therese von Miltitz in Ostdorf-Schwe¬ 
rin. Ich gebe sie im folgenden mit einigen er¬ 
klärenden Anmerkungen und einigen den Text 
illustrierenden Bildern in geringer Verkürzung, 
übrigens aber ungeschminkt wieder: das Mond¬ 
licht der Romantik schimmert noch nicht über 
diesen Erlebnissen, sondern scheinbar herrscht 
in ihnen die größte Nüchternheit, aber gerade 
diese erweckte später in dem reichbegabten 
Knaben ihr Widerspiel. 

Ich bin am 9 November 1780 zu Dresden geboren. 
Meine Mutter Maria Theresia aus dem uralten Wild- 


und Rheingräflichen Geschlechte der Herren 
und Grafen von und zu Daun war in München 
geboren. Ihr Vater war französischer General¬ 
major, churbayerischer Generallieutnant, Kom¬ 
mandant der Residenzstadt München, Chef eines 
Infanterieregiments, Kriegspräsident, Großkreuz 
des St. Georgen-Ordens und dessen Ordens¬ 
kanzler, Liebling des damals regierenden Chur¬ 
fürsten von Bayern Maximilian Joseph. Ihre 
Mutter war eine Gräfin Königsfeld, ebenfalls 
aus München. Mein Vater, Friedrich Siegis- 
mund von Miltitz, damals Hofmarschall, starb 
als Oberhofmarschall des sächsischen Hofes, 
Großkreuz des bayrischen Hubertus-Ordens . . . 
Meine Mutter, früher Hofdame, zuletzt Kammer¬ 
fräulein am churbayerischen Hofe, zu ihrer Zeit 
eine bewunderte Schönheit, hatte viel natürlichen 
Verstand, ein treffliches Herz und hat sich an 
mir und meinen Geschwistern immer als eine 
zärtliche und sorgsame Mutter bewiesen. Sie 
mag 28 — 30 Jahre alt gewesen seyn, als sie 
meinen Vater, der damals sich, von Paris 
kommend, in München aufhielt und ohngefähr 
50 Jahre zählte, 1 nicht ohne Schwierigkeiten — 
denn sie war katholisch, mein Vater Protestant, 
— heirathete. Kaiser Joseph als junger Herr 
damals gerade in München, allem was wie Vor¬ 
urteil aussah, von Herzen gram, bewürkte durch 
seine Ansehung, daß der Clerus in die Trauung 
willigte. Doch mußte sie im Ehekontrakt ver¬ 
sprechen, Söhne und Töchter katholisch zu er- 
ziehn. Meinem Vater, der sich wenig um Con- 
fessionsverschiedenheiten kümmerte, noch we¬ 
niger daran dachte, ob dieser Umstand seinen 
Söhnen im protestantischen Sachsen nicht später einmal 
hinderlich sein könnte, willigte in Alles ein. Nächst der 
schönen Braut bekam er den Churpfalzbayrischen weißen 
Löwenorden, der erst unter der Regierung Königs Maxi¬ 
milianjosephs I. von Bayern gegen den hohen Hubertus¬ 
orden ausgetauscht wurde. Mein Vater war ein sehr 
großer, colossal gebauter Mann, von vornehmen An¬ 
stand. Seine große Gestalt war vollkommen regelmäßig, 
seine Züge edel. Stürmisch und leichtsinnig hatte er 
eine wilde Jugend verbracht, das väterliche Haus ver¬ 
lassen, um unters Militär zu gehen. Voll trefflicher 
Anlagen hatte er außer französisch sprechen und cor- 
rekt deutsch schreiben nichts gelernt. Dagegen besaß 
er alle ritterliche Fertigkeiten in hohem Grade, war 
als Schütz, Tänzer, Reuter und Fechter allgemein be¬ 
kannt und verband damit eine enorme Muskelkraft, 
von der ich später Beispiele erzählen werde. Er ward 
mit dem Leibgrenadierregiment, in welchem er stand, 
im siebenjährigen Kriege auf der sogenannten Eben¬ 
heit bey Pirna von den preussischen Truppen gefangen. 
Da er nicht weiter dienen wollte, so ging er auf sein 
Gut Rothwernsdorf bey Pirna und trieb Jagd und Land¬ 
wirtschaft. Leichtsinnig wie er war, geriet er in ein 


1 Diese Angabe ist irrig, wie überhaupt die chronologischen Angaben im folgenden nicht ganz zuverlässig sind. 
Friedrich Siegmund von Miltitz war 1735 geboren und heiratete in zweiter Ehe die Gräfin Daun am 27. April 1777 in 
München, stand also damals erst im 42. Jahre. 






54 


Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 



Schloß Scharfenberg. 


Trinkgelage junger Edelleute, von denen er nur zwey 
nannte, einen Herrn von Pistoris und einen Baron von 
Seiffertitz auf Ahlsdorf bey Großenhayn. Es mochte 
tapfer getrunken worden seyn, und mein Vater war 
nicht wenig verwundert, als er den Rausch aus¬ 
geschlafen hatte, in seiner Wohnung von Herrn von 
Pistoris aufgesucht zu werden, der ihm eine Schrift 
vorlegte, worin er auf sein Ehrenwort versprach, binnen 
ganz kurzer Zeit das Fräulein von Pistoris zu heurathen. 
Daß der Bruder mit dieser Schrift nicht aufs Beste 
empfangen wurde, kann man denken, da die Braut 
weder hübsch noch reich war. Man schlug sich — 
aber da keiner auf dem Platze blieb, so mußte sich 
mein Vater entschließen, sein Versprechen zu voll¬ 
ziehen. Er zog mit seiner Braut, die ein gutes, sanftes 
Geschöpf gewesen sein soll, nach Rothwemsdorf. 1 
Allein das häusliche Leben taugte noch nicht für ihn, 
und eines morgens war er weg, ohne daß man wußte 
wohin. Die arme Frau, in gesegneten Umständen, 
wandte sich, da ihr Mann weder von sich hören ließ, 
noch für ihren Unterhalt sorgte, an ihren Bruder. 
Man erfuhr endlich, daß er in Frankreich als Ober¬ 
stallmeister an dem Hofe der Prinzessin Christine von 
Sachsen 2 lebte. Wo und wie er mit dieser Fürstin be¬ 
kannt worden, habe ich nie erfahren, sowie er auch 
nie über dieses Verhältniß, welches aber ein äußerst 
vertrautes gewesen seyn soll, sprach und nur gelegent¬ 
lich von seinen Reisen mit der Prinzess nach Brumath 


und Remiremont Erwäh¬ 
nung that. Seine Frau, um 
die ersieh nicht kümmerte, 
war indes nach Pirna ge¬ 
zogen, wo sie nach man- 
cherley Leiden und Ent¬ 
behrungen starb. Sie hin¬ 
terließ eine Tochter (meine 
Stiefschwester Jeanette 
von Miltitz), die später im 
Altenburger Fräuleinstift 
erzogen, von meinerMutter 
ins 11 aus genommen wurde 
und den Oberforstmeister 
Ptlugk auf Ehrenhavn 
heurathetc. 

Seine Stellung am Hofe 
jener Fürstin hörte, glaube 
ich, durch ihren Tod auf. 
Indessen war ein Lehns¬ 
vetter, der alte Kammer¬ 
herr Carl Werner von 
Miltitz auf Schenkenberg 
und Petersrode bey De¬ 
litzsch unbeweibt gestorben. Mein Vater succedirte 
im Lehn und bekam so zu dem Gute Rothwernsdorf 
noch den schönen Besitz dieser beyden Güter. Ich 
glaube, daß ihn dieser Umstand vermochte, über 
München nach Sachsen zurückzukehren und von 
seinem Erbe Besitz zu nehmen. Er brachte nächst 
meiner Mutter meine älteste Schwester Marianne, die 
noch in München geboren war, mit und lebte hier 
zwischen Landwirtschaft und Jagd als Grandseigneur, 
worin ihn meine gute Mutter, die ebenfalls ganz auf 
großem Fuß erzogen war, bestärkte. Er hielt Reut- 
uncl Wagenpferde, hatte mehrere Bediente, Jäger usw. 
Ich glaube, daß die Ehe meiner Eltern eine glück¬ 
liche war. Er liebte Aufwand und Pracht, sie eben¬ 
falls. Sie gefiel in Dessau, wo sie oft waren, aber hielt 
sich immer in den strengsten Schranken, worüber 
mein Vater keinen Spaß verstanden hätte, obschon 
er meine Mutter überall mit sich nahm. Sie müssen 
wohl an zehn Jahre in Schenkenberg gelebt haben, 
obschon sie bisweilen einen Winter in Dresden zu¬ 
brachten, wo ich, wie ich schon erwähnt, geboren 
wurde. Mein Bruder Alexander, ein paar Jahre jünger 
als ich, ward in Dessau geboren und vom reformierten 
Superintenten Des Marees getauft. 

Von Schenkenberg aus machten meine Eltern — 
wie mir meine selige Mutter erzählt hat — öftere Be¬ 
suche im Lauchstädter Bade, w o sie an dem Geheimen 
Rate von Vieth und dessen Frau eine angenehme Be- 


1 Diese erste Ehe mit der sechs Jahre älteren Henriette Charlotte von Pistoris schloß Miltitz am 30. November 1758. 
Seine im folgenden erwähnte Entfernung aus Rothw'ernsdorf trug sich vor der Geburt des fünften Kindes zu. Die ersten 
vier Kinder dieser Ehe sind alle klein gestorben. 

2 Sie war 1735 als Tochter Friedrich Augusts II. (August III. von Polen) geboren und starb 1782 als Abtissin von 
Remiremont im Elsaß. Sie hatte in Frankreich durch den Einfluß ihrer Schwester, der Dauphine Marie Josepha, 1761 
eine königliche Pension erhalten; 1763 war sie zur Coadjutorin, 1773 zur Äbtissin von Remiremont erhoben worden. 
Sie war eine geistvolle, heiterem Lebensgenuß sehr geneigte Dame. Die von mir in den „Kursächsischen Streifzügen“ III, 
S. 257 erwähnte Szene trug sich übrigens nicht in Remiremont, sondern in München zu. 












Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers, 


55 



Karl Frhr. von Miltitz auf der Birsch. 

Nach einer Skizze von Moritz Retzsch aus dem Jahre 1811. 


kanntschaft fanden. Einst 
waren sie zusammen im 
Theater. 1 Plötzlicherscholl 
der Ruf: „Feuer!“, und 
schon qualmte der Rauch 
dicht vor der Bühne durch 
den herabgelassenen Vor¬ 
hang. Die zusammenge¬ 
drängte Menge verlor den 
Kopf. Man kletterte in 
die Logen, sprengte die 
Parterretüren. Mein Vater 
ohne Zaudern nahm auf 
den rechten Arm meine 
Mutter, auf den linken 
Frau von Vieth, sprengte 
mit einem Fußtritt die 
Logentür und brachte die 
Damen in Sicherheit. Er 
war, wie schon erwähnt, 
ein gewaltiger Pferdebän¬ 
diger. Einst gingen ein 
Paar neugekaufte Pferde, 
die er im leichten Jagd¬ 
wagen stehend einfuhr, 
mit ihm durch, in voller 
Carriere über die Brücke 
des Schloßteiches, in den 
Wirtschaftshof grade auf 
eine Scheune zu, von welcher nur ein Thorflügel zu war. 
Der noch offene Raum war viel zu schmal, um Wagen 
und Pferde durchzulassen, dazu reichte der Querbalken 
des geschlossnen Flügels quer über die Lücke und mußte 
nothwendig meinem Vater den Kopf zerschmettern, 
wenn er dagegen rannte. Er indeß seinem guten Glück 
und seiner enormen Stärke vertrauend warf Zügel und 
Peitsche weg, hielt beyde Flände dem Querbalken 
entgegen, den er im Nu umfaßte, als die Pferde drunter 
hindonnern wollten und — die Bestien standen. Ein 
andermal nahm ihn in Dessau auf der Hirschfütterung 
ein starker, böser Hirsch an. Unbewaffnet wie er war 
blieb ihm nichts übrig, als den Hirsch bey den Stangen 
zu fassen und mit dem Kopf so lang fest auf den 
Boden zu drücken, bis auf sein Rufen mehrere Jäger 
herbey kamen und mit Stangen und Prügeln das 
wütende Tier abtrieben. Noch in seinem 60. Jahre, wo 
er schon heftige Anfälle vom Podagra hatte, hob er 
mit einer Hand uns drey Brüder, von denen ich 14 Jahre, 
Alexander 12 und Fritz 8 alt war, indem er uns mit 
den Rücken zusammenstellte, mit seiner gewaltigen 


Faust, indem er einen Finger in den Bund unserer 
Beinkleider steckte, steifen Armes hoch in die Höhe. 
Er schoß mit seiner Lieblingsbüchse (von Sederström) 
immer mit einer Hand, indeß er mit der linken die 
Lorgnette hielt. Daß bey dieser Pleftigkeit und Stärke 
mancher Bediente, der sich eine impertinente Antwort 
erlaubte, die Treppe herabflog, war erklärlich, und ich 
erinnere mich als ein 15jähriger Jüngling eines langen, 
schmächtigen Bedientens Namens Kotte, der, als wir in 
Neukirchen 2 im Vorhause auf die Eltern zum Spazieren¬ 
gehen warteten, wie ein Ball die Treppe aus des Vaters 
Zimmer — er wohnte im ersten Stocke — herabge¬ 
flogen kam und neben uns respektvoll liegen blieb. 
Nie aber hat eins seiner Kinder einen Schlag von ihm 
bekommen, er mochte eben fürchten uns Arm und 
Bein zu brechen. Auch war es ganz unnöthig, da wir 
vor seinem Ruf und zornroten Gesicht in alle Winkel 
krochen. Bey guter Laune, die er meistens hatte, war 
er witzig und lustig auch mit uns. 

Ich war ein schwächliches Kind, und mein Vater, 
der in seinem Erstgeborenen einen Riesen erwartete, 


1 Das Leben in Lauchstädt am Ende des XVIII. Jahrhunderts schildert Eichendorff, der um diese Zeit Hallescher 
Student war: „Die Komödienzettel kamen des Morgens schon, gleich Götterboten, nach Halle hinüber und wurden, wie 
später etwa die politischen Zeitungen und Kriegsbulletins, beim ,Kuchenprofessor“ eifrigst studiert. War nun eines jener 
literarischen Meteore oder ein Stück von Goethe oder Schiller angekündigt, so begann sofort eine wahre Völkerwanderung 
zu Pferde, zu Fuß oder in einspännigen Kabrioletts, nicht selten einer großen Retirade mit lahmen Gäulen und um¬ 
geworfenen Wägen vergleichbar; niemand wollte Zurückbleiben, die Reicheren griffen den Unbemittelten mit Entree und 
sonstiger Ausrüstung willig unter die Arme, denn die Sache wurde ganz richtig als eine Nationalangelegenheit betrachtet. 
In Lauchstädt selbst aber konnte man, wenn es sich glücklich fügte, Goethe und Schiller oft leibhaftig erblicken, als ob 
die olympischen Götter wieder unter den Sterblichen umherwandelten.“ 

2 Bei Deutschenbora unweit der Bahnlinie Meißen-Nossen gelegen; dieses Gut erbte später unser Karl von Miltitz 












Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 


56 


sah bald, daß ich kein solcher zu werden versprach 
und nahm daher keine Notiz von mir. Ich blieb der 
sanften Pflege meiner Mutter und einer gewissen 
Mimi Stark, die als Gesellschafterin bei ihr war, über¬ 
lassen. Als Probe meines Gedächtnisses und meiner 
stillen Beobachtung und mancher Anlagen sey hier er¬ 
wähnt, daß ich mich, obgleich ich erst 4 Jahre alt war, 
ganz lebhaft des schönen schlanken Mädchens Julie 
Stark erinnere, die mich oft schaukelte, küßte und in 
einem dunkelblauseidnen Kleide mit dem Major von 
Thümmel, der in Delitzsch garnisonierte, getraut ward. 
Ich war nicht glücklicher, als wenn mich die Wärterin 
im Abendroth auf die steinerne Brücke trug, die zum 
Schloß führte. Ich soll 
dann gewaltig gesticuliert 
und nach der goldnen 
Sonne gelangt haben. 

Mein Entzücken war aber 
gränzenlos, wenn ein 
Knecht — er hieß May — 

Abends Schalmey blies. 

Dann ruhte ich nicht, bis 
man mich zu dem Vir¬ 
tuosen hintrug. Diese Lieb- 
haberey an der Music 
und diese Verehrung für 
Musiker hat sich immer 
mehr entwickelt und mir 
in den Knabenjahren man¬ 
chen bittern Verweis zuge¬ 
zogen, indem ich auf Kin¬ 
derbällen oder wo ich sonst 
an Musiker heran kam, 
sie herzlich liebkoste und 
wo möglich unter den 
Tisch kroch und dort ent¬ 
zückt der Music zuhörte. 

Eine Liebhaberey, die 
mein Vater, obgleich er 
gern Music hörte, doch 
einemEdelmann für höchst 
unanständig hielt, da ein 
solcher nicht zum Musi- 
canten bestimmt sey! Er 
hatte nach seiner Ansicht nicht Unrecht, wäre er nur 
später in der Wahl eines Berufes für mich mit mehr 
Umsicht verfahren! 

War es meinen Eltern um die Erziehung von uns 
drey Kindern, Marianne, ich und Alexander zu tun oder 
wurde ihnen die Einsamkeit des Landlebens, da sie 
früher beyde in der großen glänzenden Welt gelebt 
hatten, lästig, oder endlich bewogen sie finanzielle Rück¬ 
sichten, sich die Einkünfte einer Hofstelle zu verschaffen 
— genug, meine Mutter wandte sich an den damals 
viel geltenden und wrackeren P. Herz, Beichtvater des 
Kurfürsten, und bat ihn durch seinen Einfluß meinem 
Vater die eben offne Stelle eines Hofmarschalls zu 


verschaffen. Die Antwort des P. Herz befindet sich 
noch unter meinen Papieren. Er schrieb, er wurde 
sich gern und nach Kräften verwenden, allein man 
möge seinem beschränkten Einflüsse nicht zuviel Zu¬ 
trauen, auch gebe es mehrere Mitbewerber. Indeß 
hatte der geistliche Herr mit seinem angeblich geringen 
Credit so gut vorgearbeitet, daß nach einigen Monaten 
mein Vater die Stelle erhielt, worauf denn bald nach¬ 
her der L T mzug nach Dresden erfolgte. Mich den 
4 — 5 jährigen Knaben beschäftigten zumal die vielen 
Pferde, die zum Fortbringen der Effekten vor die 
schwer beladenen Wagen angespannt wurden. Ganz 
erinnerlich sind mir ein paar Schimmel mit gewaltig 

breiten Nasenriemen, wie 
sie die Fuhrleute haben. 
I )er Umzug geschah wahr¬ 
scheinlich im Herbste bei 
nasser Witterung, wo da¬ 
mals die Wege in Sachsen 
noch grundlos waren. Ich 
besinne mich wenigstens 
an einer der bösesten 
Stellen im Keilbusch hinter 
Meißen mit großem Ver¬ 
gnügen zugesehen zu ha¬ 
ben , w ic die Räder des 
Wagens im tiefen Wasser 
und Kot arbeiteten. Das 
Umgehn der Räder hatte 
überhaupt für mich viel 
Anziehendes, obgleich ich 
den Lärm der Mühlen 
fürchtete. Ich muß in 
diesen frühen Jahren sehr 
nervös gewesen seyn.denn 
ein oft wiederkehrender 
und mich immer sehr äng¬ 
stigender Traum war, daß 
sich ein ungeheures Meer, 
dessen kleine Wellen 
schw'arze Hände hatten, 
um mich herum bewegte. 

Mit Schenkenberg ver¬ 
ließ ich werte Freunde: 
Stips, Mufli, Prinz, Diane — lauter schöne Jagdhunde 
meines Vaters. Schenkenberg wurde verkauft und ich 
habe es nie wieder gesehen. 

Meine erste Erinnerung von Dresden, mich däucht, 
es müsse aus dem Jahre 1 786 1 seyn, war, daß wir in 
dem großen Thielman’schen Hause in Neustadt wohnten, 
worin die Gardecaserne ist. Ich bekam einen Hof¬ 
meister, Michael Tzschappe. Ich seh ihn noch. Er 
hatte angenehme, obschon nicht eben sanfte Züge, 
schwarze blitzende Augen, eine blühende Gesichtsfarbe. 
Er trat gerade am Weihnachtstage seine Stelle an. 
Ich hatte unter andern Spielsachen, einem Schaukel¬ 
pferd, Stadtwagen usw. auch einen großen sogenannten 



Friedrich Sigismund von Miltitz. 

Nach dem Ölgemälde eines unbekannten Meisters (im Besitze 
Sr. Exzellenz des Obermarschalls Grafen von Vitzthum). 


1 In der Tat erscheint Friedrich Siegmund Miltitz im „Churfürstlich Sächsischen Hof und Staats-Calender“ von 
1786 zuerst als Hofmarschall, aber schon 1787 als „Ober-Sckenke“ und seit 1S04 als „Erster Hof-Marschall“ mit dem 
Titel Exzellenz. 











5 7 


Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 


Knecht Rupprecht bekommen, ganz in Pelz gehüllt, 
mit vergoldeten Äpfeln und Nüssen behängen, eine 
Flittergoldkrone auf dem Kopfe und eine gewaltige 
Ruthe in der Hand. Ich weiß nicht, was meinem fünf¬ 
jährigen Kopfe den klugen Einfall gab, die Ruthe los¬ 
zubinden und sie Herrn Tzschappe mit der Äußerung 
zu präsentieren „wenn er sie vielleicht einmal brauchen 
sollte . . Dieser Akt von Unterwürfigkeit verfehlte 
seine Wirkung nicht. Mein Hofmeister küßte mich 
und sagte mir, er hoffe die Ruthe nie zu brauchen. Und 
in der That, in den drey Jahren, daß er bey mir war, 
habe ich nie einen Schlag von ihm bekommen. 

Er bemerkte bald mein außerordentliches Gedächt- 
niß und bildete dies aus. Alle Haupt- und merk¬ 
würdigen Städte in Europa, alle Flüsse und Gebürge 
wußte ich bald auf dem Finger herzusagen, sowie eine 
Menge Fabeln und Gedichte. Das Beste war dabey, 
daß ich nie vergaß, was ich einmal gelernt hatte, und 
so wurde ich bald ein kleines Musterbild für alle Be¬ 
kannte meines Alters, wozu meine weiche und sanfte 
Gemüthsart, die nur eines Winkes bedurfte und von der 
ich freylich kein Verdienst hatte, nicht wenig beytrug. 
Dem wackern Tzschappe folgt ein Herr Fritzsch. 
Welch ein Unterschied! Er war hart und heftig und 
schlug mich bey jeder Gelegenheit. Indeß erkannte er 
mein musicalisches Talent, das mein guter, sanfter 
Clavierlehrer Walther mit großer Liebe gepflegt hatte, 
und da er ein guter Flötenspieler war, so mußte ich 
ihn oft accompagniren. 

Ich war damals noch sehr schwächlich, und da 
meine Eltern auf einige Monate nach München reisen 
wollten, so rieth der Arzt, mich zur Stärkung meiner 
Gesundheit mitzunehmen. Welch eine schöne Zeit ging 
mir da auf! Das Fahren durch schöne Wälder, die 
gelb und schwarzen Postillione im Reich, die fremde 
Mundart, alles das entzückte mich. 

In München stieg mein Entzücken, da ich als ein 
artiger und wohlgezogner sanfter Knabe bald des guten 
Großvaters Daun erklärter Liebling ward, der mir alles 
zu Liebe that, was er konnte. Nur eins — der zweite 
Sohn meiner Tante Hegnenberg, Ignaz oder Nazel, 
wie er gewöhnlich genannt wurde, war als Maltheser- 
ritter eingeschrieben und trug daher die rot- und 
schwarze Ordensuniform, natürlich im Schnitt der da¬ 
maligen Kinderkleidung. Dies erregte meine ganze 
Sehnsucht; ich bat meine Mutter, ich bat den Gro߬ 
vater, mir auch ein solches rothes Röckchen machen 
zu lassen und war sehr betrübt, als man mir erklärte, 
daß niemand, der nicht im Orden eingeschrieben sey, 
die Uniform tragen dürfe. Allein der gute Großvater 
wußte Rath. Wir aßen täglich mittags und abends auf 
seinem Garten vor der Stadt, wohin wir mit seinen 
sechs prächtigen Rappen (er war Oberstallmeister) 
fuhren. Eines Mittags kurz vor dem Diner ließ mich 
der Großvater durch Anderl, seinen Läufer und Favorit¬ 
bedienten, einen äußerst hübschen Menschen, der ihm 
einst das Leben gerettet und der mir wegen seiner 
freundlichen Gemütsart und der prächtigen Livrei, gelb, 
und rot mit Silber auf allen Näthen, gar sehr gefiel, in 
sein Cabinet rufen. Vergebens bestürmte ich Freund 
Anderl mit Fragen, und schon fing ich an zu be- 
Z. f. B. 1907/1908. 


fürchten, daß ich irgend eines dummen Streiches 
wegen, den ich bisweilen doch im Garten gegen die 
schönen grünen Blumenstäbe mit vergoldeten Knöpfen 
ausübte, — die ich aus den Beeten zog um sie als 
Läuferstäbe, wie Anderl, wenn er vor unserm Wagen 
mit dem silberbeschlagnen Stock oder Abends mit der 
Fackel lief, zu gebrauchen —, Strafe erhalten sollte. 
Schweigend trat ich mit Anderl ins Kabinet, schweigend 
empfing mich der sonst so freundliche Greis. Auf 
seinen Wink fing Anderl an, mich auszukleiden, was 
mir schon bedenklich schien. Jäckchen und Weste 
ließ ich mir geduldig ausziehn, als ich nun aber das 
letzte und unentbehrlichste Kleidungsstück hergeben 
sollte, schien mir die Gefahr drohend, ich wurde blut¬ 
rot, und die Thränen traten mir in die Augen. Länger 
konnte der Großvater den Ernst nicht beybehalten. Er 
brach in Lachen aus und frug mich, ob ich fürchte 
die Ruthe zu bekommen. Mir war nicht lächerlich zu 
Muthe. „Na“, sagte der Großvater, „gieb nur deine 
Hosen her, ich werde dich nicht ohne Hosen laufen 
lassen.“ Anfangs hatte ich den Besitz hartnäckig ver- 
theidigt, als aber Anderl jetzt aus einem Pakete ein 
paar prächtige rote dergleichen herausnahm und mir 
anlegte, worauf eine rote Weste mit Perlmutterknöpfen 
und endlich gar ein rotes Jäckchen mit blauen Klappen¬ 
kragen und Aufschlägen folgte, so ging meine kindische 
Furcht in eben so kindisches Entzücken über. Ich 
sprang auf des Großvaters Schoos und liebkoste und 
dankte ihm aufs herzlichste, was ihm viel Freude 
machte. Sein Stolz war, wenn bey zahlreichen Mittags¬ 
tafeln, wo ich immer neben meiner Mutter saß, er 
mein gutes Gedächtniß producieren konnte. Ich mußte 
dann mehrere Gedichte und Fabeln her«sagen», wobey 
mir nie ein Wort fehlte. Da ich gelehrt war, sehr 
rein deutsch zu sprechen, so war ein Knabe, der in 
hochdeutscher Mundart ohne Anstoß sehr lange Ge¬ 
dichte mit richtigem Akzente hersagen konnte, für die 
guten Bayern der damaligen Zeit ein kleines Wunder¬ 
thier. Ich ward mit Lob und Bewunderung über¬ 
schüttet, und mein guter Großvater triumphierte. Vor¬ 
züglich war das ziemlich lange Gedicht „Johann der 
Seifensieder“ sein Liebling. 

Natürlich besuchte meine Mutter ihre Schwester, 
die Gräfin Hegnenberg, sowohl in München als auch 
auf dem Lande auf der prächtigen Herrschaft Hegnen¬ 
berg an der schwäbischen Gränze. Hier ging nun für 
mich und meine rege Phantasie ein neues Leben auf. 
Es hatte mir bald geglückt, durch meine Heiterkeit und 
Wohlgezogenheit nicht nur die sanfte Tante, sondern 
auch den ernsten Onkel Hegnenberg, durch mein 
herrliches Gedächtniß den Hauslehrer Herrn Triboulet 
und die Gouvernante Mademoiselle Betin zu gewinnen. 
Mit Kousine Walperl (Walpurga) und Vetter Nazel 
war ich ein Herz und eine Seele. Der Hauskaplan, 
der Oberjäger, genug jedermann wollte dem freund¬ 
lichen Graf Carl, wie ich dort hieß, wohl und schlug 
ihm nicht leicht etwas ab. Das Landleben eines solchen 
reichen b.ayersehen Dynasten kannte ich noch nicht, und 
der Aus- und Einzug zur Hirschjagd, zu deren Anfang 
wir gerade in Hegnenberg waren, erfüllte mich mit 
Entzücken, zumal wenn wir Kinder mitfuhren. Dann 

8 





58 


Schmidt, Aus den Jugendjahren eines Romantikers. 


fuhr früh ein niedriger, vierspänniger Jagdwagen vor, 
auf dem meine Mutter und die Tante, ich, Nazel, Wal¬ 
derl und Marianne Platz fanden, während mein Vater, 
Onkel Hegnenberg und Max, der älteste Sohn (er ritt 
einen Falben) in Jagdkleidung mit goldnen Kuppeln 
und Hirschfängern zu Pferde, vom Oberjäger geführt, 
von Unterjägern und Reitknechten gefolgt, voraus¬ 
sprengten. Die Frauen und Kinder blieben während 
der Jagd in Antonslust, einem reizend mitten im Walde 
gelegnen Jagdhause. Dort war ich glücklich. Wenn 
ich müde war vom Spielen, so legte ich mich an ein 
kleines ganz dicht am Hause gelegenes Wasserstück 
und konnte dort, in kindische Träume versunken, den 
blauen Himmel, der sich im blauen Wasser abspiegelte, 
betrachten. Abends fuhren wir dann zurück. Auf dem 
Schloßhofe waren Fichtenzweige gestreut, worauf die 
Jagdbeute niedergelegt wurde. Franz, der Unterjäger, 
hatte das Geschäft, das Wildprett aufzubrechen, und 
ich verfehlte nie dabey zu sein. Ebenso unterhielt ich 
mich trefflich, wenn wir Kinder des Nachmittags mit 
dem Hauslehrer und der Gouvernante nach dem Dorf 
Steinsdorf, das Kirchdorf von Hegnenberg, zu dem 
dortigen Pfarrer P. Laurentius gingen. Er hatte einen 
schönen Garten mit einer Wasserkunst, wo wir Kinder 
nach Herzenslust spielten, das heißt manschten, und 
ich manchmal tüchtig naß nach Hause kam. ln der 
Nähe der Dorfkirche war der Kirchhof, von prächtigen 
Linden überschattet. Das Sonnenlicht unter den grünen 
Bäumen, die glänzenden Grabsteine zogen mich sehr 
an. Ich ging jedesmal allein dahin, weil die andern 
nicht mit wollten, und plauderte mit dem Todtengräber, 
der, wie ich später erfuhr ganz verwundert war. wie 
der kleine fremde Graf erbaulich über Tod und Sterben 
gesprochen habe. Natürlich, ich hatte zu Haus über 
dergleichen Gegenstände sprechen hören, aufmerksam 
wie ich war, entging mir nichts, und so konnte ich hier 
meine wohlfeile Weisheit anbringen. Schloß Hegnen- 
berg mit seinen stattlichen Thürmen, seinem Wappen¬ 
zimmer, auf dessen Wänden der Stammbaum der 
Hegnenberge, die den Beinamen Dux führten, gemalt 
war, zog mich sehr an und ich ließ mir ihn oft von dem 
freundlichen Hauskaplan P. Franz erklären. 

Wir kehrten nach München zurück, wo ich vom 
Fürstbischof von Freysingen gefirmt ward und vom 
Churfürsten Karl Theodor, der mein Pathe war, durch 
den Kammerherrn Kebeljow eine goldne Uhr mit 
goldner Kette zugestellt bekam — wofür ich freilich 
noch keinen Sinn hatte. Auch die verwittwete Chur¬ 
fürstin, geborne Prinzeß von Sachsen, bey der meine 
Mutter Hofdame gewesen, schenkte mir eine schöne 
Uhr, die ich noch lange nachher getragen habe. Da 
der Großvater im Theater eine Loge im ersten Rang 
hatte, so ward ich täglich ins Theater geführt. Mein 
Logennachbar war ein dicker Graf Kehrbach, der mich 
sehr lieb gewann und mich immer in seine Loge her¬ 
über nahm. Ich besinne mich auf die Tragödie „Julius 
Cäsar“, wo mich Cäsars „auch du, Brutus!“ sehr frap¬ 
pierte, nächstdem aber Cassius, dem alle Augenblicke 
der Dolch aus dem Gürtel fiel. Nächstdem gefiel mir 
sehr „Der Bettelstudent“, worin Huck, der treffliche 
Comiker spielte, und ein prächtig montiertes Ballet: 


„Die Engländer in America“, worin die blauen Eng¬ 
länder die bunt gekleideten Indianer aus ihren 
glänzenden Flinten wie die Fliegen todt schossen. In¬ 
dessen war der Urlaub des Vaters zu Ende gegangen, 
und wir mußten nach achtwöchentlicher Abwesenheit 
nach Dresden zurück. Ich nahm von dem Spring¬ 
brunnen im sogenannten Irrgarten, von der Grotte mit 
Versteinerungen, an der ich manchesStück abgebrochen, 
Abschied. Am Abend gab uns der Großvater noch 
eine Musik während der Tafel von seinem Regimente, 
die mir außerordentlich gefiel. Am nächsten Morgen 
ging es fort. Ich habe den guten Großvater nicht 
wieder gesehen. 

Die wichtigste Veränderung in meinem Knaben¬ 
leben war, daß bald nach meiner Rückkehr mein bis¬ 
heriger Hofmeister Fritzsch eine Anstellung erhielt. 
Ich sah ihn mit Gleichgültigkeit davon gehen. Er 
hatte mich nicht verstanden, und ich war auch in den 
Kenntnissen meines Alters, die Music abgerechnet, 
nicht sehr vorwärts gekommen. Ihn ersetzte Gebhard, 
der 1838 als Oberkämmereisekretär starb. Er war 
ganz das Gegenbild seines Vorgängers, sanft, freundlich, 
ein Kinderfreund. Ich war ihm innig zugethan und 
machte bedeutende Fortschritte unter ihm, wohin auch 
der Anfang im Latein gehörte . . . Leider blieb er nur 
ein Jahr in unserm Hause, weil er wegen seiner Ge¬ 
wandtheit im Italienischen Privatsekretär des Grafen 
Marcolini wurde. Ihm folgte Haberfeld, zuletzt Super¬ 
intendent zu Ekkardtsberga. Wieder eine äußerst 
glückliche Wahl. Haberfeldt war ein gelehrter Philo- 
log und ein wohlwollender, freundlicher Charakter. Er 
kam sehr gut mit mir und meinem Bruder Alexander 
aus und wir fühlten uns sehr glücklich unter ihm. Wir 
machten gute Fortschritte im Latein, Geschichte und 
Geographie. Auch Mythologie wußte er auf eine uns 
faßliche und sehr angenehme Weise uns beyzubringen. 
Wir gingen mehrere Sommer hintereinander nach 
Scharffenberg, und da er ein Freund der Natur¬ 
geschichte war, so sammelten wir Schmetterlinge und 
Käfer mit großem Eifer . . . Mein Hofmeister war ein 
tüchtiger Gelehrter und daneben auch Dichter — bis¬ 
weilen gar nicht unglücklich. War es der Enthusiasmus, 
mit dem er vom Dichtungsvermögen oft sprach, oder 
regte sich ein ähnlicher Funke in mir — genug, ich 
versuchte — schüchtern wie ein junger Vogel — nicht 
zu dichten, sondern zu reimen und zeigte meinem 
Lehrer diese unreifen Produktionen. Wichtiger waren 
die guten Fortschritte, die ich unter dem wackem 
Haberfeldt im Lernen machte und die immer eigen- 
thümlichere Ausbildung meines Charakters. Es ent¬ 
wickelte sich neben einer leidenschaftlichen Vorliebe 
für die Natur auch eine vorherrschende Neigung zur 
stillen, süßen Schwermut und eine romantische Stim¬ 
mung, die mich beym Anblick recht brennender schöner 
Farben wie blau, grün und rubinrot mit einem magischen 
Entzücken erfüllte, das ich schlechterdings nicht zu er¬ 
klären vermochte. Die Geschichte der Kaiserwahl 
Leopolds II., die in meine Jugend fiel (1790) und die 
uns Haberfeldt aus einer damals erschienenen Druck¬ 
schrift mit allen möglichen Particularitäten über die 
Tracht des Kaisers und der Kurfürsten, über die Reichs- 




von Schleinitz, William Morris. 


59 


kleinodien und dergleichen vorlas, ward von mir mit 
Heißhunger verschlungen. Mein gutes Gedächtnis 
machte mir alle Lehrstunden leicht, meine eigentüm¬ 
liche Sanftmut mich allen Leuten lieb, und so lebte 
ich glückliche Tage. Ich war zwölf Jahr alt, als Haber- 
feldt Pfarrer auf dem Gute meines Vaters, Neukirchen, 
ward. Im succedierte M. Fiedler, und mit ihm ging 
eine andre Periode meines Lebens an. Auch er war 
ein gelehrter Theolog, dabey schöner Geist, und bis auf 
gewisse Schwächen, die ich erst später verstehn und 
würdigen lernte, ein guter, freundlicher Mann von etwa 
26 Jahren. Er bemerkte bald meine Fähigkeiten, ge¬ 
wann mich sehr lieb, fand aber, daß es nun auch Zeit 
sey, aus den Kinderschuhen herauszutreten und ein ge¬ 
setzteres Betragen anzunehmen. Seine bedeutend 
größeren Ansprüche an meine geistigen Fähigkeiten 
vermochte ich ohne zu große Mühe zu befriedigen, 
allein ich sollte einen Teil meiner kindlichen Neigungen 
aufgeben,meinen Peitschenvorrathausgehen lassen und 
dergleichen. Das fiel mir sehr schwer, kostete mir 
manche Thräne, und meine heimlichen Übertretungen 
zogen mir manche Strafe zu. Indeß hatte der Mann 
recht. Da er dabey Freund von allerley Sammlungen 
war, eine schöne Schmetterlingssammlung mit uns zu¬ 
sammenbrachte, eine Wappensammlung anlegte und 
mich überhaupt sehr gut behandelte, so unterwarf ich 
mich einem Zwange, dessen Vernunftgemäßes ich ein¬ 
sah und ward bald sein erklärter Liebling. Indeß war 


er keineswegs zu nachsichtig und drang mit Ernst auf 
fleißiges und gutes Arbeiten, Ablegen eines gewissen 
läppischen Wesens, das mir noch anhing, und auf 
Genauigkeit und Ordnungsliebe, die mir sehr abging . .. 
Es hieß, ich sollte studieren und mit 16 Jahren auf die 
Universität gehen. Es war also nicht viel Zeit zu ver¬ 
lieren und Latein, Griechisch, Geschichte, Geographie, 
Logic, Französisch und Italiänisch wurden mit Eifer 
getrieben. Dazu kamen Tanz-Reut- und Fechtstunden, 
sodaß ich die ganze Woche beschäftigt war. Aber 
auch die Poesie blieb nicht liegen. Fiedler hatte kleine 
Gedichte, die weit reifer als die früheren waren, ge¬ 
sehen und lobte sie, indem es ihm nur leid tat, daß ich 
sie ihm aus falscher Scham verheimlichte. In der 
Music machte ich so große Fortschritte, daß ich 
mehreremal im damaligen Dilettantenconzert als ein 
für meine Jahre fertiger Clavierspieler auftreten konnte. 
Auch Flöte ließ man mich auf mein Bitten lehren. 
Der melancholische Ton der Clarinette zog mich mehr 
zu dieser, aber mein Vater, der meine Musikanten- 
liebhaberey nicht vergessen hatte, schlug es rund ab, 
weil Flöte das einzige Blasinstrument sey, was ein Edel- 
man treiben könne. Wichtiger war der Eindruck, den 
die erste Aufführung von Mozarts Zauberflöte auf mich 
machte. Hier fand ich jene geheimnisvolle Romantik, 
die den Grundton meines ganzen Wesens machte, in 
himmlischen Melodieen und Harmonien ausgesprochen 
und schwelgte in Entzücken. 




William Morris. 

Sein Leben und Wirken. 

Von 

Professor Otto von Schleinitz in London. 

II. 


o sonderbar es klingen mag, den Namen 
Hogarth mit den Präraffaeliten und 
namentlich mit Morris in Verbindung 
zu bringen, so muß dies doch aus doppelten 
Rücksichten geschehen. Zunächst wird Morris 
Mitglied des im Jahre 1858 gegründeten Hogarth- 
Clubs, und dieser Umstand gibt mittelbar für 
Morris die Veranlassung, eine neue Gesellschaft 
zur „Erhaltung alter Baulichkeiten“ ins Leben zu 
rufen. Zu dem Hogarth-Club gehörten näm¬ 
lich Männer wie Burne-Jones, Madox Brown, 
Hughes, Holman Hunt, Leighton, die beiden 
Lushingtons, Martineau, Bell Scott, Street, 
Ruskin, beide Rossettis, Stephen, Stanhope, 


Swinburne, Birket Foster, Woolner, Watts, 
Webb, ValPrinsep und andere. Für Morris blieb 
die Berührung mit Personen solcher Bedeutung 
von unschätzbarem Werte, da ihm hierdurch 
mancher Auftrag zuteil wurde. So erhielten z. B. 
Morris und Burne-Jones mehrere lohnenden 
Arbeiten durch Webb, den ersten Assistenten 
des seiner Zeit maßgebenden Architekten Street, 
dem die Restaurierung vieler gotischen Kirchen 
oblag. 

Im Hogarth-Club, wo diese einflußreichen 
Bekannten zusammenkamen, gelang es Morris 
leicht, sich über alle einschläglichen Fragen zu 
orientieren. In gewissem Sinne ist Hogarth 











von Schleinitz, William Morris. 



tatsächlich der Begründer der modernen Malerei. Als satirischer 
Darsteller des englischen kleinbürgerlichen Lebens und als Vater 
der Karikatur besteht sein Einfluß noch heute. In Würde und 
Komposition, ebenso in Anmut und Erhabenheit ist Hogarth 
von manchen seiner Nachfolger hinsichtlich der Veranschau¬ 
lichung praktischer Moral in den Schatten gestellt worden, 
nicht aber in dem Ausdruck der Wahrheit, des Verstandes und 
Witzes. Obgleich die Wiedergabe der Gestalten in Hogarths 
Werken oft außerhalb der Kunst liegt, so enthalten seine Ent¬ 
würfe doch soviel Größe des Gedankens, soviel l iefe in der 
Charakteristik der Zeit, des Landes und der Individuen, daß 
in ihnen ein ganz bedeutendes Stück Kulturgeschichte sich 
abspiegelt. In seinem Werke „Die zeitgenössische englische 
Malerei“ faßt Robert de la Sizeranne sein mit viel Geist abge¬ 
gebenes Urteil über die englische Malerei dahin zusammen: 
„Das anekdotische Bilderrätsel Hogarths von der einen, das 
psychologische Burne-Jones’ von der andern Seite — zwischen 
diesen beiden Polen schwankt die ganze englische Malerei.“ 
Während in Red Lion Square emsige Tätigkeit aller Art in 
den Werkstätten herrschte, hatte sich Morris durch den Archi¬ 
tekten und ehemaligen Studiengenossen in Oxford, Mr. Philip 
Webb, ein Privathaus, wegen seiner roten Ziegel „The Red 
House“ genannt, erbauen lassen, das etwa zehn englische 
Meilen von London und drei von der nächsten Bahnstation ent¬ 
fernt, nahe dem kleinen Dorfe Upton in der Bexley-Heide liegt. 
Die in Abbildung 3 nach einer Federzeichnung von E. H. New 
wiedergegebene Ansicht des Baues zeigt den von Morris ent¬ 
worfenen eigenartigen Brunnen im Vordergründe; auf der höch¬ 
sten Spitze der Giebelkrönung befindet sich die Jahreszahl 1859. 
Gegen Ende des Sommers 1860 wurde das neue Künstlerheim 
bezogen. Rossetti hat in einem 1857 begonnenen und 1860 
vollendeten Werke dadurch Miß Bürden, Morris’ Gattin, verewigt, 
daß er der Hauptfigur in dem Bilde, der Jungfrau Maria, ihre 
Züge gab. Dieses Gemälde, eines der besten von seiner Hand, 





Abb. 14. Rankenornament auf schwarzem Grunde von William Morris. 

(Nach A. Vallance „The Art of William Morris“. Verlag von George Bell & Sons in London.) 






















von Schleinitz, William Morris. 


61 



Abb. 15. Das Druckerzeichen der Keimscott Press. 


bildet das dreiteilige Altarblatt in der 
Kathedrale von Llandlaf. In dem¬ 
selben Jahre verheiraten sich Morris’ 
intimste Freunde und seine dem- 
nächstigen Associes: Rossetti läßt 
sich mit seiner Miß Siddal trauen, 
und Burne-Jones vermählt sich mit 
Georgina Macdonald. Verwandt¬ 
schaftliche Beziehungen besonders 
ausgezeichneter Art entstehen für 
ihn durch diese Ehe. 

Die eine seiner Schwägerinnen ist 
die Gattin von Sir E. Poynter, dem 
jetzigen Präsidenten der Akademie, 
sowie ehemaligen Direktor der alten 
und neuen Gemäldegalerie. Die andere Schwester 
der Lady Burne-Jones ist die Mutter von 
Rudyard Kippling, den zurzeit viele Eng¬ 
länder als den „ersten Dichter nach Shake¬ 
speare“ anerkannt wissen wollen, nachdem 
diese Ehre zuvor — meiner Ansicht nach zu 
Unrecht — Tennyson zugewiesen worden war. 
Tennyson, dem für einzelne seiner Arbeiten 
1 Pfund Sterling pro Wort als Honorar ge¬ 
zahlt wurde, hat uns von neuem die Erfahrung 
bestätigt, daß das einzig Beständige in der 
Flucht der Erscheinungen der Wechsel bleibt, 
unter dem er nun wiederum unbillig viel zu 
leiden hat. Aus seinem Porträt (Abb. 13) er¬ 
sieht man, daß Watts dem „Poeta laureatus“ 
den Lorbeer tatsächlich beigegeben hat. 

Große Freude für Ruskin und alle Präraf- 
faeliten erregten zwei aus dem Jahre 1860 
stammende Aquarellbilder von Burne-Jones, be¬ 
titelt „Sidonia“ (Abb. 21) und „Clara von Bork“, 
deren Inhalt Morris noch am Ende seiner Lauf¬ 
bahn so interessierte, daß er 1893 ein hiermit 
im Zusammenhänge stehendes Werk ,, Sidonia 
the Sorceress by William Meinhold translated 
by Francesca Speranca Lady Wilde“ durch 
die Keimscott Press herausgab (Abb. 20). Das 
Kolophon in diesem Buche lautet: „Here ends 
the Story of Sidonia the Sorceress translated from 
the German of William Meinhold by Francesca 

This is the Golden type. 

Ubis ie tbc Uroy type. 

XThis is tbc Cbaucer type* 

Abb. 16. Die drei Typen der Keimscott Press: 

Die Goldene, die Troja- und die Chaucertype. 


Speranza, Lady Wilde, and now reprinted by 
me, William Morris, at the Keimscott Press, 
Upper Mall, Hammersmith, in the County of 
Middlesex. Finished on the 15 th day of Sep¬ 
tember, 1893.“ Es wurden im ganzen 300 
Exemplare auf Papier, in schwarzen und roten 
Buchstaben, ä 4 Guineen und 10 Exemplare 
auf Velin ä 20 Guineen ausgegeben. Aus der 
von Morris verfaßten Vorrede wird der Sach¬ 
verhalt erkennbar und Bezug genommen auf 
jene Gemälde von Burne-Jones, die die beiden 
Heroinen aus Pastor Meinholds Roman „Sidonia 
von Bork, die Klosterhexe“ zum Gegenstand 
der Darstellung haben. 

Rossetti, Burne-Jones, Morris und ihre Zu¬ 
gehörigen glaubten tatsächlich längere Zeit hin¬ 
durch, ebenso wie es in Deutschland der Fall 
war, daß Meinhold auf Grund wirklich vorhan¬ 
dener Dokumente seine Romane verfaßt habe. 
Schon 1843 hatte „Die Bernsteinhexe“ an und 
für sich viel Aufsehen erregt, das durch das 
Interesse Friedrich Wilhelms IV. noch mehr 
erhöht wurde. Beide Romane waren so ziemlich 
aus denselben Gründen für den König wie 
für die beiden englischen Künstler dazu an¬ 
getan, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln: Lokal¬ 
färbung mit geschichtlichen und romantischen 
Elementen mischen sich hier und das Ganze 
kann zudem als ein Werk gelten, in dem Mein¬ 
hold die Angriffe gegen die historische Echt¬ 
heit der biblischen Erzählungen zu entkräften 
sucht. „Die Klosterhexe“, das Seitenstück zur 
„Bernsteinhexe“, übertrifift in dieser Tendenz 
noch den zweiten Roman. 

Wie es kaum anders zu erwarten war, 
blieben die Familien Morris und Burne-Jones 












62 


von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 17. Kelmscott House. 

(Mit Genehmigung von Mr. H. Buxton Forman.) 


nicht nur im engsten Verkehr unter sich, 
sondern auch mit Rossetti. Nicht minder er¬ 
hielt Ruskin diesem Kreise seine Gönnerschaft. 
Er predigt seinen Anhängern unausgesetzt: 
„Ihr seid keine Griechen, sondern — ob besser 
oder schlechter — ihr seid Engländer und ihr 
könnt, selbst wenn ihr tausendmal Besseres 
leisten würdet, nichts Gutes außerhalb dessen 
hervorbringen, was eure englischen Herzen 
euch eingeben und was der Himmel, der über 
England sich spannt, euch lehrt!“ Ebenso wie 
Ruskin ein erklärter Feind aller niederländischen 
Kunst war, in gleicher Weise besaßen Morris 
und Burne-Jones eine ausgesprochene Antipathie 
gegen diese. Im übrigen hat Clemen in seiner 
Schrift über Ruskin sehr recht wenn er von 
den Präraffaeliten sagt: „Es fehlte ihnen das 
große reinigende Bad griechischer Kunst.“ 

Als Miß Siddal — wie sie bezeichnend ge¬ 
nug nach ihrer Vermählung mit Rossetti noch 
immer hieß — anfing bedenklich zu kränkeln, 


nahm sich Ruskin ihrer in delikatester 
Weise an. Er erbot sich, alles, was 
Rossetti malen und seine inzwischen 
zur Poetin gewordene Gattin dichten 
würde, zu erwerben, natürlich unter 
vernünftigen Voraussetzungen. Den 
Mindestbetrag hierfür setzte er jähr¬ 
lich auf 3000 Mark fest, die er sogleich 
Miß Siddal übergab. Nur einer seiner 
Schützlinge, Millais, „der Abtrünnige“, 
wie er genannt wurde, bereitete dem 
Mäcen eine böse Überraschung: er 
machte ihm die Gattin abwendig. 

Ruskin war es, der nach den mannig¬ 
faltigsten Seiten hin Anregungen gab. 
Als ausübender Künstler blieb er in 
der Hauptsache nur ein hervorragender 
Amateur und trotz seines nicht hoch 
genug zu veranschlagenden Verdienstes, 
Talente entdeckt und ihnen zur An¬ 
erkennung verholfen zu haben, ging 
weder aus seiner Lehre über Kunst ein 
bedeutender Maler, noch aus seiner 
Philosophie ein großer Denker hervor. 
Unter allen Umständen aber waren ihm 
die Präraffaeliten zu unendlichem Dank 
verpflichtet. Für künstlerische und 
sozialistische Zwecke hat er etwa vier 
Millionen Mark ausgegeben, aber mit 
seiner sozialen Praxis vollständig Fiasko 
gemacht. Seine literarische Stellung in England 
bei Lebzeiten läßt sich annähernd mit der 



Abb. 18. Keims c o tt Pres s. 

(Mit Genehmigung von Mr. H. Buxton Forman.) 
































































































63 


von Schleinitz, William Morris. 



cr>e Life hjsd dshcr of yason 

Book 1. Jason having grown up ro man- 
hood in tbe woods, ie wamcd of wbat bis 
Itfesballbe ,«?,>? 

'N trnessHLY. ßesioe 
che combling senjp 
Oj^ce DOT6LC A fOLK, 
M€N CALL6D CD6 Ml- 
NYfle.j?jyfOR,COMING 
fROM ORChOMeNQS 
Che OLD.^BeHRlNG 
cheiR oiives & cniL- 
DReN.BeHSCS &0OLD, 

jy^chRoaeh many a 

LeneaeofLANDCheY 

tooh tbrir way,.d?And stoppcd 
at last, wbcre in a sunny bay ff 
Cbcgrccn Anaurus cleaves tbc 
wbitc eca/sand, ff And cast¬ 


ward inland dotb Mount pclion stand, 
öQbcrc bcars <& wolvcs tbc ccntaurs’arrows 
find; And soutbward is a gcntlc sea and 
kind, 0 N>gh landlockcd, pcoplcd witb all 
kinds of fish, ft And tbc good Land yiclds 
all tbat man can wisb. Jg So tbcrc tbcy built 
lolcbos great of girtb, ff Chat daily waxed 
tili tbcsc bad left tbc cartb, JS CQitb many 
anotber, and Crctbcus tbc king, ff Jf had 
died, and left bis crown and everytbing^ 


Abb. ig. The Life and Death of Jason. Titel und Titelbild. (Keimscott Press.) 


vergleichen, die Hermann Grimm in Deutsch¬ 
land einnahm. 

Ungeachtet seiner hohen Bildung, seiner viel¬ 
seitigen und ausgezeichneten Kenntnisse ver¬ 
zichtete er in mancher Beziehung auf die Er¬ 
rungenschaften des Wissens; so ließ er z. B. 
beim Drucker alles mit der Hand fertigen, wo 
Maschinen ihn schneller bedient und Besseres 
geleistet hätten. Seine Bücher wurden stets 
zu Wagen befördert, während ihm für den 
Transport die Eisenbahn zur Verfügung stand. 
Sowohl er wie Morris bewilligten als Sozia¬ 
listen den besten Lohn für geleistete Arbeit; 
beide waren in der Tat von schönen Idealen 
beseelt und erstrebten als Menschen und für 
die Menschheit das höchste. 

Wie aber schließlich im Leben alles natürlich 
zugeht, das ergibt sich aus der intimeren 
Geschichte des Präraffaelismus auch für die 
hier näher in Betracht kommenden Mitglieder 
ihrer Brüderschaft. Ruskin besaß einige Zeit 
hindurch einen Sekretär in der Person von 
Mr. Charles Augustus Howell, der sich sogar 
in seiner Vertrauensstellung bis zum Faktotum 
seines Herrn emporgeschwungen hatte. Er 
machte den Präraffaeliten klar, daß sie ohne 


Geld nicht vorwärts kommen könnten und da, 
wie es scheint, er für einen Nebenverdienst 
nicht unzugänglich war, verstand es Rossetti 
— es muß zu seinem Lobe gesagt werden, 
nicht nur für sich allein —-, ihn derart zu inter¬ 
essieren, daß Ruskin eine offene Hand für sie 
alle behielt. Der genannte Sekretär darf im 
übrigen nicht mit Howell Deverell verwechselt 
werden, mit dem anfangs Rossetti (vor Morris) 
in Red Lion Square zusammengewohnt und 
der in einem Damenputzgeschäft in Cranbourne 
Alley die schöne Miß Elisabeth Siddal ent¬ 
deckt hatte. 

Morris ist in dieser Periode eifrig damit be¬ 
schäftigt, seine neue Heimstätte so schön, 
kunstvoll und so eigenartig wie nur möglich 
auszuschmücken; gleichzeitig aber entstand 
1861 auch die neue Firma: „Morris, Marshall, 
Faulkner & Co, Fine Art Workmen in Painting, 
Carving, Furniture and the Metals“, deren 
sieben Mitglieder uns bereits bekannt sind. 
Auf dem ersten Zirkular der Firma befindet 
sich außerdem noch Arthur Hughes genannt, 
ein nachmalig sehr bedeutender, im Geiste der 
Präraffaeliten schaffender Maler. Er erzählt 
indessen selbst, daß er keine Ahnung davon 
































































64 


von Schleinitz, William Morris. 


gehabt habe, wie er zu dieser ihm zugedachten 
Teilhaberschaft gekommen sei, und obgleich 
er der Firma stets freundlich gesinnt blieb, 
schied er doch aus ihr bald wieder aus. Es 
war das erstemal, daß wirkliche Künstler in 
England nicht nur mit dem Kunsthandwerker 
in unmittelbare Verbindung und Wechselwirkung 
traten, sondern auch selbst praktisch solche 
Arbeiten in die Hand nahmen. Das große 
Wort im Geschäftshause führte Rossetti, wenn¬ 
schon er für seine Person nicht gerade allzu tätig 
war und trotzdem einen gewissen dämonischen 
Einfluß auf Morris ausübte. Jeder Partner hatte 
nur 5 Pfund Sterling eingelegt, und da schlie߬ 
lich ohne Baarmittel nicht weiter gearbeitet 
werden konnte, so blieb gut oder böse nichts 
weiter übrig, als daß Morris und seine Mutter 


Kapitalien hergaben, ein Umstand und eine 
Hilfe, auf welche die meisten Teilhaber der 
Firma sicherlich wenigstens schon im stillen 
bei Gründung des Geschäfts gehofft hatten. 
An und für sich ging dieses ganz gut und 
zwar bestanden die besseren Aufträge haupt¬ 
sächlich in der 1 Erstellung von Kirchenfenstern. 
Die damalige anglo-katholisierende Richtung 
der Kirche begünstigte die Ausschmückung der 
Gotteshäuser in jeder Weise. Bezeichnend für 
Morris’ Standpunkt bleibt das bei der Finnen¬ 
eintragung von ihm gewählte Wort „Workmen“, 
das zu deutsch nicht anders als mit „Arbeiter“ 
oder „Handwerker“ übersetzt werden kann. 
Damals wirkte dieser Ausdruck sehr befremdend, 
weil eben die Künstler nichts mit dem 1 land¬ 
werk gemein haben wollten. 

Die Seele der Firma war 
natürlich immer Morris, der 
ebenso wie der als Buchhalter 
angestellte Faulkner i 50 Pfund 
Sterling Gehalt erhielt. Der 
Lohn für jede an das Geschäft 
abgelieferte Arbeit wurde den 
übrigen Teilhabern wie allen 
dritten Personen baar aus¬ 
gezahlt. Alles in allem er¬ 
reichte das Einlagekapital der 
sieben Mitinhaber zusammen 
seinen höchsten Bestand mit 
140 Pfund Sterling im Jahre 
1862, natürlich abgesehen von 
den geborgten Summen der 
Familie Morris. Bei jeder not¬ 
wendig werdenden Erweiterung 
des Geschäfts mußten die letz¬ 
teren beispringen, und da die 
meisten Teilhaber sich mehr 
um ihre Privatgeschäfte als 
um das Emporblühen der Firma 
kümmerten, so sah zwar Morris 
das Heraufziehen schwerer Ge¬ 
witterstürme voraus, aber er 
war zu generös, um beizeiten 
eine gerechte Anordnung der 
Gewinnverteilung festzusetzen. 
Das was er z. B. im Jahre 1862 
an wirklich hergestellten Ar¬ 
beiten im Dekorationsfach der 
Firma überwies und für die 
er nur kreditiert wurde, betrug 


SIDONIA THE SORCERESS. BOOK I. a O 

FROM THE RECEPTION OF SIDONIA AT THE 
DUCALCOURTOF WOLGAST UNTIL HER BANÖ 
ISHMENTTHEREFROM.^^^a^^a^^a«^ 
CHAPTER I OFTHE EDUCATION OFSIDONIA 

HE lllustrious and high'bom prince and 
lord, BogislafF, 141h Duke of Pomerania, 
Pnnceof Cassuben, Wenden, and Rügen,< 
Count of Guzkow, Lord of the lands of 
Lauenburg and Butow, and my gracious' 
feudal seigneur, having commanded me,j 
Dr. Theodore Pionnies,formerly bailiff at' 
the aucal court, to make search through* 
out all the land for information respecting 
the world Tamed sorceress Sidonia von 1 


Bork, and wnte down the same in a book, I set out for Stargard, 
accompanied by a servant, early one Friday after the Visitationisj 
Mariae, 1629; for in my opinion.in Order to form a just judgmentre- j 
specting the character of any one, it is necessary to make one’s seif* 
acquainted with the circumstances of their early life; the future man 
lies enshrined in the child, and the peculiar development of each im 1 
dividual nature is the result entirely of education. Sidonia’s history 
is a remarkable proof ofthisjSF I visited first, therefore, the scenes 
ofher early years;but almost all who had knownherwerelongsince 
in their graves.seeing that ninety years had passed since the time of 
her birtn. However, the old innkeeper at Stargard, Zabel Wiese, 
himself very far advanced in years (whom I can recommend to all < 
travellers; he lives in the Pelzerstrasse),told me thattheold bache^ I 
lor, Claude Uckermann of Dalow, an aged man of ninety^two years 
old, was the only person who couldgive me the Information Idesired, 
as in his youth he had been one of the many followers of Sidonia. 
His memory was certainly well nigh gone fromage, still all that had ( 
happened in the early period of his life lay as fresh as the Lord’s 
Prayer upon his tongue^^Mine host also related some important 
circumstances to me myself, which shall appear in their proper place | 
J 9 I accordingly proceeded to Dalow, a little town half a mile from 
Stargard, and visited Claude Uckermann. I found him seated by 
the enimney comer, his hair as white as snow. “ What did I want ? 
H e was too old to receive strangers; I must goonto his son Wedig's 


Abb. 20. Sidonia the Sorceress. Titelseite. (Keimscott Press.) 









von Schleinitz, William Morris. 


65 



ebensoviel, als was die andern Firmenmitglieder 
zusammen geleistet hatten. Daß es ihm schlie߬ 
lich gelang, trotz aller Widerwärtigkeiten, durch 
Talent, Fleiß, Umsicht und Zähigkeit sich zum 
anerkannt genialsten Dekorateur seiner Zeit 
emporzuschwingen, sowie als, Wiederbeleber 
der Kleinkunst eine vollständige Umwälzung des 
Kunstgewerbes im besten modernen Sinne 
hervorzurufen, kann ihm nicht hoch genug an¬ 
gerechnet werden. 

Die erste etwas umfangreichere Beschickung 
für eine Ausstellung fand im Jahre 1862 
statt und hatte auch einen ganz leidlichen 
Erfolg. Namentlich zwei von Morris ge¬ 
zeichnete und von der Firma Jeffrey & Co. 
ausgeführte Tapetenmuster „The Daisy“ 
und das noch hübschere „The Trellis“ 
fanden viel Beifall. Das gleiche gilt für 
ein anderes, erst 1866 hergestelltes 
Tapetenmuster „The Pomegranate“. 

Dr. P. Jessen, Direktor des Kunst¬ 
gewerbe-Museums in Berlin, hat gelegent¬ 
lich einer Ausstellung von Werken Walter 
Cranes im Jahre 1894 eine Schrift heraus¬ 
gegeben, in der es heißt: „ . . . Durch 
Crane und andere selbständige Erfinder, 
wie William Morris, hat die englische 
Tapete bekanntlich in den letzten fünf¬ 
zehn Jahren ihren ganz eigenartigen Stil 
erhalten. Sie ahmt nicht alte Gewebe¬ 
muster nach, wie es unsere Zeichner meist 
noch versuchen, sondern ist mit frei kom¬ 
binierten Flachmustern bedeckt, zu denen 
vorwiegend der reiche Blumenschmuck 
der englischen Landschaften und Gärten 
verwertet wird . . .“ 

Wenn man etwas an den englischen 
Mustern auszusetzen hat, so ist es ihr über¬ 
großer Reichtum in den Motiven und 
ihrer Farbenpracht. Die meisten Tapeten 
von Morris, aber auch von Vosey, bilden 
an und für sich schon eine vollständige 
Wanddekoration, zu der eigentlich keine 
weitere Ausschmückung hinzuzukommen 
braucht. Die Rolle, die die Tapete für 
die Dekoration eines Zimmers einzunehmen 
bestimmt ist, muß aber doch wohl etwas 
bescheidener bleiben, das heißt, sie soll 
die Unterlage und den Stützpunkt für 
geeignete dekorative Gegenstände bilden, 
aber nicht derart den Gesamteindruck be- 
Z. f. B. 1907/1908. 


herrschen, daß jede andere Dekoration neben 
ihr minderwertig erscheint. 

Im Jahre 1864 erkrankte Morris nicht un¬ 
bedenklich und mußte sich infolgedessen 
wegen der großen Entfernung seines Wohn¬ 
hauses vom Geschäft die Frage vorlegen, ob 
er ersteres oder letzteres aufgeben wolle. Er 
entschied sich dafür, das Geschäft beizubehalten, 
und so wurde dieses 1865 nach Queen-Square 
verlegt, woselbst Morris gleichzeitig seine Privat¬ 
wohnung nahm. Die in Red House verlebte 


Abb. 21. Sidonia von Bork. 
(Photographie von Caswall Smith in London.) 


9 










66 


von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 22. Dante erblickt B e a t r i c e i in Traume tot. Von D. G R o s s c 11 i. 
(Beatrice mit den Zügen der Mrs. Morris.) 


Zeit rechnet Morris zu seinen glücklichsten 
Tagen. Hier sind auch seine beiden einzigen 
Kinder, Miß Jane und Mary, geboren worden. 

Schon während seines Aufenthaltes in Red 
House hatte er den Entwurf zu dem lyrisch¬ 
dramatischen Gedicht „Scenes from the Fall 
of Troy“ begonnen. Die Titel für die zwölf 
zum trojanischen Zyklus gehörenden Dichtungen 
lauten: i. Helen arming Paris. 2. The Defiance 
of the Greeks. 3. Hektor’s last battle. 4. Hektor 
brought dead to Troy. 5. Helen’s Chamber. 
6. Achille’s Love-Letter. 7. The Wedding of 
Polyxena. 8. The last fight before Troy. 
9. The wooden Horse. 10. The Descent from 
the wooden Horse. n. Helen and Menelaus. 
12. Aeneas on Shipboard. 

Von diesen zwölf Gesängen sind aber tat¬ 
sächlich nur sechs vollendet worden und weisen 
kein eigentümliches Gepräge auf; sie stellen 
vielmehr einen gemischten und am augenschein¬ 
lichsten noch zwischen Chaucer und Froissart 
schwankenden Stil dar. 

Das Jahr 1865 ist aber insofern für die ge¬ 
deihliche Entwicklung der Firma ein sehr ent¬ 
scheidendes, weil zu dieser Zeit Mr. G. W. 


Taylor von Morris die Anstellung als Geschäfts¬ 
direktor erhält. Damit tritt zum ersten Male 
eine wirkliche praktische Organisation der ver¬ 
schiedenen Branchen ein; das ganze Unter¬ 
nehmen wird auf gesunder, rein kaufmännischer 
Grundlage von dem neuen Feiter aufgebaut 
und durch seine bis 1870 dauernde und nur 
durch den Tod aufgehobene Verwaltung zu 
außerordentlicher Blüte emporgehoben. Taylors 
Anstellung liefert einen eigenartigen Beweis, 
wie reich das Heben an Kontrasten und kaum 
erklärbaren Widersprüchen sein kann. 

Taylor war früher in guten Verhältnissen 
gewesen, jedoch so wenig fähig, seine eignen 
Angelegenheiten in Ordnung zu halten, daß 
Morris ihn sozusagen von der Tür des 
Opernhauses fortholte, wo er die Billetts ab¬ 
nahm. Taylor verstand auch ziemlich viel von 
Musik und trug als eifriger Wagner-Freund 
während der Ablehnungsperiode des Meisters 
in England nicht wenig dazu bei, ihn wenigstens 
bekannt zu machen. 

In demselben Jahre entwirft Burne-Jones 
eine große Anzahl von Kartons zu Kirchen¬ 
fenstern, für die Morris die Farben bestimmt 









von Schleinitz, William Morris. 


6 ; 



Abb. 23. „Hand and Soul“ von D. G. Rosse tti. Titel. 
(Keimscott Press.) 


und sie nach und nach auf Glas 
überträgt. Zu den bedeutendsten 
Arbeiten dieser Art, denen Morris 
besonderes Interesse schenkte, 
gehören die Figuren der „Hoff¬ 
nung“, „Glaube“ und „Charitas“. 

Morris hat dann im Laufe der 
Zeit die drei Vorlagen in einem 
einzigen Glasfenster vereinigt 
(Abb. 30). In dieser Form be¬ 
finden sich die Werke in der Paro- 
chialkirche von Dundee. „Hoff¬ 
nung“ und „Glaube“ sind in ganzer 
Figur, diese in weiß und rotem 
Gewände, jene in blauem abge¬ 
bildet. Die in der Mitte befind¬ 
liche „Charitas“ zeigt unbedingt 
den Einfluß Watts, das heißt ein 
symbolisches Andachtsbild und 
ein typisches Beispiel seines ins 
Moderne übertragenen Madonnen¬ 
stils mit einer lyrischen Note. 

Burne-Jones hat es verstanden, die 
kindlichen Figuren gut zur Geltung 
zu bringen, ihnen Interesse er¬ 
weckende Individualität einzuflößen 
und die proportionalen Verhält¬ 
nisse sicher zu beherrschen. Bei 
einer ganzen Reihe von Madonnen¬ 
bildern, selbst der vortrefflichsten 
alten Meister, erhält man zweifellos 
den Eindruck, als ob die körper¬ 
liche Kleinheit des Jesuskindes in 
keinem richtigen Verhältnis zu seiner alles 
überragenden inneren Größe und zum Gesamt¬ 
inhalt des Bildes steht. 

Den ersten umfangreicheren, sowohl vom 
finanziellen Standpunkte aus wie für den Ruf 
der Firma sehr vorteilhaften Auftrag ohne 
kirchlichen Hintergrund, wird dieser im Jahre 
1867 zuteil. Es betrifft die Dekoration des so¬ 
genannten „Grünen Eßsaals“ im South Ken- 
sington-Museum. 

Schon einige Zeit vorher, etwa Mitte 1866, 
beginnt für Morris die eigentliche Dichterperiode; 
es entstehen diejenigen Werke, durch die 
der Verfasser seitdem zu den ersten Poeten 
Englands gerechnet wird. Hierher gehört vor¬ 
nehmlich das in drei Bänden 1868—70 heraus¬ 
gekommene „ Earthly Paradise“, das aus 
einer Sammlung von erzählenden und zuerst 


einzeln veröffentlichten Geschichten sich zu¬ 
sammensetzt. Morris dichtete so leicht und 
fließend, daß er an manchen Tagen 700—800 
Strophen vollendete. Die beiden, „Das irdische 
Paradies“ stützenden Grundpfeiler bilden grie¬ 
chische Mythologie und nordische Sage, wieder 
durchweht von dem Geiste Chaucers mit ge¬ 
legentlicher Einmischung arabischer Elemente. 

Als erster Beitrag für die Serie wurde das 
ungefähr 10000 Zeilen enthaltende Gedicht 
„The Story of the Golden Fleece“ fertig, dann 
jedoch, aber entgegen dem aufgestellten Plane, 
separatim 1867 unter dem Titel „Life and 
Death of Jason“ gedruckt (Bell & Daldy, 
London, York Street, Covent-Garden). — 1869 
veranstaltete Ellis & White einen Neudruck 
nach Stereotyp-Platten und so kam 1882 die 
achte revidierte Auflage zustande. In Amerika 



























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von Schleinitz, William Morris. 



erschienen zwei unbefugte Nachdrucke: 1867 
in 16 0 -Format bei Roberts in Boston und 
1885 in einfachem Umschlag zum Preise von 
12 Cents bei der Firma Clarke & Maynard 
in New-York. Schließlich gehört noch „The 
Life and Death of Jason: A Poem by 11 illiam 
Morris seit 1895 zu den Erzeugnissen der 
Keimscott Press. Das Werk wurde in Groß- 
Quart in der Troja-Type mit einem Vorwort 
in der Chaucer-Type gedruckt und in bieg¬ 
sames weiß-gelbes Pergament gebunden. Die 
beiden Illustrationen stammen von Burne-Jones 
und sind in Holz von W. Spielmeyer geschnitten. 
Es wurden 200 Exemplare in schwarzen und 
roten Buchstaben auf Papier zum Preise von je 
5 Guineen und 6 auf Velin ä 20 Guineen zum 
Verkauf gestellt. Das Kolophon lautet: „Here 
endeth the Life and Death of Jason, written by 
William Morris and printed by the said William 
Morris at the Keimscott Press, Upper Mall, 
Hammersmith in the County of Middlesex and 
finished 011 the 25 th. day of May 189:5. 
Sold by William Morris at the „Keimscott 
Press“ (Abb. 19). 

Ebenso wie „Jason“, ja vielleicht zu noch 
größerer Popularität gelangte Morris „Earthiy 
Paradise u . In dem Titel für dieses hat er den 
Zusatz aufgenommen „Verfasser des Jason“; 
in den meisten folgenden Werken von größerer 
Bedeutung nennt er sich aber bezeichnend auf 
der Titelseite: „Author of the Earthiy Paradise“. 
Der in drei Bänden vorliegende Druck in 
8°-Format weist nachstehenden Titel auf: „ The 
Earthiy Paradise. By William Morris , Author 
of the Life and Death of Jason“, London. 
F. S. Ellis, 33 King Street. Covent Garden. 
1868. (All rights reserved.) Als Titelillustration 
für den Band I dient ein von Burne-Jones ent¬ 
worfener und von Morris ausgeführter PIolz- 
schnitt für die erste Ausgabe, der indessen für 
spätere Auflagen von G. Campfield neu ge¬ 
stochen wurde. Band II gibt auf der letzten 
Seite die Wiederholung des Titelholzschnittes. 
Band I ist auf weißem, die beiden andern Bände 
sind auf antik getöntem Papier gedruckt. 

Roberts in Boston veranstaltete auch hier¬ 
von drei verschiedene unbefugte Nachdrucke: 
im Jahre 1868—71 eine i6°-Ausgabe in drei 
Bänden; dann eine in 8° in drei Bänden und 
später eine billige populäre Ausgabe; außerdem 
druckte er 1870 als einen i6°-Band separatim 


„ The Lovers of Gudrun“. Fernere Neudrucke 
stammen von Reeves & Turner in 8° im Jahre 
1890, dann eine Oktav-Auflage in 4° und später 
eine populäre in 10 Oktavbänden. Endlich 


Abb. 24. Der Tag. 

(Photographie von Caswall Smith in London.) 









von Schleinitz, William Morris. 


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der editio princeps des ganzen Serienwerkes 
gestaltete sich aber deshalb unendlich ver¬ 
wickelt, weil die ursprünglichen Ideen und Pläne 
unausgesetzt umgeworfen und teilweise so ver¬ 
ändert wurden, daß ganz etwas Neues zustande 
kam. Besonderes Interesse gewährt die innere 
Geschichte des Werkes dadurch, daß wir die 
Riesenaufgabe erkennen, die Morris sich selbst 
gestellt hatte und die unter anderm in dem 
an Burne-Jones gegebenen Auftrag bestand, 
mehrere hundert und tatsächlich auch aus¬ 
geführte Entwürfe zur Illustration herzustellen. 
Diese sollten in Holzschnitt übertragen werden, 
und zwar wollte Morris, obgleich er in dieser 
Kunstfertigkeit nicht die geringste Übung be¬ 
saß, die Holzstöcke selbst liefern. Nach einiger 
Unterweisung im Holzschneiden gelangen ihm 
auch mehrere Arbeiten ganz gut, indessen mußte 
er sich schließlich doch davon überzeugen, daß 
es unmöglich sei, alles allein zu machen. Die 
Illustration blieb infolgedessen eine sehr geringe, 
aber Burne-Jones’ Entwürfe sind fast alle er¬ 
halten und nachmals zum höchsten Ansehen 
gelangt. Sie bieten, wenn auch nur mittelbar 
und in bildlicher Sprache, die gelungenste Er¬ 
klärung und den besten Kommentar des Textes 
im Buch, da Morris sich mit seinem Freunde 
über jede einzelne Unterlagestelle verständigt 
hatte. 

Die Sujets sind außer den bereits genann¬ 
ten: „Orpheus und Eurydice“, „Pygmalion und 
das Bildwerk“, „Deutsche Mythologie“ und das 
nicht vollendete Poem „Aristomenes von Mes- 
sene“. 

So war z. B. für Pygmalion die jetzt so be¬ 
rühmt gewordene Serie von vier, die Mythe 
darstellenden Bildern gewählt worden. Im Text 
des Druckes heißt es: „Ein Mann aus Cypern, 
ein Bildhauer namens Pygmalion, fertigte das 
Bildwerk einer Frau an, schöner als irgend eine 
bisher gesehene, und schließlich verliebte er 
sich in seine eigne Schöpfung derart, als ob 
sie lebte; als er nun Venus um ihren Beistand 
bat, erreichte er seinen Zweck, denn sie be¬ 
lebte in der Tat das Bildwerk und erschuf eine 
Frau, die Pygmalion heiratete.“ 

Wir dürfen nicht vergessen, daß wir hier ein 
im Volkston und in Prosa erzähltes Märchen 
vor uns haben. Trotzdem muß ich gestehen, 
daß ich in Anbetracht des selbst den Marmor 
erglühenden Stoffes beim ersten Lesen der 


veröffentlichten nach Morris’ Tode seine Testa¬ 
mentsvollstrecker in veränderter Gestalt das 
Werk durch die Keimscott Press. 

Die Fortsetzung durch Band II und III 


Abb. 25. Die N.achjt. 
(Photographie von Caswall Smith in London.) 























von Schleinitz, William Morris. 



fremd blieb, seinen Bilderzyklus poetisch be¬ 
handelte. 

Zu den für „The earthly Paradisc“ ursprüng¬ 
lich bestimmten Illustrationen gehört auch die 
Serie von Burne-Jones’ „The stör)* of Cupid 
and Psyche“, für die ganz bestimmte Verse 
von Morris zugrunde liegen. So z. B. die 
folgenden für das hochgeschätzte Werk des 
Künstlers „Pan and Psyche“: 

„And with that word shc leapt into the stream, 

Hut the kind rivcr even yet did dccm 
That she should live, and with all gentle care 
Cast her ashorc within a meadow fair 
l'pon the other side where shepherd I’an 
Sat looking down upon the water wan.“ 

Der Inhalt der Erzählung im „Earthly Pa- 
radise“ ist kurz nachstehender: Psyche, untröst¬ 
lich über den Verlust ihres Geliebten, wirft sich 
in den I 7 1 uh; dieser aber will, daß sie lebe und 
geleitet sie sanft auf eine W iese, von der Pan, 
der Hirt, seine Blicke über das Wasser schwei¬ 
fen läßt Pan kniet auf einem Felsen in der 
Landschaft, beugt sich zart auf die dem Wasser 
entsteigende Psyche herab und legt seine Hand 
auf ihr Haupt. Diesen ganzen äußeren Hergang 
der Morrisschen Erzählung hat Burne-Jones 
meisterhaft vertieft und seelisch empfunden, in¬ 
dem er alles Geschehene in einen einzigen 
Hauptmoment zusammenfaßt, den er in den 
Gesichtsausdruck der beiden handelnden Per¬ 
sonen hineinverlegt und durch den er uns nicht 
nur die augenblickliche Situation erkennen läßt, 
sondern auch die frühere erklärt. Der ängst¬ 
lich fragende, forschende und gespannt er¬ 
wartungsvoll auf Pan gerichtete Blick des 
liebenden jungen Mädchens ruft dessen Reue, 
Mitleid und von neuem seine Liebe hervor. 
Dadurch, daß Pan die Hand auf ihr Haupt 
legt, deutet der Künstler sinnig jene Liebe an, 
die als die veredelte von Dauer sein wird. 

Ferner hatte Burne-Jones zur Illustration des 
„Earthly Paradise“ 46 Vorlagen angefertigt, die 
bisher allgemein als für den „Hill of Venus“, 
dem „Venusberg“, bestimmt galten. Da mich 
dieser Gegenstand wegen der Tannhäuser-Sage 
besonders interessierte, So fragte ich bei dem 
Direktor der Universitätsgalerien in Oxford, 
Mr. Alexander Macdonald, an, der mir die Auf¬ 
klärung gab, daß diese Serie von Zeichnungen 
keine Illustration für den „Venusberg“, son¬ 
dern zur Erzählung von „Cupido und Psyche“ 


Zeilen etwas ernüchtert wurde. Umgekehrt ist 
es höchst interessant zu wissen, daß Morris, 
der Schiller kannte, die Pygmalion-Mythe pro¬ 
saisch, und Burne-Jones, dem unser Dichter 


Abb. 26. Frühling. 

(Photographie von Caswall Smith in London.) 












von Schleinitz, William Morris, 


7 1 


darstelle. Es sind 46 Bleistiftzeichnungen, die 
von Ruskin dem Museum überwiesen wurden. 

Alles in allem vermag man sich kaum der 
Erkenntnis zu verschließen, daß im „Earthly 
Paradise“ die innere Atmosphäre und Behand¬ 
lung des Stoffes nicht griechisch ist, sondern 
uns auf das Mittelalter zurückführt; das Fühlen, 
die Begebenheiten und die Ausschmückung sind 
weder die der klassischen Poesie, noch die des 
alten Griechenlands, selbst in moderner Aus¬ 
legung und dem heutigen Geschmack an¬ 
gepaßt. Mit dem Verleger des Werkes, 
F. S. Ellis, unterhielt Morris bis an sein Lebens¬ 
ende eine warme Freundschaft. Als eine 
auffallende Erscheinung muß hervorgehoben 
werden, daß der gesamte soziale Kreis, in dem 
Morris und die Prärafifaeliten sich bewegten, 
selbst nachdem sie zu höchstem Ansehen ge¬ 
langt waren, stets einen einfachen Charakter 
zeigte. Eine Ausnahme bildete nur Millais. 

Morris und Rossetti, Burne-Jones in der 
„Grange“, woselbst er von 1867 ab seinen dauern¬ 
den Wohnsitz nimmt, Holman Hunt in Dray- 
cott Lodge in New Kings Road und Walter 
Crane sowohl in Beaumont Lodge wie auch 
nun in Holland Street: sie alle haben den 
bürgerlichen und, soweit die Verhältnisse es ge¬ 
statten, den ländlichen, stillen und friedlichen 
Charakter ihres Heims gewahrt. Nur Millais 
bewohnte im Stil eines Grandseigneurs einen 
Palast in einer Straße, die bezeichnend genug 
„Palace Gardens“ heißt. Morris und Burne- 
Jones betrauerten aufrichtig und tief seinen Ab¬ 
fall. Letzterer rief elegisch aus: „In Millais, 
da er zur Reife kam, war der Künstler er¬ 
storben und nur der glänzende Virtuose übrig 
geblieben!“ 

In der Entwickelung der geistigen Kräfte 
Morris’ nimmt das Jahr 1869 einen hervor¬ 
ragenden Platz ein: er bereitet sich durch 
Spezialstudien zu einer Reise nach Island vor. 
Mr. Magnüsson, der Lehrer von Morris in dem 
betreffenden Sonderfach, hatte ihn in einigen 
Monaten bereits soweit in die Literatur Islands 
eingeführt und seine Sprachkenntnisse derart 
erweitert, daß er imstande war, die Über¬ 
setzung der Grettis-Saga im April 1869 zu 
veröffentlichen:,, The Story of Grettir the Strong“ 
ist mit einer von Morris in Holzschnitt an¬ 
gefertigten Karte Islands versehen. Hierher 
gehört ferner „ The Story of the Volsungs and 


Niblungs with certain songs from the elder 
Edda“, publiziert durch die Firma Ellis im 
Jahre 1870. Eine billige, populäre von Mr. 
H. Halliday Sparling, späteren Gatten der Miss 



Abb. 27. Sommer. 

(Photographie von Caswall Smith in London.) 














72 


von Schleinitz, "William Morris. 


May Morris, herausgegebene Ausgabe erschien 
1888. In die gleiche Kategorie und durch die¬ 
selbe Ideenverbindung des Stoffes gezeitigt, 
muß auch Morris Gedicht „Frithiof the Bold'" 
gerechnet werden, über das weiter unten noch 
eine nähere Angabe erfolgt. Jedenfalls hatte 
Tegners bekanntes Werk einen gewissen Ein¬ 
fluß auf Morris ausgeübt. 

Im Herbst 1869 begab sich Morris, um 
seine angegriffene Gesundheit zu kräftigen, mit 
seiner Gattin auf zwei Monate nach Ems. Hie 
dortige Natur wird in einer stimmungsvollen 
Landschaftsszenerie in den Eingangszeilen zum 
„Tode des Paris“ im „Irdischen Paradiese“ wie 
folgt geschildert: 

„The level ground along the river side 

Was merry through the day with sounds of those 

Who gathered apples; o’er the stream arose 

The northward-looking slopes where the suine ranged 

Over the fields that hook and scvthe had changed 

Since the last month; but ’twixt the tree-boles grey. 

Above them did they see the terraced way, 

And over that the vine Stocks, row 011 row, 

Whose dusty leaves, well thinned and yellowing now, 
But little hid the bright bloomed vine-bunches.“ 

Rossetti entwarf während der Abwesenheit 
von Morris eine Zeichnung, die ihn uns ver¬ 
anschaulichen soll, wie er seiner Gattin in Ems 
aus einem Buche vorliest, betitelt „The Ms. at 
Ems“. 

Mr. J. W. Mackail, der Schwiegersohn Burne- 
Jones’, gleichwie dieser in politisch-sozialer Be¬ 
ziehung von radikaler Gesinnung, hat in seinem 
Werke 1 über Morris sich die lohnende und ver¬ 
dienstvolle Mühe genommen, uns die von letzterem 
benutzten stofflichen Unterlagen näher nach¬ 
zuweisen. In bezug hierauf heißt es: „Es möchte 
nicht uninteressant erscheinen, eine kurze Über¬ 
sicht der Quellen zu geben, von denen Morris 
seine Geschichten zum ,Earthly Paradise‘ her¬ 
leitete .... Hinsichtlich der graeco-römischen 
Mythologie ist nur eine der zväflf Erzählungen 
nicht allgemein bekannt ,The Story of Rho¬ 
dope' .... Sie gründet sich auf Strabos und 
Aelians Romanze der schönen thrazischen 
Sklavin Rhodopis von Naucratis, die unsterb¬ 
lichen Ruhm durch die eifersüchtige Sappho 
erhielt. Durch Unaufmerksamkeit änderte 
Morris den Namen Rhodopis in Rhodope.“ 

Der Verfasser sagt dann weiter: „Die Ori¬ 

1 „The Life of William Morris.“ By I. W. Mackail. 
London. Longmans, Green & Co. 


ginale für die nichtklassischen Erzählungen sind 
weit weniger bekannt. ,The Land east of the 
Sun and west of the Moon‘ nahm er aus 
1 horpes ,Yuletide Stories' und zwar heißt das 



Abb. 28 . Herbst. 

(Photographie von Caswall Smith in London.) 






















von Schleinitz, William Morris. 


73 


betreffende Kapitel in diesem Buche ,The beauti- 
ful Palace east of the sun*. Nur die Einschiebung 
eines Traums im Traume bildet Morris’ eigene 
Zutat. Die beiden Erzählungen ,The Lady of 



Abb. 29. Winter. 

(Photographie von Caswall Smith in London.) 

Z. f. B. X907/1908. 


the Land* und ,The watching of the Falcon* 
sind beide von Maudevilles ,Voiage and Travel* 
entnommen .... ,The proud King* und ,The 
man born to be King* haben ihren Ursprung in 
den ,Gesta Romanorum*, ,Nouvelles Frangoises 
eil prose du XIII siede* und ,St. Pelagius* in 
Caxtons ,Golden Legend*. Die benutzte Aus¬ 
gabe der französischen Version der ,Gesta* 
war die von Brunet. ,The writing of the 
Image* und ,The Ring given to Venus* ent¬ 
stammen zum Teil den Schriften William von 
Malmesburys sowie Gerbert von Aurillacs, 

des späteren Papstes Sylvester II. ,The Hill 

of Venus* gehört Tieck .... ,The Lovers of 
Gudrun* schließt sich genau dem isländischen 
Originaltext der Laxdaela-Saga an.** Im übrigen 
gibt zur Sache allen wünschenswerten Aufschluß 
Julius Riegels kritisches und analytisches Werk 
„Die Quellen von Morris’ Dichtungen**. 

Es ist leider unmöglich, die hochinteressante 
und an Romantik überaus reiche Islandfahrt von 
Morris hier näher zu beschreiben. Daß die ge¬ 
waltige Eigenart der isländischen Natur: Feuer 
und Eis, Hekla, Gletscher und Geiser einen nach¬ 
haltigen Zauber auf Morris ausübten, bedarf 
kaum der Erwähnung; indessen die Geschichte, 
die Poesie, die literarischen Reliquien des Landes 
und die sagenumwobenen, mit der Mythologie 
zusammenhängenden Orte, waren mindestens 
für ihn ebenso bedeutsam wie die durch die 
Natur empfangenen Eindrücke. 

Sein Geist, der sich ganz dem Norden zu¬ 
wandte, fand dort reiche Nahrung in den alten 
Literaturschätzen, durch deren Anregung weitere 
Übersetzungen der Saga entstanden. Ein ge¬ 
meinsamer Zug zwischen Morris und Burne- 
Jones kommt recht augenscheinlich dadurch 
zum Ausdruck, daß ersterer umständlich über 
den Besuch einer kleinen isländischen Insel be¬ 
richtet, auf der in alten Zeiten ein Mönchs¬ 
kloster gestanden hatte. 

Nachstehenden psychologisch interessanten 
Brief von Burne-Jones an Mr. Comyns Carr 
gestattete mir letzterer mitzuteilen. Aus dem 
Schreiben ersieht man aber auch das Gegen¬ 
sätzliche in den Naturen von Morris und Burne- 
Jones: diesen drängt es nach dem Süden, 
jenen nach dem Norden. Mr. Carr ist der 
Leiter, der ,New-Gallery*, der Sezession von 
der Sezession, gleichzeitig Theaterdirektor und 
Autor. Zu seinem Drama „König Arthur** 

10 





























Abb. 3P; „Caritas“, von „Spes“ und „Fides“ umgeben. Gemaltes Glasfenster in der Parochialkirche zu Dundee. 

(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 





























von Schleinitz, William Morris. 


75 



hatte Burne-Jones die Kostüme ge¬ 
zeichnet, ähnlich wie Alma Tadema 
dies für die Tragödie „Hypathia“ getan 
hat. „Arthur“ und „Hypathia“, keltische 
Mystik, der romantische Wald von 
Bronceliand und abgeklärte alexandrini- 
sche Philosophie bilden weit getrennte 
Endpunkte für die Bewegungsfreiheit 
der vernehmlichsten, entgegengesetzten 
Vertreter der modernen englischen 
Kunst. 

Der erwähnte Brief lautet: „Ich bin 
der Ansicht, daß mit der Freundschaft 
von Morris erst alles für mich begann. 

Als ich Oxford verließ, suchte ich die 
Freundschaft von Rossetti und erlangte 
sie. Er ist, wie Sie wissen, der Jugend 
gegenüber der generöseste Mensch. 

Er lehrte mich vom praktischen Stand¬ 
punkte aus alles, was ich bin; nachher 
suchte ich eine eigene Methode, die 
meiner Natur paßte. Jetzt habe ich 
Differenzen mit Morris über Kunst. Er 
reist nach Island und ich nach Italien 
(mit Ruskin), was symbolisch für uns 
ist. Bedeutend später erst zwang mich 
Watts, Versuche zu wagen. Jetzt bin 
ich auch mit Rossetti im Streit.“ 

Von dem Einfluß des letzteren hatte 
sich Burne-Jones schon einige Jahre 
früher als Morris befreit, indessen spricht 
aus obigem Brief jedenfalls noch etwas Verdruß 
mit, weil Morris 1871 gemeinschaftlich mit 
Rossetti Keimscott Manor 1 bezogen hatte. 

Bevor nämlich Morris sich im Sommer 1871 
auf den Weg nach Island begab, mietete er 
zusammen mit Rossetti ein Landhaus „Keims¬ 
cott Manor“ an der oberen Themse, in der 
Nähe des Dorfes Keimscott und nicht weit 
von der kleinen Stadt Lechlade. Während hier 
Rossetti ungefähr drei Jahre weilte, entstanden 
eine erhebliche Anzahl Porträts von Mrs. Morris, 
so das „Reverie“ genannte. Andere Gemälde 
mit den Zügen von Mrs. Morris sind: „The 
Roseleaf“, „Mariana“, „La Donna della Fiamma“, 
„Silence“ und vor allem „Dantes Traum“ 
(Abb. 22), ein großes 1871 begonnenes, aber 
erst 1881 vollendetes Ölbild. Es gilt all¬ 
gemein als Rossettis Meisterwerk, obgleich er 


(Die 


Abb. 31. Kirchenfenster von D. G. Rossetti. 

Maria links mit den Zügen der Miß Siddal, der Geliebten Rossettis.) 


den Fehler beging, das ursprünglich dunkle 
Haar der Beatrice in blondes zu verändern. 
Er war meist unglücklich in seinen Retuschen. 
Das Sujet betrifft die von Dante erzählte Vision, 
nach der er Beatrice auf dem Sterbebette liegen 
sieht und ihre Seele gen Himmel getragen 
wird. Außer diesen Werken hat Rossetti 
in Keimscott Manor auch noch die Porträts 
von Miß Jane und Miß May Morris ange¬ 
fertigt. 

Eine gewisse Ruhelosigkeit wird in dem ge¬ 
samten Wesen von Morris erkennbar, weil er 
zu viel und zu vielerlei unternimmt und infolge¬ 
dessen unausgesetzt nach neuer künstlerischer 
Ausdrucksweise sucht: Kirchenfenster, Tapeten, 
Möbel, Teppiche, Gobelins, epische Gedichte, 
Manuskripte, Illuminationen, seltene Bücher und 
die Übersetzung der „Volsunga Saga“, sowie 


1 „Keimscott Manor“ befindet sieb abgebildet als Illustration auf der Titelseite zu „News from Nowhere“. 





























76 


von Schleinitz, William Morris. 


namentlich gemeinschaftliche Arbeiten mitBurne- 
Jones beschäftigen ihn in ein und derselben 
Epoche. So erschien in der „Fortnightly 
Review“ (1868, August) „The God of thc Poor: 
a Poem 11 , 8°, in rotem Papierumschlag. Das¬ 
selbe Gedicht findet sich später in dem sozia¬ 
listischen Parteiorgan „Justice“. Die Oktober- 
Nummer der „Fortnightly Review“ publi¬ 
zierte „The two sides of the River : a Poem“, ein 
Gedicht, das dann abermals in folgenden zwei 
verschiedenen Bänden zum Vorschein kommt: 
1. „ The two Sides of the River. Happless Love 
and the First Foray of Aristomenes By William 
Morris. London 1876. (Not for sale), ohne 
Nennung des Druckers, 8° und 24 Seiten ent¬ 
haltend. 2. wurde „The two Sides of the River“ 
1891 neu gedruckt und in die Sammlung von 
Originalgedichten, betitelt „ Poems by the IVay“ 
aufgenommen, während das zweitgenannte Ge¬ 
dicht „Happless Love“ von Morris zuerst in der 
April-Nummer der Zeitschrift „Good Words“ 
im Jahre 1869 zur Kenntnis des Publikums ge¬ 
langte. Eine interessante Kritik über Morris 
Poesie in „Poems by the Way“ gibt D. G. Ros- 
setti in der Zeitschrift „Academy“ vom 14. Mai 
1870. Fernere Originalarbeiten sind: „The Dark 
Wood: a Poem“, erschienen am 1. Februar 1871 
in der „Fortnightly Review“ und „ The Story 
of Frithiof the Bold in der Zeitschrift „Dark 
Blue“ (Oxford, März—August, 1871). „Dark 
Blue“, — dunkelblau — ist die „Couleur“ der Uni¬ 
versität Oxford, während hellblau die Farbe 
von Cambridge ist. Zwischen dem Dichter 
und seinen Künstlerfreunden entstand eine 
mannigfaltige Wechselwirkung: sie inspirierten 
ihn durch ihre Werke zu poetischen Ergüssen 
und letztere nahmen bildnerische Gestalt an. 
So ist unter anderm eine Serie von sechs 
Bildern ganz einzig in ihrer Art, weil nicht nur 
Burne-Jones und Morris den Entwurf hierfür 
gemeinsam festlegten, sondern auch die von 
letzterem verfaßten und zur Erläuterung be¬ 
stimmten Verse unmittelbar auf den Gemälden 
als Titel oder Kolophon — wie man will, 
figurieren. Der im dekorativen Stil gehaltene 
Zyklus versinnbildlicht Tag und Nacht (Abb. 24 
und 25) nebst den vier Jahreszeiten (Abb. 27 
bis 29). In England hat sich viel mehr als 
bei uns die Sitte herausgebildet, Kunstwerke 
mit der Dichtkunst in Verbindung zu setzen. 
Wenn ein großer Poet einen ersten Künstler 


inspiriert oder die Umkehrung stattfindet und 
hierdurch ein Ideal durch Wechselwirkung 
erreicht und auch äußerlich erkennbar wird, so 
ist das selbstverständlich wundervoll; nur ent¬ 
steht eine böse Dissonanz, wenn der Ausleger 
eines Sternes ersten Ranges selbst Minderwertiges 
leistet. 

Die Poesie von Morris für die sechs sym¬ 
bolisierenden Figuren lautet für den leuchtenden 
Tag und die in tiefstes Dunkelblau gehüllte 
Nacht: 

„I am Dawn, I bring again 
Life and glory, love and pain 
Awake, arise from death to death 
Through me the world’s tale quickeneth.“ 

„I am Night, 1 bring again 
Hope of plcasure, rest from pain; 

Thought unsaid ’twixt life and death 
My fruitful silence quickeneth." 

Für die Allegorien der Jahreszeiten verfaßte 
Morris nachstehende Strophen, die im Druck 
unter dem Titel The Seasons “ am 1. Februar 1871 
in der Zeitschrift „Academy“ erschienen: 

Frühling. 

„Spring I am, too soft of heart 
Much to speak ere I depart 
Ask the Summer tide to prove 
The abundance of my love.“ 

Sommer. 

„Sommer looked for long am I 
Much shall change or ere I die 
Prythee take it not amiss 
Though I weary thee with bliss.“ 

Herbst. 

„Laden Autumn here I stand. 

Worn of heart and weak of hand; 

Nought but rest sems good to me, 
speak that word that sets me free.“ 

Winter. 

,,I am Winter, that doth keep 
Longing safe a midst of sleep; 

Who shall say if I were dead, 

What should be remembered.“ 

Die letzte der Allegorien spielt in das reli¬ 
giöse Gebiet hinüber. Der Winter (Abb. 29) 
hält zwar die linke Hand über die empor¬ 
steigende wärmende Flamme, allein im Geiste 
ist die asketisch behandelte, schwarz und weiß 
gekleidete Frauenfigur der materiellen Glut ab¬ 
gewandt, der sie, wie schon die Kopfhaltung 
andeutet, keine Beachtung schenkt, vielmehr, in 



von Schleinitz, William Morris. 


einem Andachtsbuche lesend, geistige Erleuch¬ 
tung für die lange Winternacht sucht. Sie hat 
der Welt und allem Irdischen entsagt und mit 
dem Leben, welches gleich wie das Jahr zur 
Neige geht, abgeschlossen; sie sucht jetzt nur 
den Himmel. 

Infolge der sich immer umfangreicher ge¬ 
staltenden Geschäftstätigkeit erwiesen sich die 
Räume in Queens-Square als ungenügend, um 
gleichzeitig als Privatwohnung und Werkstätte 
zu dienen, so daß Morris sich entschloß, zu seiner 
Unterkunft und als Bureau daselbst nur zwei 
kleine Zimmer zu behalten. Mit seiner Familie 
bezog er, für den Stadtaufenthalt bestimmt, 1872 
Horrington-House in der damals noch sehr 
wenig entwickelten Londoner Vorstadt Turn- 
ham-Green und verblieb hier bis 1878. Viel¬ 
fach werden für die nicht näher Orientierten 
Schwierigkeiten durch den Namen „Keimscott“ 
hervorgerufen. Ihren Landsitz,Keimscott Manor* 
behielt die Familie bei; ,Keimscott House‘ in 
Hammersmith wird der Wohnaufenthalt nach 
Turnham-Green, das noch hinter Hammersmith 
liegt, während „Keimscott Press“, die Druckerei, 
nahe dem gleichnamigen Wohnhause sich befand. 

Zufällig traf Morris im Jahre 1873 in der 
Bodleian Bibliothek einen ehemaligen Universi¬ 
tätsgenossen, Mr. Bliss, der ebenso wie er nach 
Oxford gekommen war, um dort in mehreren 
Werken Nachstudien zu halten. Bliss war zur 
katholischen Religion übergetreten und wegen 
seiner Schriften persona gratissima im Vatikan 
geworden. Er wollte Morris bewegen, mit ihm 
nach Italien zu reisen, erhielt aber die charakte¬ 
ristische Antwort: „Vermag ich in Rom in 
bezug auf Kunst irgend welche anderen Ideen 
als in Whitechapel zu bekommen!?“ Mit Recht 
oder Unrecht ist Whitechapel bekanntlich einer 
der von den besseren Klassen gemiedensten Orte 
Londons. Was indessen Bliss nicht gelang, 
das brachte Burne-Jones zustande. Aber nach 
einem kaum vierzehn Tage dauernden gemein¬ 
schaftlichen Aufenthalte mit letzterem in Florenz 
und Siena hielt es Morris nicht mehr länger in 
Italien, und noch in demselben Sommer trat er 
in Begleitung Faulkners seine zweite Reise nach 
Island an. Auf dem Schiff lernte er einen 
hervorragenden Archäologen, Mr. Middleton, 
kennen, der auch viel von orientalischen Geweben 


77 


verstand und dessen Rat Morris bei der Her¬ 
stellung von Teppichen und Gobelins äußerst 
zustatten kam. Als eins der Resultate ihrer 
langjährigen Verbindung kann der gemeinsam 
verfaßte Artikel in der „Encyclopedia Britannica“ 
über Wandbekleidungen angesehen werden. 

Inzwischen hatten sich zwei feindliche 
Gruppen in der Firma selbst gebildet: auf der 
einen Seite Morris, Burne-Jones, Faulkner und 
Webb, auf der anderen Madox Brown, Rossetti 
und Marshall. Als die gegnerischen Ansichten 
sich im Jahre 1874 kräftiger auszubilden be¬ 
gannen, verließ Rossetti Keimscott Manor, um 
nie mehr dorthin zurückzukehren. Morris fühlte, 
daß es unmöglich sei, mit sieben Teilhabern 
zusammen, die weder durch Mittel noch durch 
persönliche Tätigkeit die Firma stützen wollten, 
weiter zu kommen. Er beantragte die Auf¬ 
lösung, aber Madox Brown, Rossetti und Marshall 
bestanden auf ihren Schein, d. h. sie verlangten 
die Liquidation unter der Voraussetzung gleicher 
Rechte und Teilung. Rossetti hat sich nach¬ 
mals damit entschuldigt, resp. seine Anhänger 
suchten ihn dadurch zu entlasten, daß er als 
Verwandter Madox Browns nur zwischen den 
Parteien vermitteln habe wollen; ferner habe 
er selbst durch seine bei der Gründung schon 
anerkannte Persönlichkeit als bedeutender Künst¬ 
ler von Ruf das wertvollste Aktivum mit in 
die Gesellschaft eingebracht; endlich heben 
Rossettis Freunde hervor, daß seine chro¬ 
nischen finanziellen Leiden und äußerst mißlichen 
Geldverhältnisse bei der Auseinandersetzung mit¬ 
gesprochen hätten. Genug, nach langwierigen 
und recht unliebsamen Unterhandlungen mit 
den drei Gegnern wurden diese befriedigt, und 
vom 31. März 1875 ab war Morris der alleinige 
Inhaber der Firma, die bis heute den Namen 
„Morris & Co.“ führt. Wenngleich Morris sich 
später auch mit Madox Brown und Rossetti 
aussöhnte, so war doch des letzteren Einfluß end¬ 
gültig gebrochen; er hat Morris auch nie wieder 
besucht. Es war übrigens wunderlich genug, 
daß zwei so eigenartige und herrschsüchtige 
Charaktere mit ihren vielfach diametral entgegen¬ 
gesetzten Neigungen so lange ohne Streit in 
nächster Berührung bleiben konnten. Wirklich 
bekannt wurde Rossetti dem größeren Publikum 
erst nach seinem Tode. Was seine „Poems“ be¬ 
sonders kennzeichnet, ist die plastische Schön¬ 
heit der Form, die Kraft und Melodie der 










78 


von Schleinitz, William Morris. 


Sprache, die dichterische Zartheit der Emp¬ 
findung und ein mit sinnlicher Anschaulichkeit 
verbundener Drang zu mystischer Versenkung. 
Mit ebenso großer Vorliebe als Kühnheit be¬ 
handelte Rossetti den ganzen Umkreis erotischen 
Empfindungslebens. 

Das Schwinden des Einflusses Rossettis 
auf die Arbeiten seines Schülers kann als ein 
so unmerkliches bis zu dem tatsächlichen Bruch 
bezeichnet werden, die Scheidegrenzen trugen 
so blasse Farben und griffen derart inein¬ 
ander über, daß es schwer fällt, mit absoluter 
Bestimmtheit zu sagen: hier in diesem Werk 
findet sich auch nicht ein einziger Zug des 
Meisters mehr. Bei Burne-Jones wird es viel 
leichter, wenigstens den Beginn der Befreiung 
von der künstlerischen Abhängigkeit Rossettis 
festzustellen. Dies geschah durch das im Jahre 
1863 fertiggestellte Aquarellbild „The merciful 
Knight“, der „vergebende Ritter“, ein Gemälde 
in dem Burne-Jones zum ersten Male in 
seiner Laufbahn ein Problem zu lösen sucht. 

Durch Ugolo Foscolo und den Vater Ros¬ 
settis, ebenso wie durch Panizzi, den nachmals 
durch den Beginn der Katalogisierung und als 
Erbauer des großen Lesesaals im British Museum 
so bekannt gewordenen Oberbibliothekar, 
wurde besonders das Studium Dantes und der 
italienischen Klassiker in England genährt. Der 
Vater Rossettis stand in engerer Verbindung 
mit Byron. In dem väterlichen Hause dichtete 
Christina Rossetti, während Michael einen Artikel 
für das jetzt so begehrte und seltene prä- 
raffaelitische Blatt „The Germ“ schrieb, das 
er vor einigen Jahren im Neudruck wieder 
herausgab. Während sich der Vater mit Dante 
beschäftigte, übersetzte Dante Gabriel den 
„Armen Heinrich“ von Hartmann von der 
Aue und Teile des Nibelungeliedes. Alles in 
allem war er einer der besten Menschen, hoch- 
begabt, aber zu schwärmerisch und kein aus¬ 
geglichener Charakter. Ein merkwürdiges 
Geschick hat es gewollt, daß Rossettis vorzüg¬ 
lichster englischer Biograph, H. C. Mariliier, nach 
Morris Tode Keimscott House in Hammers¬ 
mith bezogen hat und somit nach dem Ableben 
der beiden ursprünglich so großen Freunde 


die Ideen verbindung zwischen Morris und Rossetti 
auch über das Grab hinaus aufrecht erhalten 
bleibt. Jedenfalls wurde Rossetti das dauerndste 
Denkmal von Morris in Gestalt der Heraus¬ 
gabe seiner Werke durch die Keimscott Press 
gesetzt. Das zwanzigste Buch seiner Druckerei 
führt den Titel „Ballads and Narrative Poems 
by Dante Gabriel Rossetti “ und erschien, von 
Ellis & Elvey verlegt, am 14. Oktober 1893 mit 
ornamentalem Titel in 310 Exemplaren in 
schwarzen und roten Buchstaben auf Papier 
zu 2 Guineen und 6 auf Velin zu 10 Guineen. 
In gleicher Auflage, aber in 4 0 -Format, und 
zu demselben Preise erschien am 20. Februar 
1894 der als 20 a zu bezeichnende Band „Sonnets 
and Lyrical Poems by Dante Gabriel Rossetti“, 
wie jenes in dem Satz der Goldenen Type. 

„Hand and Soul. By Dante Gabriel Rossetti “ 
(Abb. 23), das 36. Buch aus Morris Offizin, 
dessen Originalität darin besteht, daß die Schrift 
sich von einem stilisierten Blumengrunde abhebt, 
der von vier in ungleicher Breite gehaltenen 
ornamentierten Bordüren eingefaßt wird, er¬ 
schien zuerst im „Germ“ und ist besonders 
deshalb interessant, weil wir hier in Form 
einer Art von Autobiographie einen tiefen Ein¬ 
blick in Rossettis mittelalterliche und mystische 
Anschauungsweise erlangen und vor allem sein 
innerer Kampf uns beschrieben wird, den Geist 
über den Körper siegen zu lassen. 

Das Kolophon besagt: „Here ends Hand 
and Soul written by Dante Gabriel Rossetti and 
reprinted from the Germ for Messrs. Way and 
Williams of Chicago, by William Morris at the 
Keimscott Press, Upper Mall, Hammersmith. 
Finished the 24 dl. day of October 1895. Sold 
by William Morris at the Keimscott Press.“ 

Dem Beginn des in Klein-Oktav gehaltenen 
Bandes wurde eine fünfzeilige Stanze in Versen 
von Bonggiunta Urbiciani aus dem Jahre 1250 
vorangestellt. Die Auflage für England betrug 
225 Exemplare auf Papier zu 10 Schilling und 
10 auf Velin zu 30 Schilling; für Amerika 300 auf 
Papier und 11 auf Velin zu gleichem Preise wie 
dort. Außerdem ist noch zu bemerken, daß 
das Kolophon für England etwas anders lautet 
als in den für Amerika bestimmten Exemplaren. 




Die Jahresernte deutscher Buchkunst. 

Von 

Dr. Wilhelm Niem eye r in Düsseldorf. 


| gSSjJttür eine Chronik der Buchkunst des 
B] Jahres 1905 mußte die Vollendung 

der Sattlersc/ien Nibelunge als das 
zentrale Ereignis gelten. Will man einen ähn¬ 
lichen Angelpunkt für die Entwicklung des 
Buchgefühls im Jahre 1906 bezeichnen, so wäre 
der auf der Dresdner Kunstausstellung in der 
Abteilung von Paradigmen technischer Stilistik 
erstmals in Deutschland gezeigte Druck des 
Goetheschen Faust auf der Doves Press als 
diese markante Schöpfung herauszuheben. 
Klarer als alle Urteile spiegeln signifikante Fakta 
von solcher Kontrastkraft den Fortgang im 
Wandel des Geschmackes. Der Stil der Nibelunge 
war beim Abschluß des Werkes Vergangenheit 
— wie ja chronikalisch seine Art den Jahren 
seines Beginnes, dem alten Jahrhundert, zuge¬ 
hört, als letztes, durch eine hohe individuelle 
Künstlerkraft monumentalisiertes Dokument 
jener Druckreform, die mit der Wendung zur 
deutschen Renaissance in Architektur und Ge¬ 
werbe Hand in Hand ging. Der moderne Sinn 
hat sich mit merkwürdiger Entschiedenheit von 
Sattlers Schöpfung abgewandt, unter unbilliger 
Geringwertung der Summe von genialer Er¬ 
findung, tiefsinniger Poesie und geistreicher 
Ironie in dem Werke. Die Unzulänglichkeit 
des Buchtechnischen und der Reproduktion 
verdeckt das alles gleichsam modernem Auge. 
Demgegenüber stellt der englische Druck, 
als ein rein technisches Gegenzentrum gegen 
die poetisierende Art der Nibelunge, das Ziel 
auf, dem auch unsere Buchform zustrebt: kein 
anderes als das, was in den englischen Büchern 
der Doves Press längst als Ideal des Buches 
gezeigt war, aber für uns erst wahrhaft lebendig, 
eindringlich werdend am Beispiel in deutscher 
Sprache, am Druck unserer höchsten nationalen 
Dichtung. Dies Ziel ist reinste typographische 
Schönheit, schmucklose Strenge, sachliche 
Eleganz des Schriftbildes und des Buches, 
Ausprägung eines übernationalen Ideals mo¬ 
derner kühler Delikatesse des Geschmacks. 

Die Lösung der Doves Press wird freilich 
nicht als Dogma gelten dürfen, imitatorisch 
anzueignen, sondern als ein Muster von Strenge 


und Reinheit des Buches, das individuelle Ver¬ 
wirklichungen fordert. Auf dem Grunde solcher 
krystallenen, lichten Buchschönheit ruhend, wird 
auch das bildgeschmückte Buch wieder ein 
wahrhaftes Ziel werden können, als Kunstwerk, 
aus künstlerischer Notwendigkeit, aus einem 
Überschwang geboren, aus schaffendem Be¬ 
dürfnis, nicht wie heute aus dem Verleger¬ 
interesse. 

Auf dem Wege von der älteren, verblassen¬ 
den Art schmückender Buchkunst zu der mo¬ 
dernen reiner Sacheleganz reiht sich das beste 
unserer momentanen Produktion, von dem ein 
Jahresüberblick Bericht zu geben hat. 

Das höchste Maß von Strenge und Schönheit, 
von Feierlichkeit des Buches, jedoch in einem 
archaisierenden Gefühl, in künstlicher Stimmung, 
technisch poetisierend, erwirkt der von Melchior 
Lechter geleitete Druck der Nachdichtung der 
„Herodias“ des Mallarme von Stefan George. 
Vollendet schön ist der Schmuck des Pergament¬ 
einbandes, wie denn Lechter — seine unver¬ 
geßlichen handgeschmückten Einbände, die die 
Berliner Buchkunst-Ausstellung im Lichthof des 
Kunstgewerbe-Museums 1905 zeigte, bewiesen 
es — unser erster Meister dieser Kunst ist. 
Der Druck der Dichtung steht blau, in Versal¬ 
satz aus strenger Antiqua, goldgesäumt, mit 
goldnem Namendruck auf japanischem Papier; 
zu Beginn und Schluß handgemalte Schmuck¬ 
stücke Lechters, voll stimmungshafter Symbolik, 
in Emailblau und Gold, romanisierend: Sterne ver¬ 
sprühendes Becken und umstirnte Leier. Wie 
in einem farbigen Psalterium klingen die silbrige 
Fläche und der amethystene Schimmer der 
Lettern zusammen. Im metallenen Typendruck 
aber wirkt solche Farbigkeit kalt und hart 
gegenüber der warmen Lebendigkeit einer alten 
Handschrift. Hier freilich ist diese metallene 
Schärfe vielleicht am Ort und in Harmonie mit 
dem Gefühl der Dichtung, mit dem Klang 
solcher Worte: 

ICH MAG NICHT, DASS MEIN HAAR WIE 
BLUMEN SEI — 

ES SEI WIE GOLD, FÜR IMMER FREI 
VON DÜFTEN 


8o 


Niemeyer, Die Jahresernte deutscher Buchkunst. 


GRAUSAMEN GLANZES ODER STUMPFEN 
SCHIMMERS, 

DES ERZES UNFRUCHTBAREN FROST 
BEWAHREND — 

ZÜNDE DIE FACKELN 
DA DAS WACHS IM LEEREN GOLDE 
SELTSAM WEINT. 

Im gesamten ist der Druck ein edelstes Kunst¬ 
werk des Typographischen, ein aristokratisches 
Buch. 

Es ward in nur sieben Abzügen gedruckt. 
Hiergegen ist zu sagen, daß bei solcher Ent¬ 
schlossenheit des Odi profanum eine Verviel¬ 
fältigung durch Druck unlogisch ist. Denn 
Druck ist Maschine, Masse, Publizität. Die 
ästhetisch höhere Lösung wäre in solchen ex¬ 
zeptionellen Fällen intimer Buchreserve das 
handgeschriebene Buch, in Gold und Farben¬ 
schmuck, das in England Johnsons Schule 
wiedererweckt hat. Für Deutschland führte 
diese kalligraphische Kunst das Evangeliar einer 
deutschen Schülerin Johnsons, Fräulein Anna 
Simons, ein, das auf der Dresdner Ausstellung 
im „Empfangssaal“ von Peter Behrens auslag. 
Im Druck behält das Typenbild etwas mate¬ 
rielles; Gassen sind nicht ganz auszuschalten. 
Der prachtvolle Rhythmus der monumentalen 
Unziale der antik-frühchristlichen Jahrhunderte 
dieser Handschriftkunst gibt dagegen eine leben¬ 
erfüllte individuelle Schönheit, die feierlicher 
Sprache schönster Gegenklang wäre. 

Einen Versuch mit solchem handschriftlichen, 
reproduzierten Buch hat der Insel-Verlag, noch 
immer die stärkste kultivierende Macht unseres 
Buchdrucks, in der Ausgabe der „Basia“ des 
JohannesSecundus, gemacht, des humanistischen 
Poeten, den ein Goethegedicht apostrophiert. 
Der Versuch ist völlig mißglückt und eine wahre 
Summation von Geschmacklosigkeiten heraus¬ 
gekommen. 

Dagegen hat der Insel-Verlag mit dem Be¬ 
ginnen, jene Tendenz zu streng typographischer 
Druckvollendung aufzunehmen, entschieden Er¬ 
folg gehabt. Rudolf Alexander Sehröders „So¬ 
nette zum Andenken an eine Verstorbene“, wo 
nichts spricht als die keusche Schönheit rein ge¬ 
schnittener Lettern, eins der schönsten deutschen 
Bücher, vertrat bereits dies aristokratische Ideal. 
Der neuere Gedichtband Sehröders, „Elysium“, 
ist völlig im Typus der Doves Press, vom 
weich gespannten ockerfleckigen Pergament 


bis zu den einfachen Versalen in Purpurdruck, 
die als optischer Auftakt die Gedichte zieren. 
Dennoch ist eine leise Verdeutschung, motiviert 
vor allem durch die Typenform, die straffer, 
metallischer ist, wohl zu spüren. Derartig ver¬ 
ständnisvolle Aneignung feinster fremder Werte 
ist nur zu begrüßen. Der Ruhm dieser hier er¬ 
reichten höchsten Bucheleganz fallt zum wesent¬ 
lichen Karl Ernst Poeschel, unserem feinsinnig¬ 
sten Meister des Druckes und künstlerisch 
kultiviertestem Verleger zu. Ein glänzender 
Effekt seiner Druckkunst war auch der pracht¬ 
volle Prolog Hugo von Hofmannsthals zu 
Ludwig von Hofmanns Lithographien „ Lanze“. 
ln bester Weise verdeutscht sind englische 
Anregungen in dem feingedruckten Bändchen 
Wildescher Essays, „ Romantische Renaissance “, 
denen Fr. Blei eine geistvolle Vorrede, W Tic¬ 
mann vortrefflich geschriebene Schrifttitel gab. 
Gewählt wirkt auch der Einband in grau-rot, wie 
denn / / ilde mit dem Einband zu „In Memoriam “ 
schon einmal einer der geschmackvollsten Ein¬ 
bandtypen geschenkt ward. Als elegante und 
kultivierte Bücher brachte der Verlag einen 
neuen Band der Werke von Willi. Heinse, das 
tiefsinnig poesievolle „Stundenbuch“ R.M. Rilkes, 
einen Neudruck der wundervollen Mozartnovelle 
Mörikes, und, für wissenschaftliche Werke vor¬ 
bildlich : Julius Meyer-Graefes „Corot und 
Courbet“ und „Der junge Menzel“. 

Die feinsten deutsch charakterisierten Bücher 
des Insel-Verlags verdanken Walther Tiemann 
Schmuck und Ausstattung. Die Übersetzung 
der „ Fiametta “ des Boccaccio folgt getreu der 
früheren köstlichen Ausgabe des Decamerone. 
Einen ausgezeichneten Schrifttitel schuf der 
Künstler zu Michael Lermontojf: „Ein Held 
unserer Zeit“, in vollendeter Harmonie des 
Schriftbildes gezeichnet, elegant in Schwarz 
und Rot gedruckt. Auch der Einband, der den 
Titel in Gold auf Grün bringt, ist meisterhaft. 
Einen in der Schriftwirkung ausgezeichneten 
Titel zeichnete Tiemann auch für Carl Larssens 
„Schwester Mariana“. 

In neuer Auflage erschien die Übersetzung 
von Oskar Wildes „Granatapfelhaus“, mit Hein¬ 
rich Vogelers schöner Titelzeichnung, die zum 
besten unserer gesamten Produktion gehört. 
Die Bildseiten der ersten Ausgabe fehlen zum 
Vorteil der Wirkung. Die ganze Seite buch¬ 
mäßig zu beherrschen, übersteigt die Kraft 







Niemeyer, Die Jahresernte Deutscher Buchkunst. 


81 


der zarten Kunst Vogelers. Nun die lieblichen 
Initialen, die er für die einzelnen Geschichten 
zeichnete, allein sprechen, geben sie einen so 
anmutigen lockenden Vorklang der Dichtungen, 
daß dem ganzen Buch erhöhte Stimmung ge¬ 
wonnen ist. 

Wie sehr dem Buche solche weise Zurück¬ 
haltung und Klarheit wohltut, zeigt als Gegen¬ 
beispiel die Seitenbehandlung in Oscar Wildes 
„Gespenst von Canterville ic . 

Der Künstler gab ganzseitige Bilder, ohne 
Kraft und Charakter, und führte bei den Initialen 
den Rankenschmuck oben und innen bis zum 
Rand des Spiegels, wodurch ein höchst zer¬ 
rissenes Bild des Textes entsteht. 

Bilderschmuck von höchst geistreicher und zu¬ 
gleich buchmäßiger Prägung gab Franz von 
Bayros der Übersetzung von Murgers „Boheme“. 
Der Druck ist musterhaft knapp und elegant, die 
Zeichnungen sind höchst pikant in der Bewegung 
der Bildarabeske und der Licht-Schattenkontraste. 
Diese Kunst ist eine geistreiche Verschmelzung 
Menzelscher, Klingerscher und Beardsleyscher 
Art mit dem Vorbild des japanischen Holz¬ 
schnittes, geeint in einer individuellen Rokoko¬ 
note. Etwas völlig modernes gibt dem Schmuck 
die Ausbeutung der Effekte des Klischeedruckes, 
vor allem die gegen die alte Linienmanier, die 
optisch harmonisch die Fläche mit dem Strich 
füllte, sehr pikante Einfügung satter, flächiger 
Schwarzeffekte, der die reinen Weißflächen des 
Papiers gleichwertig antworten. Zwischen beiden 
Flächenextremen blitzt und perlt die Zeichnung 
in Schraffuren, Flecken, Karos, dem japanischen 
Holzschnitt entlehnt und in Schwarz-Weißspiel 
übertragen. Druckbild und Illustration stimmen 
überraschend zusammen. Übrigens darf man 
fragen, ob es nötig war, dies Werk als Über¬ 
setzung zu geben, sogar philiströs mit einem 
literarhistorischen Vorwort beschulmeistert, und 
dem schönen Druck damit den echten Ton 
seiner Sprache zu rauben, den Charme seiner 
Plauderei. 

Unsere Buchkunst richtet sich überhaupt 
viel zu viel auf Übersetzungen. Das englische 
Beispiel gibt auch hier den höheren Stilbegrifif: 
„Faust“ und „Buch der Lieder“ bleiben in eng¬ 
lischer Buchkunst deutsch. 

Eine Liebhaberei des Insel-Verlags werden 
immer mehr Faksimilenachbildungen alter cha¬ 
raktervoller Druckwerke. Goethes „Römischer 
Z. f. B. 1907/1908. 


Karneval“ wurde mit den Kupfern, das „Leip¬ 
ziger Liederbuch“ von 1770 mit den Noten 
faksimiliert. 

Gleims „Lieder eines Grenadiers“ wurden 
mit neuen Typen, aber völlig im alten Bilde 
wiederholt, Raspes „ Wunderbare Reisen des 
Freiherrn von Münchhausen “ von 1788 mit 
Bürgers Vorrede als löschpapiernes Bändchen 
nachgebildet. Am Ende bleiben das doch nur 
Kopien, in die vom Esprit des Konkreten, vom 
historischen Duft nichts eingeht. Der Glaube 
an solche Nachbildungen — auch die „Hypne- 
rotomachia Poliphili“ gab ein englischer Verlag 
als Faksimiledruck — ist Irrtum: Goethes Lieder¬ 
buch mit den zerquetschten Noten und Typen 
ist zum Beispiel einfach häßlich. Das ganze 
Streben hat mehr Gelehrtenhaftes als Buch¬ 
künstlerisches. 

Neben der Insel ist noch immer vor allem 
als der Verlag kultursuchender Bücher Eugen 
Diedenchs in Jena zu nennen, der das künstlerisch 
Beste Emil Rudolf Weiß dankt. 

Die Hölderlin-Aus gäbe des Verlags ist bis jetzt 
der schönste Klassikerdruck, den wir haben. 
Gerade dieser Dichter wäre freilich stilvoller 
in Antiqua gedruckt worden! — Dann sind alle 
Bücher vom Typus der Plato-Ausgabe durch 
Ruhe und Ernst des Druckes ausgezeichnet, 
Plotin und G. Bruno ; ein wunderschönes Buch 
ist Martins „Deutsches Badewesen“; sehr rein als 
Frakturdruck Thoreaus „Waiden“ ; prächtig und 
altertümlich markig der „Cherubinische Wanders¬ 
mann“. Ein Mißgriff war die Verwendung der 
Grassettype im Druck der „ Erzieher zur deutschen 
Bildung“. Trefflich aber isi der Weißsche Ein¬ 
band dieser Serien. Ausgezeichnet weiter Soren 
Kierkegaards „Buch des Richters“. 

Diesen älteren, Buchkultur erstrebenden 
Unternehmungen schließen sich erfreulicher¬ 
weise jüngere an. Der Verlag Julius Zeitler in 
Leipzig brachte als originelles Büchlein des 
Anthoine de la Sale „Fünfzehn Freuden der Ehe“. 
Mit guten Mitteln, Huppscher Type, gelb-kräf¬ 
tigem Papier, Tiemannschen Initialen in Rot¬ 
druck, ist ein sinnvolles Archaisieren getrieben. 
Prächtig gelungen ist der Einband, das Ganze 
eins der gelungensten Bücher unserer Produktion. 
Gut als Buch, mit sehr geglücktem Einband, 
auch von Tiemann, „ Worte Napoleons “, ganz 
ausgezeichnet die „Liebesbriefe aus neun Jahr¬ 
hunderten“. Die Zeitler und dem Insel-Verlag 

11 




8 2 


Niemeyer, Die Jahresernte Deutscher Buchkunst. 


gemeinsame Kunst W. Tiemanns gibt diesen 
Werken trotz der derberen Originalität etwas 
vom Inselhabitus. 

Mit einem buchkünstlerisch recht geglückten 
ersten Versuch trat ein neuer Verlag auf den 
Plan, Schmitz & Olbers in Düsseldorf: einer 
von Fritz Hellmuth Ehmcke ausgestatteten und 
geleiteten Übersetzung aus Wildes-. „Der Priester 
und der Ministrant“. Für Einband, Vorsatz, 
Titel und Druckbild fand der Künstler originale 
Formen, so daß ein höchst eigenartiges Ganze 
entstand. Hier ist durchdachte Druckschönheit 
und Eleganz des Materiellen Basis für sinn¬ 
volle Gestaltung und logischen Schmuck und 
damit wurde diesem Druck eine individuelle 
Buchkraft gewonnen: eine der sichersten und 
interessantesten Buchschöpfungen des Jahres. 
Wenn etwas stört, ist es die Symbolik der 
Initialen. Der Erfolg liegt sehr darin, daß der 
Künstler auch das Fundament schuf, Format, 
Material, Druckbild bestimmte. Damit ist der 
Weg der Zukunft betreten, die rechte Form 
der Zusammenarbeit von Verleger und Künstler 
gezeigt. 

Die Bücher aus Axel Junkers Verlag in 
Berlin sind gleichfalls vom Künstler gestaltet. 
Fr. W. Kleukens gab gute Titelblätter und 
Vignetten zu Albert Geiger, „Roman Werners 
Jugend “ und „Georg Dahna u . Bunt unbuchmäßig 
ist der Titel zu Georg Eisenstadts „Gedichte“, 
wie überhaupt die farbigen Effekte dieser Bücher 
leicht versagen. Es sind sympathische Bemüh¬ 
ungen um unsere Buchkunst, die uns bei diesem 
Verlag begegnen. Möge aus ihnen ein sicherer 
Stil erwachsen. Sehr zu begrüßen sind auch 
die Versuche des Verlags, gute Einbandkunst 
zu pflegen, durch feine Papiere und Vignetten¬ 
aufdruck auf Lederbände Geschmackvolles zu 
schaffen. 

Aus der Ernte des Jahres möge weiter das 


beste genannt sein. Bei S. Fischer in Berlin 
RudolJ Kaßners Essayband„Motizr“, mit Bradley - 
artigem Titel; Kellermann, „Ingeborg 1 , mit sehr 
schönem Titel und Einband von Weiß. Auch 
Muthers „Belgische Malerei“ hat einen vortreff¬ 
lichen Einband. Der Titel aber, dünne Or¬ 
chideenlinien von M. Behmer, steht in keinem 
harmonischen Bezug zur Art des Buches. Ein 
schönes Druckwerk sind die Heinebriefe des 
Panverlags, ganz ausgezeichnet ist die Über¬ 
setzung von Rabelais' „Gargantua und Panta- 
gruel“ im Verlag von Georg Müller in München. 
Diese Publikation ist nach Inhalt und Form eine 
wahre Freude. Der Verlag von Jidius Bard in 
Berlin bringt als „Hortus deliciarum “ eine Serie 
erlesener literarischer Werke. Somojf zeichnete 
als Deckelschmuck eine graziöse Ornamentik, 
für den Klischeedruck aber als zu zart un¬ 
geeignet. Die Bändchen sind sehr geschmack¬ 
voll, wenngleich auf dem Niveau einer gewissen 
Massenherstellung und Popularisierung gegebener 
Kunstwerte. 

Ein Schlußblick auf die gesamte Bücher¬ 
produktion zeigt gutes Streben, aber das meiste 
auf mittlerem Niveau, viel künstlerische Be¬ 
tätigung, aber unkonzentriert, meist Atrappe. 
Die günstigste Fortentwicklung wäre es, wenn 
eine Scheidung einträte: wenn das normale 
gute Buch schmucklos bliebe, sich zur englischen 
Exaktheit, Feinheit des Materials und Druck¬ 
solidität bekennen, die künstlerische Kraft ander¬ 
seits zu Kunstwerken des Druckes und des 
Buches zusammengeballt würde. Künstlerische 
Hilfe müßte auch für dieses elementare des 
Materiellen und Technischen nachgesucht werden. 
Das Publikum müßte lernen, solche anonyme 
künstlerische Kraft zu werten. Dann könnte 
ein buchgewerbliches Niveau entstehen, auf 
dem das Buch als Kunstwerk im höchsten 
Sinne möglich wäre. 







Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


Von 

Dr. Alfred Semerau in München. 


enn ein Reisender, der sich für ge¬ 
schichtliche Altertümer und antike 
Bauten interessierte, vor sechzig Jah¬ 
ren zu der alten Residenz Ludwig XL, dem 
Schloß Plessis-les-Tours, kam, zeigte man ihm 
ein allein noch aufrecht stehendes Türmchen: 
„Hier kerkerte ein König seinen Vater ein und 
ließ ihn Hungers sterben.“ 

In diesen Worten hat sich die Auffassung 
des Volks von dem Verhältnis Ludwigs XI. zu 
seinem Vater Karl VII. präzisiert. Es ist eine 
Mythe, wie man deren in der Geschichte so 
viele trifft; doch auch in dieser ist Wahrheit 
und sie baut sich auf Geschehnissen auf, die 
später das Volk sich zurechtlegte, in allem 
Nebensächlichen willkürlich änderte, doch im 
letzten Grunde nicht angetastet hat. 

Karl VII. lebte mit Marie von Anjou nicht 
glücklich, er kümmerte sich auch kaum um 
seinen Erben, überließ ihn und seine Erziehung 
vielmehr ganz der Mutter. Kein Wunder, wenn 
der Sohn, der von Anfang an in kein näheres 
Verhältnis zum Vater trat, mit den Jahren ihm 
immer fremder wurde. Ludwig und Marie 
mußten sich mit wenigem begnügen, lebten 
in engen, ja dürftigen Verhältnissen, indes Karl 
und Agnes Sorel, seine Geliebte, in fürstlicher 
Pracht sich zeigten. Agnes Sorel lebte, „als 
wäre sie die Königin gewesen“ 1 und gab ihrem 
Triumph durch freche Bemerkungen über Marie 
von Anjou lauten Ausdruck. War schon Lud¬ 
wig darüber erbittert, daß die Königin schlecht 
behandelt und knapp gehalten wurde, so war er 
empört, als die Maitresse seine Mutter ver¬ 
spottete. Einmal soll er in seiner Erregung 
Agnes Sorel eine Ohrfeige versetzt haben; 
daß er bei ihrem Tode bezichtigt wurde, 
sie durch Gift aus dem Wege geschafft zu 
haben, ist nach seinem ganzen Verhalten der 
Geliebten seines Vaters gegenüber verständlich. 
Doch trifft ihn nicht der mindeste Verdacht, 


wenn man diese Beschuldigung auf ihre Wahr¬ 
heit hin prüft. 

Der Gegensatz zwischen Ludwig und Karl, 
genährt durch die geringschätzige Behandlung 
der Königin und des Thronerben, gefördert 
durch fundamentale Charakterunterschiede, war 
so groß, daß Ludwig sich in Frankreich nicht 
mehr für sicher hielt und flüchtete. Eines Tags 
ritt er, wie es schien, mit sechs Vertrauten zur 
Jagd. Er wandte sich aber eilenden Pferdes 
nach Burgund und machte erst in einer kleinen 
Stadt der Freigrafschaft, Saint-Claude, Halt. 
Hier schrieb er seinem Vater: der Burgunder¬ 
herzog als Gonfaloniere der Kirche habe die 
Absicht, gegen die Türken zu ziehen, und seine, 
des Dauphin, Pflicht wäre es, an diesem Kriege 
teilzunehmen. Er hätte aber auch den dringen¬ 
den Wunsch, gegen die Ungläubigen zu kämp¬ 
fen. Um von des Herzogs Plänen mehr zu 
erfahren, sei er nach Burgund aufgebrochen. 
Karl konnte sich durch diesen Brief nicht 
täuschen lassen. Er warnte Philipp von Bur¬ 
gund vor seinem Sohn und sagte: „Er nimmt 
den Fuchs bei sich auf, der ihm seine Küch¬ 
lein fressen wird.“ Ludwig mochte selbst daran 
gedacht haben, daß der Herzog ihm die Auf¬ 
nahme verweigern könnte; er war entschlossen, 
wenn in Burgund seines Bleibens nicht war, in 
England, bei dem alten Feinde Frankreichs, 
seine Zuflucht zu suchen. 

Der Herzog, der damals Utrecht belagerte, 
gab Befehl den Dauphin mit allen Ehren zu 
empfangen. So geschah es auch seitens der 
Herzogin und der Gräfin von Charolais, ihrer 
Schwiegertochter, mit allem steifen Zeremoniell 
des burgundischen Hofes. Fünf Jahre, bis zum 
Tode Karls, blieb Ludwig in Burgund. Philipp 
bemühte sich aufrichtig, Vater und Sohn wieder 
zu vereinigen; umsonst. 

Am Ende seiner Tage reute es Karl, daß 
der Sohn in der Ferne und Fremde weilte. 



1 Es ist eine Legende, daß Agnes Sorel Karl belebte und anfeuerte, daß ihr Rat und ihre Meinung dazu beitrug, 
die Engländer aus Frankreich zu jagen; denn erst acht Jahre nach dem Frieden von Arras, als er wieder in Paris als 
seiner Hauptstadt eingezogen war, und die Engländer, überall aus Frankreich gejagt, auch die wenigen Städte noch, die 
sie besaßen, verloren hatten, wurde sie seine Maitresse. 




8 4 


Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


Eine Annäherung hätte schließlich doch statt¬ 
gefunden, wenn nicht Ludwig gegen Karls 
Liebling, den Grafen von Dampmartin, neue 
Intriguen gesponnen hätte. Er wußte ihn so 
geschickt zu verdächtigen, daß der König ihn 
verbannte. Karl lebte in ständiger Furcht vor 
dem Sohn. Man erzählte ihm, Ludwig hätte 
viele ergebene Freunde am königlichen Hofe; 
er erführe in Genappe, seinem Wohnsitz, alles, 
was sein Vater tue; alle Leute in seiner Um¬ 
gebung täten täglich Gelübde für den Tod des 
Königs; die einen befragten deshalb die Astro¬ 
logie, die anderen die Nekromantie, und Lud¬ 
wig begünstigte und förderte dies alles. 

Unruhe und Schrecken erfüllten den König; 
ihn widerte Speise und Trank an. Wessen 
mußte er sich von diesem Sohn, dessen Bos¬ 
heit, List, verbrecherische Absichten von allen 
Seiten und unverhüllt ihm entgegentraten, nicht 
vergegenwärtigen ?! — 

Er erfuhr, daß Dampmartin schuldlos war, 
daß ihn Ludwig nichtswürdig verleumdet hatte, 
und rief ihn zurück. Des Grafen erstes Wort 
war, als er ihn sah: „Wie steht es um Euere 
Gesundheit, Sire?“ — „Elend, Graf von Damp¬ 
martin.“ — „Ich bitte, gnädiger Herr, nehmt 
Speise zu Euch. Fürchtet niemand! Jeder hier 
würde in den Tod für Euch gehen. Ist jemand 
verdächtig, so soll man ihm den Prozeß machen. 
Ist er schuldig, dann sollen ihn vier Pferde 
zerreißen.“ — „Ich stelle es Gott anheim, meinen 
Tod zu rächen.“ Als Dampmartin darauf be¬ 
stand, daß er esse, sagte er: „Ich will gern, 
doch Ihr selbst müßt mir eine Brühe holen und 
sehen, wie sie bereitet wird.“ Der Graf brachte 
sie ihm: „Sire, kostet davon. Ich bürge mit 
meinem Leben dafür, daß nur Gutes in ihr ist.“ 
— „Graf von Dampmartin, ich traue Euch.“ 
Karl führte einen Löffel Suppe an die Lippen, 
brachte sie aber nicht mehr hinunter; sein 
Hals war ihm wie zugeschnürt. Da sagte er: 
„Ach, Graf von Dampmartin, Ihr verliert in 
mir die schönste Rose Eures Hutes! Nach 
meinem Tode werdet Ihr viel zu schaffen haben. 
Ich bitte, vergeht nicht den Dienst des kleinen 
Herrn Karl, meines Sohnes.“ Danach ließ er 
den Priester rufen, beichtete und starb. 

So erzählt die Chronik das Ende Karls. Das 
Volk dichtete aber den Zwist zwischen Vater 
und Sohn und das Ende des Königs um und 
sagte vor dem letzten Turm des Schlosses 


Plessis-les-Tours: „Hier kerkerte ein König 
seinen Vater ein und ließ ihn Hungers sterben.“ 

Am Martinstage des Jahres 1456 ritt Lud¬ 
wig in Brüssel ein, im Juli 1461 verließ er 
Burgund, um seinem Vater in der Regierung 
zu folgen. Während dieser Jahre residierte er 
im Schloß Genappe, das ihm Philipp als Wohn¬ 
sitz zuwies. Der Herzog zahlte ihm auch 
monatlich zu seinem Lebensunterhalt drei¬ 
tausend Gulden. Die ganze Zeit herrschte 
zwischen Wirt und Gastfreund vollkommene 
Eintracht; nur zwischen Ludwig und dem Gra¬ 
fen von Charolais, späterem Herzog Karl dem 
Kühnen, kam es öfters zu Reibungen. Der 
Dauphin liebte es, den leicht auffahrenden Grafen 
zu reizen. 

An der Grenze des Hennegaus, von Wäl¬ 
dern umgeben, ein reizvoller Aufenthalt, „pour 
deduit de chiens et d’oiseaux“, sechs Meilen 
von Brüssel, an der Dyle zwischen Nivelle und 
Gemblours lag Schloß Genappe, einst Mitgift 
und Wohnsitz von Ida, der Mutter des be¬ 
rühmten Gottfried von Bouillon. Heute findet 
man keine Spur mehr von dem Schloß. Sein 
Plan ist uns aber erhalten geblieben. Die 
Schloßgebäude lagen an der Dyle, mit dem 
Ufer durch eine hölzerne Brücke verbunden, 
der auf der Schloßseite eine Zugbrücke ent¬ 
gegenkam. Wenn man einen ziemlich großen, 
von Gärten und Fruchtbäumen umgebenen Hof 
durchschritt, gelangte man zur ersten Brücke. 
Zwei Türme flankierten den Eingang, zwei andere 
erhoben sich auf der linken Seite. Der ganze 
Bau bestand aus vier ungleich verteilten Massen, 
auf jeder Seite dehnte sich ein großer Hof aus. 
Links trat eine Kapelle hervor; auf derselben 
Seite, durch einen fünften viereckigen Turm 
verteidigt, lag ein von den andern getrenntes 
Gebäude. War in der Nacht die Zugbrücke 
hochgezogen, so war weder Angriff noch Über¬ 
fall zu fürchten. 

In diesem Schloß, das in blühender Land¬ 
schaft, von einem ruhig gleitenden Fluß um¬ 
geben lag, ließ sich Ludwig es wohl sein. Tags¬ 
über zog er mit seinen Getreuen durch die 
Umgegend, besuchte die benachbarten Edel¬ 
leute, sprach die Bauern an, vergnügte sich 
bei ihren ungeschminkten Reden, ritt auf die 



Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


85 


Jagd, 1 abends gab er sich den Freuden der 
Tafel hin. Da hörte er gern oder erzählte 
wohl selbst eine der witzigen Geschichten, aus 
denen später, so berichtet die Literaturlegende, 
die Sammlung der Hundert neuen Novellen er¬ 
wachsen ist. Er war, wie sich bei seinem Rang 
von selbst versteht, in Genappe von einem 
seiner würdigen Hofstaat umgeben. Unter den 
Edelleuten seiner Umgebung finden wir den 
Herrn von Montauban, den Bastard von Ar¬ 
magnac, die Herren von Craon, Cressols, 
Villiers, Estang, Lau, de la Barde, Gaston du 
Lyon und verschiedene andere. Wo er, schreibt 
Olivier de la Marche in seinen Memoiren, Edel¬ 
leute von Ruf und Ansehn wußte, erkaufte er 
sie sich mit Gold. Doch argwöhnisch, wie er 
war, jagte er seine Diener ebenso leicht von 
sich, wie er sie an sich zog. 

Der Dauphin hörte am liebsten zu seiner 
Unterhaltung Geschichten erzählen und der, so 
versichert Brantöme, der ihm die schlüpfrigste 
Geschichte von Freudenmädchen erzählen 
konnte, war ihm am herzlichsten willkommen. 2 
Ludwig selbst erzählte auch derartige Histör¬ 
chen, er erkundigte sich angelegentlich nach 
ihnen und gab sie öffentlich an der Tafel zum 
besten. Dann kam es wohl zu großem Skandal. 
Er hatte eine sehr schlechte Meinung von den 
Frauen und hielt keine einzige für keusch. 

Zur Erinnerung an die in Genappe verlebten 
schönen Stunden hat Ludwig, so sagt die 
Legende, die hundert neuen Novellen verfaßt oder 
verfassen lassen. Und Walter Scott erzählt 
auch so in seinem „Quentin Durward“. 

Diese Ansicht hat sich behaupten können, 
bis Thomas Wright das einzige Manuskript 
der Novellen fand, aus dem hervorging, daß 
Ludwig nichts mit den Novellen zu schaffen 
hatte, daß sie gar nicht auf sein Geheiß, sondern 
auf das Herzog Philipps von Burgund geschrieben 
waren, und bis Ludwig Stern unwiderleglich be¬ 
wies, daß AntJioine de la Sale ihr Verfasser war. 

Wir wissen von dem ersten großen Dichter 


der neueren Zeit, dem Schöpfer des franzö¬ 
sischen Romans und der französischen Novelle, 
wie ihn Grisebach genannt hat, wenig genug, 
und was wir von ihm berichten können, er¬ 
fahren wir gelegentlich nur aus seinen Schriften. 

Anthoine de la Sale wurde im Jahre 1388 
in der Provence geboren und kam schon früh 
aus der Heimat. Als Achtzehnjähriger finden 
wir ihn in Messina. Von hier reiste er mit 
anderen Edelleuten nach den in der Nähe 
Siziliens liegenden Inseln. Vielleicht hat er am 
Kriege Ludwig III. von Anjou teilgenommen, 
der Neapel zu erobern gekommen war. Zwei 
Jahre später ist er in Brabant, dann in Flandern. 
Sechsundzwanzigjährig führte ihn seine Kriegs¬ 
lust nach Portugal. König Johann plante einen 
großen Feldzug gegen die Ungläubigen. Im 
Juli 1415 stach das portugiesische Heer, dem 
sich Kriegslustige und Abenteurer, besonders 
aus Frankreich und Flandern, anschlossen, in 
See: Ceuta sollte erobert werden. Nach heißem 
Kampf gelang dem Vortrab die Eroberung 
Alminas. La Sale erzählt kurz von dieser Ex¬ 
pedition; von seinen eigenen Taten aber nichts. 

Als er aus Portugal zurückkehrte, widmete 
er sich dem Dienste der Anjou. Er begleitete 
Ludwig III. nach Italien. Während seines 
Aufenthalts in Neapel machte er am 20. Mai 
1420 den Ausflug nach dem Berg der Sibylle 
bei Norcia, den er in einem interessanten Ka¬ 
pitel der „Salade“ geschildert hat. Neun Jahre 
lang verlieren wir nun La Sale aus den Augen 
und finden ihn wieder als Landrichter in Arles. 
Doch blieb er es kaum ein halbes Dezennium; 
König Rene, Ludwigs Nachfolger, wählte ihn 
zum Erzieher seines ältesten Sohnes, Johann 
von Calabrien. Ihm widmete La Sale eine auf 
Renes Bitte für den Unterricht Johanns ver¬ 
faßte Schrift, „La Salade“. Gegen Ende der 
dreißiger Jahre ist er abermals in Italien: wäh¬ 
rend Alfons von Aragon Neapel belagert, ist 
ihm die Hut des Schlosses Capouanna anver¬ 
traut. Mit Rene kam wohl auch er heim. 


1 Comines, sein Biograph, erzählt, daß er sich besser als jeder andere seiner Zeit auf die Jagd verstand. 

2 Ludwig, der sich über Bonmots, naive Erwiderungen und ergötzliche Geschichten herzlich freuen konnte, ließ sich 
seinen Vertrauten gegenüber sehr gehen, wie das z. B. seine Antwort an Herrn von Crussoles beweist. Im Jahre 1466 
ließ der König zu Paris verkünden, alle Personen, gleichviel welcher Lage und welchen Standes, vom sechzehnten bis 
zum sechzigsten Jahre, sollten aus der Stadt in Waffen und Rüstung rücken. Es zogen wohl achtzigtausend, der größte 
Teil der Pariser Bevölkerung, jeder unter seiner Standarte oder seinem Banner, heraus. „Glaubt Ihr, Sire,“ fragte da 
Herr von Crussoles den König, „daß es in dieser Masse mehr als zehntausend gibt, die zehn Lieues ohne Rast reiten 
können?“ — „Meiner Treu, Herr von Crussoles,“ versetzte der König, „ich glaube bestimmt, ihre Frauen reiten besser 
wie sie.“ Additions aux Memoires de Comines, Edit. de Lenglet, tom. II pag. 225. 




86 


Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


1445 wird er als anwesend bei den Turnier¬ 
kämpfen von Nancy, drei Jahre später als Preis¬ 
richter bei den von Saumur genannt. Er hat, 
wie wir aus den „Comptes domestiques et ori- 
ginaux de Rene“ ersehen, am Hofe der Anjou 
ein Amt bekleidet. Im Juni 1448 ging La Sale 
für immer aus ihrem Dienst und folgte Louis 
von Luxembourg, Grafen von Saint-Pol, als 
Erzieher seiner drei jungen Söhne. Er be¬ 
gleitete ihn auch nach Genappe an den kleinen 
Hof Ludwigs. Er wird als einer der Erzähler 
der hundert neuen Novellen genannt. Er war 
damals ein Siebziger und hat noch sechs Jahre 
gelebt. Über diese letzte Zeit sind wir wenig, 
wie über so manche Periode seines früheren 
Lebens, unterrichtet. Als Saint-Pol nach Frank¬ 
reich mit Ludwig zurückging, folgte er ihm 
wohl; vielleicht starb er sogar in seinem Dienst. 

Trotz seines Wander-, Hof- und Kriegs¬ 
lebens, das ihn von Land zu Land, von Stadt 
zu Stadt führte, fand La Sale Zeit und Muße 
zu großen literarischen Werken, die ihm meist, 
man möchte sagen, Bitte oder Befehl irgend 
eines hohen Herrn abnötigten: auf Wunsch 
König Renes schrieb er „La Salade“, auf Bitte 
Herzog Johanns den „Roman vom kleinen Hans“, 
auf Ersuchen Herzog Philipps von Burgund 
die „Hundert neuen Novellen“. 

„La Salade“ gibt einen Traktat ciceronischer 
Moral, Extrakte aus Frontin, eine Legende 
vom Paradiese der Königin Sibylle, die Chro¬ 
nik der Könige von Sizilien und zahlreiche 
Einzelheiten über das Zeremoniell der Höfe, 
die Wappenkunde, die Kriegskunst und die 
Turniere — ein Buch in usum Delphini, wie 
es Ludwig Stern charakterisiert, das aber der 
Antiquar als eine reiche Fundgrube mittelalter¬ 
lichen Ritterwesens wird nachschlagen können. 

Von Schloß Chasteller an der Oise datiert 
er 1451 sein Louis von Luxemburg gewidmetes 
Buch „La Salle“ 1 * * * [des histoires], eine Auswahl 
von Geschichten aus der Weltgeschichte wie 
aus der Geschichte der Heiligen, ähnlich einem 
späteren oft gedruckten Werk „Le mer des 
histoires“, einer Bearbeitung der lateinischen 
„Rudimenta noviciorum“ des Johannes Columna. 
Dem größeren Werk folgten zwei kleinere 


Schriften: die erste [Lettre ä Louis de Luxem¬ 
bourg] ein Turnierbuch, die zweite eine Trost¬ 
schrift an Madame de P'resnes über den Ver¬ 
lust ihres in frühester Kindheit gestorbenen 
Sohnes. 

Auf Bitte Johanns von Calabrien geschrieben 
und ihm zugeeignet ward: „L’histoire et la plai- 
sante cronicque du petit Jehan de Saintre et 
de la jeune dame des belles cousines sans autre 
nom nommer“. Nicht ohne Grund ist dieser 
Roman, dem alle Characteristica des mittel¬ 
alterlichen Romans, alle Abenteuer mit schreck¬ 
lichen Riesen, gräßlichen Zwergen, feuerspeien¬ 
den Drachen, Abenteuer in verzauberten 
Schlössern fehlen, der Telemach des XV. Jahr¬ 
hunderts genannt worden. Ein Roman voll von 
Lehren milder Moral und Regeln ritterlicher 
Tapferkeit, ohne doch deshalb dem Komischen 
und der Intrigue zu entsagen, zielt er beständig 
auf Belehrung; daher die zahlreichen lateinischen 
Zitate, die Ausführlichkeit in den Schilderungen 
des Turniers, die langen Listen der ritterlichen 
Familien Frankreichs: für den Geschichts¬ 
schreiber, sagt Stern treffend, wiederum eine 
wahre I 7 undgrube. In dieselbe Zeit wie dieser 
Roman fallt das kleine historische Werk „Addi- 
cion extraite des croniques de Flandre, qui 
est tres belle chose“. Hier erzählt La Sale 
von dem Siege des Burgunderherzogs Odo über 
Robert von Artois und teilt den Herausfor¬ 
derungsbrief Eduard III. von England an 
Philipp VI. von Frankreich mit. 

Zu La Sales bekanntesten Werken gehören 
(wenn man ihm die ausgezeichnete Farce 
vom Advokaten Pathelin läßt, die er in der 
Mitte der fünfziger Jahre geschrieben haben 
kann, zur Erheiterung des Herzog Philipp, der 
derartige Schwänke liebte) vor allem sein 
Buch von den „Fünfzehn Freuden der Ehe“. 
Es erschien ursprünglich anonym; als sein Ver¬ 
fasser wurde erst in den dreißiger Jahren des 
XIX. Jahrhunderts La Sale ermittelt. Eine 
Satire auf die Weiber, wie sie wirkungsvoller 
kaum geschrieben werden kann. „Ich tadle 
nicht den Ehestand und habe nichts gegen 
das Heiraten; doch glaube ich nicht, daß wir 
auf dieser Welt leben, um Buße zu tun, Kummer 


1 In dem Pergamentmanuskript dieses Buches von 1461, Großfolio, mit kostbaren Miniaturbildern geschmückt, sehen 

wir auf dem Titelvollbild den von seinem Hofstaat umgebenen Herzog Philipp, dem La Sale kniend das Werk überreicht. 

Hier ist also das einzige erhaltene Porträt La Sales. Das Manuskript befindet sich auf der Königlichen Bibliothek in 

Brüssel. 




Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


87 


zu leiden und das Fleisch zu kreuzigen, um 
das Paradies zu ernten“, erklärt er, und als 
Refrain der Ehefreuden kehrt immer wieder: 
„Der sich im Netze der Ehe fangen läßt, wird 
in Schmerzen sein Leben verbringen, hinsiechen 
und jämmerlich seine Tage beschließen.“ Gleich 
Villon hat La Sale die Ansicht über die Weiber: 
„Bien heureux est, qui rien n’y a.“ „Die klügste 
Frau auf der Welt“, sagt er, „hat soviel Vernunft 
wie ich Gold im Auge oder ein Affe einen 
Schwanz. Ehe sie noch die Hälfte von dem, 
was sie hat sagen oder tun wollen, vorgebracht 
hat, ist sie ihr ausgegangen“. Er, der nie ver¬ 
heiratet war, hat streng und bitter über die 
Weiber geurteilt, deren Charakter er gründlich 
gekannt hat. Ludwig Stern, 1 der am besten 
über La Sale geschrieben hat, erklärt, Weiber¬ 
schmähungen wären im Geschmack seines Jahr¬ 
hunderts gewesen, das auch das bei La Sale 
genannte Buch des Matheolus hervorbrachte: 
sein Werk ist eine tiefe Studie des mensch¬ 
lichen Herzens, eine Reihe von schmerzdurch¬ 
drungenen und herzzerreißenden Klagen über 
das Elend der Ehe, eine bittere Satire, die sich 
selbst auf den Titel erstreckt. In dem alten 
Gebetbuche der „Heures“ [es wird häufig bei 
La Sale genannt] fand sich ein Gebet: „Les 
quinze joyes de Notredame mere de Dieu“, 
auf das er im sechsten Kapitel anspielt; ihm 
hat er seinen Titel entlehnt; das Werk zerfällt 
demnach in fünfzehn Kapitel, die unter sich 
nicht Zusammenhängen, deren jedes ein anderes 
Gemälde einer unglücklichen Ehe entfaltet. 
Obwohl das Elend fast beständig komisch ge¬ 
schildert ist, wird der Ton gegen Ende des 
Kapitels immer sehr ernst, bis er in die Schlu߬ 
worte ausbricht „ainsi demourra en tourmens 
toujours et finera miserablement ses jours“ — 
Diese, eines Horaz oder Juvenal würdige Satire, 
schildert nacheinander die Putzsüchtige, die 
Vergnügungssüchtige, die Wöchnerin, die Zänki¬ 
sche, die Jugendliche, die Launige, die Un- 
getreue, die Reiselustige, die Herrschsüchtige, 
die Mesalliance, die Gefallene, den Pantoffel¬ 
helden, die Heimkehr aus dem Kriege, die 
Alte und endlich die Verblendung: es ist 
keine Seite im Buche, die minder gut, minder 


witzig oder minder wahr wäre; das Ganze 
ist ein Spiegel des Lebens. — Im Nachwort 
sagt er: „Je puis dire pour certain, qu’il 
n’est homme marie, tant soit-il, cault ou mali- 
cieux, qui n’ait une des joies pour le moins, 
ou plusieurs d’icelles.“ Er verwahrt sich aber 
gegen die Frauen und versichert, er könne ein 
ähnliches Buch auf Kosten der Männer schrei¬ 
ben, „veu les grans tors, griefs et oppressions, 
que les hommes font aux femmes en plusieurs 
lieux, generalement par leurs forces, et sans 
raison, pour ce qu’elles sont febles de leur nature 
et sans defense, et sont toujours prestes ä 
obeir et servir, sans les quelles ils ne sauroient 
ne pourroient vivre“ 

La Sales Bedeutung beruht aber vornehm¬ 
lich auf seiner Novellensammlung „Les cent 
nouvelles nouvelles“. 2 Zuerst wurden sie ver¬ 
öffentlicht drei Jahre nach Ludwig XI. Tode, 
durch den bekannten Buchhändler Antoine 
Verard im November i486. Danach scheint 
man den Tod des Königs abgewartet zu haben, 
ehe man eine, nicht für die Öffentlichkeit be¬ 
stimmte Sammlung herausgab. Von Verard 
ist das Einschiebsel in die Widmung, das den 
Anlaß zu der Legende gab, die sich um die 
Hundert neuen Novellen gesponnen hat. In 
dieser ersten Folioausgabe sehen wir auf dem 
Titelholzschnitt Ludwig XI. neben Herzog 
Philipp von Burgund, umgeben von den Er¬ 
zählern der Novellen. Auf der Vorderseite des 
zweiten Blatts ein ebenso großer Holzschnitt: 
der Verfasser oder Drucker-Buchhändler An¬ 
toine Verard bietet kniend sein Werk dem 
jungen König Karl VIII. dar. Jeder Novelle 
geht ein kleiner Holzschnitt voraus, dessen 
Gegenstand sich auf die Novellen bezieht; die¬ 
selbe Gravüre ist aber mehrmals wiederholt: 
es sind 43 verschiedene. Jede Seite hat einen 
fortlaufenden Titel, gibt die Nummer der No¬ 
velle und den Namen des Erzählers. Von 
dieser Originalausgabe sind nur drei Exem¬ 
plare bekannt: eins besitzt die Bibliothek des 
Arsenals, das zweite die Königliche Bibliothek zu 
Paris, das dritte Armand Bertins Kabinett. Auf 
dem letzten Blatt liest man: „Cy finissent les 
Cent Nouvelles composees et recitees par 


1 Archiv für neuere Sprachen 1870. Bd. XLVI pag. 113. 

2 Anthoine de la Sale, Die Hundert Neuen Novellen, zum erstenmale und vollständig übersetzt, eingeleitet und mit 
Anmerkungen von Alfred Semerau. Mit zehn Bildbeilagen von Franz von Bayros. München, Josephplatz 7. Bei Georg 
Müller. 






88 


Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


nouvelles gens, depuis nagueres et imprimees ä 
Paris, le XXIII jour de decembre mil CCCCLXXX 
et VI par Anthoine Verard, libraire, demourant 
ä Paris sur le Pont Notre-Dame, ä 1 ’ Image 
Saint-Jehann-l’Evangeliste ou au Palaiz, au pre- 
mier pillier, devant la chapelle oü on chante 
la messe de Messeigneurs les Presidens.“ 

Dieser ersten sind, soweit mir bekannt ge¬ 
worden ist, noch vierzehn andre Ausgaben ge¬ 
folgt. Die zweite ist so selten wie die erste, 
ebenfalls mit Holzschnitten, doch nicht mit der¬ 
selben Sorgfalt gedruckt, auch die Schnitte sind 
gröber; Folio. Die dritte, ebenfalls sehr selten: 
Paris 1505, 3. Februar, Klein-Folio, von Nicolas 
Desprez für den Buchhändler Durand Gerlier 
gedruckt; der Text entspricht beinahe der Origi¬ 
nalausgabe; vor jeder Novelle ein nicht besonders 
guter Holzschnitt, der Ausgabe von i486 nach¬ 
geahmt. Die Königliche Bibliothek von Paris 
besitzt von jeder der drei Ausgaben ein schönes 
Exemplar. Die vierte: Für Michel Lenoir ge¬ 
druckt; Klein-Quart; undatierte, ziemlich kor¬ 
rekte Ausgabe, vor 1520, da Lenoir am 
28. September d. J. starb. Die fünfte: mit Holz¬ 
schnitten, Paris, veuve de Jehan Trepperel et 
Jehan Jannot; Klein-Quart; der Text dieser 
hübschen Ausgabe gleicht dem der von 1505. 
Die sechste: Lyon, Oliv. Arnoullet, 1532, Quart. 
Die siebente: „Les facetieux devise des Cent 
et six nouvelles nouvelles par le seigneur de 
la Mothe Roulland, lyonnais, homme tres docte 
et bien renomme“. Klein-Oktav mit könig¬ 
lichem Privileg. Im Privileg erklärt der Drucker 
Jean Real die scherzhaften Devisen der hundert 
Novellen durchgesehen, verbessert und vermehrt 
zu haben; doch anstatt etwas hinzuzufügen, hat 
der Redaktor im Gegenteil einen großen Teil 
unterdrückt und die Erzählungen auf bedauerliche 
Art beschnitten. Die von ihm veränderten oder 
zugesetzten Novellen sind achtzehn an der Zahl; 
das Buch enthält beinahe alle hundert Novellen. 
Die achte: Cologne 1701, zwei Bände; Duodez. 
Mit ausgezeichneten Kupferstichen nach den 
Zeichnungen des berühmten Romain de Hooge. 
Von dieser Ausgabe existieren zwei verschie¬ 
dene Exemplare: die einen mit Vignetten über 
dem Text am Anfang der Novelle, die andern 
mit Vignetten an der Seite. Die neunte: La 
Haye, 1733. Zwei Bände, Oktav. Der Text ist 
noch schlechter als der der Ausgabe von 1701. 
Der zehnte: Paris, 1841 von Le Roux de Lincy; 


der Text geht auf den Erstdruck zurück. Die 
elfte: Paris, 1841 „mit moderner Orthographie“ 
von Paul Lacroix (P. L. Jacob, bibliophile.) 
Die zwölfte: Paris, 1858 bei Jannet von Thomas 
Wright, der das einzige vorhandene Manuskript 
gefunden und seiner Ausgabe zugrunde gelegt 
hat. Seine Ausgabe ist noch hf ute die brauch¬ 
barste. Die dreizehnte: Paris, 1858 bei Delahays 
von Paul Lacroix („revue sur l’edition originale 
sans date,“ also nicht nach der Ausgabe von 
i486, sondern nach der zweiten.) Die vier¬ 
zehnte: „Les dix dizaines des Cent nouvelles 
nouvelles reimprimees par les soins de Jouaust 
avec Notice, notes et glossaire par M. Paul La¬ 
croix. Dessins de Jules Garnier.“ Vier Bände. 
Paris. Librairie des Bibliophiles 1874 (das von 
W right entdeckte einzige, seiner Ausgabe zu¬ 
grunde liegende Manuskript wird nicht berück¬ 
sichtigt). Die fünfzehnte: „Les Cent nouvelles 
nouvelles. Edition revue sur les textes origi- 
naux et illuströe de plus de 300 dessins par 
A. Robida“. Paris. 2 Bande. Librairie illuströe. 

Im Katalog der Bibliothek Gaignats, von 
de Bure 1769 in zwei Oktavbänden veröffent¬ 
licht, ist unter Nr. 2214 verzeichnet: „Das Buch 
der 100 neuen Novellen zum Ergötzen König 
Ludwig XI. verfaßt, der damals noch Herzog 
von Burgund war, auf Pergament geschrieben, 
aus dem 15. Jahrhundert, in gotischen Buch¬ 
staben. vom Jahre 1432 datiert und mit kleinen 
recht hübschen Miniaturen verziert, klein Folio, 
mar. cit. — — verkauft für 100 Livres 1 sol“. 
Ein anderer, viel älterer Katalog, das Inventar 
der Herzoge von Burgund, in der protypo¬ 
graphischen Bibliothek, Paris, 1830 (Seite 283) 
veröffentlicht, nennt ein Manuskript desselben 
Werks unter Nr. 1261: „Ein Buch, ganz neu auf 
Pergament geschrieben, in zwei Spalten, in weißes 
Ziegenleder gebunden, verziert an manchen 
Stellen mit reichen Miniaturen, enthaltend hun¬ 
dert Novellen, von dem gnädigen Herrn, den 
Gott in seine Gnade aufnehme, wie von meh¬ 
reren andern seines Hauses.“ 

Man glaubte, beide Manuskripte unwider¬ 
ruflich verloren; da fand Thomas Wright durch 
einen glücklichen Zufall in der Bibliothek des 
Museums Hunter zu Glasgow ein Manuskript, 
das der Beschreibung des Manuskripts des Kata¬ 
logs von 1769 einerseits und der des Manuskripts 
der Herzoge von Burgund andererseits entsprach. 
Es war das von Gaignat erwähnte Manuskript, 




Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


89 


das Hunter gekauft hatte. Vergleicht man 
seinen Text mit der Originalausgabe von Verard, 
so zeigt sich, daß der Druck Verards, dem 
alle späteren folgen, nach einem schlechten 
Manuskript gefertigt ist, daß man außerdem 
noch dabei nachlässig und willkürlich zu Werke 

ging- 

Gerade wie bei den „Fünfzehn Freuden der 
Ehe“ hat man viele Menschenalter den Ver¬ 
fasser der Hundert neuen Novellen nicht ge¬ 
kannt. Man hielt Ludwig XI. für den Autor 
oder wenigstens für den Veranlasser oder Ver¬ 
anstalter der Sammlung. In Verards Erstdruck 
schloß ja die Widmung: „Und merkt wohl, 
daß in allen Novellen, wo es heißt ,vom gnä¬ 
digen Herrn' der gnädige Herr Dauphin ge¬ 
meint ist, der später auf den Thron gekommen 
ist, und es ist König Ludwig XI., denn er war 
damals im Lande des Herzogs von Burgund“. 
Außerdem scheute sich Verard nicht, mehrere 
Stellen in den Novellen wegzulassen, um die 
richtige Deutung des „Monseigneur“ zu ver¬ 
schleiern, wofür als Beleg Grisebach die No¬ 
vellen 19, 80, 86 anführt. 

Weder der Erstdruck Verards, noch alle 
späteren, die auf ihm beruhen, selbst die ein¬ 
zige von Th. Wright entdeckte Handschrift 
der Novellen nicht, zeigen am Anfang oder 
Schluß den Namen des Verfassers. Wie bei 
Boccaccio sollen auch diese Novellen von be¬ 
stimmten Erzählern vorgetragen worden sein, 
die sich zu einer Gesellschaft zusammenge¬ 
funden hätten. Darauf scheinen die Anfänge 
in verschiedenen Novellen, so in 57, 32, 81 hin¬ 
zudeuten. In Novelle 90 heißt es aber: „Um 
die Zahl meiner Novellen, die zu erzählen und 
niederzuschreiben ich versprochen habe, zu 
mehren und vergrößern, will ich hier eine her¬ 
setzen, die sich erst jüngst zugetragen hat.“ 
Hier wird also nur von einem Verfasser ge¬ 
sprochen und die Fiktion von einer Tafelrunde 
von Erzählern aufgegeben. La Sale kann 
manche Geschichte gar wohl von einem der 
Herrn aus der Umgebung des Dauphin zu 
Genappe gehört haben; daß er die Historien 
den Mitgliedern dieser Hofgesellschaft und dem 
Herzog Philipp in den Mund legt, ist lediglich 
eine Pflicht der Höflichkeit, eine Art literarischen 
Kompliments gewesen, wie es damals und auch 
später noch nicht ungewöhnlich war. 

Schon Le Roux de Lincy hatte in La Sale 
Z. f. B. 1907/1908. 


den Autor der Novellen und zwar aus Stil¬ 
gründen vermutet, indem er den „Roman vom 
kleinen Hans“ und die „Fünfzehn Freuden der 
Ehe“ zum Vergleich heranzog. Die Familien¬ 
ähnlichkeit, erklärte er in der Einleitung zu 
seiner Ausgabe, würde schon allein genügen, 
um alle drei Werke demselben Verfasser zu¬ 
zuteilen. Aus der Widmung des einzigen Ma¬ 
nuskripts der Novellen ging mit Bestimmtheit 
hervor, daß das Werk nur einen Verfasser 
hatte: „Meinem hochwerten und hochgeschätzten 
Herrn, dem gnädigen Herrn Herzog von Bur¬ 
gund, Brabant . . . Da unter dem guten und 
nützlichen Zeitvertreib die angenehme Übung 
des Lesens und Studiums, worauf Ihr, mein 
hochgeschätzter Herr, ohne Schmeichelei ge¬ 
sagt, in höchstem Maß bedacht seid, als be¬ 
deutend und wertvoll empfohlen wird, wage 
ich, Euer treuester Diener, der gemäß seiner 
Pflicht Eurem hochgemuten und hochedlen 
Willen nach Kräften zu gehorchen bestrebt ist, 
und erlaube mir, dieses kleine auf Euer Geheiß 
und Ersuchen abgefaßte und vollendete Werk 
Euch darzubieten und zu bringen. Ich bitte 
demütig, es freundlich aufnehmen zu wollen.“ 
Daß La Sale der Verfasser ist, hat Wright für 
sehr wahrscheinlich erklärt. Die Novellen tragen 
an ihrer Spitze den Namen der Erzähler, nur 
bei Novelle 51, 91, 98, 99 heißt es im Manu¬ 
skript „par l’acteur“. Über der 50. Novelle 
steht: „Par Monseigneur de la Sale, Premier 
maistre d’Hostel de Monseigneur le Duc.“ 
Daraus schloß Wright, daß La Sale seinen 
Namen bei der folgenden nicht wiederholt, 
sondern nur „vom Verfasser“ geschrieben hätte. 
Die 99 Novelle sollte ursprünglich die letzte 
der Sammlung werden. Im Inhaltsverzeichnis 
des Glasgower Manuskripts ist die 99. Novelle 
nicht dem „Acteur“, sondern Philipp de Loan, 
dagegen die 100. Novelle dem Acteur zuge¬ 
schrieben; wie für die 50. wollte der Autor 
also auch für die 100. und letzte ausdrücklich 
als Erzähler auftreten. Daß La Sale der Ver¬ 
fasser der Hundert Novellen ist, hat unwiderleg¬ 
lich Ludwig Stern bewiesen. Die 98. Novelle, 
vom Glasgower Manuskript im Inhaltsverzeichnis 
wie im Text als „vom Verfasser“ erzählt be¬ 
zeichnet, ist dieselbe, die La Sale seinem „Roman 
vom kleinen Hans“ angehängt hat, die Geschichte 
von Floridan und Elinde, die La Sales Freund 
Rasse de Brinchamel aus dem Lateinischen 


12 




90 


Semerau, Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 


übersetzt, La Sale gewidmet und zur Verfügung 
gestellt hatte. Wahrscheinlich sind die Novellen 
in Brüssel oder einer der nahe gelegenen Resi¬ 
denzen Philipps geschrieben worden und wohl 
schon, wofür Grisebach stichhaltige Gründe 
anführt, im Jahre 1464 vollendet gewesen. 

Man hat die Hundert neuen Novellen das 
erste und schönste Novellenbuch der franzö¬ 
sischen Literatur genannt. Neben ihrem litera¬ 
rischen Wert darf aber nicht ihre Wichtigkeit 
für die Kultur- und Sittengeschichte Frankreichs 
und Burgunds im XV. Jahrhundert übersehen 
werden. Auch als Sprachdenkmal sind sie 
wertvoll: sie sind eins der Muster altfranzösischer 
Prosa. Der Stil klar, fein, elegant, der Dialog 
durchaus lebendig. Überall merkt man: das 
hat ein Mann geschrieben, der das Leben und 
die Welt kennt, der die Menschen in allen ihren 
Schwächen mit scharfem Auge beobachtet hat, 
der in seinen Novellen ein umfassendes und 
farbenprächtiges Bild seiner Zeit gibt. Ein 
Mann, um dessen Mund leiser Spott zuckt, in 
dessen Augen aber schwermütiges Sinnen liegt. 
Ein Mann von hohen geistigen Gaben, die Er¬ 
ziehung und Leben gefördert und ausgebildet 
haben,- ein Gelehrter, dem aber das größte 
Studium der Mensch war, über dem er alle 
geliebten alten Bücher vergaß; ein Ritter und 
Kriegsmann, den seine Feder mehr als sein 
Schwert berühmt machte, ein Mann auf der 
Höhe der Bildung und Kultur seiner Zeit, der 
er in seinen Werken das schönste Denkmal 
setzte. 

Es braucht nicht erst ausdrücklich versichert 
zu werden, daß gar manches in den Novellen 
nicht das stoffliche Eigentum La Sales ist. 
Wir können mühelos feststellen, daß er aus 
den Fabliaux, Boccaccio und Poggio nahm, 
was er für seine Geschichten brauchte; doch 
von den hundert Novellen gehören ihm neun¬ 
undsechzig und gerade sie sind die interessan¬ 
testen und bedeutendsten. Die hundert alten 
Novellen haben ihn zur Abfassung seines Buchs 
veranlaßt, doch hat er, wie er bescheiden sagt, 
die feine und reich geschmückte Sprache, in 


der sie geschrieben wurden, nicht erreicht. 
Wenn man diese italienischen Geschichten mit 
denen La Sales vergleicht, merkt man sofort 
den Unterschied in Stil und Darstellung. Die 
Geschichten des Provengalen sind in jeder Hin¬ 
sicht den italienischen überlegen. Am besten 
erscheint er uns da, wo er das Leben seiner Tage 
schildert. Das stereotype Personal der Novelle, 
wie Stern sagt, findet man auch bei ihm: 
lebenslustige Kavaliere und ungetreue Weiber, 
arglose Bürger und schlaue Hausfrauen, eifer¬ 
süchtige Gatten und leichtfertige Gattinnen, 
schmucke Diener und reizende Zofen, betrogene 
Alte und junge Betrüger, verschmitzte Mönche 
und wollüstige Nonnen. Die Religion und die 
Kirche tastet er mit keinem Wort an, doch er 
versagt es sich nicht, ihre unwürdigen Diener 
unbarmherzig zu geißeln; auch da aber wird 
er nicht bitter und verbissen, sondern verklärt 
durch seinen leuchtenden Humor. Er ist dis¬ 
kret genug, die Namen der Helden und Hel¬ 
dinnen seiner zeitgenössischen Geschichten zu 
verschweigen; nur selten sagt er sie: ein Tal¬ 
bot, ein Saint-Pol, ein Montbleru werden uns 
genannt. In der 75. Novelle erzählt er von 
einer Episode aus dem Krieg der Burgunder 
und der Armagnacs, in der 62. Novelle wird 
auf ein historisches Faktum hingewiesen. Doch 
das sind Ausnahmen. Gewöhnlich begnügt 
er sich mit allgemeinen Angaben. Wenn er 
dem Schauspiel und dem Drama des Lebens 
auch in seinem Buche nicht den Platz versagt 
hat: am liebsten ist ihm doch die Komödie. 
Auch in dieser Hinsicht kann man ihn neben 
Boccaccio stellen, der im Komischen am grö߬ 
ten ist. Mit welchen Schwierigkeiten hatte 
aber La Sale zu kämpfen! Boccaccio fand eine 
Sprache vor, die die großen Meister vor ihm 
schon geformt und geschliffen hatten; La Sale 
mußte hierin selbstschöpferisch Vorgehen. Da¬ 
nach erst kann man ermessen, über welche 
Darstellungskunst er gebietet. So erscheint La 
Sale in seinem Hauptwerk als Dichter, Sitten- 
schilderer und Sprachkünstler, so ist er der 
größte Prosaist seiner Zeit. 






Die neueste Sammlung von Manuskripten des Mittelalters 

und späterer Zeit. 

Zugleich als Beitrag zur Frage der amerikanischen Gefahr. 

Von 

Adolf Askani in Leipzig. 


einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs 
ie der unsrigen ist das allgemeine 
teigen der Werte natürlich. Diese Tat- 
iche ist im Auge zu behalten und mit 
ihr ist zu rechnen besonders im Hinblick auf die 
Steigerung der Werte ideeller Besitztümer, wie 
unserer Kunstsammlungen und Bibliotheken staat¬ 
licher oder privater Natur. 

Die höhere Bewertung der Kunst- und Literatur¬ 
schätze findet ihren treffendsten Ausdruck in den 
Katalogen der Antiquare. Wer die Preise, die 
vor zwanzig, vor zehn, ja noch vor wenigen Jahren 
üblich waren, mit denen vergleicht, die heute ver¬ 
langt und bezahlt werden, muh einen gewaltigen 
Unterschied, eine bedeutende Erhöhung konstatieren, 
einerlei, ob es sich um Manuskripte mit Miniaturen, 
Inkunabeln oder Erstausgaben handelt. Darüber ist 
schon häufig geklagt worden, ob mit Recht oder 
Unrecht, sei dahingestellt; es fragt sich aber: bedeutet 
diese Steigerung eine Gefahr für die Bibliophilie 
oder nicht? Die Frage ist garnicht so einfach 
wie sie scheint, vielmehr ergibt sich die Not¬ 
wendigkeit, über Ursache und Wirkung Klarheit 
zu schaffen und daraus die Schlüsse zu ziehen. 

Die Ursache der Wert- und Preissteigerung 
der Bücherschätze liegt, wie schon erwähnt, zu¬ 
nächst in der wirtschaftlichen Hochkonjunktur 
und findet ihre Paralelle in der Steigerung aller 
Lebensmittelpreise und der daraus hervorgehenden 
Entwertung des Geldes. Der wachsende Volkswohl¬ 
stand hat entschieden mit dazu beigetragen, die 
Zahl der Sammler zu vermehren und dadurch die 
Nachfrage zu steigern. Demgegenüber hat nun 
aber das Angebot, besonders in Manuskripten, eine 
entsprechende Zunahme nicht zu verzeichnen; im 
Gegenteil wird es dem Händler immer schwerer, 
Gutes und Seltenes zu finden und anbieten zu 
Itönnen, und endlich bedingen die stetig wachsen¬ 
den Geschäftsunkosten des Buchhändlers wiederum 
eine entsprechende Erhöhung der Verkaufspreise 
seiner Objekte. Eine Preissteigerung ist also, 
soweit sie durch diese Ursachen hervorgerufen 
wurde, keineswegs unberechtigt oder überraschend. 
Sie kann als eine Gefahr für die Bibliophilie 
an sich, namentlich im Hinblick darauf, daß 
auch die Sammlungen selbst heute höher zu be¬ 
werten sind, nicht bezeichnet werden, solange 
der Erhöhung der Bücherpreise ein entsprechen¬ 
des Wachstum des Volkswohlstandes, das heißt 
der Kaufkraft, gegenübersteht. 

Wer die einschlägigen Verhältnisse kennt, wer 


die Kataloge der großen Antiquariate der letzten 
Jahre aufmerksam durchgesehen hat, der wird mir 
Recht geben, wenn ich behaupte, daß die außer¬ 
ordentliche Preissteigerung, wenigstens in Deutsch¬ 
land, größer ist als das Wachstum des Wohlstandes, 
daß also beide nicht ganz in dem richtigen Ver¬ 
hältnis zu einander stehen. Das ist ziffernmäßig 
freilich schwer nachzuweisen, vor allem fehlt es 
an umfassendem statistischem Material; aber es 
ließen sich, was die Bücherpreise anbetrifft, leicht 
prägnante Beispiele anführen. Die Ursache dieses 
Mißverhältnisses, das in der Folge sicher noch 
stärker hervortreten wird, liegt darin, daß dem 
alten, sozusagen angestammten Sammler und Bücher¬ 
freund in dem Amerikaner neuerdings ein gefähr¬ 
licher, nicht zu unterschätzender Wettbewerber 
erstanden ist. Es gibt unter den amerikanischen 
Millionären bereits viele, die mit großem Eifer 
wertvolle Sammlungen angelegt haben und die 
auf dem europäischen Markt ständig als Käufer 
auftreten. Dem amerikanischen Großkapital ist 
es vor allem zuzuschreiben, daß die Bücherpreise 
so sehr in die Höhe gegangen sind. Der deutsche 
Sammler kann da oft nicht mit konkurrieren, er 
wird überboten, oder die Katalog-Preise gehen 
über seine Kraft und er hat das Nachsehen. Daß 
darin für die europäische Bibliophilie eine große 
Gefahr liegt, wird niemand bestreiten können, und 
bei der Entwicklung der Dinge ist kaum zu hoffen, 
daß in absehbarer Zeit ein Rückschlag eintritt. 
Der Ruf nach Staatshilfe ist zwar nicht unberechtigt, 
doch kann der Staat allein auch nicht helfen, 
wenn er nicht wiederum auf volles Verständnis 
und auf die Unterstützung von seiten derjenigen, 
die dazu in der Lage sind, rechnen kann. Es 
sollte eben auch in Deutschland mehr und mehr 
dahin kommen, daß die besitzenden Kreise es als 
ihre Ehrenpflicht betrachten, ideelle nationale 
Schätze zu erwerben und dem Vaterlande zu er¬ 
halten. Zweifellos ist in dieser Richtung in den 
letzten Jahren schon manches geschehen; erinnert 
sei nur an dem im Vorjahre erfolgten Ankauf des 
von Fust und Schoeffer 1459 gedruckten Psal- 
teriums, der nur durch eine Sammlung ermöglicht 
worden ist; aber es gilt in diesen Bestrebungen 
fortzufahren, um so der „amerikanischen Gefahr“ zu 
begegnen und die üblen Wirkungen der Über¬ 
macht des amerikanischen Großkapitals aufzuheben. 

Im vergangenen Jahre sind wiederum ganze 
Sammlungen nach Amerika verkauft worden und 
es mehren sich die Fälle, daß amerikanische 




92 


Askani, Die neueste Sammlung von Manuskripten des Mittelalters und späterer Zeit. 


Sammler den gesamten Bestand von Antiquariats¬ 
katalogen erwerhen. Man muß also wohl oder 
übel darauf gefaßt sein, auch neuerlich ähnliche 
Überraschungen zu erleben. Vor kurzem ist nun 
ein in verschiedener Hinsicht bemerkenswerter 
Katalog einer neuen wertvollen Sammlung er¬ 
schienen, auf dessen Inhalt nachstehend des Näheren 
eingegangen sei, schon deshalb, weil es leicht 
möglich ist, daß auch die darin enthaltenen Schätze 
zum großen Teil nach Amerika entführt werden 
können. Es handelt sich um Katalog 330 von 
Karl IV. Hiersemann in Leipzig, betitelt: „Manu¬ 
skripte und Miniaturen des Mittelalters und späterer 
Zeit; Einzelminiaturen; Reproduktionen.“ Bei der 
Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit des hier ge¬ 
botenen — der Katalog umfaßt auf 222 Seiten 
in Großoktav 488 Nummern und ist mit 23 Tafeln 
in Autotypie illustriert — kann natürlich nur auf 
einzelne besonders wertvolle Stücke aufmerksam 
gemacht werden. 

Von Manuskripten deutschen Ursprungs dürfte 
der „Spiegel menschlicher Behaltnuß“ sehr inter¬ 
essieren, ein Pergament-Manuskript in deutscher 
Sprache aus dem Ende des XV. Jahrhunderts mit 
96 großen, in den verschiedensten Farben aus¬ 
geführten Miniaturen. Die Handschrift ist in den 
mannigfachsten Beziehungen bemerkenswert; stellt 
sie doch ein bedeutsames Dokument deutscher 
Miniaturmalerei und Schreibkunst aus dem zu 
Ende gehenden Mittelalter dar. Sie umfaßt 
24 Blatt in Folio zu je zwei Spalten von 35—41 
Linien. Je zwei Miniaturen zieren den Anfang 
einer jeden Seite. Die zeichnerische Behandlung 
der Bilder veranschaulichen die hier beigefügten 
Abbildungen der Miniaturen 87 und 88. 

Von deutschen Handschriften des XVI. bis XIX. 
Jahrhunderts verzeichnet der Katalog u. a. ein 
Originalmanuskript von Ernst K. Fr. Schulze, dem 
Dichter der „Bezauberten Rose“. Die Hand¬ 
schrift enthält die sämtlichen 20 Gesänge des Epos 
,,Cäcilie“ und verschiedene andere Gedichte, von 
denen mehrere ungedruckt sind, aus den Jahren 
1810—17, sowie eine Sammlung von 85 eigen¬ 
händigen Briefen des Dichters an Adelheid Tychsen, 
die ältere Schwester der 1812 im Alter von 
18 Jahren verstorbenen und von ihm heißgeliebten 
Cäcilie und derjenigen, auf die er nach dem 
Verlust seiner ersten Liebe seine Neigung über¬ 
trug, ohne Erwiderung zu finden. Sammlung stammt 
aus dem Nachlasse der Adressatin. Diese Briefe des 
Dichters sind, von ihrem künstlerischen wie von 
ihrem literarischen Werte ganz abgesehen, Doku¬ 
mente von solcher Wahrheit und so großem 
psychologischen Interesse, wie wir ihrer in unserer 
Literatur nicht viele haben. 

Von französischen Manuskripten ist besonders 
die „Biblia latina“, auf feinem Pergament im 
XIII. Jahrhundert geschrieben, hervorzuheben, die 
mit nicht weniger als 92 reizenden Miniaturen, 
Initialen und Randleisten in Farben und Gold ge¬ 
schmückt ist. Der Text ist in stilvollem, wunder¬ 


bar scharf geprägtem frühgotischen Schriftcharakter 
geschrieben; die Anmut der französischen Buch¬ 
malerei seit dem XIII. Jahrhundert ist bekannt. 
Das vorliegende Manuskript zeigt den Stil dieses 
Jahrhunderts in seiner originalsten und genialsten 
Gestalt. Die langen, schmalen, der Länge nach 
gestreiften Leisten endigen in quer abstehenden 
Zacken. Von Pflanzenteilen ist hier noch keine 
Rede; das Leisten werk ist von allerlei munteren, 
drolligen Figürchen belebt: spitzhütigen Männlein 
mit wunderlichen Leibern, Hunden, Hasen, Katzen, 
Vögeln, musizierenden Affen, bald hockend, bald 
im Spiel oder Streit miteinander, Knaben mit 
Hundsleibern oder mit Bocksbeinen, geigespielend 
oder mit der Armbrust oft nach ganz entfernten 
Tieren Pfeile abschnellend, die man in der Luft 
fliegen sieht. 

Eine Handschrift des XIV. Jahrhunderts in 
Folio, Brunetto Latinis „Le Tresor“, ebenfalls fran¬ 
zösischen Ursprunges, enthält 176 doppelseitig 
beschriebene Blätter mit französischem Text. 
Brunetto Latini, der Florentiner Staatsmann, Ge¬ 
lehrte und Dichter (1230 — 94) wurde 1260 als 
Anhänger der Guelfenpartei aus seiner Vaterstadt 
verbannt und wandte sich nach Frankreich, wo 
er unter dem Titel „Tresor“ eine Encyclopädie 
des Gesamtwissens seiner Zeit verfaßte. Die hier 
besprochene Handschrift stimmt im wesentlichen 
mit dem Text überein, den Chabaille nach der 
besten Pariser Handschrift veröffentlicht hat. 
Das Werk zerfällt in drei Bücher; das erste ent¬ 
hält die Lehre vom Ursprung der Dinge, einen 
Überblick der biblischen und Profangeschichte, 
die Anthropologie, Meteorologie, Astronomie, Geo¬ 
graphie, Architektur und Naturgeschichte, das 
zweite die natürliche und christliche Ethik, das 
dritte die Rhetorik und Politik. Mehr als 200 Ab¬ 
bildungen in kolorierter Federzeichnung dienen 
zur Erläuterung des Textes. Von Interesse sind 
vor allem die Ansichten von Tieren und astro¬ 
nomischen Vorgängen, sowie die kulturhistorisch 
wichtigen und auch als Trachtenbilder merk¬ 
würdigen Darstellungen von Vorgängen des 
bürgerlichen und politischen Lebens im dritten 
Buche. 

Der Katalog verzeichnet ferner fünf ver¬ 
schiedene Livre d’heures, von denen eines bereits 
verkauft ist. So interessant die einzelnen Stücke 
auch sind, so kann hier doch nur auf eines der¬ 
selben näher eingegangen werden: eine Miniatur¬ 
handschrift mit ganz hervorragendem künstlerischem 
Schmuck. Die Handschrift trägt den Titel: „Horae 
Beatae Mariae Virginis“ und ist auf Pergament ca. 
1350—80 mit gothischen Buchstaben rot und schwarz 
auf 118 Blatt geschrieben. Neun schöne Miniaturen, 
jede mit einer großen ornamentierten Initiale 
auf Goldgrund und von einer reich verzierten 
Borte mit Efeumustern umgeben, bilden den 
illustrativen Teil nebst 33 großen, 133 mitt¬ 
leren und 700 kleinen Initialen, alle hübsch stili¬ 
siert und ornamentiert und teilweise mit einer 




Miniatur aus Firdusis Schah-Namah. Gegen 1495. 


Zeitschrift für Bücherfreunde XI. 


Zu Askani, Manuskripte. 














































XV. Jahrhundert. Deutsch. 















Zeitschrift für Bücherfreunde XI. 


Zu Askani, Manuskripte. 




















































































Livre d’heures. Miniatur VIII. XV. Jahrhundert. Französisch-burgundisch. Horae B. Virginis. Die Madonna. Zweite Hälfte des XIV. Jahrhunderts. Französisch. 












































































Askani, Die neueste Sammlung von Manuskripten des Mittelalters und späterer Zeit. 


93 


ganzseitigen oder auch kleinen Efeuranke ver¬ 
sehen. Das Livre d’heures entstammt zweifellos 
französischer, speziell Pariser Schule. Es ist von 
der Art jener Manuskripte, die von damaligen 
Künstlern flir den Duc de Berry hergestellt wurden. 
Mit wunderbarer Feinheit und künstlerischem Ge¬ 
schick sind die einzelnen Miniaturen entworfen 
und ausgeführt, jede ein Kunstwerk für sich bil¬ 
dend. Die hier beigefügte Abbildung in schwarzer 
Autotypie kann selbstverständlich nur einen An¬ 
haltspunkt hinsichtlich der zeichnerischen Aus¬ 
führung der Miniaturen geben. Die malerische 
Wirkung läßt sich danach nur ahnen. 

Ein anderes Livre d’heures aus dem XV. Jahr¬ 
hundert (ca. 1450), dem nördlichen Frankreich 
entstammend, enthält 15 große schöne Miniaturen 
und ist bemerkenswert wegen der Dekoration und 
Ornamentik mit Blumen, Früchten und Tiergestalten 
in Farben auf Goldgrund. 

Von Manuskripten italienischen Ursprunges 
dürfte besonders interessieren die „Biblia sacra. 
Novum Testamentum Latinum“, die etwa 1180 
entstanden ist, und die schöne Handschrift der 
„Nymphengeschichte von Fiesoie“, Boccaccios voll¬ 
endetstes Gedicht. 

Auch das „Pontificale romanum“, eine latei¬ 
nische Pergamenthandschrift mit Noten italienischer 
Provenienz aus dem XV. Jahrhundert, verdient 
wegen der prächtigen Ausstattung große Be¬ 
achtung. 

Ein Manuskript byzantinisch-griechischen Ur¬ 
sprunges, ein griechisches Evangelienlektionar aus 
dem XIII. Jahrhundert, enthält vier blattgroße 
Federzeichnungen in spätbyzantinischem Stile mit 
spärlicher Bemalung: thronender Christus mit 
langem Haar und geteiltem Bart mit rotem Unter¬ 
gewand und weißem Mantel, umgeben von Maria 
und Johannes, sowie die drei Evangelisten Jo¬ 
hannes, Marcus, Lucas, jeder auf einem Thron¬ 
sessel sitzend und ein Buch schreibend. Auf der 
Rückseite des Christusbildes finden sich 20 Oster¬ 
zirkel mit Inschriften, aus denen hervorgeht, daß 
der erste im Jahre 1299 n. Chr., der letzte 1318 


beginnt. Bemerkenswert sind ferner mehr als 
300 Initialen, meist in rot oder blau, sowie zahl¬ 
reiche eigenartig ornamentierte, gleichfalls bunt aus¬ 
gemalte Kopf- und Schlußleisten zwischen den 
größeren Abschnitten des Textes. 

In der Abteilung „Orient“ finden sich neben 
Manuskripten aus dem XIII.—XIX. Jahrhundert u. a. 
auch einige hebräische Ehekontrakte, die zum 
Teil ebenfalls künstlerischen Schmuck aufzuweisen 
haben und die speziell für Ethnographen und 
Kulturforscher geradezu eine Fundgrube bilden. 

Von dem berühmten epischen Dichter der 
Perser, Firdusi, ist in der Sammlung das Manuskript 
seines umfangreichen Werkes, Shah-Namah, das 
Buch der Könige von Persien, das 120000 Verse 
enthält, vorhanden. Der Dichter hat über 
30 Jahre an diesem Werke gearbeitet, dem er 
hauptsächlich seinen Ruhm verdankt. Das Buch gibt 
eine epische Darstellung der persischen Geschichte 
von der Erschaffung der Welt bis zum Untergang 
der Sassaniden. Kein Volk der Erde hat dem 
Shah-Namah ein seine ganze Vergangenheit be¬ 
handelndes historisches Gedicht von gleichem 
dichterischem Gehalt zur Seite zu stellen. Die 
Miniaturen der schönen und gleichmäßig auf 
dünnem,pergamentartigem Glanzpapier ausgeführten 
Handschrift sind in Farben und Gold prächtig aus¬ 
gemalt. Die zwei ersten sind ganzseitig und stellen 
das Hofleben dar. Die Nachbildung einer Miniatur 
ist hier ebenfalls in Schwarzdruck beigegeben. 

Eine Anzahl persischer und indischer Original¬ 
malereien aus dem XIII.—XIX. Jahrhundert, Land¬ 
schaftsbilder, Trachtenbilder usw. darstellend, geben 
treffliche Beispiele orientalischer Malerei überhaupt. 
Sie sind in verschiedener Hinsicht interessant. 

Eingehender Beachtung würdig ist auch das 
Kapitel der Musikmanuskripte, das Antiphonarien 
aus dem XIV. und XV. Jahrhundert enthält; als 
Haupt- und Glanzstücke aber sind die Musikhand¬ 
schrift „Breviarium Benedictinum Completum“ aus 
dem X.—XI. Jahrhundert, sowie ein Originalmanu¬ 
skript der Sonate Op. 96 von Ludwig van Beet¬ 
hoven aufgeführt. 











Chronik. 


Im Verlage von Horace Marshall & Son, London, 
ist vor einigen Wochen unter dem Titel „In a nook 
with a book“ — in angello cum libello — ein Buch er¬ 
schienen von Frederic IV. Macdonald, — 8°, VI und 
222 Seiten — das eine Reihe von Kapiteln über Gegen¬ 
stände enthält, die dem Herzen des Bibliophilen wert und 
teuer sind. Zugleich bringt es vieles, was den zierlichen 
Band für jedermann zu einem höchst unterhaltenden 
literarischen Gefährten macht, um so mehr, als der In¬ 
halt in eine vorzügliche Form gegossen ist. 

Der Verfasser ist von Beruf Theologe und hat lange 
Jahre sein Pfarramt getreulich verwaltet; so ist in dem 
Büchlein von Leuchten der theologischen Wissenschaft 
und ihren Werken aus alter und neuer Zeit etwas aus¬ 
führlicher die Rede, als dem Verständnis und vielleicht 
auch dem Geschmack des allgemein literarisch gebil¬ 
deten Lesers zusagt. Doch, im allgemeinen betrachtet, 
kann man wohl sagen, daß englische Theologen der 
verschiedenen kirchlichen Richtungen von jeher ein 
freieres und innigeres Verhältnis zu den anderen Wissen¬ 
schaften, besonders zu Literatur und Geschichtswissen¬ 
schaft, gepflegt haben als ihre kontinentalen Amts¬ 
brüder; ein Blick auf die Organisation der Universitäten 
Oxford und Cambridge, in deren Lehrplan sich die vom 
Mittelalter überlieferte Tendenz, eine Mischung von theo¬ 
logisch-philologisch-literarischen Studien, als die zweck¬ 
mäßigste Grundlage für jede höhere Berufstätigkeit zu 
betrachten, sich bis in die neuere Zeit hinein erhalten 
hat, sowie eine Erinnerung an den Umstand, daß die 
englische Geistlichkeit sich zu einem nicht unerheb¬ 
lichen Teile aus sehr hoch stehenden sozialen Schichten 
rekrutiert, geben für sich allein schon eine ziemlich hin¬ 
reichende Erklärung für diese Tatsache. Frederic W. 
Macdonald hat von frühester Jugend auf in persön¬ 
lichem Verkehr sowohl als in Familienbeziehungen zu 
jener kleinen Gemeinde von Dichtern und Künstlern 
gestanden, die in den fünfziger Jahren des XIX. Jahr¬ 
hunderts sich in Oxford zusammenfanden und dann 
während der folgenden zwanzig bis dreißig Jahre die 
Fackel des Präraffaelismus durch das Land getragen 
haben; Burne-Jones wurde der Schwager unseres 
Autors und durch ihn wurde er als jüngerer Freund, 
als Zuhörer und verständnisvoller Anhänger in jenen 
Kreis aufgenommen, in dem schon früh die vielseitige 


geniale Begabung und rastlose Energie von William 
Morris ihren Glanz entfaltete. Die intimen Plaudereien, 
die der Verfasser über diese „wackere Brüderschaft“ 
zu schreiben weiß, besonders das Kapitel, das er dem 
„Oxford and Cambridge Magazine“ widmet, geben in 
kleinem Rahmen ein sehr lebendiges Bild von den An¬ 
fängen einer Bewegung, die einen so tiefgehenden Ein¬ 
fluß auf Kunst- und Literaturbestrebungen der letzten 
Dezennien des vorigen Jahrhunderts gewonnen hat. 
Das „Oxford und Cambridge Magazin“ hat nur einen 
Jahrgang, den von 1856, erlebt und ein vollständiges 
Exemplar ist heute eine wertvolle Seltenheit 

Die innige Vertrautheit des Verfassers mit der Lite¬ 
ratur der frühen und der mittleren Victorianischen 
Ära, die Frische, mit der er den gewaltigen Eindruck 
wiederzugeben weiß, den Macaulay und Froude, Tenny- 
son und Browning, Carlyle und Ruskin, Dickens, 
Thackeray, Kingsley, De Quincey, später Rossetti, 
Swinbume, Morris, auf sein Denken und Empfinden 
ausgeübt haben, erwecken in gleichem Maße das Inter¬ 
esse wie die Sympathie des Lesers. Sehr treffend — 
und zugleich in eine höchst graziöse Form gekleidet — 
sind seine aus eigenstem Erlebnis geschöpften Bemer¬ 
kungen über „Kinderbücher“ und Bücher für Kinder, 
wie über die Unterschiede zwischen früherer und jetziger 
Jugendliteratur. Ganz besonders anziehend und lebens¬ 
voll wirkt die Schilderung der ersten starken Jugend¬ 
eindrücke, die er aus der Bekanntschaft mit den alten 
englischen und schottischen Balladen empfangen hat 
Walter Scott lernte er in seinem 13. Lebensjahre 
kennen: „In der Bücherei meines Vaters“ — eines 
Wesleyanischen Geistlichen mit schmalem Einkommen 
— „waren die Waverley-novels nicht vertreten, nicht 
etwa, daß sie auf den Index gesetzt gewesen wären, 
das konnte nicht wohl der Fall sein, wo Dickens und 
Thackeray, Bulwer Lytton, Charlotte Bronte und Na- 
thaniel Hawthorn willkommen waren; aber eine Serie 
W’averleys war in jenen Zeiten ein kostbarer Besitz und 
ging über unsere Kräfte. Doch ich stieß auf sie in dem 
Hause einer Verwandten, die vier oder fünf [englische] 
Meilen entfernt wohnte, fast am anderen Ende von 
London, wie London damals war. Zwischen gütiger 
Tante und lesegierigem Neffen kam ein Abkommen zu¬ 
stande, daß sie den Schatz mir leihen wolle, jedesmal 




















































Chronik. 


95 


einen Band. Ich plädierte für zwei Bände, aber sie 
blieb unerbittlich. Ein Band jedesmal war es, pünkt¬ 
lich und in gutem Zustande zurückzuliefern, bevor der 
nächste bewilligt wurde; und an der Leitschnur dieser 
Bedingungen ackerte ich meinen Freudenpfad durch 
die ganze Serie hindurch. Für jeden Band marschierte 
ich von Chelsea nach Islington und wieder zurück, eine 
tausendfach belohnte Mühe. Wie frisch ist es noch in 
meinem Gedächtnis. Wenn ich einen neuen Band er¬ 
obert hatte, brannte ich vor Begier, fortzukommen und 
mit meinem Buch allein zu sein. Meine Füße ließen 
kaum eine Spur auf dem Boden zurück, den sie auf 
der Heimkehr berührten, und dennoch brachte ich es 
fertig, mir schon auf dem Wege einen Vorgenuß zu 
verschaffen, indem ich hin und wieder unter einer Gas¬ 
laterne oder bei dem freundlichen Lichte eines Schau¬ 
fensters eine Seite verschlang.Ich habe die 

Gesellschaft der Männer und Frauen von Walter-Scott- 
Land fünfzig Jahre lang genossen, wenn immer ich da¬ 
nach begehrte; so bin ich dessen froh, daß ich sie fand 
und sie mich fanden, als ich noch ein Knabe war.“ 
Kein Wunder, daß aus diesem Knaben, — dessen 
Lieblingssitz in einer Ecke der ernsten Bibliothek seines 
Vaters war — ein begeisterter und kenntnisreicher 
Bibliophile geworden ist. Es ist vieles in dem Büchlein 
enthalten, was für den Bibliophilen, auch da, wo es nur 
Altbekanntes in neuer, anmutiger Form vor das Auge 
führt, erfreulich und anregend zu lesen ist. Dies gilt 
zum Beispiel von dem Kapitel „Of old book-shops and 
of book-hunting“, aus dem noch eine für Ton und In¬ 
halt des Werkes charakteristische Stelle angeführt sei. 
„Der Ausdruck Bücher-Jäger (book-hunter) stammt 
nicht aus neuer Zeit, noch ist es eine phantastische oder 
künstliche Bezeichnung. Es ist das eigentliche Wort, 
um die Tätigkeit zu beschreiben, und vor Alters schon 
hat es sich zu diesem Zweck dargeboten. Ich bin auf 
einen frühen Gebrauch der Analogie zwischen Jagd und 
Büchersuchen gestoßen; ob es ein früheres Beispiel 
gibt, weiß ich nicht. Als im Jahre 1546 Henri Estienne, 
zweiter dieses Namens, der berühmte französische 
Drucker, sich auf Reisen begab, war, wie sein Biograph 
sagt, der Zweck seines Unternehmens, Büchereien und 
gelehrte Männer aufzusuchen, ‘ut exerceret artem ve- 
natoriam’, um des Jägers Handwerk auszuüben im 
Aufspüren guter Manuskripte von alten Schriftstellern. 
Kein anderes Gleichnis bringt so treffend die Vorsicht, 
Geduld, Geschicklichkeit und den Mut zum Ausdruck, 
die erforderlich sind, um zum Ziele zu gelangen. Wenn 
ich mit dem Gedanken einen Augenblick spielen darf, 
möchte ich sagen, daß der Buch-Jäger keinen Gesellen 
zur Begleitung einlädt, kein Horn bläst, keine Hunde 
auf die Fährte setzt, mit keinen Freuden der Tafel und 
der Geselligkeit das Waidwerk umgibt, sondern allein 
auf bricht und schweigend zu Werke geht, eine gewisse 
Gleichgültigkeit zur Schau tragend und sein Geheimnis 
in seinem Busen bergend. Später mag er zu den Freun¬ 
den sagen: Freuet euch mit mir, aber er jagt nicht in 
Paaren oder gar in größerer Gesellschaft. — London 
ist ein unerschöpflicher Jagdgrund für den Bücherlieb¬ 
haber. Käufer und Verkäufer suchen gleichermaßen 
seinen Markt. Die großen Überlieferungen der Ver¬ 


gangenheit werden dort treu aufrechterhalten und 
ihnen haben sich moderner Unternehmungsgeist und 
Geschäftssinn zugesellt. Große Bibliotheken und Samm¬ 
lungen von Liebhabern und von Fachleuten sind be¬ 
ständig in Bildung begriffen und werden fast ebenso 
beständig wieder aufgelöst und zerstreut, und London 
ist der Mittelpunkt für beide Operationen, so daß dort 
eine ununterbrochene Bewegung im Flusse ist, in der 
der Bücherliebhaber seine Gelegenheit erspähen kann. 
Nicht daß London diesen Handel in so edler Ware für 
sich allein hätte. Edinburgh und Oxford, Liverpool und 
Birmingham, Bristol und Bath sind gute Bücherstädte, 
die dem Bibliophilen Vorteil und Genuß bieten. — Kein 
Antiquar, der dieses Namens wert ist, wird jemals den 
Bücherjäger mit der Frage ärgern: „Was darf ich 
Ihnen zeigen?“ oder „Suchen Sie irgend etwas be¬ 
stimmtes?“ Überlaßt solche Fragen dem Juwelier oder 
dem Seidenwarenhändler oder anderen Verkäufern von 
Dingen, die man entbehren kann. Ärgert nicht den 
bücherliebenden Geist mit überflüssigen Fragen, die 
seine Atmosphäre stören und ihn hindern, sich in freier 
Anmut zu betätigen. Seid versichert, ihr könnt ihm 
nicht helfen, wohl aber leicht ihn vertreiben, ein so 
empfindsames und unstetes Wesen ist er. Er weiß 
nicht, was er haben will — wie sollte er? Er ist ja hier, 
um herauszufinden, wonach sein Herz verlangt, und es 
selber herauszufinden. Da ist ein Buch vielleicht auf 
dem dritten Regal oder dem dreizehnten oder dem 
dreißigsten, das er wird haben wollen, wenn er es sieht. 
Wenn er und dies Buch sich begegnen, muss es sein 
werden, aber du kannst sie nicht zusammenführen. Es 
ist ein Teil seiner Glückseligkeit, daß er nicht nach 
irgend etwas bestimmtem sucht. Er will nicht die Ver¬ 
suchung meiden — im Gegenteil, er stellt sich in ihren 
Weg. Er kommt her, um sein Verlangen erwecken zu 
lassen, und wenn seiner Sehnsucht sich ein Gegenstand 
zeigt, wird er warm werden. Doch er muß hierin sich 
selbst überlassen werden. Die Materie ist zu zart, als 
daß ein anderer sich eindrängen dürfte. Ich habe sagen 
hören, daß Ehen, die durch andere vermittelt werden, 
im Ganzen ebenso glücklich ausfallen, wie solche, bei 
denen die Partner für sich selber wählen. Es mag so 
sein; ich kann darüber nicht urteilen. Aber es trifft 
nicht zu, wenn es sich um die Wahl eines Buches han¬ 
delt. Von Richard Hooker wird erzählt, daß er an¬ 
deren erlaubte, eine Frau für ihn zu wählen, was viel¬ 
leicht unverständig von ihm gehandelt war; aber seine 
Bücher wählte er selber aus und zeigte sich dadurch 
als den .verständigen Hooker*, den wir verehren, und 
als das echte Muster und Beispiel für alle Bücher¬ 
freunde.“ 

Mit warmer Liebe erzählt uns der Autor von seiner 
eigenen Büchersammlung; so, wenn er uns eine aus¬ 
führliche Beschreibung von seiner Prudentiusausgabe 
gibt, — Quart, ohne Titelblatt, mit Kolophon: Venetiis 
apud Aldum mense Januario MDI, und von dem (in 
Lyon 1502 hergestellten) eleganten Nachdruck, der das 
bekannte Druckerzeichen des Aldus, Delphin und Anker 
und die fast stets von Aldus verwendete Kursivtype 
aufweist, während beide charakteristische Merkmale 
der Aldinen dem Originaldrucke fehlen. 






96 


Chronik. 


Alles in allem, es ist ein Buch, das jedem Bücher¬ 
freunde einige genußreiche Stunden „in einer stillen 
Ecke“ bereiten wird, ein Buch, das man liebgewinnt, 
weil es den Stempel einer echten Persönlichkeit trägt 
und noch dazu einer in hohem Maße liebenswürdigen 
Persönlichkeit. 

London. Dr. W. Jordan. 


Hohenzollernjahrbuch igoö. Die wundervolle Publi¬ 
kation feiert mit dem Jahrgang 1906 ihr erstes Jubiläum: 
den zehnten Jahrgang. Die vorliegenden zehn statt¬ 
lichen Foliobände vereinigen eine Fülle neuer Quellen¬ 
studien zur Geschichte des Hohenzollernhauses und da¬ 
mit auch Brandenburg-Preußens und einen erstaunlichen 
Reichtum an bisher meist unedierten Abbildungen und 
Faksimilien. Den neuen Jahrgang leitet ein umfang¬ 
reicher Aufsatz des Generaldirektors der Königlichen 
Staatsarchive Geheimrat Reinhold Koser ein, der sich 
aus Anlaß des Doppelfestes am 27. Februar v. J. mit 
den geschichtlichen Beziehungen zwischen Hohenzollern 
und Oldenburg-Schleswig-Holstein beschäftigt. Im An¬ 
schluß an diese Arbeit bringt der Königliche Haus¬ 
archivar Dr. Georg Schuster eine Consanguinitätstafel 
dieser beiden Häuser und Professor Dr. Paul Seidel 
einen Aufsatz über das Marmorpalais zu Potsdam. Die 
drei Beiträge wurden, zu einer Festschrift vereinigt, 
dem Kaiserpaare zur silbernen und dem Prinzen und 
der Prinzessin Eitel-Friedrich zur grünen Hochzeit über¬ 
reicht. Die Arbeiten sind mit höchst interessanten Por¬ 
träts und einer Anzahl Aufnahmen aus dem Marmor¬ 
palais und dem Neuen Garten geschmückt, die meist 
von dem Hofmarschall Grafen Pückler und Herrn Otto 
Hasselkampf in Potsdam herstammen ; die Maler Emil 
Doepler, Fritz Rumpf und O. Stolz haben außerdem 
dazu Vignetten und Umrahmungen von feinem Ge¬ 
schmack beigesteuert. 

Auch sonst enthält der Band mancherlei höchst 
interessantes Material. Der Herausgeber der politi¬ 
schen Korrespondenz Friedrichs des Großen, Dr. G. B. 
Volz, bespricht die Zusammenkunft Friedrichs II. mit 
Kaiser Josef II. in Neiße und Neustadt 1768 und 1770; 
Prof. Dr. Gustav Berg die Hohenzollerngruft in der 
Küstriner Pfarrkirche mit ihren mannigfachen Er¬ 
innerungen an den Markgrafen Johann, der dort mit 
seiner Gattin, der Markgräfin Katharina, beigesetzt 
wurde. Die Hof- und Landesverwaltung der Mark unter 
Joachim II. behandelt Professor Dr. Otto Hintze in 
einem instruktiven Artikel, Voltaire als Kritiker der 
Werke Friedrichs des Großen R. Koser, den liebens¬ 
würdigen Prinzen Louis Ferdinand als Musiker Professor 
Dr. Otto Tschirch. Geheimrat Dr. Ludwig Keller gibt 
ein Essai über die geistigen, verwandtschaftlichen und 
politischen Beziehungen zwischen den Häusern Hohen¬ 
zollern und Oranien, und Franz Genthe endlich eine 
Übersicht über die preußischen Oberjägermeister von 


1579—1825, d. h. von Heinrich von Sandersleben ab 
bis zum Grafen Dedev Friedrich Moltke, ein Artikel, 
der zugleich viel Neues über die früheren jagdlichen 
Verhältnisse in den preußischen Landen enthalt. Ein 
Abschnitt Miscellanea Zollerana schließt wie immer den 
Jahrgang ab, dem die Firma Giesecke & Devrient in 
Leipzig wieder eine glanzvolle Ausstattung in bezug auf 
Papier und Druck und Bilderreproduktion gegeben 
hat. —bl— 

Gleicher Satz in den gedruckten Ablaßbriefen. 
Dr. Konrad Häbler hat in seiner Abhandlung: Gedruckte 
spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit (Zeitschrift für 
Bücherfreunde, V. Jahrgang, Heft 1/2, S. 67) darauf 
hingewiesen, daß wir in der Soldana-Bulle von 1499 zum 
erstenmal einem praktischeren Verfahren in der Her¬ 
stellung der Ablaßbriefe begegnen, indem ein doppelter, 
von geringfügigen Abweichungen abgesehen, ganz 
gleicher Satz hergestellt wurde, so daß mit einem Ab¬ 
züge und von einem Blatt Papier zugleich zwei Abla߬ 
briefe auf einmal gedruckt werden konnten. Daß dieses 
tatsächlich aus keinem anderen Grunde geschah, als 
um die Herstellung zu beschleunigen und der ge¬ 
steigerten Nachfrage zu genügen, beweist noch auf¬ 
fälliger ein anderer spanischer Ablaßbrief: Porque entre 
las obras a dios mas aceptas y en que mas se mani- 
fiesta su gloria y su nombre es seruido; es la exalta- 

cion | de los templos: y reparo de sus yglesias. 

O. O. 1517, der sich im Besitze von Ludwig Rosenthals 
Antiquariat befindet. Er ist ausgestellt von dem Kom¬ 
missär Arnaldo de Arceto, Prior des Augustinerklosters 
in Burgos, zugunsten der Erbauung der Peterskirche 
in Rom. Die Namen der (4) Verstorbenen, denen der 
Ablaß zugewendet werden sollte, sind handschriftlich 
eingetragen. 

Bei diesem Ablaßbriefe nun wurde sogar ein vier¬ 
facher Satz hergestellt, und mit einem Abzüge gewann 
man so vier Ablaßbriefe. Der vierfache Druck befindet 
sich auf einem Querfolioblatt, mit entsprechenden 
Zwischenräumen, um die einzelnen Exemplare je nach 
Bedarf bequem voneinander trennen zu können, je 
zwei in einer Reihe. Auch hier zeigen sich beim Satze 
geringe Verschiedenheiten, und zwar in der Weise, 
daß der Druck oben links mit dem unten rechts, und 
der oben rechts mit dem unten links ganz genau über¬ 
einstimmt. 

München. Jakob Menth. 


Als Autor der vielgenannten „ Nachtwachen von 
Bonaventura“ glaubt der Bonner Privatdozent Franz 
Schultz (nach einem Vortrage in der Berliner „Gesell¬ 
schaft für deutsche Literatur“) Friedrich Gottl. IVetzel 
entdeckt zu haben. In einer demnächst erscheinenden 
Schrift sollen die entsprechenden überzeugenden Nach¬ 
weise erbracht werden. —m. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15* 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg i. E. 












eitfdmft für Bücherfreunde fff 

Organ der 0efellfcbaft der Bibliophilen. 


XI. Jahrgang. 


BEIBLATT 

Mai 1907. 


Zweites Heft. 


Abonnementspreis für den Jahrgang 36 M. (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.), für das Quartal (drei Hefte) 9 M. 


Anzeigen 


1 /s Seite. 8 Mark. 

V 4 Seite.15 Mark. 


1 1 2 Seite.30 Mark. 

Vi Seite.60 Mark. 


Kleine Anzeigen (Desiderata und Angebote): die gespaltene Petitzeile SO Pf. — B e il age - G eb üh r 40 Mark. 

Inserationsschluß am 25. des vorhergehenden Monats. 

Redaktionelle Sendungen: Manuskripte, Bücher, Kataloge etc. gefl. zu richten an den Herausgeber: Fedor von Zobeltitz, Berlin IV. 15, 

Uhlandstr. 33 (Sommer: Spiegelberg bei Topper, Rgbz. Frankfurt a. O.). 

Anzeigen an die Verlagshandlung Velhagen & Klasing, Abteilung für Inserate, Leipzig, Hospitalstr. 27. 


Rundschau der Presse. 

Von Dr. Adalbert Hortzschansky in Groß-Lichterfelde. 

Die nachfolgende Übersicht versucht, die wichtigeren in Zeitschriften und Zeitungen enthaltenen Aufsätze und Abhandlungen zu 
verzeichnen, soweit sie für die Leser unserer Zeitschrift in Betracht kommen. Zusendung von Sonderdrucken und Ausschnitten an die Adresse 
des Bearbeiters in Groß-Lichterfelde bei Berlin, Moltkestr. 40, erbeten. 


Schrift-, Buch- und Bibliothekswesen. 
Allgemeines. 

Barone, N., Angelo Fumagalli e la cultura paleo- 
grafica e diplomatica dei suoi tempi in Italia. 

Atti della Accademia Pontaniana. (Napoli) 36. = 
2. Ser. 11. 1906. S. 1—23. 

Van den Gheyn, I., L’Art et le Livre. 

Bibliofilia. 8. 1906/7. S. 385—391. 

Gräsel, A., Die Smithsonian Institution in Washington. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 3442—47. 3487—92. 

Levison, W., Aus englischen Bibliotheken (Hand¬ 
schriften). 1. 

Neues Archiv d. Gesellschaft f ältere deutsche 
Geschichtskunde. 32. 1907. S. 376—456, 1 Taf. 

(Livre d’heures de Notre-Dame dites de Hennessy.) 

Le Musee des enlumineurs. Fase. 6. 1907. 16 Taf. 
m. Text. 2°. 

Müller, E., Vom Lesen. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 369—378. 

Bibliophilie. Exlibris. 

G. M., Un Autografo di Luca Signorelli (v. 1523). 

Bibliofilia. 8. 1906/7. S. 383—385. 

Fleischmann, F., Karl Emich Graf zu Leiningen- 
Westerburg *J\ 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 65—70. 

Gerster, L., Abraham Bosset, Pfarrer von Neuenstadt 
(und sein Ex-Libris von 1663). 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 70—72. 

Gerster, L., Nochmals Aloys Kolb. (Ex-Libris- 
Künstler.) Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 86—90. 

Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 2. — 


Gerster, L., Martin Kortmann. (Ex-Libris-Künstler.) 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 73—75. 

Gerster, L., Drei neue polychrome Stahlätzungen 
(von Ex-Libris). 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 90—91. 3 Taf. 

Gerster, L., Albert Wagen und seine Blätter. (Ex- 
Libris.) 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 77—80. 2 Taf. 

H (asselquist), A., Nägra Kvinnliga bokvänner. 

Allmänna svenska boktryckareföreningens inedde- 
landen. 12. 1907. S. 42—46 (mit 5 Abb.). 

Kohlmann, I., Typographische Ex-Libris. 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 80—86. 

Nolhac, P. de, Le catalogue de la premi^re biblio- 
thfeque de Petrarque ä Vaucluse. 

Revue des bibliotheques. 16. 1906. S. 341—344. 

Schmidt, P. F., Künstlerischer Buchschmuck. Aus¬ 
stellung der Gebr. Klingspor-Offenbach im Frank¬ 
furter Kunstgewerbemuseum. 

Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 91—93. 

Schulz-Euler, C. Fr., Wert und Bewertung von Ex- 
Libris. Buchkunst (Zürich). 4. 1906/7. S. 75—77. 

Sherborn, C. D., Note on a collection of book-plates 
by Richard Mountaine and William Haskoll (both 
of Winchester) and on some book-plates attrib. to 
William Henshaw. 

fournal of the Ex-Libris Society. 17. - I 9 ° 7 - 
S. 9—12. 

Zobeltitz, F. v., Vom Autographensammeln. 

Velhagen &■* Klasings Monatshefte. 21. 1906/7. 

H. 8. S. 170—174. 


1 


1 













Beiblatt. 


(Rundschau der Presse.) 

Bibliothekswesen. 

Bazin, R., In der Volksbibliothek. Studie nach dem 
Französischen des Rene Bazin von Walther Eggert- 
Windegg. Bücherwelt. 4. 1906/7. S. 145—147. 

Chabot, I. B., Inventaire sommaire des manuscrits 
coptes de la Bibliothöque nationale. 

Revue des bibliotheques. 16. 1906. S. 350—367. 

Colson, O., La nouvelle bibliothöque publique de 
Li£ge. Wallonia. 15. 1907. S. 51—64. 

Deville, E., Les manuscrits de l’ancienne biblioth^que 
de l’abbaye de Bonport. (Erworben durch Colbert, 
heute in der Bibliotheque nationale zu Paris.) 
(A suivre.) 

Revue des bibliotheques. 16. 1906. S. 319—340. 
5 Taf. 

Gill, A. K., The indicator considered as a modern 
library appliance. 

Library World. 9. 1906/7. S. 313—317. 

Glauning, O., Deutsches Bibliothekswesen der 
Gegenwart. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 70. S. 554—557. 

Aus einer alten Leihbibliothek. (Wolffsche Lese- 
bibliothek in Halle a. S. 1808/9.) 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 147. v. 28. März. 

List of works in the New York Public Library relating 
to Virginia P. 1. 2. 

Bulletin of the New York Public Library. 11. 1907. 
S. 64—83. 99 — 125 - 

Lühder, R., Die Handschriften der Bibliothek des 
geistlichen Ministeriums zu Greifswald in Fortsetzung 
von Dr. Th. Pyls ,,Rubenow-Bibliothek“ 1865. 

Pommersche Jahrbücher. 7. 1906. S. 263—336. 

Schulz, E., Über Wanderbibliotheken. 

Eckart. 1. 1906/7. Nr. 2—5. 

S(chwenke), P.,Der Neubau der Königlichen Bibliothek 
in Kopenhagen. 

Zentralblatt für Bibliothekswesen. 24. 1907. 

S. 164—168. 

Singer, H., Buchbinder und Volksbibliothek. 

Bücherwelt. 4. 1906/7. S. 106—108. 

St übel, B., Deutsche Bibliothekare. 

Illustrierte Zeitung. 128. 1907. S. 472—475 mit 
20 Abbild. 

Le Vol de la Bibliotheque des Beaux-Arts. 

Revue biblio-iconographique. f Ser. 14. 1907. 

S. 146—147. 

Wessel, Nochmals: Was uns eine sozialdemokratische 
Volksbibliothek lehrt. 

Bücherwelt. 4. 1906/7. S. 123—125. 

Buchdruck und - Gewerbe. 

Brown, F. Ch., Architectural motives in printing. 

The Printing Art. 8. 1906/7. S. 229—235. 

Caxton owned by Americans. 

Bibliofilia. 8. 1906/7. S. 411—412. Aus: The 

New York Sun. 

Dana, J. C., The democracy of art (of printing). 

The Printing Art. 8. 1906/7. S. 377—383. 


Gib son, St., Abstracts front the wills and testamen- 
tary documents of binders, printers, and stationers 
of Oxford, from 1493 to 1638. 

(Pi/blications of the Bibliographical Society.) 1907. 
XXIII, 61 S. 

Haebler, K., Ein Psalterium aus der Offizin des 
Peter Schöffer. 

Zentralblatt für Bibliothekswesen. 24. 1907. 

S. 155-163. 

Maire, A., Harmonie relative entre la forme du livre, 
sa typographie et le sujet dont il traite. 

Revue biblio-iconographique. 3 e Sdr. 14. 1907. 

S. 105 —110. 

Pubblicazioni di carattere bibliografico e intomo 
alla storia dell’ arte tipografica. 

Bibliofilia. 8. 1906/7. S. 416—426. 
Schneider, F., Karl Ernst Hickcthier f 2. März 1907 
und der Monumentaldruck zu Mainz. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2871 — 72. 

Schottenloher, K., Johann Schöner und seine Haus¬ 
druckerei (Reformationszeit). 

Zentralblatt für Bibliothekswesen. 24. I 9 ° 7 - 

s. I 45 —I 55 - 

Buchhandel. 

Book Catalogues for three hundred years. Term 
Catalogues. (Unterzeichn.: E. M.) 

Publishers Circular. 86. 1907. S. 293—294. 
A Florentine Bookseller. (Pietro Franceschini.) 

Publishers' Circular. 1907. Nr. 2126 v. 30. März. 
S. 349 - 350 - 

Fuld, Übertragung der Rechte des Verlegers. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 3085. 

Die Firma Friedrich Hofmeister in Leipzig. Zur 
Hundertjahrfeier ihres Bestehens, 19. März 1907. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2961—65. 

Kohn, M., Schriftsteller und Verleger. I. II. 

Die Gegenwart. Jahrg. 36. Bd.71. 1907. S. 103—184. 
200—201. 

Kohut, A., Wilhelm Braumüller. 

Die Gegenwart. Jahrg.36. Bd.71. 1907. S. 166—168. 
Korn, Dr. Heinrich von Korn *j*, Breslau. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 3256—58. 

Picard, E., Contribution ä l’histoire de l’evolution du 
droit d’auteur. 

Le Droit d'Auteur. 20. 1907. S. 30—32. 
Siegismund, K., Eine Verkaufsordnung für den 
deutschen Buchhandel. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 
S. 2787-89. 

Die Verkaufsbestimmungen im Buchhandel. 

Zentralblatt für Bibliothekswesen. 24. 1907. 

S. 174 - 175 - 

Wormann, E. T., Alien members of the book-trade 
during the Tudor period. 

(Publications of the Bibliographical Society.) 1906. 
VIII, 73 S. 


2 









Beiblatt. 


Zander, W., Die J. Ricker’sche Buchhandlung, Gießen 
1832—1907. 

Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. 1907. 

S. 3044—45- 

Zeitungswesen. Pressrecht. Zensur. 

Bouvat, L., La Presse musulmane. 

Revue du monde musulman. 1. 1906. S. 122—129. 

Duniway, C. A., The development of freedom of the 
press in Massachusets. 

Harvard historical studies. 12. 1906. 202 S. 

Köhler, J., Haftung einer Literaturzeitung. (Für die 
Besprechung von Rezensionsexemplaren.) 

Archiv f bürgerliches Recht. 30. 1907. S. 133—135. 

Whibley, Ch., The Yellow Press. 

Blackwoods Magazine. 1907. April. S. 531—538. 

Bibliographie. 

Biber, A., Geschichtliche und landeskundliche Literatur 
Pommerns 1904. 

Pommer sehe Jahrbücher. 7. 1906. S. 340—366. 

Bibliographie (de Corbeil). 

Bulletin de la societe historique et archeol. de 
Corbeil, d'Etampes et du Hurepoix. 12. 1906. 

S. 146—153. 

Erichsen, B., Bibliografi (der nordischen Literatur) 
for 1905. 

Arkiv för nordisk filologi. 23 = N. F. 19. 1906/7. 
S. 288—318. 

Manitius, M., Analekten zur Schulgeschichte des 
Mittelalters. I. Zur Überlieferungsgeschichte mittel¬ 
alterlicher Schulautoren (aus mittelalterlichen Biblio¬ 
thekskatalogen). 

Mitteilungen d. Gesellschaftf.deutsche Erziehungs- 
u. Schulgeschichte. 16. 1906. S. 35—49. 232—277. 

Rindfleisch, W., Altpreußische Bibliographie für das 
Jahr 1904 nebst Nachträgen zu den früheren Jahren. 

Altpreußische Monatsschrift. 43. 1906. Heft 3 u. 4, 
44. 1907. Heft 1. 

Literaturgeschichte, Allgemeines. 

C o hn, I., Die Anschaulichkeit der dichterischen Sprache. 

Zeitschrift f. Ästhetik. 2. 1907. S. 182 — 201. 

Dixon, J. M., A survey of Scottish literature in the 
nineteenth Century (with some reference to the 
eighteenth. 

University of California. Library Bulletin. 15. 
1906. 53 S. 

Bartels, A., Geschlechtsleben und Dichtung. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 183—201. 

Fürst, R., Die deutsche Legendendichtung. 

Das literarische Echo. 9. 1906/7. Sp. 915—923. 

Gleichen-Rußwurm, A. v., Dichtkunst und Kon¬ 
vention. 

Das literarische Echo. 9. 1906/7. Sp. 843—849. 

H e i n z e, R., Die gegenwärtigen Aufgaben der römischen 
Literaturgeschichte. 

Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, Geschichte 
u. deutsche Literatur. Bd. 19. 1907. S. 161—175. 


(Rundschau der Presse.) 

Zur neuhochdeutschen Legendendichtung. (Gez. 
Dr. H.) 

Historisch-politische Blätter f. d. kathol. Deutsch¬ 
land. Bd. 139. 1907. S. 386—394. 

Meiseis, S., Jungjüdische Lyrik. 

Das literarische Echo. 9. 1906/7. Sp. 849—855. 
Meyer, R. M., Vom Alt Berliner Roman. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 13, 14 
v. 31. März und 7. April. S. 100—104. 107—110. 

Po eck, W., Gegenwart und Zukunft der plattdeutschen 
Literatur. 

Eckart. Ein deutsches Literaturblatt. 1. 1906/7. 
S. 268—278. 

Schullerus, P., Rumänische Volksmärchen aus dem 
mittleren Harbachtale. Gesammelt, übersetzt und 
eingeleitet. (Schluß.) 

Archiv f. siebenbiirgische Landeskunde. N. F. 33. 

1906. S. 469—692. 

Speck, W., Psychologie der Volksdichtung. 

Die Zukunft. Jahrg. 15. 1907. Nr. 25. S. 443—449. 
Spiro, H., Dichter-Biographien. 

Konservative Monatsschrift. Jahrg. 64. Bd. 4. 

1907. April. S. 653—667. 

Stein-Hannover, B., Christus in der neueren Dich¬ 
tung. T. I. 

Bücherwelt. 4. 1906/7. S. 116—120. 136—140. 
Storck, K., Das Bürgertum in der Kunst. Zum 
200. Geburtstage Henry Fieldings. 

Der Türmer. 9. 1907. April. S. 100—109. 
Wirth, A., Die Frau in der deutschen Dichtung. 

Der Deutsche. Bd. 5. 1906/7. S. 777—781. 

Einzelne Schriftsteller. 

Aeschyllis: Jordan, H., Aischylos’ Choephoren in ihrem 
dramatischen Aufbau. 

Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, Geschichte 
u. deutsche Literatur. Bd. 19. 1907. S. 176—186. 
AriOSto: Kißner, A., Zum Jubiläum eines Dichtwerks. 
(Orlando Furioso.) 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 75 v. 31. März. 
S- 593 — 594 - 

Bartels: Arminius, W., Adolf Bartels. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 201—211. 
Börne: Geiger, L., Börnes Pensionierung. Mit unge¬ 
druckten Aktenstücken. 

Süddeutsche Monatshefte. 4. 1907. April. S. 492—499. 
Brunetiere: Constant, G., Ferdinand Brunetiere. 

Contemporary Review. 1907. April. S. 5 10 — 5 X 5 - 
—: Thevenin, H., Les ceuvres de M. Brunetiere. 

Etudes Franciscaines. 17. 1907. S. 260—282. 
Cale: Scha ukal, R., Tragisches Epigonentum. (Zu 
Walter Cales „Nachgelassenen Schriften“. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 75 v. 31. März. 
S. 594 - 596 . 

GardüCCi: Bulle, O., Giosue Carducci. 

Süddeutsche Monatshefte. 4. 1907. S. 321—326. 
-—: H aendler, O., Giosue Carducci. Geb. 27. Juli 1835 
zu Valdicastello, gest. 16. Febr. 1906 zu Bologna. 

Der Türmer. 9. 1907. April. S. 109—113, 


3 




Beiblatt. 


(Rundschau der Presse.) 

Dante: Borinski, K., Dante und Michelangelos 
„Jüngstes Gericht“. 

Zeitschrift f Ästhetik. 2. 1907. S. 202—216. 
—: Gorra, E., Quando Dante scrisse la Divina 
Commedia. 

Rendiconti d. r. Istituto Lombardo di scienze e 
lettere. Ser. 2. Vol. 39. 1906. S. 827—852. 

Dumas: (Glenel, Ch.), Trois manuscrits d’Alexandre 
Dumas p£re. (A suivre.) 

Revue biblio-ico?iographique. 3 e Ser. 14. 1907. 

S. hi— 115. 

Eichendorff: Korrodi, Ed., Neue EichendorfT-Literatur. 
Historisch-politische Blätter f. d. kathol. Deutsch¬ 
land. 139. 1907. S. 535 — 544 - 
Fielding: Lobban, J. H., Henry Fielding. 

Blackwoods Magazine. 1907. April. S. 550—565. 
—: Minchin, H. C., Henry Fielding and His Writings. 

Fortnightly Review. 1907. April. S. 620—634. 
Frenssen: Sturmfels, K., Die Frauen in „Hilligenlei“. 

Türmer-Jahrbuch. 1907. S. 12—37. 
Geibel: Thomas, R., Emanuel Geibel als Übersetzer 
altklassischer Dichtungen. 

Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, Geschichte 

u. deutsche Literatur. Bd. 19. 1907. S. 187—223. 
Goethe: Blum, L., Der dritte Teil des „Faust“. Aus 

den Gesprächen Goethes mit Eckermann. (Aus den 
erfundenen Nouvelles Conversations de Goethe avec 
Eckermann 1897—1900 übersetzt von Olga Sigall.) 

Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 
1907. Nr. 13 v. 1. April. 

—: Börnstein, R., Goethes Meteorologie. 

Deutsche Revue. Jahrg. 32. 1907. April. S. 106—119. 
—: Friedländer, E., Goethes deutsche Gesinnung. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 278—288. 
—: Graevenitz,v., Goethes Zueignungen. Ein Ge¬ 
denkblatt zum 75. Todestag. 

Tägliche Rundschau. 1907. Beil. Nr. 67 u. 68 

v. 20. u. 21. März. 

Grillparzer: Hock, St., Ein ungedruckter Brief Grill¬ 
parzers. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 14 
v. 7. April. S. 112. 

Hauptmann: Servaes, F., Das Werk Gerhart Haupt¬ 
manns. 

Das literarische Echo. 9. 1906/7. Sp. 771—781. 
Hebbel: Henzen, W., Hebbels Judith und Schillers 
Jungfrau. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 28. 1907. 

37 S. 

Hugo: Rolland, H., L’enfant dans les ceuvres de 
Victor Hugo. 

Memoires de la societd dunkerquoise. 44. 1906. 
S. 209—257. 

Ibsen: Archer, W., Ibsen’s Craftmanship. 

Fortnightly Review. 80. 1906. S. 101—113. 
Jensen: Arminius, W., Wilhelm Jensen, geb. 15. Fe¬ 
bruar 1837. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 253—267. 

Keller: Rosenfeld, W„ Gottfried Keller. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 27. 1907. 

38 S. 


Kleist: Graef, H., Heinrich von Kleist. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 24. 1906. 
28 S. 

—: Hoffmann, P., Das Kleisthaus in Frankfurt 
a. Oder. 

Nationalzeitung. 1907. Nr. 157 v. 5. April. 
Kümmel : V ö g e 1 e- Schöntal, A., Der schwäbische Volks¬ 
schriftsteller Konrad Kümmel. 

Bücherwelt. 4. 1906/7. S. m — 116. 
Lagerlöf: Havemann, J., Selma Lagerlöf. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 352 — 368. 
Liliencron: Merwin, B., Detlev von Liliencron. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 23. 1906. 
140 S. 

Maeterlinck: Oppeln-Bronikowski, Fr. V., Neues 
von Maeterlinck. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 71 v. 25. März. 
S. 563—566. 

Nieritz: Linde, E., Gustav Nieritz als Volkserzähler. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 288—293. 
Nietzsche: Key, E., Nietzsche und Goethe. 

Die neue Rundschau. 1907. April. S. 385—404. 
Norris: Jensen, J. V., krank Norris: The Octopus! 

März. 1. 1906/7. Heft 7. (1. April-H.) S. 67—73. 
Paul: Kienzl, H., Adolf Paul. 

Das literarische Echo. 9. 1906/7. Sp. 650—658. 
Petrarca: Lo Parco, F., Dei Maestri canonisti attri- 
buti al Petrarca. 

Revue des bibliotheques. 16. 1906. S. 301—318. 
Raabe: Hoffmann, H., Wilhelm Raabe. 

Die Dichtung. Bd. 44. 1906. 77 S. 
V. d. Recke: Kayser, R., Elisa von der Recke. 

Preußische Jahrbücher. Bd. 128. 1907. S. 52—66. 
Reicke: Spiero, H., Georg Reicke. 

Das literarische Echo. 9. 1906 7. Sp. 781—788. 
Ronsard: Van Bever, Ad., La jeunesse de Ronsard. 
(Suite.) 

Revue biblio-iconographique. 3 e Ser. 14. 1907. 

S. 116—121. 

Rostand: Oppeln-Bronikowski, F. v., Edmond 
Rostand. 

IVestermanns Monatshefte. Jahrg. 51. 1906/7. 

Bd. 102. S. 13—22. 

Schaukal: Bienenstein, K., Richard Schaukal. Ein 
literarisches Porträt. I. II. 

Die Gegenwart. Jahrg. 36. Bd. 71. 1907. S. 152— 
153. 168—169. 

Schiller: Aus Peter Hilles nachgelassenem Schiller- 
Festspiel. 

DieGegenwart. Jahrg.36. Bd.71. 1907. S. 215—217. 
Shakespeare: Eidam, Chr., Über Kordelias Antwor- 
(King Lear I, 1, 97—100) sowie über die Neut 
bearbeitung des Schlegel-Tieck. 

Die neueren Sprachen. 14. 1906/7. S. 599—609. 
Stavenhagen: Bartels, A., Fritz Stavenhagen. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 211—216. 
Stifter: Gottschall, R. v., Adalbert Stifter. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 25. 1907. 

68 S. 


4 




Beiblatt. 


V. Strauß und Torney: Schmitz-Bonn, G., Lulu von 
Strauß und Torney. 

Biicherwelt. 4. 1906/7. S. 92—100. 
Swinburne: Landauer, G., Algernon Charles Svvin- 
burne. 

Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 
1907. Nr. 13. v. I. April. 

Thoreau: H ofmiller, J., Thoreau. 

Süddeutsche Monatshefte. 4. 1907. S. 11—17. 

178—187. 

Tieck: Graf, H., Johann Ludwig Tieck. 

Beiträge zur Literaturgeschichte. H. 26. 1907. 

32 S. 


(Rundschau der Presse — Kleine Mitteilungen.) 

Viebig: Görg, P., Die Objektivität und Realistik in 
Klara Viebigs Eifelwerken. 

Bücherwelt. 4. 1906/7. S. 120—123. 140—145. 

Voltaire: Sakmann, P., Charakterbilder aus Voltaires 
Weltgeschichte. 

Die ?ieueren Sprachen. 14. 1906/7. S. 577 — 59 & 

Wilde: Wülker, Oskar Wilde. 

Tägliche Rundschau. 1907. Nr. 161 v. 7. April, 
vierte Beilage, aus: Wülker, Geschichte der englischen 
Literatur, 2. Auflage. 

Zahn: Eloesser, A., Ernst Zahn. 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 161 v. 7. April. 


Kleine Mitteilungen. 


Ein prächtig ausgestattetes Kälendarium für das 
Jahr 1907 versenden die graphischen Kunstanstalten 
von Meisenbach Riffarth Co., in Berlin-Schöneberg als 
Festgabe zur Jahreswende an ihre Kunden und Ge¬ 
schäftsfreunde. Ein reich in Blau, Rot und Gold ge¬ 
preßter gotisierender Schmuckrand umschließt auf der 
Vorderseite des Deckels, oben mit dem Künstler¬ 
wappen, in den unteren Ecken mit dem Wahrzeichen 
von Berlin und Schöneberg geziert, die älteste Stadt¬ 
ansicht der ehemals kurfürstlichen Residenz. In das 
Kalendarium eingestreut bietet die Firma in einer 
Reihe von Einzelblättern meisterhafte Proben aller 
Zweige ihrer Reproduktionstechnik, an erster Stelle der 
Autotypie und des Lichtdrucks. Während die Wieder¬ 
gaben von Skulpturen nach Meunier und Sinding sich 
besonders durch Klarheit, durch feinste Verteilung von 
Licht und Schatten in den Flächen auszeichnen, be¬ 
stechen die Landschaften durch die treue Wiedergabe 
der Valeurs und durch die Lockerung der Atmosphäre. 
Die Doppelautotypie und vor allem die Anordnung 
einer und mehrerer Tonplatten erzielt hier künstle¬ 
rische Wirkungen von intimstem Reiz. Massig sich auf¬ 
bauende Maschinen und feinste Spitzengewebe für 
Reklamezwecke der Industrie werden mit gleicher 
Vollendung wiedergegeben in ihrer Gesamterscheinung 
wie in treuester Nachbildung der Einzelheiten. Be¬ 
sonders augenfällig sind die Fortschritte in der Vier¬ 
farbenätzung, wie sie sich in den zarten Fleischtönen 
einer nackten, bacchantischen Jünglingsgestalt von 
Franz Stassen, einer rotbräunlichen Skizze von Max 
Liebermann, einem koloristisch überaus feinen Familien¬ 
interieur von Vermeer van Delft und einer tieffarbigen, 
von der Abendglut durchstrahlten Waldlichtung von 
Döpler d. J. darstellen. Kommt es hier vorwiegend 
darauf an, die Nuancen des Kolorits und der Pinsel¬ 
führung herauszubringen, so sind Lithographie und 
Steindruck mit ihrer reicheren Farbenskala besonders 
auf Fernwirkung angewiesen. Die beiden Affischen- 
Verkleinerungen sind vollgültige Beweise für die 
Leistungsfähigkeit der Firma auf dem Gebiete des 
Plakatdrucks. Das Kalendarium der Firma Meisen¬ 
bach Riffarth & Co. ist ein Ehrenzeugnis der Graphik 
in Deutschland, die sich dem alltäglichen Bedürfnis 
des Tages wie den Aufgaben der großen Kunst in 
gleicher Weise gewachsen zeigt. 


Eine Spezialbibliothek der Tagesliteratur und 
Publizistik neuester Zeit befindet sich auf dem Schloß 
Laudenbach am Spessart, die dessen Besitzer, der am 
15. März 1907 verstorbene urwüchsige Fideikommißherr 
Friedr. Karl Reichsfreiherr von Fechenbach- Lauden¬ 
bach, ein auch originell volkswirtschaftlicher antisozia¬ 
listischer Schriftsteller (geboren 7. November 1836 im 
nahen Aschaffenburg), angesammelt und stufenmäßig 
angebaut hat. Es ist zu hoffen, daß dieses, laut Zeitungs¬ 
nachrichten („Münchner Neueste Nachrichten“ 1907, 
No. 135, Seite 3) „sehr umfangreiche, wertvolle Archiv 
über alle Erscheinungen der Tagesliteratur“ nun nicht 
länger der Öffentlichkeit und deren Benutzung vor¬ 
enthalten wird. Fl. 


Zur „Literatur der Todtengespräche“ (X. Jahrgang, 
Seite 392) schreibt uns Professor Dr. R. F. Arnold in 
Wien, daß sein Hörer Leopold Krieger mittlerweile 
einen zweiten, anscheinend letzten Teil (1790) des Ge¬ 
sprächs zwischen Telemach und Robinson aufgefunden 
habe, so daß also Kippenbergs und Arnolds Vermutungen 
bestätigt erscheinen. 


Heft 4 der „Beiträge zur Volkskunde. Im Aufträge 
des Vereins für Sächsische Volkskunde herausgegeben 
von Prof. Dr. E. Mogk“ enthält zwei Altere Lieder- 
sammlungen, bearbeitet von Arthur Kopp: das Sächsi¬ 
sche Bergiiederbüchlein von 1700/10 und der Frau 
Margarethe von Holleben Liederhandschrift 1740—1792 
(Leipzig, G. Schönfelds Verlagsbuchhandlung). Die 
beiden Sammlungen passen nur anscheinend nicht zu¬ 
einander; tatsächlich macht der Gegensatz der volks¬ 
tümlichen Poesie des Bergliederbuchs und der galant- 
schäferlichen im Buche der Frau von Holleben die 
Nebeneinanderstellung überaus ergiebig und fruchtbar. 
Das Bergliederbüchlein, Unikum der Leipziger Uni¬ 
versitäts-Bibliothek, trägt kein Druckjahr auf dem Titel; 
aber man wird der Beweisführung Kopps zustimmen 
müssen, daß es bald nach 1700 gedruckt worden ist, 
vielleicht in Leipzig oder Dresden. Neben bergmänni¬ 
schen und auffallend viel studentischen Liedern enthält 
es vereinzelte Jäger- und Soldatenlieder, auch einige 
auf die Türkenbelagerung Wiens bezügliche historische 
Lieder. Uhland, Erk, Böhme, Döring, Köhler u. a. 
haben das Bergiiederbüchlein stark benützt; die un- 


5 








Beiblatt. 


(Kleine Mitteilungen.) 

bekannteren Lieder druckt Kopp in seinen biblio¬ 
graphisch und literargeschichtlich höchst interessanten 
Nachweisen gänzlich ab. Das Stammbuch der Frau 
von Holleben existiert nur noch in einer Abschrift; der 
Vermerk auf dem Vorsatz: „Sammlung verschiedener 
Melodischer Lieder, die von den Händen hoher Gönner 
und Gönnerinnen auch Freunde und Freundinnen in 
dieses Buch eingetragen worden..zeigt klar den 
Zweck des Albums an. Außer einigen fragwürdigen 
Gedichten eigener Muse finden sich volkstümliche 
Lieder und solche von Neumeister, Menantes, Sperontes, 
Günther, Hagedorn, Geliert; nichts Hervorragendes— 
und doch ist die Sammlung sehr interessant, weil sie 
einen gewissen Gradmesser für den Geschmack und 
das geistige Leben der Kreise bilden, innerhalb deren 
sie entstanden sind: des Schwarzburg-Rudolstädtischen 
Adels in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, 
in dem bei aller Nähe Weimars wenig von klassischem 
Geiste zu spüren war. Dabei war Frau von Holleben 
selbst mit dem Adel in Weimar verwandt, verschwägert 
und befreundet: den Beulwitz, Normann, Staff, Wurmb, 
Vitzthum, Stein, Zaschnitz. —bl— 


Eine neue Bücherserie zu dem überaus billigen 
Preise von 1,80 M. für den starken kartonierten Oktav¬ 
band beginnt bei Wilhelm Langewiesche- Brandt in 
Düsseldorf und Leipzig unter dem Gesamttitel „Die 
Bücher der Rose “ zu erscheinen. Den Buchschmuck, 
bestehend in einem sehr hübschen Signet, Titelrahmen 
und kleinen Culs-de-lampes, alle, dem Namen ent¬ 
sprechend, ausnahmslos aus Rosen geformt, lieferte 
Käthe Waentig. Der Deckel aus braunem Carton mit 
hellerem Signetaufdruck ist nochmals in einen Schutz¬ 
umschlag gehüllt, der die Titelschildchen in roten und 
schwarzen Typen, ebenfalls von Rosen gerahmt, trägt. 
Dem Umschlag ist auf dem umgeklappten Rand eine 
Art Ankündigung vorgeklebt; eine andere steht dem 
Innentitel gegenüber. Diese reklameartig gehaltenen 
Inschriften stehen mit der Vornehmheit des Unter¬ 
nehmens nicht im Einklang und sind auch überflüssig. 

Bisher liegen uns zwei Bände vor. Der erste nennt 
sich „Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher 
Lyrik, gesammelt von Will Vesper.“ Er bietet einen 
recht gut gewählten Überblick von Kürenberg über 
Goethe, Heine, Mörike, Dehmel, Liliencron bis zu 
Fontane. Der alte Fontane würde gesagt haben: „Das 
ist ein weites Feld!“ Band zwei bringt unter dem Motto 
des Goetheschen Petschafts „Alles uin Liebe“ Briefe 
von Goethe aus der ersten Hälfte seines Lebens, bio¬ 
graphisch verbunden und erläutert von Ernst Hartung. 
Natürlich handelt es sich, trotz des lockenden Titels 
nicht nur um Liebesbriefe, sondern charakteristische 
Briefe an Cornelie, an Knebel, an Krafft und hundert 
andere sind darunter. Mancher, der die Ausgabe für 
die vollständigen Briefsammlungen scheut, wird bei 
dem niedrigen Betrage sich gern mit dieser Auswahl be¬ 
kannt machen, die uns den Vollmenschen Goethe nur 
noch näher bringen kann. —m. 


Bei R. Piper & Co. in München wird als Subskrip¬ 
tionsdruck eine Serie von 36 Blättern japanischer Holz¬ 
schnitte erotischen Genres von Moronobu, Harunobu 
und Uiamaro angekündigt. Von Moronobu (1675—1715) 
sollen 10 Blätter, von Harunobu (Hauptwirken 1760 
bis 1770) ebenfalls 10 Blätter geboten werden, von 
Utamaro wird das berühmte „Kopfkissenbuch“ von 
1788 reproduziert, dem Edmond de Goncourt enthu¬ 
siastische Worte widmete. Format des Werks (in 
künstlerischer Mappe) 25:35 cm; Auflage 300 Exem¬ 
plare ä 60 M. f davon 25 als Luxusausgabe mit aufge¬ 
zogenen Originalphotographien (Silberkopien) ä 125 M. 

—m. 

Als Band VI das „Hortus Deliciarum“ erscheint 
bei Julius Bard in Berlin W. 15: „Briefe und Dialoge 
des Abb<f Ga/iani“, übersetzt und herausgegeben von 
Alex. Erhrn. von Gleichen-Rußwurm (kart. M. 6, in 
Leder gebunden M. 7.50, Luxusausgabe M. 15). 

Der Leipziger Bibliophilen-Abend hat seinen Mit¬ 
gliedern eine ganz reizende Festgabe bei seinem 
letzten Stiftungsfeste gewidmet: Otto Ludwigs „Ge¬ 
schichte von den drei Wünschen“, zum ersten Male 
getreu nach der Handschrift wiedergegeben, auf Grund 
einer Vergleichung, die Dr. Carl Schüddekopf im 
Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv vorgenommen 
hat. Aber das literarische Interesse macht das Buch 
nicht allein wertvoll, auch seine Ausstattung ist wunder¬ 
voll — geradezu wundervoll. 38 Exemplare sind auf 
Japan-Pergament abgezogen und in Schweinsleder ge¬ 
bunden, die Nummern 39—99 auf Van Gelder Bütten 
gedruckt und in Leinen gebunden (den Leineneinband 
hätte man origineller gestalten können). Typographisch 
ist das Buch von erlesener Schönheit. Den Titel und 
den diesem gegenüberstehenden Druckvermerk 
schmücken kräftige Ornamente nach Entwürfen von 
Georg Belwe, der auch Satz und Druck geleitet hat. 
Die Typen sind eine Art Schwabacher, sehr fein im 
Duktus und gut lesbar und stehen tiefschwarz mit breiter 
Umrandung auf dem Papier. Jede Seite ziert links 
eine geschnäbelte Goldlinie, über die die Anfänge der 
Absätze mit den ersten beiden Buchstaben heraus¬ 
treten. Vereinzelte schön entworfene, aber schlicht 
gehaltene Initialen in Rot und Gold sind eingestreut, 
die Kapitelüberschriften fügen sich in Rotdruck ein. 
Das Buch, um dessen Zustandekommen sich Professor 
Georg Witkowski verdient gemacht hat, ist eine wahre 
Augenweide und stellt der Druckfirma (der Königl. 
Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe 
in Leipzig und ihrem Leiter Professor Max Seliger) 
ein glänzendes Zeugnis aus. —bl— 


Bei Otto Harrassowitz in Leipzig ist kürzlich der 
erste Band eines Jahrbuchs erschienen, das wir mit 
großer Freude und Genugtuung begrüßen: Jahrbuch 
der Bücherpreise. Alphabetische Zusammenstellung der 
wichtigsten auf den europäischen Auktionen (mit Aus¬ 
schluß der englischen) verkauften Bücher mit den 


6 









Beiblatt. 


erzielten Preisen, bearbeitet von C. Beck. England und 
Amerika besitzen bereits derartige Nachschlagewerke, 
in Frankreich erschien ein ähnliches Handbuch 
mehrere Jahre und wird jetzt wieder vorbereitet; in 
Deutschland ist es bisher schmerzlich vermißt worden. 
Trotzdem glauben wir dem Bearbeiter, daß viele Anti¬ 
quare sich nicht entschließen konnten, ihm ihre Preis¬ 
listen zu überlassen; das lächerliche Mißtrauen konnte 
sich dem Bewußtsein nicht fügen, daß die Lieferung 
der notwendigen Unterlagen doch auch im Interesse 
der auktionierenden Firmen liegt. 

Die äußere Anlage des handlichen Buches (8°, 
X und 237 Seiten) ist sehr praktisch, die Abkürzungen 
sind ohne weiteres verständlich, so daß man der Er¬ 
läuterungstafel kaum bedarf. Im allgemeinen sind 
nur die Bücher berücksichtigt worden, die einen 
Mindesterlös von 10 M. erzielten, doch wurden auch 
hier Ausnahmen gemacht, ebenso wie aus Zweck¬ 
mäßigkeitsgründen zuweilen von dem Grundsätze ab¬ 
gewichen wurde, die Erscheinungen von 1850 ab fort¬ 
zulassen (vielleicht wäre auch eine Berücksichtigung 
der modernen Luxusdrucke praktisch). Eine größt¬ 
mögliche Genauigkeit in den Angaben war natürlich 
die Hauptsache; so finden wir denn vielfach die 
wichtigen Bemerkungen „Unbeschnitten“, „Original- 
Umschlag“, „Original-Einband“ usw. in entsprechenden 
Abkürzungen. 32 Auktionen sind angezogen worden, 
davon 13 deutsche und österreichische, 15 französische, 
4 holländische; 3901 Nummern wurden verzeichnet. 

Abgesehen von dem praktischen Nutzen des 
Buches ist es auch höchst amüsant, dem Steigen und 
Fallen der Preise bei einzelnen besonderen Lieblingen 
der Bibliophilen nachzuforschen. Noch interessanter 
werden ja freilich die Zusammenstellungen sein, wenn 
erst mehrere Jahrgänge erschienen sind und man ein 
umfassendes Vergleichsfeld vor sich hat. Hoffentlich 
haben Verleger und Herausgeber die Freude, mit 
dem Erfolge zufrieden zu sein, so daß damit auch das 
Unternehmen sichergestellt ist. Jedenfalls sei das 
„Jahrbuch der Bücherpreise“ (in flexiblem Einband 
8 M) allen unsern bibliophilen Freunden auf das 
wärmste empfohlen. —bl— 


Von einem neuen Kataloge der Firma C. G. Boerner 
in Leipzig gingen uns die ersten Aushängebogen zu. 
Die deutsche Literatur der klassischen, romantischen 
und nachklassischen Periode ist glänzend vertreten. 
Erwähnt seien nur: Arnim, Schaubühne 1813, Wunder¬ 
horn 1806/08; Brentano, Gockel 1838, Godwi 1801/02, 
Mosel-Eisgangs-Lied 1830; Sophie Mereau, Blüthen- 
alter der Empfindung 1794; Gerstenberg, Ugolino 1768; 
Görres, Histor.-politische Blätter, Band 1—96; Goethe, 
Clavigo 1787, Faust 1808, Götter Helden und Wieland, 
Götz erste und zweite Ausgabe, Taschenbuch 1798, 
Wertherin den ersten Drucken, Löschenkohls Werther, 
Wagners Prometheus, Puppenspiel; Grillparzer und 
Hebbel fast vollzählig in Erstdrucken; ebenso Heine, 
Hofifmann, Kleist, Klinger; viele Erstausgaben von 
Lessing, Mörike, alle Erstdrucke Nietzsches; Schiller, 
Abfall mit Widmung an Goeschen, Erstdruck der 


(Kleine Mitteilungen — Inserate.) 



10 Mk., Halbjahres-Abonnement 6 Mk. 


Buchhändler Franz Bieringer, Passau 

Dr. Paul Ebers, Baden-Baden 

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tauscht folgende Exlibris (No. i nur gegen Allerbestes) 

1. Radierung von Hans am Ende, Worpswede b. Bremen 

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4. Exlibris des Sanatorium Dr. Ebers von E. Zimmermann, Rom. 

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7 Kolb (Radierung), i Cossmann (Radierung), 2 Heroux (Radie¬ 
rung), 4 Crampe (Heliogravüre), 1 Stassen (Kupfer), 11 Stein¬ 
radierungen, Autotypien usw , 4000 Dubletten. Tausch u. Kauf. 

Frau Pastor Schreiber, Leipzig-Gohlis 

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Erstausgaben 

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Usedom p. r. 111. Rückporto. 


Schriftsteller, 

Bibliothekare, 

finden durch Zusammenstellen von literarischen Quellen 
für Verlagsanstalt guthonorierte Nebenbeschäftigung. 
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für Bücherfreunde, Leipzig, Hospitalstraße 27. 


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Zu kaufen gesucht: 

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Auf diese werden speziell die Buchbinder 
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Makulatur behandeln. 

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7 













Beiblatt. 


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Der Schubkarren, Reue nach der That in zwei ver¬ 
schiedenen Drucken usw. 


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gehenden Kataloge können für das nächste Heft berücksichtigt werden. 

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Brandenburg in Geschichte, Literatur und Kunst. 
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land, Österreich und die Schweiz. (Bibliothek Ge¬ 
heimrat v. Weech) 

Franz Malota in Wien IV. Anz. VII, 2. Aus ver- 
schiedenen Wissenschaften. 

P. Brandt in Steglitz-Berlin. No. 1. Neuere Belletristik, 
Militaria, Verschiedenes. 

Gustav Budinsky in Graz. No. 41. Aus allen Fächern. 

Jos. Jolowicz in Posen. No. 164. Katholische Theologie. 
Theologie in pobiischer Sprache. 

Lipsius lP Tischer in Kiel. No. 87. Theologie einschlie߬ 
lich Semitica. — Bücherfreund No. ii: Varia. 

IV. Junk in Berlin W. 15. Desiderata No. 30. 

Richard Härtel in Dresden-A. No. 38. Porträts, Auto¬ 
graphen, Stannnbücher. 

Friedrich Meyers Buchhandlung in Leipzig. No. 78. 
Weimars Musenhof. (Anna Amalia, Carl August, 
Goethe, Herder, Schiller, Wieland.) 

Oswald Weigel in Leipzig. No. 8. Romanica. (Biblio¬ 
theken G. J. Göschen, Ralph Copeland u. a.) 

List Francke in Leipzig. No. 392. Biographien, 
Memoiren, Briefwechsel. 

Ferdinand Schöningh in Osnabrück. No. 80. Literar. 
Seltenheiten aus früheren fahrhunderten. 

E. v. Masars in Bremen. No. 21. Aus allen Wissens¬ 
gebieten. 

Josef Baer ö- 5 Co. in Frankfurt a. M. No. 542. Ge¬ 
schichte Frankreichs von den ältesten Zeiten bis zum 
Regierungsantritt Ludwig XIV. 

Karl W. Hiersemann in Leipzig. No. 336. Mittel- und 
Süd-Amerika, West-Indien, Philippinen , Spanieti und 
Portugal. — No. 335. Amerikanische Linguistik. 

PaulAlicke in Dresden-A. No. 67. Illustrierte Bücher. 

Ausland. 

Basler Buch- und Antiquariatshandlung vorm. Ad. 
Geering. Anz. No. 194. Deutsche Belletristik und 
Literatur. 

W. Dolch in London W. No. 8. Alte und seltene Bücher. 

(Luther, Elzevire.) 

Martinus Nijhoffim Haag. No. 335. Americana. — 
No. 336. Niederlande. 

Leo S. Olschki in Florenz. Bull. No. 58. Alte Drucke 
und Seltenheiten. 

C.-A. Mincieux in Paris XV. No. 12. Alte Drucke. 


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ständigung von dessen Sammlung folgende drei 

Leipziger 

Napoleon-Karikaturen: 

Die Exorcisten 

(die Verbündeten treiben der Gallia den 
Teufel Napoleon aus) in 4 0 . 

Dame Gallia 

(zahlt den Verbündeten die Rechnung für 
diese Kur) in 4 0 . 

The exequies of the universal monarchy 
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der Universalmonarchie, in Folio. 

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Buchhandlung. 



Katabg 164: Deutsche Literaturdenkmäler von 

den Anfängen bis auf die neueste Zeit; einschlie£>- 
lich der Erläuterungsschriften und Dichterporträts. 
2. Teil: I—P. Nebst einer Abteilung enthaltend 
Kompositionen deutscher Dichtungen. I—P. Ca. 
1050 Nummern. 

Katalog 163: Musiker-Biographien. Schriften von 
Musikern. Briefwechsel und Memoiren. Er¬ 
läuterungen zu musikalischen Werken und Schriften 
biographischen und kritischen Inhalts über Musiker. 
1700 Nummern. 

Leo Liepmannssohn. Antiquariat. 

Berlin SW. 11, Bernburgerstr. 14. 




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Kataloge gratis. Auskünfte Rückporto. 

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Buchhändler und Antiquar, 
Aisleben (Saale). 


8 




















































Beiblatt. 


Inhalt des Hauptblattes. 

(Heft 2 — Mai 1907.) 

Aus den Jugendjahren eines Romantikers (Karl 
von Miltitz). Von O. E. Schmidt. Mit 7 Abbildungen.— 
William Morris. Sein Leben und Wirken. II. Von 
Otto von Schleinitz. Mit 18 Abbildungen. — Die Jahres¬ 
ernte deutscher Buchkunst. Von W. Niemeyer. — 
Anthoine de la Sale und seine Hundert Neuen Novellen. 
Von Alfred Semerau. — Die neueste Sammlung von 
Manuskripten des Mittelalters. Von Ad. Askani. Mit 
2 Einschaltblättern. — Chronik: Macdonalds „In a nook 
with a book“ (W. Jordan). — Hohenzollern-Jahrbuch 
(—bl—) — Gleicher Satz in den gedruckten Ablaßbriefen 
(Jak. Menth). — Der Autor der „Nachtwachen von 
Bonaventura“. 

Tausch l Zu tauschen gesucht: 

Gamiani, 2 Nächte, numer. Exempl. M. 15.—; Der 
duftende Garten, numer. Exempl. in Leder M. 23.— 
gegen Meursius Aloisia Sigoea. Gefl. Angeb. unter 
W. 1081 an die Exp. der Zeitschrift für Bücherfreunde, 
Leipzig, Hospitalstraße 27. 

Die Bücherliebhaberei 

in ihrer Entwicklung 

bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, 
von Otto Mühlbrecht. 

Verlag von Velhagen 6° Klasing in Bielefeld und Leipzig . 


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Woldemar Kunis, 

Dohna/Sachsen 

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C. G. Boerner, Buch antiquariat, Leipzig 

Zi Nürnbergerstraße 44 ■ 1 —. 


Soeben erschien Katalog VII: 

Deutsche Literatur seit Gottsched 

Arnim: Werke. Wunderhorn. — Brentano: Gockel, Widmungsexemplar. Godwi. — Sophie 
Mereau: Blüthenalter der Empfindung. — W. Busch: Erstausgaben. — Chodowiecki-Bücher: 
(Clarissa etc.). — Förster: Sängerfahrt. — Goethe: Schriften 8 Bde. Clavigo. Faust 1808. 
Goetter, Helden u. Wieland. Goetz 1773. Hermann und Dorothea. Werther 1774, 1. u. 2. 
Druck. Wertheriana. Puppenspiel. Seltene Privatdrucke und Werke über Goethe. — Grill¬ 
parzer. — Hebbel: Fast alle Erstdrucke. — Heine: Tragödien. Reisebilder etc. — E. T. 
A. Hofmann: Meister Floh. Seltsame Leiden. Kater Murr u. a. — Kleist: Erzählungen. 
Schroffenstein. Käthchen. Krug. — Klinger: Neue Arria. Elfriede. Theater. Das leidende 
Weib etc. — Lenz: Der Engländer. Hofmeister. Menalk u. Mopsus. Petrarch. — Lessing: 
Di e alte Jungfer 1749. —Voltaire: Schriften 1752 u. a. — Mörike: Maler Nolten. — Friede¬ 
ricke Neuberin: Leben u. Thaten 1744. —- Nicolai: Kleyner Almanach. —- Nietzsche: 
Sämtliche zu Lebzeiten erschienene Werke in Erstdrucken. — Ludwig Richter-Bücher. — 
Schiller: Widmungsexemplar an Göschen. Räuber 1781, 1782. Musenalmanach etc. 
Heinrich Leopold Wagner: ApolPs Abschied von den Musen. Der Schubkarren des 
Essighändlers. Reue nach der That. Zwei Drucke. Der wohlthätige Unbekannte. 
Tagebuch eines Weltmannes. Die Königskrönung. 


Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 2. 


9 


2 





























Beiblatt. 


Soeben erschienen: Antiquariats-Katalog No. 276. 

Historisch-typograph. Sammlung I: 

Rheinprovinz, Westfalen, Hessen, Hessen - Nassau 
und -Darmstadt, Rheinpfalz, Baden und Elsaß, Schweiz. 
1559 Nummern. 
Antiquariats-Katalog No. 277. 

Deutsche Literatur, Geschichte, Napoleon I., Kunst, 
Kultur- und Sittengeschichte, Philosophie, Varia. 

Ferner ist vor kurzem erschienen: Antiquar.-Kat. No.275. 

Kultur- und Sittengeschichte 

(dabei viele Flugblätter und Einblattdrucke), sehr reich¬ 
haltiger und interessanter Katalog. 2817 Nummern. 

Bayreuth. B. Seligsberg’s Antiquariat 

(Inhaber: F. Seuffer). 


Eine Reformation des Geisteslebens 

der Menschheit 

Zur Einführung: 

Mein Wirken als Reformator 
des Innenlebens der Menschheit 

von Dr. Norbert Grabowsky. — Preis SoPfg. 

Der Autor nimmt auf dem Gebiete des geistigen Lebens der 
Menschheit eine führende Rolle ein. Seine Werke sind von 
bleibender Bedeutung und sie bahnen einen neuen Zeit¬ 
abschnitt des menschlichen Geisteslebens heran. 

Achtseitiger Prospekt über Schriften Dr. Norb. 
Grabowskys gratis durch die 

Verlagsbuchhandlung Max Spohr, Leipzig 68. 

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Im Drucke befindet sich: 

Katalog No. XLVIII: 


seit Gottsched 

Erstausgaben * Übersetzungen * Autogramme. 

Zusendung auf Verlangeti frei. 

Emil Hirsch, Antiquariat 

MÜNCHEN, Karlstraße 6. 


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Auf Verlangen steht noch gratis und franko 
zur Verfügung: 

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Städteansichten 
0 Porträts o 

(3161 Nummern.) 

Franz Stöpcl, Kunstantiquariat 

Floßplatz 33 Leipzig * Floßplatz 33. 


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Französische u. deutsche Literatur 
des XVI. bis XIX. Jahrhunderts. 

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Almanache. Rußland. Jesuitica. 

Ca. 1500 Nummern. 

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wird der Katalog nur auf Verlangen versandt. 

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Es gelangten kürzlich zur Ausgabe: 

Ant.-Katalog 223 . 1000 Werke zur Schiller-Literatur. 

,, „ 224 . 1000 Werke zur Goethe-Literatur. 

„ „ 225 . Verbrecher, Verbrechen u. Strafen: 

Räuber-, Betrüger-, Diebs- und 
Mordgeschichten usw. 1499 Werke. 

„ „ 227 . Theaterliteratur. 2569 Werke. 

„ „ 230 . Auswahl bedeutender Werke aus 

dem Gebiete der Kunst-, Literatur- 
und Kulturgesch. usw. 1550 Werke. 

A. Bielefeld’s Hofbuchhandlung 

Liebermann & Cie., Karlsruhe. 




Demnächst gebe ich aus: 
Antiquarische Mitteilungen No. 6: 

Zur Kulturgeschichte des 
deutschen Volkes. 

Früher erschienen: Mitteilungen No. 5^ 

Königreich und Provinz Sachsen, 
Thüringen und angrenzende Gebiete. 

Erfurt Karl Keil 

Pfalzburgerstr. 27. Verlag und Antiquariat. 


10 
















































Beiblatt. 


Martinus Nijhoff, Haag (Holland) 

Buchhändler. 


Erschienen: 

Katalog 335: 

Americana und die Philippinen. 

Katalog 336: 

Auteurs etrangers sur les Pays-Bas 
et ses colonies. 

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Herausgegeb. v. Geschichtsverein u. nat.-hist. Landesmuseum in 
Kärnten. 1865—i8qo ä 1.— 

— I. Mitteil. d. Geschichtsvereines f. Kärnten. 1891—1904 ä 1. — 

— II. Mitteilungen d. naturhistorischen Landesmuseums f. Kärnten. 
189t—1904. ä 1.— 

Hartraann, Vinc., Die Fische Kärntens. Klft. 1898. (1.20.) — 30. 
Jabornegg-Altenfels, M. F. v., Kärntens römische Altertümer. Heraus¬ 
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in Wien. Mit 23 Karten u. Abb. 4". Klft. 1871. (18.—.) 2.— 

Jahrbuch d. naturhist. Landesmuseums v. Kärnten. Heft 1—27. Klft. 
1852—1905. ä 1.— 

Rappold, J., 123 Sagen aus Kärnten. (3.60.) 2.— 

Walzer, R., Culturbilder u. Skizzen a. Kärnten. Klft. 1890. (2.40.) —.30 
Weiß, A., Archivar, Kärntens Adel bis z. Jahre 1300. Wien 1869. 2 .— 
Withalm, H., Ecce hcmines! 18 Skizzen. (Erzählungen etc.) Stra߬ 
burg 1904. (3.—.) —.90 

Allmonatlich erscheinender Katalog wird umsonst und spesenfrei 
versendet. Letzterschienener, No. 184 ,,Verschiedenes“, enthält be¬ 
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No. 258. Nationalökonomie. Die soziale Frage. 

„ 259. Alte und seltene Werke. 

„ 260. Kulturgeschichte. 

„ 261. Biographien. 

„ 262. Fremde Sprachen und Literaturen. 

„ 263. Kriegsgeschichte. 

„ 264. Genealogie. Burgenkunde. Exlibris. 

„ 265 und 266. Theologie. 

„ 267. Das Zeitalter der Reformation. 

In Vorbereitung : 

„ 268. Porträts. Ca. 4000 Stück. 

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Erinnerungen an Rieh. Wagner 

ca. 350 Seiten mit 4 Kunst¬ 
beilagen und 2 Faksimiles 

erschien eine sorgsam ausgestattete Luxus¬ 
ausgabe auf holländischem Büttenpapier 
in echt Pergament gebunden in fünfzig 

numerierten Exemplaren, von denen die Exem¬ 
plare 21 bis 50 zum Preise von M. 20.— 
abgegeben werden. 

Angelo Neumanns Erinnerungen an Rieh. 
Wagner ist das kulturgeschichtlich wert¬ 
vollste und gleichzeitig amüsanteste Buch 
der neuen Wagnerliteratur. 


Verlag von L. Staackmann, Leipzig 


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Beiblatt. 


J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung, 

G. m. b. H. in Berlin. 


In Kürze erscheint: 


Die Zenten 

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Hochstifts Würzburg 

Ein Beitrag 

zur Geschichte des süddeutschen Gerichts¬ 
wesens und Strafrechts. 

Mit Unterstützung- der Savignystiftung 
herausgegeben von 

Dr. Hermann Knapp. 

I. Band in zwei Abteilungen: 

Die Weistümer und Ordnungen der 
Würzburger Zenten. 

Mit drei farbigen Abbildungen nach alten Originalen. 

Lex. 8°. Preis broschiert 45 Mark. 

Band II Im Druck — folgt In Kürze. 


Willy Schindler, Verlag, Berlin W .50 


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Das erotische Element 

in Literatur und Kunst. 

Ein Beitrag zur Erotologie von 

Willy Schindler. 

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Bibliophilen und Sammler sittengeschichtlicher Dokumente 
zuollen geß. ihre Adresse dem Verlag bekannt geben. 


Für Künstler und Kunstfreunde. 


M. Gritzner, 

Grundzüge der Wappenkunst 

verbunden mit einem 

Handbuch der heraldischen Terminologie 

und einer 

heraldischen Polyglotte. 

326 Seiten Text mit 36 Tafeln und 35 Blatt Tafclerklarungen 
in gr. 4*. 

In 3 broschierten Lieferungen ä 6 Mark oder komplett 
gebunden 20 Mark. 

Gustav A. Seyler, 

Geschichte der Heraldik. 

872 Seiten Text mit 520 eingedruckten Abbildungen und 
14 Tafeln in gr. 4 0 . 

In 11 broschierten Lieferungen a 6 Mark oder komplett 
gebunden 70 Mark. 

Beide Werke sind von der Kritik einstimmig als das 
Hervorragendste und Beste, was auf dem Gebiete dieser 
Wissenschaft existiert, bezeichnet worden und für jeden 
Fachmann, als auch für Laien, die sich über diesen Zweig 
der Geschichtswissenschaft des Näheren unterrichten wollen, 
unentbehrlich. Sie bilden die Einleitungsbande A und B 
von Siebmachers Wappenbuch, neue Ausgabe, über das 
genaue Berichte gerne gratis und franko per Post zu 
Diensten stehen. 

Auf Wunsch können beide Werke auch nach und nach 
in Lieferungen bezogen werden. 

Die Verlagsbuchhandlung 

Bauer & Raspe 
in Nürnberg. 


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Verlagsbuchhandlung und Antiquariat 

Die 

Niederländische Zeitschrift für Bücherfreunde 

heißt: 

Tijdschrift voor Boek- en Bibliotheekwezen 

Redaktion: Emm. de Born, V. A. Dela Montagne, J. \V. Enschede, 
P. C. Molhuysen und Prosper Vtrheyden. 


Fünfter Jahrgang. 


Erscheint jährlich 6mal und bildet einen Band von zirka 300Seiten. 
Lex.-8°, mit vielen Abbildungen, in und außer dem Text. 

Preis pro Jahr fl. 7.50. 

Ein ausführlicher Prospekt mit Inhaltsangabe wird auf Verlangen 
gern gesandt. 


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In Verbindung mit Anderen herausgegeben von H. Knackfuß. 

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Mit 141 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen. 
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rare.. 350 fr. 

Sommaire: 

— Tome I. In-12, toile.. Net 50 fr. 

Contient: Contes secrets traduits du russe. — Norwegische 
Märchen und Schwänke. •— Trois contes picards. — Devinettes 
et formulettes bretonnes. 

— Tome H. In-12, toile ..... Net 50 fr. 

Folklore de laHaute-Bretagne.— Contes picards.— Schwedische 
Schwänke und Aberglauben aus Norland. — Literatura populär 
erotica de Andalucia. — Some erotic folk-lore from Scotland. 

— Dictons et formulaires de la Basse-Bretagne. — An Erotic 
Enghshdictionary — Trois contes alsaciens. — Le poskoenika 
des Serbes. — Glossaire cryptologique du breton. — Welsh 
zEdceology. 

— Tome III. In-12, toile.Net 50 fr. 

Contient: Le gai Chansonnier frangais. — Welsh-Folk-Rhymes. 

— Spigolature Siciliane. — Volksüberlieferungen aus Österreich. 

— Contes poitevins. —■ Contes de la Haute-Bretagne. — Blason 
erotique de la France. — Vasconicse Ungute erotici glossarii 
tentamen. — Amulettes antiques. — Bibhogr. des dictionnaires 
erotiques. — Piosenski polski. — Contes divers et Varia. 

— Tome IV. In-12, toile.Net 50 fr. 

Folklore polski. — Contes polonais. — Vierzeilen aus den 
österr. Alpen. — Novelli populari umbre. — Novelli populari 
toscane, — La tentation du Confesseur. — The Welshman’s 
lament. — L’etron parlant. — Contes flamands de la Belgique. 

— Les testicules dans le langage familier flamand — Contes 
du departement d’llle et Vilaine. — A schoolboy rhyme. — 
Varia. 

— Tome V. In-12, toile.Net 30 fr. 

Contient: Folklore de l’Ukraine (usages, contes et legendes, 
chansons lyriques et nuptiales, blason popul., proverbes, de¬ 
vinettes, jurons). Folklore de la Grande Russie. (Contes, 
chansons, proverbes et dictons.) —- Folklore polski. Folklore 
polonais. — Folklore slave de la vallee de Resia. —■ Folklore 
de la France (Hautes et Basses-Pyrenees, Haute-Garonne, 
Ariege, Gers, Tarn-et-Garonne, Charente, Correze, Vienne, 
Deux-Sevres, Vendee, Lyon, Cöte-d’Or, Jura, Doubs, Vosges, 
Pas- de-Calais, Seine-Inferieure, Loiret, Seine-et-Oise, ille-et- 
Vilaine). — Paroles facetieuses mises sur des airs de chasse. 

— Tome VI. In-12, toile ..... Net 30 fr. 

Glossaire cryptologique du breton. — Detti a mezza bocca 
raccolti nella provincia d'Alessandria. — Note allegre. — 
Melanges de Bulgarie. — Die Zeugung in Sitte, Brauch und 
Glauben der Südslaven. I. — Varia. 

— Tome VII. ln -12, toile ..... Net 30 fr. 

Contes flamands de Belgique. — Melanges polonais et russes. 

— Varia: i. Un usage de guerre; 2. Hellenica; 3. Italicum e 
latrina. — Die Zeugung in Sitte, Brauch und Glauben der Süd¬ 
slaven. II. Lieder: erste Fortsetzung. —- Contes de la Croatie 
et du Montenegro. — Chistes y desverguenzas del Rio de la 
Plata. 

— Tome VIII. In-12, toile .... Net 30 fr. 

Chez les Walions de Belgique. — Die Zeugung in Sitte, 
Brauch und Glauben der Südslaven. III. Lieder (Schluß). — 


Glossaire cryptologique du breton, 3® Supplement. — Folklore 
de rUkraine. Usages, contes. — Epigraphie latrinale. 

Recueil de docum. etc. TomelX. In -12,toile Net 30 fr. 

Anthologie Satyrique du XVe siede, publiee par 
M. Schwöb. — Sodom, by the Earl of Rochester. Zum 
ersten Male herausgegeben nach einer Handschrift in der 
Stadtbibliothek zu Hamburg, von Dr. L. S. A. M. von Römer. 

— Tome X. In-12, toile.Net 30 fr. 

127 Contea secrets picards. 1 öre partie. — Gaelic Erotica. 
-— Tome XI. In-12, toile ..... Net 30 fr. 

Contes secrets picards. 2 e partie. (150 contes.) 

Tirages ä part ou Extraits dötaches des onze volumes 
de Kryptadia: 

Chez les Wallons de Belgique . ..... 15.— fr. 

Contes flamands de Belgique ...... 6.— „ 

Contes de la Croatie et du Mout6n£gro . . 3.— „ 

Folklore de la Haute-Bretagne.10.-— „ 

Folklore polonais .......... 4.50 „ 

Glossaire cryptologique du breton. 3 e serie 2 50 „ 
(Les series I et II se trouvent dans 
Kryptadia, vol. II et VI.) 

Krauß. Die Zeugung in Sitte, Brauch und 
Glauben der Südslaven. 

Zweite Abteilung ...... 20.— „ 

Dritte Abteilung ...... 15.— „ 

(Die erste Abteilung ist nur noch in 
Kryptadia, vol. VI, Preis 30 fr , zu haben.) 

Melanges polonais et russes.. 3.— „ 

Folklore de l’Ukraiue. 2 vol. . . . . . 27.— „ 
Sp£cimens de folklore de divers pays (environ 

60 pages extraites de difförents volumes) 3.— „ 
Rochester’s Sodom. Herausgegeben von 

L. S. A. M. von Römer ....... 10.— ,, 

Le Parnasse satyrlque du XVe siöcle. Antho¬ 
logie de pieces libres restees inedites jus- 
qu’ici, publ. par M. Marcel Schwöb . , 25.— „ 

Contes secrets de Picardie. i re serie (127 con¬ 
tes) ... . 25.— „ 

Contes secrets picards. 2 e sörie (160 contes) 25.— „ 
Gaelic fcrotica ........... 10.— „ 

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Die Dek=6tan, nochfEntroücfen bes ffieetn Pcofeffoc Hermann Dek=Dran, 
Dürnberg, in unfecemDaufe in fünfzehn Droben gefebnitten, ift eine Schrift 
oon gcofjem malecifcbenReiz unb bekoratiDecfDickung, babei oon leichter 
Cesbackeit unb ohne jebe unnötige Scbnötkelei. Sie macht foroobl im 
gefcbloffenen Sab, mie auch als Dkzibenzfcbcift, tcob bec fcblicbten, ein= 
fachen Beiebnung ben Einbruck befonbetet Eigenart. Die Dek=6tan ift 
aber nicht allein eine feböne Schrift, fonbecn auch eine ebenfo peaktifebe 
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Scbciftgiefiecei 6. Stempel, 111.6. 

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Druck des Umschlags 


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XI. Ijat,r a . X307/1908 Wt ^ Juni 1907 

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Monatlich ein Heft. — Der Jahrgang läuft von April bis März. 
Abcnnementspreis für den Jahrgang 36 Mark (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.) 
für das Quartal (drei Hefte) 9 M. — Einzelne Hefte zu erhöhten Preisen. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des ln- und Auslandes, sowie durch die deutschen Bostanstalten. 


XI. Jahrgang 1907/1908 

Inhalt des 3. Heftes 

(Juni 1907) 

Seile 

Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahr¬ 
hunderts. Von Alfred Hagelstange. Mit 6 Abbildungen. 97 

William Morris. Sein Leben und Wirken. III. Von Otto von Schleinitz. Mit 

18 Abbildungen.107 

Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. Zur Erinnerung an die 

Einweihung ihres Neubaues. Von Aloys Börner. Mit 2 Abbildungen.125 

Beiträge zur Grabbe-Forschung. Von Arnulf Perger. I. Aus Grabbes Wanderzeit. 

Mit einem Einschaltblatt.1 3 1 

Chronik. 137 


Beiblatt. 

Rundschau der Presse. Von A. Hortzschansky (S. 1—5).— Von den Auktionen (S. 6—7). — 
Kleine Mitteilungen (S. 7—10). — Kataloge (S. 11— 12). — Inserate (S. 9—12 und Umschlag). 


















































ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

11 . Jahrgang 1907/1908. - Heft 3: Juni 1907. 


Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration 

des XVI. Jahrhunderts. 

Von 

Alfred Hagelstange in Magdeburg. 


m ersten Jahrgang unserer Zeit¬ 
schrift (Seite 463 ff.) hat Jo¬ 
hannes Luther in sehr dankens¬ 
werter Weise auf verschiedene 
Beispiele von Ideendiebstahl im 
dekorativenBücherschmuck der 
Reformationszeit hingewiesen. Wer nur immer 
sich einmal längere Zeit mit der Buchillustration 
des XV. und XVI. Jahrhunderts befaßt hat, konnte 
in diesen Nachweisungen zwar keine Neuoffen¬ 
barungen von prinzipieller Bedeutung erblicken, 
mußte jedoch die Forschungsergebnisse bezüg¬ 
lich der dort betrachteten Einzelfälle aufs 
freudigste begrüßen. Die von Luther an¬ 
geführten Fälle um Dutzende zu vermehren, 
wäre ein leichtes; und ich hoffe, später einmal 
in einer größeren Studie über den Titelholz¬ 
schnitt in der Frührenaissance diese Abhängig¬ 
keitsverhältnisse in eingehenderWeise klarzulegen. 
Wenn Luther in dem angeführten Aufsatze sagt: 
„Das eigentliche Gebiet des Ideendiebstahls 
ist der rein äußerliche Bilderschmuck der Bücher, 
der zu seinem Inhalt in keiner Beziehung steht, 
also der Schmuck durch Titeleinfassungen, 
durch Zierleisten, durch Initialen“, so muß 
man ihm hierin voll zu stimmen, wenngleich 
z. f. B. 1907/1908. 


auch zugegeben werden muß, daß selbst bei 
der eigentlichen Textillustration, wo die enge 
Beziehung zum Gedankengang des jeweiligen 
Buches einer Uniformierung des Bildschmuckes 
mehr oder weniger hindernd in den Weg trat, 
die Verhältnisse trotzdem nicht viel anders ge¬ 
lagert waren. 

Ich erinnere da nur an die Illustrationen 
der astronomischen und astrologischen Werke, 
der Gesundheits-, Kräuter- und Gebetbücher: 
überall feststehende Typen des Bild¬ 
schmuckes, die sich in vielen Fällen nur durch 
den Grad der rein formalen künstlerischen Aus¬ 
führung von einander unterscheiden. Selbst 
ein Künstler wie Dürer hat sich selten die 
Mühe gegeben, etwas inhaltlich Neues zu 
schaffen. Auch er steht in dieser Beziehung 
durchaus auf den Schultern seiner Vorgänger, 
so daß er es nicht verschmähte, die Stiche 
Schongauers wie die Holzschnitte der Kobur- 
gerschen Bibel als Grundlage seiner Neu¬ 
schöpfungen zu benutzen. Der ganze An¬ 
schauungskreis der Zeit war doch immer noch 
derartig fest umgrenzt, daß eine Durchbrechung 
der Schranken selbst relativ hochbegabten 
künstlerischen Naturen unmöglich war. Allen 

13 









9 8 


Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


war die von der mittelalterlichen Kunst über¬ 
nommene Typik derartig in Fleisch und Blut 
übergegangen, daß nur in den allerseltensten 
Fällen einmal einer auf den Gedanken kam, 
sich aus diesem Banne loszumachen. 

Rechnet man dann noch hinzu, daß von 
irgend welchem gesetzlichen Schutz bildlicher 
Darstellungen keine Rede war, so daß selbst der 
sklavischen Nachbildung künstlerischer Arbeiten 
Tür und Tor geöffnet war, so kann es nicht 
wundernehmen, wenn wir so vielerlei Über¬ 
einstimmungen nicht nur nach der stofflichen, 
sondern auch nach der rein formalen Seite hin 
begegnen. Am augenfälligsten erscheinen uns 
diese Verhältnisse bei der Buchillustration. 
Hier, wo selbst der Text-Nachdruck in den 
meisten Fällen unbeanstandet blieb, war die 
Nachbildung des Bildschmuckes beinahe selbst¬ 
verständlich. Gutgehende Bücher großer Offi¬ 
zinen wurden von den kleineren Druckereien 
einfach nachgedruckt und mit dem gleichen 
illustrativen Schmucke ausgestattet, den die 
Vorbilder aufwiesen. Da man nun aber keine 
erstklassigen künstlerischen Kräfte für die bild¬ 
liche Ausstattung derartiger Kopialwerke ge¬ 
winnen konnte, so wandte man sich an Zeichner 
zweiten und dritten Ranges und beauftragte 
diese mit einer dem Buchschmucke des Ur¬ 
textes entsprechenden Illustrierung. Was Wun¬ 
der, wenn dann die Originale mehr und mehr 
verwässert wurden, so daß schließlich vom Ur¬ 
bild manchmal nichts weiter übrig blieb, als 
eine hart an die Karikatur streifende grobe 
Kopie. 

Es ist ganz instruktiv, derartige Abwand¬ 
lungen einmal an einem ganz bestimmten Bei¬ 
spiel zu verfolgen, um so an einem konkreten 
Falle die Gültigkeit einer feststehenden Tatsache 
nachzuweisen, auf die man meines Erachtens 
bisher noch viel zu wenig Gewicht gelegt hat. 
Wir wählen zu diesem Zwecke ein Lutherbildnis 
aus den zwanziger Jahren des XVI. Jahrhunderts. 
Der Reformator stand damals im Mittelpunkte 
aller geistigen Interessen. Jede, auch die kleinste 
Flugschrift, die er in die Welt warf, wurde 
gierig verschlungen, so daß die beteiligten 
Druckoffizinen alle Hände voll zu tun hatten, 
um der Nachfrage zu genügen. Kleinere 
Druckereien sahen mit Mißgunst auf die guten 


Geschäfte, die die vom Verfasser bevorzugten 
Firmen machten, und verlegten sich, um auch 
etwas am Profit mit teilzunehmen, eifrigst auf 
den Nachdruck. Wollten sie aber mit den 
großen Offizinen in jeder Weise gleichen Schritt 
halten, so mußten sie ihrem Abnehmerkreise 
auch nach der illustrativen Seite hin ebenso¬ 
viel bieten, als jene es taten. Vor allem galt 
es da, auch ein Bildnis des seltsamen Mannes 
zu bringen, dessen Name in aller Munde war. 
Und was wäre da wohl einfacher und billiger 
gewesen, als wenn man sich nach guten, von 
wirklichen Künstlern geschaffenen Porträts um¬ 
sah, um sie nachzuzeichnen, so gut oder schlecht 
es eben ging! 

Viel gute Vorbilder gab es übrigens um 
das Jahr 1520 noch nicht. Cranach war der 
erste gewesen, der das Bildnis des ihm sehr 
befreundeten Reformators auf die Kupferplatte 
gebracht hatte. Es ist ein kleines anspruchs¬ 
loses Blatt, 1 das im Jahre 1520 entstanden sein 
muß. Luther erscheint hier in Halbfigur, an¬ 
getan mit dem Habit der Augustinermönche. 
Der Hintergrund ist weiß gelassen, während 
der Rand unterhalb des Bildnisses die latei¬ 
nische Inschrift trägt: „Aetherna ipse suae 
mentis simulachra Lutherus exprimit, at vultus 
cera Lucae occiduos.“ Lippmann übersetzt 
diese Worte in glücklicher Weise wie folgt: 
„Aus Luther selbst spricht seines Geistes un¬ 
vergängliches Bild, seine sterblichen Züge formt 
des Lukas Griffel.“ In lebensgetreuer Realistik 
tritt uns hier das nicht ganz sympathische 
Äußere des Reformators vor Augen: ein 
hageres Antlitz, stark hervortretende Backen¬ 
knochen, etwas schrägstehende, leichtgeschlitzte 
Augen und über diesen noch ein kleiner 
Stirnwulst, so daß der Gesamteindruck kein 
sehr gewinnender ist. Immerhin läßt aber die 
schlichte Sachlichkeit und ehrliche Wahrheit, 
die aus dem Bilde spricht, darauf schließen, 
daß das Porträt unmittelbar nach dem Leben 
geschaffen ist. Von einem anderen, etwa gleich¬ 
zeitigen Stiche hat man diese Empfindung nicht. 
Ich meine das Bildnis Luthers in einer Nische, 2 
das als eine freie Wiederholung des eben ge¬ 
nannten Blattes angesehen werden muß. Die 
Unterschrift ist die gleiche wie dort und eben¬ 
so stimmt auch die Jahreszahl, die der Stich 


1 B. 5. Schuchardt II, 189 No. 6. Lippmann 61. 

2 P. 8. Schuchardt II, 190 No. 7 und III, 211. Lippmann 63. 




Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


99 



EXPIUMITAT WETVS CERAiVC/E occiDVOS 

M.D.XXI» 


Abb. i. 


trägt (MDXX) mit der des ersten Bildnisses 
überein. Gegenständlich unterscheidet sich das 
Porträt von der ersten Darstellung durch Hinzu¬ 
fügung des Nischenhintergrundes, des linken 
Armes und des Buches, das von der nicht 
sichtbaren rechten Hand gehalten wird. Tech¬ 
nisch betrachtet ist der letzte Stich ein gut 
Teil geringwertiger als der erste. Die unbeholfene 
und noch unausgebildete Stichelführung wirkt 


hart und unerfreulich, so daß man Flechsig un¬ 
bedingt beistimmen muß, wenn er diese Arbeit 
aus der Reihe der Cranach-Stiche ausscheidet. 
Zur näheren Begründung verweist der Cranach- 
forscher auf die allzustarke, unschöne Umri߬ 
linie des Gesichtes, den harten Rand der oberen 
Augenlider und die grobe Trennungslinie der 
Lippen. Demgegenüber will die Signierung 
mit der geflügelten Schlange nichts besagen. 














































































































IOO 


Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI Jahrhunderts 


Damit hat der betreffende Kopist, dem ein 
Täuschungsversuch vielleicht ganz fern gelegen 
hat, nur sein künstlerisches Abhängigkeitsver¬ 
hältnis zu Cranach dartun wollen. Wer übrigens 
der Stecher gewesen sein mag, brauchen wir hier 
nicht zu entscheiden. Es ist ja möglich, daß, wie 
Flechsig annimmt, Hans Cranach der Autor 
dieses Kupferstiches war; doch wollen wir die 
Frage offen lassen und nur noch die merk¬ 
würdige Tatsache registrieren, daß sämtliche 
Holzschnitte der Buchillustration jener Zeit, in 
denen Luther als Mönch mit einem Buche in 
der Hand erscheint, auf diesen zweiten minder¬ 


guten Stich mit dem Nischenhintergrunde zu¬ 
rückgehen. 

Wir haben da zunächst einen interessanten 
Schnitt aus dem Jahre 1520, der das Kupfer¬ 
stichbildnis mit der Nische zwar in vielen 
Punkten übertrifft, dennoch aber wohl nach ihm 
gearbeitet sein muß (Abb. 1). Sonst hatte man 
keine hinreichende Erklärung für die eigentüm¬ 
liche, der Ilolzschnittechnik direkt wider¬ 
sprechende Strichführung, wie sie hier beim 
Kopfe des Dargcstellten zur Anwendung ge¬ 
langte. Es ist, als wenn der Zeichner, um ja 
recht porträtähnlich zu schaffen, die feinen 



Abb. 2. 



















































































Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


IOI 


Linien des Grabstichels in die Technik des 
Holzschnitts hätte übertragen wollen; so nament¬ 
lich in den Partien um den Mund herum, so¬ 
wie an Stirn und Nase. Gegenständlich unter¬ 
scheidet sich das Porträt in mannigfacher Weise 
von dem gestochenen Vorbilde. Zunächst er¬ 
scheint die Gestalt des Reformators hier trotz 
der annähernd gleichen Bildgröße um ein gut 
Teil kleiner wie im Kupferstiche. Das Gesicht 
ist nach der entgegengesetzten Seite hingewandt, 
die Kutte hat eine etwas faltenreichere Gestalt 
angenommen, die ungeschickt prätentiös auf 


die Brust gelegte Hand greift hier zur Bibel, 
von der wir ein beträchtliches Stück mehr zu 
sehen bekommen als im Stiche. Und ähnlich 
erscheint auch die zweite Hand, die im Urbilde 
fehlt, hier in einer das Buch stützenden Haltung. 
Größer noch sind die Unterschiede in der Aus¬ 
gestaltung des Hintergrundes, insofern als aus 
der einfachen, schlecht gezeichneten Nische 
eine von Pilastern gestützte Halle wurde, deren 
vordere Pfeiler reichen Ornamentschmuck tra¬ 
gen und die in zwei Hälften aufgelöste Jahres¬ 
zahl 1520 aufweisen. Die vier Exemplare, die 



Abb. 3. 













































































102 


Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 



Abb. 4. 


mir bis jetzt von diesem Porträt zu Gesicht 
gekommen sind, unterscheiden sich alle von¬ 
einander in bezug auf den unteren Bildabschnitt. 
Das erste von uns in Abb. 1 wiedergegebene 
Beispiel zeigt unterhalb des Bildnisses eine in 
den Holzstock eingeschnittene Unterschrift, die 
der des Kupferstichporträts genau entspricht 
bis auf die Schreibung „aeterna“ für „aetherna“, 
„ipsa“ für „ipse“ und „maentis“ für „mentis“. 
Die Jahreszahl MDXXI, die in Typendruck 
unten beigefügt ist, gibt uns das Erscheinungs¬ 
jahr des Schriftchens wieder, auf dessen erstem 


Blatte (A. I.) der Porträtschnitt zum Abdruck 
gelangte. Den Titel selbst finden wir auf der 
Rückseite des Bildnisses angegeben wie folgt: 
Doctor Martini Luthers antwort | auf Pfintztag, 
den 18. tag Aprilis, im 1521. | vor Kay. Ma. 
vn den Churfürsten | Fürsten vnd andern vil 
der | stend des Reychs of | fenlich besehe | 
hen. 1 

Das zweite mir bekannte Exemplar dieses 
Porträts unterscheidet sich von dem eben ge¬ 
nannten dadurch, daß die Unterschrift aus dem 
Holzstocke herausgeschnitten ist und durch 


1 Germanisches Museum. Jnc. 3667. (Panzer II, 26 No. 1162. Rotermund 102.) 


















Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


103 



Typendruck ersetzt wurde. Der Text hat in¬ 
haltlich keine Veränderung erfahren; nur ist 
die Schreibweise „maentis“ wieder in „mentis“ 
korrigiert und der Name „Lutherus“ erscheint 
in abgekürzter Form. Die untere Einfassungs¬ 
linie des Porträts verläuft nicht horizontal, so 
daß man annehmen muß: sie ist, nachdem die 
ursprüngliche Linie mit der Unterschrift hin¬ 
weggeschnitten wurde, vermittels eines zweiten 
Stockes neu eingedruckt worden. Die Jahres¬ 
zahl MDXXI erscheint an derselben Stelle, wo 
sie in dem von uns abgebildeten Exemplare 
zu sehen ist. Seine Verwendung fand dieser 
Holzschnitt als Titelbild eines kleinen, nur sechs 
1 Germanisches Museum. Scheurl-Bibliothek 349/453. 


Blatt umfassenden Schriftchens, das auf der 
Vorderseite des zweiten Blattes (A. II) den 
Titel trägt: Doctor Martini Luthers offent- | liehe 
verhör zu Worms im Reychstag | Red vnd 
widerred, am 17. tag | Aprilis, im jar. 1521 | 
beschehen. j 1 Das erste Blatt (A. I) zeigt auf 
der Vorderseite das Bildnis, während die Rück¬ 
seite unbedruckt ist. 

In der dritten Fassung erscheint der Holz¬ 
schnitt auf der Rückseite des Titelblattes (A. I) 
der kleinen Schriftsammlung: Doctor Mar. | 
Luthers Passio | durch Marcel- | lum beschri- j 
ben. | Ain newes Pater | noster. | zwaier Bauren 
Redt | Karsthans vnd | Kegelhans. | 2 Das Por- 

2 Germanisches Museum. Jnc. 3895 a. Panzer 1176. 










































104 


Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


trat ist hier ohne jede Unterschrift, die untere 
horizontale Einfassungslinie fehlt ganz, während 
die beiden vertikalen Umrahmungslinien rechts 
und links in ihrer ursprünglichen Länge stehen¬ 
geblieben sind, so daß sie nun in ihren unteren 
Teilen völlig deplaziert wirken. In dem letzten 
mir bekannten Exemplare des Porträts ist 
dieses Mißverhältnis dadurch beseitigt worden, 
daß der über den unteren Rand des eigent¬ 
lichen Bildnisses hinausstehende Teil der seit¬ 
lichen Einfassungslinien weggeschnitten wurde. 
Die Unterschrift „D. Mar. Luth.“ die sich in 
großem Typendruck unter dieser Variante des 
Porträts vorfindet, steht also außer jedem or¬ 


ganischen Zusammenhang mit dem Bildnisse 
selbst. Der Titel der Schrift, auf deren letzter 
Seite (D. IV. Rückseite) der Holzschnitt zum 
Abdruck gelangte, lautet: Von dem Eelichen | 
Leben. D. M. Luther | Durch ine gepredigt j 
M.DXXII. | 1 Der Druck der Predigt erfolgte 
wohl erst 1523, denn wir finden am Schluß des 
Textes auf der Vorderseite des letzten Blattes 
(D. IV) ein kleines Schlußstück gedruckt, das 
einen Engel zeigt, der ein Schild mit der Jahres¬ 
zahl MDXXIII in seinen Händen hält Den 
Erscheinungsort erfahren wir von dieser Schrift 
ebensowenig wie von den drei vorhergenannten. 
Auch über die Herkunft des Schnittes läßt 
sich schwer etwas be¬ 
stimmtes sagen; doch 
würde ich ihn, falls ich 
mich entscheiden müßte, 
für eine Augsburger Ar¬ 
beit ansprechen. 

Nach Nürnberg scheint 
mir eine andere Variante 
unseres Luther-Bildnisses 
zu weisen. Ich meine 
das u. a. auch in Hirths 
Bilderbuch ( 1 ,21) reprodu¬ 
zierte Porträt, das einem 
Flugblatte der Gothaer 
Bibliothek entnommen ist. 
Daß auch dieses Bildnis 2 
ursprünglich als Buch¬ 
illustration gedacht war, 
sagt uns schon das For¬ 
mat des Blattes. In der 
Tat findet es sich auch 
auf dem letzten Blatte 
(e. IV, Vorderseite) folgen¬ 
der Schrift abgedruckt: 
Ein Sermon von | dem 
weltlichen recht vnnd | 
Schwerdt: durch Do -1 ctor 
Martini Lu | ther zu wit -1 
tembergd Druckort und 
Erscheinungsjahr dieser 
kleinen Publikation sind 
wieder ungenannt. Der 

1 Germanisches Museum. 
Scheurl-Bibliothek 143. 

2 Abbildung 2. 

3 Germanisches Museum. 
Scheurl-Bibliothek 354/454. 






























Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


105 


Schnitt selbst dagegen ist datiert. Er ent¬ 
stammt, wie die Jahreszahl oberhalb des 
Kämpfergesimses des rechtsseitigenBogenpfeilers 
verrät, derselben Zeit, in der das in Abb. 1 
wiedergegebene Porträt geschnitten wurde. 
Mit diesem verglichen erscheint es weit fester, 
bestimmter, sicherer und gehaltvoller. Die 
Architektur tritt wieder bescheiden zurück, um 
für das eindrucksvolle Bildnis, das sich in aus¬ 
gesprochenen Dreieckslinien aufbaut, lediglich 
leichte seitliche Vertikal-Füllungen abzugeben. 
Im Gegensatz dazu tritt der Dargestellte hier 
sehr energisch und kraftvoll aus der Architek¬ 
tur heraus, anstatt wie im ersten Bilde als 
ängstliches Männchen darin zu verschwinden. 
Schuld daran ist nicht nur das auf den Ma߬ 
stab des vorbildlichen Stiches zurückgebrachte 
Größenverhältnis, sondern vor allem auch das 
Fehlen jeder ornamentalen Dekoration an den 
beiden seitlichen Pfeilern. Auch die entschie¬ 
dene Strichführung trägt ihr gut Teil dazu bei, 
das Bild eindrucksvoller und bedeutender er¬ 
scheinen zu lassen. Schließlich gereichen auch 
die ruhigeren Linien des Habits und das Fehlen 
der meist nur mit Müh und Not in den Bild¬ 
raum hereingezogenen Hände dem Ganzen zum 
Vorteil. 

Daß dieses Porträt unter direktem Einfluß 
des schon mehrfach genannten Kupferstiches 
L. 63 entstanden sei, war meine feste Über¬ 
zeugung, bis ich von Campbell Dodgson darauf 
hingewiesen wurde, daß es auf diesen Stich 
erst indirekt zurückzuführen sei, da es sich als 
täuschende Kopie eines besseren, noch nie re¬ 
produzierten Schnittes darstelle, den Passavant 
(P. G. IV, 18, 194) beschreibt. Von diesem 
mir unbekannten Blatte soll es sich in der 
Hauptsache nur durch das Fehlen der bei 
Passavant erwähnten Taube und der Inschrifts¬ 
tafel unterscheiden. Das Londoner Exemplar 
weist übrigens, wie mir Dodgson mitteilt, an¬ 
statt der von Passavant angeführten deutschen 
Unterschrift eine lateinische auf und zwar: 
„Effigies Doctoris Martini Lutheri Augustiniani 
Wittenbergesis 1520.“ Da es mit den Farben 
gelb, braun und rosa koloriert ist, so erscheint 
es zur Wiedergabe in Strichätzung leider ab¬ 
solut ungeeignet, weshalb von einer Reproduktion 
Abstand genommen wurde. 


Doch nun zurück zu unserem in Abb. 2 
wiedergegebenen Porträt. Ich sagte schon: es 
scheint nach Nürnberg hinzuweisen. Jedenfalls 
kann man es nicht gut der Cranach-Schule an¬ 
gliedern. Für eine derartige Zuweisung fehlen 
alle Voraussetzungen. Ob man es für eine 
Arbeit H. S. Behams halten dürfte? Mit einem 
bestimmten Ja kann ich auf diese Frage nicht 
antworten. Immerhin scheint diese Hypothese, 
die Dodgson mir gegenüber mit aller Reserve 
aussprach, der Erörterung wert zu sein, denn 
frühe Behamsche Schnitte wie P. 901 (St. Ja¬ 
kobus) und P. 895 (St. Hieronymus) zeigen 
tatsächliche manche verwandten Züge. Es sei 
da nur auf die Form der Jahreszahl verwiesen, 
auf die Architektur im Jakobusblatte, die 
Schattierung des Ohres vom Hl. Hieronymus, 
sowie auf die regelmäßigen Kreuzlagen in ge¬ 
wissen Partien des letztgenannten Schnittes. 
Sagen wir also ruhig: H. S. Beham mit einem 
Fragezeichen. 

Was nach diesem Blatte kommt, steht vom 
künstlerischen Gesichtspunkte aus eine ganze 
Stufenleiter tiefer. Es folgt da zunächst das in 
Abb. 3 wiedergegebene Bildnis, das sich dem 
Kupferstich aus der Cranachschule enger an¬ 
schließt, als es die bis jetzt betrachteten Holz¬ 
schnitte tun. Rein gegenständlich unterscheidet 
es sich von seinem Vorbilde in der Haupt¬ 
sache nur durch den Hintergrund, der aus der 
einfachen runden Nische zum flachen Torbogen 
geworden ist. Die Figur selbst ist in der Hal¬ 
tung mit der des Kupferstiches völlig identisch, 
jedoch im Gegensinne gedacht. Die eine Hand 
erscheint auch hier bis zur Brusthöhe erhoben, 
während die andere das halb geöffnete Buch 
hält, das in seiner perspektivischen Verzeich¬ 
nung und flüchtig-schematischen Durchführung 
sich sehr unvorteilhaft von seinem Vorbilde 
unterscheidet. Die Zeichnung läßt überhaupt 
außerordentlich viel zu wünschen übrig; vor 
allem beim Kopfe des Dargestellten, der infolge 
der mangelhaften Modellierung ganz flächig 
und schemenhaft erscheint. 

Über die Verwendung dieses Porträts zu 
Buchschmuckzwecken wäre zu sagen, daß ich 
es vorläufig nur in zwei Luther-Drucken vor¬ 
gefunden habe. Einmal auf der Rückseite des 
Titelblattes (a. I) der Schrift „De ca | ptivitate | 
Babylo | nica | ecclesiae. | Praeludium | Martini 
Lutheri“ 1 und dann auf der Vorderseite des 


* Germanisches Museum. Jnc. 357X. 
Z. f. B. 1907/1908. 


14 




ic6 


Hagelstange, Die Wandlungen eines Lutherbildnisses in der Buchillustration des XVI. Jahrhunderts. 


Titelblattes (a. I) der deutschen Ausgabe „Von 
der Babylonischen gefengk- | nuß der Kirchen, 
Doctor Martin Luthers.“ | 1 Im ersten Falle, 
wo das Bildnis die leere Rückseite des Titel¬ 
blattes nicht ganz füllt, ist der freibleibende 
Raum unterhalb der Darstellung mit folgenden 
Versen in Typendruck ausgefüllt: 

„Numina coelestem nobis peperere Lutherum, 
Nostra diu maius saecla videre nihil. 

Quem si Pontificum crudelis deprimit error, 
Non feret iratos impia terra Deos.“ 

In der deutschen Ausgabe fehlt für eine ge¬ 
reimte Unterschrift der Platz, da die Buchseite 
durch das Porträt und die darüber gesetzte 
Titelaufschrift schon völlig ausgefüllt ist. W ann 

o o 

die beiden hier genannten Drucke erschienen 
sind, erfahren wir aus den Schriften selbst 
nicht; doch könnten wir, wenn vir es sonst 
nicht wüßten, schon aus dem Umstande, daß 
sie mit einer Kopie des datierten Kupferstich¬ 
bildes geschmückt sind, den Schluß ziehen, 
daß sie keinesfalls vor dem Jahre 1520 aus¬ 
gegeben worden sind. 

Vielleicht noch in dasselbe Jahr fällt die 
Publikation eines Nachdruckes der lateinischen 
Ausgabe der Schrift von der „Babylonischen 
Gefangenschaft“. Der Titel dieses Druckes 
unterscheidet sich von dem der Vorlage ledig¬ 
lich dadurch, daß der an und für sich gleiche 
Text auf sechs Zeilen verteilt ist anstatt auf sie¬ 
ben: „De capti | vitate Baby | lonica ec- | 
clesiae. | Praeludium | Martini Lutheri.“ 2 Die 
in Abb. 4 wiedergegebene Kopie des zuletzt 
besprochenen Porträts, die die Rückseite des 
Titelblattes (a. I) schmückt, zeigt als Unter¬ 
schrift wieder den schon oben angeführten 
lateinischen Vierzeiler; nur liest man hier in 
der zweiten Zeile „secla uidere“ für „saecla 
videre“, in der dritten „deprimet“ für „deprimit“ 
und in der letzten „deos“ für „Deos“. 

Der Holzschnitt selbst ist so schlecht, wie 
es die Kopie einer Kopie nur zu sein vermag. 
Zwar haben ja die wässerigen Augen des vor¬ 
bildlichen Porträts (Abb. 3) hier eine dunkle 
Pupille erhalten; doch wird diese Verbesserung 
reichlich wieder aufgehoben durch den nun¬ 
mehr erzielten Eindruck des Schielens. Alles 
übrige ist ohne Einschränkung schlechter und 
minderwertiger geworden. Jede Linie erscheint 

1 Germanisches Museum. Jnc. 3572 und Scheurl 142. 

3 Germanisches Museum. Jnc. 3380 und Scheurl 135. 


dicker, härter und gröber, sodaß der Gesamt 
eindruck fast ans Karikaturenhafte grenzt Sehr 
bös hat der Kopist besonders der Bibel mit¬ 
gespielt, die nun kaum mehr als halbauf- 
geschlagenes Buch zu erkennen ist. Dadurch, 
daß er den Daumen derjenigen 1 Iand, die die 
Bibel hält, nicht als solchen erkannte und in¬ 
folgedessen einfach wegfallen ließ, haben sich 
die ohnehin schon nicht sehr glücklichen Ver¬ 
hältnisse des Buches noch weiter zu ihren Un¬ 
gunsten verschoben. 

Perspektivisch richtiger ist das Buch in der 
nun folgenden Replik (Abb. 5) gesehen, wo die 
Anlehnung an den Kupferstich L. 63 eine viel 
engere ist, als es bei den bisher betrachteten 
Beispielen der Fall war. In einem Punkte ist 
allerdings eine wesentliche Abweichung zu 
konstatieren: dem Porträt fehlt der Nischen¬ 
hintergrund. Sonst aber folgt das Bildnis, so¬ 
weit das bei der verschiedenartigen Technik 
möglich ist, dem Vorbilde ziemlich dicht auf 
den Versen — doch ohne es zu erreichen. 
Die Proportionen des Kopfes haben sich ver¬ 
schoben, das ganze Gesicht klafft infolge 
mangelhafter Modellierung zwischen Mund und 
Nase auseinander und der Ausdruck im Blick 
ist geradezu blöd geworden. Ob das Porträt 
häufig zu buchillustrativen Zwecken verwandt 
worden ist, vermag ich nicht zu sagen. Vor¬ 
läufig ist es mir nur begegnet als Titelbild des 
nur vier Blatt umfassenden Schriftchens „On 
Applas von Rom. | kan man wol selig werden, 
durch | anzaigung der götlichen hailigen ge- 
schryfft .3 Erscheinungsjahr und -Ort dieses 
kleinen Lutherdruckes sind wie gewöhnlich 
nicht genannt; doch haben wir, wenigstens was 
die Zeit der Entstehung anbelangt, auch hier 
wieder einen Anhaltepunkt in der datierten 
Stichvorlage, so daß auch für dieses Schriftchen 
das Jahr 1520 als terminus a quo zu gelten 
hätte. 

Zu guterletzt gehört dann noch in diesen 
Bildkreis hinein das in Abb. 6 wiedergegebene 
Porträt, das uns den Reformator von der Taube 
des Hl. Geistes überschattet und vom Nimbus 
der Heiligkeit umgeben zeigt. Daß auch dieses 
Bild ursprünglich als Buchillustration gedacht 
ist, sagt uns wiederum das Format des Blattes; 
doch ist es mir vorläufig noch unmöglich, diese 
— 2 Germanisches Museum. Scheurl 135. 




von Schleinitz, William Morris, 


107 


Ansicht durch einen realen Beleg zu erhärten. 
Ich kenne das Porträt nur als Einzelblatt ohne 
irgendwelche Auf- und Unterschrift, desgleichen 
ohne jeden Aufdruck auf der Rückseite. Die 
Reproduktion, die nach einem Exemplare aus 
den Beständen des Magdeburger Kaiser Fried¬ 
rich-Museums 1 angefertigt ist, sagt uns über die 
künstlerische Bedeutungslosigkeit dieser Kopie 
mehr als genug, so daß es sich erübrigt, Worte 


darüber zu verlieren. Immerhin interessiert sie uns 
wenigstens insofern, als sie das Schlußglied einer 
fortlaufenden Kette bildet, die uns einen be¬ 
lehrenden Einblick in den Illustrationsbetrieb 
früherer Zeiten gestattet, wo der uns heute so 
geläufige Begriff des geistigen Eigentums noch 
eine völlig unbekannte Größe war, die zu 
respektieren niemandem auch nur im Traum 
einfiel. 


William Morris. 

Sein Leben und Wirken. 

Von 

Professor Otto von Schleinitz in London. 

III. 


ie Anfertigung illuminierter Manu¬ 
skripte, die Herstellung kunstgewerb¬ 
licher Gegenstände aller Art, unter 
denen wiederum bunte Glasfenster für Kirchen 
die erste Stelle einnehmen, sowie die Herausgabe 
von Büchern bilden die Haupttätigkeit von Morris 
in der nächstfolgenden Periode. Hinsichtlich der 
schriftstellerischen Arbeiten muß noch nachge¬ 
tragen werden: „ Love is enough“, ein zwar nicht be¬ 
sonders gut gelungener Versuch, unter modernen 
Bedingungen die dramatisierende Methode des 
Mittelalters und die Alliteration zu beleben, allein 
trotzdem verdienstvoll, weil es überhaupt das 
erste Wagnis von Belang in dieser Richtung dar¬ 
stellt. Der Inhalt des Poems, zu dessen Aus¬ 
stattung Morris Bordüren zeichnete, ist kurz 
der, daß ein König um seiner Liebe willen dem 
Thron und Reich entsagt. Burne-Jones hat in 
seinem Meisterwerke „König Cophetua und 
das Bettlermädchen“ derselben Idee malerischen 
Ausdruck gegeben. Merkwürdigerweise finden 
sich entgegengesetzt zu Morris’ sonstigem Fühlen 
keltische Elemente in der Erzählung. Die 
8°-Ausgabe des 1872 bei Ellis & White in London 
herausgekommenen Werkes betrug 1500 Exem¬ 
plare auf gewöhnlichem Papier, 25 für Privat¬ 


zwecke auf römischem Velin und 4 Exemplare 
auf feinem Schreibvelin. Noch in demselben 
Jahre druckte ohne Einvernehmen mit Morris 
die Firma Roberts in Boston eine Ausgabe in 
8° und eine andere in 16° nach. Rossetti ist der 
Ansicht gewesen, daß dies Gedicht zu den 
besten und charakteristischsten Schöpfungen 
von Morris gehört. 

In unmittelbar zurückwirkendem Zusammen¬ 
hänge mit dem Aufenthalt in Island stehen die 
beidennachfolgenden Drucke: „ Three Northern 
Love Stories“ and other Tales, translatedfront 
the Icelandic by Eirikr Magnüsson and William 
Morris. London. Ellis & White, 29. New Bond 
Street, 1875“. Die verhältnismäßig nur kleine 
Auflage bestand aus 500 Exemplaren auf ge¬ 
wöhnlichem Papier zum Preise von 10 Schilling 
6 Pence und aus 25 teureren Luxusexemplaren. 
Obwohl dem Titel nach es sich in dem Werk 
nur um drei nordische Liebesgeschichten han¬ 
deln soll, so sind es tatsächlich doch ihrer 
sechs. Die drei hier zuerst genannten geben 
allerdings dem Buche das eigentümliche 
Gepräge: „The Story of Gunnlang the Worm- 
tongue“, früher schon in der „Fortnightly 
Review“ erschienen, „ 77 /^ Story of Frit- 
hiof the Bold“ (bereits von mir erwähnt 
als zuerst in der Zeitschrift „Dark Blue“ 1871 



1 Kupferstich-Sammlung IX, 30. 










io8 


von Schleinitz, William Morris. 


veröffentlicht) und endlich die zuvor nicht ge¬ 
druckte Erzählung „ The Story of Viglund the 
Fair“. In einem am 8. Dezember 1875 an 
Mr. Forman gerichteten Brief spricht sich Morris 
für die Erweiterung des ursprünglichen Plans aus, 
da es für den leichteren Verkauf wünschenswert 
sei, das Werk umfangreicher zu gestalten. Bis 
kommen infolgedessen noch nachstehende drei 
Erzählungen hinzu: „Hroi the Fool“, ein Gemisch 
düsterer isländischer und heiterer orientalischer 
Weise, an „Tausend und eine Nacht“ erinnernd. 
Dann „Hogni und Hedin“, eine schwere Tra¬ 
gödie, die in frühestem legendärem Zeitalter 
wurzelt, und endlich „Thorstein Staff-smitten“, 
ein einfacher, mit großmütigen Zügen versehener 
und den Erdgeruch Islands nicht verleugnen¬ 
der Stoff. 

Das andere, direkt nach der nordischen 
Feuerinsel hinweisende, im Winter 1876 er¬ 
schienene, aber von 1877 datierte und gleichfalls 
von Ellis & White verlegte Werk betitelt sich 
„ The Story of Sigurd the l olsung and the Fall 
of the Nildungs“, by William Morris, Author of 
the Earthly Paradise. Das Buch erlebte in 
kurzer Frist drei Auflagen, von denen die erste 
2500 Exemplare auf gewöhnlichem Papier und 
25 Extraexemplare stark war. Die vierte Auf¬ 
lage inklusive 50 Sonderexemplare kam bei 
Reeves & Turner in London heraus, während 
Roberts in Boston 1879 einen gleichlautenden 
unautorisierten Nachdruck veranstaltete. 

Das Original ist in dem Dialekt der Isländer 
des XII. Jahrhunderts geschrieben und übte 
auf Morris einen so überwältigenden Zauber 
aus, daß er sich lange Zeit hindurch mit dem 
stärksten Zweifel trug, ob es überhaupt mög¬ 
lich sei, in diesem Falle durch eine Übersetzung 
ebenbürtiges zu leisten. Er stellt das nordische 
Epos gleich mit Homer und sagt: „Dies ist 
die große Geschichte des Nordens und sollte 
für unsere Rasse das sein, was für die Griechen 
die Erzählung von Troja bedeutet: zuerst für 
unser Geschlecht und dann, wenn im Verlauf 
der Weltgeschichte von jenem nichts weiter 
als der Name übriggeblieben ist, d. h. eine 
Sage, soll es den fernsten Menschengeschlechtern 
das sein, was für uns Troja war ... .!“ 
Und in einem Aufsatz über die nordische 
Mythologie äußert er: „Es mag sein, daß 


die Welt schlechter wird, daß die Menschen 
ihr Leben nicht ändern wollen .... und nur 
schwache Herzen übrig bleiben — wer kann 
es wissen : So kommt denn wirklich das Ende, 
und das für kurze Zeit gebundene Böse wird 
frei und all die unsagbaren Schrecken .... tun 
sich auf. So beginnt denn der große Kampf, 
und ebenso wie die Helden und Könige müssen 
die Götter untergehen, die die Welt unvoll¬ 
kommen, wenn auch nicht in Blindheit, so doch 
von vornherein verurteilt, schufen. Alle müssen 
untergehen, bis Erde und Himmel vernichtet 
sind und dann neue Welten entstehen. Nun 
wohl, wir müssen daran denken, daß wir danach 
wieder leben werden, aber selbst wenn dies 
nicht der Fall ist, sollten wir nicht tatenlos 
sterben! Dies scheint mir so ziemlich die Religion 
oder Philosophie der Nordländer.“ 

Das war der Geist, in welchem Morris die 
„Sigurd“-Erzählung auffaßte und behandelte. 
Das Verlagsrecht dieses Druckwerks ging später 
von Ellis auf die Firma Reeves & Turner über, 
die 1887 eine Neuausgabe veranstalteten. „Si¬ 
gurd the Volsung“ besitzt den größten Umfang 
aller von Morris verfaßten Gedichte. 

Durch den Buchhändler Ellis wurde im 
Jahre 1875 ein Neudruck von Morris* „Poems“ 
aus dem Jahre 1858 bewirkt. I'orman 1 ver¬ 
merkt in seiner Bibliographie hierzu folgen¬ 
den interessanten Umstand: Morris hatte nur 
unter der Bedingung in die Neuauflage ein¬ 
gewilligt, daß nicht der geringste Unterschied 
zwischen beiden Büchern ersichtlich sein dürfte. 
In dem als Grundlage für den Neudruck 
dienenden Exemplar fehlte aber aus irgend 
welcher Ursache der „Errata-Nachweis“, und nun 
wurde auch das neue Buch mit allen Irrtümern, 
aber ohne das erwähnte „Errata-Verzeichnis“ 
gesetzt und herausgegeben. Schon längere 
Zeit vorher hatte Morris damit begonnen, ein, 
die Aencide als Unterlage besitzendes und auf 
Pergament im Charakter des XI. Jahrhundert 
abgefaßtes Manuskript anzufertigen, indessen 
blieb die Handschrift nur ein Fragment. Von 
diesem Folio-Werk sind nicht ganz sechs Bücher 
vollendet, trotzdem nimmt es einen hohen Rang 
unter den Bilderhandschriften ein, da nicht nur 
Morris hier seine ganze Kunstfertigkeit betätigte, 
sondern auch Burne-Jones es teilweise mit Minia- 


1 The Books of William Morris, by H. Buxton Forman, London 1897. Frank Hollings, 7. Great Turnstile, Holborn. 





von Schleinitz, William Morris, 


109 



Abb. 32. Walter Crane. 

Nach einem Gemälde von E. Almond Withrow. 


turen ausstattete, und Mr. Murray, 
ein näherer Bekannter von beiden, 
reiche Illuminierungen hinzufügte. 

Schließlich verkaufte Morris den 
Folianten an letztgenannten Künst¬ 
ler, der gleichzeitig ein sehr guter 
Geschäftsmann ist und die in seinem 
Besitz angehäuften Arbeiten bedeu¬ 
tender Maler meistens an Museen 
veräußert. So kaufte unter andern 
das Museum in Birmingham von 
ihm eine Sammlung von mehreren 
hundert Blättern, die Studien und 
Zeichnungen von Rossetti und 
Burne-Jones enthalten und in ihrer 
Art als einzig gelten. Wenngleich 
Morris an oben erwähntem Frag¬ 
ment bis 1875 gearbeitet hatte 
und auch später noch einige Male 
die Vollendung ernstlich in Er¬ 
wägung zog, blieb es doch ein 
Bruchstück, aber statt dessen ent¬ 
stand die unter dem Titel „ The 
Aeneids of Virgil done into english 
Verse“ von Ellis & White 1876 ver¬ 
öffentlichte metrische Übersetzung 
des Gedichts. 

Vom Jahre 1870 an studierte 
Morris zur eignen praktischen Er¬ 
lernung und Nachahmung regel¬ 
recht alte Handschriften und die 
Geschichte der Illumination. Den Grund für 
diese Liebhaberei haben sicherlich die ihm 
während seiner Studienzeit auf der Universität 
in Oxford zugänglichen Werke der Bodleian- 
Bibliothek gelegt; er benutzte seine dort ge¬ 
sammelten Kenntnisse, um mit Leichtigkeit die 
Schätze des British-Museum für seine Zwecke 
dienstbar zu machen. Er hat dann im Laufe 
der nächsten Jahre vier ornamentierte Manu¬ 
skripte an Lady Burne-Jones geschenkt und zwar 
das erste „ The Book of Verses“ am 26. August 
1870, eine Auswahl seiner eignen Gedichte ent¬ 
haltend. Das Buch ist 51 Seiten stark, auf 
Papier geschrieben, Quartformat und gebunden. 
Das illuminierte Titelblatt zeigt ein Medaillon¬ 
porträt von Morris mit der Signatur: „1870. 
C. F. Murray pinxit.“ Der Text besteht aus 
zwölf von Morris verfaßten Gedichten, deren 
erstes eine Kopfvignette nach dem Entwurf 
von Burne-Jones und gleichfalls von diesem 


auf Seite 1 ein Bild aufweist, während die 
anderen Miniaturen von Murray gemalt sind. 
Die Ornamentierung und Kolorierung der 
ersten zehn Seiten, sowie die Illuminierung 
der Buchstaben stammt von George Wardle. 
„The Bailad of Christine“ und „The Sons 
Sorrow“ sind von Morris aus dem Islän¬ 
dischen übersetzt. Am Schluß ist der Gedicht¬ 
band in gewöhnlicher Schrift gezeichnet: „Morris, 
26 Queens Square, Bloomsbury, London. 
26. August 1870.“ 

Demnächst widmete Morris Lady Burne- 
Jones das auf Whatmans-Papier geschriebene und 
239 numerierte Seiten enthaltene gebundene 
Manuskript „ The Story of the Dwellers in Eyr“. 

Außer dem von Morris verfaßten Prolog 
und Epilog in Stanzen zu je 14 Zeilen wurde 
der Text in 65 Kapitel eingeteilt. Jene beiden Zu¬ 
sätze sind in brauner, der Rest ist mit schwarzer 
Tinte geschrieben und nur Seite 1, Seite 230 und 




I IO 


von Schleinitz, William Morris. 


die letzte Seite sind in Gold illuminiert; die stilisierte 
Blumendekoration ist in braunem Grundton ge¬ 
halten, der durch farbige Schattierungen belebt 
wird. Die Übersetzung aus dem Isländischen 
bewirkte der Schreiber mit Hülfe seines 
Lehrers Magnüsson, wie aus dem nach¬ 
folgenden Kolophon ersehen werden kann: „Mit 
Hülfe meines Lehrers Eirikr Magnüsson habe 
ich das Buch aus dem Isländischen in diese 


Sprache übersetzt; es war das erste isländische 
Werk, welches wir gemeinsam lasen. Ich habe 
cs allein niedergeschrieben und sämtliche Orna¬ 
mente ausgeführt mit Ausnahme der auf 
Seite I, 230 und 239 von einem unserer Hand¬ 
werker namens Wilday aufgelegten Gold¬ 
plättchen. William Morris, 26 Queen Square, 
Bloomsbury, London 19. April 1871.“ 

Das dritte, auf römischen Pergament gc- 



Abb. 33. Pomona. In der Art Gallery in Manchester. 
Gobelin ausgeführt von Morris & Co. in London. 















von Schleinitz, William Morris. 


I I I 


schriebene und im Oktober 1872 vollendete 
Manuskript gehört zu seinen besten in dies 
Spezialfach schlagenden Arbeiten. Es betitelt sich 
„Rubäiyät of OmarKhayydm“, ist 23 Seiten stark 
in goldgepreßtem Leder gebunden, sehr sorgfältig 
geschrieben und hübsch ornamentiert. Zu jener 
Epoche wurde der genannte persische Dichter 
durch Fitzgeralds Übersetzung dem englischen 


Publikum allgemeiner bekannt und vielfach in 
Wort und Schrift zitiert. Walter Crane ent¬ 
warf auf Grundlage eines in jenem Buche wie 
folgt lautenden Verses sein Exlibris: 

„A Book of Verses underneath the Bough 
A jug of Wine, a loaf of Bread — and Thou 
Beside me singing in the Wilderness — 

Oh, Wilderness were Paradise e now!“ 



Abb. 34. Flora. In der Art Gallery in Manchester. 
Gobelin ausgeführt von Morris & Co. in London. 







112 


von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 35. Das Grabdenkmal D. G. Ross ettis. 


An diesem Manuskript hat Morris etwa ein 
halbes Jahr gearbeitet. Er signierte es nach 
Beendigung in seiner gewöhnlichen Handschrift: 
„Ich vollendete mein Werk am 16. Oktober 1872, 
William Morris.“ 

Das vierte illuminierte, Lady Burne-Jones 
zum Geschenk gemachte und seinen Stoff auch 
der nordischen Sagenwelt entlehnende Buch 
führt den Titel „The three Sagas of Heu 
Thorir “, The Banded Men“ and „Howard the 
Halt“. Diese in Klein-Quartformat gebundene 
Übersetzung zählt 244 numerierte Seiten und 
ist auf einfachem Papier geschrieben. Die 
Titelseiten jeder Erzählung und jedes Kapitels 
sind mit einem illuminierten Initialen versehen. 


Auf der ersten Seite der 
kein Datum besitzenden 
Handschrift wurden die An¬ 
fangsbuchstaben der In¬ 
haberin „G. B. J.“ (Georgina 
Burne-Jones) illuminiert 
Später fertigte Morris 
noch eine zweite I 'ersion 
des „Omar Khayyäm“ für 
seinen Freund Burne-Jones 
an, der selbst sechs schöne 
Miniaturbilder hierfür ge¬ 
liefert hat. Die Initialen 
der Linien wechseln in Gold 
und verschiedenen Farben 
ab, jedoch so, daß auf einer 
Seite das Gold immer nur 
die gleiche Farbe unter¬ 
bricht. Burne-Jones schenkte 
im Einverständnis mit Morris 
diese I landschrift an Miß 
Frances Graham,nachmalige 
Mrs. J. F. Horner. 

In der Hauptsache ge¬ 
langt mit den vorstehend 
charakterisierten Arbeiten 
von Morris die Periode, in der 
er sich mit Kalligraphie, der 
Illumination sowie mit der 
Ornamentierung beschäftigte 
und sich als Miniator in 
den verwandten Zweigen 
betätigte, zum Abschluß. 

Als einst Burne -Jones 
eine sehr große Anzahl von Aufträgen kunst¬ 
gewerblicher Art von Morris erhielt, sagte 
ersterer zu ihm: „Du scheinst der Ansicht zu 
sein, daß es außer mir überhaupt keine 
andern Künstler mehr gibt!“ Morris ant¬ 
wortete: „Ich glaube, es verhält sich fast so!“ 
Burne-Jones hat im Laufe der Jahre nach jedes¬ 
maliger gründlicher Rücksprache mit seinem 
Freunde hinsichtlich der Sujets etwa 500 Karton¬ 
vorlagen für Kirchenfenster entworfen, die 
dieser dann nach eigener Farbenangabe in 
buntem Glas ausführen ließ. So sind die 
bedeutendsten, deren Titel uns allein schon 
einen Anhalt für ihre Studien bietet, in den 
Jahren 1872 und 1873 folgende: „Aeschylus“, 















Abb. 36. Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten. 

Buntes Glasfenster in der Kirche von Allerton. (Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


Zeitschrift für Bücherfreunde XI. 


Zu von Schleinitz William Morris. 








































Abb. 37. Anbetung des Lammes. Gemaltes Glasfenster in der Kirche zu Allerton. 
(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 








































































von Schleinitz, William Morris. 


113 



Abb. 38. Dies Domini. 

Gemaltes Glasfenster. (Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


„Homer“, „Virgil“ und „Horaz“, bestimmt für 
Peterhouse College der Universität Cambridge. 
Ferner „Dante“ und „Die drei Könige des 
Morgenlandes“. In der Zeit von 1877—80 wurden 
ungefähr 60 solcher Glasmalereien fertig. 

Ein figurenreicher und schön gegliederter Ent¬ 
wurf, „Dies Domini“, die Wiederkunft des Herrn 
oder die Auferstehung benannt (Abb. 46), wurde 
zwar in Kreide schon 1874 von Burne-Jones 
beendet, jedoch von seinem Weggenossen erst 
1876 in prachtvollen Farben auf Glas übertragen 
und als Fenster für die Kirche in Easthampstead 
verwandt. Das hier in größerem Maßstab wieder¬ 
gegebene Hauptdetail(Abb.3 8) bildet die segnende 
und auf Engelsflügeln ruhende Christusfigur, 
deren linke Hand auf die durchbohrte Seite deutet. 
Nach Art vieler alter Meister sind die Engel 
mit Flammen an der Stirn abgebildet. Sowohl 
Farbenton als auch Schattierungen verleihen 
z. f. B. 1907/1908. 


dem monochromen Werke einen ungewöhnlich 
hohen Reiz, der sich beim Anschauen in eine 
feierliche Stimmung auslöst. Eine nicht minder 
geeignete Ausdrucksform für eine erhabene Idee 
gibt uns das für die Kirche in Allerton im 
Jahre 1875 entworfene und von Morris einige 
Zeit später ausgeführte Kirchenfenster, betitelt 
„Die Anbetung des Lammes“ (Abb. 37). Von dem 
Lamme, mit der Kreuzesfahne im Paradiese 
stehend, kommen die vier heiligen Ströme von 
ihrer Quelle, von Christus her. Sie symbolisieren, 
Eintracht, Gerechtigkeit, himmlische Freude und 
ewigen Frieden in der gesamten Schöpfung, 
zwischen Menschen und aller Kreatur. Musi¬ 
zierende Engel, Heilige und kleinere Engelsfiguren 
(in den Kreuzrosetten) beten das Lamm an. 

Ein ebenso interessantes Werk bildet das 
gleichfalls in der Kirche von Allerton (unweit 
Liverpool) befindliche farbige Fenster „Die 

G 





von Schleinitz, William Morris. 


I 14 


Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten“ 
(Abb. 136). Burne-Jones und Morris haben hier 
vereint Ausgezeichnetes vollendet: innere, gefühl¬ 
volle Erfassung der heiligen Schrift und unbe¬ 
dingte Beherrschung des Stoffes werden deutlich 
erkennbar. Die Anordnung der Dreiteilung ist 
nicht nur sinnig erdacht, sondern kommt auch 
äußerlich schön und tadellos in den von Morris 
gewählten Farben auf Glas zur Geltung. Die drei 
Engel mit ihren Musikinstrumenten preisen Gott 
den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. 
Für jeden Boten der göttlichen Heerscharen 
wurde einer der Hauptsprüche aus Lukas II 
zugrunde gelegt. In derselben Weise, wie 
die bunten Teile des Fensters durch weißes 
Glas zu einem einheitlichen Kunstwerk ver¬ 
bunden sind, in ähnlicher Art vereinigen sich 
die Engel im Chor, um den andächtig empor¬ 
blickenden Hirten das Heil der Welt zu ver¬ 
künden. Die technische Herstellung dieses 
Kirchenfensters, der schöne, tief dunkelblaue 
Himmel, der sich symbolisch am Horizont bis 
zur Erde herabsenkt und über dem die Engel 


thronen, zählt zu den Meisterstücken von Morris. 
Ein ähnliches Sujet, „Die Geburt Christi“ in 
der Kirche von Hawarden, dem Wohnsitz der 
Familie Gladstone, eignet sich leider wegen der 
Lichtverhältnisse in der Kirche wenig zur Repro¬ 
duktion, obgleich ich nicht unterlassen will, mit 
Dank anzuerkennen, daß der Reverend Stephen 
Gladstone, ein Sohn des „Old grand man“, mir 
eine Photographie des Fensters übersandt hat. 

Auch die St. Philipps-Kirche in Birmingham, 
in der Burne-Jones getauft wurde, besitzt zwei 
wundervolle gemalte Glasfenster: „Die Geburt 
Christi“ und „Die Kreuzigung“ (Abb. 43). Nament¬ 
lich ist der Vorgangindem letzteren tief innerlich 
empfunden. Maria Magdalena kniet am Fuße 
des Kreuzes, ihr Gesicht in die Hände ver¬ 
grabend, während die I Ieilige Anna und Elisa¬ 
beth der vor Schmerz überwältigten Mutter 
Beistand leisten, auf die der Gekreuzigte 
mit erbarmendem Mitleid herabblickt. Über 
dem I laupte des Erlösers schweben unzählige 
Glorienscheine. 

Wie die Menschwerdung Christi und die 



Abb. 39. Gawein und Iw ein werden von dem Engel zurückgewiesen. 
Gobelin in Stanmore Hall. (Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 











von Schleinitz, William Morris. 


Kreuzigung uns daran erinnern, daß sich hier 
auf Erden die Geschicke zwischen Geburt und 
Tod bewegen, so haben wir im Jahre 1882, 
dem Vollendungsjahr des letztgenannten Werkes, 
das Hinscheiden des großen Vorkämpfers und 
Rufers im Streit, Rossettis, zu verzeichnen. Er 
lebte zuletzt fast ganz vereinsamt, tief melan¬ 
cholisch gestimmt und mit sich und der Welt 
zerfallen in Birchington unweit Margate. 

In der uralten Pfarrkirche in Birchington 
befinden sich zwei, zum Gedächtnis Rossettis 
errichtete bunte Glasfenster. Das zur linken 
Hand stellt die Vorbereitungen zum Osterfest 
dar, während rechts Christus Blinde sehend 
macht. Das erstgenannte Bild wurde nach 
einem von Rossetti schon frühzeitig angefertigten 
Karton durch einen Anhänger der Präraffaeliten, 
F. Shields, für Glasmalerei angepaßt, das andere 
Gemälde stammt ganz von der Hand dieses 
Künstlers. Jenes Werk ist deshalb besonders 
interessant, weil die Züge der Kräuter sammelnden 
Maria die von Miß Siddal sind. Nahe der Kirche 
steht das Grabdenkmal Rossettis (Abb. 35) 
in Form eines von Madox Brown ent¬ 


115 


worfenen Kreuzes mit der Inschrift: „Here 
sleeps Gabriel Charles Dante Rossetti, honoured 
under the name of Dante Gabriel Rossetti, 
among painters as a painter, and among poets 
as a poet, born in London, of parentage mainly 
italian 12. May 1828, died at Birchington 
9. April 1882.“ Dieser Tag war der Oster¬ 
sonntag und daher wurde als Symbol für seinen 
Heimgang „die Vorbereitung zum Osterfest“ 
für das auf sein Grab herabblickende Kirchen¬ 
fenster gewählt. 

Eins der liebenswürdigst empfundenen Su¬ 
jets für Dekorationszwecke in Kirchen: „Christus 
segnet die Kinder“ (Abb. 45) befindet sich als 
buntes Glasfenster in der Kapelle von New 
Renshaw. Selbstverständlich wurden alle diese 
Glasmalereien von Morris ausgeführt. 

Da Werke gemeinsamer Arbeit der beiden 
Freunde auf dem Kontinent nur sehr selten 
anzutreffen sind, wird es sicherlich Interesse 
erregen, zu hören, daß in der Englischen Kirche 
zu Berlin im Jahre 1886 ein dem Andenken 
Odo Russells, des späteren Lord Ampthill, von 
den Hinterbliebenen gestiftetes Fenster durch 



Abb. 40. Lanzelot vom See in Schlaf versunken vor der Kapelle, in der sich der heilige Gral befindet. 
Gobelin in Stanmore Hall. (Ausgeführt von Morris & Co. in L ondon.) 


















Abb. 41. Die Vision Sir Galahads. Gobelin in Stanmore Hall. (Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


von Schleinitz, William Morris. 


I l6 


die Firma Morris fertiggestellt wurde (Abb. 47). 
Odo Russell, 1829 geboren und 1884 verstorben, 
war ein Enkel des Herzogs von Bedford, und 
sein Vater bekleidete von 1835 bis 1841 den 



Posten als englischer Gesandter in Berlin. Odo 
Russell folgte Lord Augustus Loftus als Bot¬ 
schafter von 1871 bis 1884. Im Berliner Kon¬ 
greß von 1878 vertrat er mit Lord Beaconsfield 
nebst Lord Salisbury Englands Interessen und 
rühmt man ihm nach, Sympathien für Deutsch¬ 
land besessen und mit dem Fürsten Bismarck 
sich gut gestanden zu haben. In der oberen 
Rosette des erwähnten Fensters trösten Engel 
die hinterbliebenen Kinder, während zur Seite, 
weiter unterhalb der Rosetten, vier Familien¬ 
wappen folgen. Die vier schönen Hauptfiguren 
stellen, von rechts beginnend, dar: „St. Georg“, 
„Gerechtigkeit“, „Friede“ und „St. Michael“. 
Unter den Figuren sind die genauen Daten 
der Geburt und des Todes von Lord Ampthill 
vermerkt. 

1885 entworfen und 1886 von Morris aus¬ 
geführt, wurde der Karton für ein farbiges 
Glasfenster in der St. Giles-Kirche zu Edinburg, 
betitelt „Israel geht trockenen Fußes durch 
den Jordan“. Die Mitte nimmt die Figur Jo- 
suas ein, zu dem der 1 Ierr spricht: „Recke aus 
deine Lanze in deiner 1 land“. Zur Rechten Jo- 
suas wird die Szene abgebildet nach den Bibel¬ 
worten: „Heute will ich anfangen, dich groß 
zu machen vor dem ganzen Israel, daß sie 
wissen, wie ich mit Mose gewesen, also mit dir 
sei. Und du gebiete den Priestern, die die 
Bundesladc tragen und sprich: Wenn ihr 
kommt vorn ins Wasser des Jordan, so steht 
stille.“ Auf dem andern Seitenbild sehen wir 
die Darstellung nach dem Text: „Gehet hin¬ 
über vor die Lade des Herrn eures Gottes 
mitten in den Jordan; und hebe ein jeglicher 
der Kinder Israels einen Stein auf seine Achsel 
nach der Zahl der Stämme, daß sie ein Zeichen 
seien unter euch, wenn eure Kinder hernach- 
mals fragen werden und sprechen: Was tun 
diese Steine dar“ Die drei weiblichen Figuren 
unter dem Hauptbilde stellen, von links be¬ 
ginnend, dar: „Jephtas Tochter“, „Miriam“ und 
„Ruth“. 

Die letzte, wenigstens noch im Fortschreiten 
von Morris überwachte Arbeit ist das herr¬ 
liche, zum diamantnen Jubiläum der Königin 
Viktoria gestiftete Kirchenfenster in Dundee 
(Abb. 44). Es zeigt die zwölf Apostel in zwei 
Reihen zu je sechs Figuren abgebildet. Die 
Unterschrift beginnt mit den Worten: „To the 
glory of God and in honour of Victoria 




















von Schleinitz, William Morris, 


ii 7 




Ein gemeinsames, inneres, geheimnis¬ 
volles Band umschlingt die Illumination 
alter Manuskripte mit legendärem Inhalt 
und die Ausschmückung der Kirchen durch 
bunte Glasmalereien, die nur gedämpftes 
Licht — fast widerwillig hindurchgleiten 
lassen. Wenn auch im Anfänge der Epoche, 
in welcher Morris seine Hauptkraft der 
künstlerischen Behandlung der Textilbranche 
zuwendet, das farbenfreudige Muster des 
orientalischen und besonders des persischen 
Teppichs ohne figürliche Szenen vorwaltet, 
so endet doch die ganze Epoche mit der 
monumentalen, in grandioser Weise dar¬ 
gestellten Serie der Artus-Sage und den 
berühmten Gobelins für die bildliche Er¬ 
zählung der mystischen Sage vom heiligen 
Gral. 

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, 
daß ein Mann und Künstler wie Morris sich 
nicht ausschließlich während längerer Zeit 
nur mit einem Gegenstände und mit einem 
Spezialzweig beschäftigte. Während er in 



Abb. 42. Das Schiff der Gralsritter. 

Gobelin in Stanmore Hall. (Ausgeführt von Morris & Co. in London) 


Queen and Empress“ und endet mit dem Da¬ 
tum: „XX June MDCCCXCVII“. 

Morris’ Ruhm als Hersteller kunstgewerb¬ 
licher Erzeugnisse — ich spreche zunächst nicht 
von der Keimscott Press — wird der Nach¬ 
welt am längsten in diesen Werken er¬ 
halten bleiben, die für Kirchen bestimmt 
waren. Diese Arbeiten sind als Kunst¬ 
werke, trotzdem zwei Personen an ihnen 
teilnahmen, von Anfang bis zu Ende ge¬ 
schlossen und einheitlich in sich, außerdem 
den Vorzug eines jedermann geläufigen 
und verständlichen Inhalts bietend. Ihre 
äußere Erhaltung wird am besten dadurch 
gesichert, daß sie sich in den festesten, 
das Überlieferte, in welcher Gestalt es 
auch immer sei, am meisten konservieren¬ 
den Händen befinden. Auf diese Weise 
bleiben jene Werke von den oft verhängnis¬ 
vollen Schicksalen des Besitzwechsels ver¬ 
schont, und da sie sich ferner auf mindestens 
150 Kirchen über das ganze Land ver¬ 
teilen, ist der zufälligen und absichtlichen 
Zerstörung oder Fortnahme der geringste 
Spielraum gewährt. 


Holzschuhen, mit der blauen Bluse angetan, 
bei Tage seine Färbeversuche für die anzufertigen¬ 
den Gewebe vornahm, benutzte er die frühen 
Morgen- und späten Abendstunden zu allen 



















i iS 


von Schleinitz, William Morris. 


möglichen Musterzeichnungen von Teppichen, 
bunten Kattundrucken, Tapeten, Möbeln usw. 
Seine Vorbereitungen zu diesen Dingen waren 
aber ebenso wissenschaftlich wie gründlich, 
namentlich holte er sich in Färbeangelegen¬ 
heiten Rat aus alten französischen Büchern 
des XVI. und XVII. Jahrhunderts. So stu¬ 
dierte er unter andern Gerards „Herbai“, 
ein Lieblingswerk, das uns schon aus seiner 
Jugendzeit bekannt ist. Ja, selbst Plinius kon¬ 
sultierte Morris und schreibt im August 1875 
an Mr. Thomas Wardle, seine Hauptstütze in 
dem betreffenden Fach: „Ich habe Ihnen ein 
Exemplar von Philemon I lollands Plinius gesandt, 
ein an und fiir sich sehr merkwürdiges Puch, 
dessen Übersetzung in gutes Englisch muster¬ 
gültig durchgeführt ist, außerdem meiner Mei¬ 
nung nach eins der unterhaltendsten Bücher 
in der Welt.“ In dem kleinen, 1873 errichteten 
Färbehause in Queen Square vermochte aber 
Morris nur Versuche in sehr beschränktem 
Maße anzustellen; er fuhr daher in den Jahren 
1875—77 häufig nach Leck zu Mr. Thomas 
Wardle, dem Schwager seines Geschäftsführers, 
der als eine erste Fachautorität galt. Sein 
Eifer für diesen Zw'eig wuchs immer mehr, und 
jeder erreichbare antike Teppich von künst¬ 
lerischem Wert nahm sein Interesse in An¬ 
spruch. Im April 1877 schreibt er an Wardle: 
„Ich habe gestern einen alten persischen Tep¬ 
pich gesehen, aus der Zeit des Schah Abbas, 
der mich ganz wild machte, denn ich hielt es 
bisher für unmöglich, solch ein Wunderwerk 
herzustellen.“ Aus Lyon ließ Morris im Juni des¬ 
selben Jahres den Seidenweber Bazin kommen, 
um den ersten Webestuhl aufzustellen, an dem 
er im Laufe der Zeit übrigens selbst einige 
Verbesserungen vornahm. 

Da das Geschäft sich immer mehr hob, 
wurden die Verkaufs- und Ausstellungsräume im 
Jahre 1877 von Queen Square nach Oxford 
Street verlegt und die dort frei gewordenen 
Lokalitäten ausschließlich für die Fabrikation 
benutzt. Die am meisten geschätzten Teppich¬ 
muster ohne figürliche Szenerien sind folgen¬ 
de: „Design of small Barr Carpet“; „Design for 
the little Flowers Carpet“; „Black Tree Car¬ 
pet“; „Little Tree Carpet“; „The Redcar Car¬ 
pet“ und „Buller’s Wood Carpet“. Mit der 
Zeichnung von Möbeln beschäftigten sich 
Madox Brown, Rossetti und vor allem Webb. 



Abb. 43. Die Kreuzigung". 
(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


Zu den schönsten von Morris hergestellten 
Gobelins gehören die beiden hier als Illustration 
gegebenen „Flora“ (Abb. 34) und „Pomona“ 
(Abb. 33). Burne-Jones hat die Figuren, alles 
andere Morris gezeichnet und dieser auch die 
Kolorierung bestimmt. Die Hauptfiguren treten 
trotz des reichen und vielfach verschlungenen, 
aber sich stets leicht und gefällig auflösenden 
Motivs als Mittelstücke deutlich heraus. Der 
sowohl über wie unter der „Flora“ und „Po¬ 
mona“ verfaßte englische Text rührt von Morris 
her. Er stellt „Pomona“ als die den goldenen 
Apfel erhaltende Schönheitsgöttin dar: „I am 












von Schleinitz, William Morris. 


119 



bewegt, den keltischen und ihm 
eigentlich jetzt ferner liegenden Stoff 
der Artus-Sage durch eine Gobelin- 
Serie zu versinnbildlichen. Um¬ 
gekehrt entschließt sich der der 
nordischen Mythe im allgemeinen 
abgewandte Burne-Jones, skandinavi¬ 
sche Heldengestalten zu verherr¬ 
lichen. 

In allen Phasen seiner Künstler¬ 
laufbahn wurde Burne-Jones mächtig 
von der Artus- und Grals-Sage an¬ 
gezogen. Er wird in England viel¬ 
fach mit Wagner verglichen, und 
mit gewissen Einschränkungen mag 
dies gelten. 

Für die Artus-Sagen lieferten 
die Briten den Rohstoff; die Fran¬ 
zosen schmückten ihn aus und gaben 
ihm einen chevaleresken Charakter. 
Die Deutschen — wenigstens gilt 
dies von Hartmann von der Aue 
und erst recht von Wolfram von 
Eschenbach, sowie auch in gewissem 
Grade von Gottfried von Strassburg 
— legten den tieferen, einheitlichen 
Sinn hinein und verliehen dem Über¬ 
kommenen die geistige und formale 
Schönheit. 

Im britischen Boden wurzelt die 
Sage, hier liegt ihr erster Keim; 
in Frankreichs heiterklaren Lüften 
schießt sie lustig empor und treibt 
üppig grünes Laub und Blüten¬ 
knospen, aber erst an der Sonne 
deutschen Gemüts entfaltet sich die 
Blume. Die beiden englischen Künst¬ 
ler verweben die Artur-Mythe mit 
der vom heiligen Gral, wie dies in 
den Dichtungen „Parcival" und „Ti- 
turel“ geschieht. Die bildlichen Dar¬ 
stellungen in dem vorliegenden Zyklus 
the ancient apple-queen“, und im unterhalb sind ungemein interessant, sehr gut entworfen 

und gezeichnet, sowie als Kunstwerke ersten 
Ranges ausgeführt, aber sie reißen uns nicht 
fort wie die Tondichtungen Wagners. Ein 
kühler englischer Hauch weht durch Morris’ 
und Burne-Jones’ Darstellung des Gralsmythus. 
Die gemeinschaftliche, einträchtigliche und 


Abb. 44. Königin Viktoriafenster in der Pfarrkirche zu Dundee. 
Die zwölf Apostel. 

(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


angebrachten Text lesen wir die Stelle „where 
the windy grave of troy“. Diese beiden 
Prachtexemplare von Gobelins befinden sich 
im Besitze des Manchester-Museums und 
wurden für dasselbe im Jahre 1888 ausgeführt. 

Ein schönes Resultat der gegenseitigen Be¬ 
einflussung von Morris und Burne-Jones wird da¬ 
durch gewonnen, daß letzterer seinen Freund 


sich gegenseitig ergänzende Tätigkeit von Morris 
und Burne-Jones wird durch keine Arbeit 

















120 


von Schleinitz, William Morris. 



Abb. 45. Christus segnet die Kinder. 

Gemaltes Glasfenster in der New Renshaw-Kapelle. 
(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 

schöner als durch die Mr. W. K. d’Arcy ge¬ 
hörigen und in Stanmore Hall aufgehängten 
Arras-Gobelins veranschaulicht. Morris hat die 
rein architektonisch-dekorativen Einrichtungen 


für die in dem Saal untergebrachten Kunstwerke 
entworfen und auch ausgeführt. 

h'ür jeden der Helden der Grals-Sage wurde 
dort sein Schild und Wappen aufgehängt, und 
unter den Hauptbildern stehen die von Morris 
abgefaßten Erklärungen der Darstellung in 
englischer Sprache. Der Gesamtzyklus wurde 
einheitlich im Stil durch dekorative Elemente 
verbunden, so daß dieser Saal mit seinen un¬ 
vergleichlichen Kunstschätzen als ein wahres 
Wunderland angesehen wird. 

W ir folgen hier der Serie durch Übersetzung 
der für jedes Bild gegebenen Erläuterung des 
Inhalts nach dem Text von Morris. Unter dem 
Gobelin „König Artur und die Tafelrunde“ 
(Abb. 48) ist zu lesen: „Als König Artur 
während des hohen Pfingstfestes in seiner I lalle 
saß und die ganze Tafelrunde um ihn ver¬ 
sammelt war, trat eine Jungfrau ein und gebot 
ihnen ,die Suche nach dem heiligen Gral‘, ,The 
Quest of the San GraeT auf sich zu nehmen.“ 

„Der Aufbruch der Ritter“ zur Auffindung 
und Suche nach dem heiligen Gral wird folgen¬ 
dermaßen erklärt: „Nachdem die Jungfrau den 
Rittern der Tafelrunde geboten hatte, den hei¬ 
ligen Gral zu suchen, brachen sie auf, was auch 
immer ihnen begegnen möchte.“ Unter denen, 
die aufbrachen, sind die vornehmsten: „Sir 
Gawine, Sir Lanzelot vom See, Sir Hector de 
Marys, Sir Bors de Ganys, Sir Perceval und 
Sir Galahad“. In dem zuerst genannten Bilde 
sind die Figuren und das Pferd von Burne- 
Jones gezeichnet, dagegen rühren der Vorder¬ 
grund, Hintergrund, die Dekoration und Kolo¬ 
rierung von William Morris her. In dem zweiten 
Gemälde verhält es sich ähnlich: Burne-Jones hat 
die Figuren und Pferde, das übrige hat Morris 
entworfen und dieser auch die Farben be¬ 
stimmt. 

In dem dritten Werk werden „Gawein und 
Iwein von dem Engel zurückgewiesen“ (Abb. 39). 
Warum dies geschah, besagt die Inschrift: „Als 
Sir Gaweine und Sir Iweine sich auf den Weg 
begaben, um den heiligen Gral zu suchen, konnten 
sie seiner nicht ansichtig werden und erlitten 
Schmach und Schande, wegen des von ihnen 
früher geführten bösen Lebenswandels.“ 

Über den auf seiner Ritterfahrt begriffenen 
„Lanzelot vom See“ (Abb. 40) wird uns nach¬ 
stehende Kunde: „Lanzelot vom See gelangte 
auf seiner Suche, als er durch einen finsteren 






















Abb. 46. 


Die Auferstehung-. Glasgemälde in 
(Ausgeführt von Morris & Co. 


der Kirche von Easthampstead. 
in London.) 


Zeitschrift für Bücherfreunde XL 


Zu von Schleinitz: William Morris 

































































Abb. 47. Gemaltes Glasfenster in der englischen Kirche in Berlin, 
gewidmet dem Andenken Odo Russells. 

(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


























































von Schleinitz, William Morris. 


121 



Wald ritt, an eine Kapelle, in welcher sich der 
heilige Gral befand; aber wegen seiner vielen 
Sünden vermochte er nicht einzutreten und ver¬ 
fiel angesichts des Heiligtums 
in tiefen Schlaf, so daß auch 
über ihn Schande erging“. 

Wie in den vorangegangenen 
Gobelins rühren ebenfalls in 
diesem die Zeichnungen der 
Figuren und Pferde von 
Burne-Jones, alle Dekoration 
dagegen, die Architektur, 

Vorder- und Hintergrund 
und die Farbengebung von 
Morris her. In der oberen 
rechten Ecke des Bildes 
schimmert der glanzum- 
leuchtete Gral. 

Das letzte figurenreiche 
Werk der Serie betitelt 
sich: „Die Vision Galahads“ 

(Abb. 41). Im Mittelpunkt 
der Komposition stehen drei 
Engel, zu ihrer Linken, vor 
der geöffneten Tür der Grals¬ 
kapelle, kniet Sir Galahad, 
der den heiligen Gral erblickt. 

Zur rechten Hand der Engel 
befindet sich Sir Bors und 
Sir Parceval. Der Gobelin 
ist in der gleichen Weise 
wie die bereits beschriebenen 
von beiden Freunden ge¬ 
meinschaftlich zustande ge¬ 
kommen. Als ein Anhang 
zu dem Zyklus ist endlich 
„Das Schiff der Gralsritter“ 
anzusehen (Abb. 42 ). 

Gelegentlich bemerkte 
Morris: „Den Rat Ruskins 
befolgend, trachtete ich 
danach, jedes Baum- oder 
Blumenblatt auf das ge¬ 
naueste so zu zeichnen, wie 
ich es in der Natur sehe.“ 

Charakteristisch bleibt bei 
den meisten Präraffaeliten 
der blumige, detailliert durch¬ 
geführte Vordergrund in 
ihren Bildern, wie er sich 
typisch in der obigen Serie 
z. f. B. 1907/1908. 


der Grals-Sage vorfindet. Drei verschiedene 
Bestrebungen kommen bei den englischen 
Präraffaeliten zur Unterscheidung: die Reprä- 


Abb 48. König Artur und die Tafelrunde. Gobelin in Stanmore Hall. (Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 
















122 


von Schleinitz, William Morris. 



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AND ^lAKt HIMFOI.LOWAS IfFliES-, 
■Vi' HI LEI- 'A/1 rH'-'VT COiI> H AIRUTU: PLAT. 
JAND%IW>lT VP IV 5EEMLY- WJSE: 0 


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Abb. 49. Das Gänsemädchen aus Grimms Märchen. 
Gobelin im Victoria- und Albert-Museum. 
(Ausgeführt von Morris & Co. in London.) 


sentanten der naturalistischen Auffassung sind 
Millais und Holman Hunt; Rossetti und Burne- 
Jones können als die Poeten in der Malerei 
gelten; Morris und Walter Crane haben ihren 
Schwerpunkt in dem dekorativen Element, nur 
mit dem Unterschiede, daß bei letzterem sich 
eine antikisierende Richtung bemerkbar macht. 

Die sämtlichen Gobelins der Tafelrunde 
König Arturs wurden 1898 — 1899 in der 
New - Gallery ausgestellt und erregten dort 
den ungeteilten Beifall des Publikums. Begonnen 
müssen die Entwürfe schon früher als 1893 
worden sein, ein meistens hierfür in England 
angegebenes, aber irrtümlich erscheinendes Da¬ 
tum, weil die Phrma Morris & Co. wahrschein¬ 


lich schon 1891, bestimmt 
jedoch 1892 die Ausführung 
der Gobelins in die I land nahm 
und diese 1894 beendete. Auf 
der großen Pariser Ausstellung 
von 1900 bildeten die Gobe¬ 
lins ganz unbestritten den 
Glanzpunkt der englischen 
Abteilung. 

Den naturgemäßen Ab¬ 
schluß des Zyklus hat weder 
Morris noch Burne-Jones er¬ 
lebt. Letzterer arbeitete zwar 
noch kurz vor seinem Tode 
an dem „Artur in Avalon“ 
betitelten Kolossalgemälde, 
indessen fertig ist es nicht 
geworden. König Artur 
weilt noch immer in Avalon. 
Der Meister hat dem Bilde 
die Worte hinzugefügt: „Ilic 
jacct Arturus, rex quondam, 
rexque futurus! Einige be¬ 
haupten, König Artur sei 
nicht tot, sondern durch den 
Willen unseres Herrn Jesus 
Christus an einem unbekann¬ 
ten Ort verborgen; das Volk 
sagt, er wird wiederkommen!“ 
Morris hat auch eine Vor¬ 
lage Walter Cranes benutzt, 
um nach dieser einen Gobelin 
in seiner Fabrik anfertigen zu 
lassen. Letzterer ist der An¬ 
sicht, daß sein Bilderbuch 
„The necklace of Princess 
Fiorimonde“ die Firma Macmillan veranlaßte, 
Grimms Märchen herauszugeben. Des Künst¬ 
lers 1881 verstorbene Schwester Lucy über¬ 
setzte einen beträchtlichen Teil der Märchen 
ins Englische. Bis zum Tode seiner Schwester 
hatte Crane ungefähr ein Dutzend vollseitiger 
Illustrationen, Kopfleisten, Initialen und Schlu߬ 
vignetten angefertigt, die dann von Mr. Swain 
in Holz geschnitten wurden. 1882 kam das 
Werk bei Macmillan heraus und heißt in Eng¬ 
land „Die Crane-Ausgabe von Grimms Mär¬ 
chen“. Eine andere sehr schöne, von K. und 
K. Clark in Edinburg gedruckte Ausgabe wurde 
nach einiger Zeit gleichfalls dem Publikum 
zugänglich gemacht. 





















































von Schleinitz, William Morris. 


123 


In bezug auf die hier (Abb. 49) beigefügte 
Illustration „Das Gänsemädchen aus Grimms 
Märchen“ erzählt Crane folgende Episode: „Die 
Zeichnung ,The Goose Girl‘ wurde eines Tages 
von meinem Freunde Morris in meinem Atelier 
gesehen, als ich mich gerade bei der Arbeit 
befand. Er bat mich ihm einen, als Unterlage 
für die Fabrikation eines Arras-Gobelins geeig¬ 
neten Karton anzufertigen, da er jetzt in vollem 
Gange damit beschäftigt sei, diesen Kunstzweig 
praktisch neu zu beleben“. Die Vorlage zu 
diesem dann bald ausgeführten Meisterstück 
befindet sich jetzt im Victoria- und Albert- 
Museum (früher South Kensington Museum). 

Zu Beginn dieses Abschnitts war die Rede 
davon gewesen, daß Burne-Jones aus Liebe zu 
seinem Freunde sich, wenn auch nur auf kurze 
Zeit, so doch intensitiv, in die nordische Sage 
vertiefte. Es betrifft dies die mit Walter Crane 
gemeinsam vorgenomme Ausschmückung eines 
Hauses in Amerika und die zum Teil von 
Morris nach diesen Vorlagen fertiggestellten 
Arbeiten. Burne-Jones entwarf sechs Zeich¬ 
nungen für die Fenster des Miß Catherine 
Wolfe gehörenden Hauses in Vinland, nahe 
Newport im Staate Rhode-Island. Die oberen 
Fenster enthalten die nordischen Gottheiten 
Odin, Freya und Thor. Unterhalb derselben 
hat Burne-Jones sehr sinnreich den Platz sagen¬ 
umwobenen Persönlichkeiten aus der skandi¬ 
navischen Vorzeit eingeräumt. Diese, am Rande 
oder noch mit einem Fuße in den rollenden 
und hochaufgetiirmten Wogen des Ozeans 
stehenden Erscheinungen, als Heroen oder Über¬ 
menschen aufgefaßt, sind „Thorfine Karlsefne“, 
„Gudrida“ und „Leif der Glückliche“. Sie ge¬ 
hören zu den kühnen skandinavischen See¬ 
fahrern, die um das Jahr 1000 in kleinen 
gebrechlichen Fahrzeugen den Atlantischen 
Ozean durchkreuzten und als die eigentlichen 
Entdecker von Amerika anzusehen sind. In 
Newport steht noch heute ein uralter, der Sage 
gemäß von den ersten skandinavischen An¬ 
siedlern erbauter Turm, der für die beiden 
englischen Meister die ungemein interessante 
und anregende Idee für ihre Arbeiten bildete. 

Als dort eines Tages Longfellow am Meere 
entlang ritt, hörte er davon, daß im Jahre vor¬ 
her in der Nähe von Fall River ein Skelett in 


voller Rüstung aufgefunden worden sei. Er 
beschloß, das Ereignis in Zusammenhang mit 
dem alten Turm und der Sage von den kühnen, 
hier gelandeten Skandinaviern, Dänen oder 
Normannen in Verbindung zu bringen. So 
entstand sein Gedicht „Das Skelett in der 
Rüstung“, auf dessen inhaltlicher Grundlage 
Crane eine Serie herrlicher Malereien voller 
Poesie zur Dekoration jenes Hauses schuf. Die 
nachfolgenden Kapitel werden mehr und mehr 
die intimer sich gestaltenden Beziehungen 
zwischen Morris und Walter Crane erkennen 
lassen. Es kann nicht oft genug darauf hin¬ 
gewiesen werden, welche außerordentlichen Vor¬ 
teile der Kunstindustrie Englands dadurch er¬ 
wuchsen, daß Morris mit den ersten bildenden 
Künstlern seines Vaterlands Hand in Hand ging 
und diese es sämtlich nicht verschmähten, ihre 
Kräfte auch dem Kunstgewerbe zu leihen. 

Sowohl Morris als Walter Crane ist es 
wesentlich mit zu verdanken, daß man das 
eigne Heim mit seiner Dekorierung, seiner ge¬ 
samten Ausstattung und allem Zubehör der 
inneren Einrichtung als ein unteilbares Ganze 
auffassen lernte. In England ist die Schulung 
hierfür und das Übergangsstadium zu solchen 
Wohnstätten ein derart unmerkliches gewesen, 
daß es von dem Publikum kaum empfunden 
wurde. Nach Deutschland kam der in England 
sich allmählich vollziehende Umschwung in der 
kunstgewerblichen Industrie fast als etwas fer¬ 
tiges und deshalb ziemlich plötzlich und un¬ 
vermittelt, so daß durch die Aneignung der 
neuen Muster und Ideen in den betreffenden 
Fabrikationszweigen bei uns eine Art von 
Geschmacksrevolution entstand. Es bedurfte 
einer gewissen Zeit, bis die Nachahmungen auf¬ 
hörten und an ihrer Stelle Eigenartiges ge¬ 
leistet wurde. Die Ursache zu dieser Ver¬ 
zögerung des selbständigen Schaffens lag darin, 
daß nicht wie in England — und wie Morris 
und Crane es betont wissen wollten — Kunst 
und Industrie zusammengingen. In Deutsch¬ 
land war es zu jener Zeit die Ausnahme, daß 
die großen Meister in enger Verbindung mit 
dem Kunstgewerbe standen. Heute ist dies bei 
uns nicht nur keine Seltenheit mehr, sondern 
im Gegenteil eine gewichtige Autorität klagt: 
„Zeichner für neue Entwürfe und Modelle gibt 
es jetzt genug, aber keine hinlänglich geschulten 
Handwerker, besonders Tischler, um diese 



124 


von Schleinitz, William Morris. 


Zeichnungen gut auszuführen“. Morris und 
Walter Crane haben in ihren Spezialfächern so 
viel erreicht, weil sie sich in jedem vorliegenden 
Fall mit den natürlichen Schwierigkeiten und 
Beschränkungen, sowie mit der Eigenart des 
in Frage kommenden Materials persönlich ver¬ 
traut machten. In einem Aufsatz über die 
Textilindustrie schreibt Morris: „Wenn ein 
Zeichner für die Textilbranche nicht die Fabrika¬ 
tion selbst gründlich kennt, so werden seine 
Entwürfe immer nur ein ,tour de force' sein!“ 

Zum Schluß der Besprechung dieses 
Zweiges der kunstgewerblichen Tätigkeit von 
Morris will ich noch zwei im South Ken- 
sington Museum aufbewahrte und in etwas 
anderer als der bisher üblichen Weise zustande 
gekommenen Gobelins erwähnen. Der eine 
trägt die Überschrift „Angeli laudantes“, 
und wenn auch die beiden Engelsfiguren von 
Burne-Jones gezeichnet sind, so ist doch der 
Vordergrund und die schöne Bordüre von 
H. Dearle entworfen. Der andere, gleichfalls 
in Wolle und Seide gewirkte Gobelin führt den 
Titel „The Orchard“ (der Obstgarten), und 
hier sind die vier, ein Spruchband tragenden 
Frauenfiguren ganz allein von Morris hergcstellt, 
ebenso die Fruchtbäume, dagegen der blumige 
Vordergrund und das Beiwerk von H. Dearle, 
dem Direktor von Merton Abbey. Dies ist 
der Name der im Jahre 1881 von Morris er¬ 
richteten großartigen Fabrik. Die Verse in 
dem erwähnten Spruchband haben gleichfalls 
Morris zum Verfasser und kommen vor in dem 
Gedicht „The Orchard“, das sich abgedruckt 
findet in seinem Buche „Poems by the Way“. 
Die erste, tatsächlich unter der Leitung von 
Mr. Dearle ausgeführte Arbeit war Cranes 
„Goose Girl“, indessen ist Morris der Ansicht 
gewesen, daß diese noch in Queen-Square voll¬ 
endet wurde. 

Selbstverständlich gingen die dortigen Werk¬ 
stätten ein, nachdem die Fabrikation nach Merton 
Abbey verlegt worden war. Das Etablissement 
liegt am Flusse Wandle, unweit Wimbledon in 
Surrey und gehört jetzt fast zu London. In 
der Nachbarschaft hatte Nelson mit Lady 
Hamilton gewohnt und vor langen, langen 
Jahren war Merton Abbey eine Niederlassung 
vertriebener Hugenotten gewesen, die daselbst 
eine Seidenweberei eingerichtet hatten. Viel Ver¬ 


gnügen bereitete Morris das widersprechende 
Urteil der Sachverständigen und die entgegen¬ 
gesetzten Analysen des Wassers in bezug auf 
seine Brauchbarkeit für Färbezwecke. Einer 
der ersten Sachkenner hatte das Wasser für 
absolut ungeeignet erklärt. Es blieb also 
Morris nichts weiter iibrig, als vor dem Ankauf 
persönlich mit dem dortigen Wasser Färbe¬ 
versuche anzustellen, die zu seiner vollkommen¬ 
sten Zufriedenheit ausfielen. Die Kunstwelt 
hat ihm dann nachgerühmt, daß er wirklich 
neue, bisher nicht gekannte Farbentöne und 
Schattierungen hervorzubringen imstande war. 

Noch bevor Morris die Übersiedlung seiner 
Werkstätten nach Merton Abbey bewirkt hatte, 
gab er seine Privatwohnung IIorrington-House, 
woselbst er sich niemals recht heimisch gefühlt 
hatte, auf und bezog 1878 gegen Ende Oktober 
Kelmscott-IIouse, Upper Mall, in I lammer- 
smith, einer Vorstadt Londons. Der frühere 
Name des Hauses „The Retreat“, mit dem 
man in England auch wohl den Begriff eines 
Asyls für Kranke verbindet, gefiel Morris, wie 
wohl begreiflich, nicht allzusehr; er änderte 
ihn daher in den obig bezeichncten um. Das 
Haus hatte am Beginn des Vorigen jahrhunderts 
als seinen Insassen Francis Ronalds beherbergt, 
der hier 1816 die ersten umfassenden und 
praktischen Versuche zum Telegraphieren unter¬ 
nahm, jedoch ohne das Problem wirklich zu 
lösen. 

Im Winter des Jahres 1877 begab sich Mrs. 
Morris mit ihren beiden Töchtern nach Oneglia 
an die Riviera, woselbst Morris im nächsten 
Frühjahr gleichfalls eintreffen wollte. In Italien 
hat Morris stets die Schönheit der Natur mehr 
als die Kunst bewundert, und bezeichnend genug 
für seine nordischen Sympathien ist ein aus 
Genua datierter Brief, in dem er über Diano 
Castello sagt: „Die Leute pflegten sich hierher 
zu retten, als die sarazenischen Vikingcr Diano 
Marina verbrannten und die Küste verwüsteten“. 
Bedauerlicherweise erkrankte er zu dieser Zeit 
an einem dann sich immer heftiger entwickeln¬ 
den rheumatischen Gichtleiden, das mehr und 
mehr seine Kräfte aufrieb. 

Um diese Epoche beginnt zuerst die poli¬ 
tische und aus dieser die in gerader Linie sich 
entwickelnde sozialistische Tätigkeit von Morris, 
der das nächste Kapitel gewidmet sein soll. 




Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 

Zur Erinnerung- an die Einweihung ihres Neubaus am 3. November 1906. 1 

Von 


Dr. Aloys Börner. 



lie Anfänge der jetzigen Universitäts¬ 
bibliothek Münster reichen in direkter 
Linie nur bis in die achtziger Jahre 
des XVI. Jahrhunderts zurück, aber im Wechsel 
der Zeiten hat sie zahlreiche Büchersammlungen 
von ansehnlicherem Alter in sich aufgenommen. 
Wer die Entwickelung des münsterischen Biblio¬ 
thekswesens überhaupt erforschen will, hat bis 
zur Gründung der ersten kirchlichen Nieder¬ 
lassung zurückzugehen, aus der die Stadt er¬ 
wachsen ist. Mit dem Kloster des H. Ludgerus 
zu Mimigardeford war in üblicher Weise eine 
Schule zur Heranbildung von Geistlichen ver¬ 
bunden, und diese Schule wiederum konnte 
eine Büchersammlung nicht entbehren. Unter 
den günstigsten Auspizien trat die junge Biblio¬ 
thek ins Leben. Der Mann, dessen Werk die 
Klostergründung war und der an seiner Lehr¬ 
anstalt mit ganz besonderer Liebe hing, war 
ein leidenschaftlicher Bücherfreund. Schon in 
dem Kinde soll der künftige Bibliophile zu er¬ 
kennen gewesen sein. Der kleine Ludgerus 
zeigte ganz andere Neigungen, als sie der 
Jugend eigen zu sein pflegen. Sein Biograph 
Altfried weiß zu berichten, während die Alters¬ 
genossen sich an kindlichen Spielen erfreuten, 
hätte er Häutchen und Baumrinden zusammen¬ 
gesucht, sie aneinander geheftet und mit einem 
in Farbe getauchten Stäbchen bekritzelt. Die 
Wärterin aber hätte diese „Bücher“ sorgfältig 
aufbewahren und dem Kinde von Zeit zu Zeit 
zum Lesen darbieten müssen. Wir legen auf 
diese erbauliche Erzählung keinen allzugroßen 
Wert, aber es stehen uns auch untrüglichere 
Beweise für Ludgerus’ Büchersammeleifer zu 
Gebote. Zwar hat sich in Münster selbst nichts 
von alledem erhalten, was er und seine Schüler 
hier zusammengebracht, aber von seinen Büchern 


im Kloster Werden, dessen Leitung zugleich 
mit dem münsterischen Bischofsamte in seinen 
Händen lag, sind mehrere auf uns ge¬ 
kommen, darunter wahre Perlen der Buchaus¬ 
stattungskunst. Vielleicht gehört dahin auch 
der Codex argenteus des Ulfilas. Die biblio¬ 
thekarische Gründung Ludgers in Münster 
nahm in den folgenden Jahrhunderten einen 
nicht hervorragend schnellen, aber doch sicheren 
Fortgang. Mit der Gründung neuer Klöster 
und Stifter kamen zur Dombibliothek weitere 
Büchersammlungen hinzu, und jemehr wir uns 
den Zeiten der Renaissance nähern, brachten 
auch bücherliebende Privatpersonen ansehnliche 
Bibliotheken zusammen. In der Glanzperiode 
des literarischen Lebens der Stadt, in den bei¬ 
den ersten Jahrzehnten des XVI. Jahrhunderts, 
stand auch das münsterische Bibliothekswesen 
in höchster Blüte. Gleich darauf machten die 
Jahre 1527 und 1534 in seine Entwickelung 
einen verhängnisvollen Einschnitt. Durch die 
genannten Daten wird die Geschichte der 
Bibliotheken Münsters in zwei große Perioden 
zerlegt. Was während der ersten mit liebe¬ 
vollem Eifer gesammelt war, wurde in jenen 
beiden Unglücksjahren von Grund aus ver¬ 
nichtet, und in der zweiten Periode mußte das 
Büchererwerben ganz von neuem begonnen 
werden. 

Am 7. September 1527 zerstörte ein Brand 
in der Vorhalle des Domes, den nachlässige 
Handwerker beim Ausbessern des bleiernen 
Daches verursacht hatten, den größten Teil 
der dort untergebrachten altberühmten Biblio¬ 
thek des Stiftes. Was damals von der Dom¬ 
bibliothek noch gerettet war, und was in den 
übrigen Büchersammlungen Münsters sorgfältig 
gehütet wurde, das fiel dem Wiedertäuferwahn- 


1 Eine von den Beamten der Bibliothek herausgegebene Festschrift („Aus dem geistigen Leben und Schaffen in 
Westfalen.“ Münster (Westf.): Coppenrath 1906. VIII, 314 S., 6 Taf.) enthält folgende Beiträge, auf denen vorliegende 
Darstellung zum Teil beruht: 1) K. Molitor, Das neue Bibliotheks-Gebäude in Münster i. W. 2) P. Bahlmann, Die 
Königliche Universitäts-Bibliothek zu Münster. 3) A. Bömer, Das literarische Leben in Münster bis zur endgültigen 
Rezeption des Humanismus. 4) H. Degering, Gottfried von Raesfeld. Sein Geschlecht, sein Leben und sein Testament. 
5) H. Krüger, Anton Fahne. 6) A. Küster, Die juristische Abteilung der Königlichen Universitäts-Bibliothek zu Münster. 
7) K. Molitor, Ein westfälischer Bibliotheks-Katalog von 1353. 





126 


Bömer, Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. \V. 


sinn des Jahres 1534 zum Opfer. Die Ver¬ 
blendeten gingen bei ihrem Vernichtungswerk 
mit einer furchtbaren Gründlichkeit vor, nur 
den schlauen Niesinkschwestern gelang es, sie 
zu überlisten und die wertvollsten Bücher ihrer 
Bibliothek von zwei Mägden und einem Diener 
in Gemüsekörben aus der Stadt hinaustragen 
zu lassen. Die beklagenswertesten Verluste 
der wiedertäuferischen Bücherzerstörungswut 
bildete die mit klassischen Autoren vortrefflich 
ausgestattete Bibliothek Rudolf von Langens, 
in der ein Hermann von dem Busche und an¬ 
dere namhafte Humanisten mit Wonne ge¬ 
schwelgt hatten, sowie die Bibliothek des 
Fraterhauses, die durch den bekannten Schreiber¬ 
und Sammelfleiß der Brüder sicher auf eine 
beträchtliche Höhe gebracht war. Ganz durch 
Zufall habe ich vor einigen Wochen unter aus¬ 
gelösten Pergamentblättern der Universitäts¬ 
bibliothek ein kleines Überrestchen der alten 
Fraterherrnbibliothek gefunden: das erste Blatt 
einer Pergamenthandschrift, auf dem die Zeit der 
Anfertigung und des Erwerbs für die Bibliothek 
mit genauen Daten verzeichnet und auch der 
reiche Inhalt des ehemaligen Sammelbandes 
angemerkt ist. Als nach Niederwerfung des 
Wiedertäuferregiments IAiede und Ordnung in 
die Stadt zurückgekehrt waren, ging man als¬ 
bald wieder an die Schaffung neuer Bibliotheken. 
Den Vorrang unter ihnen nahm auch in dieser 
zweiten Periode zunächst wieder die Dom¬ 
bibliothek ein. Ihr schenkte 1541 der Dechant 
Rotger Schmising fast alle seine zahlreichen 
Bücher und zwar, was besondere Hervorhebung 
verdient, zum allgemeinen öffentlichen Gebrauche. 
Ihr vermachte auch derselbe Schmising testa¬ 
mentarisch die kostbare Bibliothek Hermanns 
von dem Busche, die nach dem Tode von 
Hermanns Bruder Burkhard in seinen Besitz 
gekommen war. Die wertvollste Zuwendung 
aber hatte die Dombibliothek einige Jahrzehnte 
später dem Dechanten Gottfried von Raesfeld 
zu verdanken. Er wies ihr nicht nur seine 
eigene, etwa 500 Bände starke, zum Teil eigens 
für diesen Zweck seit 1581 angelegte Bücher¬ 
sammlung zu, sondern setzte auch ein Kapital 
von 500 Talern zur Vermehrung und 300 Talern 
zur Verwaltung der Bibliothek aus, mit der 
Bestimmung, daß die jährlichen Zinsen dieser 
Kapitale für die genannten Zwecke verwendet 
werden sollten. Gottfried von Raesfeld war es 


auch, der die Berufung der Jesuiten nach 
Münster anregte und den Plan gegen vielfachen 
Widerstand energisch verfocht. Ihm selbst war 
es nicht mehr beschieden, seine Bemühungen, 
denen er durch Aussetzung eines Kapitals von 
fast 20000 Talern eine sehr solide Unterlage 
verlieh, von Pirfolg gekrönt zu sehen. Aber 
bald nach seinem Tode (23. Oktober 1586) zog 
die Gesellschaft Jesu in Münster ein. In dem 
östlichen Flügel des jetzigen alten Akademie¬ 
gebäudes nahmen die Väter Wohnung und 
vergrößerten von da aus ihren Besitz durch 
Kauf, Tausch und Schenkung von Jahr zu 
Jahr. Die Regel ihres Ordens verlangte aber 
auch die Anlage einer Bibliothek. Die Bücher¬ 
sammlung, die sie in kurzer Zeit zusammen¬ 
brachten, bildet den Grundstock der jetzigen 
Universitätsbibliothek. Beim Ausbau derselben 
erfreuten sich die Jesuiten wertvoller Beihülfe 
von den verschiedensten Seiten. So machte 
ihr z. B. die Dombibliothek in uneigennützigster 
Weise 1588 und 1589 reiche Schenkungen, und 
es dauerte nicht lange, so hatte die neue 
Jesuitenbibliothek die alte der Kathedralkirche 
an Bändezahl überholt. Um die Mitte des 
XVIII. Jahrhunderts dürfte die Büchersamm¬ 
lung in den prächtigen, mit Holzschnitzereien 
reich verzierten Saal im Nordflügel des alten 
Akademiegebäudes gekommen sein, der noch 
bis zu ihrem Auszug aus den alten Räumen 
der Stolz der Universitätsbibliothek war. 1773 
wurde der Jesuitenorden aufgehoben. Ein 
großer Teil der Patres aber blieb in der Stadt 
und setzte seinen Unterricht am Gymnasium 
fort, dem bald auch eine philosophische und 
theologische Lehranstalt angegliedert wurde, 
die seit 1780 die philosophische und theolo¬ 
gische Fakultät der neugegründeten Universität 
bildete. In den Besitz des Gymnasiums bezw. 
der ihm angefügten Lehranstalt war auch die 
damals etwa 6000 Bände zählende Jesuiten¬ 
bibliothek übergegangen. Sie führte nunmehr 
den Namen „Bibliotheca professorum Gymnasii 
Paulini“ oder „Bibliotheca collegii professorum 
Gymnasii Paulini“ oder auch einfach „Bibliotheca 
Gymnasii Paulini“. Die juristischen und medi¬ 
zinischen Professoren der Universität erhielten 
gleichfalls das Benutzungsrecht der Bibliothek. 
Bemühungen Franz von Fürstenbergs, die 
Büchersammlung in eine öffentliche Universitäts¬ 
bibliothek umzuwandeln, sie vor allem also auch 




Börner, Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 


127 


den Studenten zugänglich zu machen, brachte 
der münsterische Fürstbischof wohlwollendes 
Interesse entgegen, doch blieb es einstweilen 
noch beim Alten. 

Im Frieden zu Luneville, 1801, wurde Münster 
dem Königreich Preußen zugeteilt, das am 
6. Juni 1802 die Stadt in Besitz nahm. Da die 
neue Regierung die Universität zu erhalten und 
zu erweitern entschlossen war, wurde auch der 
Bibliothek erhöhtes Interesse zugewandt. Sie 
erscheint jetzt zunächst unter den Namen 
„Bibliotheca Gymnasii et Universitatis“, bald 
jedoch auch geradezu als „Universitäts-Biblio¬ 
thek“ oder auch als „Öffentliche Bibliothek“, 
„Studien-Bibliothek“ oder „Öffentliche Studien- 
Bibliothek“ Diese Bezeichnungen deuten schon 
die erfolgte Erweiterung des Benutzerkreises 
an. Der Reichsdeputationshauptschluß von 
1803 ermächtigte die Fürsten zur Güterein¬ 
ziehung der aufgehobenen Stifter und Klöster 
ihres Landes. Für die Büchermassen aus dem 
münsterischen Bistum bildete die Universitäts¬ 
bibliothek der Hauptstadt die gegebene Zentral¬ 
stelle. Dem Bibliotheksvorstande — es war 
damals als Nachfolger Kaspar Zumkleys Johann 
Hyacinth Kistemaker — wurden die einzelnen 
Bibliothekskataloge zugesandt, und er konnte 
aus ihnen die ihm tauglich erscheinenden Werke 
auswählen. Die ersten in Münster eingetroffenen 
Klosterbücher waren 265 Bände des Stifts 
Kappenberg; es folgte Liesborn mit reichem 
alten Handschriftenbestand, Marienfeld, Werden 
u. a. 1810 waren rund 20000 Bände vorhan¬ 
den. Die Aufhebung der Universität Münster 
durch Kabinetsordre vom 18. Oktober 1818 
gefährdete die Existenz der Bibliothek nicht, 
da „ein theologisch wissenschaftlicher und zur 
Vorbereitung darauf ein philosophischer und 
allgemein wissenschaftlicher Kursus für künftige 
Geistliche der münsterschen Diözese“ bestehen 
blieb. 1822 erscheint die Sammlung auf ein¬ 
mal unter dem Namen „Paulinische Bibliothek“, 
der ihr bis in die jüngste Zeit (2. März 1903) treu 
geblieben ist. Wer die vielfach mißverstandene 
Bezeichnung aufgebracht hat, ist nicht bekannt; 
sie gründet sich darauf, daß das Domkapitel 
zusammen mit dem Bischof den für das Gym¬ 
nasium und die philosophische und theologi¬ 
sche Fakultät bestimmten „Gymnasialfond“ ge¬ 
schaffen hatte (der mit dem „Universitätsfond“ 
aus den Einkünften des aufgehobenen Klosters 


Überwasser unter Preußens Regierung zu dem 
sogenannten „Studienfond“ vereinigt wurde), 
Schutzpatron des Domes aber der H. Paulus 
war. 1822/3 wurde auch die Bibliothek der 
Domkirche, die schon 1811 Staatseigentum ge¬ 
worden war, der paulinischen einverleibt. Aus 
dem Jahre 1823 ist eine Benutzungsordnung 
erhalten, die bestimmt, daß Dienstags und Frei¬ 
tags von 1—3 Uhr Bücher abgeholt und zu¬ 
rückgegeben, Dienstags und Donnerstags von 
1—4 Uhr solche im Lesezimmer eingesehen 
werden konnten. 

Das Ausleihegeschäft bewegte sich damals 
noch in sehr bescheidenen Grenzen. 1823(4 
wurden etwa 2000, im folgenden Jahre allerdings 
schon 4000 Bände ausgegeben. So niedrig 
die Zahlen an sich auch waren, gegen die der 
vorhergehenden 15 Jahre gehalten, hatten sie 
eine beträchtliche Größe, denn in diesen 15 
Jahren waren ganze 3000 Bände verliehen 
worden. Bei der Bücheranschaffung mußte auf 
die Bedürfnisse des Gymnasiums Rücksicht ge¬ 
nommen werden, da — wie der Wortlaut einer 
Verfügung lautet -— „die Paulinische Bibliothek 
zugleich Gymnasialbibliothek ist und daher nicht 
ganz wie eine bloße Universitäts-Bibliothek be¬ 
handelt werden darf.“ Dieses Verhältnis wurde 
erst im Jahre 1877 gelöst, als dem Gymnasium 
Mittel zur Beschaffung einer eigenen Lehrer¬ 
bibliothek gewährt wurden. 

Das Schmerzenskind der Bibliotheksver¬ 
waltung waren seit langer Zeit die Kataloge 
gewesen. Von den verschiedensten Personen 
war daran gearbeitet, aber etwas Vollständiges 
und wirklich Brauchbares bislang noch nicht 
geschaffen. Erst als Prof. Dr. Franz Winiewski 
1829 die Leitung des Instituts übernahm und 
in dem Studiosus Franz Guilleaume eine tüch¬ 
tige Hilfskraft gewann, kam endlich ein voll¬ 
ständiger alphabetischer Katalog in Band- und 
ein systematischer in Zettelform zustande. Der 
erstere, der auf vorliegenden Arbeiten weiter¬ 
baute, war der bessere, die Ordnung des Sach¬ 
katalogs aber ließ innerhalb der einzelnen 
Fächer so gut wie alles zu wünschen übrig. 

Winiewski versah die Bibliothekarstelle nur 
im Nebenamt. Es war deshalb erfreulich, daß 
1853 die feste Stelle eines „Bibliotheksassistenten“ 
gegründet wurde, der die bibliothekarische Be¬ 
schäftigung als seinen Lebensberuf ansehen 
sollte. Für die neue Stelle wurde verdienter- 







128 


Bömer, Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. Mb 



Blick in den Lesesaal der Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 


maßen Guilleaume ausersehen. Zu mechanischen 
Hilfeleistungen zog man wohl die Tagelöhner 
heran, welche die Reinigung der Bibliothek 
besorgten, aber man machte damit eine 
sehr traurige Erfahrung, denn einer dieser 
Arbeiter, der Küfer Henlo, stahl für nicht 
weniger als 7000 Taler Bücher, Handschriften, 
Messingbeschläge und dergleichen. Das ver- 
anlaßte die Anstellung eines vereidigten Biblio¬ 
theksdieners. Guilleaume, auf dem übrigens die 
Hauptlast der Verwaltung geruht hatte, da 
Winiewski durch sein akademisches Lehramt 
stark in Anspruch genommen wurde, starb am 
26. Oktober 1869. Einen ganzen Winter lang 
besorgte nun der treffliche Bibliotheksdiener 
Helmer allein das Ausleihegeschäft. Am 1. April 
1870 trat Professor Dr. Joh. Baptist Watterich 
als Unterbibliothekar an Guilleaumes Stelle, 
wurde jedoch schon 1871 aus dem Dienst ent¬ 
lassen und durch den Privatdozenten Dr. Joseph 
Nordhoff ersetzt, der nach Winiewskis Tode 


(1874) diesem im Amte des Oberbibliothekars 
folgte, daneben aber auch die kunstgeschicht¬ 
liche Professur an der Akademie bekleidete. 
Zum Segen des Bibliothekswesens drang damals 
in maßgebenden Kreisen die Überzeugung von 
dem Vorteile einer Selbständigkeit des biblio¬ 
thekarischen Berufs durch. In Münster war die 
Ernennung Dr. Joseph Ständers (des gegen¬ 
wärtigen Direktors der Bonner Universitäts- 
Bibliothek) zum Bibliotheksvorsteher ein erfreu¬ 
licher Erfolg der neuen Richtung. Seine An¬ 
stellung erfolgte am 24. April 1876. Bücher¬ 
ausgabe und Lesezimmer wurden nunmehr an 
allen Wochentagen geöffnet, in der Verteilung der 
Arbeitsräume eine praktische Neuordnung durch¬ 
geführt, vor allen aber in den unzulänglichen 
Katalogverhältnissen Besserung geschaffen. Be¬ 
sonders dankenswert, weil für ein schnelles 
Auffinden der gewünschten Bücher außer¬ 
ordentlich zweckdienlich, war die Anlage 
eines ganz kurzen alphabetischen Katalogs in 










Börner, Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 


129 



Die Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 


Buchform. Durch dieses „Repertorium“ war man 
in den meisten Fällen der Mühe überhoben, 
in fünf verschiedenen alphabetischen Katalogen 
Umschau zu halten. Es lagen nämlich vor: 
ein oder vielmehr drei Bandkataloge (d. h. ein 
Katalog mit 3 Alphabeten) für die Erwerbungen 
bis 1870, ein Zettelkatalog für den Zuwachs 
seit 1870 und endlich daneben noch ein Kata¬ 
log der bereits Ende des XVIII. Jahrhunderts 
in den Besitz der Bibliothek gelangten Bücher¬ 
sammlung des münsterischen Domdechanten 
Franz Egon von Fürstenberg (f 1761). Noch 
jetzt leistet jenes Repertorium, das unter Stän¬ 
ders Nachfolger Dr. Rudolf Prinz (seit 1882) 
zu Ende geführt wurde, seine Dienste. Es er¬ 
füllte aber lediglich die Bestimmung einer 
leichten Auffindung der Signatur eines Buches; 
über Bändezahl, Auflage, Druckort und Jahr 
gibt es keine Auskunft. Deshalb machte sich 
daneben das Bedürfnis eines genauen Ver¬ 
zeichnisses für den gesamten Bibliotheksbestand 
immermehr geltend. Es war freudig zu be¬ 
grüßen, daß man den schwerwiegenden Ent- 
schluß faßte, nicht mit dem vorhandenen Material 
weiter zu experimentieren, sondern eine voll- 
z f. B. 1907/1908. 


1 

ständige Neukatalogisierung der ganzen Biblio¬ 
thek in Angriff zu nehmen. Dieselbe wurde 
am 1. Januar 1886 unter Zuziehung zahlreicher 
Hülfskräfte begonnen, unter Prinz’ Nachfolger, 
dem gegenwärtigen Hallenser Bibliotheksdirektor 
Dr. Karl Gerhard, dessen umsichtiger Leitung 
sich die Paulina nur drei Jahre (1888—91) er¬ 
freute, energisch weitergefördert und unter dem 
jetzigen Direktor Dr. Karl Molitor (seit 1891) 
beendigt. Eine systematische Neuaufstellung der 
gesamten Büchermassen nach der Folge der 
Signaturen, die Schaffung eines größeren Lese¬ 
zimmers mit einer den dringendsten Bedürf¬ 
nissen genügenden Handbibliothek, die Er¬ 
wirkung mehrerer Extrafonds für besonders 
aufbesserungsbedürftige Abteilungen der Biblio¬ 
thek bedeuteten große Verdienste Molitors um 
das Institut. Als Herbst 1902 die Akademie 
durch Angliederung einer juristisch-staatswissen¬ 
schaftlichen Fakultät wieder zur Universität 
erhoben und der vorhandene, längst veraltete 
Bestand an rechtswissenschaftlicher Literatur 
in kürzester Frist zu einem brauchbaren Rüst¬ 
zeug der neuen Fakultät ausgebaut war, — 
als infolge der selbst hochgespannte Erwartungen 

17 














130 


Bömer, Die Königliche Universitätsbibliothek zu Münster i. W. 


übertreffenden Zunahme der Studentenzahl die 
Benutzung der Bibliothek sich über das doppelte 
hinaus steigerte und selbst das kurz vorher 
durch einen Umbau der Geschäftsräume ge¬ 
schaffene Lesezimmer, trotzdem es eine be¬ 
trächtliche Zahl von Arbeitsplätzen bot, sich als 
unzureichend erwies, von den Bücherräumen 
ganz zu schweigen, — da konnte nur durch 
einen Neubau Abhülfe geschaffen werden. Er 
wurde im Herbst 1904 begonnen und in der 
kurzen Zeit von nicht ganz zwei Jahren seiner 
Vollendung entgegengeführt. 

Das neue Gebäude erhebt sich amBispinghofe, 
nicht weit von derUniversität,in einheitlichen, dem 
Gesamtcharakter der altmünsterischen Profan¬ 
bauten verständnisvoll angepaßten Formen der 
deutschen Spätrenaissance. Die Anlage, Putz¬ 
bau mit Sandsteinumrahmungen und Rustikaerd¬ 
geschoß, ist in zwei Hauptteile scharf gegliedert: 
Verwaltungsgebäude und Büchermagazin. Das 
Verwaltungsgebäude kehrt der Straße seine 
Längsseite (35 m), das gleich lange Magazin 
die Giebelseite zu. Die beiden Teile stoßen 
jedoch nicht unmittelbar an einander, sondern 
werden durch einen niedrigeren Zwischenbau 
verbunden, in dem eine Steintreppe vom 
Hauptportal über einen geräumigen Vorflur zu 
dem im ersten Stock gelegenen Ausleiheraum 
führt. Im Verwaltungsgebäude sind wiederum 
zwei Hauptteile von außen deutlich erkennbar: 
eine dreistöckige Vorderhälfte nach der Straße 
zu und eine die vordere weit überragende hintere 
Hälfte mit nur zwei, aber um so höheren 
Stockwerken. In der Vorderhälfte ist ein be¬ 
sonderer Aufgang für die Beamten vorgesehen. 
Unten liegen hier links von der Treppe ein 
Packraum mit elektrischem Aufzug und die 
Dienerwohnung, rechts ein Reserve-Arbeitsraum; 
im Zwischengeschoß links ein großer Raum für 
Dissertationen, Programme und dergleichen, 
rechts dasBuchbinderzimmer; im oberen, höheren 
Stockwerk . rechts das Zimmer des Direktors, 
links, bis an die Bücherausgabe reichend, 
ein großer Arbeitssaal mit 8 bis 9 Plätzen. 
Hier sind auch die Kataloge untergebracht: 
Lipmansche Kasten mit einem Verschluß aus 
Metallstäben, die ein unbefugtes Herausnehmen 
der Zettel verhindern sollen. Das untere Stock¬ 
werk der Rückseite des Verwaltungsgebäudes 
nehmen ein: ein als Hörsaal gedachter Raum, 
ein Arbeitszimmer und ein großer Saal für 


Folio Maximo-Bände, Handschriften, Inkunabeln, 
Libri rari und sonstige Kostbarkeiten. Einige 
besonders wertvolle Stücke sind in eisernen 
Schaukästen zur Besichtigung ausgestellt. Über 
das ganze obere Stockwerk hin dehnt sich ein 
hoher prächtiger, mit Galerie versehener Lese¬ 
saal aus, von dem ein kleiner Teil durch eine 
Gestellwand als Zeitschriftenlesezimmer mit 24 
Sitzplätzen abgetrennt ist. Der große Raum 
hat an sechs langen, nur an einer Seite be¬ 
setzten und einem kleineren, den Damen reser¬ 
vierten Tisch 54 Arbeitsplätze. Die Repositorien 
ringsum können eine I Iandbibliothek von 
etwa 10000 Bänden aufnehmen. Den Dozenten 
der Universität ist in einem kleinen niedrigeren 
Anbau ein besonderes Arbeitszimmer ein¬ 
geräumt. — 

Das Büchermagazin (33,38:10,00 m) vermag 
in sechs Geschossen von 2,38 m Höhe un¬ 
gefähr 275000 Bände zu fassen. In jedem Ge¬ 
schoß sind 16 Doppelreihen Lipmanscher Ge¬ 
stelle untergebracht. Die Einzelreihe wird von 
8, je 1 m breiten Gestellen gebildet. Die 
Achsenweite zwischen den Gestellen beträgt 
1,85 m. Das Magazin ist ebenso wie das Ver¬ 
waltungsgebäude mit elektrischem Licht und 
Zentralheizung ausgestattet. Zur Bücherbeför¬ 
derung sind die sechs Geschosse durch einen 
elektrischen Aufzug miteinander verbunden. 

Die Übersiedelung der Bibliothek in den Neu¬ 
bau begann am 27. August. Zur Hilfeleistung 
waren 18 Soldaten zugezogen. Die Bücher¬ 
massen für das Magazin wurden in 17 Arbeits¬ 
tagen herübergeschafft. Da das neue Gebäude 
vom alten nur etwa 250 m entfernt liegt, 
konnte der Transport der Bücher durch den 
Garten des physikalischen Instituts unter leichter 
Überbrückung der Aa auf Schienen mit Loren 
erfolgen. Die Bücher wurden in vorn und oben 
offene, ein leichtes Ein- und Auspacken ermög¬ 
lichende Kasten von 1 m Länge (nach Heidel¬ 
berger Muster) gepackt, die in den meisten Fällen 
von einem Mann auf der Schulter bequem zu 
und von den Loren getragen werden konnten. 
Eine Lore nahm in der Regel sechs solcher 
Kasten auf. Die Herbeischaffung des übrigen 
Besitzes der Bibliothek und die Einrichtung im 
Neubau war anfangs Oktober im wesentlichen 
beendigt. Am 3. November 1906 wurde die 
Eröffnung des Gebäudes in Gegenwart des 
Herrn Unterrichtsministers festlich begangen. 



Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


131 


Die Bibliothek zählte am 1. Oktober rund 
155 000 Buchbinderbände (einschließlich der be¬ 
sonders aufgestellten 893 Handschriften, 686 
Inkunabeln und 710 Libri rari), dazu etwa 
130000 Universitäts- und Schulschriften, 1700 
„kleine Schriften“ und 6500 Dubletten. Wenn 
sie auch an Bändezahl unter den Universitäts¬ 
bibliotheken Preußens an letzter Stelle steht, 
so übertrifft sie doch in dem gegenwärtigen 
Betriebe eine ganze Reihe von ihnen, sowohl 
was die Anschaffung von Büchern betrifft — 
hier fällt der reiche juristische Extrafond be¬ 
sonders ins Gewicht —, als auch was die Be¬ 
nutzung ihrer Werke angeht. Im Jahre 1905/6 


wurden, ohne die für den Lesesaal bestellten 
Werke, am Ort über 32000, nach auswärts 
etwa 2500 Bände ausgeliehen. Die Lücken 
ihres eigenen Bestands ergänzt die Bibliothek 
in einem regelmäßigen Leihverkehr mit der 
Königlichen Bibliothek zu Berlin und den Uni¬ 
versitätsbibliotheken Bonn und Göttingen. An 
Zahl der von auswärts bezogenen Bücher iiber- 
traf sie im Jahre 1904/5 mit rund 2550 Bänden 
alle preußischen Universitätsbibliotheken. 

Möge sie in ihrem neuen Heim weiter 
wachsen und blühen und allzeit eine treue 
Hüterin der ihr anvertrauten Schätze des 
Geistes sein! — 


6 


4 


Beiträge zur Grabbe-Forschung. 


Von 


Dr. Arnulf Perger in Wien. 

I. Aus Grabbes Wanderzeit. 



larz 1823 brach Grabbe seine ohnehin 
stark vernachlässigten rechtswissenschaft¬ 
lichen Studien ab und verließ Berlin. 
Die juristische Laufbahn schien ihm 
nicht mehr begehrenswert, sein sehnlichster 
Wunsch war, Schauspieler zu werden. „Den stud. 
jur. könnt Ihr weglassen“, meint er bezüglich 
seiner Adresse in einem Brief an die Eltern (April 
1823). Nun begann für ihn eine bewegte, zwar 
kurze, aber enttäuschungsreiche Wanderperiode. 
Nach einem gescheiterten Versuch in Leipzig 
wandte er sich an Tieck, der ihn nach Dresden 
kommen ließ. Aber Tieck erschrak beim Anblick 
des seltsamen, vernachlässigt aussehenden jungen 
Mannes, der sich ihm als Schauspieler empfohlen, 
ja sein Talent in den leuchtendsten Farben dar¬ 
gestellt hatte (Brief vom 18. 3. 1823) und seinem 
Aussehen und Gehaben nach sich doch ganz und 
gar nicht dazu eignete. Wohl scheint Grabbe nach 
einer Erzählung Zieglers 1 Pathos und Begeisterung 
gehabt zu haben; auch Duller 2 berichtet, daß der 
General Superintendent Werth, vom Rednertalent des 
jungen Grabbe überrascht, ihm die theologische 
Laufbahn anempfohlen habe, aber sonst besaß der 
Dichter nicht die geringste schauspielerische Anlage. 


Tieck begegnete ihm mit großem Wohlwollen, sorgte 
auch für eine angemessene Unterstützung; aus der 
erhofften Anstellung wurde aber nichts. Doch 
Grabbe ließ sich seinen guten Glauben nicht 
nehmen und suchte, nach Braunschweig und Han¬ 
nover reisend — sogar nach Bremen will er ge¬ 
kommen sein (Brief an Kettembeil vom 4. 5. 1827) 
— persönlich mit den dortigen Bühnen Verbindungen 
anzuknüpfen. Aus dieser Zeit liegen uns vier bis¬ 
her unveröffentlichte Briefe Grabbes an seinen 
Berliner Freund Gustorf 3 vor. Die ersten drei 
aus Dresden fallen unmittelbar in diese Periode, 
der vierte aus Detmold ist etwas später geschrie¬ 
ben, als der Dichter wohl oder übel sich ent¬ 
schließen mußte, seine juristischen Studien wieder 
aufzunehmen. 

Ludwig Christian Gustorf wohl der beste 
Freund Grabbes aus dem Berliner Kreise, wurde 
1798 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Des 
früh verwaisten Knaben nahm sich ein Verwandter 
an und ließ ihn in Münster die Lateinschule besuchen. 
1814 diente er in den Freiheitskriegen in der 
deutschen Legion unter Graf Wallmoden, 1815 
begann er Medizin zu studieren, erst in Göttingen, 
wo er Heine und Köchy 4 kennen lernte, dann in 


1 Ziegler, „Grabbes Leben und Charakter“. Hamburg 1855. S. 19. 

2 „Grabbes Leben“ von Ed. Duller. Düsseldorf 1838. S. 15. 

3 Im Besitz der Familie von Gustorf in Berlin, die mir die Briefe freundlichst zur Verfügung stellte und der ich 
auch sonst biographische Daten über Ludwig Gustorf verdanke. 

4 Später Theaterdichter und Intendant in Braunschweig, Studiengenosse Grabbes in Berlin. 








132 


Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


Berlin. Hier kam er, später auch Grabbe, in den 
abenteuerlichen Kreis junger „Genies“, von dem 
uns Laube und andere berichten. 1825 unterzog 
sich Gustorf dem preußischen Doktorexamen — 
in Göttingen hatte er schon 1818 das Doktor¬ 
diplom erworben — und ließ sich als Arzt dauernd 
in Berlin nieder. Er starb daselbst 1888 als Ge¬ 
heimer Medizinalrat. Gustorf wird als resolute, 
sehr witzige Natur geschildert, die große Menschen¬ 
kenntnis besaß. Grabbe bezeichnet sein Erzählen 
und Kommentieren als eine seiner Hauptforcen. 
Außer medizinischen Arbeiten schrieb er literar¬ 
ische Aufsätze, 1 ohne jedoch dichterisch produktiv 
zu sein. 

Der erste Brief — undatiert — ist ungefähr 
Mitte April 1823 geschrieben worden. 

An 

den glücklichen Dr Gustorf 
in 

D. Güte. Berlin. 

O Gustorf! 

Dein Schlafrock? Ist er todt? — Wohne: große Schie߬ 
gasse, nro 719. — Grüße Händrich, 2 3 4 5 Gründler ,3 Köchy, 
Uchtriz 4 -— alle, alle. — Teufel, hier fällt mir ein, daß 
ich meinen Brief an Köchy auf verdammt lapperige Papier¬ 
streifen geschrieben und ihn nicht um Entschuldigg ge¬ 
beten habe, thu Du es für mich! — In Dresden sind: er¬ 
trägliche Bäcker, schlechte Conditoren, gute Speisewirthe, 
hohe Häuser, dumpfe Stuben, und der zehnte Mensch hat 
krumme Beine. 5 Trete noch lange nicht auf, halte mich 
von den Schauspielern fern und habe Freibillets im Theater 
und vollkommene Unterstützg. — Habe in nro 41 oder 42 
des Merkurs, 6 7 unten auf der Seite, dem L. Pußkuchen 
einen Wischer gegeben, — wenn Du das Blatt bei Steheli 7 
herausreißen, und mir zuschicken könntest, so thätest Du 
mir einen Gefallen, — hier geht es nicht. — Bitte, sag 
Händricb, daß ich ihm in nächster Woche schreiben würde. 


— O Charlottenburg! — In diesem Momente tritt ein langer 
Landsmann 8 * von mir in die Stube und 
(Habe kein Papier!) ich bin 

Du weist es schon (Nächsten Dienstag 
schreibe ich an Borch 9 .) 

(Schreibe in Adressen) 

(NB. Eben erhalte ich einen Brief von Köchy, den ich 
sofort beantworten würde, wenn ich nicht fürchtete, daß 

Köchy schon fort wäre. Schreib mir doch darüber. Heil 

der lieblichen Kosamunde 10 * — sie wird Brühl“ schon wg 
ihr Weiblichkeit gefallen — Antworte mir doch sogleich! 
hörst Du! — Sollte Köchy noch da seyn, so sag ihm, er 
müßte über Dresden kommen und bei mir logiren — Gut 

Als Umschlag des Briefes diente ein Blatt, auf 
das Grabbe die Szenenbeschreibung des II. Auf¬ 
zugs 1. Szene aus „Nannette und Maria“ ge¬ 

schrieben hatte. 

Mit dem „Wischer“, den Grabbe Pustkuchen 
gab, hat es folgende Bewandtnis. Friedrich 

Gleich 12 hatte im „Merkur“ vom 31. März 1823 
unter dem Titel „Briefliche Mitteilungen“ einen 
Bericht über Leipziger Angelegenheiten und Neuig¬ 
keiten gebracht. Schließlich wandte er sich gegen 
eine Neuausgabe der Jugendgedichte Pustkuchens 
und warf nebenbei die Frage auf, ob dieser Fried¬ 
rich Pustkuchen der „falsche Wanderjahrmacher“ 
und „große Goethezurechtweiser“ mit einem Lud¬ 
wig gleichen Namens, welcher einen Novellen¬ 
schatz der Deutschen“ ,J herausgegeben, ohne die 
Autoren, deren Werke er abdrucke, zu nennen, 
vielleicht identisch oder verwandt sei. Der Name 
Pustkuchen habe für jeden Deutschen, dem es 
nicht gleichgültig sei, ob einer der ersten Dichter 
der Nation gelästert werde, so viel Interesse, daß 
man gewiß gern alles Pustkuchensche Treiben 


1 Erwähnenswert ist sein Artikel in Fr. Kinds „Muse“ (Monatsschrift für Freunde der Poesie und der mit ihr ver- 
schwdsterten Künste, Leipzig 1821—22) September 1822 III.: „Beurtheilung der Berliner Bühne“. Das ernste Drama 
dürfe nicht durch Oper und Posse verdrängt werden, meint er unter anderm, Schiller, Goethe und Ohlenschläger seien 
besonders zu pflegen. Die Op^er nennt er noch nicht vollkommen, da die Musik mit dem Stoff nicht eins sei. Der 
Komponist müsse zugleich Dichter sein, oder der Dichter im ununterbrochenen Verständnis mit dem Komponisten den 
Stoff erfinden. Eine heute sehr an Wagner gemahnende Anschauung. 

2 Wahrscheinlich Hendricks, ein Niederländer, studierte in Berlin Medizin, später wurde er Leibarzt Wilhelm III. 
der Niederlande. Er und die folgenden Genannten sind Freunde, teilweise Studiengenossen des Dichters. 

3 Jurist; starb als Geheimer Regierungsrat. 

4 Jurist und Dichter. Verfasser des von vielen Zeitgenossen, auch von Goethe (s. Holteis Erzählung in der „Garten¬ 
laube“ Jahrgang 1868 Nr. 6) und Grillparzer (Brief von A. v. Maltitz an Uechtritz vom 23. I. 1827 im Archiv der 
Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz, vom Sekretär Dr. Jecht freundlichst zur Verfügung gestellt: 
„Von Alexander sprach er [Grillparzer] mit Bewunderung und fragte mich sehr über den Dichter aus.“) überschätzten 
Dramas „Alexander und Darius“ 1825. Von bleibender Bedeutung sind seine „Blicke in das Düsseldorfer Kunst- und 
Künstlerleben“. Düsseldorf 1839—41. 

5 Ganz ähnlich im Brief an die Eltern vom 21. 5. 1823. 

6 Merkur, Mitteilungen aus Vorräten der Heimat und der Fremde für Wissenschaft, Kunst und Leben, heraus¬ 
gegeben von Ferd. Philipp!, im Verlag von P. G. Hilscher in Dresden 1820—31. 

7 Konditorei in der Charlottenstraße, Treffpunkt vieler Literaten und Künstler. 

8 Vielleicht Althof (s. Brief an die Eltern April 1823). — 9 Studiengenosse des Dichters. 

10 Ungedrucktes Drama Köchys, in Braunschweig aufgeführt. 

11 Generalintendant der königlichen Schauspiele in Berlin. 

12 Leipziger Theaterdichter und Schriftsteller: derselbe, über den sich Grabbe in „Scherz, Satire, Ironie und tiefere 
Bedeutung (III. Aufzug I. Szene) lustig machte. 

1 3 Ludwig Pustkuchen, „Novellenschatz des Deutschen Volkes.“ Mit einem Vorwort vom Verfasser von Wilhelm 
Meisters Wanderjahren. 3 Teile. Quedlinburg 1822/23. 






Zeitschrift für Bücherfreunde XI. 


Zu Berger: Ans Grnbbcs IZanderzeit. 


Karikatur von Herbert König auf Grabbe. 

















Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschurig. 


133 


kennen lerne. Unter dem Titel „Biographische 
Notiz“ beantwortete nun Grabbe im „Merkur“ 
vom 7. April diese Frage in einer die Brüder 
Pustkuchen offenbar verletzenden Weise: „Ich 
habe das Vergnügen, dem Herrn Fr. Gleich auf 
seine Anfrage in Nr. 39 des Merkurs zu mel¬ 
den, daß der Herausgeber des Novellenschatzes 
des deutschen Volkes, Herr Ludwig Pust¬ 
kuchen, angesessener Krämer und Branntwein¬ 
schenk in Detmold und Bruder des Verfassers 
der falschen Wanderjahre ist. Grabbe.“ Aber 
Pustkuchen reagierte gar nicht auf Grabbes An¬ 
griff, er suchte im Gegenteil seinen Landsmann 
auf seine Seite zu ziehn und ihn zur Mitarbeiter¬ 
schaft an der Zeitschrift „Westphalia“, deren Re¬ 
dakteur er war, zu gewinnen, und Grabbe kam 
die Verbindung mit diesem immerhin einflubreichen 
Schriftsteller schließlich sehr gelegen. Er macht 
sich zwar insgeheim über seine pietistische Ge¬ 
sinnung lustig (Brief an Kettembeil vom 16. 3. 
1828 und anderorts), beschließt aber dennoch, 
ihn zum „trommeln“ zu benutzen (Brief an Kettem¬ 
beil vom 12. 8. 1827). Man sieht, daß Grabbe 
in der Wahl der Mittel, seinen Ruhm zu ver¬ 
mehren, nicht wählerisch war (vergl. die Stelle 
im Brief an Kettembeil vom 13. 1. 1828 in Grise- 
bachs Grabbeausgabe Band IV, 251, 2. Zeile von 
unten). Er kommt auch selbst Pustkuchen ent¬ 
gegen und erwähnt in seiner „Shakespearo-Manie“ 
(Grisebach I, 443) beistimmend dessen Ansicht, 1 daß 
die Romantiker im Gefühl ihrer eigenen Schwäche 
Goethe zum Meister erkoren, als aber dessen 
Talent sich hierzu nicht eignete, Shakespeare dazu 
erhoben hätten. Pustkuchen wiederum packte Grabbe 
bei seiner Eitelkeit. Er fand Tiecks Lob, den 
„Gothland“ betreffend zu gering (Brief an Kettem¬ 
beil vom 13. 1. 1828) und nannte Grabbe klüger 
als Goethe, weil er im „Gothland“ in Berdoa den 
Teufel nicht unter wahren Namen auftreten ließ. 
Pustkuchen zog Grabbe ganz in seine antigoethische 
Richtung. Fortan vertritt der Dichter über Goethe 
dieselben Ansichten wie er, ja verwendet oft die¬ 
selben Gedanken; so sind z. B. die in der ersten 
Fassung von „Aschenbrödel“ gegen Goethe ge¬ 
richteten Angriffe ein bloßer Extrakt der von 
Pustkuchen in den,,Wanderjahren“ ausgesprochenen 
Anschauung. Auch mit dem einst verachteten 


„Krämer und Branntweinschenken“ Ludwig Pust¬ 
kuchen knüpfte Grabbe später Beziehungen an. 
Denn nach einer vom 29. 8. 1828 datierten 
Bücheranzeige L. Pustkuchens in den Fürstlich 
Lippischen Intelligenzblättern übernahm der Dich¬ 
ter Bestellungen für die L. Pustkuchensche Leih¬ 
bibliothek. 2 Der zweite 3 * 5 Dresdner Brief Grabbes 
an Gustorf — ebenfalls undatiert — ist etwa 
acht Tage nach dem ersten, ungefähr am 22. April 
geschrieben. Er lautet: 

Allervortrefflichster Gustorf! 

Ich schließe, daß Du jetzt mit Köchy auf Eine Stube 
gezogen bist, und Deine Briefe setzen mich in Ekstase. 
Wie freut es mich, daß Du aus der Klemme bist. Hinter 
der Mauerstraße No. 224 war’s doch eine curiose, herz¬ 
drückende Zeit. — Was Du mir in Deinem letzten Briefe 
über mein Verhältnis zu Tiek schreibst, ist ganz richtig, 
Uechtriz und Iiändrich sind in die Extreme gerathen; übri¬ 
gens geht es mir hier in Dresden noch so, wie im Anfänge 
bei Euch, — ich stehe und halte mich im Hintergründe, — 
kommt tempus, kommt Grabbe. — Was mein Auftreten 
betrifft, so hat das Weile, — Hr von Könneritz 5 behandelt 
mich mit ausnehmenden Wohlwollen, — ich erhalte Geld 
und alles, —- weiter wird aber unter 6 Wochen nichts ge¬ 
schehen ; — vielleicht spiele ich zuerst irgend eine kleine 

Rolle im Teil. 6 -Habe nun viele von Uechtriz Bekannten 

und Bekanntinnen kennen gelernt, wie z. B. die Hofsecre- 
tairinn Ernst, 7 welche mir nicht sehr imponirte. — Wo 
befindet sich Heine? ■— Was den A. Mahlmann 8 angeht, 
so habe ich ihn bis dato noch nicht besucht: I.) weil ich 
nicht wußte, ob mein Brief bei ihm angekommen war, 
2.) weil ich mir nicht den gehörigen Anzug verschaffen 
konnte, 3.) weil in dem Augenblick, wo ich mir denselb 
verschafft hatte, die Berufung nach Dresden ankam, und 
diese mit dem Verwaltergeschäfte in einem zu directen 
Widerspruche stand, als daß ich ohne eine näheren Rath 
von Euch einen Schritt hätte wagen dürfen, und 5.) weil 
ich stündlich erbötig bin auf einen Wink nach Leipzig mit 
der Eilpost (welche den Weg in 1 * 9 / 2 Tage zurücklegt) zu 
reisen und mich ihm vorzustellen. — Meine Ansicht über 
die Sache ist bis dato dieselbe: ich betrachte sie als ein 
Reservecorps, welches am Ende mehr Dienste als die 
Hauptarmee leisten kann; übrigens schlage ich vor, daß 
man rascher zur Werke geht, — ich trete erst in 6 Wochen 
auf und lebe vielleicht gar bloß als Schriftsteller. — Ich 
dachte an Euren Unwillen, sonst würde ich schon längst 
von Mahlmann 200 Thlr. oder einen Esel erhalten haben. — 
Ich bin in tausend Hinsicht ein rechter Antidresdener. — 
Neulich war ich seit vier Jahren wieder zum erstenmal in der 
katholischen Kirche, 9 und ich fühlte fast bis zu Thränen, 
wie sehr mir ein inniger Glaube Noth thut. — 

Stets 

Dein Freund 

Chr. Grabbe. 

(Schreib bald!!) Grüße Robert. 10 


1 „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von Friedrich Pustkuchen. Quedlinburg 1821/22. I. 233. 

2 Arthur Ploch, „Grabbes Stellung in der deutschen Literatur“. Leipzig 1905, Anh. I. 195. 

3 Zwischen den ersten und zweiten Brief Grabbes fallen einige verloren gegangene Briefe Gustorfs an Grabbe. 
Daß es nicht die von Blumenthal (IV. 632 ff) veröffentlichten Briefe vom 24. und 27. April sind, geht aus dem Inhalt 

dieser und des uns vorliegenden zweiten Briefes an Gustorf hervor. — 4 Ecke der Taubenstraße, Quartier Gustorfs. 

5 Hoftheaterintendant in Dresden. — 6 l m Dresdner Hoftheater damals recht häufig aufgeführt. Vergl. Gründlers 

Brief Ende April 1823. Blumenthal IV. 633. — 7 Schwester der Gebrüder Schlegel. 

8 Die folgende Stelle ist nicht aufgeklärt. Mit Mahlmann ist jedenfalls der Schriftsteller Siegfried August Mahl¬ 

mann gemeint, Redakteur der „Zeitung für die elegante Welt“, seit 1821 Direktor der erneuerten Leipziger ökonomischen 
Sozietät. Wahrscheinlich wollte ihn Grabbe in dieser Eigenschaft wegen des „Verwaltergeschäftes“ sprechen. 

9 Siehe Brief an die Eltern vom 21. 5. 1823. 

10 Studiengenosse Grabbes, Freund von Uechtritz, mit dem ihn ein tiefes religiöses Gefühl verband. Starb als 
Justizrat 1856. Sein Großvater war der Hofbildhauer Tassaert, den Friedrich der Große nach Berlin berufen hatte. 




134 


Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


Den dritten Brief an Gustorf schrieb der Dich¬ 
ter am 3. Juni 1823. Er bildet die Antwort auf 
Gustorfs Brief vom 27. 4. 1823 (Blumenthal, IV. 
633ff.) und lautet: 

Sr. Wohlgeboren 
dem Dr. med. Gustorf 
in 

Durch Einlage Berlin, 

(Leipziger Straße nro 39, bei Ma¬ 
dam Butzken, parterre) 

Gustorf! 0! Gustorf! 

Erstens schreibe ich Dir einen Brief auf Briefpapier, 
zweitens tadle ich Dich, dß Du so lange geschwiegen 
hast, da ich mich in dieser Plinsiclit mit meinen neuen Ver¬ 
hältnissen und dem Abschreiben meiner Stücke entschul¬ 
digen kann, drittens bitte ich Dich mir gleich nach Durch¬ 
lesung des Briefs zu antworten, viertens wohnt der Chou- 
lant, 1 wie ich höre, in Leipzig, fünftens bin ich aber auch 
zu faul gewesen, um in den Adreßkalender zu gucken, 
sechstens schreib mir, wie das Journal heißt, welches Deinen 
Aufsatz erhalten sollte, und siebentens schicke ich ihn Dir 
gleich auf Deine nächste Antwort, zum Dank für dieselbe. 

Neulich erhält Tieck, während ich just da bin, plötzlich 
ein Paquet von Berlin mit Heines sämmtlichen Werken, ohne 
ein Begleitungsschreiben; Tags darauf sagte Tieck, daß sich 
in den Gedichten etwas erlebtes zeige, aber die Tragödien 
gefielen ihm nicht. — Auch traf ich neulich den Brandiot I 2 * * * 
und gab mich ihm aus Spaß zu erkennen; er will mir 
schwerlich schaden; an den Gerüchten des vorigen Winters 
ist nichts wahres. — Wittwe Butzken ? Die ist entweder 
sehr dick oder sehr hager, und noch dazu Original. 
Mauerstraße: Du, der Oeconom ,3 Köchy, vier Bafsteaks, 
vier Champagnerflaschen und ich, gegenüber zwei hungrige 
Gelehrte, die nicht illuminirt hatten, nebenan das Gestöhne 
der ein Kind auskotzenden Wirthstochter u. s. w. — Sag’ 
Robert, daß ich fest bin und bleibe, unerschütterlich fest; 
er möchte, in Deinem nächsten Briefe einige Worte mit¬ 
schreiben. — Was macht Grimm ?4 Grüß’ ihn doch von 
mir. — Die Stich 5 ist ja wieder aufgetreten; sie war die 
klügste von allen drei Betheiligten. — Ich wohne auch bei 
’ner Wittwe, die ehemals eine Fraunsperson gewesen zu seyn 
scheint, und fast wie mein Teufel 6 mitten im Sommer 
noch immer einheitzen läßt; sie heißt Loose und trägt 
eine grüne Perücke. — Hat Köchy an Euch geschrieben? 
Wo steckt der Oeconom ? — Wie ich hier stehe, wie ich 
mich gemacht habe, ist curios; doch jetzo ist’s mein fester 


Wille, mich allen mehr und mehr zu nähern; eigentlich 
werde ich zu human behandelt; aber was man von mir 
denkt, weiß ich nur so halb und halb. Rath' einmal! 
Schreib’ mir’s! — Bleib’ in Berlin; vielleicht besuche ich 
Dich einmal. — Wohnst Du hinten oder vorn heraus ? — 
Ich glaube zu wissen, wes wegen Du mich in verschiedenen 
Schimmern 7 siehst. — Tieck nennt mein sentimentales 
Thier 8 9 10 II allerliebst, obgleich er auch Manches daran aussetzt; 
er gesteht mir, daß man mich darin nicht wieder erkenne. 
— Hast Du Geld genug? Geh bisweilen um meinetwillen 
in den Don Juan und lies die Abentheuer des Barbier 
Schnaps. 9 Es ist eins der ersten und wahrsten Werke in der 
Welt. — Wenn Du mir nicht sogleich antwortest, und viele 
Witze und Facta erzählst, so werde ich wahnsinnig; Com- 
mentiren ist einer Deiner Hauptforcen. — Mir fehlt Jemand 
wie Du. — Der Zuschauer *° mit seiner Abtrittsbrille ist ja 
eingegangen! Was macht der vortreffliche Symansky nun? 
Ob er noch Freibillets erhält. — Ich beneide euch um die 
Sommergenüsse im Charlottenburger Theater, besonders 
wenn ihr Mädtchcn mitgenommen habt. — Was macht Dein 
Zahn?” Meine sind auch wacklich und wollen auch aus- 
fallen. Wie heißt der Titel von Heines Tragödien? Ich 
mochte Tieck nicht darum fragen. — Schreib! 

Dein Adresse 

Große Schießgcr 719 

Dresden den 3 Ju[ni] 12 Grabbe. 

1S23 

Die letzte Briefstelle, welche Heine betrifft, 
zeigt, daß der Verkehr der beiden Dichter auch 
in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft durchaus 
kein naher war. Denn Heine erzählte Grabbe 
nicht einmal von seinen Tragödien, sodaß dieser 
erst nach ihrer Herausgabe bei Dümmler durch 
Gustorf (Brief vom 27.4.1823. Blumenthal IV. 633 ff.) 
von ihnen erfährt und dann auch noch nicht den 
Titel weiß. So verlangt nun der Dichter, der 
Tieck sein wahres Verhältnis zu Heine nicht mit- 
teilen will, sich aber bei einer eventuellen Be¬ 
sprechung der Tragödien in Tiecks Gesell¬ 
schaft bloßzustellen fürchtet, von Gustorf Aus¬ 
kunft. Damit fällt auch Plochs ,J Annahme, 
der in dem Namen des im Lustspiel vorkommen¬ 
den Dichters Rattengift, mit dem — was ja mög¬ 
lich ist — Heine gemeint sei, eine beabsichtigte 


I Robert hatte in dem von Blumenthal IV. 635 f veröffentlichten, etwa in das Ende des Aprils fallenden Brief an 
Grabbe geschrieben, daß ihn Gustorf (Gustav) bitte, zum Dr. Choulant wegen seines Aufsatzes zu gehen. Wahrscheinlich 
wollte Gustorf seinen, später in Gräfes und Walthers „Journal für Chirurgie und Augenheilkunde“ Jg. 1823 S. 510—18 
aufgenommenen Aufsatz „Beiträge zur Geschichte der Lithotomie vermittelst der Sectio recto-vesicalis“ durch Vermittlung 
Choulants, des Dresdner Arztes und Gelehrten, in einer medizinischen Zeitschrift veröffentlichen. 

2 Unbekannte Persönlichkeit. — 3 Köchys Bruder, später Ökonomierat in Braunschweig. 

4 Studiengenosse Gustorfs, später Leibarzt Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. 

5 Siehe Grabbes Brief an die Eltern vom 14. 2. 1823. Der Schauspieler Stich war vom Grafen Blücher, als er 

diesen bei seiner Frau überraschte, durch einen Dolchstich schwer verwundet worden. Dieser Liebeshandel w'urde Augusta 

.Stich allgemein sehr verübelt, und sie hatte bei ihrem ersten Wiederauftreten am 8. Mai 1823 arg mit der Mißgunst des 
Publikums zu kämpfen. — 6 7 In seinem Lustspiel „Scherz, Satire . .“ I. 3. 

7 Siehe den Schluß von Gustorfs Brief vom 27. 4. 1823. Blumenthal IV. 635. 

8 „Nannette und Maria“. Vgl. Brief vom 18. 3. 1823, worin er Tieck die baldige Übersendung dieses Dramas anzeigt 

9 „Abenteuer und Fahrten Sebastian Schnaps, Bürgers und Barbiers. Leipzig, Kummer 1798. [Anonym; Verfasser 
ist Chr. Aug. Vulpius]. 

10 „Der Zuschauer, Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung“ herausgegeben von J. D. Symansky bei Trautwein, 
Berlin 1821—23 (Nr. I—33); dann verboten. 

II Gustorfs Brief vom 27. 4. 1823. Blumenthal IV. 633 ff. über seine Operation beim Zahnarzt Werther, richtig 
Werth, der schräg gegenüber von Grabbe in der Friedrichstraße wohnte. 

12 Der folgende Schnörkel ist wohl nicht als 1 (also Juli) zu lesen, da u. a. auch aus den Briefen Grabbes vom 
15. 6. und 26. 7. 1823 klar hervorgeht, daß er schon in der zweiten Hälfte des Juni Dresden verließ. — x 3 A. a. 0 . 21. 






Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


135 


Ähnlichkeit mit dem Titelwort „Ratcliff“ sieht. 
Heines Erzählung von seinen Berliner Freunden 
in der Vorrede zur dritten Auflage des „Ratcliff 4 , 
entspricht nicht den Tatsachen. Sonst berichtet 
Grabbe ohne jeden Zusatz Tiecks Urteil über die 
ersten Werke Heines, und fragt im zweiten Brief nach 
dessen Aufenthaltsort. — Die keineswegs freund¬ 
schaftlichen Beziehungen des Berliner Freundes¬ 
kreises zu Heine möge folgendes Brieffragment 1 
Gustorfs an Uechtritz vom 12. 5. 1829 illustrieren. — 

Aus der eigentümlichen Erwähnung des Mo- 
zartschen „Don Juan“ kann man schließen, daß 
sich der Dichter schon damals mit dem Plan zu 
einem Don Juandrama beschäftigte, wie er einige 
Monate später an Tieck schreibt, daß die Idee 
zu einem Faust, der mit Don Juan zusammen¬ 
träfe, sich in seinem Kopf immer mehr entwickele 
(Brief vom 29. 8. 1823). Somit gewänne die Er¬ 
zählung Jemanns, 2 Grabbe habe ihm damals 
in Leipzig größere Partien aus „Don Juan und 
Faust“ vorgelesen, an Wahrscheinlichkeit, zumal 
es sich, wie aus der Erzählung hervorgeht, um den 
ersten Entwurf handelt. 

In allen drei Briefen berichtet Grabbe über 
seine neuen Verhältnisse, vermeidet aber von 
seinem Mißerfolg bei Tieck zu sprechen. Ja, er 
sucht im Gegenteil den Anschein zu erwecken, 
als sei sein Auftreten als Schauspieler vorderhand 
aus irgend welchen Gründen nicht möglich, wäh¬ 
rend er doch Tiecks Ansicht über sein Schau¬ 
spielertalent schon nach der ersten Probe kannte. 
Zugleich betont er immer, wie man für ihn sorge, 
und welche Unterstützung er genieße, wohl um 
anzudeuten, daß er eine sofortige Anstellung gar 
nicht nötig habe. „Trete noch lange nicht auf, 
halte mich von den Schauspielern fern ,'“ schreibt 
er im ersten Brief, fügt aber sofort hinzu: „habe 
Freibillets im Theater und vollkommene Unter- 
stützg.“ Ähnlich im Brief an die Eltern April 
1823. Die Furcht Grabbes, mit den Schauspielern 
in Berührung zu kommen, ist für ihn charakteri¬ 


stisch. In Düsseldorf machte er einmal (im Brief 
vom 24. 2. 1835) Immermann den Antrag, ihn 
beim Einstudieren der Rollen durch Vorlesen be¬ 
hilflich zu sein, erklärt aber, mit den Schauspielern 
in keine Berührung kommen zu wollen. Wahr¬ 
scheinlich war er sich schon in Dresden seines 
linkischen und ungewandten Benehmens bewußt 
und fürchtete — gar noch, wenn er seinen Plan, 
Schauspieler zu werden, kundgäbe — ausgelacht 
zu werden. Auch im zweiten Brief verdeckt Grabbe 
den ganzen Sachverhalt. Er tut so, als ob er 
sich absichtlich im Hintergrund hielte, und meint, 
daß seine Zeit schon kommen werde. Endlich 
gesteht, er „lebe vielleicht gar bloß als Schrift¬ 
steller.“ Merkwürdig ist, daß seine Berliner Freunde, 
die seine Person ja genau kannten, an die Mög¬ 
lichkeit seines Auftretens als Schauspieler glaubten. 
Gründler meint, daß Grabbe wohl auch in be¬ 
deutenden Rollen auftreten werde, und Robert 
hofft, in Dresdener Zeitungen bald etwas von ihm 
zu lesen, erklärt aber übrigens, daß es schade 
wäre, wenn der Dichter am Theater seine Kräfte 
verschwende. Vielleicht wollte er ihm damit 
auch eine leise Andeutung geben, von seinen 
Schauspielerplänen abzulassen. Im dritten Brief 
schreibt Grabbe von seinen Aussichten einer An¬ 
stellung bereits nichts mehr. Natürlich gibt er 
sich wieder den Anschein, als ob er der Herr der 
Situation wäre; aber noch etwas anderes läßt sich 
aus seinen Worten erkennen. Er hat die Emp¬ 
findung, daß seine Freunde seine Lage in Dresden 
durchschaut hätten, und weiß nicht, was er ihnen 
darüber schreiben kann, ohne sich bloßzustellen. 
„ .. . eigentlich werde ich zu human behandelt; 
aber was man von mir denkt, weiß ich nur so 
halb und halb. Rath’ einmal! Schreib’ mir’s!“ 
Er möchte also wissen, was die Freunde über ihn 
dächten, ob sie sich nicht etwa über seinen langen, 
zwecklosen Aufenthalt in Dresden schon lustig 
machten. — Auch Kettembeil gegenüber hat 
Grabbe später seine weiteren Mißerfolge in Braun- 


1 Im Archiv der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz, deren Sekretär Dr. Jecht die Benutzung 
freundlichst gestattete. Der des Raumes wegen bruchstückweise wiedergegebene Brief lautet: 

In Eile. 

Wir wissen dß es Ihnen gut geht, u. freuen uns darüber von ganzem Herzen. Ob Robert sich mehr freut wie 
ich, bleibt zweifelhaft. 

Der am Herzen schwitzende (das Schwitzen ist der Prozeß der Verdunstung wodch Wärme weggeht), inclinirte Heyne, 
schleicht jetzt hier herum, mit einer geheuchelten Ruhe, Einfachheit u. relativ geringen Aufwand von Ungezogenheit 
der Sitten, als sei er das erste poetische Lied der Welt. Die Großen, die liebenswürdigen Frauen und die sogenannten 
geistreichen Familien, wetteifern keineswegs um den Besitz dieses Ritters, das kann ich auf Ehre versichern. Grabbe’s 
Faust u. Don Juan ist uns noch nicht zu Gesicht gekommen. Ein nach chablots denkender Freund von uns war vor 
8 Tagen außer sich; meynte diesmal sei Grabbe ein horno ascius. Rellstab aber schreyt: Hier grade sei Grabbe ein 
amphiscius. Wer da Rellstab’s Tragödien nicht kennt, den hält Herr Rellstab für ein temperamentum nullum. Grabbe’s 
Tragödie ward vorgestern in einer Abendgesellschaft beim farnesischen Stier vor u. ausgelesen; 


Und nun Herr von Ü. wünsche ich Ihnen die besten Stunden 
Berlin Ihr 

12/5 29. Dr. Gustorf 

2 Robert Prutz, „Deutsches Museum“. Leipzig 1852 II. 1. Heft 188—98. 







136 


Perger, Beiträge zur Grabbe-Forschung. 


schweig und Hannover zu verdecken gesucht. 
Man vergleiche die köstliche Schilderung im Brief 
vom 4. 5. 1827, dann auch den entstellenden, für 
Weiterverbreitung bestimmten Bericht über seinen 
Dresdener Aufenthalt (Brief an Kettembeil vom 
2. 12. 1827). 

Sehr niedergedrückt kam der Dichter in der 
letzten Augustwoche 1823 nach Detmold zurück 
und begann zuerst, seinen Schmerz zu betäuben, 
ein sehr wüstes Leben. Dann dachte er daran, 
zwecks einer späteren Staatsanstellung seine Ad¬ 
vokatursprüfung abzulegen und wandte sich an 
seine Freunde in Berlin mit der Bitte, ihm ein 
Abgangszeugnis von der Berliner Universität zu 
verschaffen. Um seiner Sache sicher zu sein, 
schrieb er nicht nur an Gustorf, sondern auch an 
Robert, Hendricks und Köchy. 1 Man sieht, wie 
sehr es ihm um die Erlangung des Zeugnisses 
nach dem Scheitern seiner sonstigen Pläne zu tun 
war. Gustorf schickte ihm dasselbe, und Grabbe 
bedankt sich am 12. 2. 1824 in folgendem Brief: 

Gustorff, 

verzeih einem Esel seine Eselei und einem Grabbe seine 
Grabbage; außerdem war auch Dein besprochenes Schreiben 
so curios eingerichtet; sein Couvert so winzig, seine Adresse 
„an Herrn Christ. Grabbe*' so verdächtig (selbst der Post¬ 
sekretair sah mich darauf an), Deine Namensunterschrift so 
nachlässig, und Dein Ausdruck so auffallend, daß ich das 
Schlimmste vermuthete. Ist es aber wahr (was ich in der 
That dunkel ahnte), daß Du alles geflissentlich so anord¬ 
netest, so muß ich Dich verehren, und gestehen, daß ich 
noch nie so groß von Dir gedacht habe. — Ich schäme 
mich, Dir für die Gefälligkeit, mit welcher Du mir das 
Zeugniß (jetzt mein einziges Gut) verschafft hast, eine elende 
Danksagung abzustatten, sonst würde ich hier den allge¬ 
meinen Briefsteller citiren. — Daß Uchtriz, der gewiß gar 
so übel nicht ist, nur Gutes von mir sagt, ist ganz dem 
pythagoräischem Lehrsätze gemäß, denn er muß ja wissen, 
daß ich ihm durchaus nicht mehr schaden und nützen kann. 
Zufolge Okens Naturhistorie wird er mich in 1 Jahre tadeln, 
und in 2 Jahren vergessen. — Wenn ich in meinem letzten 
Sendschreiben auf meine rechte Ehre versichert habe, so 
deute mir das nicht in’s Schlimme, weil ich wohlweislich 
zum Behufe meines gesellschaftlichen Umgangs mir 32 
andere Ehren angeschnallt habe; Du denkst Dir nicht, was 

mir das für einen Nutzen stiftet.-Der Herzog von 

Angouleme hat nun das spanische Bitter herunter gesoffen 2 3 * 5 
und ich bin nur in Furcht, daß er davon leicht betrunken 
werden kann, obgleich man hoffentlich vermöge einer Dampf¬ 
maschine ihn mit einem legitimen türkischen Häringssalat 
u. s. w. (NB Wenn ich etwas durcheinander schmiere, so 
nimm das nicht übel, weil ich, wie Du weißt, den Brief 
für den besten halte, welcher dem gewöhnlichen Umgangs¬ 
gespräche, dessen Weitläufigkeiten vermeidend, am nächsten 
kommt.) Weshalb bezeichnest Du mir nicht Dein jetziges 
Logis ? Bei der Buzke wohnst Du nicht mehr. — Bilde 
Dir nicht ein, Du alter [unleserlich ausgestrichen], daß es 
bei Dir fuimus Troes 3 heißt; Du bleibst gewiß, was Du 
einmal gewesen bist, und wenn Dir auch Hufeland 4 noch 
so viele fremdartige Cadaver einzuoculiren sucht; paß nur 


auf, wie Deine Lebensgeister sich plötzlich aufrütteln wer¬ 
den, wenn Du durch ein günstiges Geschick irgendwo „ucn 
Rinderbraten von AU-England“ erschnappst; hic it, ein 
einziger Floh biß dem großen Newton sicherlich die ganze 
Astronomie weg und Kant hat, trotz seines Rennomirens, 
die Kritik der Vernunft in einer lasse Kaffee geangelt 
oder besser gesagt, er hat die Vernurft darin rein ge¬ 
waschen und manchen den Kaffee verdorben. Ich entsetze 
mich über das triviale Zeug, womit ich Dich ennuyire; 
glaub nur nicht, daß ich es aus Bosheit, Rachsucht oder 
Undankbarkeit thue, — es ist meine diesjährige Einfalt, 
denn trotz des gelinden Winters wird mein Geist künftigen 
Sommer eine geringe Witzerntc halten; es muß fortan 
anderes Korn, echter Rocken darin wachsen, und zwischen 
dessen Halmen rottet man die Blumen aus. Wäre übrigens 
meine Situation nicht etwas triste, so würde ich ziemlich 
vergnügt seyn, weil mir die Wissenschaften wirklich wieder 
Spaß machen: mein Gemüth ist ein unruhiger Hund, dem 
man ein Stück Fleisch vorwerfen muß, damit cs etwas zu 
kauen hat, und so ein Stück Fleisch mit einem Knochen 
darin ist das corpus juris Romanorum civilis. — Denkst 
Du auch noch wohl dann und wann an Dein Logis in der 
Mauerstraße? Ahne ich recht, sitzt Du am Ende wieder 
darin? — Die Kronprinzessin, welche Ihr nun habt, sah 
ich in Dresden; sie schien mir recht hübsch zu seyn, und 
hatte Lippen wie Polster, auf denen die Küsse ausruhen 
sollten. Es ist aber auch möglich, daß ich Sie mit einer 
ihrer Schwestern verwechsle. — Wer weiß ob ich im 
Lippeschen nicht aller Vorurtheile ungeachtet in eine er¬ 
trägliche Carriere gerathe, wer weiß ob wir uns in einigen 
Jahren nicht abermals psychisch und physisch näher stehen 
als je. Bis dahin werde ich mich freilich oft mit dein 
Ausspruche meines Sulla trösten müssen: Das Jahr ist kurz, 
die Stunde lang. 5 — Wie ists mit den Kosten des 

testimonii? — Sehr gefällt mir in Deinem Briefe die 
Stelle: laß Deinen miserablen Argwohn, Grabbe. Der 
Grabbe will versuchen ob er es kann. Aber Du mußt 
wenigstens auch nicht mehr sprechen, daß Du so wenig 
Zeit hättest, an mich zu schreiben; Zeit zum Briefe hat 
man immer, wenn man nur will. Mach die Dinger nicht 
allzubreitschultrig (ich meine im Couvert), sonst denkt die 
Post, daß sie den Wagen umschmeißen könnten und nimmt 
mehr Geld dafür. In den ersten 3 Monaten brauchst Du 
übrigens an mich nicht zu frankiren; wozu soll ich ja das 
Wenige, was ich habe, eher verwenden, als zum Behufe, 
einige Worte von meinen Freunden zu hören? — So wie 
ich in meinen Nöthen an Händrich schrieb, um Dich zu 
treiben, habe ich neulich an Robert geschrieben (Du w irst’s 
schon wissen), um euch beiden zu treiben, und an Köchy, 
um euch alle drei zu forciren. Du nimmst es mir doch 
nicht krumm? Ich dachte einige von euch wären mir böse, 
und ich glaube man kann mir leicht allerlei verzeihen. — 
Meine Menschenkenntniss ist nicht viel werth, besonders in 
concreto; darin hast Du ganz Recht, so wie Du auch über¬ 
haupt mehr Recht hast, als ich bisweilen denken mag. 
Responde (amico tuo) 

so bald, so bald als möglich, 

Detmold (den I2ten Febr. 1824) Dein 

Ch. D. Grabbe; 
der Bär, brumm, 

brum. 

Dieser Brief ist voll von Geständnissen. Man 
hat die Empfindung, als ob die ganze Persönlich¬ 
keit des Dichters, der in Selbstüberschätzung bisher 


1 Köchys Brief an Grabbe vom 16. 2. 1824, Blumenthal IV 628 ff.: „Früher w*erde ich aber schon an unsere 
Freunde in Berlin schreiben und ihnen die schnellste Ausführung Ihrer Angelegenheit zur Pflicht machen.“ 

2 Anspielung auf eine Stelle in seinem Lustspiel „Scherz, Satire . .“ II. Aufzug 2. Szene. 

3 Ein Lieblingsausdruck Grabbes. Siehe sein Lustspiel III. Aufzug I. Szene und den Brief an Kettembeil vom 4. 5 - 

1827. — 4 Der berühmte Berliner Arzt. 

5 Weder in der Dresdner Fassung des „Marius und Sulla“ (Königliche Bibliothek Berlin), noch in der späteren 
Bearbeitung enthalten. Siehe Brief an Kettembeil vom 4. 5 - 1827. 








Chronik. 


137 


sich und andern Sand in die Augen gestreut 
hatte, nun in sich zusammengesunken sei. Müh¬ 
sam sucht er einige geistlose Witze zu machen, 
erklärt aber bald, dal) es hierin mit ihm heuer 
übel bestellt sei und bekennt seine „etwas triste“ 
Lage. Auch sonst muß Grabbe gestehn, daß er 
sich in seinen Freunden bezüglich deren Opfer¬ 
willigkeit getäuscht habe; er will versuchen, 
von seinem „miserabeln Argwohn“ in Zukunft zu 
lassen und meint schließlich: „Meine Menschen- 
kenntniss ist nicht viel werth, besonders in concreto, 
darin hast Du ganz Recht, sowie Du auch über¬ 
haupt mehr Recht hast, als ich bisweilen denken 
mag.“ Schon in Dresden hatte der Dichter ge¬ 
dacht, daß sich seine Freunde über ihn lustig 
machten, nun scheint er der Meinung gewesen zu 
sein, daß sie ihn betreffs seines Zeugnisses im 
Stich lassen wollten. Gustorf sandte ihm dieses, 
wahrscheinlich, um alles Gerede im kleinen Det¬ 
mold zu vermeiden, möglichst unauffällig ein, aber 
Grabbe, der, gleich das Schlimmste vermutend, 
glaubte, daß sein Zeugnis in dem kleinen Kuvert 
nicht erhalten sei, ließ wohl die Sendung uner- 
öffnet liegen und überhäufte Gustorf mit Vorwürfen. 
Beschämt muß er nun die Grundlosigkeit seines 
Verdachtes eingestehn. — Betreffs Uechtritz hat 
der Dichter Recht behalten. Denn obwohl jener 


in Berlin zu Grabbes eifrigsten Bewunderern zählte, 
schämte er sich später sehr des einstigen Verkehrs 
mit ihm und bestrebte sich auch in Düsseldorf, eine 
gegenseitige Annäherung möglichst zu vermeiden. 

Mit seinen Berliner Freunden scheint der Dich¬ 
ter bald ganz gebrochen zu haben; in einem 
Brief an Immermann (10. 12. 1834) spricht er 
einmal von falschen Freunden, womit er offenbar 
den Berliner Kreis meint. Wahrscheinlich war an 
dieser endgültigen Entzweiung Grabbes „miserabler 
Argwohn“ wohl wieder mit im Spiel. Nur mit 
Köchy unterhielt er auch später noch einen regen 
(leider verloren gegangenen) Briefwechsel. — 

Die hier wiedergegebene Bleistiftzeichnung 
des Karikaturisten Herbert König , eines Freundes 
der Köchyschen Familie stammt aus meinem Besitz. 
Unter der Skizze steht von Königs Hand: „Scene 
aus Grabbes Jugendleben nach des Augenzeugen 
Köchy Erzählung. Braunschweig 17. Septbr. 1847“. 
Die Zeichnung beruht also auf keiner Original¬ 
aufnahme Grabbes, kann aber immerhin bezüglich 
der Situation und äußerlicher Momente Anspruch 
auf historische Treue machen. Mit dem „Jugend¬ 
leben“ ist die Zeit des Berliner Aufenthaltes ge¬ 
meint: Grabbe in emsiger Tätigkeit mit Pelzjacke 
und dicken Wollhandschuhen bekleidet. Das Milieu 
erinnert sehr an die Schilderung Heines u. a. 


dp* 

C h r o n i k. 


Faksimile-Ausgaben englischer Inkunabeln. Neben 
Faksimileausgaben von Bilderhandschriften beginnt 
man jetzt auch den Inkunabeln durch Ausgabe von 
Photogravüre-Faksimileausgaben die gebührende Wert¬ 
schätzung zu bezeugen. Namentlich das beneidenswert 
bibliophile England zeigt seine Bücherliebe und Sammel¬ 
freudigkeit auf solche Weise. So lassen die Syndici 
der Cambridge University Press eine Serie von zwölf 
Photogravüre-Faksimilien seltener, in England ge¬ 
druckter und im Besitz der Universitätsbibliothek zu 
Cambridge befindlicher Inkunabeln erscheinen. Nur 
150 Exemplare, von denen wieder nur je 100 verkäuf¬ 
lich sind, werden von jedem Buche hergestellt und die 
Platten dann sofort zerstört. Die Faksimiles sind auf 
handgefertigtem Papier hergestellt und in einen exqui¬ 
siten Pergament-Einband gebunden. Acht Bände sind 
bereits zur Ausgabe bereit, zwei werden demnächst, 
die letzten zwei im Herbste herauskommen. Von den 
acht fertigen Inkunabel-Nachbildungen sind sieben 
von solchen Frühdruckexemplaren genommen, von 
denen nur jeweils dieses eine Exemplar bekannt ist. 
Abgesehen vom literarischen und Sammlerwert der 
Unica-Originalien, die natürlich auch auf die Kopien 
davon abgeben, haben sie auch große typographische 
Bedeutung. Sammler, die auf die ganze Serie subskri¬ 
bieren, erhalten eine Reduzierung des Preises von I / 5 
Z. f. B. 1907/1908. 


bei dem einzelnen Band; jeder Band soll nicht mehr 
als 20 Shilling kosten und sich durchschnittlich auf 
10—15 Shilling stehen. Im folgenden die Aufstellung 
der bereits fertigen und demnächst erscheinenden zehn 
englischen Faksimileinkunabeln: 

1. The abbaye of the holy Ghost. Printed at WVst- 
minster by Wynkyn de Worde about 1496. 

2. The mery geste of the frere and the boye. Prin¬ 
ted at the sign of the Sun in Fleet Street, London, by 
Wynkyn de Worde. 

3. The Story of Queen Anclida and the false Arcite. 
By Geofifrey Chaucer. Printed by Caxton about 1477. 

4. Augustini Dacti Sribe super Tullianis eloganeijs 
et verbis exoticis in sua facundissima Rhetorica incipit 
perornate libellus. Printed at St. Albans about 1479. 

5. The temple of glas. By John Ludgate. Printed 
by Caxton aböut 1477. 

6. A ryght profytable treatyse compendiously 
drawen out of many and dyvers wrytynges of holy men 
by Thomas Betson. Printed by Wynkyn de Worde 
about 1500. 

7. The assemble of goddes. By John Ludgate. 
Printed by Wynkyn de Worde about 1500. 

8. Parvus Cato, Magnus Cato. Translated by Benet 
Burgh. Printed at Westminster by William Caxton 
about 1478. 

18 





Chronik. 


138 


9. The Churl and the Bird. Translated from the 
French by John Ludgate. Printed by William Caxton 
about 1478. 

10. A lytell treatyse of the horse, the sheep, and 
the ghoos. By John Ludgate. Printed at Westminster 
by Wynkyn de Worde about 1499. 

Bei der geringen Auflage müssen sich die Sammler 
mit Subskription oder Bestellung bei dem Cambridge 
University Press Warehouse, Fetter Lane London E. C., 
beeilen, wenn sie auf das ganze oder einzelne Bünde 
reflektieren. — Bei dieser Gelegenheit sei noch auf 
eine andere hübsche und zugleich außerordentlich billige 
englische Publikation aufmerksam gemacht, die bald 
vergriffen sein dürfte. Das British Museum hat quasi 
als Katalog der in den Küsten der Grenville Library 
ausgestellten 147 kostbaren illuminierten Manuskripte 
bis jetzt zwei Serien von je 50 Tafeln im Collotvpe-Ver- 
fahren hergestellter photographischer Reproduktionen 
erscheinen lassen. Von den herrlichen Miniaturschützen 
sind jeweils eine oder zwei Tafeln reproduziert und alle 
Schulen gut vertreten: byzantinische, englische, franzö¬ 
sische, flümische, deutsche, italienische, ln der Ein¬ 
leitung ist eine knappe Beschreibung und Datierung 
nebst Farbenangabe vorausgeschickt. Je 50 Tafeln - 
gleichmäßig groß, daher manchmal reduziert gegen¬ 
über den Originalen — kosten nur 5 Shilling. Weitere 
„Reproductions from Illuminated Manuscripts“ aus 
weniger zugänglichen, d. h. nicht in der ständigen 
Ausstellung des British Museums befindlichen köstlichen 
minderten Handschriften stehen in Aussicht. M. 


Im Jahre 1770 schrieb Friedrich der Große an die 
von ihm als ,,la gloire de l’Allemagne et la dixieme 
Muse de notre siede“ gefeierte Kurfürstin Maria An¬ 
tonia von Sachsen: er habe, da er der Unterhaltung 
mit ihr nicht teilhaftig gewesen, doch den Trost gehabt, 
sich zu unterhalten: avec la landgrave de Darmstadt, 
la grande princesse que nous honorons et reverons egale- 
ment. Herz und Geist und den Humor dieser Frau 
weist das Buch auf, das im Jahre 1906 Frau Elisabeth 
Mentzel, die klug urteilende und feinfühlig abwägende 
Schriftstellerin, die so gern auch althessischen Empfin¬ 
den sich hingibt, unter dem Titel: Karoline von Hessen- 
Darmstadt, die große Landgräfin. Ihr Aufenthalt in 
Prenzlan i/jjo bis S/j6, im Kommissionsverlage von 
Müller und Rühle in Darmstadt veröffentlicht hat. 
Wer ein aus Mosaik sich gestaltendes Kulturbild aus 
den letzten Jahren vor dem Beginne des sieben¬ 
jährigen Krieges genießen will, der lese dieses lebhaft 
geschriebene Werk. Die lebensfrische junge Pfälzerin 
an der Seite ihres schwer zu behandelnden Mannes, 
der im preußischen Soldatendienst in Prenzlau in der 
Uckermark stand, die fürsorgliche Mutter, ein dem 
Schönen und Echten in der Welt des Geistes und des 


täglichen Lebens zugewandter Sinn, sie treten in den 
Briefen, welche die „leitende Quelle“ für Frau Mentzels 
Darstellung waren, mit ungebrochener Kraft zutage. 
Die Briefe der jungen Fürstin gehören zu denen, die 
man mit Freude und Spannung öffnet und zur Erinne¬ 
rung für das spätere Leben wie für andere Generationen 
aufbewahrt, weil sic einem die ganze, liebe Persönlich¬ 
keit der Schreiberin schenken. Es ist ein treues, reiches 
Frauendasein, das sie uns enthüllen, und die Prenzlauer 
Periode, mit ihrer bunten Detaillierung, steht zwischen 
den Anfängen und der weiteren Entwicklung des ge¬ 
schilderten ganzen Lebenslaufes. Man braucht nun 
keineswegs der Meinung der Verfasserin unseres Buches 
beizupflichten, „die heute altförmige französische 
Sprache“, in der Karoline ihre Briefe zu schreiben 
pflegte, sei daran Schuld, daß diese, „darunter Doku¬ 
mente von höchstem ethischen Wert, für die Allgemein¬ 
heit ein ungehobencr Schatz geblieben" seien. I’h. A. 
F. Walthers Ausgabe dieser Briefe ist wahrlich nicht 
zu loben, aber sie zeitigte doch in Verbindung mit der 
Biographie, die dieser fleißige hessische Geschichts¬ 
schreiber der trefflichen Frau gewidmet hat, schon 
längst ihre Früchte durch das Verlrautmachen aller 
Kreise des Hessenlandes mit der „Großen Landgräfin“. 
Frau Mentzels Buch, das wesentlich deren Frühzeit be¬ 
handelt, sei besonders der Empfänglichkeit altpreußi¬ 
scher Leser empfohlen, die gern eine behagliche 
Weile mit Adeligen aus der Vergangenheit ihrer Hei¬ 
mat, mit einem Ausschnitt aus dem Leben der Offiziere 
in der kleinen uckermärkischen Garnisonstadt, mit dem 
blauäugigen königlichen Herrn von Preußen, mit seiner 
leidgetränkten Schwester Amalie, mit Königsberg in 
der Neumark, mit Schwedt und Freienwalde und mit 
dem geistig-künstlerisch bewegten Leben im Schlosse 
zu Rheinsberg verkehren mögen, das den Prinzen Hein¬ 
rich von Preußen zu seiner Hauptquelle hatte, den geist¬ 
reichen, zartfühlenden, häßlichen Mann, von dem eine 
Beurteilerin später gerühmt hat: On peutbiendire que 
chez lui l’äme anoblit le corps. In Sonderheit sei das 
Buch aber auch unsern Frauen empfohlen, die in der 
Heldin eine hochbedeutende und dabei doch echt 
weibliche Vertreterin ihres Geschlechts erkennen 
werden: ein Vorbild für alles Wahre, Rechte und Gute. 

Das in der L. C. Wittich’sehen Hofbuchdruckerei 
in Darmstadt schön hergestellte Werk enthält das Bild¬ 
nis Karolinens, das ihres Mannes und des Hauses 
„Burgfreiheit“ in Prenzlau und — nach den Originalen 
in der Großherzoglichen Hofbibliothek in Darmstadt — 
zwei der Landgräfin und zwei ihrer Töchter gewid¬ 
mete Prenzlauer Huldigungsgedichte aus dem Jahre 1773 . 
in dem die einst so hoch gehaltene Mitbewohnerin die 
ihr treu gebliebene Stadt wüeder besuchte. Sie sind ge¬ 
druckt „mit Ragoczyschen Schriften“. 

*^ amz - Dt . Heinrich Heidenheimer. 


Nachdrtcck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15 - 
Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugu 1 in in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier -Manufaktur 

in Straßburg i. E. 










G2e©GB©fl0GSÖ3DGSQSE)63OSSGaöS0GSÖßSG2SSEX^^ Sko 

dtfcbrift für Bücherfreunde fff 

Organ der öefellfcbaft der Bibliophilen. 

BEIBLATT 

XI. Jahrgang. Drittes Heft. 

Juni 1907. 

Abonnementspreis für den Jahrgang 36 M. (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.), für das Quartal (drei Hefte) 9 M. 

Anzeigen 


z /s Seite.. 8 Mark. 

t / 4 Seite.15 Mark. 


7 2 Seite ...... 30 Mark. 

Vi Seite.60 Mark. 


Kleine Anzeigen (Desiderata und Angebote): die gespaltene Petitzeile SO Pf. — Beilage-Gebühr 40 Mark. 

Inserationsschluß am 25. des vorhergehenden Monats. 


Redaktionelle Sendungen Manuskripte, Bücher, Kataloge etc. gefl. zu richten an den Herausgeber: Fedor von Zobeltitz, Berlin IV, iß, 

Uhlandstr. 33 (Sommer: Spiegelberg bei Topper, Rgbz. Frankfurt a. O.). 

Anzeigen an die Verlagshandlung Velhagen & Klasing, Abteilung für Inserate, Leipzig , Hospitalstr. 27. 


Rundschau der Presse. 

Von Dr. Adalbert Hortzschansky in Groß-Lichterfelde. 

Die nachfolgende Übersicht versucht, die wichtigeren in Zeitschriften und Zeitungen enthaltenen Aufsätze und Abhandlungen zu 
verzeichnen, soweit sie für die Leser unserer Zeitschrift in Betracht kommen. Zusendung von Sonderdrucken und Ausschnitten an die Adresse 
des Bearbeiters in Groß-Lichterfelde bei Berlin, Moltkestr. 40, erbeten. 


SchriftBuch- und Bibliothekswesen. 
Allgemeines. 

Ciaccio, L., Appunti intorno alla miniatura Bolognese 
del secolo XIV. Pseudo Nicolö e Nicolö di Giacomo. 
(M. 10 Abb.) L'Arte. 10. 1907. S. 105—115. 

Delisle, L., Le cas de M. Thomas. (Betrifft die 
Missalehandschrift von Barbechat, heute in der 
Nationalbibliothek zu Paris.) 

Le Figaro. 1907. Nr. vom 20. März. 
Gelli, I., II museo del libro. 

Giornale della libreria . 20. 1907. S. 134 aus: 

Rivista di Roma. 

Lab an de, L. H., Les miniaturistes avignonais et leurs 
oeuvres. (Article deuxieme et dernier.) 

Gazette d. beaux-arts. Ann. 49. Per. 3. T. 37. 1907. 
S. 289—305. 

Mahler, R., Die ägyptischen Hieroglyphen. 

Der Zeitgeist. Beibl. z. Berliner Tageblatt. 1907. 
Nr. 16 v. 22. April. 

Riemann, H., Breviarium Benedictinum Completum 
IX.—X. Saeculi. (Mit 2 Faks.) 

Bibliofilia. 8. 1906/7. S. 441—446. 

Vaillat, L., Deux grands miniaturistes autrichiens. 
Füger et Daffinger. 

Revue Belgique. 1907. März. S. 236—253. 

Bibliophilie. Exlibris. 

Braungart, R., Alois Kolbs neuere Ex-Libris. 

Ex-Libris, Buchkunst u. angewandte Graphik. 1 7. 
1907. S. 14—17. 2 Taf. 

D uff, E. G., The library of Richard Smith (1590—1675). 

Library. 2. Ser. 8. 1907. S. 113—133. 
Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 3. — 


Loewenfeld, K., Briefe, die wir gern erreichen. 
(Autographen.) 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. I 9 ° 7 - 
S.4159—4161 aus: LeoLiepmannssohn, Antiquariats¬ 
katalog Nr. 163. 

Mandl, K., Albrecht Markgraf von Brandenburg-Ans¬ 
bach. (Ex-Libris.) 

Ex-Libris. 17. 1907. S. 3—5. 1 Taf. 

Pineyro, E., Jose Maria Heredia. 

Annales de la Faculte d. Lettres de Bordeaux. 
Bulletin hispanique. 9. 1907. S. 186—209. 

Schulz-Euler, C. F., Ex-Libris von Felicien Rops. 

Ex-Libris . 17. 1907. S. 32—34. 1 Taf. 

Stiebei, H. E., Die Donatoren-Ex-Libris des Erz¬ 
bischofs Daniel Brendel von Homburg. (XVI.Jahr¬ 
hundert.) Ex-Libris. 17. 1907. S. 5—7. 1 Taf. 

Zur Westen, W. von, Allerlei Ex-Libris. 

Mitteilungen d. Ex - Libris - Vereins zu Berlin. 1. 
1907. S. 1—15. 1 Taf. 

Zur Westen, W. von, Max Bucherer und Otto Ubbe- 
lohde. Ex-Libris. 17. 1907. S. 41—44. 

Zur Westen, W, von, Das Ex-Libris Erasmus Stren- 
bergers. (XVI. Jahrhundert.) 

Ex-Libris. 17. 1907. S. 11—13. 1 Taf. 

Zur Westen, W. von, Hat Felicien Rops Ex-Libris 
gezeichnet? Ex-Libris. 1. 1907. S. 34—38. 

Zur Westen, W. von , Otto Hupp. (Ex-Libris und 
Buchkünstler.) 

Ex-Libris. 17. 1907. S. 17—32. 3 Taf. 

Zur Westen, W. von, Jacob Spiegel aus Schlettstadt 
und seine Ex-Libris. (XVI. Jahrhundert.) 

Ex-Libris. 17. 1907. S. 8—11. 3 Taf. 











Beiblatt. 


{Rundschau der Presse.) 

Bibliothekswesen. 

Albrecht, G., Über die praktische Einrichtung von 
kleinen Volksbibliotheken. 

Eckart, i. 1906/7. S. 439—447. 
Aulard, A., La Bibliotheque nationale (zu Paris). 

La Revolution franqaise. 26. 1907. S. 366—369, 
aus: Le Si£cle, Nr. vom 15. März 1907. 

Bejrtoni, G., Catalogo dei codici spagnuoli della Biblio- 
teca Estense in Modena. 

Romanische Forschungen. 20. 1907. S. 321—392. 
Berghoeffer, Ch. W., Bibliothekenführer. 

Frankfurter Zeitung. 1907. Nr. 103 v. 14. April. 
Bötticher, A., Neumärkische Leichenpredigten in 
der Bibliothek der Marienkirche in Frankfurt a. O. 

Schriften d. Vereins f d. Geschichte d. Neumark. 
19. 1906. S. 1—77. 

Bo wer man, G. F., Some Libraries in the Farthest 
Northwest (British Columbia, Alaska). 

Public Libraries. 12. 1907. S. 120—122. 
Fick, R., Einige Bemerkungen über Bibliographien, 
Bibliothekskataloge und das Auskunftsbureau der 
deutschen Bibliotheken in Berlin. 

Berliner akademische Wochenschrift. 1. 1906/7. 

s. 153—156. 

Franke, O., Volksbibliotheken in jedes Dorf. 

Protestantenblatt. 1907. Sp. 296—300. 
Fritz, G., Frauen im Bibliotheksdienst. Referat in der 
Vereinigung Berliner Bibliothekare erstattet. 

Zentralblatt f. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 217 
—229. 

Gautier, J., La Situation des Bibliothecaires d’Uni- 
versites (in Frankreich). 

Bulletin de l’Association d. bibliothecaires francais. 
1. 1907. s. 47—52. 

Gulyäs, P., Catalogue descriptif des Aldines de la 
bibliotheque Szechenyi du Musee Nat. Hongrois. 
(Partie 1.) 

Magyar Könyvszemle. 15. 1907. S. 17—33. 
Hanauer, J., Erfahrungen und Vorschläge für Musi¬ 
kalien-Bibliotheken. 

Blätter f. Volksbibliotheke?i u. Lesehallen. 8. 1907. 
S. 76 - 79 - 

Hartel, W. von, I. II. 

Zeitschrift f. d. Österreich. Gymnasien. 58. 1907. 
S. 193—216. 

Hartham, D., Lovely woman in the library. 

Libr. World. 9. 1907. S. 360—363. 
Libri, Un nouveau. (M. Thomas und der Diebstahl 
in der Bibliothek der Ecole des beaux-arts.) 

Bulletin du bibliophile. 1907. S. 149—150. 
McLean, N., Books given to the Library of Christ’s 
College, Cambridge, by the Lady Margaret (Mutter 
Heinrichs VII. von England). 

Library. 2. Ser. 8. 1907. S. 218—223. 
Marcel, H., Rapport au ministre de l’instruction publi¬ 
que, des beaux-arts et des cultes (sur la Biblio¬ 
theque nationale en 1906). 

Jourtial Officiel de la Rep. Francaise. 39. 1907. 

Nr. 40 v. 10 Fövr. S. 1120—1122. 


Marteil, P., Die Königliche Bibliothek zu Berlin. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 153—156. 
Milkau, F., Der Vermehrungsfonds unserer Biblio¬ 
theken. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 
S. 4533— 4537, aus: Die Kultur d. Gegenwart. T. 1. 
Abt. 1. 1906. S. 539—590. 

Mortet, Ch., Unitd et diversite (der französischen 
Bibliothekare). 

Bulletin de /' Association d. bibliothecaires francais. 
I. 1907. S. 41—46. 

Nicaud, A propos des Bibliothecaires Universitaires 
(in Frankreich). 

Bulletin de I Association d. bibliothecaires francais. 

I. 1907. s. 53-56. 

Omont, H., Nouvelles acquisitions du düpartement 
des manuscrits. Pendant les annties 1905 et 1906. 
(Paris, Nationalbibliothek.) Paris: E. Leroux 1907. 
80 S. Bibliotheque de l'Fcole des chartes. 68. 1907. 
Segner, F., Dietrich Kerler f. 

Zentralblatt f Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 208 

—217. 

Buchdruck und -Gewerbe. 

Bertram, F., The Institutions of Physiology by 

J. Fred. Blumenbach. Eine Erinnerung an Fried¬ 
rich Koenig und Andreas Friedrich Bauer, die Er¬ 
finder der Schnellpresse. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 144—148. 
Carnap, W. von, Die Ausstellung Wilhelm von Deb- 
schitz im Deutschen Buchgewerbemuseum. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 81—87. 2 Taf. 
Caullet, G., La Deffense de monseigneur le duc et 
madame la duchesse d’Austriche et de Bourgongne. 
Description de cet incunable, precedee d’un aper^u 
critique sur la carriere et l’oeuvre de Jean Brito. 
Bulletin du Cercle hist, et archöol. de Courtrai. 

4. 1906/7. 26 S. mit Taff. 

Glotz, W., Die Entstehung von Landkarten und deren 
Reproduktion. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 135—143. 

6 Taf. 

Goldschmidt, R. u. Otlet, P., Sur une forme nou- 
velle du livre. Le livre microphotographique. 

Bulletin de 1’Institut Int. de Bibliogr. 12. 1907. 

5. 61—69. 

Loubier, J., Graphische Kunst und Reproduktion 
Nach Vorträgen im Kgl. Kunstgewerbemuseum zu 
Berlin berichtet von Georg Lehnert. 

Archiv f. Buchgewerbe. 44. 1907. S. 101—108. 
Oursel, C., Notes sur le libraire et imprimeur dijonnais 
Pierre I Grangier, ä propos dune edition inconnue 
du Computus novus de Pierre Turrel. Aus: 

Memoires de la Socicte eduenne. N. S. 34. 1906. 

23 S. 

La Reforme de l’orthographe et les industries du livre. 
Bibliographie de la France. I 9 ° 7 - Chronique. 

S. 73—85- 


2 




Beiblatt. 


Sachs, H., Bedeutet der Aufschwung Berlins in der 
Plakatkunst den gleichzeitigen Rückgang Münchens 
auf diesem Gebiete? Vortrag, gehalten in dem Ver¬ 
ein der Plakatfreunde, Berlin. 

Archiv f Buchgewerbe. 44. 1907. S. 87—98. 
Schur, E., Die angewandte Graphik der Gegenwart. 

Ex-Libris. 17. 1907. S. 39—41. 2 Taf. 
Springer, H., Die musikalischen Blockdrucke des 
XV. und XVI. Jahrhunderts. 

Internationale Musikgesellschaft. Basler Kongreß 
1906. Kongreßbericht Sektion II. S. 37—46. 
Szönyi, L., Les filigranes de nos chartes en papier 
du XIV. siede. (Premiere partie.) 

Magyar Könyvszemle. 15. 1907. S. 1—16. 
Verheyden, P., Aanteekeningen betr. mechelsche 
drukkers en boekhandelaars in de i6 e en de 17® eeuw. 

Bulletin du Cercle archeol., litter. et artist. de 
Malines. 16. 1906. 45 S. 

Wuttke, R., Das Buchgewerbe und der Staat. Vor¬ 
trag, gehalten am 15. Februar 1907 im Deutschen 
Buchgewerbehause zu Leipzig. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 

s. 3653—58- 

Zedier, G., Das Helmaspergersche Notariatsinstru¬ 
ment und die 42zeilige Bibel. 

Zentralblatt f. Bibliothekswesen. 24. 1907. S. 193 
—207. 

Buchhandel. 

Biberfeld, Mißbrauch mit dem Autornamen (mit 
Nachtrag von Willibald Challier). 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 

s. 3729-30. 3846—47. 

Book Wars, The old and the new. 

Publishers Circular. 86. 1907. S. 437—438. 
Conrad, B., Das Net-Book-System in England. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 

s. 3929—31- 

C rü well, G. A., Zur Geschichte des evangelischen 
Bücherschmuggels. 

Mitteilungen d. Österreich. Vereins f. Bibliotheks¬ 
wesen. 10. 1906. S. 157—160. 

Fuld, Die Novelle zum österreichischen Urheberrechts¬ 
gesetz. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 
S. 4104—06. 

Gillberti-Cosenza, G., Ilcommercio librario tedesco 
e il Börsenverein di Lipsia. (Con 14 illustrazioni.) 
Nuova Antologia. Vol. 128 Ser. 5. 1907. S. 625 

—637. 

Koppel, A., Organisation, Lage und Zukunft des 
deutschen Buchhandels. Zugleich ein Beitrag zur 
Kartellfrage. II. Die rechts- und volkswirtschaftlichen 
Probleme. 

Jahrbuch f. Gesetzgebung, Verwaltung und Volks¬ 
wirtschaft. 31, 2. 1907. S. 263—307. 

Matthews, Br., The truth about Elizabethan Play- 
wrights. 

North American Review. Vol. 184. 1907. S. 604 
—615. 


(Rundschau der Presse.) 

De la Reintroduction du principe de la reciprocite 
dans la legislation autrichienne sur le droit d’auteur. 

Droit d’Auteur. 20. 1907. S. 45—49. 

Richter, P. E., Fondscatalogus van Martinus Nijhofif, 
boekhandelaer en uitgever, 1853—1906. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 
S. 4013—14. 

Zeitungswesen. Pressrecht. Zensur. 

Ehrenreich, H., Die freie Presse in Sachsen-Weimar 
von den Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Be¬ 
schlüssen. 

Hallesche Abhandlungen z. neueren Geschichte. 
H. 45. 1907. 87 S. 

Le Journalisme ä la mer; les gazettes de bord et le 
reportage sans fil. 

Bulletin de la ligue maritime beige. 1906. S. 335 
-337- 

Plomer, H. R., Bishop Bancroft and a catholic press 
(um 1600). Library. 2. Ser. 8. 1907. S. 164 — 176. 

Persignac, Cte Am. de., Les Gaites de la Censure 
en Turquie. 

La Revue. IV. Ser. Ann. 18. Vol. 67. 1907. S. 384 
—393. 521—537. 

Thomas, G., Deutschamerikanische Preßverhältnisse 
und die Nachdruckfrage. 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 195 u. 197 v. 27. u. 
28. April. 

Writers and official censors under Elizabeth and 
James I. Library. 2. Ser. 8. 1907. S. 134—163. 

Wulffen, Das Zeugniszwangsverfahren gegen die 
Presse. 

Börsenblatt f. d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 
S. 3844—46. Aus: Deutsche Juristenzeitung. 1907. 
Nr. 7. 

Bibliographie. 

Fritz, G., Der amerikanische Musterkatalog und die 
deutsche Literatur. 

Blätter J. Volksbibliotheken u. Lesehalleti. 8. 1907. 

s. 73—76. 

Mitis, O. Freiherr v., Hof- und Staatshandbücher. 

Mitteilungen d. Österreich. Vereins f. Bibliotheks¬ 
wesen. 10. 1906. S. 151—155. 

L’Organisation systematique de la documentation 
et le developpement de 1’Institut International de 
Bibliographie. 

Bulletin de l’Institut Int. de. Bibliogr. 12. 1907. 
S. 3—60. 4 ,B1. Abbild. 

Pollard, A. W., The objects and methods of biblio- 
graphical collations and descriptions. 

Library. 2. Ser. 8. 1907. S. 193—217. 

Richter, P. E., Alphabetisches Verzeichnis der im 
English Catalogue von 1835—1905 (einschl.) auf¬ 
geführten Gesellschaften und Vereine, welche 
Schriften veröffentlicht haben. 

Börsenblatt f d. Deutsch. Buchhandel. 1907. 

S. 3574—77- 3614—U. 3697—99- 3730-34. 


3 




Beiblatt. 


(Rundschau der Presse.) 

Schwartz, R., Verzeichnis der in allen Kulturländern 
im Jahre 1906 erschienenen Bücher und Schriften 
über Musik. 

Jahrbuch d. Musikbibliothek Peters. 13. f. 1906. 
Leipz. 1907. S. 99—147. 

Springer, H., Über den Stand der musikalischen 
Bibliographie. 

I?itemotionale Musikgesellschaft. Basler Kongreß 

1906. Kongreßbericht Sektion I. S. 1—6. 

Tobolka, Z. V., Österreichische Bibliographie. 

Mitteilungen d. Österreich. Vereitis f. Bibliotheks¬ 
wesen. 10. 1906. S. 155—157. 

Literaturgeschichte, Allgemeines. 

Brandl, A., Die deutsche Literatur in der Neuen Welt. 
Internat. Wochenschrift f Wissenschaft , Kunst u. 
Technik. 1907. S. 119—125. 

Fuchs, K., Geschichte der deutschen Literatur von 
Eduard Engel. 

Historisch-politische Blätter f d. kathol. Deutsch¬ 
land. 139. 1907. S. 627—631. 

Jensen, A., Der Lenorenstoff in der westslavischen 
Kunstdichtung. 

Czechische Revue. 1. 1907. S. 580—596. 
Lisio, G., Arte e poesia. 

Rivista d’Italia. 10. 1907. Marzo. S. 353—369. 
Pästine, L., Su l’origine della lirica italiana. 

Rivista d'Italia. 10. 1907. Marzo. S. 370—419. 
Poppenberg, F., „Tausend und eine Nacht“. 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 185 v. 21. April, 
Hauptblatt. 

Schevill, R., On the influence of Spanish literature 
upon English in the Early i7th Century. 

Rotnanische Forschungen. 20. 1907. S. 604—634. 
Sendling, H., Der Sängerkrieg auf der Wartburg. 
Ein Blatt siebenhundertjähriger Erinnerung. 

Velhagen Klasings Monatshefte. 21. 1906/7. 

Mai. S. 264—271. 

Stronski, S., Notes sur quelques troubadours et pro- 
tecteurs des troubadours celebres par Elias de Barjols. 

Revue d. langues romanes. 5. Ser. 10. 1907. 
S. 5—44. 

Stumfall, B., Das Märchen von Amor und Psyche in 
seinem Fortleben in der französischen, italienschen 
und spanischen Literatur bis zum 18. Jahrhundert. 

Münchener Beiträge z. romanischen u. engl. Philo¬ 
logie. H. 39. 1907. 205 S. 

Warschauer, A., Zur deutschen Handwerkerpoesie 
in der Provinz Posen. 

Histor. Monatsblätlerf. d. Provinz Posen. 8 . 1907. 
S. 49—62. 

Einzelne Schriftsteller. 

d’Annunzio: Del Vecchio, G., Le donne nei drammi 
di Gabriele d’Annunzio. 

Rivista d'Italia. 10. 1907. Marzo. S. 492—518. 
—: Dornis, J., Gabriele d’Annunzio romancier. 

Revue des deux Mondes. Ann. 77. Per. 5. T. 38. 

1907. S. 838—861. 


Carducci: Chiarini, G., Gli Ultimi anni di Giosue 
Carducci. 

Nuova Antologia. Anno 12. 1907. Aprile 1 S. 385 
— 393 - 

—: Some Letters of Giosue Carducci. 

Fortnightly Review. 1907. May. S. 798—806. 

—: Spannocchi, Gh., Giosuö Carducci. 

März. 1. 1907. H. 8. S. 156—164. 

Casanova: Poritzky, J. E., Jakob Casanova. 

Der Zeitgeist. Beibl. z. Berliner Tageblatt. 1907. 
Nr. 16 v. 22. April. 

Cervantes: Wurzbach, W. v., Cervantes-Studien. 

Romanische Forschungen. 20. 1907. S. 495—537. 

Dante: Gorra, E., Quando Dante scrisse la „Divina 
Commedia“. Nota terza. 

R. Istituto Lombardo. Memorie. Ser. 2. Vol. 40. 
1907. S. 202—238. 

—: Peladan, Le Canzioniere de Dante. 

Nouvelle Revue. N. S. 45. 1907. April. S. 365 
— 374 - 

Dehmel: Schaukal, R., Richard Dehmels Lyrik. 

Österreichische Rundschau. II. 1907. S. 86—103. 

Dumas: Glinel, Ch., Trois manuscrits d’Alexandre 
Dumas pöre. (Fin.) 

Revue biblio-iconographique. 3 e Ser. 14. 1907. 

S. 163—167. 

Emerson: Gleichen-Rußwurm, A. v., Charakter 
und Persönlichkeit. (Ein Denkblatt zu Emersons 
fünfundzwanzigsten Todestag.) 

National-Zeitutig. 1907. Nr. 197 v. 28. April, 
Hauptblatt. 

—: Gleichen-Rußwurm, A. v., Im Lichte der Per¬ 
sönlichkeit. Zur Erinnerung an Emersons 25. Todes¬ 
tag (27. April 1907). 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 16 v. 
21. April. S. 123—124. 

Goethe: Brown, P. H., The character of Goethe. 

Quarterly Review. 1907. April. S. 481—503. 

—: Castle, E., Tassoprobleme. Ein Goethe-Mosaik. 

Zeitschrift f. d. Österreich. Gymnasien. 58. 1907. 
S. 97—123. 

—: Menke-Glückert, E., Goethe als Geschichts¬ 
philosoph und die geschichtsphilosophische Be¬ 
wegung seiner Zeit. 

Beiträge z. Kultur- u. Universalgeschichte. H. 1. 
1907. 146 S. 

—: Mis, L., Le „Goethe- und Schiller-Archiv“ de 
Weimar. Revue germanique. 3. 1907. S. 292—309. 

—: Münz, B., Ein politischer Vorschlag Goethes. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 80. S. 35—37. 

—: Reiter, S., Friedrich August Wolfs Briefe an 
Goethe. (Nebst zwei Briefen Mine Wolfs an 
Christiane von Goethe.) 

Aus: Goethe-Jahrbuch. 27. 1906. 96 S. 

Grimm: Steig, R., Zu Grimms Märchen. 

Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen. Bd. 118, 
N. S. Bd. 18. 1907. S. 17—37. 

Hauptmann: Kienzl, H., Gerhart Hauptmanns ver¬ 
sunkenes Lustspiel. 

Eckart. 1. 1906/7. S. 435—439- 


4 





Beiblatt. 


Hebbel: Kutscher, A., Friedrich Hebbel als Kritiker 
des Dramas. Seine Kritik und ihre Bedeutung. 

Hebbel-Forschungen, i. 1907. 229 S. 
—: Werner, R. M., Zwei unbekannte Selbstbiogra¬ 
phien Hebbels. 

Österreichische Rundschau. 11. 1907. S. 13—24. 
Heine: Pitollet.C., Notes surH. Heine et Th. Körner. 

Revue germanique. 3. 1907. S. 218—232. 
Ibsen: Pine au, L., Ibsen d’apres sa correspondance. 

Revue germanique. 3. 1907. S. 265—291. 
—: Seibt, G., Moderne Propheten. 3. Henrik Ibsen. 
Konservative Monatsschrift. 1907. Mai. S. 721 

—724. 

Kleist: Hoffmann, P., Noch einmal Samuel Heinrich 
Catel, der Jugendlehrer Heinrichs von Kleist. 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 181 v. 19. April. 
Kretzer: Urban, R., Max Kretzer. 

Deutsche Kultur. 3. 1907. April. S. 47—52. 1 Portr. 
Kröger*. Kröger, T., Wie ich unter die Schriftsteller 
gekommen bin. Eckart. 1. 1906/7. S. 424—435. 
Leisewitz: Poppenberg, F., Silhouetten aus dem 
achtzehnten Jahrhundert. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 17. 

s. 133—136. 

Liliencron: Hünich, F. A., Börries von Münchhausen 
gegen Detlev von Liliencron. 

Die schöne Literatur. Beil. z. Literar. Zentralblatt 
f. Deutschland. 1907. Sp. 129—133. 

Maeterlinck: Brisson, A., Ein Frühstück mit Maeter¬ 
linck. 

Der Zeitgeist. Beibl. z. Berliner Tageblatt. 1907. 
Nr. 16 v. 22. April. 

—: Segur, N., Maurice Maeterlinck. 

La Revue. 4. Ser. Vol. 68. 1907. S. 41—54. 
Mörike: O. B., Ein Haushaltungsbuch Eduard Mörikes. 
Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 85 v. 18. April. 
S. 73 — 75 - 

Musset: Eloesser,A., Mussets Ruhm. Zu seinem 
Todestage (2. Mai). 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. Nr. 17. 
S. 132—133. 

—: Seche, L., Die Pate von Alfred de Müsset. Mit 
unveröffentlichten Briefen von Alfred de Müsset. 

Der Zeitgeist. Beibl. zum Berliner Tageblatt. 1907. 
Nr. 17 v. 29. April. 

Nietzsche: Lichtenberger, H., Nietzsches Einfluß 
auf die französische Literatur. 

Bühne u. Welt. 9. 1907. S. 56—61. 97—100. 
Raabe: Schott, S., Neues über Raabe. 

Allgemeine Zeitung. 1907. Beil. Nr. 87. S. 93—94. 
Reuter: Brandes, E., Fritz Reuter als Politiker und 
Patriot. 

Vossische Zeitung. 1907. Sonntagsbeil. S. 137—140. 


(Rundschau der Presse.) 

Ronsard: van Bever, Ad., La ieunesse de Ronsard. 
(Fin.) 

Revue biblio-iconographique. 3. Ser. 14. 1907. 

S. 168—174. 

Rousseau: Rod, Ed., Nouveaux apergus sur Jean- 
Jacques Rousseau. 

Revue d. deux Mondes. 1907. 5 e Per. T. 39. 
S. 129—163. 

—: Segur, N., Jean-Jacques. 

La Revue. Vol. 67. 1907. S. 308—316. 
Schiller: v. Ende, A., Schiller und die Amerikaner. 

Das literarische Echo. 9. 1907. Sp. 1067—73. 
—: Langguth, A., Schiller in der Parodie. 

Der Zeitgeist. Beibl. z. Berliner Tageblatt. 1907. 
Nr. 18 v. 6. Mai. 

—: Rubinstein, S., Schillers Todesgesänge. (Zum 
9. Mai.) Vossische Zeitung. 1907. Nr. 213 v. 8. Mai. 
—: Widmann, W., Merkwürdige „Räuber“-Zettel. 

Wiesbadener Tageblatt. Nr. 215 v. 9. Mai. 

Shakespeare: Castelain, M., Shakespeare et Ben 
Jonson. (Suite et fin.) 

Revue germanique. 3. 1907. S. 133—180. 
—: Fulda, L., Die Generalversammlung der deut¬ 
schen Shakespeare-Gesellschaft in Weimar. (Ludwig 
Fuldas Shakespearerede.) 

Vossische Zeitung. 1907. Nr. 190 v. 24. April 
zweite Beilage. 

Stavenhagen: Kroepelin, H., Fritz Stavenhagens 
Dramen. 

Tägliche Rundschau. 1907. Unterhaltungsbeil. 
Nr. 107. 108. S. 427—428. 430—432. 

Stern: Liesegang, E., Adolf Stern zum Gedächtnis. 
Blätter f. Volksbibliotheken u. Lesehallen. 8. 1907. 
S. 79-83. 

Stirner: Messer, M., Max Stirner. 

Die Literatur. 24. 1907. 71 S. 
Storni: Vulliod, A., Les sources de l’emotion dans 
l’ceuvre de Theodor Storm. (Suite et fin.) 

Revue germanique. 3. 1907. S. 181—217. 

Swinburne: Galletti, A., Carlo Algernon Swinburne. 
Nel suo settantesimo compleanno. (Con due ritratti.) 

Nuova Antologia. Anno 12. 1907. Aprile 1. S. 419 
—440. 

Uhland: Bibliografia delle opere di L. Uhland nelle 
versioni italiane dal 1830 al 1900. 

Rivista mensile di letteratura tedesca. 1. 1907. 

Nr. 1. 

—■: Krauß, R., Uhland als Dramatiker. (M. 5 Abb.) 

Bühne u. Welt. 9. 1907. S. 101 —108. 

Veltheim: Weber, L., Ein Verschollener: Hans, Graf 
von Veltheim, der Dramatiker. 

Der Kunstwart. 20. 1907. H. 14. S. 60—70. 


5 







Beiblatt. 


(Von den Auktionen.) 

Von den 

Am 30. April, sowie am 1. und 2. Mai fand bei 
Oswald Weigel in Leipzig die Versteigerung einer 
Sammlung von Werken und Schriften zur Geschichte, 
Kultur und Sitte, Sprachen und Literaturen der roma¬ 
nischen Völherstatt. Die zahlreichen interessantenWerke 
gingen zu verhältnismäßig kleinen Preisen ab, zumal 
der Versteigerung das Privatpublikum fehlte und die 
anwesenden Antiquare zum größeren Teile wohl nur 
auf Spekulation kauften. 

Eine Enttäuschung brachte vor allem die Nummer 
671, unter der eine „Sammlung von Aktenstücken des 
XVI.—XVIII. Jahrhunderts“ angezeigt war. Diese Kol¬ 
lektion, die eine Fülle kulturgeschichtlichen Materials 
enthält, fand keinen Liebhaber, und von den anwesenden 
Antiquaren hatte keiner Neigung, die voraussichtlich 
sehr arbeitsreiche Einzel-Aufnahme der zahlreichen 
Stücke zu unternehmen. 

Amerika hatte sich trotz sonstiger Neigung, in 
dieser Richtung zu kaufen, ziemlich zurückhaltend ge¬ 
zeigt; ein größerer Auftrag war zu spät eingegangen. 

Für den Privatsammler mag es ja oftmals schwierig 
sein, Zeit für persönliche Anwesenheit bei Auktionen 
zu finden, doch empfiehlt es sich in hohem Grade, 
jede Gelegenheit aufzusuchen, um so prächtiges Material, 
wie es unsere Versteigerungen in letzter Zeit gebracht 
haben, billig zu erwerben. Erfreulicherweise bricht bei 
den Bibliotheks-Vorständen sich mehr und mehr die 
Überzeugung Bahn, daß Bücher-Auktionen nichtnur eine 
Quelle der Belehrung, sondern auch eine Quelle gün¬ 
stiger Erwerbungen bieten. Der Privatsammler braucht 
indessen die Konkurrenz der öffentlichen Institute kaum 
zu fürchten, da die Mehrzahl derselben leider in ihren 
Anschaffungen auf so kleine Preise angewiesen ist, daß 
es ein leichtes ist, erfolgreich mit ihnen zu konkurrieren. 

Vom 19. bis 21. Juni wird, nach einer Mittei¬ 
lung der Firma Oswald Weigel, wiederum eine Ver¬ 
steigerung stattfinden, in der diesmal die „Kunstblätter 
aus dem Besitze des Klassiker-Verlegers Georg Joa¬ 
chim Göschen“ unter den Hammer kommen, so eine 
Sammlung von 424 Chodowiecki-Kupfem, Illustrationen 
auf Einzelblättern und in Werken von Ludwig Richter 
u. a. m. Dazu tritt eine reiche Sammlung deutscher 
Literatur mit vielerlei Erstdrucken, Originalausgaben 
und Seltenheiten. —g. 


Nicht nur nach dem allgemeinen Stand des Bücher¬ 
marktes zu urteilen, sondern auch in Berücksichtigung 
der in London zurzeit vorliegenden außerordentlich 
günstigen Umstände verspricht die kommende Auktions¬ 
saison eine glänzende zu werden. Die bisher er¬ 
zielten Resultate sind geeignet, diese Erwartung 
nach jeder Richtung hin zu stützen. In einer Ver¬ 
steigerung bei Sotheby am 16. März brachten Manu¬ 
skripte von Robert Bums geradezu enorme Preise, 
so u. a. „Scots Wha Hae“ 7000 M. (Brown). Im 
ganzen erzielten fünf Nummern, Handschriften des 
erwähnten Dichters enthaltend, 22800 M. Quaritch 
bezahlte für ein mit 16 vollseitigen, im Stile Geoffroy 
Torys dekoriertes Manuskript der französischen Schule 


Auktionen. 

aus dem XVI. Jahrhundert 23400 M. Dies Werk 
bildete ein Hochzeitsgeschenk für Claude de France, 
Tochter von Anna de Bretagne und Louis XII. mit 
Frangois Comte d’Angoulöme (Frangois I.). Eine eng¬ 
lische, mit 16 Miniaturen versehene schöne Hand¬ 
schrift aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
erwarb Mr. Quaritch für 19000 M. Derselbe kaufte 
gleichfalls die erste Ausgabe des „Paradise Lost" 
(2500 M.) und das Originalmanuskript von Bret Hartes 
„Barker’s Luck“ für 2240 M. und endlich ein Exemplar 
des fünften Bandes von Moliüres Werken, Glasgow 
1751, mit einer Inschrift der Lady Hamilton, der Ge¬ 
liebten Nelsons, für 620 M. Dies Buch wurde vor etwa 
Jahresfrist in einem Trödlerladen in Mile End-road für 
20 Pfennige erstanden. M. Belin aus Paris zahlte 
für drei Manuskripte aus dem XV. Jahrhundert 
28600 M. Im ganzen betrug der Erlös in runder 
Summe 234000 M., aller Wahrscheinlichkeit nach die 
höchste bisher bei Sotheby in einem Tage erreichte 
Einnahme. 

Aus der am 22. März bei derselben Firma statt¬ 
gefundenen Auktion der Bibliothek von Mr. Gray hebe 
ich den von W. Brown aus Edinburg gezahlten hohen 
Preis von 1440 Mark für eine vierte Shakespeare Folio¬ 
ausgabe hervor. Als Buchhändler werden in diesem 
Exemplar Joseph Knight und Francis Saunders be¬ 
nannt, während sonst meistens Brewster, Chiswell und 
Bentley als Verkäufer des Druckes figurieren. 

Am 22. und 23. März versteigerte Sotheby die be¬ 
rühmte Bibliothek von Mr. W. C. van Antwerp, eine 
der wenigen Büchereien, die, einmal nach Amerika ver¬ 
loren, den Weg über das Wasser wieder zurück¬ 
fanden. Der Begründer der Sammlung hatte sich in 
den Kopf gesetzt, die ersten Ausgaben der Meister¬ 
werke der englischen Literatur und die ältesten Drucke 
zusammenzubringen und führte dies ohne Rücksicht 
auf Kosten innerhalb Jahresfrist durch. Trotz der hier¬ 
durch angelegten außerordentlichen Preise erzielte die 
Bibliothek in der Versteigerung einen erheblichen Ge¬ 
winn, denn die 243 Nummern betragende Sammlung 
erreichte für jedes einzelne Buch den Durchschnitts¬ 
preis von 1300 M., im ganzen also in runden Zahlen 
327050 M. Quaritch bewilligte für ein fast intaktes Exem¬ 
plar der ersten Shakespeare-Folioausgabe 72000 M., 
während der bisherige Rekordpreis nur 34400 M. be¬ 
trug. Die zweite Folioausgabe kam auf 4200 M., 
die dritte erzielte den Rekordpreis von 13000 M., 
für die vierte wurden 1500 M. angelegt. Isaak 
Waltons „Compleat Angler", 1658 veröffentlicht und 
damals zu 1 sh. 6 d. als Ladenpreis notiert, wurde von 
Quaritch mit 25800 M. honoriert. „Vitas Patrum“, 
von Caxton übersetzt und 1495 von Wynkyn de Worde 
gedruckt, 2800 M. (Quaritch). Die vollständige Serie 
der Waverley-Romane, meistens in Originaleinbänden 
und unbeschnitten, brachte 6000 M. (Tregaskis). Sir 
Philip Sidneys „The Countess of Pembroke’s Arcadia“, 
1590 gedruckt, 6300 M. (Quaritch); Caxton, „Cicero 
on Old Age and Friendship“, 1481, 12000 M. (Qua¬ 
ritch); Defoes „Robinson Crusoe“, 1719, 3200 M. 


6 








Beiblatt. 


(Quaritch); Goldsmiths „The deserted Village“, 1770, 
wurde von B. F. Stevens für 1000 M. erstanden. „An 
Elegy written in a Country Church yard“, 1751, erste 
Ausgabe, kam auf 4100 M. (Quaritch). 

Am 20. April beendete Sotheby die dreitägige 
Auktion eines ausgewählten Teils der hervorragenden 
Bücher- und Manuskripten-Sammlung von Sir Henry 
St. John Mildmay. 580 Nummern brachten einen Erlös 
von rund 150000 M., eine Summe, zu denen acht Shake¬ 
spearewerke allein über 40000 M. beitrugen. Shake¬ 
speares „Sonnets“, gedruckt von G. Eid für T. T. und 
„verkauft von JohnWright, wohnhaft in Christ Church- 
gate“, 1609, kam auf 16000 M. (Quaritch). Einen Monat 
nach Herausgabe des Druckes wurde das Buch so gering- 
geschätzt, daß nur 5 Pence für dasselbe bezahlt wurden. 
Außer obigen Exemplaren sind nur noch vier andere der 
nämlichen Ausgabe bekannt: im British Museum, in 
der Bodleian-Bibliothek, in der „Huth-Sammlung“ 
und endlich das nach Amerika für 20000 M. gelangte 
sogenannte „George Daniel“-Exemplar. Ein defektes 
Exemplar der ersten Folio-Ausgabe Shakespeares er- 


(Von den Auktionen — Kleine Mitteilungen.) 

stand gleichfalls Quaritch und zwar für den Preis von 
13600 M. Eine zweite Folio-Ausgabe von 1632 mit 
dem ungewöhnlichen Eindruck „Printed by Tho Cotes 
for Richard Meighen“ brachte 4600 M. (Ryley). „Thordy- 
nary of Crysten Men“, 1506, ein Blatt fehlt, mit alten 
Holzschnitten, die zweite Ausgabe der Übersetzung 
aus Wynkyn de Wördes Offizin, 560 Mark (Gott- 
schalk-Berlin). Ein aus dem Ende des XVI. Jahr¬ 
hunderts stammender Band, enthaltend George Peels 
„The Love of King David and Fair Bethsabe“, 36 
Blätter stark, kam auf 3020 M. (Quaritch). „Roman 
de la Rose“, französisches illuminiertes Manuskript 
auf 329 Oktavblättern mit 84 gut hergestellten Minia¬ 
turen und Initialen, erwarb Quaritch für 2400 M. 
„Vitas Patrum“, gedruckt von Wynkyn de Worde, 1495, 
nicht ganz intakt, 1200 M. (Gottschalk-Berlin), und Jacob 
de Voraigne „Legenda Aurea“, Caxton - Druck, 1493, 
unvollkommen, nur 386 Blätter enthaltend, 3000 M., 
(Quaritch). Als intaktes Exemplar dieses Werkes ist 
nur das in der Rylands-Bibliothek bekannt. 

O. v. S. 


Kleine Mitteilungen. 


Am zweiten Pfingstfeiertage verstarb an den Folgen 
eines Schlaganfalls ein treuer Mitarbeiter dieser Hefte, 
ein kenntnisreicher und begeisterter Bibliophile: Gott¬ 
hilf Weißstein. Die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ 
pflegt keine Nachrufe zu bringen; in diesem Falle 
werden wir aber doch noch Gelegenheit finden, des 
toten Freundes zu gedenken, dessen köstliche Biblio¬ 
thek vorläufig zusammenbleiben und fachmännisch 
katalogisiert werden soll. —m. 


Beethovens Originalmanuskript der Sonate opus q 6 , 
von Leipzig aus zu 42000 M. angeboten, ist jetzt von 
Leo S. Olschki in Florenz zu dem geforderten Preise 
angekauft worden. Wie man uns schreibt, hat der seit¬ 
herige Besitzer sein möglichstes getan, das wichtige 
Manuskript Deutschland zu erhalten, aber leider blieben 
seine Bemühungen erfolglos, da die in Frage kommen¬ 
den deutschen Bibliotheks- und Museums-Leitungen 
sich nicht zu einem sofortigen Ankauf entschließen 
konnten. Wenn nun auch das wertvolle Original¬ 
manuskript nicht in Deutschland verbleibt, so ist es bei 
Commendatore Olschki doch in deutschen Händen, 
der aus diesem Grunde als geborener Deutscher und 
rasch entschlossener Käufer gegen einen überseeischen 
Kaufliebhaber den Vorzug erhalten hat. Das Manu¬ 
skript umfaßt 23 Blatt Hochfolio und ist ganz von 
Beethovens eigener Hand geschrieben. Wie erinner¬ 
lich, galt es bis vor kurzem als verschollen. Ein enthu¬ 
siastischer Bericht des Jahres 1812 sagt, daß dieViolin- 
sonate opus 96 „die übrigen Werke Beethovens dieser 
Art zurückläßt und sie fast alle an Popularität, Witz 
und Laune übertrifft“. Daß der Meister selbst etwas 
von dem Werke hielt, das beweist auch wohl der Um¬ 
stand, daß er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit 
seinen Namen Ludwig van Beethoven eigenhändig auf 


das Manuskript setzte. Wie wir durch die italienische 
Presse erfahren, hat Herr Olschki in einer eigens ver¬ 
anstalteten Soiree die Sonate von Künstlern nach dem 
Original spielen lassen und einen wahren Sturm der 
Begeisterung hervorgerufen, so daß die Zeitungen ein¬ 
mütig den Wunsch ausdrücken, daß das wertvolle Stück 
Italien erhalten bleiben möge. —a 


Einen neuen Band (für 1905—06) seines schon zwölf 
Jahre bestehenden „ Boktryckerikalender “ hat der an¬ 
gesehene schwedische Buchdrucker Wald. Zachrisson 
in Gotenburg aus seiner Druckerei und Reproduktions¬ 
anstalt in eigenem Verlag herausgegeben. Aus dem 
reichen Inhalt seien hervorgehoben: Frhm. Per Hiertas 
Aufsatz über die ersten Jahrzehnte des Buchdrucks 
außerhalb Deutschlands und des Nordens mit 35 meist 
ganzseitigen, teilweise buntfarbig illuminiertenFaksimiles 
von Wiegendrucken der Schweiz, Frankreichs, Hollands, 
Spaniens usw.; H. Lagerströms Artikel über den Stock¬ 
holmer, an französischen Vorbildern geschulten Kunst¬ 
buchbinder Gustaf Hedberg (mit 17 Einband-Illustra¬ 
tionen), der Abriß eines jungen Japaners über die Ent¬ 
wicklung des japanischen Farbenholzschnitts, mit ganz 
vorzüglichen Nachbildungen von älteren solchen in 
mattem Dreifarbendruck, endlich die „Gedanken über 
Buchausstattung“ des Herausgebers selber, der an der 
Hand von 20 Illustrationen, meist Proben aus den amt¬ 
lichen deutschen Katalogen zu den letzten Weltaus¬ 
stellungen, über deutsche Buchkunst und besonders 
die zahlreichen neudeutschen Schriftschnitte durchweg 
harte Urteile fällt. Seit Jahren war Zachrisson selbst 
bemüht, für Schweden eine neue Type zu schaffen; 
das Ergebnis, seine aus dem Zusammenwirken mit der 
Hamburger Schriftgießerei Genzsch & Heyse hervor¬ 
gegangene „Nordische Antiqua“ (eine Umbildung von 


7 








Beiblatt. 


(Kleine Mitteilungen.) 

Clir. Plantins Schrift) ist hier beim Satz dieses Buches 
zum erstenmal verwendet. Gegenüber den in Schwe¬ 
den gebräuchlichen kraftlosen Mediävaltypen besitzt 
sie mehrere Vorzüge; namentlich bewirkt sie ein kräf¬ 
tigeres, tief schwarzes Seitenbild, das sich darum mit 
besserem Erfolg mit Zierat ausstatten läßt. Auch der 
hier verwendete Buchschmuck ist neu und original: die 
Motive, aus Linien, Punkten, Kreisen, Rechtecken zu¬ 
sammengestellt und von Fräulein J. Christofferson mit 
viel Phantasie und Farbensinn entworfen, in starken, 
bunten, drei oder mehr Farben, gehen auf die alte 
schwedische Bauernkunst, besonders der Wandteppiche 
und Decken, zurück. Es sind, wie Zachrisson in Briefen 
an seinen Freund H. Lagerström, den Herausgeber 
von „Nordisk Boktryckarekonst“, wo sie veröffent¬ 
licht sind, betont, geschlossene Flächenmusttr, wie sie 
in den Pergamenthandschriften vor und zu Gutenbergs 
Zeit Vorkommen, und nur solche brauche die Buch¬ 
kunst, keine Reliefmuster. Wo, wie z. B. Seite 140— 
141, solch ein Kopfstück und Initial einem farbigen 
Bild, das entsprechende Farben aufweist, gegenüber¬ 
steht, da ist ihre Wirkung harmonisch und schön, und 
für sich betrachtet haben sie etwas Festliches, Frohes 
und Keckes, wie es zum schwedischen Nationalcharakter 
stimmt. Ob sie aber wie hier in einem Buche gewöhn¬ 
lichen Formats, ohne Stilisierung, breit und schwer, 
und ohne daß ihre Farbenbuntheit etwa durch Ein¬ 
fassungslinien oder Randleisten der betreffenden Seite, 
die in einer ihrer Buntfarben gedruckt wären, ver¬ 
mittelt ist, am rechten Platze sind? Auch ihren Ur¬ 
heber befriedigen sie wohl noch nicht: Zachrisson ist 
zurzeit dabei, ihre Wirkung teils in nur einfarbigem, 
teils in Schwarzdruck zu erproben. 

Nicht nur der ausübende Graphiker, für den es 
mannigfache Anregung bietet und durch sein Adre߬ 
buch der Buch- und Steindruckereien der nordischen 
Länder und die umfangreiche Annoncenabteilung prak¬ 
tischen Wert hat, sondern auch der Bücherfreund wird 
dies künstlerisch ausgestattete Jahrbuch mit Freuden 
begrüßen. Es kostet, in gelbbraune Leinwand gebun¬ 
den (mit Titelaufdruck in Rot und Schwarz, darunter 
ein kraftvolles Ornament) nur 5 Kr. B. 


Nach längerer Pause hat der dänische Buch¬ 
gewerbeverein wieder einen Band seiner gediegenen 
Zeitschrift „Bogvennen“ (für 1904—06) herausgegeben. 
Der allergrößte Teil seines Inhalts ist der Königlichen 
Bibliothek in Kopenhagen gewidmet anläßlich ihrer 
Übersiedelung in einen prachtvollen Neubau. In Wort 
und Bild schildern Oberbibliothekar H. O. Lange, 
Prof. Cam. Nyrop und andere ihre Jahrhunderte lange 
Geschichte, die des alten und neuen Gebäudes und 
das tägliche Leben unter Personal und Besuchern, 
wobei (des verstorbenen OberbibliothekarsDr. Chr.Bruun 
wegen seiner Verdienste um die Ordnung und biblio¬ 
graphische Aufnahme der dänischen Abteilung beson¬ 
ders gedacht ist. Unter den Grundrissen, zahlreichen 
Außen- und Innenansichten und Porträts werden nament¬ 
lich interessieren: die Bildnisse ihrer Bibliothekare, 
von Peter Schumacher an (1663), dem später als Graf 


Grififenfeld so mächtigen Staatsmann, der auch von 
hier aus in die Gefangenschaft geführt wurde, oderein 
Bild wie das von den Gewölben im Erdgeschoß aus 
Christians IV. Zeit, in welche einst seine Galeeren aus 
dem benachbarten Hafen hineinsegeln konnten und da 
in gewaltigen Ringen aufgehängt wurden, während sie 
jetzt in den Bibliotheksneubau einbezogen als Zeitungs¬ 
magazin für die Pflichtexemplare der gesamten däni¬ 
schen Presse dienen; und dann die Aufnahmen vom 
Umzug, der mittels einer interimistischen Luftbrücke 
aus Holz erfolgte, die in Höhe des dritten Stocks die 
1000 Meter voneinander entfernten Gebäude verband. 
Auf ihr wurde in elektrisch getriebenen Wagen von beson¬ 
derer Konstruktion die ganze Büchermasse befördert. 
— Angefügt sind die Berichte über die Tätigkeit des 
Vereins in den drei letzten Jahren, von dauerndem 
Wert durch Abdruck der Besprechungen der wechseln¬ 
den kleinen Ausstellungen neuer skandinavischer und 
ausländischer Werke, die er zu seinen Sitzungen anzu¬ 
ordnen pflegt, und der Gedenkrede seines Vorsitzenden 
F. Hendriksen, auf den aus Kopenhagen gebürtigen 
alten Vorkämpfer der Typographie, C. B. Lorck, 
der als des deutschen Buchgewerbevereins hochge¬ 
schätztes Ehrenmitglied 1905 in Leipzig starb; ferner 
die Jahresberichte seiner Fachschule mit Proben von 
Schülerarbeiten sowohl der Setzer- wie Drucker- und 
Buchbinderklasse. 

Ausstattung und Druck des stattlichen Quartbandes 
und die Ausführung der Bilder sind, wie es einem buch¬ 
gewerblichen Verein gebührt, untadelig. (Preis für 
Nichtmitglieder 8 Kr.) B. 


Aus dem Verlage von Georg Müller in München 
liegt uns eine Reihe höchst bemerkenswerter Subskrip¬ 
tionsdrucke vor. Zunächst die von AlfredSemerau be¬ 
sorgte Übersetzung von Antlioine de la Sales „Hundert 
Neuen Novellen“, über die der Herausgeber selbst 
sich in Heft 2 unserer Zeitschrift eingehend ausge¬ 
sprochen hat. Die Übertragung in das Deutsche hatte 
mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, ist Dr. Se¬ 
merau indes ausgezeichnet gelungen. Die Novellen 
sind in zwei stattlichen Bänden vereinigt und höchst 
reizvoll in Pergament gebunden, das auf dem Vorder¬ 
deckel inmitten eines ornamentierten Medaillons die 
Anfangsbuchstaben des Verfassernamens, auf dem 
Rücken in einem graziös komponierten phantastischen 
Säulenbau den Titel in Golddruck trägt. Besonderen 
Schmuck verleihen dem Werke die zehn Bildertafeln 
von Franz von Bayros. Bayros ist der Zeichner der 
galanten Welt; sein Stift setzt die Erzählungen de la 
Sales in figürliche Darstellungen um, aus denen uns 
der Odem der Zeit in seiner naiven Frivolität und mit 
seinem seltsamen Gemisch von derber Weltlust und 
anmutiger Grazie in voller Stärke entgegenweht. Es 
sind ganz köstliche Bilderchen, jedes einzelne zierlich 
umrahmt, künstlerisch ausgeführt und auf Japanpapier 
vollendet reproduziert. (M. 28.) 

Die Vorliebe Nietzsches für den witzigen Brief¬ 
schreiber des ancien regime, den Abbe Galiani, und 
die bewundernden Worte, die die Goncourts dem merk¬ 
würdigen Manne gezollt, haben das Interesse für den 


8 







Beiblatt. 


genialen Weltgeistlichen neu geweckt. Auszüge aus 
seinen Schriften sind verschiedenfach gebracht worden; 
Georg Müllers Verlag legt uns indessen zum erstenmal 
eine vollständige deutsche Ausgabe der Briefe des 
Abbe Galiani auf den Tisch. Heinrich Conrads Über¬ 
setzung verdient volles Lob, und die von Wilhelm 
Weigand besorgte biographische Einleitung und Glos¬ 
sierung des Textes zeichnet sich durch intime Kenntnis 
der Zeitverhältnisse unter Ludwig XV. aus. Dem 
inneren Werte des Werkes entspricht die äußere Aus¬ 
stattung. Die beiden Bände sind in rotes Halbfranz 
mit schlicht vornehmem Goldschmuck gebunden und 
tragen ein dem Charakter der Zeit entsprechendes 
Vorsatz (M. 25). Außerdem wurden 35 Exemplare auf 
van Geldern abgezogen und in Ganzpergament gebun¬ 
den (M. 75). Beigegeben sind die Porträts Galianis, 
Diderots und Grimms, sowie die der Damen d’Epinay, 
Necker und l’Espinasse. 

Von den angekündigten Novellen Sacchettis erschien 
bisher der erste Band (M. 12, in Halbpergament) in 
trefflicher Übersetzung von Hanns Floerke. Sacchettis 
Novellen bieten ein ungemein frisches und anschau¬ 
liches Bild jener florentinischen Epoche, in der inmitten 
vollster politischer Anarchie die geistige Blüte ihren 
Höhepunkt erreichte. Daß ihre Entstehung durch 
Boccaccios Dekameron angeregt wurde, gesteht er 
selbst, im übrigen liegt ihr Hauptwert in ihrem kultur¬ 
geschichtlichen Reiz und in dem, was man heute mit 
„aktuell“ bezeichnen würde: sie sind in der Tat ein 
„Spiegel der Zeit“. Die Gesamtausgabe ist auf drei 
Bände berechnet, der letzte soll die Bibliographie ent¬ 
halten. 

Einen Vergessenen hat Albert Wesselski in seiner 
Übersetzung der Proverbii in facetie des Antonio Corna- 
zano zu neuem Leben verholfen (M. 8 in Halbperga¬ 
ment). Cornazano, der etwa von 1430—1500 gelebt 
hat, konnte die Herausgabe seiner Sprichwort-Novellen 
nicht selbst mehr leiten. Sie erschienen erst 1503 in 
Mailand, vermehrt 1518, 1523 und später, zusammen 
in elf italienischen und zwei lateinischen Editionen, 
heute durchweg außerordentlich selten. 1812 veran¬ 
staltete Renouard einen Neudruck, i884AlcideBonneau 
einen zweiten, in dem er den Novellen mit Recht nach¬ 
rühmt, sie hätten „la grace de ceux de Boccace ou de 
la Reine de Navarre et le piquant de faceties de Pogge“. 
Nun liegen sie zum erstenmal auch deutsch vor, und 
man muß zugestehen, daß der Übersetzer diesen fröh¬ 
lichen Scherzen, die allerdings nicht zur Backfisch¬ 
literatur zu rechnen sind, die volle Frische des Originals 
erhalten hat. 

Auf die neue Casanova-Ausgabe des Müllerschen 
Verlags wird noch zurückzukommen sein. —bl— 


Das von Margarete Böhme herausgegebene „ Tage¬ 
buch einer Verlorenen“ ist in der hundertsten Auflage 
bei F. Fontane & Co. in Berlin in einer Luxusausgabe 
erschienen, die durch ihre Ausstattung Beachtung ver¬ 
dient. Es wurden tausend Exemplare auf echtem 
Bütten gedruckt. Die originelle Umschlagzeichnung 
stammt von Adolf Münzer in München, der Zweifarben- 

Z. f. B. 1907/1908. Beiblatt 3. — 


(Kleine Mitteilungen — Inserate.) 


Exlibris-Tausch 

Die Aufnahme einer Adresse kostet in dieser 
Rubrik für ein Heft i Mk., Jahres-Abonnement 
10 Mk., Halbjahres-Abonnement 6 Mk. 


Buchhändler Franz Bieringer, Passau 

Dr. Paul Ebers, Baden-Baden 

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tauscht folgende Exlibris (No. i nur gegen Allerbestes) 

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2. Zeichnung von H. Ebers, München 

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rung), 4 Crampe (Heliogravüre), 1 Stassen (Kupfer), 11 Stein¬ 
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9 















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KPTnTAAlA NS 3. 


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Kultur- u. Sittengeschichte. 47 S. 405 Nrn. 

Dieses Verzeichnis wird nur an Juristen, Mediziner, 
Historiker, Folkloristen und Spezialsa?nmler 

abgegeben von 

Adolf Weigel, Leipzig, Wintergartenstr. 4.1. 

I = = H= ..- 1 1= I 


druck von Büxenstein & Co. in Berlin. Die sehr hüb¬ 
schen Kopfleisten, die jede Seite schmücken, wurden 
von J. R. Nicolai in Frankfurt a. M. gezeichnet. Biblio¬ 
graphisch interessant ist die Notiz auf dem Vorblatt, 
die über die Verbreitung des Buches Kenntnis gibt; 
autorisierte Übersetzungen erschienen in Dänemark, 
Schweden, Rußland, Finnland, Böhmen, Ungarn, Polen, 
Italien, Frankreich, England, Spanien, nicht autorisierte 
in Holland und Polen. Das merkwürdige Werk hat 
sich also tatsächlich die Welt erobert. —m. 

Eine kridsche Gesamtausgabe der Werke, Briefe 
und Tagebücher von Josef von Eichendorff, veranstaltet 
von Professor Dr. Wilhem Kosch im Verein mit den 
Professoren Dr. Phil. A. Becker in Wien und Dr. August 
Sauer in Prag, soll im Verlag J. Habbel in Regensburg 
erscheinen. Der genannte Verlag richtet zu diesem 
Zwecke an alle Bibliotheken, Archive, Vereine und 
Privatpersonen, die sich im Besitze von Handschriften 
Eichendorffs oder von seltenen Einzeldrucken seiner 
Werke und Briefe befinden, die Bitte, ihm diese Mate¬ 
rialien in geeigneter Weise zur Benützung zu über¬ 
lassen. —m. 

Eine ,.internationale Buchausstellung " zu Paris 
soll von Ende Juli bis 20. Oktober dieses Jahres statt¬ 
finden. Die belgische „Revue des biblioth&ques“ liefert 
darüber ziemlich ausführlichen Bericht, aus dem dann 
ein Auszug in das „Börsenblatt für den deutschen Buch¬ 
handel“ übergegangen ist. Diese „Buchausstellung“ 
wird unmittelbar nach dem Schlüsse der diesjährigen 
Kunstausstellung in den Salons des Grand Palais in 
den Champs Elysees abgehalten werden und folgende 
Zweige umfassen: Buchhandel, Papierindustrie, Zeitungs¬ 
wesen, Plakatkunst. Die erste Sektion soll u. a. einen 
geschichtlichen Überblick über die bisherigen Aus¬ 
stellungen geben. Einen interessanten historischen 
Rückblick stellt die Sektion der Papierindustrie in 
Aussicht. Ganz besondere Anziehungskraft verspricht 
jedoch die Abteilung des Zeitungswesens auszuüben, 
indem da die lebende Presse mit der Praxis in Aktion 
zu treten ankündigt. Es werden nämlich viele Pariser 
Zeitungen einen Teil ihrer Tagesauflage innerhalb des 
Ausstellungsgebäudes selbst drucken, so daß es jedem 
Laien möglich ist, die materielle Herstellung eines 
Zeitungsblatts von Anfang bis zum Ende zu verfolgen 
und einen Einblick in den komplizierten Mechanismus 
einer modernsten Schnellpresse zu gewinnen. Fl. 


Unmittelbar vor Redaktionsschluß ging uns der 
zweite Teil des Katalogs Nr. 300 von Joseph Baer Co. 
in Frankfurt a. M. zu, auf den wir heute nur in Kürze 
aufmerksam machen können. Er enthält in 1458 Num¬ 
mern Drucke des XVI. Jahrhunderts mit Illustrationen 
deutscher Künstler, darunter zahlreiche Seltenheiten, 
auch manches bisherUnbekannte. Der stattliche Katalog 
in Großoktav ist reich mit Abbildungen geschmückt, 
und zwar ist man hierbei von dem Gesichtspunkte aus¬ 
gegangen, möglichst bisher unpublizierte und kultur¬ 
geschichtlich interessante Bilder wiederzugeben. 

—m. 


10 












































Beiblatt. 


Kataloge. 

Zur Vermeidung von Verspätungen werden alle Kataloge an die Adresse 

des Herausgebers erbeten. Nur die bis zum 25. jeden Monats ein¬ 
gehenden Kataloge können für das nächste Heft berücksichtigt werden. 

Deutschland und Österreich-Ungarn. 

R. Levi in Stuttgart. No. 169. Deutsche Literatur, 
Musik, Philosophie, Geschichte , Genealogie usw. 

Franz Malota in Wien IV. Anz. No. 3. Seltene Werke 
aus allen Wissenschaften. 

C. G. Boerner in Leipzig. No. 7. Deutsche Literatur 
seit Gottsched in zahlreichen Erstdrucken (2960 
Nummern). 

Karl W. Hiersemann in Leipzig. No. 337. Nordamerika. 
Vereinigte Staaten, Canada, Polarländer. Geschichte, 
Geographie, Reisen, Kultur. XVII. Jahrhundert bis 
Gegenwart. 

Josef Baer Sr 1 Co. in Frankfurt a. M. Bücherfreund V, 2. 
Seltenheiten. Mit Essai: Ein Indulgenzbrief Sixtus IV. 
— Kat. No. 545. Bibliotheca asiatica. I. Allgemeine 
Abteilungen. 

F. E. Lederer in Berlin-C. No. 1. Erstausgaben, Lieb¬ 
haberdrucke, Kunst, illustrierte Werke. 

Ludwig Rosenthal in München. No. 122. Alte Medizin 
(bis 1799). (3010 Nummern.) — No. 121. Musik. 
Kirchengesang, weltliche Musik, alte seltene Musik¬ 
werke, Manuskripte, Autographen (1782 Nummern). 

Franz Deuticke in Wien I. Anz. No. 62. Aus allen 
Gebieten. 

Wilh. Jacobsohn &= Co. in Breslau V. No. 220. Belle¬ 
tristik, Kunst, Geschichte, Geographie, Schlesien, 
neuere Sprachen, Varia. 

Emil Hirsch in München. No. 48. Deutsche Literatur 
seit Gottsched. Erstausgaben, Übersetzungen, Auto¬ 
graphen (1063 Nummern). 

Rudolf Haupt in Leipzig. No. 14. Lnkunabelkunde. 
Zeitschriften, Sammelwerke, Typographie des XV. 
Jahrhunderts, Bibliographie, Reproduktionen. 

Süddeutsches Antiquariat in München. No. 94. Deutsche 
Literatur des XVLLL. und XLX. Jahrhunderts. 
L A.—J. und Zeitschriften. Erstdrucke, Seltenheiten. 

Woldemar Kunis in Dohna/Sa. No. 2. Aquarelle und 
Handzeichnungen alter und neuer Meister. 

Ernst Frensdorff \rv Berlin-SW. Anz. No. 22. Litera¬ 
tur, Berolinensien , Kuriosa, Sittengeschichte, Kunst, 
Theater usw. — No. 23. Kulturgeschichte. Deutsche 
Literatur. 

Leo Liepmannssohn in Berlin-SW. 11. No. 164. Deutsche 
Literatur von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart; 
Literaturdenkmäler und Porträts. II. Teil: I—P mit 
Anhang: Musikalische Kompositionen deutscher Dich¬ 
tungen. — No. 165. Musiker-Biographien. 

List Francke in Leipzig. No. 393. Theologie. 

Gustav Fock in Leipzig. No. 309. Deutsche Literatur 
von Klopstock bis zu Goethes Tode. Erst- und Früh¬ 
ausgaben. 

Ottmar Schönhuth in München. No. 7. Literatur und 
Kunst. Kultur, Sitte, Bavarica, Erotica, Geo¬ 
graphie usw. 

Max Jaeckel in Potsdam. No. 21. Deutsche Literatur; 
Varia. 


(Kataloge — Inserate.) 

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Topographien, Landkarten, Städteansichten, 
Autographen. 

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voran die Zeitschriften. 

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Werke. — Kunstblätter. 

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Amerika, Asien, Afrika. 

Wir bitten umsonst und postfrei zu verlangen. 


11 





















Beiblatt. 


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Sittengefdncbte 

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12 






























Beiblatt. 


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Das Heidelberger Schloß in der Kunst. 

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Für die Anzeigen verantwortlich: K. Dieckmeyer, Leipzig, Hospitalstr. 27. Verlag von Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig. 

Druck von W. Drugulin in Leipzig. 


Mit Extrabeilagen von Alfred Janssen in Hamburg und Martin Oldenburg in Berlin SW. 







































Prospekt 


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TE TOHUNGA 

Alte Sagen aus Maoriland 

In Bild und Wort von 

WILHELM DITTMER 

Verlag Alfred Janssen, Hamburg 


U nter diesem Titel ist ein Werk er¬ 
schienen, das alte Sagen aus Neusee¬ 
land wiedererzählt und in Bildern anschau¬ 
lich macht. 

Der Verfasser und Künstler hat sieben 
Jahre auf Neuseeland gelebt und oft tief im 
Innern des Landes die Gastfreundschaft der 
Maori genossen. Dabei hat er auf ihre alten 
Sagen gelauscht, die nur noch im Munde 
weniger alter Tohunga (Priester) leben. 






Die Eindrücke dieser Umgebung spie¬ 
gelnd, entstanden dort die Zeichnungen und 
die Niederschrift der alten Sagen, die jetzt 
in diesem Buche zusammengefaßt ein Denk¬ 
mal einer beinahe schon ausgestorbenen 
Kultur bilden, einer Kultur, die in ihrer 
Schlichtheit und Größe bewundernswert 
ist und das Interesse lebhaft fesselt. 

Das Werk umfaßt 60 Bilder, davon 
30 Vollbilder, und hat einen Umfang von 
130 Seiten. Es ist auf Kupferdruckpapier 
gedruckt. 

Es sind von dem Werke 200 numerierte 
und mit einem Exlibris versehene Exem¬ 
plare hergestellt, die in Leder gebunden 
zum Preise von 25 Mark abgegeben werden. 
In Leinen gebundene unnumerierte Exem¬ 
plare kosten 20 Mark. 




VORWORT 


Mit den Zeichnungen fing es an. 

Bruchstückweise klang aus den Worten einiger 
alter Maori eine verschollene Welt. Die fremde 
Natur ringsumher ließ sich schweigend bewundern; 
in ihren Einsamkeiten wohnte die Sehnsucht. 

Von Maorikunst hatte ich nie gehört; doch als 
sie mir geboten wurde, hatte ich keine Wahl mehr. 
Als ich sie zuerst erblickte, stieß sie mich ab. Was 
aber half es ? Die Tage mußten benutzt werden. 
Die gewaltige immergrüne Natur war so köstlich, 
und verlockend war ihre Einladung, das Leben in 
ihr zu vergeuden, wie sie selbst vergeudete. Davor 
mich zu schützen, entstanden die ersten Skizzen 
nach alten Schnitzereien. Es wurden mehr. Mir 
zusehend, erzählte ein alter Maori von den Taten 
seines geschnitzten Urahns, den ich skizzierte. 

Es waren gewaltige Taten. 

Am einsamen Lagerfeuer wurden sie in mir wieder 
lebendig, und die Phantasie suchte mit neuen For¬ 
men ungelenk etwas Neues auszudrücken. 

So entstand die erste Zeichnung. 

Bücher lehrten mich die alten Sagen; doch die 
abgebrochenen Erzählungen meines alten Maori¬ 
freundes zeigten sie lebendig meinem Auge. Die 
Zeichnungen mehrten sich; planlos, zwecklos. 

Was zuerst mich abgestoßen, zog jetzt mich an; 
der Urwald träumte dazu, der Fluß rauschte und ein 
fremdes Volk erweckte Interesse und Freundschaft. — 

Da kam eines Tages ein Reisender aus Europa 
durch das Land; er sah die Zeichnungen und sprach 
das Wort: „Buch machen!“ Und das magische Wort: 
„Ich verlegs!“ Dann ging er wieder nach Europa. 
Es ist vier Jahre her. 


Weil diese Worte im fernen Lande gesprochen 
wurden, ist dies Buch entstanden. Sonst wäre es 
den ersten paar Zeichnungen wohl ergangen wie 
allen Dingen in der großen Natur: Verwelkt, ver¬ 
weht; — ich glaube, es wäre schade darum gewesen. 

Ein Bruchstück nur der alten Sagen enthält dies 
Buch: Es will lebendig erhalten, was ich von meinen 
tätowierten Freunden in langen, langen Tagen und 
Nächten eines sonderbar fremden Lebens empfangen. 
Das wenige, was in dem Buche neu gesagt ist, macht 
auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch; es sollen 
nur Begleitworte sein zu den Bildern und ihnen den 
Weg bahnen. 

Und doch wäre vielleicht nichts aus dem Buche 
geworden ohne die Freunde, die sich die Zeichnun¬ 
gen allmählich erworben, die ihre Hilfe spendeten 
und der schwankenden Hoffnung, die weltfremden 
Ideen künstlerisch festzuhalten, Zuversicht gaben. 

Zuletzt wurde alles fertig, und die Trennung 
kam — von der neuen Heimat zurück zur alten. 

Ich aber denke am liebsten an den Anfang zurück: 
Als am breiten Flusse unter der Weide das Zelt 
aufgeschlagen war, vom Maoridorfe fröhliche Laute 
herüberschallten und langsam das Verständnis für 
eine neue Welt in mir erwachte. An die Zeit, da 
jeden Morgen die Sonne goldig über die Hügel auf- 
stieg und nachts die Sterne sich im Flusse spiegel¬ 
ten; da allmählich die Weide sich gelblich färbte 
und mit ihren fallenden Blättern das Zelt vergoldete, 
das Lagerfeuer fröhlicher knisterte, der Rauch blauer 
in die Lüfte stieg und die ersten Zeichnungen ent¬ 
standen. 



Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig. 





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ILLUSTRIERTE 
GESCHICHTE 
DES KUNSTGEWERBES 

HERAUSGEGEBEN IN VERBINDUNG MIT 
WILHELM BEHNCKE • MORIZ DREGER 
OTTO v. FALKE • JOSEF FOLNESICS 
OTTO KÜMMEL • ERICH PERNICE 
UND GEORG SWARZENSKI 
VON GEORG LEHNERT 



VERLAG VON MARTIN OLDENBOURG • BERLIN 



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W eite Kreise wenden heute dem KUNSTGEWERBE wachsendes Interesse 
zu. Nicht wie früher der Sammler nur, sondern jeder Gebildete verfolgt gespannt 
die überraschende Entwicklung der angewandten Kunst, die stets neue Gebiete 
der menschlichen Tätigkeit sich erschließt. Das Zimmer, das wir bewohnen, der 
Hausrat, dessen wir uns bedienen, das Gewand, das unsbekleidet, alles in unserer 
Umgebung, das nicht der Natur und der Kunst selbst entspringt, soll heute künst¬ 
lerischen Inhalt empfangen. Und diese Grundsätze, bisher nur für die Wohnungen 
weniger Bevorzugten in Geltung, finden jetzt auch auf das Heim des Bürgers 
Anwendung: das Kunstgewerbe ist auf dem besten Wege, eine gesunde Volks¬ 
kunst zu werden, und überall in der ganzen Welt findet es eine Beachtung, die 
selbst seine eifrigsten Vertreter noch vor wenig Jahrzehnten nicht erwartet hätten. 

Aber aus dem vielen Neuen, das auf kunstgewerblichem Gebiete jeder Tag 
bringt, ist es dem Nichtfachmann fast unmöglich, ein klares Bild zu gewinnen. Ihm 
fehlt dazu vor allem der Einblick in die Entwicklung, die zum heutigen Stande des 
Kunstgewerbes geführt hat. Denn wenn von allem Gegenwärtigen gilt, daß es 
ohne Kenntnis seiner Geschichte nicht zu begreifen ist, so gilt das ganz besonders 
von dem heutigen Kunstgewerbe, das die guten Grundsätze unserer alten Meister 
wieder aufgenommen hat. Während wir aber seit langem zahlreiche 'Kunstge¬ 
schichten 4 besitzen, die sich vornehmlich mit den Gebieten der sog. reinen Kunst: 
Malerei, Plastik und Architektur befassen, fehlte bisher eine GESCHICHTE DES 
GESAMTEN KUNSTGEWERBES, die von wissenschaftlichem Geiste getragen, 
in allgemein verständlicher Darstellung zeigt, wie sich das große Ganze im Zu¬ 
sammenhänge entwickelt hat, wie es in steter Wechselbeziehung zu den treiben- 


Gitter aus Schmiedeeisen an einem Privathause in Prag 



















GLASVASE VON 
EMILE CALLE 



□ Becher aus Kokosnuß in Silberfassung □ C. F. Morave, Schmuck □ Becher mit grav. Nautilussehale □ 


den Kräften aller Zeiten gestanden hat und selbst mit ein Ausdruck der Kultur¬ 
epochen gewesen ist. Um ein solches, den weitesten Kreisen der Gebildeten 
dienendes Werk zu schaffen, hat sich eine Reihe von Gelehrten mit dem Heraus¬ 
geber vereinigt zur Bearbeitung der in meinem Verlage soeben erscheinenden 

ILLUSTRIERTEN GESCHICHTE DES KUNSTGEWERBES. 

Das Kunstgewerbe, von seinen ersten Anfängen bis zum Ausgange des klassi¬ 
schen Altertums, schildert Professor Dr.ERICH PERNICE in GREIFSWALD. Ihm 
schließt sich Dr. GEORG SWARZENSKI, Direktor des Städelschen Institutes in 
FRANKFURT AM MAIN, mit einer Darstellung des Kunstgewerbes in der früh¬ 
christlichen und byzantinischen Zeit an. Professor Dr. OTTO VON FALKE, Di¬ 
rektor des Kunstgewerbemuseums der Stadt KÖLN AM RHEIN, bespricht die 
Entwicklung des Kunstgewerbes während des Mittelalters. Zwischen Mittelalter 
und Neuzeit findet eine zusammenhängende Schilderung des asiatischen Kunst¬ 
gewerbes in seiner ganz eigenartigen, vom Abendlande sehr wenig berührten 
Entwicklung Platz, bearbeitet von Dr. OTTO KÜMMEL, dem zurzeit in Japan 
weilenden Direktorialassistenten des Königlichen Museums für Völkerkunde 
in BERLIN. Direktor Dr. GEORG SWARZENSKI eröffnet die Neuzeit mit der 
italienischen Renaissance; ihm folgt Dr. WILHELM BEHNCKE, der langjährige 
Direktorialassistent des Königlichen Kunstgewerbemuseums zu BERLIN, mit der 
Renaissance in Mittel- und Nordeuropa. Privatdozent Dr. MORIZ DREGER, 
Kustos am k. k. ÖsterreichischenMuseum für Kunst und Industrie in WIEN, kenn¬ 
zeichnet den Weg, den das Kunstgewerbe im Barock und Rokoko genommen hat, 
Regierungsrat JOSEF FOLNESICS, ebenfalls Kustos am k. k. Österreichischen 
Museum für Kunst und Industrie in WIEN, führt die Darstellung weiter bis zum 
Ausklingen der Biedermeierzeit. Der Herausgeber, Dr. GEORG LEHNERT, Ge¬ 
schäftsführer des Vereins für Deutsches Kunstgewerbe zu BERLIN, schließt das 
Ganze, das er mit einer Übersichtüber das Kunstgewerbe eingeleitet hat, mit einer 
Würdigung dessen, was die angewandte Kunst seit 1850 geleistet hat. □ 















□ Attische Tongefäge □ 

Eine geschichtliche Darstellung des Kunstgewerbes kann der bildlichen Bei¬ 
gaben nicht entbehren. Denn in den Erzeugnissen des Kunstgewerbes spielen 
zweckentsprechendes Material, künstlerisch schöne und technisch richtige Form 
dieHauptrolle; auf sie also hat unserWerk immer undimmer wieder hinzuweisen. 
Dazu ist das Bild unerläßlich. Eine große Zahl von ABBILDUNGEN, sowohl im 
Text als auch auf besonderen Tafeln, ist deshalb demWerke beigegeben. Sie sind, 
wo es nur möglich war, nach eigenen Aufnahmen der Originale selbst gefertigt. 
Das ist oft mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen, aber es ist so gelungen, 
Abbildungen von Objekten beizubringen, die sich sonst nicht der Allgemeinheit 
zugänglich erweisen. Indessen nicht nur Material und Form sind für das kunst¬ 
gewerbliche Erzeugnis von Bedeutung, sondern auch die Farbe. Deshalb sind 
die wichtigsten Abbildungen FARBIG wiedergegeben, zum größten Teil nach 
DIREKTEN FARBIGEN AUFNAHMEN, ein Verfahren, das den Reiz der Farbe in 
vollerNaturtreue festhält und einen nicht zu unterschätzenden Vorzug des Buches 
bildet. Die diesem Prospekt beigegebenen farbigen und schwarzen Abbildungen 
können natürlich nur einen annäherndenEindruck von der Illustration des Werkes 
selbst, das auf wesentlich besserem Papier gedruckt wurde, geben. Anmerkungen 
und Literaturnachweise erteilen am Schlüsse des Werkes dem, der sich über 
einzelne Gebiete weiter unterrichten will, entsprechende Fingerzeige. □ 

So hoffe ich, mit der in meinem Verlage erscheinenden ILLUSTRIERTEN GE¬ 
SCHICHTE DES KUNSTGEWERBES ein Werk zu schaffen, das nicht nur den 
Kreisen des Kunstgewerbes dienen soll, sondern vor allem jedem Gebildeten 
willkommen sein wird, der dem kräftig sich entwickelnden Kunstgewerbe un¬ 
serer Tage Interesse entgegenbringt und aus der Kenntnis seiner Geschichte 
heraus die Fähigkeit gewinnen will, an dem Heute mit Verständnis teilzunehmen. 



□ Speisezimmer von Richard Riemerschmid □ 

DIE ILLUSTRIERTE GESCHICHTE DES KUNSTGEWERBES 
gelangt in 8 broschierten Abteilungen vom März 1907 ab zur 
Ausgabe und wird zwei starke Bände mit zahlreichen Text¬ 
abbildungen und über 100 Tafeln, von denen ca .'50 farbige, um¬ 
fassen. Der Druckausstattung wurde die weitgehendste Beach¬ 
tung geschenkt; Abteilungsumschlag und Einband, für den die 
Decken und das Vorsatzpapier nach Abschlug des Werkes von 
der Verlagsbuchhandlung zu beziehen sind, entwarf Professor 
EMIL ORLIK in Berlin. Der Preis jeder Abteilung beträgt M. 4 . 25 . 
Alle Buch- und Kunsthandlungen nehmen Bestellungen auf die 
'Illustrierte Geschichte des Kunstgewerbes“ entgegen und legen 
auf Wunsch auch die erste Abteilung gern zur Ansicht vor. 

MARTIN OLDENBOURG 

□ VERLAGSBUCHHANDLUNG, BERLIN □ 























MORGEN 


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WOCHENSCHRIFT FUER DEUTSCHE KULTUR 

BEGRUENDET UND HERAUSGEGEBEN VON 


WERNER SOMBART 


RICHARD STRAUSS 


HUGO VON HOFMANNSTHAL 


GEORG BRANDES 


RICHARD MUTHER 


UNTER STAENDIGER MITWIRKUNG VON: 

W. BOELSCHE / O. J. BIERBAUM / GEORG SIMMEL / PROF. 
EULENBURG/PROF. WEBER/PROF. v. TSCHUDI/MAX LIEBER- 
MANN / SCHNITZLER/FRANK WEDEKIND / C. HAUPTMANN / 
SALTEN /MAETERLINK / STRINDBERG / BERNHARD SHAW/ 
LILIENCRON 


HEFT 1 ERSCHEINT AM FREITAG / 14. JUNI 


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JAHRESABONNEMENT 20 MARK 

JEDES HEFT BRINGT AUSSER DER RUNDSCHAU 
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XI. Mr B . 1907/1908 


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Monatlich ein Heft. — Der Jahrgang läuft von April bis März. 

Abonnementspreis für den Jahrgang 36 Mark (21,60 Fl. ö. W., 45 Fr., 36 sh., 21,60 Rb.) 
für das Quartal (drei Hefte) 9 M. — Einzelne Hefte zu erhöhten Preisen. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, sowie durch die deutschen l’ostanstalten. 


XI. Jahrgang 1907/1908 

Inhalt des 4. Heftes 

(Juli 1907) 

Seit^ 

Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter 

deutscher Anstalten. Von Heinrich Heidenheimer. 139 

William Morris. Sein Leben und Wirken. IV. Von Otto von Schleinitz. Mit 

12 Abbildungen.146 

Beiträge zur Grabbe-Forschung. II. Zu Grabbes ,,Aschenbrödel“. Entstehung 

und Quellen. Von Arnulf Perger.166 

Die ältesten Lieder des steiermärkischen Archivs. Von Jacob Kelemina . . 170 

Chronik.173 

Die Festschrift der K. K. Geographischen Gesellschaft in Wien (A. Schlossar) . 173 

Über vier wenig bekannte Kupfer der 1808-Ausgabe von Goethes Faust (L. Hirsch¬ 
berg). Mit 4 Abbildungen.174 

Das Massacre von Glencoe (L. T.).176 

Zur dänischen und norddeutschen Druckergeschichte (G. Bargum).177 

Eine neue englische illustrierte Don Quixote-Ausgabe (M. Maas).178 


Beiblatt. 

Rundschau der Presse. Von A. Hortzschansky (S. 1 — 5). — Von den Auktionen (S. 5—6). — 
Kleine Mitteilungen (S. 6—9). — Kataloge (S. 10—11). — Inserate (S. 8—12 und Umschlag). 





















































































































ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

11 . Jahrgang 1907/1908. _ Heft 4: Juli 1907. 


Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr 

verwandter deutscher Anstalten. 

Von 

Dr. Heinrich Heidenheimer in Mainz. 


m Jahre 1784 gebot eine Ver¬ 
ordnung der Kurfürstlich Main¬ 
zischen Landes-Regierung, im 
Namen des Kurfürsten Fried¬ 
rich Karl Joseph Freiherrn von 
Erthal, da die meisten Denk¬ 
mäler des Altertums, die im Kurfürstentum 
vorhanden, „bestehend in alten Steinschriften, 
Figuren, Opferaltären, Särgen mit Inschriften, 
Säulen und dergleichen“, „leider! aus Mangel 
behöriger Aufmerksamkeit, und Fürkehr ent¬ 
weder muthwillig zu Grunde gerichtet, oder 
ausser Landes verbracht worden“ seien, so habe 
man „dergleichen schätzbare Uiberbleibsel des 
Alterthums“ wohl aufzubewahren und vor der 
Verderbnis so viel als mogflch in Sicherheit 
zu bringen. Von „allen und jeden Stücken, sie 
mögen an öffentlichen Gebäuden, Kirchen, 
Thürmen, Mauern, oder sonsten in Privathäusern, 
Gärten oder Klöstern eingemauert, oder unein¬ 
gemauert sich befinden“, sei eine nach Möglich¬ 
keit getreue Abschrift zu nehmen und der Re¬ 
gierung einzusenden. 

In demselben Jahre hatte eine Verfügung 
der Regierung erklärt: der Kurfürst wünsche 
„die Künste und Wissenschaften immer in 
einen größeren Flor, und blühendere Aufnahme“ 
Z. f. B. 1907/1908. 


zu bringen. Dazu trage „die Aufbewahrung 
und gründliche Erforschung der von uralten 
Zeiten in den kurfürstlichen Landen häufig 
Vorgefundenen römischen Alterthümer und alter 
Münzen“ bei. Es müsse daher alles, was an 
alten geschnittenen Steinen, an Münzen, 
Groschen, Blechmünzen, Talern, Goldgulden, 
Schaustücken und sonstigen Altertümern ge¬ 
funden werde, oder jemandem zuhanden komme, 
angezeigt werden; man würde es, gegebenen 
Falles, nach seinem „innerlichen Werth“, allen¬ 
falls sogar mit einem der Seltenheit ange¬ 
messenen Aufgelde bezahlen. 

Auch den Archivalien wandte die Regierung 
ihre Aufmerksamkeit zu. Im Jahre 1785 be¬ 
schloß man, das Landesarchiv „in einen voll- 
kommnen Stand“ zu setzen; es habe nicht 
allein dem Staate, sondern auch jeder Stadt und 
Gemeinde, jedem Untertanen und Einwohner 
„Beweise, Abschriften, Hilfe, und Unterstützung 
zu leisten“. Auch von Einzelnen etwa angelegte 
Sammlungen und Ausarbeitungen geschicht¬ 
licher, genealogischer und sonstiger Nachrichten, 
die den Kurstaat und seine Gerechtsame be¬ 
träfen, suchte die Regierung durch diese Ver¬ 
fügung für das Archiv zu erlangen; sie ver¬ 
pflichtete die Beamten, nach solchen sich 

19 







140 Heidenheimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten. 


umzutun und stellte für in dieser Hinsicht be¬ 
wiesenen besonderen Diensteifer eine Belohnung 
in Aussicht. Von den Sammlern und Be¬ 
arbeitern aber meinte dieser Erlaß: es müsse 
ihnen selbst daran gelegen sein, daß ihre Aus¬ 
arbeitungen „der Nachwelt zum Besten, und 
zu ihrem eigenen Ruhme und Andenken, zum 
nützlichen Gebrauche verwendet, und aufbe¬ 
wahret, auch deren Namen dem höchsten 
Landesfürsten zur Belohnung ihrer Verdienste 
bekannt gemacht“ würden. Aus den Proto¬ 
kollen, Urkunden, Hausgeschichten von Stif¬ 
tern und Klöstern, Pfarrbüchern und Pfarr- 
akten, „so weit dieselbe hinauf reichten“ — so 
bestimmte im Jahre 1786, wohl analog einer 
gleichzeitigen oder früheren Verfügung für das 
andere mainzische Gebiet ein Erlaß des erz- 
bischöflich mainzischen General-Vikariats an 
das geistliche Gericht zu Erfurt, an alle 
Kommissariate und an die Landdechanten des 
Untererzstiftes, — sollten nach dem Wunsche 
des Kurfürsten, von den Vorständen dieser 
Anstalten und der Pfarreien, alle merkwür¬ 
digen Ereignisse, welche die kirchlichen Zu¬ 
stände, die Mainzer Geschichte oder Diözesan- 
verfassung und die Privatgeschichte des Stiftes, 
des Klosters oder der Pfarrei angingen, „mit 
Namen, Jahr und Tag“ ausgezogen und einge¬ 
schickt werden. Die erzbischöflich mainzischen 
Verordnungen aus dem XVIII. Jahrhunderte 
seien auszulassen. Von den eingesandten Nach¬ 
richten aber würde kein schädlicher Gebrauch 
gemacht werden, ja, es solle sogar anheim¬ 
gestellt bleiben, Geschichten oder Anekdoten 
zu übergehen, deren Mitteilung „mit einigem 
Grunde“ dem „anvertrauten Corpori auf irgend 
eine Art präjudizirlich“ erscheinen könne. 
In der „Neuen Verfassung der verbesserten 
hohen Schule zu Mainz“ vom Jahre 1784 er¬ 
klärte der Kurfürst: es sei der Anfang zu 
einem Münz- und Medaillenkabinete gemacht, 
„um die Geschichte daraus zu erläutern“ und 
den Lehrbegierigen auch in der Numismatik 
Unterricht zu erteilen. Aus der allgemeinen 
Weltgeschichte, heißt es weiterhin in diesen Sta¬ 
tuten, abstrahiere der philosophische Geschichts¬ 
forscher „die Geschichte der Menschheit“ und 
sehe darin „die Stufen und Ursachen der 
physikalischen, moralischen und politischen 
Kultur“. Die historisch-statistische Fakultät 
solle sich darum bemühen, daß die inländische 


Geschichte immer mehr aufgeklärt und zum 
Besten der studierenden Einheimischen, sowie 
als Ergänzung der allgemeinen deutschen Ge¬ 
schichte in Zusammenhang gebracht „und mit 
den erfoderlichen Beweisen versehen werde“. 
Und einer von den Leitsätzen, die der Pro¬ 
fessor der Universalgeschichte Nicolaus Vogt 
im Jahre 1785 für eine öffentliche Prüfung 
drucken ließ, besagte gleichfalls: die Geschichte 
sei als Philosophie der Erfahrung anzuwenden; 
verflossene Zeiten seien mit den gegenwärtigen 
zu vergleichen. 

Aus diesen Verordnungen und Anschau¬ 
ungen erkennt man den geschichtlich gerich¬ 
teten Geist dieser Epoche der Mainzer Ver¬ 
gangenheit, den Interesse, Dankbarkeit und 
Ehrfurcht zum Leben erweckt und genährt 
hatten. Diese erzeugte ein lebendiger Sinn 
für die Gegenwart, eine Lebensauffassung, die 
das Vorhandene aus dem Vergangenen be¬ 
greifen und durch diese Erkenntnis gleichsam 
legitimieren wollte. Dieser lebendige Sinn für 
die Gegenwart aber verlangte, mit der großen 
politischen, sozialen und literarischen Welt in 
jedem Augenblick als Hineinsehender in Ver¬ 
bindung sein zu können. Mit Grund hat 
Johannes Müller in einem Briefe vom Jahre 
1792 seinem Bruder aus Mainz geschrieben, 
daß der Rheinländer in politisch-sozial-revolu¬ 
tionärer Hinsicht „Liebe zu neuen Dingen“ 
habe. Ein Zeitalter, das eine Zeitschrift wie 
Jakob Iselins, des herrlichen Baseler Philan¬ 
thropen, mit wohlberechtigtem Titel sich dar¬ 
bietenden „Ephemeriden der Menschheit“ her¬ 
vorbrachte und trug, das auf pädagogischem, 
theoretisch-politischem und sozialem Gebiete 
sich unablässig regte, bedurfte natürlich auch des 
vielfältigeren Aufkommens rascherer Ver¬ 
mittelungsorgane, als Bücher dies sein konnten, 
der Vermehrung von Zeitungen und Zeit¬ 
schriften. Im Jahre 1780 begann daher — ich 
berühre hier nur den Mainzischen Verhältnissen 
Naheliegendes — der Verleger Deinet in Frank¬ 
furt a. M. eine Wochenschrift unter dem Titel 
„Was neues in der Welt, Statistik, Kirche, 
Ökonomie? . . .“ herauszugeben; in demselben 
Jahr erschien in dieser für die Interessen Süd¬ 
deutschlands so wichtigen Stadt „Der rothe 
Wagen, eine universelle Wochenschrift“. Schon 
im Jahre 1755 wurden von dem nachmals 
so geschätzten Staatsmann und Publizisten 





Heidenheimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten. 141 


Friedrich Carl von Moser „Wöchentliche Frank- 
furthische Abhandlungen zu Erweiterung der 
nothwendigen, brauchbaren und angenehmen 
Wissenschaften“ veröffentlicht, die — wie es im 
Vorberichte dieser Zeitschrift heißt — das 
„Brauchbare der Wissenschaften und den Ein¬ 
fluß in das Leben des gemeinen Wesens“ be¬ 
zweckten. Vornehmlich Aufsätze über Staats¬ 
und Völkerrecht, Polizei-, Kameral-, Öconomie- 
und Handlungswesen, Geschichte und die 
mathematischen Wissenschaften sollten be¬ 
handelt werden. Die eigentliche sogenannte 
Litteratur sei ausgeschlossen. Aus dem Sinne 
für Gemeinnützigkeit war auch bei der Ver¬ 
besserung der Mainzer Universität im Jahre 
1746 durch den Kurfürsten Johann Friedrich 
Karl Reichsgrafen von Ostein die Bestimmung 
geboren, daß die reich vermehrte Bibliothek 
zum öffentlichen Gebrauche der Einwohner¬ 
schaft dienen solle; man finde da, was in 
Europa oder von den hauptsächlichsten Uni¬ 
versitäten literarisch Wissenswürdiges ausgehe 
(omne illud experiri poterunt, quod aut in Eu¬ 
ropa praecipuum aut in celeberrimis Universitati- 
bus quoad litteraturam notatu dignum occurret); 
auch würden verschiedenartige Tages- und Mo¬ 
natsschriftenjeweilig ausgelegt (porrigentur enim 
singulis diebus varii generis novellae tarn quoti- 
dianae, quam sequentes menstruae). Und was 
war seit dieser Zeit nicht alles für das innere 
und äußere Leben des „gemeinen Wesens“ 
Brauchbares, Erhebendes und Zierendes ge¬ 
pflanzt worden und zur Blüte gediehen auf 
dem literarischen Boden Deutschlands und auf 
dem seiner wichtigsten Literaturnachbarn, der 
Franzosen und Engländer! Wie eingreifend 
für das Allgemeinerwerden der Bildung hatten 
die Enzyklopädisten in Frankreich und von 
dort aus gewirkt, wie hatte der „Familien¬ 
roman“ von England her die Saiten der emp¬ 
findenden Herzen auf dem Kontinente getroffen 
und zu seiner Nachahmung getrieben, und 
welche Schätze der reinen Poesie, der kriti¬ 
schen Betrachtung, der Versenkung in die 
Antike, welche Hoheitsideale der Humanität 
wurden geschaffen und ausgestreut in un¬ 
serem Vaterlande seit den Tagen, in denen 
die Anfänge von Klopstocks Messiade er¬ 
schienen, bis zu jener Periode, in der Goethe 
seine unsterbliche „Iphigenie“ der Vollendung 
entgegenführte! Und dazu die vielfachen Be¬ 


strebungen und Leistungen in Handel, Gewerbe 
und Industrie. 

Aus diesen Bedingungen entstanden in der 
zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in 
Deutschland an vielen Orten Lesegesellschaften. 
Wie ein Heißhunger nach Bildung muß es 
durch unser Vaterland gegangen sein, und 
„Aufklärung“ war das Bekenntniswort dieser 
Vereinigungen und Institute. Wie verschieden 
sie in Anordnung und Benutzungsvorschriften 
waren, erkennt man selbst bei kurzer Einsicht¬ 
nahme der nicht wenigen Mitteilungen, die das 
gewichtige „Journal von und für Deutschland“' 
z. B. in den Jahrgängen 1785 und 1786 ent¬ 
hält. So erfahren wir denn in dem „Appro- 
birten Plan zu einer in den Herzogi. Sächs. 
Hildburghäusischen Landen zu etablirenden 
freywilligen Lesegesellschaft“ aus dem Jahre 
1786, daß durch sie, nach dem Wunsche der 
Durchlauchtigsten Herrschaften „die Fortschritte 
der Aufklärung und Sittenverbesserung er¬ 
leichtert und beschleunigt werden“ sollten; wir 
stehen somit hier einem Institute gegenüber, 
das gleichsam unter staatlichen Auspizien in 
das Dasein trat. Mitglied konnte jeder Be¬ 
wohner des Landes und jeder auswärts 
Wohnende werden; die Ausleihung erfolgte 
wöchentlich einmal in Hildburghausen; die 
Auswärtigen hatten eine Stelle daselbst zu be¬ 
zeichnen, an die sie die Bücher schickten und 
wohin für sie andere abgegeben werden sollten. 
Jedem Mitgliede stand es frei, Schriften zur 
Anschaffung vorzuschlagen. In den Land¬ 
städten sollte ein Unterdirektor bestellt werden, 
der von dem Hauptdirektor des Instituts die 
Bücher zur weiteren Verteilung zu erhalten 
habe. Am Ende des Jahres seien diese unter 
den Mitgliedern zu versteigern, und der Ertrag 
zur Anschaffung neuer Werke zu verwenden. 
Ein halbjähriges gedrucktes Verzeichnis der 
angeschafften Bücher ward jedem Mitgliede 
zugestellt. Der Jahresbeitrag betrug 4 Taler. 
Für die Anschaffung der Schriften aber war 
maßgebend, daß sie die neuesten, aus den ver¬ 
schiedenen Teilen der Wissenschaften dar¬ 
stellten, und daß nur solche gewählt würden, 
die allgemein interessieren konnten. 

Ohne den Schutz einer Obrigkeit bestand 
schon seit dem Jahre 1772 eine Lesegesell¬ 
schaft in Lüneburg; im Jahre 1786 umfaßte 
sie ungefähr 100 Personen. Ihre Mitglieder 



I42 Heidenbeimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten. 


hatten 64 gute Groschen als Jahresbeitrag zu 
zahlen, und jährlich wurden 300—400 Bücher 
zum Zirkulieren angeschafft. „Man wählt“, sagt 
der Berichterstatter im „Journal von und für 
Deutschland“, „nicht bloß solche, die man für 
gut hält, sondern auch schlechte, wenn sie nur 
von einer gewissen Seite merkwürdig sind. 
Die drey sogenannte Brodstudien sind gänz¬ 
lich ausgeschlossen, und werden Bücher dar¬ 
aus nur in so weit zugelassen, als ihr Gegen¬ 
stand und die Behandlung desselben noch 
innerhalb den Gränzen der Philosophie (im all¬ 
gemeinen Verstände genommen) enthalten 
sind. Schöne Wissenschaften, Geschichte, 
Statistik, Naturhistorie sind die Fächer, wor¬ 
aus die meisten Bücher genommen werden.“ 

Hatten die Hildburghausener und die Lüne¬ 
burger Lesegesellschaft keinen Leseraum, so 
fand einen solchen, wer, für einen Jahresbei¬ 
trag von 6 bis höchstens 8 Gulden, Mitglied 
der Lesegesellschaft in Karlsruhe in Baden ge¬ 
worden war, einer Vereinigung, deren für 
Zeitungen und Zeitschriften bestimmtes Lese¬ 
lokal einem modernen Lesekasino geähnclt 
haben muß. Anmutend ist der Schluß der 
Einladung zur Mitgliedschaft dieser Gesellschaft 
aus dem Jahre 1784. Er lautet: „Kann ein 
Mann von Geschäften einen Tag nicht er¬ 
scheinen, so denke er, er habe den Musen 
1 Kr. [Kreuzer] geborgt, die ihm gewiß den 
anderen Tag selbigen mit Wucher zurückgeben 
werden.“ Man merkt, daß es die Residenz 
Karl Friedrichs und seiner ihm ebenbürtigen 
Gemahlin ist, in der diese Worte geschrieben 
und empfunden wurden: wie musenfreundlich 
war doch der markgräfliche Hof! 

Anders stand es wiederum in Stuttgart. 
Dort hatte der Buchhändler Metzler eine „Lese¬ 
gesellschaft ungefähr nach dem Plan der 
Gothaer Kränzchen“ errichtet; um den Jahres¬ 
preis von 10 Gulden konnte man in seinem 
Hause gelehrte Zeitungen und Journale finden. 
Diese Gesellschaft versammelte sich viermal in 
der Woche. Bücher, die nur ein „bestimmtes 
Metier“ interessieren konnten, waren von der 
Anschaffung ausgeschlossen, aber „alle durch 
ihren Inhalt, Ausdruck oder ihre Wirkungen 
zur Aufklärung und Bildung allgemein für 
wichtig anerkannte Schriften“ und damit „alles, 
was zur Aufklärung der Begriffe über die 
wichtigsten Angelegenheiten des menschlichen 


Lebens, der Natur, Moral, Erziehung usw.“ 
beitrage, solle vorhanden sein. Man sieht, 
wie stark dieses, mit sich selbst sich be¬ 
schäftigende deutsche Zeitalter unter der Ein¬ 
wirkung Rousseaus stand, in Erinnerung an 
den wenige Jahre zuvor der größte Schwabe 
huldigend und anklagend ausgerufen hatte: 

„Wann wird doch die alte Wunde narben? 

Einst wars finster — und die Weisen starben, 

Nun ists lichter — und der Weise stirbt. 

Sokrates ging unter durch Sofisten, 

Rousseau leidet — Rousseau fallt durch Christen, 

Rousseau — der aus Christen Menschen wirbt." 

Wir wenden uns nun, nachdem wir Lese¬ 
gesellschaften in fast ausschließlich protestan¬ 
tischen Gegenden kennen gelernt haben, einer 
Zentrale katholischen Lebens in Deutschland 
zu, in die allerdings der wissenschaftlich ge¬ 
bildete Liberalismus des regierenden Herrn und 
erleuchtete Berater bald den Eingang pro¬ 
testantischer Gelehrten herbeiführten: nach der 
Hauptstadt des Erzbischofs-Kurfürsten von 
Mainz. „Es ist Unserer landesväterlichen 
Aufmerksamkeit nicht entgangen,“ so liest man 
in einer kurfürstlichen Verordnung vom 19. April 
1784, „welchen Einfluß der Land- und Schreib¬ 
kalender als das gewöhnliche Lesebuch des 
gemeinen Manns selbst auf die Gedenkensart 
und auf die Bildung desselben hat“. Deshalb 
habe die Regierung die Veranstaltung ge¬ 
troffen, daß ein verbesserter, gemeinnütziger 
Mainzer Land- und Schreibkalender erscheine; 
fremde Kalender zu besitzen wird daher, unter 
Androhung von Konfiskation und Geldstrafe, 
verboten. Durch besondere, von Beamten zu 
bestimmende Leute seien die Kalender in den 
Ortschaften zu verkaufen. Suchte die Re¬ 
gierung, die in demselben Jahre die Mainzer 
Universität durchaus liberal neugestaltet und seit 
ungefähr einem Jahrzehnte die Stadt- und Land¬ 
schulen kräftig gehoben hatte, auch auf diese 
Weise die Anschauungs- und Wirkungssphäre 
der kleinen Leute zu erhellen, so mußte sie 
auch selbstverständlich zugestimmt haben, als 
man in den obersten Schichten und in dem 
wohlhabenden Bürgerstande eine Lesevereini¬ 
gung als ein Bedürfnis empfand. Am 1. Januar 
1782 erteilte der Kurfürst die Erlaubnis zur 
Errichtung einer „gelehrten Lese-Gesellschaft“. 
Ein Mainzer, August Anton Heideloff, hatte 



Heidenheimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten. 143 


darum nachgesucht Die Gesellschaftsmit¬ 
glieder sollten täglich in einem schicklich ein¬ 
gerichteten Zimmer Zusammentreffen können, 
„worinn zur Vermehrung —- politischer -— und 
wissenschaftlicher Kenntnisse, als dem Grund¬ 
zwecke dieses Instituts die zur Lesegesellschaft 
bestimmte Schriften so wohl als einige von Ihr 
selbst gewählte theils deutsche, theils Franzö¬ 
sische politische Zeitungen gelesen, und über 
das Gelesene belehrende Unterredungen ge¬ 
pflogen werden mögen“; auch solle eine zweite 
Gesellschaft für Schriftenzirkulierung gebildet 
werden. Der Kurfürst hatte seiner Zustimmung 
die Verwarnung anfügen lassen, daß die Zu¬ 
sammenkünfte am Ende nicht in eine zweck¬ 
widrige Spielgesellschaft oder Freimaurerei aus¬ 
arteten, oder daß sie gar zu einem „Caffe-Haus 
und öffentlichen Billard“ mißbraucht würden; der 
Vizedom habe deshalb genaue Aufsicht zu tragen. 
Ein enthusiastischer Lobredner, der bekannte 
juristische Schriftsteller Ludwig Köster, gab im 
Jahrgange 1790 des „Journals von und für 
Deutschland“ eine „Authentische Beschreibung“ 
dieser mittlerweile ausgestalteten „gelehrten 
Lesegesellschaft“, deren Statuten auch geändert 
worden waren, und ihn veranlaßte dazu „der 
Gedanke und Wunsch, durch eine allgemeinere 
Bekanntmachung mehrere Denker zur Nach¬ 
ahmung aufzumuntern, und dann Liebe zur 
Dankbarkeit, weil“ ihm „bey einem langen 
Aufenthalt in Mainz hiedurch manche süße 
Erholungsstunde verursacht worden ist, und 
jedem andern Fremden, der diese Gesellschaft 
besucht, ein ähnliches Glück wiederfährt . . “ 
Fünf Räume, darunter ein Lese- und ein Unter¬ 
haltungszimmer, standen den Mitgliedern, deren 
Aufnahme durch Ballottierung erfolgte, zur 
Verfügung; der Jahresbeitrag betrug 12 Gulden. 
Die ganze Einrichtung dieser Gesellschaft 
wurde auch außerhalb sehr geschätzt, so daß 
nach ihrem Vorbilde mehrere Vereinigungen 
entstanden. Für Mainz wurde sie, wie ihr erster 
Sekretär sagt, der Theologe und Historiker 
Schunk, im ersten Bande seiner „Beyträge zur 
Mainzer Geschichte“ (Frankfurt und Leipzig 
1788), das, „was ein ähnliches Institut des 
Herrn de la Blancherie zu Paris“ war und 
wie ein solches auch in London errichtet 
werden sollte: „der Vereinigungspunkt aller der 
öffentlichen Achtung würdigen Stände, für Ein¬ 
heimische und Fremde.“ Von neun Uhr mor¬ 


gens bis zehn Uhr abends konnte man sich — 
Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts aller¬ 
dings hatten keinen Zutritt — in den Gesell¬ 
schaftsräumen aufhalten. Gegen die Religion, 
den Staat und die guten Sitten „anstößige Ge¬ 
spräche“ „nebst den Büchern und Schriften 
von solcher Art“ waren „gänzlich unter¬ 
sagt“. Es war sogar die Bestimmung ge¬ 
troffen, daß diejenigen Herren, die solche 
Schriften oder Stellen bemerkt hätten, dem 
Direktorium davon Nachricht geben sollten, 
damit diese Druckerzeugnisse beiseite getan, 
„auch allenfalls fürs künftige nicht mehr be¬ 
bestellt“ würden. Schunk bemerkte charakte¬ 
risierend, daß die Mainzer Vereinigung eine 
Ähnlichkeit mit den gewöhnlichen Lesegesell¬ 
schaften habe, „welche entweder von Buch¬ 
händlern um einen gewissen Preiß angelegt 
werden, oder wo die Schriften von Hause zu 
Hause gleichsam in einem Zirkel zu den Mit¬ 
gliedern auf gewisse Tage oder Stunden ge¬ 
bracht werden“; aber durch die Möglichkeit und 
die Absicht, literarische und politische Kenntnisse 
in der Unterhaltung zu verbreiten und einzu¬ 
tauschen, bekomme sie „einige Aehnlichkeit mit 
Akademien und litterarischen Gesellschaften 
und deshalb habe man ihr den Beinamen ge¬ 
lehrte Lesegesellschaft gegeben . . .“ Der Leser 
fand dort Zeitungen, Correspondenzen, perio¬ 
dische Schriften, Wörter- und Nachschlage- 
bücher, sowie Landkarten vor, und ein Katalog 
zeigte ihm an, was vorhanden war. Noch 
heute aber interessiert die Kenntnisnahme der 
Zeitungen und Zeitschriften dieser Gesellschaft 
aus mehr als einem Gesichtspunkte. Sechs Zei¬ 
tungen in französischer Sprache, eine italienische 
und eine englische wurden geboten; man sieht 
wie stark die Herrschaft der Sprache des fran¬ 
zösischen Hofes und der französischen Politik 
geworden war, wenn man neben der „Gazette 
secrete de Versailles“, dem sonn- und wochen¬ 
täglich herausgekommenen „Journal de Paris“, 
dem „Journal general de l’Europe contenant le 
recit des principaux evenemens politiques et 
autres“, das wöchentlich dreimal in Sedan er¬ 
schien, auch die „Gazette de Cologne“, die „Ga¬ 
zette de Leyde“ und den in Cleve herausge¬ 
gebenen „Courier du bas Rhin“ findet. Und 
wenn das Vorhandensein der „Notizie del Mondo“ 
und der Zeitung „The World“ bekundet, daß 
Italien und England dem Interesse von Mainzer 



144 Heidenheimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten. 


Lesern nicht fremd waren — an der Univer¬ 
sität wurde wie Französisch so auch Englisch 
und Italienisch, zum Teile durch geborene 
Vertreter dieser Sprachen gelehrt —, so paßte 
ein italienisches Journal besonders in eine 
Stadt, die seit langem aus dem italienischen 
Sprachgebiete Stammende zu ihren Insassen 
zählte und aus kirchlichen Verhältnissen viel¬ 
fachen Zusammenhang mit Rom hatte. „The 
World“ aber durfte sich einer interessevollen 
Aufnahme in einer Zeit erfreuen, in der Be¬ 
kanntschaft mit englischer Literatur zu den 
Bestandteilen wahrer Bildung gerechnet wurde. 
Von Zeitungen in deutscher Sprache waren, 
außer dem „Mainzischen Intelligenzblatt“ und der 
„Mainzer Zeitung“ die Montags, Mittwochs und 
Freitags erschien, die Oberpostamtszeitungen 
von Köln und Frankfurt a. M., das „Frank¬ 
furter Staats-Ristretto, oder kurzgefaßte Er¬ 
zählung der neuesten und merkwürdigsten 
Nachrichten und Begebenheiten der Euro¬ 
päischen Staaten, wie auch der Wissenschaften, 
der Künste und nützlichen Erfindungen“, die 
„Gothaer Deutsche Zeitung“, die „Erlanger Real- 
Zeitung“, der „Hamburger Correspondent“, die 
„Hanauer Europäische Zeitung“, die in Nürnberg 
verlegte „Ministerial-Zeitung“, die in Saalfeld her¬ 
ausgegebene „Staatswissenschaftliche Zeitung“, 
die „Neuesten Weltbegebenheiten von Kempten“, 
das „Wiesbader Intelligenzblatt“, die „Wetzlarer 
Zeitung“, der „Bairische Landbote“ und „Schu- 
bart’s Chronik“ zu finden. Es ist charakteri¬ 
stisch, daß der deutsche Norden — den „Ham¬ 
burger Correspondenten“ ausgenommen — nicht 
vertreten war, daß keine Berliner Zeitung ge¬ 
halten wurde, trotz des politischen Schwer¬ 
gewichtes, das Preußen ausüben konnte und 
ausübte und trotzdem, daß der Kurfürst von 
Mainz, der Erzkanzler des Deutschen Reiches, 
dem Fürstenbunde, den Friedrich der Große 
in das Leben gerufen, als Mitglied angehörte. 
Aber freilich: auch Zeitungen aus Wien und 
den österreichischen Kronlanden, aus Hessen- 
Darmstadt und Baden fand man ebensowenig 
vor. Erschien dies jemanden als Mangel, so 
erkannte er doch aber sicherlich den Reichtum 
an „Gelehrten Zeitungen“ und „Periodischen 
Schriften“ an, der hier zum Genüsse einlud. 
Nicht weniger als 64 Nummern dieser 
Gattungen waren um das Jahr 1790 vorhanden, 
davon sechs: „Annales Helmstadienses“, „Nou- 


velles ecclesiastiques“, „Cahiers de lecture“, „Es¬ 
prit des Journeaus“, „Journal de medccine“ und 
„Journal de physique“ nicht in deutscher Sprache. 
Die „Reichshofraths Conclusen und Anschlag¬ 
zettel“, die „Reichstags-Correspondenz“ und 
Schlözers „Staats-Anzeigen“ vermittelten den 
Interessenten juristische und staatliche Be¬ 
schlüsse und Erörterungen; die „Wöchentliche 
Nachrichten zur Erdbeschreibung“, die „Histo¬ 
rische und geographische Monatsschrift“, die 
„Litteratur- und Völkerkunde“ erinnern an das 
Zeitalter, in dem ein neuer Weltteil entdeckt 
und eine Reise um die Welt gemacht worden 
war, deren einer Teilnehmer, Georg Förster, 
damals als Universitätsbibliothekar in Mainz 
wirkte. Aber auch Literatur, Theaterwesen 
und Musik, Philosophie und Theologie, Mathe¬ 
matik, Physik und Chemie, Handlungswesen 
und Ökonomie, sowie die militärische Wissen¬ 
schaft konnten in ihrer neuen periodischen 
Literatur in dieser Lesegesellschaft verfolgt 
werden. Und endlich: wer durch seine Fach¬ 
wissenschaft gesättigt oder durch sie ermüdet 
war, der fand in einer Anzahl von „Gelehrten 
Zeitungen“ einen erquickenden Überblick über 
allgemeiner interessierende Erscheinungen, über 
Theorien und Tatsachen aus der Welt des 
Schönen und Treibenden dieser kosmopoli¬ 
tischen, gestaltungsmächtigen geistigen Periode. 
Und der Referent über die Mainzer Lese¬ 
gesellschaft im „Journal von und für Deutsch¬ 
land“ hatte recht mit seiner Behauptung: das 
Verzeichnis der von der Gesellschaft beschafften 
Zeitungen, Zeitschriften und Werke trage „viel 
zu dem Ruhm des guten und aufgeklärten 
toleranten Mainzer Geschmacks bey. . . .“ Die 
Zeitungen, Korrespondenzen und periodischen 
Schriften wurden gebunden in die Bibliothek 
gestellt und damit für das Studium nach vielen 
Richtungen eine wichtige Quelle eröffnet; auch 
Vorlesungen — die erste war die lateinische 
des Theologen und Historikers Würdtwein über 
Drusus Germanicus — boten sich anfangs den 
Mitgliedern dar, wie man sich „auch durch 
Unterredungen und Bemerkungen über Gegen¬ 
stände der Mainzer Geschichte nützlich“ unter¬ 
hielt. Und es verschlug natürlich nichts, daß 
solchen Erörterungen das Trinken von „Thee, 
Schokolade, Kaffee, Mandelmilch, Limonade 
und Punsch“, die gegen taxmäßige Zahlung 
zu bekommen waren, zur Seite gehen konnte. 




Heidenheimer, Die Anfänge der Mainzer Gelehrten Lesegesellschaft und ihr verwandter deutscher Anstalten- 145 


Wer dann weiterhin der Lektüre sich hin¬ 
geben wollte, dem standen, außer der Univer¬ 
sitätsbibliothek, vom i. Mai bis 8. September, 
— seit dem Jahre 1777 einmal, seit 1792 zwei¬ 
mal wöchentlich — auch die Dombibliothek¬ 
schätze liberal, aber nur in der Bibliothek, zur 
Verfügung und der konnte sich auch der 
„Lesebibliotheken“ bedienen, die der Buch¬ 
händler Leroux, der Buchbinder Sartorius und 
der aus Mainz stammende Schutzjude Bär 
Ingelheim auf Grund kurfürstlicher Privilegien 
eröffnet hatten. 

Im Jahre 1797 schrieb Schiller an Garve: 
„Es ist noch eine Materie, die ich von Ihnen 
vorzugsweise beleuchtet wünschte, das Ver- 
hältniß des Schriftstellers zu dem Publikum 
und des Publikums zu dem Schriftsteller. In 
unsern Zeiten, wo ein so großer Theil der 
Menschen seine eigentliche Erziehung durch 
Lectüre bekommt, und wo ein anderer nicht 
unbeträchtlicher Theil sich diese Erziehung durch 
Schriften zum Geschäft seines Lebens macht, 
scheint es mir eben so interessant als zweck¬ 
mäßig das Innere dieses wechselseitigen Ver¬ 
hältnisses aufzudecken, die Folgen die es für 
beide Theile hat, anthropologisch zu entwickeln, 
und es wo möglich, durch ein aufgestelltes 
Ideal von dem, was es für beide Theile seyn 
könnte und sollte, zu reinigen und zu ver¬ 
edeln . . .“ Kein Zweifel, daß Lesegesellschaften, 
wie die angeführten, für diese „Erziehung durch 
Lectüre“ von tiefstgreifender, schöpferischer Wir¬ 
kung waren. Das erkennt man —- um nach den 
meist evangelischen Landschaften und dem katho¬ 
lischen Gebiet auch des seit Moses Mendelssohns 
Zeit mit sehnsüchtiger Leidenschaft und Liebe 
Bildung in sich einraffenden jüdischen Elements 
zu gedenken — aus einer Äußerung Joachim 
von Schwarzkopfs in seiner 1802 in Frankfurt 
a. M. erschienenen Schrift „Ueber politische 
und gelehrte Zeitungen, Messrelationen, In¬ 
telligenz blätter und Flugschriften zu Frank¬ 
furt am Mayn“. Von ganz neuer Art, 
sagt er, sei das Unternehmen „zweyer Lese¬ 
cabinetter unter der Frankfurter Judenschaft, 
obgleich noch zu sehr in der Kindheit, als daß 


über deren Einrichtung, Fortdauer und Wir¬ 
kungen ein bestimmtes Urtheil gefällt werden 
könnte“ Vergönnt sei jedoch der fromme 
Wunsch, daß diese Institute eine Pflanzschule 
der Ausbildung würden, „um diese beträchtliche 
Colonie zu der Culturstafifel ihrer Glaubens¬ 
genossen in Berlin und Hannover emporzu¬ 
heben“ Von den Berliner „gelehrten Juden¬ 
zirkeln“ aber schrieb der Direktor des 
Gymnasiums und Oberkonsistorialrat zu Weimar 
Karl August Böttiger an Schiller — und zwar 
in demselben Jahr, in dem dieser Garve zu 
einer Erörterung der Wechselwirkung von 
Schriftsteller und Publikum anregen wollte —: 
„sie seien die einzigen, die dort eigentlich von 
Literatur sprächen . . .“ 

In den „Regeln und Satzungen“ der Mainzer 
Gelehrten Lesegesellschaft war bestimmt, daß 
in dem Lese- und Sprechraum „das viele Kom- 
plimentiren“ nicht statt haben dürfe. Die 
kriegerischen Ereignisse im letzten Jahrzehnte 
des XVIII. Jahrhunderts hatten diesen Ge¬ 
brauch ohnehin gemindert: die Gegenwart war 
zu rauh und fordernd geworden für die alte 
konventionelle Übung. 

Aber geblieben war trotz der Gräuel und 
Bedrängnisse, trotz politisch-nationalen Harmes 
und sozialer Not ideenvolles Sinnen und Ge¬ 
stalten. 

„Aufklärung ist die unausbleibliche Folge 
der Kultur der Wissenschaften, und Aufklärung 
nützt immer dem Ganzen, auf welcher Seite 
derselben wohlthätiges Licht verbreitet wird“, 
so hieß es 1784 in der „Neuen Verfassung“ 
der Mainzer Universität. 

Dieser Aufklärung zu dienen war der Zweck 
der Lesegesellschaften. 

In ihren Räumen konnte man schriftstelle¬ 
rische Blüten, sozial-philanthropische Ideen und 
Mitteilungen über technische sowie kommer¬ 
zielle Fortschritte in sich aufnehmen und — um 
mit dem wehmütig anklagenden Herold des 
„neuen Jahrhunderts“ zu sprechen — sich ver¬ 
senken. „In des Herzens heilig stille Räume“ 
und in die Freiheit „in dem Reich der 
Träume“. 





William Morris. 

Sein Leben und Wirken. 

Von 

Professor Otto von Schleinitz in London. 


&^^^ür Morris ferneres Leben sind zwei 
|j Ereignisse im Jahre 1877 von ent ‘ 

0 scheidender Wichtigkeit: das eine be¬ 

trifft die Gründung der Gesellschaft zur Erhal¬ 
tung alter Baulichkeiten, die bereits kurz berührt 
wurde und Morris dauernd Veranlassung gab, 
Vorträge zu halten und die zur Bildung ver¬ 
schiedener mit der Kunst und dem Kunst¬ 
gewerbe zusammenhängender Vereine führte. 
Das andere Vorkommnis, die tiefste Wirkung 
auf ihn ausübend, trat ein durch die Errichtung 
der „Vereinigung für die orientalische Frage“ 
(The Eastern Question Association). Diese Ver¬ 
einigung bildete gewissermaßen für Morris eine 
Zentralstelle, um seine politischen Ansichten aus¬ 
zusprechen, und es entwickelte sich dann, von 
hier ausgehend, seine sozialistische, in jeder Stufe 
ihrer Evolution nachweisbare Laufbahn. 

„The Eastern Question Association“ war 
eine englische Verbindung, welche die Ansätze 
ihres Entstehens bis in das Jahr 1876 zurück¬ 
führt und ihre Existenzberechtigung vornehm¬ 
lich dem russisch-türkischen Kriege von 1877 
und 1878 verdankte. 

In England trafen während dieses Krieges 
die gegensätzlichen Meinungen der oberen 
Klassen mit denen der unteren und der all¬ 
gemeinen Volksstimmung hart aufeinander. 
Traditionelle Eifersucht auf Rußland und Sym¬ 
pathie für die unterdrückten Christen bezeichnen 
die Endpunkte der politischen Bewegung. Morris 
liebte zwar Rußland grundsätzlich nicht, aber 
der in seinem Innern wohnende Zwiespalt führte 
schließlich zu folgendem Ausspruch: „Wenn ich 
nun doch zu einer Entscheidung gedrängt werde, 
so stelle ich mich lieber auf Rußlands Seite, 
damit die unterdrückten Christen Befreiung vom 
türkischen Joche erlangen!“ Er geht sogar noch 
weiter und will womöglich die Türkei für England 
erobern. Von eigentlicher sozialistischer Ten¬ 
denz ist vorläufig nichts in ihm zu entdecken, 
wenngleich er auch ein ausgesprochen radikaler 


IV. 

Fortschrittsmann — meiner Ansicht nach mit 
etwas verworrenen Ideen — genannt werden 
muß. In einem damaligen Vortrage ruft er 
erregt aus: „Zum Teufel mit der türkischen 
Regierung und ihrer Mißwirtschaft, und an ihre 
Stelle der Fortschritt!“ Nach längerem, ziem¬ 
lich konfusem Räsonnieren beendigt er seine 
Rede als moderner Volkstribun, dem aber der 
Poet noch an den Rockschößen hängt, Shake¬ 
speare in Kraft, Volkston und Witz nach¬ 
ahmen wollend, mit den Worten: „Wenn die 
Leute sagen, das sei schwer zu bewerkstelligen, 
so sage ich: es ist ebenso schwer, ein Paar 
gutsitzender Stiefel zu fertigen, und mitunter 
wird es sogar noch schwieriger, ein schönes 
Gedicht zu verfassen!“ Hätte Hans Sachs zu 
seinen Nürnberger Innungen ähnlich gesprochen 
(vielleicht tat er es), so würde er sicherlich 
besser verstanden worden sein! Dem poesie¬ 
losen englischen Handwerker gegenüber fiel 
Morris vollständig aus der Rolle. 

Das von Morris im Mai 1877 eigenhändig 
verteilte, zum Klassenhaß aufreizende und den 
ersten Ansatz zum Sozialismus aufweisende 
Manifest war an die Arbeiter Englands gerichtet 
Es heißt in diesem u. a.: „Wer sind denn die 
Leute, die uns in einen Krieg mit Rußland 
stürzen wollen? Habsüchtige Spieler von der 
Börse, müßige Beamte, Offiziere des Heeres 
und der Flotte, verlebte Spötter aus den Klubs, 
verzweifelte Zeitungsreporter, die nichts zu ver¬ 
lieren haben, aber um jeden Preis euern Früh¬ 
stückstisch mit aufregenden Nachrichten würzen 
wollen, Narren der Tory-Partei, friedensmüde 
Konservative und solche ohne Vernunft und 
Gerechtigkeit! Jetzt habt ihr die Wahl, was für 
Leute ihr ins Parlament schicken wollt: uns 
oder jene! Warum Krieg gegen ein Volk, das 
nicht unser Feind ist? Warum Krieg gegen 
die Hoffnung der Welt? (Hiermit meint er 
nicht Rußland, sondern das Christentum.) 
Arbeiter von England, ihr wißt und kennt nicht 




von Schleinitz, William Morris. 


147 



The Official Journal of the Socialist League. 


Vol. 4.—No. 116. SATURDAY, MARCH 31, 1888, Weekly; One Penny. 


Abb. 50. Titelkopf des Commenweal, gedruckt und herausgegeben von William Morris und Joseph Lane. 

(Zeichnung von W. Morris.) 


die Bitterkeit und den Haß, den ein Teil der 
reichen Klassen Englands gegen Freiheit und 
Fortschritt im Herzen bewahrt! In ihren Augen 
könnte England lieber untergehen, als daß sie 
euch Freiheit gönnten. Sie lächeln mit Hohn 
über euch und eure Führer, nicht weniger über 
den Drang nach Bildung und Kenntnissen. Er¬ 
hebt eure Stimme gegen einen ungerechten 
Krieg!“ — 

Als 1878 die Russen über den Balkan zogen, 
wurde die politische Krisis in England akuter; 
so schreibt Morris denn auch an einen Freund 
in obigem Zusammenhänge: „Dies ist eine 
furchtbare Nachricht und fühle ich, wie recht 
die Demokratie unseres Landes hat, wenn 
sie Protest erhebt!“ Als dann nach und nach 
die englische Regierung eine drohende Haltung 
gegen Rußland einnahm, versandte Morris ein 
in Versen abgefaßtes Manifest, betitelt „ Wake 
London Lads“. Dies in begeisterter Sprache 
verfaßte Gedicht erschien am 16. Januar 1878 
und wurde in öffentlichen Versammlungen nach 
der Melodie „The Hardy Norseman’s Home of 
Jore“ gesungen. Auf diese Weise kam der 
Autor in enge Fühlung mit der radikalen Partei, 
ihren Unterführern und vor allem mit ihrem 
Leiter, mit Gladstone. Morris lernte hierdurch 
die die großen Massen bewegenden Ideen, 
ihre Wünsche und Hoffnungen kennen. In¬ 
folgedessen inszenierte er eine heftige Agitation 


gegen Lord Beaconsfield, bei der er selbst¬ 
redend die Unterstützung Gladstones fand. In 
seinem Feuereifer geht ihm alles nicht rasch 
genug, und so hält er denn schon drei 
Tage später, am 19. Januar, eine große radi¬ 
kale Rede in Exeter Hall, in der zum Schluß 
das genannte Gedicht in stürmischem Schwünge 
von der Versammlung gesungen wird. Morris 
war bereits so weit gegangen, daß er die 
Torys als „habsüchtige Schufte“ bezeichnete. 

In einem am 3. Februar 1878 an seinen 
PVeund Faulkner gerichteten Brief heißt es: 
„Am Sonnabend soll eine große Demonstration 
in London stattfinden und wird es sicherlich 
dabei zum Kampf kommen, deshalb eilen Sie 
hierher!“ Morris bewog Gladstone, dem er, 
beiläufig bemerkt, stets ein gutes Zeugnis aus¬ 
stellte, in der Agricultur-Hall eine Rede an 
die Arbeiter zu halten. Zu dieser Zeit aber 
wurde das Parlament einberufen, und es ent¬ 
stand infolgedessen naturgemäß ein Austausch 
der Ansichten zwischen den Hitzköpfen der 
Proletariatspartei und den besonneneren, einen 
mäßigenden Einfluß ausübenden liberalen Mit¬ 
gliedern des Unterhauses. Bei letzteren trat 
immer deutlicher die Absicht zutage, sich jener 
gefährlichen demagogischen Elemente möglichst 
zu entledigen oder sie ganz von den Rock¬ 
schößen abzuschütteln. Hierüber gerät Morris 
in helle Verzweiflung; er will politisch selbst 



Abb. 51/52. Ornamente aus „The Commonweal“, gezeichnet von W. Grane. 

Z. f. B. 1907 / 1908 . 


20 

















































148 


von Schleinitz, William Morris. 


mit dem äußersten radikalen Flügel der Partei 
nichts mehr gemein haben, weder Schriften in 
ihrem Interesse verfassen, noch zu dem gleichen 
Zwecke Reden halten. Kurzum, er entsagt end¬ 
lich der eigentlichen politischen Agitation im 
engeren Sinne und wird „reiner“ Sozialist. — 

Bei seinem regen Geiste und seinen viel¬ 
seitigen Kenntnissen erscheint es begreiflich, daß 
Morris auch in dieser Periode nach wie vor 
lebhaften Anteil an allen, die Zeitgenossen be¬ 
wegenden Kunstfragen nahm. So reiste er z. B. 
am 20. Februar nach Cambridge, um dort einen 
Vortrag über Kunst zu halten. Andere Vor¬ 
träge folgten und wurden in der Regel bald 
auch durch Druck dem größeren Publikum 
zugänglich gemacht. Da solche Preßerzeug- 
nisse gerade an dieser Stelle ein besonderes 
Interesse beanspruchen dürften, so sollen wenig¬ 
stens die hervorragendsten namhaft gemacht 
werden; durch Nennung der Titel sind die 
Sujets meistens ohne weiteres erkennbar. Diese 
sind: „ The Decorative Arts, their relation to 
Modern Life and Progress. An Address de- 
livered before the Trades’ Guild of Learning 
by William Morris“. Die in Oktav in grauem 
Umschlag geheftete Schrift erschien 1878, je¬ 
doch ohne Angabe der Jahreszahl, in London 
bei Ellis & White, 29 New Bond Street. Die¬ 
selbe Arbeit findet sich auch als Neudruck 
unter dem veränderten Titel „ TJie Lesser Arts“ 
in dem Bande „Hopes and Fears for Art“. 
Da mit Amerika kein Vertrag zum Schutz der 
Autorenrechte besteht, so druckte die Firma 
Roberts in Boston 1878 sofort ohne Einvernehmen 
mit Morris die Schrift identisch nach. Wenn im 
weiteren Verlauf der Biographie von dem er¬ 
wähnten Verlagshaus die Rede sein wird, be¬ 
merke ich vorweg, um Wiederholungen zu ver¬ 
meiden, daß es sich stets nur um unbefugte 
Nachdrucke handelt. 

Zu den, Kunstfragen behandelnden Schriften 
gehört außerdem: „ Birmingham Society of Arts 
and School of Design. Address delivered in 
the Town Hall, Birmingham , iq Februar 1879“. 
Die 24 Oktavseiten enthaltene Vorlesung wurde 
gleichfalls als Neudruck unter dem Titel „ The 
Art of the People “ in den Band „Hopes and 
Fears for Art“ aufgenommen. 

In vier Briefen an die „Times“ spricht 
Morris seine Ansichten aus über kirchliche 
Architektur sowie über Erhaltung und Zerstörung 



LABOUR/5 AYAY DA\ ■ 


P<0lCflT£0 ' TO THC WoJVneRS • OF THf VVOKI.D 

Abb. 53. Die Solidarität der Arbeit 
Zeichnung von W. Crane. 

von Kirchen: „ Destruction of City Churches “ 
(Times, 17. April 1878); „On St. Albans Abbey“ 
(Times, 2. August 1878); „On the Restoration 
of St. Marks at Venice“ (Times, 28. und 29. 
November 1879). 

Ferner: „ Lectures of Art. Delivered in Sup¬ 
port of the Society for the Protection of Ancient 
Buildings“ . By Reginald Stuart Poole, Prof. 
W. B. Richmond, E. I. Poynter, R. A. J. T. 
Micklethwaite, William Morris. 8°. Macmillan 
& Co., London 1882. Die beiden von Morris 
gelieferten Beiträge führen die Überschrift: 
„ The History of Pattern Dcsigning M und „ The 
Lesser Arts of Life“. 

Im Verlage von Ellis & White in London 
erschien im Jahre 1882 der schon erwähnte 
Band „ Hopes and Fears for Art“, der außer 
den bereits genannten fünf, in Birmingham, 
London und Nottingham während der Jahre 
1878—1881 gehaltenen Vorträgen nachfolgende 
Aufsätze umfaßt: „ The Art of the People“, „Ihe 
Prospects of Architecture in Civilisation“ und 
„ The Beauty of Life“. Zur schnelleren Orien¬ 
tierung sei darauf hingewiesen, daß letztgenannte 
Arbeit im Jahre 1880 separatim unter dem 
abweichenden Titel: „ Labour and Pleasure ver¬ 
sus Labour and Sorroiv “ gedruckt worden war. 

























von Schleinitz, William Morris. 


149 



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Abb. 54. Der Tanz um den Maienbaum. 
Federzeichnung von W. Crane. 


Die Oktavausgabe des Gesamtbandes wurde 
in Sedez-Format von Roberts in Boston eben¬ 
falls nachgedruckt. 

Die nun folgenden Essais von Morris lassen 
immer tendenziöser die Absicht erkennen, die 
breiteren Volksschichten durch die Kunst nicht 
nur erziehen, sondern auch beglücken zu wollen. 
Sozialismus und utopistische Ideen beherrschen 
ihn vollständig zu dieser Zeit. Die hohen 
Ideale, für die Morris seine gesamte Lebens¬ 
kraft und einen beträchtlichen Teil seines großen 
Vermögens einsetzte, sind so aufrichtig, edel 
und menschenfreundlich empfunden, daß es sich 
schon verlohnt, einem solchen Werdegange 
zu folgen. Freilich endet er um so tragischer, 
als Morris schließlich den inneren auflösenden 
Widerspruch in seinen drei Grundstützen: gewalt¬ 
same Agitation, Kenntnisse und Bildung und 
reine Kunst, klar erkennt. Es wird ihm theo¬ 
retisch und durch die Praxis immer deutlicher, 
daß diese drei Elemente sich nicht mischen 
lassen. Mit andern Worten: Morris wandelt sich 
an seinem Lebensabend zu einem der großen 


Vorläufer um, wie wir sie auch heute besitzen, die 
keine eigentlichen Sozialisten mehr, sondern 
Reformatoren einer radikalen Arbeiterpartei ge¬ 
nannt werden müssen. 

Der von Morris auf der internationalen hy¬ 
gienischen Ausstellung in London 1884 gehaltene 
Vortrag über „ Textile Fabrics “ wurde kurze Zeit 
darauf in Quart, 32 Seiten stark, von Clowes & 
Sons gedruckt und publiziert. Die in hell¬ 
grünem Umschlag geheftete und mit der Druck¬ 
marke obiger Firma versehene Schrift kostete 
6 d. In demselben Jahre erschien: „Art and 
Socialismus, a Lecture delivered January 23 rd 
1884 before the Secular Society of Leicester 
by William Morris, Author of the „Earthly 
Paradise“. Auf weitere Drucke der Serie 
kommen wir zurück, wenn der Leser hin¬ 
längliche Kenntnis über diejenigen Tages¬ 
zeitungen und Zeitschriften gewonnen hat, in 
denen die betreffenden Arbeiten zuerst ver¬ 
öffentlicht wurden. — 

Die Zahl bedeutender Männer mit soziali¬ 
stischem Anstrich ist nicht gering in England, 
allein ihr Sozialismus kann im allgemeinen als 
ein gemäßigter, jedenfalls als ein solcher be¬ 
zeichnet werden, der mit der ausgesprochenen 
Umsturzpartei nichts zu tun haben will. Selbst 
da, wo, wie z. B. bei Morris, zeitweise sich 
derartige Ansätze vorfinden, gewinnt die Be¬ 
sonnenheit sehr bald wieder die Oberhand. 
Wenngleich schon während des nordamerika¬ 
nischen Freiheitskrieges der sogenannte Char¬ 
tismus in England entstand, so ist doch sein 
wirkliches Geburtsjahr erst 1836, zu welchem 
Zeitpunkte von den arbeitenden Klassen unter 
dem Namen „Working Mens Association“ 
eine sozial-politische Verbindung gegründet 
wurde. 1839 berief diese einen Chartisten¬ 
ausschuß nach London, der eine Art von Kon¬ 
vent bildete. Er zerfiel aber bald in „Physical 
Force-“ und „Moral Force Männer“, und schon 
1857 war der chartistischen Bewegung ein großer 
Teil ihrer Heftigkeit genommen. Der schwung¬ 
hafte Betrieb der Industrie und besonders die Auf¬ 
hebung der Kornzölle, wodurch die Brotpreise 
beträchtlich vermindert wurden, milderten noch 
mehr den gewaltsamen Charakter der Agitation. 
Durch die Ausdehnung des Wahlrechts und vor¬ 
nehmlich durch die Reformbill verloren die Be¬ 
strebungen der arbeitenden Klassen jede ziel¬ 
bewußte Konzentration. Daher drehten sich 


























Abb. 55. Der Triumph der Arbeit. Gezeichnet von W. Cra-ne, von H. Scheu in Holz geschnitten. 


150 


voii Schleinitz, William Morris. 



zu Morris’ Zeit die Wünsche der Sozialdemo- Arbeitsstunden —möglichstaufdenAchtstundcn- 
kratie mehr um praktische Organisation zur Er- tag—, um obligatorischen unentgeitlichenVolks- 
höhung der Arbeitslöhne, um Verminderung der unterricht und eine Reihe nützlicher Einrich¬ 
tungen zur Verbesserung ihres häus¬ 
lichen Lebens als um den theoretisch 
reinen Sozialismus im Sinne unserer 
alten Schule. Dem geschickten, 
fleißigen und ordentlichen Arbeiter 
gelingt es in England verhältnismäßig 
leicht, ein zufriedenstellendes, ja 
behagliches Leben zu führen; schon 
sein unausgesetzt im Auge gehal¬ 
tenes Ziel: als kleiner Rentier und 
Kapitalist sein Lebensende zu be¬ 
schließen, zeigt, daß er ein schlechtes 
Material für eine Kampfpartei abgibt. 
Mr. II. M. Hyndman, einer der ersten 
Führer der englischen Sozialdemo¬ 
kratie, der gemeinsam mit Morris 
eine bedeutende Rolle in jener 
Epoche spielte, schrieb folgenden, in 
der Versammlung am 5. August 1901 
in Birmingham verlesenen Brief: „Es 
gelingt mir nicht bei dem englischen 
Arbeiter jenen Klassenantagonismus 
zu entdecken, ohne den nicht das 
geringste Gute für unsere Sache 
erreicht werden kann . . . Ich bin 
erstaunt über die Unwissenheit und 
Apathie meiner Landsleute und tief 
entmutigt durch das geringe Resultat 
einer so langen Propaganda!“ — 

Im Juni 1883 hatte sich Morris 
bereits von der gemäßigten „National 
Liberal League“ losgesagt und mit 
Mr. Hyndman gemeinschaftlich die 
radikalere „Democratic Föderation“ 
gegründet, die aber schon 1884 
einen so ausgesprochenen sozialisti¬ 
schen Charakter annahm, daß man 
vorzog, ihr den richtigen Namen 
„The Social Democratic Federation“ 
zu geben. Wie sehr in Morris Leben 
die Kontraste dicht beieinander 
stehen, geht wiederum durch nach¬ 
folgende Tatsache hervor: seine 
Ernennung zum Ehrenmitglied von 
Exeter College durch die konser¬ 
vative Oxford Universität und die 
Gründung der genannten Gesellschaft 
liegen nur wenige Tage auseinander. 































von Schleinitz, William Morris. 


Am 9. Januar 1884 erschien die erste Nummer 
von „Justice“ des sozialistischen Parteiorgans, 
für das Morris und andere hervorragende Mit¬ 
glieder schrieben, dessen Erhaltungskosten aber 
iu der Hauptsache von Morris allein getragen 
wurden. Außerdem gründete Morris in der 
Nähe seiner Wohnung eine Zweigniederlassung 
der Vereinigung unter dem Namen „The 
Hammersmith Branch of the Democratic Fede¬ 
ration“. Ganz so, wie es später in andern 
Staaten geschah, bildete sich hier in England 
zuerst eine Art von Gegengewicht dieser Be¬ 
strebungen unter der Form der „Christian 
Social League“. Von den in dieser Epoche 
verfaßten und alsdann gedruckten Schriften, 
Manifesten, Gedichten, Vorlesungen und Reden 
von Morris hebe ich nachstehende hervor: 

„A Summary of the Principles of Socialism, 
written for the Democratic Federation , by H. M. 
Hyndman and William Morris. “ London. The 
Modern Press, 13 and 14 Paternoster Row. 
E. C. 1884. Die in Oktav-Format gehaltene 
Druckschrift ist mit einem roten Umschlag ver¬ 
sehen, für den Morris eine Zeichnung lieferte. 
Ferner: „For whom shall we vote?“ Addres- 
sed to the Working Men Electors of Great 
Britain. 8°, acht Seiten, ohne Umschlag. „ What 



Abb. 56. Umschlagszeichnung für die sozialistische 
Mappe von W. Crane. 


151 



• Ä • GARLÄND FOR ■ MAY• üAY • 1895 • 

• DtDICATLD TO THE. WOKKEBS BY WALTE.P. CSJiME ' 


Abb. 57. Eine den Arbeitern gewidmete Guirlande für 
den Mai tag. 1805. Von W. Crane. 

Socialists Want“, ein einzelnes Oktavblatt, auf 
beiden Seiten bedruckt, Preis einen Halfpenny. 
„ The Voice of Toil: All for the Cause“, by 
William Morris, nachgedruckt aus „Justice“, 8°, 
acht Seiten, zu einem Penny verkauft; Original¬ 
gedicht. 

Aus einem für Morris charakteristischem 
Briefe vom 21. August 1883 an seinen Freund 
Burne-Jones ersehen wir, daß Morris seinen 
Mitgenossen Hyndman in sozialistischer Be¬ 
ziehung nicht für entschieden genug hielt. Er 
schreibt: „Ich werde in betreff meiner Propa¬ 
ganda wohl Unannehmlichkeiten haben . . . 
Einige unserer eifrigsten Schüler halten Hynd¬ 
man für einen zu großen Opportunisten, und 
ich glaube, es ist wahr . . . Ich für mein 
Teil bin der Ansicht, daß der Zweck des So¬ 
zialismus darin besteht, eine Religion zu grün¬ 
den, deshalb sind Kompromisse nutzlos und wir 
wollen nur mit denen gemeinschaftlich unsern 
Weg wandern, die uns bis an das Endziel be¬ 
gleiten wollen! . . . Aber wir müssen uns vor¬ 
läufig so genügen lassen, bis die Klassen ab¬ 
geschafft sind.“ In einem andern, an Mrs. Burne- 
Jones gerichteten Schreiben heißt es: „Der 
Versuch, die Gesellschaft mit dem bestehenden 
Material zu rekonstruieren, ist ein hoffnungs¬ 
loser.“ An seinen Freund und Genossen Hors¬ 
fall sendet Morris folgende Zeilen: „Ich bin 





















152 


von Schleinitz, William Morris. 


weit davon entfernt, ein Anarchist zu sein, aber 
selbst Anarchie ist besser, als der heutige, 
eine Mischung von Anarchie und Despotismus 
darstellende Zustand: können wir diesen nicht 
besiegen, dann laßt uns essen und trinken, denn 
morgen sind wir tot!“ Auf Einladung des ihm 
nachmals zum Freunde gewordenen Mr. Charles 
Rowley hielt Morris im Herbst 1883 einen Vor¬ 
trag in Manchester, betitelt: „Die Beziehungen 
der Kunst zur Arbeit“. Da er damals dem 
Genannten noch nicht persönlich bekannt war, 
hielt es Morris für seine Pflicht, um Über¬ 
raschungen zu vermeiden, ihm vorher seinen 
Standpunkt zur Sache klarzulegen: . Ich 

werde nur über das Thema ,The Relation of 
Art to Laboud sprechen, aber ich bemerke, 
daß ich ein offener und entschiedener Sozialist 
bin, oder um mich besser auszudrücken, ein 
Kollektivist, und was ich zu sagen habe, 
wird in diesem Sinne gefärbt sein . . Im 
übrigen vertritt Morris unausgesetzt das Prin¬ 
zip, daß eine Wendung zum Besseren nur durch 
Klassenantagonismus zu erreichen sei. Zum 
Schrecken und Entsetzen der Universität Ox¬ 
ford hielt er im November desselben Jahres 
dort in diesem Geiste einen Vortrag über 
„Democracy and Art“. Ursprünglich sollte auch 
Hyndman daselbst reden; da dieser jedoch als 
Sozialist schon mehr bekannt war, verweigerte 
ihm die Universität ihren Vorlesungssaal, bewil¬ 
ligte ihn aber Morris, weil die Behörden sich 
im Glauben befanden, letzterer würde im antik¬ 
klassischen Sinne und Gebrauch des Wortes 
„Demokratie“ seine gestellte Aufgabe lösen. Die 
nachfolgenden Proteste vermochten selbstver¬ 
ständlich an dem Tatbestand nichts mehr zu 
ändern. 

Mehr Wert als Morris zwar gut gemeinten, 
aber praktisch unbrauchbaren und schließlich 
nur verwirrenden Lehren bietet sein im Juliheft 
1884 von „To-Day“ erschienener interessanter 
Aufsatz „ The Exhibition of the Royal Academy “, 
in dem er, unter vier Gesichtspunkten geordnet, 
geistreich seine Ideen über die Ziele der Malerei 
entwickelt. In derselben Zeitschrift (Februar 
und März) mischt er wiederum Kunst und So¬ 
zialismus als Autor des Essays „ Art wider 
Plutocracy“. Welchen Wert die Regierung 
in objektivsterWeise, trotz seiner sozialistischen 
Tendenzen, auf Morris Äußerungen in Kunst- 
und technischen Fragen legte, beweist der Um¬ 


stand, daß er mehrfach von jener Seite in den 
betreffenden Angelegenheiten um Gutachten an¬ 
gegangen wurde. Das eine erschien 1884 im 
Druck unter dem Titel „ Report of Royal Com¬ 
mission on Technical Education. Mr. Morris 
Evidence Morris befürwortet in dieser Schrift, 
schon in den untersten Klassen der Ele¬ 
mentarschulen den Zeichenunterricht einzu¬ 
führen. Er sagt: „Ich bin der Ansicht, daß 
ebenso gut, wie jedermann lesen und schreiben 
lernt, er auch im Zeichnen unterrichtet werden 
muß.“ Trotzdem selbst Morris Freunde diese 
Aussprüche in bezug auf den Zeichenunterricht 
gelinde ausgedrückt paradox fanden, wurde 
sein Vorschlag im Jahre 1890 doch für die 
Knabenschulen obligatorisch eingeführt und 
zum Gesetz erhoben. 

Schon gegen Ende 1884 mehrten sich die 
Anzeichen, daß ernstliche Zerwürfnisse zwischen 
Morris und Hyndman, sowie Eifersüchteleien 
aller Art hinsichtlich der Parteileitung in so 
hohem Grade bestanden, daß sie eine Trennung 
wünschenswert erscheinen ließen. Außerdem 
erstrebte Morris eine reinliche Scheidung auch 
deshalb, weil er, entgegengesetzt zu Ilynd- 
man, das Heil der Genossenschaft nur noch 
durch revolutionäre Agitation zu erreichen 
hoffte. Gleichzeitig tauchen wiederum seine 
in Oxford genährten Traumideen von einem 
klösterlichen Leben in ihm auf und nur, da¬ 
mit er sich nicht dem Verdacht der Feigheit 
aussetze, indem er jetzt, wie er es nennt, „The 
Cause“, „die Sache“, ohne wirklichen Kampf 
aufgibt, gründet er am 30. Dezember 1884 im 
Verein mit einer geringen Gefolgschaft „The 
Socialist League“. Kurz vorher hatte er noch 
Burne-Jones das Bibelwort Jesu an den reichen 
Jüngling als sein innerstes Glaubensbekenntnis 
hingestellt und ihm zur Nachahmung empfohlen: 
„If thou wilt be perfect, go, seil what thou 
hast, and give to the poor, and come, follow 
me!“ Wer möchte da noch leugnen, daß 
Morris zu den „problematischen Naturen“ zu 
zählen ist! — 

Die breiten Mittelkassen in England be¬ 
trachteten den Sozialismus zu jener Zeit — 
und wohl heute noch — als einen interessan¬ 
ten, aber dummen „spieen“, der eigentlich 
nach dem Kontinent gehörte. Morris war nun 
mit einem Schlage der offizielle Parteiführer 
des roten Sozialismus geworden. Es ereignete 



von Schleinitz, William Morris. 


153 


MAY DÄY 1895 

• FIRST SOCIALIST CARmVAU 

•UNDER- THE AUSPlCES-OFTHEr' 
•lNDEPEHDEnriABOURPÄRXY- 

HOLBORM • TOWH- HAXtr * 
•T17VYl iT 1895* 

•B5UED BroRDtR-oFTHe oRosNiziMC connrnat; 

J.KEIR'HAKDIE Chairman p 


TOWCHAMBERS-ifWtf» 


Abb. 58. Zur Maifeier 1895. Zeichnung von Walter Crane. 


sich auch hier in England das merkwürdige 
Schauspiel, daß aus taktischen Parteirücksichten 
sich selbst konservativere und klerikal-ultra¬ 
montane Verbindungen um sozialistische Gunst 
bewarben und Morris so über die von ihm 
vertretene „Sache“ ungerechtfertigterweise das 
Gefühl einer weit höheren Bedeutung einflößten, 
als sie in Wirklichkeit verdiente. Geldmittel irgend 
welcher Art besaß die neue Liga nicht, und so 
blieb denn wiederum kein anderer Ausweg als 
der, daß Morris die gesamten finanziellen Ver¬ 
pflichtungen der Verbindung übernahm. Selbst¬ 
verständlich mußte diese auch ein Parteiblatt be¬ 
sitzen, um die eigenen Ansichten zu verkünden und 
um die von Hyndmans „Justice“ eventuell zu 
berichtigen. Sehr zu seinem Schaden hatte 
letzterer nämlich das alte Parteiorgan als sein 
Eigentum beansprucht, das aber ohne Morris’ 
finanziellen Beistand dahinsiechte. Das neue Blatt 
„The Commonweal“ (Abb. 50), dessen Redakteur 
und Verleger Morris war, der es allein durch 
seine Geldmittel und seine schriftstellerischen 
Beiträge über Wasser hielt, erschien zum ersten 
Male zu Beginn des Februar 1885. In dieser 


Nummer befindet sich das von 23 Personen 
des provisorischen Parteiausschusses Unter¬ 
zeichnete Manifest, datiert aus dem Haupt¬ 
quartier: 27, Farringdon Road. Als ein un¬ 
erschütterlich treuer Freund von Morris, ebenso 
wie er es früher als Mitinhaber der Pärma ge¬ 
wesen war, muß auch jetzt Charles Faulkner 
genannt werden. In jenem Dokument wird 
eine Reihe sehr erbaulicher Forderungen auf¬ 
getischt, vor allem aber der sogenannte Staats¬ 
sozialismus nach dem alten Rezept vollständig 
verworfen, da er wohl gut für eine republika¬ 
nische, jedoch ungeeignet für eine sozialistische 
Partei sei. 

Unter den aus dieser Epoche hervorzu¬ 
hebenden Drucken sind die eigenartigsten fol¬ 
gende: „ The Manifesto of the Socialist League: 
Signed by the Provisional Council at the Foun¬ 
dation of the League on 30 th Dec. 1884 and 
adopted at the General Conference held at 
Farringdon Hall, London, 011 July 5 th , 1885. 
A new edition. Annoted by William Morris 
and E. Beifort Bax. London Socialist League 
Office, 13 Farringdon Road, Holborn Viaduct, 

























154 


von Schleinitz, William Morris. 


E. C. 1885. Price one Penny.“ Das Manifest 
erschien hier in einer Oktav-Broschüre, unter¬ 
zeichnet von Morris und datiert „Oktober 1885“. 
Zuerst wurde dies sozialistische Dokument als 
einzelnes Oktavblatt ohne Titel und Umschlag 
zum Preise von einem Penny von Morris ver¬ 
teilt. Ferner ist zu erwähnen: „ The Socialist 
League, Chants for Socialists By 11 illiam 
Morris Die in dem Drucke enthaltenen Ge¬ 
sänge und Originalgedichte von Morris er¬ 
schienen zum Teil zunächst in dem Parteiorgan 
„Commonweal“, wurden aber in Broschürenform 
ohne Umschlag dann nochmals herausgegeben. 
Die Titel lauten: 1. „The Day is coming“; 
2. „The Voice of Toil“; 3. „All for thc 
Cause“; 4. „No Master“; 5. „The March of 
the Workers“; 6. „The Message of thc March 
Winds“. Mit Ausnahme von No. 4 und 5 sind 
die übrigen Gedichte wiedergedruckt in den 
„Poems by theWay“ und in einer späteren Auflage 
der „Chants for Socialists“ befindet sich außer¬ 
dem noch das zusätzliche Gedicht „Down among 
the Dead Men“. Das Poem „Die Märzwinde“, 
das zu Morris besten Arbeiten gehört und die 
Zauberkraft seiner Jugendwerke besitzt, kam, 


wie bereits bemerkt, zuerst im „Commonweal“ 
heraus und eröfthete dann eine gleichartige Serie 
von poetischen Ergüssen unter dem Titel „The 
Pilgrims of llopc“. Nur durch diese Gedichte, 
die sich an ein größeres Publikum wandten, er¬ 
zielte die Zeitung einen momentanen Erfolg, der 
sich ziffernmäßig in einem Absatz von 5000 
Abonnements-Exemplaren ausdrückte. Der letzt¬ 
genannte Zyklus enthält gleichfalls außerordent¬ 
liche Schönheiten, so daß es vollkommen ge¬ 
rechtfertigt erscheint, wenn er in den „Poems 
by the Way“ Aufnahme fand. 1 lier indessen 
sind die Titel verändert und zwar für den ersten 
Teil: „Mother and Sou“ und für den zweiten: 
„The Half of Life Gone“. Im Jahre 1886 
wurde „Pilgrims of I lope“ noch einmal in Oktav 
gedruckt und mit grauem Papierumschlag ver¬ 
sehen. Für die „Chants of Socialists“ hatte 
Walter Crane ein Kopfstück gezeichnet. Da 
letzterer von jetzt ab mehr in den Vordergrund 
der Bewegung tritt und namentlich Ornamen¬ 
tierungen, Illustrationen, Schlußvignetten und 
dergleichen für die von Morris herausgegebenen 
sozialistischen Schriften entwirft, sowie für be¬ 
sondere Festgelegenheiten, vornehmlich zur 





A DREAM OF JOHN BALL. 
ICHAPTER I. THEMEN OF 
KENT 

)METIMES I 

Jam rewarded for 
frettingmyselfso 
mach about pre-< 
sent matters by a 
quite unaskedTor 

f leasant dream. 

mean when I 
am asleep. This 
i dream is as it were 


3 


a present of an architectural peep^show. 

I see some beautiful and noble building 
new made, as it were for the occasion, as 
dearly as if I were awake; not vaguely or 
absurdly, as often happens in dreams, 
but with all the detail dear and reason' 
able. Some Elizabethan house with its 
scrap of earlier fourteenth^century build^ 
ing, and its late degradations of Queen 
Anne and William IV. and Victoria, 
marring but not destroying it, in an old 
village, once a Clearing amid the sandy I 
woodlands of Sussex. Or an old and 


Abb. 59 . A Dream of John Ball. (Kelmscott Press.) 




































von Schleinitz, William Morris. 


155 


Maifeier illustrierte Gedenkblätter herstellte, 
möchte es angezeigt sein, zur Charakteristik 
dieses Künstlers einige Worte zu sagen. 

Trotzdem Walter Crane damals ein ausge¬ 
sprochener Sozialist war, so muß doch betont 
werden, daß alles, was er erreichen wollte, auf 
friedlichem Wege und hauptsächlich durch die 
Kunst geschehen sollte. Infolge seiner ma߬ 
volleren, ruhigen und besonneren Haltung gelang 
Crane oft die Vermittlung der überbrausenden Ele¬ 
mente, und der von Idealität getragenen, liebens¬ 
würdigen Persönlichkeit verargte es weder Hynd- 
man noch Morris, wenn er seine Kunst in den 
Dienst beider Zweiggenossenschaften stellte. 
Es finden sich daher von seiner Hand sowohl 
für „Justice“ als auch für „The Commonweal“ 
entworfene Illustrationen. Der Meister teilte 
mir darüber folgendes mit: „Die ,Cartoons for 
the Cause‘, in einer Mappe gesammelt und 
später durch die ,Twentieth Century Press* 
abgedruckt, sind nach und nach, teils aus 
eigener Initiative, teils nach Vereinbarung mit 
Morris und andern Genossen entstanden, um 
bei geeigneten Gelegenheiten zur Unterstützung 


der sozialistischen Bewegung zu dienen und 
ihre vielseitigen Interessen darzustellen. Sie 
sind alle der Sache des Sozialismus — der 
Hoffnung der Welt —- gewidmet.“ Einzelne 
der in dieser Weise zustande gekommenen 
Blätter, die einen unmittelbareren Zusammen¬ 
hang und eine gemeinsame, verbindende Tätig¬ 
keit Cranes mit Morris aufweisen, sollen hier 
in der Reihenfolge ihrer Entstehung genannt 
werden: Kopfstück für „The Commonweal“ 
(Abb. 52), gleichfalls für „ The Socialist League“ 
(Abb. 51) und „ The Hammersmith Socialist So¬ 
ciety 11 . Ferner das sehr hübsch entworfene ,, Por¬ 
trait Bookplate for the Hammersmith League “, 
ein Exlibris, in dem als Hauptfigur Miß May 
Morris mit Porträtähnlichkeit abgebildet ist. 
Dann „A Short Account of the Commune of Paris“. 
By E. Beifort Bax, Victor Dave and William 
Morris. London. Socialist League Office, 13 
Farringdon Road, Holborn Viaduct, E. C. 1886: 
eine 24 Seiten starke Oktav-Broschtire ohne 
Umschlag. In Walter Cranes Mappe für „The 
Cause“ findet sich die hierauf bezügliche Illu¬ 
stration. 



jä?THIS IS THE PICTURE OF THE ÖLD 
HOUSE BY THE THAMES TO WHICH 
THE PEOPLE OF THIS STORY WENT^ 
JHEREAFTER FQLLOWS THE BOOK IT. 
iSELF WHICH IS CALLED NEWS FROM 
NOWHERE OR AN EPOCH OF REST 
IS WRITTEN BY WILLIAM MORRIS^ 



Vf' ( 


NEWS FROM NOWHERE OR 
AN EPOCH OF REST. 
CHAPTERI.DISCUSSIONAND 
BED. 

jP at the League, 
says a friend,there 
hadbeenonenight 
a brisk conversa. 
tional discussion, 
as to what would 
happen on the 
Morrow ofthe Re. 
BMiii(iMsiai|Ks ^^ finally 

shading off into a vigorous Statement by 
various friends, of their views on the future 
of the fully.developed new society. 

” “AYSourfriend: Consider. 

I ing the subject.the discus. 
sion was good.tempered; 
for those present,being used 
to public meetings & after. 
lecture debates, if they did 
not listen to each other's opinions, which 
could scarcely be expected of them, at all 
events did not always attempt to speak 
all together, as is the custom of people in I 
ordinary polite society when conversing 


Abb. 60. News from Nowhere. (Keimscott Press.) Blatt links mit Keimscott Manor. 

Z. f. B. 1907/1908. 




























































von Schleinitz, William Morris. 


156 


Die weiter namhaft gemachten Morrisschen 
Drucke aus dem Jahre 1886 weisen keine Orna- 
mentierung vonCranes Hand auf: „Vorlesung am 
8. März 1886 in der sozialistischen Zweigliga von 
Norwich gehalten“, auf einem großen Blatt in 
Plakatform abgedruckt. Alsdann „Claims ofLa- 
bour-Lectures.“ No. 5. „ The Labour Question 
from the Socialist Standpoint. By WilliamMorris.“ 
32 Seiten, Oktav, ohne Umschlag. Preis 1 Penny. 
Hergestellt in Edinburg, 1886; gedruckt von der 
„Edinburg Co-operation Printing Company“. 
Endlich „ The Claims of Labour “, in derselben 
Offizin entstanden, 8°, den Inhalt einer von 
Morris im Sommer 1886 in Schottland zur 
Propaganda der „Sache“ gehaltenen Vorlesung 
wiedergebend. 

Das Jahr 1886 gestaltet sich in Beziehung 
auf Morris für uns insofern noch besonders 
interessant, als die erste bedeutendere Spur 
seines Wirkens und Schaffens jetzt in Deutsch¬ 
land erkennbar wird durch nachstehendes Werk: 
„A Selection from the Poems by William Morris 
Edited with a Memoir by Francis Huefifer. 
Leipzig. Bernhard Tauchnitz. 1886. In Se- 
dez-Format, 320 Seiten stark, in der Collection 
of British Authors, Tauchnitz-Edition, Vol. 2378. 

Inzwischen war Morris durch einige voll¬ 
kommen unerwartete und in der Hauptsache 
erst durch die Ungeschicklichkeit der Behörden 
eine gewisse Bedeutung annehmende Erfolge 
in freudige Aufregung versetzt, aber auch durch 
die plötzliche Entfesselung der Leidenschaften vor 
sich selbst und der überschäumenden Partei er¬ 
schrecktworden. Er täuschte sich jedoch über die 
Nachhaltigkeit der Bewegung, wenn er in dem 
Glauben befangen blieb, daß nunmehr die soziale 
Revolution zum Einbruch in die Tore der alten 
Gesellschaftsordnung bereitstehe. Einesteils 
schätzte Morris seinen Einfluß auf die Massen 
zu hoch ein, andernteils fürchtete er, daß die 
von ihm gerufenen und nun entfesselten Geister 
überhaupt keiner Leitung sich mehr fügen 
würden, während doch die ganze Bewegung 
binnen kurzem von selbst im Sande verlief. Wie 
bald sollte Morris umgekehrt es erleben, daß, 
weil er zu rot erschien, er entthront wurde und 
noch dazu von denselben Genossen, für die er 
aus seiner eignen Tasche die Strafen bezahlt 
hatte, damit sie nicht in das Gefängnis zu wan¬ 


dern brauchten! Da nämlich, wo der Polizei¬ 
richter auf eventuelle Gefängnisstrafe bei Nicht¬ 
zahlung der Buße erkannte, pflegte Morris in 
der Regel für seine Mitstreiter einzutreten, es 
sei denn, wie es in einzelnen Fällen vorkam, 
daß die Verurteilten ausdrücklich als Märtyrer 
gelten wollten. 

Dadurch, daß die Polizei, vornehmlich in 
zwei von der sozialistischen Partei angesetzten 
Meetings die Redefreiheit zu beschränken 
suchte, erhob sich die liberale und radikale 
Partei in eifersüchtiger Überwachung dieses 
Privilegiums wie ein Mann zugunsten von Morris 
und schwellte seine schon schlaff gewordenen 
Segel mit frischem Winde. Aber auch die 
konservative Partei erkannte, daß sie sich ab¬ 
solut unpopulär machen würde, falls sie ge¬ 
statten wollte, das bisher von allen Parteien 
heilig gehaltene öffentliche Versammlungsrecht 
anzutasten. 

Als es im September des Jahres 1885 an 
der Ecke von Dod Street und Burdett Road 
in London zu beunruhigenden Volksszenen 
kam und nach erfolgten Verhaftungen mehrere 
Genossen am andern Morgen nach dem Themse- 
Polizeigerichtshof gebracht und dort zu Frei¬ 
heitsstrafen verurteilt worden waren, ent¬ 
stand in dem Gerichtssaal ein tumultartiger 
Aufruhr. Morris, der mit einer Anzahl Li¬ 
gisten den Verhandlungen zugehört hatte, wurde 
beschuldigt, sich an dem Unfug nicht nur be¬ 
teiligt, sondern auch einen Polizisten im Saal 
geschlagen zu haben. Er wurde sofort verhaftet 
und nun entspann sich eine dramatische Szene 
zwischen dem Richter und Morris. Der erstere, 
der dem Angeschuldigten ersichtlich wohl ge¬ 
sinnt schien, baute ihm eine goldene Brücke, 
indem er die Frage stellte: „Sie haben gewiß 
nicht mit Absicht gehandelt?“ Morris setzte 
sich aufs hohe Pferd und erwiderte ziemlich 
trotzig: „Ich habe überhaupt nichts getan!“ 
Die Zeugenaussagen fielen widersprechend aus, 
so daß der Richter Saunders Morris schließlich 
nach einigen Verwarnungen entließ. Die Liga 
hatte gesiegt, aber Morris’ ganzes persönliches 
Auftreten wurde ihm sehr verdacht, ja, viele 
behaupteten sogar: er habe nicht den Mut 
gehabt, seine Gewalttat offen zu bekennen. 

Als am 8. Februar 1886 zu einem in Tra¬ 
falgar-Square von der Sozialisten-Liga einbe- 
rufenen Meeting die verschiedenen Arbeiter- 




von Schleinitz, William Morris. 


157 


abteilungen dorthin abrückten, schritt auch 
Morris an der Spitze einer solchen Schaar mit 
dem Vereinsbanner in der Hand. Da es wiederum 
zu Ausschreitungen aller Art kam, griff die 
Polizei zur Aufrechterhaltung der Ordnung ein 
und es gelang ihr auch sehr bald ohne viele 
Mühe, den Platz zu säubern. Nun aber geschah 
das Schlimmste: die nach Hause wogenden 
Massen gaben sich einer regelrechten Plünderung 
des westlichen Teils von London hin. Läden 
wurden erbrochen, Gelder verlangt, Waren ge¬ 
raubt. Als eine Ironie des Schicksals muß es be¬ 
zeichnet werden, daß die Plünderung von Morris 
eigenem Geschäft in Oxford-Street im allerletzten 
Augenblick nur durch Herablassen der Jalousien 
und Verbarrikadierung des Tores verhindert 
werden konnte. 

Vor der Anarchie schreckte Morris denn doch 
zurück und sein im „Commonweal“ in bezug 
auf die ganze Angelegenheit erlassenes Mani¬ 
fest lenkt zu einer maßvolleren Haltung ein 
und endet mit den Worten „Erziehung und 
Bildung“. Besonders war es Burne-Jones’ Ein¬ 
fluß zuzuschreiben, daß Morris sich mehr und 
mehr von dem anarchistisch gesinnten Flügel 
seiner Partei lossagte. Er hatte sich zwar noch 
einige Male vor dem Polizeirichter zu verant¬ 
worten, indessen endeten die nicht gar zu 
schweren Anklagen stets mit der Auferlegung 
kleinerer Geldstrafen, die Morris für sich und seine 
Anhänger bezahlte. Zudem litt seine Gesund¬ 
heit sehr stark unter allen diesen aufregenden 
Ereignissen; namentlich war es die Gicht, 
die ihn länger als sechs Wochen auf das 
Krankenlager warf. In einem Briefe an Burne- 
Jones aus dieser Zeit findet sich folgende 
charakteristische Stelle: „I wish I were not so 
damned old. If I were but twenty years younger! 
But then you know there would be the Female 
complication somewhere. Best as it is after 
all. Meantime, old chap, I send my best love 
to you for troubling about me.“ Die inneren 
Zwistigkeiten zwischen den von Hyndman und 
Morris geleiteten Genossenschaften dauerten in¬ 
zwischen unentwegt fort, und es kam sogar soweit, 
daß die Sozialisten-Liga eine Resolution annahm, 
die mit dem Schlußsatz endete: „Wir besitzen 
das tiefste Mitleid mit den willenlosen Werk¬ 
zeugen Hyndmans.“ Trotzalledem besaßen die 
Mitglieder beider sozialistischen Zweiggesell¬ 
schaften die größte persönliche Hochachtung 


für Morris. Jedermann hielt ihn für unfähig, 
Intriguen einzufädeln oder auszuspinnen; er 
nannte alle Sozialisten ohne Ausnahme seine 
Kameraden und blieb von einer unerschöpflichen 
Geduld. Trotzdem scheiterten vorläufig die 
Unterhandlungen zu einer Aussöhnung mit 
Hyndmans Partei. 

Zwischendurch fand Morris noch genug 
Muße, sich mit Kunst und Poesie zu be¬ 
schäftigen. So heißt es unter anderm in einem 
Briefe an Burne-Jones um diese Zeit:„...Why 
will people quarrel when they have a serious 
end in view? I went to Merton yesterday 
and worked very hard at my patterns and 
found it amusing. I have finished the 8 th book 
of Homer and got into the g th , Lotus Eaters, 
Cyclops, and so on. How jolly it would be 
to be in a little cottage in the deep country 
going on with that, and long walks intersper- 
sed — in the autumn country, which after all 
I love as much as the spring.“ Morris hat mit 
eigner Hand in dieser Periode etwa 80 Original¬ 
muster für Tapeten und ca. 40 für „Chintzes“, 
d. h. für Kattundrucke, entworfen. 

Im „Commonweal“ erschien im Jahre 1887 
Morris’ interessanter Essay, 40 Seiten stark: 
„Aints of Art“, der dann in das Buch „Signs 
of Change “ aufgenommen wurde. Diese Schrift 
in Oktav-Format kam 1888 als selbständiges 
Werk bei Reeves & Turner in London mit 
den nachstehenden Kapitelüberschriften her¬ 
aus: „How we Live and how we might Live“, 
„Whigs, Democrats and Socialists“, „Feudal 
England“, „The Hopes of Civilisation“, „The 
Aims of Art“, „Useful Work versus Useless 
Toil“ und „Dawn of a New Epoch“. Endlich 
ist aus dem Jahre 1886 noch ein Aufsatz von 
Morris bemerkenswert, den die „Pall Mall Ga¬ 
zette“ in einer Extranummer publizierte und 
der über „The best Hnndred Books“ handelt. 

Wie sehr Morris daran lag, mehr und 
mehr die anarchistischen Elemente abzustreifen, 
geht unzweideutig aus folgender, am 24. Februar 
1887 in sein, übrigens nur einen fragmentari¬ 
schen Charakter besitzendes Tagebuch ein¬ 
getragenen Stelle hervor: „Indeed I doubt if, 
except one or two Germans we have any real 
Anarchists among us: and I dont want to see 
a lot of enthusiastic men who are not very 
deep in Socialist doctrines driven off for a fad 
of the more pedantic part of the Collectivist 



158 


von Schleinitz, William Morris. 


CI XThc first boohe of tbc communica- 
tion of Raphael ftythloday, concem- 
yng tbe best atate of a commenweltb. 

F>6 moste vict- 
ortoua&trium/ 
pbant Kyng of 
englande, hem 
ryetbeeygbtof 
tbat name, mal 
roial vertuca a 
pnncemoatpe/ 
releaae, badde 
of late in con- 


troveraie witb Cbarlea, tberigbt bigbe 
andrm'gbtye Kyngof Castell,weigbty 
mattere & of great »mportaunce. for 
tbe debatement & final determination 
wberof, tbe bingca JVlajeaty aent me 
Hmbaaaadour into f laundera, joyned 
in commiaaion witb Cutbbert CunS' 
tall, aman doutleaae out of compan- 
aon,andwbom tbe Kyngea JMajeatieof 
late, totbegreatrejoyayngeof allmen, 
dy d preferre to tbeoffice of JMaiater of 
tbe Rollea. 

UTZ of tbia mannea prayaea I 
wyllaayenotbyng,not bicauae 
I doo feare tbat amall credence 

m 


Abb. 61. Seite 13 der Utopia. (Keimscott Press.) 


section . . .“ Am 25. Februar 
bemerkt Morris in seinem 
Tagebuch: „Yesterday all 
day long with Bax trying 
to get our second article on 
Marx together: a very dif- 
ficult job, I hope it may 
be worth the trouble. News 
of the German elections to 
day: the Socialists seem to 
be going to lose seats (and 
no wonder considering Bis- 
marck’s iron fist), but they 
are gaining numbers accor- 
ding to the voting.“ Bezüg¬ 
lich seiner Übersetzung der 
Odyssee schreibt Morris am 
18.Februar an seine Tochter: 

„Ich habe soeben das 16. 

Buch vollendet und nach der 
Druckerei geschickt.“ Bei¬ 
läufig möchte ich erwähnen, 
daß seine Homer - Über¬ 
setzungen weder populär in 
England geworden sind, noch 
auch, trotz mancher vortreff¬ 
licher Einzelheiten, wirklich 
Mustergültiges bieten. 

Abermals kam Morris 
hinsichtlich seiner sozialisti¬ 
schen Agitation ein Glücks¬ 
umstand zu statten: die 
liberale und radikale Partei 
identifizierte sich mit Glad- 
stones Home Rule-Projekt 
für Irland und befand sich 
in dieser Richtung in dem 
gleichen Fahrwasser mit der sozialistischen 
Liga. Für Sonntag, den 13. November 1887 
hatten die wiederum Neuverbündeten ein großes 
Meeting für Trafalgar-Square angesetzt, um 
gegen die Politik der Regierung Protest zu 
erheben. Das Ministerium war entschlossen, 
diese Versammlung nicht zu dulden, eventuell 
durch Waffengewalt zu sprengen. Es kam zu 
einer regelrechten Schlacht, in der schließlich 
Militär und Polizei den Platz behaupteten und 
viele Sozialisten so arg zugerichtet wurden, daß 
seitdem in ihren Annalen der Tag „The Bloody 
Sunday“, der „blutige Sonntag“, heißt. Ein 
junger Mann, namens Alfred Linnell, verstarb 


an den hier empfangenen Wunden, und Morris 
war derjenige, der am Grabe seines Genossen 
am 18. Dezember wenigstens würdevolle Worte 
fand, während die übrigen Redner die be¬ 
kannten Phrasen von „gedungenen Mördern 
in Uniform“ und von „den in ihrem tiefsten 
Herzen erzitternden regierenden Klassen“ zum 
besten gaben. Als schriftstellerisches Resultat 
der Begebenheit erschien nachfolgendes Original¬ 
gedicht von Morris: „Alfred Linnell , Killed in 
Trafalgar Square.“ A Death Song by Mr. Wil¬ 
liam Morris. Memorial Design by Mr. Walter 
Crane. Price one Penny. Morris vertrieb sein 
Opus zugunsten der Hinterbliebenen von Linnell 


























von Schleinitz, William Morris. 


159 


und außerdem wurde das Gedicht in Musik 
gesetzt und erlebte dann eine zweite Oktav- 
Auflage. 

Wie sehr Morris persönlich zur Aussöhnung 
zwischen den beiden divergierenden sozialisti¬ 
schen Parteien geneigt blieb, geht unter anderm 
daraus hervor, daß er sein Originalgedicht 
„All for the Cause“, A Song for Socialists. 
Words by William Morris, Music by E. Beifort 
Bax. London 1887, ohne Weiterungen zuerst 
in Hyndmans „Justice“ veröffentlichen ließ. 
Außer jenem in Quartformat gedruckten, ver¬ 
faßte er zu Weihnachten noch ein anderes 
Gedicht, betitelt „Christmas Song“. By William 
Morris. Lothrop. Boston. 1887, das in 
Sedezformat erschien und für 25 Cents ver¬ 
kauft wurde. Ferner hielt er noch einen später 
gedruckten Vortrag über die Dachkonstruktion 
von Wohnhäusern mit der Überschrift „On the 
External Coverings of Roofs“, und als Beschluß 
für das Jahr 1887 soll endlich das satirische 
Lustspiel „ The Tables Turned ; or Nupkins 
Awakened “ genannt werden, das noch den 
Untertitel führt: „A Socialist Interlude by 
William Morris. As the first time played at 
the Hall of the Socialist League. 15* October 
1887. London. Office of the Commonweal“. 
Das Werk erschien im Verlage und in der 
Offizin des genannten Blattes in Quartformat 
und gehört zu den seltsamsten literarischen Er¬ 
zeugnissen, die von Morris herrühren. Er selbst 
spielte in dem Stücke mit, das zum Besten des 
„Commonweal“ aufgeführt wurde und solchen 
Beifall fand, daß es noch dreimal wiederholt 
werden mußte. Für das zeitgenössische englische 
Theater, das Morris für das heruntergekommenste 
in ganz Europa erklärte, besaß er nicht das 
geringste Interesse. Er besuchte eine Vorstellung 
eigentlich nur ausnahmsweise, wenn er von 
seiner Familie hierzu gedrängt wurde. Sein hartes 
Urteil über die englische Bühne war im übrigen 
dasselbe wie das von Matthew Arnold, wenn¬ 
gleich beide aus verschiedenen Gründen zu der 
nämlichen Ansicht gelangten. „The Tables tur- 
ned“ ist ein Stück ohne kunstvolle Anlage 
und jeder höheren dramatischen Entwicklung 
und Charakteristik entbehrend. Es erinnert 
in seinem Aufbau entfernt an die mystischen 
Schauspiele des Mittelalters, trotzdem es inhalt¬ 
lich mit jenen im schreiendsten Kontrast steht 
und in modernster Weise eine Satire auf die 


kürzlich erlebten sozialistischen Ereignisse bilden 
will. Vielleicht lag hierin der Reiz für das 
Auditorium, möglicherweise aber noch mehr in 
dem Umstande, daß Morris selbst die Haupt¬ 
rolle, die des Erzbischofs von Canterbury, über¬ 
nommen hatte. 

Eine Zeitlang trug sich Morris übrigens ernst¬ 
lich mit dem Gedanken, ein größeres Drama 
verfassen zu wollen, und einzelne nicht unbedeu¬ 
tende Kritiker neigten zu der Ansicht, daß, 
falls er die Sache wirklich als Lebensaufgabe 
betrachtet hätte, wahrscheinlich eine vollständige 
Umwälzung des englischen Theaters erfolgt 
sein würde. Glücklicherweise aber waren es 
andere Dinge, die ihn in weit anhaltenderer 
Weise und, wie ich glaube, wohl mit mehr Be¬ 
rechtigung interessierten als die dramatische 
Kunst, für die er den Befähigungsnachweis denn 
doch kaum erbracht hatte. Die kommende 
Epoche wird in der Hauptsache durch eine 
andere Art von Tätigkeit ausgefüllt, für die 
Morris wie geboren erschien und die ihn zu 
einer der ersten Größen aller Zeiten in diesem 
Spezialfach erhob: die Organisation des Kunst¬ 
gewerbes und der Kunstindustrie. 

Um die Mitte des Jahres 1888 entspann 
sich zwischen Morris und Mrs. Burne-Jones ein 
sehr lebhafter Briefwechsel. In einem solchen 
Schreiben von Ende August oder Anfang Sep¬ 
tember findet sich die Stelle: „Ich bin darauf 
vorbereitet, allen organisierten Sozialismus im 
Sande verlaufen zu sehen . . . aber wir haben 
doch vernünftige Leute dazu gezwungen, sich 
mit unserer Sache zu befassen. Unsere Zeit 
wird schon kommen unter günstigeren Um¬ 
ständen . . . Wenn ich dann noch am Leben 
bin, soll meine ganze Kraft wiederum unserer 
,Sache* gewidmet sein und werde ich nach¬ 
mals den Vorteil haben, viel besser zu wissen, 
was zu tun und zu lassen ist, als dies früher der 
Fall war.“ Es muß bei dieser Gelegenheit in 
Erinnerung gebracht werden, daß Burne-Jones 
mit seiner Familie einem maßvollen Sozialismus 
huldigte, ebenso wie der englische Biograph 
von Morris, Mr. J. W. Mackail, der des ersteren 
Tochter Margarethe am 4. September 1888 
heiratete. Morris hatte ihr als Hochzeits¬ 
geschenk einen prachtvollen in Merton-Abbey 
(seiner Fabrik) hergestellten und im Muster 





i6o 


von Schleinitz, William Morris. 


von ihm entworfenen Teppich gesandt. In 
mehreren Gemälden des großen Meisters ist 
seine Tochter mit Porträtähnlichkeit in einzelnen 
Figuren wiedergegeben und verweise ich dieser- 
halb auf meine, bei den Verlegern dieser Hefte 
erschienene Monographie „Burne-Jones“. 

Selbst die Redaktion des „Commonweal“ 
bereitete Morris wenig Freude, so daß die aus 
seiner Feder stammenden Artikel matter und 
matter wurden. In einer langen Serie von 
Aufsätzen erschien in dem Blatt eine lebendig 
und detailiert geschilderte Erzählung des Auf¬ 
standes in Ghent im XIV. Jahrhundert, der eine 
noch einigermaßen interessante Unterbrechung 
in der Eintönigkeit der Zeitung gewährte. 
Gleichzeitig beschäftigte sich Morris mit einer 
Übersetzung Froissarts. Ganz unabhängig von 
dem politischen Glaubensbekenntnis sehen wir 
nun mehr und mehr solche Personen sich um 
ihn scharen, die dem Kunstgewerbe neue 
Bahnen wiesen und in dieser Beziehung Morris 
willig als ihren Meister anerkannten. Außer 
dem bereits erwähnten Walter Crane gehörten 
in diese Kategorie von Männern vor allem 
T.J. Cobden-Sanderson, Henry Holiday, Benson, 
Lethaby, Sumner, Emery Walker, Whittingham, 
Vosey, Lewis F. Day und andere. Zunächst 
versammelte sich ein kleiner Kreis in dem 
Hause des letzteren, der dann zu „The Art 
Workers Guild“ heranwuchs. In dieser Gesell¬ 
schaft trug man sich eingehend mit dem Ge¬ 
danken, eine Reform der Akademie herbei¬ 
zuführen; schließlich aber kam „The Combined 
Arts“ zusammen, aus der wieder „The Arts and 
Crafts Exhibition Society “ (die Gesellschaft 
für Kunstgewerbeausstellungen) hervorging. Von 
anderer Seite war bereits 1886 eine Gesell¬ 
schaft in London gegründet worden, die eine 
Zeitschrift „The Century Guild Hobby Horse“ 
herausgab, um kunstgewerbliche Interessen mehr 
als bisher zu vertreten. Das Blatt ging aber 
nach sieben Jahren regelmäßigen Erscheinens 
ein, weil Uneinigkeiten hemmend auf die ur¬ 
sprünglichen Bestrebungen wirkten. In der 
Schlußvignette der Zeitschrift stand das schöne, 
aber leider nur zu oft auf Vereinigungen nicht 
anwendbare Motto „Ars est una, multi partita, 
indivisibilis“. 

Morris, Walter Crane und Cobden-Sander¬ 
son waren die rechten Leute, um alles mit dem 
Kunstgewerbe Zusammenhängende näher an- 


einanderzuschlicßcn. Sie besaßen in gleichem 
Maße das Vertrauen der Arbeitgeber und 
Fabrikherrn wie des Handwerkers und Arbeiters. 
Infolgedessen wurde es ihnen leicht, im Jahre 
1888 die erste kunstgewerbliche Ausstellung in 
der New-Gallery, der Sezession der Sezes¬ 
sion, zu eröffnen. Präsident der Gesellschaft 
war Crane und ihr Ehrensekretär Cobden- 
Sanderson. Der letztere wird nicht nur in Eng¬ 
land, sondern namentlich auch in Amerika als 
eine erste Autorität für alles, was mit dem 
künstlerischen Bucheinband Zusammenhänge 
geschätzt. Die meisten großen Büchersamm¬ 
ler in den Vereinigten Staaten lassen ihre 
Werke von Cobden-Sanderson binden, resp. 
sich Zeichnungen für die Bücherdeckel von ihm 
anfertigen. Er hat in seinem einfachen und 
schlichten Wesen viel mit Morris und Crane 
gemein, ja, er repräsentiert auch äußerlich den 
Arbeitercharakter, denn cs ist keine Selten¬ 
heit, ihn in der blauen Bluse bei seiner Be¬ 
schäftigung zu finden. Trotz seiner sozialisti¬ 
schen Tendenzen erfreute er sich, ebenso wie 
Cranes und Morris’ Kunstleistungen, der Pro¬ 
tektion bis in die allerhöchsten Kreise hin¬ 
ein. Er wollte wie Burne-Jones und Morris 
Geistlicher werden und studierte zu gedachtem 
Zweck drei Jahre Theologie in Cambridge. 
Cobden-Sanderson wohnte in Hammersmith, 
nicht weit von Morris, mit dem er ebenso wie 
mit den meisten englischen Führern der Sozia¬ 
listen in enger Fühlung verblieb. 

Die erste Veranstaltung der „Arts and Crafts 
Exhibition Society“ bedeutete einen großen 
Triumph für die genannten Unternehmer. Ganz 
London war voll des Ereignisses. Der Katalog¬ 
umschlag, von Crane gezeichnet, stellt in einer 
Gruppe von zwei Figuren, „Zeichnung“ und 
„Kunst“, symbolisierend dar. Auf der Rück¬ 
seite betritt ein jugendlicher Arbeiter mit Hand¬ 
werkszeug die unterste Sprosse einer Leiter. 
Dieser Umschlag wurde dann für alle späteren 
Ausstellungskataloge beibehalten. Im Komitee 
der Gesellschaft befanden sich namentlich: 
Burne-Jones, Morris, der verstorbene, sehr an¬ 
gesehene Bildhauer Onslow Ford, Metford 
Warner, S. Webb, Benson, W. de Morgan, 
E. Walker und J. Westlake. In der Einleitung 
zum Katalog sind kurze Aufsätze von Fach¬ 
leuten enthalten, so von Morris über Textil¬ 
industrie; über den Bucheinband hatte Cobden- 




von Schleinitz, William Morris. 


161 


Sanderson einen Essai geliefert. Eine inter¬ 
essante Neuheit bildete der Umstand auf der 
Ausstellung, daß die weiblichen Familienmit¬ 
glieder der großen englischen Künstler vielfach 
die von den ihrigen entworfenen Muster usw. 
praktisch hergestellt hatten, so z. B. Bücher¬ 
einbände von Annie Cobden-Sanderson; eine 
Portiere mit seidener Stickerei, gezeichnet von 
William Morris, war von seiner Gattin und Miß 
Jane Morris ausgeführt worden; eine gestickte 
Kaminbekleidung und ein von Crane entworfenes 
Schränkchen wurde von Mrs. Crane nach den 
Zeichnungen ihres Gatten angefertigt. Selb¬ 
ständig erfunden und zugleich ausgeführt waren 
schöne Muster für Handarbeiten von Miß May 
Morris. Die dekorative Ausschmückung eines 
Konzertflügels rührte von Miß Kate Faulkner, 
der Tochter des Mitbegründers der Firma 
Morris, her. Schließlich will ich Arbeiten von 
Edmund Evans und C. F. A. Voseys nicht un¬ 
erwähnt lassen, sowie eine sehr wesentliche 
Bemerkung hinzufügen: die Ausstellung brachte 
ein ganz neues Prinzip zum Ausdruck, das 
von den Arbeitgebern anfangs mit dem denk¬ 
bar größten Mißtrauen angesehen und be¬ 
kämpft wurde. Bisher war es nämlich auf der¬ 
artigen Ausstellungen üblich gewesen, im Kata¬ 
log nur den Aussteller und Zeichner jedes 
einzelnen Stücks zu nennen; aber das Komitee 
hatte es durchgesetzt, außerdem den Namen 
des betreffenden ausführenden Handwerkers 
ebenfalls gedruckt zur Kenntnis des Publikums 
zu bringen. Ich glaube nicht, fehl zu gehen, 
wenn ich die Ansicht ausspreche, daß dieser 
ausgleichende, der Billigkeit entsprechende, 
zuerst aber als „sozialistisch“ verschriene Grund¬ 
satz seine Geltendmachung nicht zum mindesten 
den soeben genannten Damen verdankt. Statt 
eines auflösenden sozialistischen Elements trägt 
dies Verfahren vielmehr dazu bei, ein gemein¬ 
sames Interessenband um die drei zur Her¬ 
stellung kunstgewerblicher Erzeugnisse nötigen 
Faktoren zu schlingen. 

Für das Jahr 1888 sind folgende gedruckte 
Arbeiten von Morris zu nennen: „ Atalanta's 
Race and other Tales front the Earthly Para- 
dise. By William Morris “. Boston 1888. 
Ticknor & Co. Ein Originalgedicht in Oktav¬ 
format mit Illustrationen. „ The Socialist Plat- 
form No. 6 . True and false Society. By 
William Morris“. Socialist League Office. 1888. 


One Penny, 24 Seiten, ohne Umschlag, mit 
Kopfstück, gezeichnet von Walter Crane. Ferner 
eine von Morris verfaßte Vorrede zu Fairmans 
„Principles of Socialism“. In der Mainummer 
der „Fortnightly Review“ erschien eine Ab¬ 
handlung mit der Überschrift „ The Revival of 
Architecture“ und in der „Times“ vom 2. No¬ 
vember ein Aufsatz, betitelt „On Tapestry and 
Carpet Weawing “. Seit dem 13. November 
1886 bis zum 22. Januar 1887 hatte Morris 
eine Serie von Beiträgen für das „Commonweal“ 
geliefert unter dem Titel „ A Dream of John 
Ball u : eine erzählende Prosaromanze voller tiefer 
Gedanken über das menschliche Leben, im 
besten Stil geschrieben und dem Inhalt nach 
den Stab über die mittelalterliche Gesellschaft¬ 
ordnung brechend. In schön und fein aus¬ 
gearbeiteter Weise läßt er vor unserem Auge 
eine neue Welt entstehen. Während eines 
Augenblicks außerordentlicher Erhebung wird 
er zum Rebellen gegen das Mittelalter, und der 
Mystiker und der moderne Sozialist reichen sich 
die Hand über dem weißen Mohn, in jener kurz 
bemessenen Frist des Zwielichts, da der Mond 
erblaßt und die Morgendämmerung anbricht. 

Die in Serien veröffentlichte Studie wurde 
dann zusammengefaßt und erschien als Buch 
unter dem Titel „A Dream of John Ball and 
a Kings Lesson u with an illustration by Edward 
Burne-Jones. London. Reeves & Turner, 196 
Strand. 1888. 4 sh 6 d. Am 13. Mai 1892 
veröffentlichte dieselbe Firma das gleiche Werk 
als den 6. Druck der Keimscott Press. In 
dieser Gestalt, Klein-Quart, mit schwarzen und 
roten Buchstaben, auf Papier zu 30 Schilling, 
kamen 300 Exemplare und 11 zu 10 Guineen 
auf Velin heraus. Die hier gegebene Illustra¬ 
tion (Abb. 59) zeigt den Titelholzschnitt von 
Burne-Jones und die dekorierte erste Seite. 

Je mehr in dieser Epoche Morris’ unmittel¬ 
bare Tätigkeit für die sozialistische Propaganda 
abnimmt, destomehr wendet er sein Interesse 
eigner und fremder Literatur zu. Hinsichtlich 
der letzteren ist es namentlich Tolstoi, mit dem 
er sich beschäftigt. In den nächsten Jahren 
entstehen sehr bedeutende Werke, die um so 
wichtiger sind, weil durch sie die Veranlassung 
zur Gründung der Keimscott Press gegeben 
wird. Als ein solches Buch ist vor allem zu 
nennen „A Tale of the House of the Wolfings 
and all the Kindreds of the Mark written in 



IÖ 2 


von Schleinitz, William Morris. 


Prose and in Verse by William Morris “, Lon¬ 
don 1889, Reeves & Turner, 196 Strand. 4 0 . 
Im Jahre 1890 veranstaltete Roberts in Boston 
einen Nachdruck. Bisher hatte Morris sich 
wenig um Typographie, um die Raumverteilung 
auf jeder einzelnen Seite und dergleichen mehr 
gekümmert, vielmehr den Druck seiner Werke 
im gewöhnlichen Geschäftswege erledigen lassen. 
Seit der sich intimer gestaltenden Bekanntschaft 
mit Emery Walker, seinem Nachbar in Hammer¬ 
smith, begann Morris auch dem typographi¬ 
schen Teil des Buches die größte Aufmerksam¬ 
keit zu schenken. Jener war nicht nur ein 
Liebhaber des schönen Drucks, sondern auch 
ein großer Kenner des gesamten Spezialfaches. 
Wenn Morris die von ihm gesammelten Bücher 
früher mehr wegen ihrer alten Holzschnitte ge¬ 
schätzt hatte, so wurden sie ihm jetzt haupt¬ 
sächlich interessant hinsichtlich des Druckes. 
Für den Satz des „House of the Wolfings“ 
sicherte er sich die nach einem alten Baseler 
Vorbilde errichtete Schriftgießerei der Firma 
Whittingham. Morris war an die Abfassung 
des Textes mit der größten Lust und Liebe 
gegangen, und während der Drucklegung konnte 
er vor Ungeduld kaum die Fertigstellung er¬ 
warten. Als diese dann erfolgt war, äußerte er 
sich so entzückt über das Werk, daß er über¬ 
haupt keinen Widerspruch, selbst über offenbar 
verfehlte kleine Details duldete. Freilich siegte 
später sein besseres Einsehen und da, wo er 
die Mängel als tatsächlich bestehend aner¬ 
kennen mußte, änderte er einzelne Buchstaben, 
wie z. B. das nicht gelungene „e“, für das 
nächste Werk „ The Roots of the Mountains 11 
in eine bessere Type um. Der Text des 
„Geschlechts der Wolfinger“ ist teils in 
Prosa, teils in Versen abgefaßt und stellt in¬ 
haltlich das Leben germanischer Stämme in 
Zentral-Europa zu Ende des zweiten und Be¬ 
ginn des dritten Jahrhunderts dar. Wie kaum 
anders von Morris zu erwarten, sind die histo¬ 
rischen Begebenheiten mit einer starken Dosis 
eigner Phantasie und mit allerhand übernatür¬ 
lichen Elementen gemischt. Die Erzählung 
„The Roots of the Mountains“, in Zeit und 
Ort noch unbestimmter, schildert einen in 
der Nähe der Alpen lebenden Volksstamm, 
der nicht später als im VII. Jahrhundert dort 
seßhaft gewesen sein kann; allein, da die 
intimere Fabel nebst allem Zubehör frei von 


Morris erfunden ist, so darf er nicht dafür 
getadelt werden, wenn sich gelegentlich ro¬ 
mantische Züge viel späterer Jahrhunderte in 
der Arbeit vorfinden. Obgleich das Werk 
schon 1889 beendet war, so kam es doch erst 
1890 bei Reeves & Turner in Quartformat zu 
8 Schilling heraus. Gebunden ist die Schrift 
in rotbrauner Leinewand, die zu den sogenann¬ 
ten in Morris P'abrik Merton - Abbey ange¬ 
fertigten „Chintzes“ gehört. 

Von den im Jahre 1889 über Kunst oder 
kunstgewerbliche Angelegenheiten gehaltenen 
Vorträgen von Morris sind die nachstehenden 
im Druck erschienen: „Textiles“, eine bei der 
Jahresversammlung der Society for Protection 
of Ancient Buildings“ gehaltene Rede. Ferner, 
der am 20. September in der „Pall Mall Ga¬ 
zette“ erschienene Artikel „On Peterborough 
Cathedral “ und der Vortrag „Of Deying as an 
Art“. Als von den der Regierung nahestehen¬ 
den Kreisen die Frage der Restaurierung der 
Westminster-Abtei mehrfach erörtert wurde, 
schrieb Morris einen geharnischten Aufsatz im 
„Nineteenth Century“, betitelt „Westminster Abbey 
and its Monuments “, gegen alle Versuche der 
Restaurierung und Erweiterung. Er gerät in 
förmliche Wut, wenn er nur daran denkt, wie 
jede Renovierung bisher das herrliche Gebäude 
immer mehr ruiniert habe, und daß es schließlich 
nichts weiter geworden sei als „ein Registratur- 
Bureau für bemerkenswerte Personen“. 

Im Juli desselben Jahres finden wir Morris 
in Paris als einen der englischen Abgesandten 
für den dort zur Feier der Wiederkehr des 
hundertsten Jahrestages der Erstürmung der 
Bastille tagenden internationalen Sozialisten¬ 
kongreß. Wenn irgend etwas geeignet sein 
konnte, ihn zu entnüchtern, so war es der 
Verlauf dieser Versammlung, in der die ge¬ 
mäßigte Minderheit im wahren Sinne des Wortes 
mit Gewalt an die Luft gesetzt wurde. Im 
Gegensatz zu derartigen brutalen Kraftaus¬ 
brüchen entwickelte sich gerade in diesem Jahre 
durch Arbeitseinstellungen in England das or¬ 
ganisierte Genossenschaftswesen, für das nicht 
nur die liberale Partei eintrat, sondern auch 
eine erhebliche Anzahl gebildeter Personen aller 
Stände. Sie waren der Ansicht, daß man den 
Sozialismus nicht einfach ignorieren dürfe und 
daß er am besten und sichersten durch liberale 
Maßregeln in ein ruhiges Fahrwasser geleitet 




von Schleinitz, William Morris. 


163 


würde. Das nachkommende Jahrzehnt hat ihnen 
recht gegeben. 

Im November 1889 wurde in Edinburg ein 
Kunst-Kongreß abgehalten, bei dem die her¬ 
vorragendsten Redner Morris, Crane, Cobden- 
Sanderson und Emery Walker waren. Alle diese 
Männer versuchten dem Kongreß eine sozia¬ 
listische Schattierung zu geben. In einem Brief 
an seine Gattin schreibt Morris derzeitig: 
„. . . Es war eine langweilige Geschichte; 
nachdem aber die Toryblätter erklärt haben, 
daß Crane und ich den Kongreß verdorben 
hätten, kannst Du Dir wohl vorstellen, wie 
ich der Ansicht bin, dort nicht vergebens 
gewesen zu sein!“ Im Herbst desselben Jahres 
und bis zum Frühjahr 1890 dauernd, fand eine 
zweite „Arts and Crafts“-Ausstellung in der 
,New-Gallery‘ unter der Präsidentschaft Walter 
Cranes statt. Von Morris waren Gobelins nebst 
dazu verfaßten Gedichten eingesandt worden; 
auch viele andre bedeutende Künstler beschick¬ 
ten die Ausstellung, u. a. Burne-Jones, Crane, 
Aymer Valance, der nachmalige Biograph von 
Morris 1 , und Richmond. Während der Aus¬ 
stellung fanden abermals regelmäßige Vorträge 
für Handwerker statt, so von Morris über den 
Druck von Büchern, von Crane über den 
Gebrauch des Ornaments in der Kunst; über 
Mosaik von Richmond und von Selwyn Images 
über den Wert des katholischen Geistes in 
der Kunst. 

Endlich fällt in diese Zeit noch ein wichtiges 
Ereignis: Mr. George Wardle, der erste Direk¬ 
tor der Morrisschen Fabrikanlagen, zieht sich 
gänzlich vom Geschäft zurück, und Morris nimmt 
in idealsozialistischem Geiste seine beiden Unter¬ 
direktoren Mr. F. und R. Smith als Teilhaber in 
seine Firma auf. Hierdurch wird er der Sorge 
und Last in Betreff der rein mechanischen 
und kommerziellen Leitung des Geschäfts ent¬ 
hoben. 

Am 21. November 1889 schrieb Morris an 
seinen Freund, den Verlagsbuchhändler Ellis, 
einen Brief, in dem sich folgende bezeich¬ 
nende Stelle findet: „ . . . Ich denke ernstlich 
daran, selbst Drucker zu werden; der erste 
Schritt hierzu müßte in der Herstellung einer 
neuen Schriftgießerei bestehen. Alles in allem 
erachten Walker und ich Jenson als das beste 


Vorbild . . . Haben Sie je seinen „Plinius“ in 
der Hand gehabt?“ Morris stellte dann Walker 
den Antrag, sich mit ihm zur Gründung einer 
Druckerei zu assoziieren, und wenngleich letzterer 
den Vorschlag ablehnte, so blieb er doch der 
dauernde Berater von Morris. Jedenfalls war 
Walker ein mit bestimmender Faktor für die Er¬ 
richtung der Keimscott Press. Im Jahre 1893 
verfaßten Morris und Walker gemeinsam die 
Schrift „Printing in Arts and. Crafts Essays 11 . 
Mit Walker gründete auch Cobden-Sanderson 
1900 die Doves Preß, für die Miß May Morris 
die Typen zeichnete. Die ersten Bücher, die 
aus dieser Druckerei hervorgingen sind unter 
anderem: ein Aufsatz über Morris und „The 
Ideal Book or Book Beautiful“. Alle diejenigen, 
die sich über den Gegenstand orientieren 
wollen, finden näheres in der „Zeitschrift für 
Bücherfreunde“, Jahrgang V, Heft 5. 

Mittlerweile war die Leitung der „Socialist 
League“ ganz in die Hand der Anarchisten 
übergegangen; Morris wurde von der Redaktion 
des „Commonweal“ abgesetzt und obgleich er 
noch Beiträge für das Blatt und auch einige 
Monate lang finanzielle Hülfe gewährte, so ging 
die Zeitung nach einem Siechtum von ungefähr 
einem Jahre für immer ein. Von jetzt ab ist 
Morris nur noch ein passiver Sozialist. Die 
letzte große Arbeit, die er für das „Common¬ 
weal“ geliefert hatte und die sich in einer Serie 
vom 11. Januar bis zum 4. Oktober 1890 
hinzieht, nennt sich „ News front Nowhere “. 
Die Romanze kam 1891 bei Reeves & Turner, 
London, in 8°-Format heraus unter dem Titel 
„News front Nowhere or an Epock of Rest, 
being some chapters front a Utopian Rontance 
by William Morris, Author of the Earthly 
Paradise “ (Abb. 60). Ferner wurde die erste Aus¬ 
gabe des Buches 1890 von Roberts Brothers in 
Boston nachgedruckt, ohne die von Morris 1891 
bewirkte Korrektur abzuwarten. Endlich er¬ 
schien das Werk unter demselben Titel von 
der genannten Firma als 12. Druck der Kelm- 
scott Press in Klein-Quart, am 22. November 
1892 veröffentlicht; 300 Exemplare in schwarzen 
und roten Buchstaben auf Papier zu 2 Guineen 
und 10 auf Velin zu 10 Guineen wurden in der 
Goldenen Type hergestellt. 

Die erste Ausgabe des Druckes vom Jahre 


1 „The Art of William Morris“ by Aymer Vallance. London. Bell & Sons. 

Z. f. B. 1907/1908. 


22 





164 


von Schleinitz, William Morris. 


1891 besitzt als Ornamentierung das in ver¬ 
kleinertem Maßstabe gehaltene, in England un- 
gemein verbreitete, künstlerisch sehr gelungene, 
von Walter Crane hergestellte und von dem 
schweizerischen Sozialisten Scheu in Holz ge¬ 
schnittene Blatt „The Triumph of Labour“ 
(Abb. 55). Merkwürdig ist, daß Walter Crane 
ebenso wie Morris in „News from Nowhere“ uns 
gelegentlich in eine rein utopistische Welt ver¬ 
setzt. Sein reizendes Aquarellbild „Ernte in 
Utopia“ wurde von dem K. K. Ministerium 
für Kultus und Unterricht für das Museum in 
Wien angekauft. 

In „News from Nowhere“ wird das zukünf¬ 
tige England in fernen Zeiten unter „wirklichem 
Kommunismus“ in schwungvollster Phantasie 
dargestellt. Das Buch besitzt eine so weite 
Verbreitung in England und wurde außerdem 
in das Deutsche, Französische und Italienische 
übersetzt, daß es sich verlohnt, noch einige 
Worte über dasselbe zu sagen. Ebenso wie 
Cranes „Utopia“ kann man Morris’ Werk 
eine Pastorale von großer Schönheit nennen. 
Nicht ohne Einfluß auf ihn waren Bellamys 
Schriften, jedoch hatte er selbst als Schlu߬ 
satz in einer Kritik über des letzteren „Loo- 
king Backward“ die Sentenz ausgesprochen: 
„Es kann nicht zu oft wiederholt werden, daß 
der wahre Antrieb zur Arbeit in der Freude 
an dem Werke selbst liegen muß!“ Hierdurch 
wird zwar Morris’ idealistischer Standpunkt klar 
genug festgestellt, indessen ist der ausgedrückte 
Grundsatz unter Verkennung der menschlichen 
Natur und des praktischen Lebens ein so irr¬ 
tümlicher und nicht zu verwertender, daß es 
nur einer kurzen Entgegnung bedarf. Es gibt 
hunderte von Dingen, sowohl körperlicher wie 
geistiger Art, denen niemand mit Freuden 
seine Zeit, Kraft und Arbeit widmen würde, 
wenn ihn nicht die Umstände dazu zwängen. 
Selbst in dem herrlichsten sozialistischsten 
Idealstaat muß ein gewisses, sehr erhebliches 
Pensum geleistet werden, das weder das Schön¬ 
heitsgefühl befriedigt, noch Annehmlichkeit oder 
Freude hervorruft. — 

Wie sehr Morris sich mit utopistischen 
Ideen beschäftigte, geht auch noch daraus her¬ 
vor, daß, nachdem er in „News from Nowhere“ 
seine Träume von einem goldenen Zeitalter in 
das harmlose Gewand eines Pastorale ge¬ 
kleidet hatte, er als sechzehntes Werk der 


Keimscott Press am 4. August 1893 die „ Utopia 
written by Sir Thomas More“ mit einem Vor¬ 
wort herausgab (Abb. 61). Der in biegsamen 
Pergament gebundene Oktavband, im Titel mit 
der Troja-, im Text mit der Chaucer-Type ge¬ 
druckt, stellt einen Neudruck von Ralph Robin¬ 
sons Übersetzung der zweiten Ausgabe dar; es 
wurden im ganzen 300 Exemplare auf Papier zu 
30 Schilling und 8 auf Velin zu 10 Guineen aus¬ 
gegeben. 

Vom Jahre 1890 ab beginnt vor allem 
die Keimscott Press und mit ihr Zusammen¬ 
hängendes Morris zu beschäftigen. Seine Bücher¬ 
liebhaberei nimmt zur Unterstützung der vor¬ 
liegenden Pläne einen gegen früher weit größer 
bemessenen Umfang an. Wenn es gilt, für 
seine Zwecke sich in den Besitz eines Werkes 
zu setzen, das außerdem noch seiner eigen¬ 
artigen Liebhaberei entspricht, so wird sein 
Sammeleifer zur Leidenschaft Aus diesem 
Grunde vermag das nachfolgende Kapitel von 
der Keimscott Press als kein unbedingt selbst¬ 
ständiges behandelt zu werden: für jedes neu 
herauszugebende Werk schafft sich entweder 
Morris bestimmte geeignete Bücher hierfür an, 
oder es entsteht insofern eine Wechselwirkung, 
als bereits in seiner Bibliothek vorhandene 
Werke eine Anregung für einen neuen Druck 
bewirken. Obgleich Morris z. B. die National¬ 
galerie mit ihren Schätzen sehr bewunderte, 
so machte er einem Freunde gegenüber doch 
die Bemerkung, daß er von seinem Standpunkt 
aus die sämtlichen Bilder willig hingeben würde 
für die alten im British Museum aufbewahrten 
Bilderhandschriften. 

Selbstverständlich sind es während der 
Epoche der Keimscott Press viele andere 
Dinge, die Morris nicht aus den Augen ver¬ 
lieren konnte und durfte. Hierher gehört nament¬ 
lich der Betrieb seiner Fabrik und alles, was 
mit Kunst und Kunstgewerbe zusammenhängt. 
Auch war er zu gutmütig, um im sozialistischen 
Interesse an ihn gerichtete Bitten oder Geld¬ 
unterstützungen abzuschlagen; aber sein gesam¬ 
tes Verhalten zum Verein trägt einen deutlich 
passiven Charakter, und obschon bis an sein 
Lebensende der ideale Sozialist sich nie in ihm 
verleugnet, so tritt er als solcher doch nur noch 
gelegentlich an die Öffentlichkeit. Dies geschah 
z. B. noch einmal am 12. Mai 1890, wo er 
als ausübender Mime auf der Bühne in dem 




von Schleinitz, William Morris. 


165 


Einakter „The Ducheß of Bayswater and Co.“ 
mitwirkte, um den schwindenden Finanzen der 
Genossenschaft abermals aufzuhelfen. Schlie߬ 
lich söhnte er sich auch am i. Mai 1893 zur 
internationalen Maifeier mit Hyndman aus, und 
nun erließen beide im Aufträge der „Social 
Democratic Federation“ und der „Hammer¬ 
smith Socialist Society“, einen Namen, den die 
Morris-Partei jetzt angenommen hatte, ein ge¬ 
meinsames Manifest, in welchem zwar die Ab¬ 
schaffung der Klassen gefordert, jedoch Ge¬ 
walt, in welcher Gestalt es auch immer sei, 
verworfen wird. Allein selbst dies gemäßigte 
Programm fand keinen günstigen Boden in 
England, und da Morris zweifellos in nur losem 
Zusammenhang mit der Parteileitung verblieb, 
so wurde seine Gefolgschaft von Jahr zu Jahr 
geringer. Zudem hatten ihn die durch das 
ewige Gezänk gemachten Erfahrungen in dem 
Grade klüger gemacht, daß er sich mit Aus¬ 
nahme von ganz besonderen Gelegenheiten, 
dem Getriebe der Genossen fern hielt. Auch 
für ihn nahm das Rad der Entwickelung seinen 
ungehemmten Lauf: von dem rein ethisch¬ 
ästhetischen, doktrinär-sozialistischen Stand¬ 
punkte aus hatte ihn die bewegende Zeitwelle 
in Form revolutionären Marxismus zu der sich 
dann brechenden Kammhöhe emporgetragen, 
um ihn endgültig an den Gestaden des praktisch- 
evolutionistischen Revisionismus landen zu lassen. 


Schließlich machte sich auch noch ein an" 
derer, sehr schwerwiegender Umstand geltend, 
um Morris in seinem Tun und Denken dauernd 
milder, entgegenkommender, versöhnlicher und 
vergebender zu stimmen. Es verleiht seinem 
Lebenslauf einen weiteren tragischen Zug, daß 
er an diejenige Unternehmung, die seinen Namen 
am längsten erhalten wird, an die Keimscott 
Press, als ein ernstlich kranker Mann herantritt. 

Obwohl ihm in dieser letzten Arbeitsperiode 
auch frohere, schmerzensfreie Wochen und 
Monate vergönnt waren, so ereilte ihn sein Fatum 
in Gestalt eines hoffnungslosen, die edleren inneren 
Organe zerstörenden Gichtleidens in wenigen 
Jahren und in einem verhältnismäßig nicht zu 
hohem Alter. In Würdigung seiner Gesamt¬ 
situation und der durch dieselbe entstandenen, 
teils resignierten, teils jedoch gehobenen Stim¬ 
mung beim Erscheinen jedes neuen aus der von 
ihm gegründeten Druckerei hervorgegangenen 
Werkes,erscheint die zu einem näheren Bekann¬ 
ten getane Äußerung sehr bezeichnend: „Ob je¬ 
mand meine Entwürfe, Zeichnungen und Bücher 
sieht ist nicht wesentlich nötig für meinen Arbeits¬ 
eifer. Gott hat in seiner unendlichen Mannig¬ 
faltigkeit für jedes lebende Wesen eine besondere 
Weisheit; in mich hat er den Trieb hinein¬ 
gelegt, daß ich nicht anders kann als freudig 
schaffen muß. Im übrigen füge ich mich in 
seinen unabänderlichen Willen!“ — 






Beiträge zur Grabbe-Forschung. 

Von 

Dr. Arnulf Ferger in Wien. 

II. Zu Grabbes „Aschenbrödel“. 

Entstehung und Quellen. 


mann 1 hat auf Grund von Briefstellen Grabbes Den ersten Anhaltspunkt zur Datierung bieten 

festgestellt (Litteraturblatt für germanische und uns die in der nun vorliegenden ersten FassungJ 
romanische Philologie, 1900, No. 12), daß die enthaltenen Anspielungen, 4 indem sie uns eine 

1 Zwecks Festsetzung der Abfassungszeit zieht Leitzmann auch die in „Aschenbrödel“ vorkommenden Anspielungen 
heran, obwohl er die erste Fassung (erst 1902 von Grisebach fragmentarisch veröffentlicht) nicht kannte. Indes sind die in 
der zweiten Fassung enthaltenen Anspielungen zur Datierung der ersten Fassung ganz unverwendbar. (Mehmed Alis Getreide¬ 
käufe tragen übrigens zur Datierung nichts bei.) 

2 Trotzdem hält Goedekes Grundriß vom Jahre 1905, Band VIII, noch immer an der Ansicht fest, daß der erste 
Entwurf aus der Berliner Zeit stamme! 

3 Im Besitz O. Blumenthals, der sie mir freundlichst zur Verfügung stellte. 

4 Zur Übersicht der Anspielungen der ersten und zweiten Fassung — Zitate sind nicht berücksichtigt — diene 
folgende Tabelle: 

An Anspielungen wurden in der zweiten Fassung ausgelassen: I. Aufzug I. Szene: Schiller (Piccolomini 1800), Nero 
(in Verbindung mit Buff). 2. Szene: Caesar. 

III. Aufzug: Wellington, Konsistorien, Lavater (Physiognomische Fragmente 1775—78), Lafontaine, Fouqu£, Mich. 
Beer (in Verbindung mit Homer), Scott (Leben Napoleons 1827), Wist (Kaufmann in Detmold), Hegel, Freiesieben (corpus 
iuris canonici 1728), Ledderhose (Kleine Schriften 1787—89), Creuzer (Symbolik 1810), Heeren (Handbuch der Ge¬ 
schichte . . 1828, holländische und schwedische Übersetzung 1818 und 1817 in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 
19. 5 - 1828), Lavater (Physiognomische Fragmente 1775 — 78), A. Schoppe, zweimal Raupach, dreimal Immermann 
(Trauerspiel in Tirol 1827, Friedrich II. Herbst 1828), Friedr. v. Üchtritz (Alexander und Darius 1827), zweimal Berliner 
Konversationsblatt (1827—29), darunter Schillers Teil, siehe Konversationsblatt vom 9. und II. 2. 1828), zweimal Friedrich 
Förster (geschichtliche Werke 1816—22, Shakespearebearbeitungen; König Richard III. nach Schlegel, Berlin 2. 4. 1826, 
List und Liebe nach S.: Ende gut, alles gut, Berlin 10. 7. 1828), zweimal Willibald Alexis (Die Geächteten 1825), 
zweimal Th. Mundt, Shakespeare, Berliner Weltweisheit (Hegel), Schiller (Don Carlos 1787), russisch-türkischer Krieg 
(1828—29, Beginn 28. 5. 1828), philosophische Schulen (Hegel), Kotzebue, Iffland, Immermann, Raupach, Grabbe (Per¬ 
sönliches, Don Juan und Faust 1828, Barbarossa 1829), Goethe (Faust 1790, Egmont 1788, allgemein), Mozart (Don Juan 
1787), Immermann „und Konsorten“, Schiller, Traktat vom 6. Juli (?), Grabbe (Gothland 1827), Schiller (Don Carlos 
1787), Mildlieimsches Not- und Hilfsbuch 1788, Napoleon, Oper (Isouards Cendrillon 1810). 

IV. Aufzug. Missionsverein, Hofschranzen (Exzellenz), Petrarca (Sonette), Shakespeare (Familienleben), Dorfzeitung 
(1818—32), Schiller (Maria Stuart 1801), Scott. 

Folgende Anspielungen wurden geändert: 

I. Aufzug 2. Szene: statt Kassenscheine, Cortes-Bons (unter der Regierung Ferdinand VII. 1814—33). 

III. Aufzug. Flachheit der modischen Literatur (Originalität), Scott (im allgemeinen unter Quentin Durward 1822), 
beides stark gekürzt. Ebenso modische Torheiten (Kleidung), Iffland, realistisches Drama, realistische Schauspielkunst. 

IV. Aufzug: statt Verspottung des Hofrattitels, allgemein des Titelwesens. 

Folgende Anspielungen blieben nahezu gleich: 

I. Aufzug 1. Szene: Salomo (siehe Berliner Konversationsblatt vom 2. 2. 1829 „Berliner Konversation“), Buff (?) II. Szene: 
Dunse, Literaturklique. 

III. Aufzug. Nero, Othello, Zepernick (repertorium iuris feudalis 1787), W. K. v. Wobeser (Elisa oder das Weib 
wie es seyn sollte, 1 795 )» Mehmed Alis Getreidekäufe (1817—33, Monopolsystem — c. 49), Orden für Geld. 

IV. Aufzug : Saphir (Schnellpost 1826—29), Sächsische Postwagen. 

Folgende Anspielungen kamen neu hinzu: 

I. Aufzug 1. Szene: Rotteck, Pariser Juliwoche (1830), Siebenpfeiffer (Hambacher Volkstag 1832), Fayette (Lafayette). 

II. Aufzug 1. Szene: Deinhardstein (Skizzen einer Reise . . . 1831), 3. Szene: St. Simonismus (Ende der zwanziger 
Jahre), Platen (Der romantische Ödipus 1828). 

III. Aufzug: Comteß Dessein, Taschenbuch der Liebe und Freundschaft (1801—40). Fremdenliebedienerei (Constants 



ei keinem Werk Grabbes ist die Zeit der 
Entstehung so verschieden angesetzt 
worden als bei seinem dramatischen 
Märchen „Aschenbrödel“. Erst A. Leitz- 


erste Fassung dieses Dramas in die Jahre 1828/29, 
in die Detmolder Periode des Dichters, fällt . 2 3 Eine 
genauere Zeitbestimmung soll im folgenden ge¬ 
geben werden. 





Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


167 


Zeitgrenze liefern, vor der die Abfassung des 
Dramas nicht möglich ist. Diese Grenze bilden 
die der Zeit nach am spätesten erschienenen 
Schriften, auf die Grabbe anspielt. Das sind: 
„Göttingische gelehrte Anzeigen“ vom 19. 5. 1828 
(Heerens Geschichte samt Übersetzungen), Immer¬ 
manns „Friedrich II.“, der im Herbst 1828 ge¬ 
druckt wurde, des Dichters „Don Juan und Faust“ 
gegen Schluß des Jahres 1828 beendigt, und „Bar¬ 
barossa“, an dem Grabbe nachweislich seit 31. 8. 
1828 (Brief an Kettembeil) arbeitete. Vor Ende 
des Jahres 1828 kann also „Aschenbrödel“ nicht 
abgefaßt worden sein. Die Grenze nach oben 
bildet der Brief Grabbes an Kettembeil vom 18. 4. 
1829, in dem er der Dichtung mit folgenden 
Worten erwähnt: „Aschenbrödel wird tollkomisch, 
aber auch so . . .“ Und nun folgt ein später 
etwas geändertes Bruchstück aus der ersten Feen¬ 
szene des zweiten Aufzugs. Da nun Grabbe 
Kettembeil von „Aschenbrödel“ wie von einer ihm 
bekannten Arbeit schreibt und er ihn von allen 
seinen literarischen Plänen verständigte, liegt es 
nahe, daß er seinem Verleger in einem verloren 
gegangenen früheren Brief vom Plan zum „Aschen¬ 
brödel“ Mitteilung machte. Diese Mitteilung fiel 
jedenfalls zwischen den 16. 1. und 18. 4. 1829, 
da der Dichter am 16. 1. und in den vorher¬ 
gehenden Briefen noch nichts von „Aschenbrödel“ 
schreibt, aber vom 18. 4. an, wenigstens die erste 
Zeit, beinahe jedesmal des Dramas Erwähnung tut. 
Natürlich ist die erste Konzeption etwas früher 
als der mutmaßliche Brief an Kettembeil anzu¬ 
setzen. Ferner sei noch auf eine Erzählung 


Zieglers * 1 hingewiesen, die von einer Abend¬ 
gesellschaft Grabbes berichtet, zu der der Dichter 
außer einem ihm von Köchy empfohlenen Baron 
v. P. noch einige Freunde eingeladen hatte. Da 
der Baron nach Ziegler auf den am vorhergehen¬ 
den Tag aufgeführten „Don Juan und Faust“ zu 
sprechen kam, fand diese Gesellschaft am 30. März 
1829 statt. Grabbe scheint sich wie gewöhnlich 
damals in derbkomischem Gebahren gefallen zu 
haben und hielt den Baron, den er für recht be¬ 
schränkt ansah, vielfach zum Narren. Wenn wir 
nun die von Ziegler geschilderten Auftritte mit den 
komisch-satyrischen Szenen im III. Aufzug der 
ersten Fassung vergleichen, fällt uns eine große 
Ähnlichkeit auf. 2 Es liegt auf der Hand, daß 
Grabbe bei der Abfassung dieser Szenen an seinen 
tollen Teeabend gedacht hat, wie vielleicht auch 
manche persönlichen Züge des Barons v. P. auf 
den Baron des Dramas übergegangen sind. Die 
Rüpelszene des III. Aufzugs muß also nach dem 
30. März gedichtet worden sein. Nach all dem 
Gesagten ist die Dichtung des „Aschenbrödel“ in 
den Frühling 1829 zu verlegen. Es ist vielleicht 
auch kein Zufall, daß der Dichter gerade im Früh¬ 
ling zur Abfassung der ersten Feenszenen Stim¬ 
mung fand. 

Als Hauptquelle hat Grabbe Isouards „Cen- 
drillon“, Paris 1810, Text von Etienne gedient; 
•daneben ist auch Perraults „Cendrillon“ benützt. 
Die französische Zauberoper, die ebenfalls den 
Aschenbrödelstoff behandelt, machte damals durch 
ganz Deutschland Runde und wurde auch in Det¬ 
mold gespielt. 3 Wahrscheinlich hat sie der Dichter 


Wallensteinübersetzung 1809, Carlyles Übersetzung von W. Meisters Lehrjahren 1824), Zepernick (pax Westphaliae ?) 
Mueller (promptuarium 1784). Scott (Kenilworth 1821), Willibald Alexis (Walladmor 1823), realistisches Drama (gegen 
Shakespeare und Calderon), Mehul (Josef und seine Brüder 1806). 

IV. Aufzug: Hugo (Jurist, Vorlesung K. Wencks nach dessen Lehrbuch, Leipzig 1821.) 

1 Karl Ziegler, Grabbes Leben und Charakter. Hamburg 1855, S. 78ff. 

2 Nach Ziegler nötigte Grabbe den Baron fortwährend zum Trinken: 

Grabbe: „Nun trinken Sie doch, ich bitte Sie, warum trinken Sie denn nicht? ... Ja, das muß so sein, hoch 
leben die Ratten! So stoßen Sie doch wenigstens an!“ Ferner: 

Grabbe: „Der Goethesche Faust ist ein Lump! Und hören Sie, wir könnten uns da noch wohl über manches 
unterhalten. Aber ich finde es zweckmäßiger, wenn ich Ihnen aus meiner neuenTragödie Barbarossa einige Stücke "vorlese.“ 

Der Baron: „Aber die abgerissenen Stücke werde ich nicht verstehen.“ 

Grabbe: „O, das tut nichts! Warten Sie, soll ich Sie einmal in die Hand beißen?“ — 

Zur Vergleichung beachte man folgende Stellen aus „Aschenbrödel“ Grisebach IV. S. 471: 

„Der Kutscher: Nun Kampf und Courage! (Er beißt den Baron, der ihm die Hand geben will, in den Finger.) 

Der Baron: Herr, sind Sie toll? Sie beißen! 

Der Kutscher: Ja, beißen! beißen! Nichts über das Beißen! 

Der Baron: Herr, Herr, lassen Sie das — Sie sind ein Original erster Sorte, — sollen mit mir trinken!“ — Ferner 
S. 472 : 

„Der Kutscher: .... Die Ratten werden mit ihrem Kleide geboren! Wieder mehr als Menschen!“ S. 475: 

„Der Rüpel: . . . Meine Damen und Herren, lassen Sie uns ein bißchen konversieren . . .“ Schließlich S. 476 
die Anspielungen auf Goethe, Grabbes „Don Juan und Faust“ und „Barbarossa“. 

3 Die Fürstlich Lippischen Intelligenzblätter vom 17. November 1827 brachten folgende Ankündigung: „Sonntag, 
den 18. November auf Verlangen: Aschenbrödel, oder: Die Zauberrose. Feenoper in 3 Akten.“ Da nun bei Isouard 
tatsächlich eine wunderwirkende Rose eine große Rolle spielt, handelt es sich offenbar um diese Oper. In der Bibliothek 
des Detmolder Theaters befindet sich auch eine Partitur des Isouardschen „Cendrillon“. Aufführungsverzeichnisse aus 
der damaligen Zeit sind nicht vorhanden. 







168 


Perger, Beiträge zur Grabbe - Forschung. 


selbst gesehen, da er in der ersten Fassung seines 
„Aschenbrödel“ auf ein besonderes Detail in der 
Oper, den Verlust des Schuhs, anspielt. 1 

In der Tat weist die Handlung des „Aschen¬ 
brödel“ 2 mit der des „Cendrillon“ die größte 
Ähnlichkeit auf. Ganze Szenen sind der Oper 
nachgebildet, und man merkt, daß diese dem 
Dichter stets vorschwebte; selbst wörtliche Über¬ 
einstimmungen finden sich. Schon ein flüchtiger 
Blick auf das Personenverzeichnis der Isouardschen 
Oper lehrt uns, daß Grabbe die Hauptgestalten 
beibehielt und sogar zwei Namen unverändert auf¬ 
nahm. Bei Isouard: Ramiro, Prinz von Salerno, 
bei Grabbe: der König. Aus dem Hoflehrer und 
Astrologen Alidor wurde der Lehrer Alastor. Dem 
Ritter Dandini steht der Rüpel gegenüber. Der 
Baron von Montefiascone heißt in „Aschenbrödel“ 
Baron von Fineterra. Seine Töchter Clorinde und 
Thisbe finden wir unverändert wieder. Aus Cen¬ 
drillon wurde Olympia. 

Etienne hat den Aschenbrödelstoff, der im 
großen und ganzen dem Perraultschen Märchen 
nachgebildet ist, mit einem charakteristischen Motiv, 
dem des falschen Königs, verknüpft: eine unter¬ 
geordnete Person spielt eine Zeitlang die Rolle 
des Herrschers. Der Prinz Ramiro muß sich nach 
einer letztwilligen Bestimmung seines Vaters ver¬ 
heiraten, will aber nur ein braves und beschei¬ 
denes Mädchen zur Frau nehmen. Auf Rat seines 
Lehrers Alidor verkleidet er sich zu den bevor¬ 
stehenden Festlichkeiten als einfacher Ritter, wäh¬ 
rend der Hofmann Dandini als Prinz auftritt. So¬ 
fort machen sich nun die eitlen Schwestern an 
Dandini heran, der eine von beiden zu wählen 
vorgibt, die andere aber mit seinem Ritter, dem 
Prinzen, vermählen will. Darob entbrennt zwischen 
ihnen große Eifersucht; der Prinz wird von beiden 
zurückgewiesen und erkennt nun ihre wahren Ab¬ 
sichten. Dagegen gewinnt Cendrillon durch ihre 
Bescheidenheit rasch Ramiros Neigung; er kämpft 
unter ihrem Wahlspruch im Turnier und trägt 
ihr schließlich, von ihrer Herzensgüte überzeugt, 
die Krone an. Cendrillon, das unter dem König 
Dandini versteht, flieht entsetzt und verliert dabei 
einen Pantoffel. Etienne setzt das Intriguenspiel 
noch weiter fort. Den noch ahnungslosen Schwe¬ 
stern nähert sich Dandini und empfängt von ihnen 
die heiligsten Versicherungen ihrer Neigung. Wenn 
er der letzte am Hof wäre und nur eine Hütte 
besäße, wollten sie ihn doch lieben. Aber alles 
klärt sich bald auf. Auf Befehl des Prinzen muß 
eine der Schwestern Dandini heiraten, und dieser 
erinnert sie voller Schadenfreude an ihre schönen 


Versicherungen. — Die Stelle der Feen im 
Märchen übernimmt der weise Alidor, der das 
gute Herz Cendrillons in Verkleidung eines Bett¬ 
lers erprobt und sich des verlassenen Mädchens 
erbarmt; er versetzt sie schlafend in des Prinzen 
Schloß und schenkt ihr eine Rose, die ihr gesell¬ 
schaftliche Talente verleiht und die Macht gibt, 
ihren Verwandten unerkannt zu bleiben. — Das 
Motiv des falschen Königs, dessen sich Etienne be¬ 
dient, ist sehr alt und zieht sich, wie A. L. Jellinek 
nachgewiesen hat, 3 durch die Volks- und Kunst¬ 
dichtung des Orients und Occidents. Freilich be¬ 
gegnen wir hier einer Abart des Motivs. Der 
Rollentausch ist nicht wie etwa im „Hochfertig 
Kaiser“ des Hans Sachs ein erzwungener, sondern 
freie Vereinbarung, ein abgekartetes Spiel. Ob 
nun Etienne an ältere Vorbilder anknüpft oder 
ob die Verkleidung auf seiner eigenen Erfindung 
beruht, wird sich nicht so leicht feststellen lassen. 
Im übrigen lag die Verkleidungssucht eines Herr¬ 
schers der Zeit des Dichters gar nicht fern. Man 
braucht nur an die Fürsten des aufgeklärten Ab¬ 
solutismus (z. B. Josef H.) zu denken und findet 
an ihnen lebende Beispiele für den Prinzen Ramiro. 

Das Motiv desfalschen Königs hat Grabbe beinahe 
ganz der Oper entnommen, 4 nur einige Einzelheiten 
anders gestaltet. Auch hier ein junger Herrscher, 
der vom Drang beseelt, ein tugendhaftes Mädchen 
zu heiraten, auf Rat seines Lehrers eine Ver¬ 
kleidung wählt. Indes ist der König, wie es ja 
der breitere Rahmen des Dramas erlaubt, weit 
eingehender charakterisiert. Der junge Mann fühlt 
sich einsam und unglücklich, nicht Krieg noch 
Jagd können ihn erfreuen; er braucht einen Men¬ 
schen, dem er sich ganz hingeben kann, und der 
ihn wieder wahrhaft liebt: So wird seine Sehnsucht 
aus seinem Charakter erklärt, und damit fällt auch 
die schrullenhafte Bestimmung des alten Königs 
weg. Gleich Dandini muß der Rüpel den König 
vertreten und auch er spielt die neue Rolle mit 
Geschick. Die Charakterisierung beider Figuren 
ist freilich ganz verschieden. Dandini sucht hö¬ 
fisch, wie ein Prinz sich zu gehaben, der Rüpel 
tritt ohne Scheu tölpelhaft und gemein auf. Er 
ist ein Menschenkenner und meint, als König sich 
alles erlauben zu können. In der Tat belacht 
das Volk seine dümmsten Späße und findet seine 
Albernheiten witzig. Auch sonst hat der Rüpel 
vor der angeborenen Herrscherwürde wenig Re¬ 
spekt; als erstes verlangt er einen Schneider, der 
ihn „machen“ soll und läßt sich sofort mit dem 
Geldjuden ein. Im folgenden weicht Grabbe von 
seiner Quelle etwas ab. Etienne will die wahre 


1 Im III. Aufzug, I. Szene (diese Stelle wurde von Grisebach in der Grabbe-Ausgabe nicht veröffentlicht) sagt der 
Rüpel zum König: „Herr, die junge Dame, welche eben mit dem aschgrauen Kutscher davonfuhr, hat diesen Schuh ver¬ 
loren, wie Aschenbrödel in der Oper.“ 

2 Zum Vergleiche mit den Quellen ist lediglich die erste Fassung herangezogen. 

3 Neue Freie Presse vom 22. September 1901. 

4 Diese Vertiefung des Aschenbrödelstoffes rührt also nicht, wie O. Nieten (Chr. D. Grabbe, Berlin 1902 S. 38) 
behauptete, von Grabbe her. 





Perger, Beiträge zur Grabbe -Forschung. 


169 


Absicht der Schwestern doppelt erkennen lassen, 
indem beide auf den vermeintlichen König Jagd 
machen, den wahren König aber abweisen. Der 
letzte Zug ist nicht sehr glücklich. Dandini ver¬ 
fügt ohne weiteres über die Person des Prinzen 
und rechnet dabei auf die Eitelkeit und Uneinig¬ 
keit der Schwestern; wirklich bietet sich der Prinz, 
wiewohl er ihren Charakter schon zur Genüge 
kennt, einer von beiden an. Ein etwas zu ge¬ 
wagtes Spiel, welches bei einem Kompromiß der 
Schwestern für den Prinzen leicht schief hätte 
ausgehen können! Auf diese Gegenprobe hat 
Grabbe begreiflicherweise verzichtet. Der arg 
verbitterte König trifft nun mit Olympia zusammen 
und verliebt sich bald in sie. Die in der Oper 
hier folgende Dialogstelle — Vorverhandlungen, 
in denen sich der Prinz von den reinen Absichten 
des Mädchens überzeugen will — wurde weg¬ 
gelassen, statt dessen ist das erste Zusammentreffen 
beider mit der Satire wirkungsvoll verknüpft. 
Olympia hat den Mut, der Ansicht des Rüpels 
zuwider, das Schauspiel schlecht zu finden; durch 
ihre Wahrheitsliebe wird der König auf sie auf¬ 
merksam. Das Turnier, in welchem der Prinz für 
Cendrillon streitet, fiel weg. Nur eine kleine 
Reminiszenz ist erhalten: der König will mit den 
Farben Olympias freudig in den Krieg ziehen. 
Mit einem etwas plumpen Mittel zeigt Grabbe, 
abweichend von Etienne, noch einmal die Heu¬ 
chelei der Schwestern und ihrer Mutter. Der un¬ 
sichtbar auftretende Gnom redet aus ihrem Mund 
und enthüllt vor dem ganzen Hof ihre wahren 
Pläne. Der Antrag des Königs und die Flucht 
Olympias decken sich wieder fast vollständig mit 
der Oper. Aschenbrödel verwechselt den wirk¬ 
lichen Herrscher mit dem vermeintlichen und ver¬ 
läßt entsetzt das Schloß. Mit der Flucht Olympias 
hat die Verkleidung bei Grabbe ein Ende; ganz 
bündig erklärt der Rüpel den entsetzten Schwestern 
den Sachverhalt. Die Szene, in der die Schwestern 
Dandini ihrer Liebe versichern, fiel weg; trotzdem 
läßt Grabbe den Rüpel die Schwestern an ihre 
Liebesversicherungen mit ähnlichen Worten wie in 
der Oper erinnern, sie wollten ihm ja bis in den 
Grund der Hölle folgen und selbst eine kleine 
Hütte mit ihm teilen. Man sieht, wie lebhaft dem 
Dichter die Oper vorschwebte. Von den zwei 
korrespondierenden Szenen in ,,Cendrillon“ bringt 
er nur die zweite und läßt in dieser an die bloß 
in der Oper vorkommende erste anspielen. An 
die Zwangsheirat Dandinis mit einer der Schwestern 
erinnert nur noch der Scherz des zur Exzellenz 
ernannten Rüpels, sich Clorinde zu nähern, ihr 
freundliches Entgegenkommen aber schleunigst 
wieder zurückzuweisen. Schließlich sei noch auf 
folgende kleinere Züge hingewiesen, die Grabbe 
seiner Quelle entnahm. Der König nimmt den 
von Aschenbrödel verlorenen Schuh und kann 


sich nicht von ihm trennen. Nach der Enthüllung 
und der Flucht Olympias sucht der König seinen 
Schmerz dadurch zu betäuben, daß er sich in den 
Strudel der Staatsgeschäfte stürzt. Er will fortan 
dem Wohle seines Volkes leben, das Gute be¬ 
lohnen, das Böse bestrafen und verhindern. Eine 
Stelle stimmt teilweise wörtlich mit der Oper über¬ 
ein. Im II. Akt, 5. Szene heißt es bei Etienne 1 : 

„Dandini. Je vous regarde toutes deux, et 
n’ose choisir; en vous voyant, je suis plus em- 
barrassee que Paris, . . . 

Tisbe , ä part. II faut pourtant bien qu’il se 
prononce. 

Dandini , se retournant du cöte de Clorinde. 
Que j’aime cet air modeste! (ä Tisbe) Que ce 
petit minois fripon me plait! . . . 

Clorinde , ä part. C’est moi qu’il aime! 

Tisbe, , ä part. C’est moi qu’il choisit!“ 

Bei Grabbe III. Aufzug 1. Szene (ungedruckt): 

Der Rüpel. 

„. . . Ah, Clorinde und Thisbe! — Thisbe, 
seh’ ich dich, so bin ich links, denn du stehst zu 
meiner linken, seh’ ich dich, Clorinde, so bin ich 
rechts, denn du stehst auf meiner rechten Seite. 
Mein Herz habt ihr gespalten . . . 

Thisbe (für sich). 

Sein verstohl’ner Blick sagt, daß er mich liebt! 

Clorinde (für sich). 

Sein Auge verkündet, daß er mich ausgewählt 
hat.“ 

Bezüglich des Aschenbrödelstoffes hat Grabbe 
großenteils auf Perraults Märchen zurückgegriffen. 
Er führt wieder die Feen ein und nimmt Alidor 
den Charakter des Wunderbaren; damit fällt auch 
das Zauberrequisit, die Rose, weg. Auch die alten 
Familienverhältnisse des Märchens werden her¬ 
gestellt. Als unterdrückendes Element tritt wieder 
die böse Stiefmutter in Aktion; ihr Mann ist der 
rechte Vater Aschenbrödels, ein gutmütiger, aber 
willensschwacher Charakter. Die Figur des Barons, 
als solche der Oper entlehnt, hat daher eine 
Wandlung erfahren müssen. Neu sind die ko¬ 
mischen Züge, die teilweise auch mit der Haupt- 
satyre des Dramas (Verspottung der flachen zeit¬ 
genössischen Literatur) in Zusammenhang stehen. 
Die Stiefschwestern, in deren Charakter das Mär¬ 
chen einen Unterschied macht — die jüngere ist 
die bessere —, sind gleich gezeichnet. Die 
Charakterisierung Olympias ist dieselbe geblieben. 
Bei Grabbe tritt indes ihre Herzensgüte gleich 
anfangs mehr hervor. Im Märchen fragt sie die 
Fee, ob sie ein braves Kind sein wolle, was ja 
nichts beweist, im „Aschenbrödel“ betet Olympia 
für das Wohl des in Wucherhänden befindlichen 
Vaters, obwohl dieser nicht im geringsten sich um 


1 Das Zitat ist aus der Originalpartitur. Der deutsche Text für die Detmolder Aufführung, der, wie aus den 
Stichworten in der dortigen Partitur ersichtlich, von den übrigen bekannten Übersetzungen abweicht, ist nicht auffindbar. 






170 


Kelemina, Die ältesten Lieder des steiermärkischen Landesarchivs. 


sie bekümmert. Wie im Märchen wird auch der 
Geschmack Aschenbrödels hervorgehoben; die 
Schwestern befragen sie bezüglich des Ballschmuckes 
um ihre Meinung. Der äußerliche Zusammenhang 
zwischen Aschenbrödel und den Feen bleibt be¬ 
stehen. Bei Perrault hat Cendrillon die Fee zur 
Taufpatin, bei Grabbe ist Olympia mit der Feen¬ 
königin verwandt. Auch die prunkvollen Ver¬ 
wandlungen, der Hauptsache nach Tiermetamor¬ 
phosen, sind dem Märchen nachgebildet. Perrault 
bringt folgende Verwandlungen. Eine ausgehöhlte 
Zitrone in den Wagen, sechs Mäuse in Pferde, 
eine Ratte in den Kutscher und sechs Eidechsen 
in Lakaien. Grabbe weit phantastischer: zehn 
Sterne in Kavaliere, eine Wolke in den Wagen, 
sechs Blitze in Rosse, eine Ratte in den Kutscher 
und eine Katze in die Zofe. Bei beiden ist die 
Verwandlung einer Ratte in den Kutscher zu 
finden, nur mit dem Unterschied, daß im Märchen 
der Bart der Ratte in den großen Schnurrbart, 
in „Aschenbrödel“ der Schwanz in den großen 
Zopf verwandelt wird. 

Dagegen hat „Aschenbrödel“ folgende Züge 
wieder mit der Oper gemein. In beiden Stücken 


findet man die Mittellosigkeit des Barons, in der 
Oper nur angedeutet, im Drama wiederholt kräftig 
betont. In beiden Stücken ist von der Jagd des 
Herrschers die Rede; im Drama gewährt sie aller¬ 
dings dem schwermütigen König keine Befriedigung. 
Ferner wird in beiden Stücken das „Aschenbrödel“, 
welche unerkannt zu ihren Schwestern tritt und 
sie nach ihrer Stiefschwester fragt, von ihren Ver¬ 
wandten, in der Oper vom Baron, im Drama von 
der Baronin, verleugnet. Schließlich noch — zwar 
nur bei einem kleinen Detail — eine wörtliche 
Übereinstimmung mit der Oper. Beim Ankleiden 
befehlen beide Schwestern dem Aschenbrödel zu 
gleicher Zeit, ln der Oper I. Akt, 4. Szene: 

„ Cendrillon: ... je suis toute seul; je ne puis 
vous servir que l’une apr£s l’autre.“ 

In „Aschenbrödel“ I. Aufzug 1. Szene. 

Aschenbrödel. 

„Ich kann euch beiden nicht auf einmal dienen.“ 
Wir sind mit den Vergleichungen zu Ende; 
daß Grabbe Isouards Oper und Perraults Märchen 
als Quellen benutzt hat, dürfte somit erwiesen 
sein. 1 



Die ältesten Lieder des steiermärkischen Landesarchivs. 

Von 

Jacob Kelemina in Graz. 


ie hier zum erstenmal veröffentlichten 
fünf Liebeslieder entstammen der Unger- 
schen Sammlung (SteiermärkischesLandes- 
archiv in Graz, Handschrift 1395a). Sie 
sind in zwei Drucken folgenden Titels in Fraktur 
enhalten: 

J() Sed]s neue lieber // Das <£rftc: // Don ber 
IDts // (5©ttes=rtanten bann / mill id] jetjt 
fangen an / 311. 8° 0 . ©. u. 3 . (XVIII). Das 

änberte. // K<£1] ZRarta fyör bas Klagen non 
betn armen Sd]äflein / 

Das britte // © Sünber betrachte betn leben / 
Das Dierte. // © 3urtgfrau 3urtgfrauen / 
bu ebler Seelen=5cbai3 / 

Das fünfte. // Sd?önfte lajj bie ü un ^e bellen / 
Das Sedifte. // ZHKn fagt bas lieben [eye ein 
grojje 5reub / Kbfürjung 5. n, 1. 

2) Secßs gant) neue// IDeltlicfye lieber// 
Das <£rfte://5d]önfte Ia§ bie £^urtb> nur bellen/ 
2 C.//Das Knberte: // 3*^1 roeis nit mies je^t 
fimt /bajj b’ IDeibä / 2 c.//Das Dritte://Kd] 
mel] mas muß id] fangen an / bajj i ein 2 c. // 


Das Dierbte: // ^roirtg bid] mein 3 U meyben / 
ben bu // ergeben bift 2c. // (uign.) // Das 5 ünf= 
te: // <£s ift uxtßr id] mujf befennen / ba§ bu 2c. // 
Das 5 ed]fte: // 3 d] bin ein (Sugu / unb bleib ein 
(Sugu / 2C. // (Strid]) // (SebrucFt in biefem 3 <*br 
f 757 . [Kbfürjung: \ 757 .] 

Die beiden Drucke, deren weltliche Lieder wir 
hier mitteilen, stammen aus der Mitte des XVIII. 
Jahrhunderts. Darauf weist sowohl die Jahres¬ 
zahl der zweiten Sammlung (1757), als auch die, 
beiden gemeinsame, durchaus gleichartige typo¬ 
graphische Ausstattung. Für die Annahme, daß 
auch die undatierte Sammlung ungefähr zur glei¬ 
chen Zeit entstanden ist, spricht der Umstand, 
daß beide ein Lied: „Schönste laß die Hunde 
bellen“ gemein haben. Da ferner in der Samm¬ 
lung von 1757 das Lied erhebliche Kürzungen 
der längeren Fassung im undatierten Druck er¬ 
fahren hat, so scheint uns dadurch der Schluß auf 
ein höheres Alter der Sechs neuen Lieder nahegelegt, 
und es wird deren Erscheinungsjahr wohl in das 
Jahr 1740 anzusetzen sein. Die Kürzungen von 



1 In meinem Aufsatz „Aus Grabbes Wanderjahren“ (Heft 3 dieser Zeitschrift) lies auf Seite 132, Anmerkung 4, 
statt 1825: 1827; Seite 133, 2. Spalte, statt Branntweinschenken: Branntweinschenk; Seite 134, 2. Spalte, statt Schießger: 
Schießg. nr.; S. 135, 1. Spalte, statt Jemann: Jerrmann. 






Kelemina, Die ältesten Lieder des steiermärkischen Landesarchivs. 


171 


1757 dürften wegen Raummangels vorgenommen 
worden sein —• das Lied mußte auf eine Seite 
zusammengedrängt werden — und wir hätten in 
dem neuerlichen Abdrucke dieses Liedes einen 
Hinweis auf dessen Verbreitung und Beliebheit 
unter dem Volke zu erblicken, eine Vermutung, 
die uns übrigens auch durch die zersungene Ge¬ 
stalt dieses stilistisch in das XVII. Jahrhundert 
deutenden Liedes bestätigt wird. — Als Offizin 
kann man im Hinblick auf die übrigen typo¬ 
graphisch ähnlich ausgestatteten und mit Druck¬ 
ort versehenen Lieder der Ungerschen Sammlung 
die Ferstische Buchhandlung in Graz annehmen. 
Übrigens wiese auch die Sprache auf Mittelsteier¬ 
mark hin: Jause (Zwischenmahlzeit), Fausen 
(Dummheiten, Possen; Unger-Khull, Steirischer 
Wortschatz, Graz 1903, S. 215) usw. 

Zum Schluß seien uns noch etliche Bemer¬ 
kungen zu drei Stellen unserer Lieder gestattet. 
Stellen, die wegen ihrer poetischen Inszenierung 
von Interesse sind. 

Im Liede 2 unserer Sammlung wird der 
Kuckuck als Symbol für den Liebenden das ganze 
Stück hindurch festgehalten. Diese Verwendung 
für den Kuckuck ist bereits im XV. Jahrhundert 
gang und gäbe, während in früheren Jahrhunderten 
der Falke seine Rolle auszuüben hatte. (John 
Meier, Kunstlieder im Volksmunde, Halle 1906, 
S. XXXVI f.; F. A. Mayer und Heinrich Rietsch, 
Die Mondsee-Wiener Liederhandschrift, Berlin 1896, 
N. 83 und Anm.). Vgl. diesbezüglich noch Ge¬ 
org Försters Frische Teutsche Liedlein ed. M. 
El. Marriage [Braunes Neudrucke No. 203—206], 
II 29; Arthur Kopp, Die Lieder der Heidelberger 
Handschrift Pal. 343 (DeutscheTexte des Mittelalters, 
Band V), Berlin 1905, CX, 26ff.: „Es wolt ein 
jungfrauw sparber fahen / da flog ir ein gugkhgauch 
auf ir netze / sie hueben auf, sie zogen auf / sie 
begund / in uff ir handt zu setzen. Da sie ine 
uferzagen het / und also lieblich listig ufferzogen / 
da flog der gugkhgauch — gugkh hin gugkh dar 
— / vor jenem Wald / da war die jungkhfrauw 
betrogen.“ Vgl. auch ibid. CXI, 1, ferner Lü¬ 
ning, Die Natur ihre Auffassung und poetische 
Verwendung in der altgerm. und mhd. Epik. 
Zürich 1889. S. 187ff. Uhland Schriften III, 
24ff.: über den Kuckuck als Frühlingsstimme; 
Carmina Burana 108, 2, wo hirundo, cignus, cucu- 
lus als Frühlingsstimmen verwendet werden. Der 
Kuckuck ist schon seit dem XIII. Jahrhundert in 
die Liedtradition eingetreten zur Bezeichnung ge¬ 
wisser Jahreszeiten, Naturereignisse oder Charakter¬ 
eigenschaften. — 

Zu Lied 3 wäre zu bemerken: Die Aufzählung 
solcher „Märtyrer der Liebe“ begegnet uns oft im 
Meistergesänge: Karl Bartsch, Meisterlieder der 
Kolmarer Handschrift (Bibliothek des Literatur- 
Vereins, 68. Band), No. 49 1—12, 19 —29. Auch 


in Steiermark, der Heimat unserer Lieder, muß 
diese gelehrte Tradition gepflegt worden sein; 
noch 1793 widmete Kalchb erg ein fünfzehnstrophiges 
Gedicht einer derartigen Aufzählung unglücklicher 
Liebhaber (Gedichte von Johann von Kalchberg, 
Grätz 1793, S. 41: Der Weiberfeind.) 

Zu Lied 5, Strophe 4: Die vorkommende Rede¬ 
wendung war äußerst beliebt; vgl. Arthur Kopp, 
Die Lieder der Heidelberger Handschrift Pal. 343: 
XXXIII, 40: allde zue thaussent guetter nacht; 
ferner LIII, 33; LIÜ, 40; CLXXXIII, 28; CXLI, 

42; clxviq, 27; cxvn, 28. 

Betrachtet man die eigenartige Verbindung von 
volkstümlichen Elementen mit gewissen gelehrten 
Nachklängen, wie sie in unsern Liedern vor¬ 
kommt, so ist der Gedanke nahe, einen Kunst¬ 
dichter als den Verfasser dieser Stücke anzu¬ 
nehmen; ein Mann, der wohl den halbgebildeten 
Kreisen der damaligen steirischen Bevölkerung 
angehört haben mochte. 

Der Text unseres Neudruckes schließt sich 
wort- und buchstabengetreu an die Originale an; 
für ihre Abschrift und Überlassung zum Druck 
sind wir Othmar Schissei von Fleschenberg zu 
Dank verpflichtet, der auch sonst mit wertvollen 
Ratschlägen unsere Arbeit förderte. 

Texte. 

i . 1 

1. ES ist wahr ich muß bekennen / daß du Lie- [4 a] 
benswürdig bist / und die jene glücklich nennen / die von 
dir geliebet ist / wann ich hätte zwey der Hertzen / eines 
müst dein eigen seyn / aber so sag ich mit Schmertzen / 
ich hab eins / kehrt selbst nicht mein. 

2. Denck es ist mir ja kein Kummer / wann du last zu¬ 
frieden mich / eine Schwalbe macht kein Sommer / leicht 
kann ich vergessen dich / mich reut nichts als Freundlich¬ 
keiten / süsse Wort und jene Stund / die ich dir geben vor 
Zeiten / falsches Hertz / verlogner Mund. 

3. Bitt laß dir die Zeit nicht reuen / die mit mir hast 
angewendt / denck es thät mich selber freuen / wann ich 
dich hätt nie gekennt / deine Falschheit hab ich g’nossen / 
ich behalt es bleibt bey mir / und die Liebe ist beschlossen / 
dann der Korb 2 steht vor der Thür. 

4. Sey zufrieden wann ich dirs sage / daß du nie von 
mir geliebt/und mein Hertz kein Fessel trage / weil ich 
nie kein Falschheit g’übt / ich werd dich mehr als andre 
ehren / sieh dich oft in lachen an / nur von mir kein Lieb 
begehre / weil ich dir nichts geben kan. 

2.3 

1. GUgu. Ich bin ein Gugu / und bleib ein Gugu/und 
laß mich Gugu nennen/und [4b] der mein Nahm nicht 
mercken kan / dem gib ich mich zu kennen / in Winter bin 
ich in dem Wald / im Sommer in der Auen / dort hat mein 
Herz ihr Aufenthalt / bey schöner Schäffers Fraue. 

2. Gugu. Auf grüner Heyd/hab ich mein Freud/vor¬ 
aus jetzund im Sommer / komm her Gugu / verkürtz mir 
d’Zeit / und hab darbey kein Kummer / in Städten ist Melan- 
choley / Verdruß und falsches Leben/hier hab ich pure 
Narredey / und d’ Schäfferin darneben. 

3. Gugu. Wann ihre Schäflein auf der Weyd / im 
Grünen herum grasen / da bin ich gleich mit gröster Freud / 


1 1757 : >Das Fünfte*: Bl. 3b—4a. — 2 Korb aus Druckfehler Krob gebessert. 
3 1757: ,Das Sechste*: Bl. 4a—4b. 

Z. f. B. 1907/1908. 




172 


Kelemina, Die ältesten Lieder des steiermärkischen Landesarchivs. 


setz mich auf grünen Wasen / und schrey mit heller Stimm 
Gugu / daß in der Au erklinget / und ruff der werthen 
Schäfferin zu / daß sie eins darzu singet. 

4. Gugu. Zu Abends wann die Sonn heiß brennt / setz 
mich in kühlen Schatten / da kommt die Schäfferin ge¬ 
schwind gerennt / Gugu thust dich abmatten / komm her zu 
mir / und kühl dich ab / ich gib dir eine Jausen / daß 
gwehrt den Sommer alle Tag / wem solt dann darvon 
grausen. 

5. Gugu. Mit einem Wort es bleibt darbey / Gugu will 
ich verbleiben / und will auch meine Treu aufs neu / der 
Schäfferin verschreiben / biß endlich kommt der Vögelein 
Tod / und stoßt mich gähling nieder / nun b’hüt dich GOtt 
mein Schäffers-Kind / daß ich komme wieder. 

3 - 1 

1. MAn sagt das Lieben / seye ein große Freud /wann 
ichs betrachte / bringt es nur Leyd / s’ Lieben hat manchen 
zum Narren g’macht / drum ist der närrisch / der s’ Lieben 
vil acht. 

2. Lieben und Leyden / sagt man sey weit von einand / 
wann ichs betrachte / fehlt es kein Hand: wer sich der 
Liebe ergeben will / der dencke / er habe zu leyden 
auch vil. 

3. Sorgen und Kummer hat man recht früh und spath / 
Verdruß und Sorgen schier alle Tag. Man hat bey Tag 
und Nacht gar wenig Rast / drum ist das Lieben ein 
schwerer Last. 

4. Will man sich Feinde seyn / fang man zu lieben an / 
um Geld und Leben man kommen kan. Vil hat das 
Lieben recht arm gemacht / in Aengsten / Noth / und Ver¬ 
zweiflung gebracht. 

5. Ware nicht Adam reich in dem schön Paradeys / 
ein großer Herrscher / wie man wohl w'eiß: kaum hat 
er g’fangen zu lieben an / wurd er ein armer verstoßner 
Mann. 

6. Den weisen König macht die Lieb zu eim Narrn / 
David muß eben vil Unheyl erfahra: wer hat dem Sam¬ 
son sein Stärck beraubt / und Holoferne genommen sein 
Haupt? [4b]. 

7. Eintzig das Lieben hat viel Unheyl gestift / hat 
Land und Leuthe schädlich vergift. Hätt die Helena 
kein Liebes-Flamm / wär die Stadt Troja nicht brunnen 
z’samm. 

8. s’ Lieben macht Fausen / und melancholisch Blut / 
nimmet die Freyheit / stürtzet den Muth. Was nutzt ein 
Vögelein ein schönes Haus / wann es doch nimmer fliegen 
kan draus. 

9. Es bleibt beschlossen / ich bleib allein für mich / 
die Liebes-Possen / die scheue ich. Bleib ich alleinig/ 
darf ich allzeit / handeln / und wandeln nach meiner 


Freud. 

4 - 2 

I. Schönste laß die Hunde .Hund nur 

bellen / achte nicht die wilden der wilden 

Wellen / schlage den Spöttlern 


die Reden in Wind / wann man 
sagt ich [3a] thu dich lieben/ 
thu dich nicht so sehr betrieben / 
weilen das Lieben du würdig ja 
bist. 

2. Ob schon alles ist ent¬ 


dic Reden der Spöttler 

betrüben / 
weilen zu lieben 


gegen / ist mir doch nichts dran 
gelegen s’ Lieben das ist mein 
Freud / ich sags ohne Scheu / 
wann vergehen Berg und Mauren / 
soll mein Lieb doch ewig dauren / 
ewig ja ewig bleib ich dir 
getreu. 

3. Soll ich dann auf grünen 
Wasen / als Soldat mein Leben 
lassen / geb ich einen Diener der 
Liebe stäts ab / so kanst du auf 
Erden lesen / daß mein Hertz dir 
treu gewesen / ewig ja ewig ver¬ 
bleib ich getreu. 

4. Du bist ja von Felsen nicht / darum lieb ich dein 
Angesicht / weilen du mit Tugenden so schön bist geziert / 
deine Tugend und Verstände / nehmen bey dir überhande / 
darum bist du Schönster das Lieben wol werth. 


2. Wann gleich 

drum nichts .... 
gelegen / lieben ... meine 
Freud / sag es ... . 
zergehen Mauren / 

wird tauren / 

ewig / ja ewig dir bleiben 
getreu. 

3. Solt ich auf den grü¬ 
nen Waasen / als Student 

gib ein 
noch ab / da 


gewesen / biß daß der Leib 
erbleicht in dem Grab. 


5. Wann die Frag auf mich wird gehen / und ich 
solches muß bestehen / ob dann deine Treuheit im Hertzen 
florirt / werd ich gleich zur Antwort sagen / kein treues 
Hertz kan man erfragen / Treue zu halten in mir schon 
regiert. 

6. Wilst du meinem Wort nicht glauben / kan dir auf 
kein Felsen bauen / sage ich mit einem Wort aufrichtig 
und treu/ lieber will [4a] ichs Leben lassen/als andre 
lieben / und dich hassen /jetzt hast schon g’höret den den 
Ausspruch von mir. 


5 - 3 

1. ZWinge dich mein Hertz zu meyden / den du er¬ 
geben bist / schicke mir etwas zu leyden / ob es schon 
bitter ist / dieweil du dich mein Kind / verändert hast so 
g’schwind / so muß ich billich schauen / daß ich ein an¬ 
dern find. 

2. Beliebt es dir von Hertzen / so ist es mir ein 
Freud / zu Trutz mit andern schertzen / ist mir darum 
nicht leyd / freywillig tritt ich ab / schenck dirs zu einer 
Gaab / nihm hin mein treues Hertze / beständig biß ins 
Grab. 

3. Recht treu hab ich geliebet / daß must du selbst 
bestehn/kein Falschheit nicht geübet/wie mans von dir 
jetzt hört / dann dein Betrug und List/nicht zu ergründen 
ist / mit Nahmen und mit Thaten / du recht politisch bist. 

4. Adie du falsches Hertze / Ade zu guter Nacht / 
meynt er dann daß ich deßw r egen / ob er schon mich 
veracht / ich sag ihm Danck darbey / vor sein Be- 
trügerey / glaub er nicht daß ich wegen seiner/ja gar 
verlassen sey. 


1 S. n. L.: ,Das Sechste*: Bl. 4a—4b. 

2 S. n. L.: ,Das Fünfte*: Bl. 2b—4a. 1757: ,Das Erste*: Bl. ib = S. n. L. Strophe 1 — 3. 

3 1757: ,Das Vierdte*: Bl. 3b. 









Die Festschrift der K. K. Geographischen 
Gesellschaft in Wien. 

Im Verlage der Wagnerschen Universitätsbuch¬ 
handlung zu Innsbruck ist vor kurzem ein Werk in 
prächtiger Ausstattung erschienen, das die Aufmerk¬ 
samkeit der Bücherfreunde besonders beansprucht. 
Es handelt sich nämlich um jene Festschrift zum fünfzig¬ 
jährigen Bestände der K. K. geographischen Gesell¬ 
schaft in Wien, die im Aufträge dieser Gesellschaft 
und mit Unterstützung des österreichischen Unter¬ 
richtsministeriums Eugen Oberhummer und Fra7iz 
K. von Wieser herausgegeben haben unter dem Titel: 
„ Wolfgang Lazius Karten der österreichischen Lande 
und des Königreichs Ungarn aus den Jahren JJ4S bis 
1363“. Größtes Folioformat. 53 bez. Seiten Text und 
20 Kartentafeln zum Teile in Doppelblättern. 

Dieses treffliche Werk bietet zunächst eine Dar¬ 
stellung des Lebensund Wirkens von Wolfgang Laz, der 
nach der bekannten Übung damaliger Gelehrten seinen 
Namen in Lazius latinisierte, und zeigt darin, wie der 
1514 als Sohn eines Wiener Universitätsprofessors in 
dem heute noch sogenannten Lazenhof zu Wien Ge¬ 
borene selbst als Professor der medizinischen Fakultät 
seine Dienste widmete, dabei aber in andern gelehrten 
Richtungen noch bedeutender tätig war, wie dies ja 
aus unserer Gelehrtengeschichte bekannt ist. Er be¬ 
kleidete an der Universität achtmal die Dekanats- und 
zweimal die Rektorswürde. Lazius besaß namentlich 
vortreffliche Kunst- und Altertumssammlungen, sam¬ 
melte auch Bücher und Handschriften, und seine Ar¬ 
beiten bewegen sich hauptsächlich auf historisch anti¬ 
quarischem — merkwürdigerweise nicht auf medi¬ 
zinischem — Gebiete. So gab er als erstes Werk die 
historische Arbeit über Wien: „Vienna Austriae“ 1546 
und einige Untersuchungen („Commentarii“) aus der 
römischen und griechischen Geschichte heraus. Von 
seinem groß angelegten Werke über österreichische 
Geschichte: „Commentarii rerum Austriacarum“ sind 
bis zu seinem 1565 erfolgten Tode nur einige Abteilungen 
im Drucke erschienen. Lazius genoß das besondere 
Vertrauen seines Landesherrn, des Königs und nach¬ 
maligen Kaisers Ferdinand I., der ihn hoch ehrte 


und auszeichnete, auch Lazius mit der Verwaltung der 
königlichen Kunst- und Altertumssammlungen betraute 
und den gelehrten Mann in den Adelsstand erhob. Die 
wertvollen Bestände seiner Bibliothek und seine 
Handschriften gingen nach seinem Tode in den Besitz 
der kaiserlichen Hofbibliothek über. In dem Lebens¬ 
bilde des Lazius, welches das vorliegende Werk ein¬ 
leitet, sind u. a. der Ausschnitt einer Wiener perspek¬ 
tivischen Ansicht von 1774, die den Lazenhof und 
dessen Umgebung zeigt, ein zeitgenössisches Porträt, 
gest. v. Lautersack 1554, ein Bild seines Grabsteins 
in der St. Peterskirche zu Wien und das interessante 
Exlibris des Gelehrten als Textillustration beigefügt. 
Dieses Exlibris in hochlänglicher Form enthält die In¬ 
signien des Mediziners und Gelehrten (Totenkopf und 
Bücher) und das Wappen des Lazius sowie die In¬ 
schrift: „Wolfgangvs Lazivs Vien. Phile et Medicinar: 
Doc: earundemq: in Gymnasio Vienen: Primarius Pro¬ 
fessor S. Caes. Maiestat: Consiliarius et Historicus.“ 
Dem Titel des Werkes entsprechend ist darin 
hauptsächlich des Lazius Tätigkeit als Geograph und 
Ethnograph und namentlich als Kartograph hervor¬ 
gehoben und ausführlich besprochen. Zunächst über¬ 
sichtlich in einem Abschnitte: „Lazius als Geograph“, 
worin auch seines großen, ethnographisch wichtigen 
Werkes „De gentium aliquot migrationibus“ 1557, ins¬ 
besondere aber seiner kartographischen Tätigkeit ge¬ 
dacht wird und zwar sowohl bezüglich der gedruckten 
wie der ungedruckten von ihm herrührenden Karten. 
Zu Studien für dieselben mußte der Gelehrte viele 
Reisen unternehmen. Die Karten behandeln zumeist 
österreichisches und ungarisches Gebiet, doch findet 
sich auch Schwaben und die fränkische Ostmark von 
Lazius im Kartenbilde festgehalten, sowie auch eine 
nicht gedruckte Karte des schmalkaldischen Kriegs¬ 
schauplatzes, die er für den Kaiser und daher be¬ 
sonders prächtig auf Pergament in Federzeichnung und 
Farben ausführte. Eine Abbildung dieser Karte ist im 
Texte beigefügt. Es werden in dem Werke nun die 
einzelnen Kartenpublikationen von Lazius in gründ¬ 
licher und eingehender Weise zur Besprechung ge¬ 
bracht. Zunächst die Karten des Erzherzogtums Öster¬ 
reich, wobei die Verfasser Gelegenheit nehmen, über 














174 


Chronik. 


die gesamte kartographische Bearbeitung dieses Ge¬ 
bietes seit 1498 etwa sehr wertvolle Mitteilungen zu 
machen. Es folgt die Besprechung des eigentlichen 
großen veröffentlichten Kartenwerkes von Lazius, des 
Atlas der österreichischen Lande betitelt: „Typichoro- 
graphici Prouin: Austriae cum explicatione carundem 
pro Commen: Rer: Austriacar: concinnati ad Heros 
suos Ferdin: Imp: Rom: P. F. & Maximilianum 
Regem . . . Viennae. Anno MDLXI.“ Die Bedeutung 
dieses Werkes wird nach jeder Richtung gewürdigt und 
insbesondere auch der ethnographischen Wichtigkeit 
desselben gedacht; einige Figuren von Volkstypen daraus 
sind getreu wiedergegeben in dem Texte abgedruckt 
(z. B. ein österreichischer Bauer, Karstbewohner, bay¬ 
rischer Flößer usw.). Eine ausführliche Darstellung 
wird nun der großen Karte von Ungarn von 1556 zu 
teil, wobei der interessanten Zugabe erwähnt werden 
muß, die in einer Reproduktion der ältesten gedruckten 
Karte Ungarns von Lazarus und Tannstetter aus dem 
Jahre 1528 besteht; diese Karte ist nur in einem ein¬ 
zigen bekannten Exemplar vorhanden, das Graf Alex. 
Appony in Lengyel besitzt, der die Reproduktion freund- 
lichst gestattete. Noch findet des Lazius Karte des 
ungarischen Kriegsschauplatzes von 1556 in Holzschnitt 
ihre Darlegung; die Herausgeber sprechen am Schlüsse 
des Textes ihre Freude darüber aus, daß es gelungen 
ist, das umfangreiche kartographische Lebenswerk des 
Wolfgang Lazius in nahezu lückenloser Vollständigkeit 
nachzuweisen, wozu man ihnen auch an dieser Stelle 
seinen Glückwunsch aussprechen kann. Über den 
Hauptteil des Werkes, nämlich die Reproduktionen 
der eigentlichen Karten des Lazius, die sich an den 
Text anschließen, kann nur ebenfalls lobendes und 
rühmendes gesagt werden. Auf den zwanzig Tafeln 
sind in sehr reiner scharfer Wiedergabe alle diese 
Karten vor das Auge gebracht, auch die Einzelblätter 
aus den „Typi chorographici“; besonders großes Format 
weisen die Karten von Bayern, Schwaben und Vorder¬ 
österreich auf. Die ungarische Karte „Regni ungarici 
descryptio vera“ umfaßt gar vier Doppelblätter. 

Es ist den Verfassern damit in der Tat gelungen, 
zu zeigen, daß Lazius nicht nur als Gelehrter überhaupt 



Abb. 1. Nacht. Offen Feld. 



Abb. 2. Erscheinung des Erdgeistes. 

hervorragend, sondern als Kartograph Österreichs der 
erste und bedeutendste seiner Zeit gewesen ist und bei 
allen Mängeln in einzelnem, die ja so reiche Tätigkeit 
eines einzelnen Menschen bei der Dürftigkeit der da¬ 
maligen wissenschaftlichen Hilfsmittel begreiflich und 
natürlich macht, ganz Außerordentliches und Grund¬ 
legendes für spätere Jahrhunderte geschaffen hat. — 
Der Verlagsbuchhandlung gebührt für die prächtige 
und korrekte Ausstattung des Werkes ebenfalls ganz 
besonderer Dank. 

Graz. Dr. Anton Schlossar. 


Über vier wenig bekannte Kupfer der 
1808-Ausgabe von Goethes Faust. 

Als ich vor längerer Zeit Gelegenheit hatte, im 
deutschen Sprachverein zu Mailand einen Vortrag zu 
halten, erhielt ich von dem liebenswürdigen Vorstand 
— nebst andern köstlichen Dingen — auch den be¬ 
kannten ersten vollständigen Faust-Druck von 1808 
zum Geschenk. Das Buch gehörte zur Bibliothek von 
Alf. Heyne , die dem Verein in toto von einer in Mai¬ 
land wohnenden Nichte des Besitzers vererbt worden 
war, und enthält nicht nur das in mehreren jüngst er¬ 
schienenen Katalogen als höchst wichtig(!) bezeichnete 
leere Blatt am Schlüsse, sondern auch vier Kupfer¬ 
stiche, von deren Existenz keiner der mir bekannten 
Sammler etwas wußte. In dem von Dr. Alexander 
Tille herausgegebenen „Bilderverzeichnis der Bode- 
Tilleschen Faust-Galerie“ (Köln 1899) sind diese Kupfer 
ebenfalls nicht verzeichnet. 

Mehrere Gründe sprechen dafür, daß einzelne 
Exemplare diesen „Schmuck“ wirklich erhielten und 
daß es sich hier also nicht um eine willkürliche 




















Chronik. 


175 



Abb. 3. Auerbachs K eller. 

Beiheftung des Besitzers handelt. Wenn man den äußern 
Grund der vollkommenen Formatgleichheit nicht gelten 
lassen will, so dürfte doch ein innerer ziemlich beweis¬ 
kräftig sein: die — so paradox es auch klingen mag — 
fürchterliche Scheußlichkeit der Darstellungen, die, wie 
des weiteren noch ausgeführt werden soll, ein typisches 
Charakteristikum des damaligen Cottaschen Verlages 
sind. Keinem Menschen von Geschmack oder Bildung 
würde es auch nur entfernt einfallen, die Heiligkeit 
des Goetheschen Werkes in solcher Weise zu pro¬ 
fanieren. 

Von den vier Kupfern, die der Wichtigkeit und 
Kuriosität des Gegenstandes willen hier reproduziert 
sind, tragen zwei die Bezeichnung ihres Schöpfers 
(„Osiander fecit“ und „C. Osiander fecit 1808“), 
während die andern beiden ohne Signatur sind. Einen 
Kupferstecher dieses Namens kennen weder die 
bekannten Künstlerlexika noch die andern enzyklo¬ 
pädischen Werke; die Proben, die wir hier sehen, 
machen uns nach mehr auch wahrlich nicht lüstern. 
Die Größe dieser Versündigungen am guten Geschmack 
ist durchweg 9 : cm. 

Das erste, zwischen Seite 38 und 39 eingeheftet, 
stellt die Erscheinung des Erdgeistes dar (Abb. 2). Ein 
paar von der Decke hemiederhängende, schweinsblasen¬ 
ähnliche Gebilde sollen offenbar Wolken vorstellen; 
die züngelnden Flammen gleichen stachligen Kaktus¬ 
blättern. Gräulich sind die beiden figürlichen Dar¬ 
stellungen; Faust mit seinem Henriquatre und den 
angstvoll gesträubten Haaren könnte man leicht für 
eine Karikatur des Loge im „Rheingold“ halten; die 
Physiognomie des Erdgeistes aber ähnelt der eines 
Ministers, dem der Chef des Zivilkabinetts den un¬ 
erwarteten Abschiedsbrief bringt. 

No. 2, zwischen Seite 146 und 147, illustriert die 
Szene in Auerbachs Keller (Abb. 3). Wenn wir von den 
jammervollen studentischen Gestalten ganz absehen, so 
machen wieder Faust und Mephistopheles einen höchst 
komischen Eindruck. Mit Hilfe eines offenbar ganz 


besonders für diesen Zweck vom Teufel kon¬ 
struierten Flugapparates — von einem Fasse 
ist nichts zu sehen — fliegen beide in gänzlich 
unmöglicher Haltung heraus; von Mephisto¬ 
pheles’ Antlitz ist nur das rechte, unglaublich 
schielende Auge und eine in den sonderbarsten 
Krümmungen gewundene Nase sichtbar. 

No. 3, zwischen Seite 294 und 295, um 
mit Hamlet zu reden: „Höchst schaudervoll!“ 
Ein Nachtstück, in dem man glücklicherweise 
nicht viel sieht. Die Hexenzunft, aus besen¬ 
reitenden Pagoden und einem unklaren dick¬ 
bäuchigen Wesen bestehend, kann dem Be¬ 
schauer das Gruseln beibringen (Abb. 1). 

Auf No. 4 endlich, zwischen Seite 306 und 
307, müssen wir bedauerlicherweise kon¬ 
statieren, daß Faust seinen rechten Arm 
verloren hat, woher offenbar der schmerzvoll 
verkniffene Ausdruck seines Antlitzes kommt 
und wodurch er außerstande ist, die Hand 
um die tadellos geschnürte Taille Marga¬ 
retens zu legen (Abb. 4). Wir nehmen 
die Lehre davon, daß auf das Gefangenenkostüm in 
der guten alten Zeit mehr Sorgfalt gelegt wurde als 
heutzutage. 

Über diese Kupfer noch weiter zu sprechen, wäre 
überflüssig; Herr Osiander konnte es eben nicht besser, 
wenngleich eine nicht unbedeutende Portion Dreistig¬ 
keit dazu gehört, sich bei so absoluter Talentlosigkeit 
an ein Werk wie den Faust zu wagen. Nicht zu ent¬ 
schuldigen aber ist die Handlungsweise des Verlegers, 
dem die Ehre zu teil ward, auf den Titel eines solchen 
Werkes seinen Namen zu drucken. Läßt schon Papier 
und Druck viel zu wünschen übrig, so ist der „Buch¬ 
schmuck“, den Cotta den meisten seiner Verlagswerke 
angedeihen ließ, unter aller Würde. Nicht einmal die 
Entschuldigung der „Jugend“ des Verlages kann man 
in diesem Falle gelten lassen; die Klassiker, die Cotta 
von Göschen übernommen hatte, warfen ihm eine sehr 



Abb. 4. Kerker. 







































176 


Chronik. 


hohe Rente ab. Offenbar fehlte ihm jeder Sinn für die 
Schönheit des Buches; denn an Göschen, Weidmann 
und anderen hatte er in dieser Beziehung wahrhaft 
leuchtende Vorbilder. Wie prachtvoll ist die erste 
Ausgabe der Goetheschen Schriften bei Göschen aus¬ 
gestattet; vortreffliches Papier, splendider Druck und 
die besten Kupferstecher vereinigen sich zu einem 
schönen Ganzen. Die einzigen Werke aus Cottas Ver¬ 
lag, die man passieren lassen kann, sind das Schiller- 
sche Theater und der Musenalmanach, wogegen z. B. 
die drei Buntkupfer zum „Teil“ von 1805 wohl das er¬ 
bärmlichste sind, was es in dieser Hinsicht gibt; ich 
habe im Schillerheft dieser Zeitschrift (1905) bereits 
darüber gesprochen und auch eine Probe gegeben. 
War auch Chodowiecki nicht mehr unter den Lebenden, 
so gab es doch noch wirkliche Künstler genug; es kann 
also nur Geiz gewesen sein, der Cotta ihre Heran¬ 
ziehung unterlassen ließ. Überhaupt gewinnt man den 
Eindruck, daß Cotta, je größer seine Einnahmen aus 
dem Klassiker-Monopol wurden, desto gleichgültiger 
für die äußere Ausstattung wurde. Welcher üble Dienst 
den Autoren und Lesern damit erwiesen wurde, liegt 
auf der Hand; ob speziell Goethe gegen Druck und 
Papier der „Ausgabe letzter Hand“ protestiert hat, ist 
mir nicht bekannt. Im übrigen können wir uns freuen, 
daß Cotta Nachfolger gut gemacht hat, was die be¬ 
rühmten Ahnherrn der Firma an der Ausstattung ihrer 
Klassikerwerke gesündigt haben. 

Berlin. Dr. Leopold Hirschberg. 


Das Massacre von Glencoe. 

Am 29. Mai wurde in London im großen Auktions¬ 
saal der Firma Puttick & Simpson eine Urkunde aus 
der schottischen Geschichte zu dem enormen Preise 
von £ 1400.— (= über M. 28000.—) versteigert. Der 
Inhalt des Dokumentes ist so interessant und der Ver¬ 
kauf für die derzeitige Londoner Marktlage so charak¬ 
teristisch, daß es angebracht erscheint, auch an dieser 
Stelle auf beides etwas näher einzugehen. Es handelt 
sich um die Originalschrift des Briefes, durch den der 
Kapitän Robert Campbell von Gienlyon am 12. Februar 
1692 beauftragt wurde, den schottischen Stamm 
der Mac Donalds auszurotten. Das Schriftstück, eine 
Folioseite, 23 Zeilen umfassend, lautet in Übersetzung 
folgendermaßen: „Sie werden hierdurch beauftragt, 
über die Rebellen, die Mac Donalds zu Glencoe her¬ 
zufallen und alle unter 70 Jahren niederzumachen. Sie 
haben besonders darauf zu achten, daß der alte Fuchs 
und seine Söhne unter keinen Umständen Ihren Händen 
entrinnt. Sie haben alle Zugänge zu sichern, daß kein 
Mann entkommt. Dies haben Sie punkt 5 Uhr aus- 
zutühren. Und zu dieser Zeit oder ganz kurz darauf 
werde ich mit einer stärkeren Schar zu Ihnen stoßen; 
sollte ich um 5 Uhr nicht kommen, so haben Sie nicht 
auf mich zu warten, sondern loszuschlagen. Dies ge¬ 
schieht auf des Königs besonderen Befehl, zum Heil 
und Frommen des Landes, damit diese Elenden mit 
Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Sorgen Sie dafür, 
daß dies ohne Gnade und Barmherzigkeit ausgeführt 
wird, widrigenfalls Sie zu gewärtigen haben, als ein 


gegen König und Regierung Treuloser behandelt zu 
werden und alsein Mann, der nicht wert ist, im Dienste 
des Königs zu wirken. Es wird erwartet, daß Sie nicht 
verfehlen werden, dies auszuführen, sofern Urnen Ihre 
eigene Person lieb ist. Dies unterzeichne ich mit 
eigener Hand zu Balicholis am 12. Februar 1692.“ 

(gez.) Ro. Duncanson. 

Die Ausführung dieses gräßlichen Befehles ist in 
der schottischen Geschichte bekannt als das „Massacre 
von Glencoe“. Zur Erläuterung für den deutschen 
Leser sei kurz folgendes erwähnt: Mac San, der Häupt¬ 
ling des schottischen Hochlands-Clans Mac Donald, 
ein Anhänger des vertriebenen Königs James II., hatte 
seine Unterwerfung unter William und Mary bis zum 
letzten Termin (31. Dezember 1691) verzögert, dann 
aber den Treueid geleistet. Der Chef der schottischen 
Regierung jedoch, der Sekretär Dalrymple, und Sir 
John Campbell, erster Earl von Breadalbane, beide 
wohl von persönlichen Motiven geleitet, unterschlugen 
die Eidesurkunde und veranlaßten den König, einen 
Befehl zu unterzeichnen, daß der ganze Stamm der 
Mac Donald ausgerottet werde. Der Adressat des 
oben abgedruckten Briefes, Kapitän Campbell, selbst ein 
Verwandter der Mac Donalds, wurde mit dem Massen¬ 
mord beauftragt. Am Morgen des 13. Februar fiel er, 
der noch am Abend vorher, den Brief in der Tasche, 
mit den Clansleuten gezecht und gespielt hatte, über 
seine nichtsahnenden Gastfreunde her und brachte ihrer 
60 (darunter Greise und Frauen) um. Die andern ent¬ 
kamen, aller Habe beraubt, mit Mühe in das schnee¬ 
bedeckte Gebirge. Täter und Urheber sind trotz langer 
Komitee- und Parlamentsverhandlungen niemals zur 
Rechenschaft gezogen, zum Teil sogar noch befördert 
worden. 

Man wird zugeben, daß ein Papierstück, das ein 
solches Blutvergießen veranlaßt hat, ein ganz nettes 
Objekt für ein Raritätenkabinett ist. Wie aber von 
manchen Kirchenreliquien mehrere Exemplare exi¬ 
stieren, so existiert auch von dieser Reliquie in Schott¬ 
land ein Duplikat. Experten hatten jedoch vorliegendes 
Stück für echt erklärt, und der Auktionator verlas 
ein amtlich beglaubigtes Protokoll, in dem der Be¬ 
sitzer feierlichst Garantie übernahm und Schadenersatz 
verbürgte. Nach langem Bieten — man fing mit 
£ 50.— an — ging das von Kennern ursprünglich 
auf £ 300.— bewertete Blatt zum Preise von 
£ 1400.— (= über M. 28000.—) an die Firma Tre- 
gaskis in London über. Diese behauptet, das Stück 
ohne festen Auftrag auf Spekulation gekauft zu haben. 
Und sie wird voraussichtlich auf ihre Kosten kommen 
und sogar noch ein gutes Geschäft machen, denn zwei 
der bekanntesten Multi-Millionäre stammen aus Schott¬ 
land und kaufen alles auf ihre Heimat bezügliche auf 
(woraus sich, nebenbei gesagt, auch die abnormen Preise 
erklären, die neuerdings für Robert Bums-Autographen 
bezahlt werden). — Im übrigen scheint es den meisten 
Beteiligten entgangen zu sein, daß es sich bei dem 
Briefe um eine längst bekannte Sache handelt. Der 
Wortlaut ist schon in der 1840 erschienenen und ziem¬ 
lich verbreiteten „History of the Highlands“ by James 
Browne (Vol. II, p. 217) abgedruckt. 





Chronik. 


177 


Unter den Antiquaren kursiert der Satz, daß der¬ 
artige Stücke (von einem gewissen historischen Wert 
natürlich abgesehen) stets so viel wert sind, alsein Narr 
dafür gibt. Und wir zweifeln nicht, daß sich noch ein 
Käufer finden wird, der für dieses Blatt Papier mehr 
Geld bezahlt, als notwendig gewesen wäre, den sechzig 
Clansleuten das Leben zu retten. 

London. L. T. 


Zur dänischen und norddeutschen Drucker¬ 
geschichte. 

Am 27. November 1906 wurde der Neubau der 
Königlichen Bibliothek in Kopenhagen eingeweiht. 
Diese Feier, mit der nach fast dreieinhalb Jahrhunderten 
in dem alten, bedenklich feuergefährlichen und viel zu 
klein gewordenen Gebäude eine neue Epoche ihrer 
Geschichte beginnt, hat zum Erscheinen einer mit 
staatlicher Unterstützung herausgegebenen, in nur 
250 Exemplaren gedruckten Festschrift ihres Direktors, 
des Oberbibliothekars H. O. Lange, den Anlaß ge¬ 
geben: Analecta bibliographica Boghistoriske Under- 
sögelser“ (III, 66 S., kl. 4 0 ). „Die großen Bibliotheken“, 
heißt es im Vorwort, „müssen ganz naturgemäß die 
Herdstätten werden für die bibliographischen Studien 
sowohl der beschreibenden wie der historischen Biblio¬ 
graphie.“ Und zu letzterer bietet der Verfasser eine 
Reihe scharfsinniger Untersuchungen, die teils ein paar 
äußerst seltene Bücher aus den Schätzen dieser Biblio¬ 
thek, teils die Tätigkeit einiger der ältesten Buchdrucker 
in und für Dänemark behandeln. 

Von dem ersten Drucker in diesem Lande, Johan 
Snell, wußte man bisher bestimmt nur, daß er 1482 in 
Odense des Caorsinus Büchlein Obsidio Rhodiana und 
in Stockholm mit einer dafür offenbar besonders von 
ihm geschnittenen Schrift 1483 den reicher, auch mit 
Holzschnitten ausgestatteten Dialogus creaturarum 
moralizatus (das zweite in Schweden hergestellte Buch) 
gedruckt hat. Der erste, an positiven Ergebnissen 
fruchtbarste Aufsatz in Langes Werk bringt zur Kennt¬ 
nis seines Wirkens sehr viel neues. Schon 1892 hat 
Lange Snells norddeutsche Herkunft und durch Typen¬ 
vergleichung zwei weitere Druckwerke seiner Presse 
nachgewiesen. Jetzt kann er noch vier weitere hinzu¬ 
fügen und hat durch Beobachtung seiner sich ändern¬ 
den Interpunktions- und Signierungsmethode auch ihre 
zeitliche Folge bestimmt (alle in Kopenhagen auf¬ 
bewahrt). Es sind 1. Sixtus IV. Bulle gegen den 
Großmeister des deutschen Ordens Berndt van der 
Borch, o. O 1480. 4 0 . 2. Nie. Weigel, Clavicula indul- 
gentialis. o. O. 1480. 2 0 . 3. Johannes de Cardona, 

Ablaßbrief. 1481 (der mit Druckvarianten in deutschen 
Bibliotheken verglichen wird). 4. Hinricus Kannen- 
geter, Ablaßbrief 1482. 5. Diurnale veri ordinis 

Lubicensis. o. O. und J. 8° 360 Blatt (bisher ganz 
unbekannt; von Lange Anfang 1482 gesetzt und ver¬ 
glichen mit dem Exemplar der Lübecker Stadt 
bibliothek). 6. Breviarium Othinense. ca. 1482. 4 0 . — 
Lange kommt zu dem Resultat: Snell nahm, nachdem 
er seine Kunst bei den Michaelisbrüdern in Rostock er¬ 
lernt, wohl schon 1480 Aufenthalt in Lübeck und wirkte 


hier, bis er 1482 vom Bischof Karl Rönnow nach 
Odense berufen wurde, um das Brevier zu drucken: 
noch hatte keins der dänischen Stifter gedruckte litur¬ 
gische Bücher bekommen, im Gegensatz zu denen von 
Lübeck, Magdeburg und Schwerin. Snell befolgte die 
Praxis, nur auf Artikel eigenen Verlages (wie Caorsi¬ 
nus’ Buch) seinen Namen zu setzen, nicht auf bestellte. 
Er ist in Schweden 1484 gestorben. Dagegen ist das 
mit Snells „Caorsinus“ - Type gedruckte Büchlein 
„Kompst van Keyser Frederyck te Trier“ (in der Kgl. 
Bibliothek zu Haag), das in holländischen Versen 
von des Kaisers Ankunft in Trier 1473 erzählt, nicht 
von Snell, sondern von einem seiner Gehilfen mit not¬ 
dürftig selbst ergänzten Resten von Snells Schriften in 
Holland hergestellt, und zwar von Gotfred (Govaert) 
van Ghemen , dem ersten festansässigen dänischen 
Buchdrucker, der, wie feststeht, von Ende 1489 bis 
1510 in Kopenhagen wirkte. Diese Annahme Langes 
wird in der ihm gewidmeten zweiten Abhandlung näher 
begründet. Kein anderer von den vierundzwanzig Hol¬ 
ländern und Belgiern, die Langes Untersuchungen zu¬ 
folge vor 1500 in Italien, Spanien, Frankreich, Däne¬ 
mark und England selbständig druckten, hat früher in 
der Heimat eigene Druckerei betrieben. Gotfred van 
Ghemen aber druckte i486—89 in Gouda und Leiden, 
kam indes nicht auf einen grünen Zweig, mußte sogar 
einen Teil seines Schriftenmaterials verkaufen und sie¬ 
delte nun nach Kopenhagen über. Dieser auf eigene 
Initiative und offenbar nach wohlüberlegtem Plan ge¬ 
schehene Schritt wird verständlich, wenn man annimmt, 
daß er Snell auf seinen Reisen als Gehilfe begleitet 
und so durch eigene Anschauung Kopenhagen als einen 
für Etablierung einer Druckerei günstigen Platz kennen 
gelernt hatte. Es bedarf einer solchen Motivierung; 
alle andern Buchdrucker älterer Zeit, die in Dänemark 
gewirkt haben, kamen ja naturgemäß aus Norddeutsch¬ 
land, nicht aus Holland. Auch war Ghemen nicht wie 
Snell, nach dessen Tod er sofort in die Heimat zurück¬ 
gekehrt sein wird, von besonderer Wanderlust erfüllt. 
Über seine folgende dänische Zeit sei hier auf Biblio¬ 
thekar Dr. Chr. Bruuns reich illustrierte Monographie 
in „Forening for Boghaandvärks Aarsskrift“ 1890, 
(Köbenhavn 1890; auch als Sonderdruck) hingewiesen; 
zum Gedächtnis des 400. Jahrestags der Einführung 
des Buchdrucks in Kopenhagen durch Ghemen ver¬ 
anstaltete dieser Verein damals in der dänischen Haupt¬ 
stadt eine internationale Buchausstellung. Zwei neue 
dänische Drucke van Ghemens, von Klöstern aus¬ 
gestellte „Brüderschaftsbriefe“, hat aber Lange noch 
aufgefunden, hier beschrieben und in Faksimile wieder¬ 
gegeben. — Die nächsten Aufsätze beschreiben ein von 
Lange 1884 in der Kopenhagener Universitätsbibliothek 
entdecktes Buch, das von Stephan Arndes in Lübeck, 
dem Besitzer der zu seiner Zeit größten Druckerei 
Norddeutschlands, 1496gedruckt ist: Statutasynodalia 
et provincialia Egerdi episcopi Slesvicensis; und in Er¬ 
gänzung der Abhandlung im „Frankfurter Bücher¬ 
freund“ 1905, S. 73—77 auch die typographische Seite 
des von dem Frankfurter Antiquariat Jos. Baer & Co. 
1905 für die Kopenhagener Königliche Bibliothek er¬ 
worbenen Exemplars von einem gleichzeitigen nieder- 







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Chronik. 


deutschen Gedicht, das die Siege der Dithmarschen in 
den Schlachten bei Hemmingstedt 1404 und 1500 be¬ 
singt. Ob diese Ausgabe des mehrfach aufgelegten 
Liedes Arndes Presse entstammt, erscheint Lange nicht 
ganz sicher. — Endlich werden zwei Abhandlungen 
über dänische Ablaßbriefe gebracht, von denen der 
eine 1475 von Lucas Brandis, der andere 1476 von den 
Michaelisbrüdern, der dritte von dem Lübecker Mat¬ 
thäus Brandis gedruckt ist. Der letzterwähnte ist mit 
der Type hergestellt, die sich auch in der plattdeutschen 
Ausgabe der verkürzten Bearbeitung des Saxo findet, 
einer besonderen Schwabacher Schrift, die überhaupt 
nur in dem Zeitraum 1497—1504 vorkommt. Wo sich 
Matth. Brandis in diesen Jahren aufhielt, ist unbekannt; 
die Feststellung wäre für die dänische Inkunabel¬ 
forschung von großer Wichtigkeit, da fast alle seine 
mit dieser Type hergestellten Drucke sich auf Däne¬ 
ma